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Der vorliegende Band erscheint innerhalb der Reihe Chinesische Perspektiven: Philosophie, in der in Zusammenarbeit mit führenden chinesischen Verlagen grundlegende und einflussreiche Werke, die den Diskurs in China prägen, erstmals einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht werden. China blickt auf eine lange, vielfältige und faszinierende Geschichte zurück. In der Sozialgeschichte Chinas beleuchten die Autoren wichtige Aspekte des sozialen Lebens in den Song-, Liao-, Westlichen Xia- und Jin-Dynastien. Ob traditionelle Kleiderordnungen, Speisegewohnheiten, Bedingungen des Wohnens und Lebens, Bestattungsrituale oder Religion – wir erhalten einen umfassenden Einblick in das Leben in China in der Zeit von 960 bis 1279.
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Seitenzahl: 1296
Veröffentlichungsjahr: 2020
ibidem-Verlag, Stuttgart
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Kapitel 1: Kleidung
Abschnitt 1: Die Kleiderordnung der Song-Dynastie
Abschnitt 2: Männerkleidung
Abschnitt 3: Frauenkleidung
Abschnitt 4: Kleidung und Schmuck der Khitan, Westlichen Xia und Dschurdschen sowie im heutigen Südchina
Kapitel 2: Speisen (I) und Getränke: Die Speisegewohnheiten der Song
Abschnitt 1: Die Vielfalt an Speisen und Nahrungsmitteln
Abschnitt 2: Die goldene Zeit der Gastronomie
Abschnitt 3: Küchenfertigkeiten und Essgewohnheiten
Kapitel 3: Speisen (II): Liao, Westliche Xia und Jin
Abschnitt 1: Die Speisen der Liao
Abschnitt 2: Die Speisen der Westlichen Xia und anderer Regionen
Abschnitt 3: Die Speisen der Jin
Kapitel 4: Wohnen
Abschnitt 1: Der Standard des Wohnens
Abschnitt 2: Wohnhäuser
Abschnitt 3: Die Innenausstattung der Häuser
Abschnitt 4: Brennstoffe
Kapitel 5: Transport und Kommunikation
Abschnitt 1: Verkehrswege und Verkehrsverwaltung
Abschnitt 2: Transportmittel
Abschnitt 3: Wie wurden Post und Nachrichten befördert?
Abschnitt 4: Wer nutzte welche Transportmittel?
Kapitel 6: Frauen der Song-Zeit (I): Die Frauen der Han
Abschnitt 1: Zu welchen gesellschaftlichen Klassen gehörten die Frauen?
Abschnitt 2: Die soziale Stellung der Frau
Abschnitt 3: Frauen und ihr Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung
Abschnitt 4: Modetrends
Kapitel 7: Frauen (II): Liao, Jin, Westliche Xia und südliche Regionen
Abschnitt 1: Die Frauen der Khitan
Abschnitt 2: Die Frauen der Dschurdschen
Abschnitt 3: Die Frauen der Tanguten und Tibeter
Abschnitt 4: Die Frauen der Völker des Südens und Südwestens
Kapitel 8: Heirat (I): Die Han
Abschnitt 1: Beamtenkarriere und Heirat
Abschnitt 2: Partnerwahl nach finanziellen Kriterien
Abschnitt 3: Hochzeitsbräuche der Song
Abschnitt 4: Die Hochzeitsbräuche
Kapitel 9: Heirat (II): Heiratsbräuche anderer Völker
Abschnitt 1: Heiratsbräuche der Völker des Nordostens
Abschnitt 2: Heiratsbräuche der Völker des Nordwestens
Abschnitt 3: Heiratsbräuche der Völker des Südens und Südwestens
Kapitel 10: Geburt und Altenpflege
Abschnitt 1: Die Geburt bei den Han
Abschnitt 2: Die Geburt bei den Khitan und Dschurdschen
Abschnitt 3: Geburt bei den Ethnien des Südens
Abschnitt 4: Song-zeitliche Altenpflege
Kapitel 11: Tod und Beerdigung (I): Die Han
Abschnitt 1: Riten und Rituale
Abschnitt 2: Tabus nach einem Todesfall
Abschnitt 3: Trauer- und Begräbnisrituale
Abschnitt 4: Feuerbestattungen
Kapitel 12: Tod und Beerdigung (II): Liao, Westliche Xia, Jin und die Völker des Südens
Abschnitt 1: Die Völker des Nordostens
Abschnitt 2: Totenrituale der Tanguten, Tibeter und anderer Völker des Nordwestens
Abschnitt 3: Totenbräuche im Süden und Südwesten
Kapitel 13: Gesellschaftliches Leben und Etikette
Abschnitt 1: Das Prinzip der Freundschaft (youdao)
Abschnitt 2: Formen gesellschaftlicher Verbindungen
Abschnitt 3: Gesellschaftliche Etikette
Kapitel 14: Glaube und Religion (I)
Abschnitt 1: Buddhismus
Abschnitt 2: Taoismus
Abschnitt 3: Andere Religiöse Strömungen der Zeit
Kapitel 15: Glaube und Religionen (II): Naturgottheiten
Abschnitt 1: Götter- und Geisterkulte der Song-Dynastie
Abschnitt 2: Götter- und Geisterkulte der Liao-Dynastie
Abschnitt 3: Götter- und Geisterkulte der Jin-Dynastie
Abschnitt 4: Götter- und Geisterkulte der Tanguten und der südlichen Regionen
Kapitel 16: Schamanismus und Wahrsagekunst
Abschnitt 1: Die Kulte der Song-Dynastie
Abschnitt 2: Schamanismus und Wahrsagerei bei den Khitan
Abschnitt 3: Schamanismus und Wahrsagerei bei den Westlichen Xia und bei den Tibetern
Abschnitt 4: Schamanismus und Wahrsagerei bei den Dschurdschen
Kapitel 17: Unterhaltung und Sport
Abschnitt 1: Künstlergruppen und öffentliche Unterhaltung
Abschnitt 2: Kunstformen
Abschnitt 3: Sport
Abschnitt 4: Freizeitbeschäftigungen
Kapitel 18: Gesundheitsfürsorge und Medizin
Abschnitt 1: Chinesische Medizin und Gesundheitsfürsorge im Herrschaftsgebiet der Song-Dynastie
Abschnitt 2: Gesundheitsfürsorge der Liao, Westlichen Xia und der Jin
Abschnitt 3: Die sanitären Verhältnisse zu Zeiten der Song
Abschnitt 4: Hygiene und Gesundheitsfürsorge bei den Liao, den Westlichen Xia und den Jin
Kapitel 19: Verwaltung, Bezeichnungen und Anreden
Abschnitt 1: Bezeichnungen offizieller Institutionen und ihrer Amtsträger
Abschnitt 2: Wie redete man Beamte und einfache Leute an?
Abschnitt 2: Personenbezeichnungen der Liao- und Jin-Dynastie
Kapitel 20: Tabus
Abschnitt 1: Offizielle Tabu-Richtlinien
Abschnitt 2: Private Tabu-Regeln
Abschnitt 3: Nachteile der Tabuvermeidung
Abschnitt 4: Gegner der Tabuvermeidung
Kapitel 21: Persönliche Symbole
Abschnitt 1: Ursprünge
Abschnitt 2: Persönliche Insignien der Kaiser
Abschnitt 3: Persönliche Symbole von Beamten
Abschnitt 4: Die Verbreitung persönlicher Symbole
Abschnitt 5: Nachteile persönlicher Symbole
Kapitel 22: Tätowierungen und Blumenhaarschmuck
Abschnitt 1: Cizi – Das Tätowieren von Schriftzeichen
Abschnitt 2: Tätowierte Bilder
Abschnitt 3: Die Kunst, sich Blumen ins Haar zu stecken
Kapitel 23: Urlaubs- und Feiertage
Abschnitt 1: Urlaubs- und Feiertagsregelungen in der Song-Dynastie
Abschnitt 2: Feier- und Urlaubstage der Jin
Kapitel 24: Sprache und Schrift
Abschnitt 1: Die Entwicklung einer Allgemeinsprache
Abschnitt 2: Die Schriftsprachen anderer ethnischer Gruppen
Kapitel 25: Das Familiensystem
Abschnitt 1: Das Prinzip der „kleinen Abstammungslinie“
Abschnitt 2: Der Clan-Vorsteher
Abschnitt 3: Der Besitz des Familienclans
Abschnitt 4: Die Stammbaumverzeichnisse
Abschnitt 5: Die Ahnenhalle
Abschnitt 6: Das Regel- und „Sozialsystem“ des Familienclans
Kapitel 26: Feste und Feiern
Abschnitt 1: Kaiserliche Geburtstage
Abschnitt 2: Wichtige offizielle Feiertage
Abschnitt 3: Feste des Sonnenjahres und weitere jahreszeitliche Feiern
Abschnitt 4: Religiöse Feste
Abbildungsverzeichnis
Nachwort
Farbige Abbildungen
Endnoten
Verstehen wir Chinas Gegenwart unter Einbeziehung ihrer in die Zukunft führenden Pfade, dann tritt sie uns als Momentaufnahme in einer laufenden Geschichte entgegen. Indem wir Bilder von Menschen, Kunstwerken, Alltagsgegenständen, von Instrumenten, Kleidern und Verkehrsmitteln mit dem inneren Auge betrachten, gewinnt diese Geschichte eine Realität, die kein noch so aufwendig produzierter Kinofilm vermitteln kann. Die Farben, Geräusche, Gerüche auf den mittelalterlichen Marktplätzen sind dann in unserer Vorstellung präsent. Die chinesischen Stimmen, Sprachen, Rufe dringen uns in ihrer klanglichen Tiefe aus dem Herzen ins Ohr. Wir erleben die religiösen Rituale selbst mit, ziehen die Striche der Schriftzeichen nach, blicken dem Pfeil hinterher, der sich aus sportlicher Konzentration von unserem Bogen löst, und verneigen uns respektvoll vor der Weisheit der Alten, deren Wissen das Dauernde mit dem Vergänglichen verbindet. Wir lernen sogar tausend Jahre alte Fußballstars aus der Song-Dynastie kennen.
Indem wir uns der Vielfalt der Bilder anvertrauen, die von kundigen Forschern aus den Tiefen der Zeit destilliert und übermittelt werden, indem wir sie uns durch diesen hier vorliegenden mächtigen Band, Blatt für Blatt, eröffnen, verwandeln auch wir uns, eignen wir uns die unvertrauten Muster an. So kann man sich eine ferne, fremde Welt zu eigen machen, mit der uns einzig das Wissen verbindet, dass sie auch von Menschen gemacht ist. Wir vermeiden, soweit es geht, den naiven Kurzschluss aus eigener kultureller Vorprägung, indem wir uns in kulturell nackte Menschen hinein versetzen: in neugeborene Kinder, die unter Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten einander innerlich am nächsten sind. So bereiten wir uns vor auf die Spannung der heutigen Fremdheit, ermöglichen, nähren und machen Mut für den Umgang mit dem China, das auf uns zukommt. So lernen wir, wie es ist, Teil einer Kultur des Lernens zu sein.
Die bunte weite Welt, die China immer gewesen ist, seit es sich, während der hellenischen Antike, unter der Zhou-Dynastie (bis 256 v.u.Z.) in den „Mittleren Reichen“ 中國 gründete, hat mehrere Epochen der Klassik und der Krise durchlaufen. Der existentielle Zusammenbruch der alten Ordnung in der „Zeit der Streitenden Reiche“ mündete in einer (ersten) kulturellen Neubesinnung, die wir mit dem Namen des Konfuzius (bis 479 v.u.Z.) verbinden. Die kurzlebige Gründungsdynastie des chinesischen Staatsimperiums unter dem Gelben Kaiser der Qin (221-206 v.u.Z.) errichtete dann (zweitens) das technische Grundgerüst der chinesischen Weltordnung, erfand das konzeptuelle Reich DER Mitte, jenes zivilisatorische Gewebe, das bis heute Wandel und Handel dieser Kultur des Welt- Lernens und Formens seine besondere Note gibt. Unter den Han erwuchs dieser pragmatischen Verfassung (drittens) ein religiöser Horizont (bis 220), dessen Himmelsgewölbe andere Farbschattierungen und Grundformen erfüllten und deren Wasser und Berge aus anderen Tiefen aufwuchsen als die des Abendlandes.
Auch dieser Entwurf unterlag dem großen Wandel, seine kulturellen Versatzstücke wurden neu gemischt und sortiert. Diesmal wirkten besonders die fremden Mitspieler aus dem Westen mit, im Gefolge des Buddha. Es dauerte Jahrhunderte, bis die im Selbstbezug beinahe lethargisch gewordene Weltmacht China sich mit den Chancen und Anforderungen des orientalisch gefärbten Mittelalters arrangiert und sie sich einverleibt hatte. Mit dieser Aufstellung traten die ineinander verschränkten Dynastien des 10. bis 13. Jahrhunderts auf den Plan, deren multilaterales Kräftespiel an eine gereifte und an Weltgewicht gewonnene Gestalt der vormaligen Mittleren Reiche erinnert.
Tauchen wir also ein in die vierte – und vielleicht nachhaltigste – Phase der kulturellen Neugründung Chinas. Von dieser widersprüchlich modernen Renaissance handeln und zeugen die in diesem Buch versammelten Stücke. Der materialreich anschauliche, rhapsodisch-soziologische Zugang, den die klassisch gelehrten Autoren in 26 Kapiteln inszenieren, nutzt ausgefeilte wissenschaftliche Teleskope für Bohrungen durch die Schichten der Vergangenheit. Sie fördern ein Panoptikum ans Licht des 21. Jahrhunderts, kunstvolle Schnitte, mal Vielfalt, mal Ordnung, Dynamik und Stabilität, mal geistiges Unternehmertum, mal pragmatische Seinssorge, mal dogmatische Erstarrung, mal freudiges Schaffen – eine Spannung, in der wir das Heute nur beinahe nicht wiedererkennen.
Umso wichtiger sind die vertrauten Muster sozialen Lebens: So bezeugt schon ein Gelehrter der Han-Dynastie: „In alter Zeit hatte man wenige Freunde, während es heute üblich ist, möglichst viele zu haben. Früher suchte man sich talentierte und weise Freunde, heute geht es darum, solche zu finden, die einem nutzen, Einfluss und Reichtum zu vergrößern.“ (S. 285) Heute und Früher, Freundschaft und Berechnung – die menschliche Gesellschaft aller Kulturen ist einander überraschend nah und gewährt eben dadurch die Erfahrung des Fremden, zum Beispiel im Umgang mit „friendship“ und „liken“. Erst an der Konstanz des homo ludens1 bricht sich das Staunen über den unerhörten, absonderlichen Fall zum Kontrast und stiftet Verwirrung. Dies kann uns verstören oder weiterbringen.
Erst die „schräge“ Auffassung zu Leben und Tod, Ernährung, Medizin und Heilkunde, Recht und Geld, die besondere Variante des Aberglaubens als Problem der Volksgesundheit und die konkreten Maßnahmen des Staates für öffentliche Hygiene oder Rituale der Bildung – sie Verleihen dem Ornament einen Anschein von ureigener Substanz. Die sozio-kulturelle Ästhetik von Systemen sozialer Sicherung der Song-Dynastie mit ihrer institutionellen und akademischen Ordnung, die wechselseitige Befruchtung und Diffamierung von Standardschrift oder Hochsprache und Code oder Dialekt, selbst die staatlichen Maßnahmen der Forschungsförderung jener Epoche sind Ausdruck der dialektischen Geschichte menschlicher Kultur2: universal und partikular, geschichtsgebunden und zeitlos – Design, Funktion und Bedeutung. Die Aktualität dieser Chinabilder lässt sich mit Händen greifen. Das Spiel als Ort und Verfahren, in dem Kultur entsteht, ist nicht nur zum Zusehen gemacht, es lädt ein, mitzutun. Entspricht der Unterschied zwischen Okzident und Orient dem zwischen dem strategischen Schach 象棋 und dem philosophischen Go 圍棋?
Die vielfältigen Modelle, Diversität in einen Rahmen und unter Standards zu bringen, sie dadurch teils einzuschränken, teils erst zu ermöglichen, sind besonders unter Bedingungen der heutigen Moderne anregend und vielsagend. Denn diese Standards sind selbst in einem Fluss – dessen Beliebigkeit immer wieder einzudämmen und dessen Orientierungsfunktion immer wieder neu zu gewährleisten ist, namentlich in einer vielsprachigen, multikulturellen Welt. Das gilt auch für die Bedeutung der sozialen Beziehungen, besonders die Nachbarschaft 邻 als Option für gemeinsame Interessen und Heimat, sowie für die Freundschaft. Der Freundschaft 友道 – jener Tugend, die Verbindlichkeit ganz unabhängig von Rang, Stand und förmlichen Pflichten auf nackte Menschlichkeit zurückführt mit dem Potential, kulturelle Definitionen aufzubrechen und weiterzubilden – ist ein eigenes Kapitel (13) gewidmet: sich mit Chinas Kultur und Menschen über die Zeiten hinweg zu befreunden.
Es kommt darauf an, die innere Vielfalt dieses Kulturraums als Reservoir und Ressource der Menschheitsentwicklung zu sehen. Das Autorenteam aus Zhu Ruixi, Zhang Bangwei, Cai Chongbang, Liu Fusheng und Wang Zengyu kombiniert die besonderen Interessen und Stärken durch Einzelbeiträge und Teamwork zu einem gelungenen interdisziplinären Gesamtentwurf, der es nicht nötig hat, den Anschein einer homogenen und einsinnigen Welt Chinas zu konstruieren. Die Sozialgeschichte Chinas bietet dem deutschen Leser einen einzigartigen Einblick in chinesische Selbstbeschreibungen der eigenen Kultur und Gesellschaft aus sozialwissenschaftlicher Sicht. Die Fülle der Ansichten enthält genug Material, um immerhin die Vielfalt und Tiefe zu erahnen. Die Begrenzung auf eine historische Schlüsselperiode verdichtet diese Fülle auf einen eben noch fassbaren Raum. Alles wird lebendig verbunden durch die Gesichter3, die sich uns darbieten, und ihre Geschichten.
Oder, wie es der Co-Autor Wang Zengyu in seinem Nachwort empfiehlt: „Ich rate allen, die Filme oder TV-Serien produzieren, dieses Buch genau zu lesen, wenn sie hochwertige Produktionen über die historische Periode anstreben, die dieses Buch abdeckt.“ Das Leben schreibt die stärksten Drehbücher.
Berlin im Januar 2020
Ole Döring
1 Huizinga, Johan. 2009. Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Reinbek: Rowohlt.
2 Simmel, Georg. 1998. Philosophische Kultur. Berlin: Wagenbach.
3Bauer, Wolfgang. 1990. Das Antlitz Chinas. Die autobiographische Selbstdarstellung in der chinesischen Literatur von ihren Anfängen bis heute. München: Carl Hanser.
Die Song-Zeit, einschließlich der Liao-, Westlichen Xia und Jin-Dynastien stellt einen Höhepunkt kultureller wie gesellschaftlicher Entwicklung in China dar.
Die gesellschaftlichen Veränderungen, die in der Tang-Dynastie (618-906) begonnen hatten, hatten sich in der Zeit der Song-Dynastie endgültig durchgesetzt. Auch während der Herrschaft der Liao (Khitan), Westlichen Xia und Jin (Dschurdschen) können beachtliche gesellschaftliche Entwicklungen beobachtet werden. Die soziale Stellung, ursprünglich festgelegt durch Geburt und Abstammung, wurde von nun an ökonomisch festgelegt. Besonders wichtig war dafür der Aufstieg der Händlerklasse und der Verwaltungsbeamten.
Privater Grundbesitz verbreitete sich sehr stark, Kauf- und Verkauf von Grund und Boden entwickelte sich zu einem starken Wirtschaftsfaktor.
Es wurde Zeit, dass die Regierung dies gesetzlich regelte und private Besitz- und Veräußerungsrechte garantiert wurden. Zudem intensivierte die Regierung die rechtliche Standardisierung von Bodenbesitz und Verkauf.
Grundbesitzer verpachteten nun das Land an Bauern und erhielten dafür Grundrente. Damit verbesserten sich die Möglichkeiten, Land zu pachten.
Mit diesen Verbesserungen entwickelten sich Landwirtschaft, Handwerk, Handel sowie Technik und Wissenschaft in der Song-Zeit auf ein vorher nie dagewesenes Niveau. Produktionstechnik und Erträge in der Landwirtschaft standen in der damaligen Zeit weltweit an der Spitze. Song-China war Weltmarktführer in der Förderung von Silber, Kupfer, Blei und Zinn. Der Blockdruck war weit verbreitet, und es kam zur Entwicklung des Drucks mit beweglichen Lettern. Der Kompass und kompass-ähnliche Geräte gehörten auf Ozeanreisen dazu. Die ersten Feuerwaffen der Welt wurden mit Hilfe von Schwarzpulver erfunden. Wichtig war die Entwicklung von entflammbaren zu explosionsfähigen Schwarzpulvertypen. So konnten neuartige Waffen wie Raketen, Gewehre und Kanonen entwickelt werden. Ein Durchbruch war die Erfindung der Zündschnur. Feuerwerk und Knallkörper für Unterhaltungszwecke wurden entwickelt.
Man prägte Münzen aus Kupfer und Eisen. Gold und Silber wurden zu Referenzwerten für die Wirtschaft – erstes Papiergeld kam in Umlauf. Die Entwicklung vom Münzwesen zur Kreditwährung war ein weiterer Meilenstein in Chinas Finanzgeschichte.
Chinas Verkehrswesen erlebte deutliche Verbesserungen nationaler und internationaler Transportwege. Besonders wichtig war die Entwicklung der „Maritimen Seidenstraße“, die den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen China und anderen Ländern voranbrachte. Jacques Gernet (1921-2018) liefert in seinem Buch Alltagsleben in China am Vorabend der mongolischen Invasion 1250-1276 (La Vie Quotidienne en Chine à la vielle de l’invasion Mongole 1250-1276) eine genaue Beschreibung des sozialen Lebens in China zum Ende der Song-Dynastie. Er war davon überzeugt, dass die chinesische Geschichte keine starre, unveränderliche Gestalt habe, sondern eine Abfolge aus Aufständen, Revolutionen und Brüchen darstelle. In der Zeit vom sechsten bis zum 10. Jahrhundert n.Chr. habe sich China komplett verändert. Lin’an – auf dem Territorium der heutigen Stadt Hangzhou – sei um 1275 die größte und wohlhabendste Stadt der Welt gewesen. Vor der Invasion der Mongolen habe die chinesische Zivilisation absolute Höhepunkte ihrer Entwicklung erlebt.
Gernet wusste, dass damals eine gewaltige küstennahe Handelsflotte die Verbindungen zwischen der Südost- und der Südküste bis nach Kanton (Guangzhou) herstellte. Hochseefähige Junken nutzten den Monsun, um China mit den philippinischen und indonesischen Inseln, Indien, dem Mittleren Osten sowie der ostafrikanischen Küste zu verbinden. Ferner stellt Gernet fest, dass feste Märkte an den Kreuzungen zwischen dem Yangtse und den Nord-Südverbindungen entstanden seien. Ihr Handelsumsatz übertraf denjenigen europäischer Handelszentren weit. Das China des 13. Jahrhunderts sei – so der französische Sinologe – so modern gewesen, dass man nur staunen könne: Das moderne Finanzwesen, das Notenbank- und Wechselsystem, dazu der Handel mit Tee und Salz. Was das gesellschaftliche Leben der Zeit betraf, Kunst, Unterhaltung, Institutionen und nicht zuletzt Technologie – so sei Song-China zweifellos das fortschrittlichste Land der damaligen Welt gewesen.
Niemals haben wir Professor Gernet persönlich getroffen und unser Forschungsansatz ist auch ein ganz anderer. Am Ende haben wir jedoch erstaunlich ähnliche Schlussfolgerungen gezogen. Sowohl er als auch wir sind davon fest überzeugt, dass die Song-Zeit eine deutlich sichtbare und kontinuierliche Entwicklung in praktisch jedem Bereich gesellschaftlichen Lebens. Auf allen diesen Feldern vollzogen sich permanente Veränderungen und Verbesserungen. Neues entstand, und dieses Neue war vielfältiger als vorher. Das Sozialleben der Song-Zeit enthielt den Geist einer neuen Zeit: eine neue philosophische Einstellung, veränderte moralische Grundlagen, Gefühle und eine neuartige ästhetische Erfahrung. Song-China bereichert das facettenreiche Bild der chinesischen Gesellschaftsgeschichte.
Auch die Antipoden der Song: die Liao, westlichen Xia und Jin konnten signifikante Fortschritte in den weiten Territorien nördlich und westlich des Song-Herrschaftsgebietes erzielen. In manchen Bereichen gesellschaftlichen Lebens waren diese Kulturen gleichberechtigt mit den Song, nicht was Vielfalt und Reichtum der Inhalte, so doch, was ihre ethnische Eigenständigkeit betrifft. Einige Elemente wurden in die Kultur der Han integriert und sind somit integraler Bestandteil von Volkskultur und Brauchtum der Song-Zeit.
Einige Gelehrte argumentieren, dass die Herrscher der Song-Dynastie konfuzianische und neokonfuzianische Prinzipien zu moralischen und politischen Standards der gesamten Gesellschaft erhoben. Das habe dazu geführt, dass Sozialleben und Brauchtum generell kompliziert und konservativ ausgerichtet seien. Die Menschen seien besessen gewesen, „die gute alte Zeit wiederherzustellen“ und gleichermaßen davon überzeugt, dass Einfachheit und Natürlichkeit grundlegende Prinzipien des Lebens waren. Aufstieg und weite Akzeptanz des Neokonfuzianismus waren eine Folge jener Grundeinstellung der Zeit. Umgekehrt war der Neokonfuzianismus die theoretische Grundlage der Restauration in jener Zeit.
Die damalige Kleidung gilt dabei als Beispiel für den Trend zurück zur traditionellen Einfachheit: Formal und konservativ – nicht so modisch und farbenprächtig wie der Stil vorhergehender Dynastien: Einfachheit, Sauberkeit und Eleganz waren die Merkmale. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass man nicht genug betonen könne, wie sehr der Neokonfuzianismus des Zhu Xi (1130-1200) und der Gebrüder Cheng, die wirtschaftlichen, politischen, moralischen und kulturellen Bedingungen der Zeit geprägt habe.
Nachdem die Kleiderordnung der Song-Zeit nach alten Riten und Ritualen festgelegt worden war, wurde sie immer wieder modifiziert, so dass alles mit dem „himmlischen Prinzip (tianli 天理) übereinstimmte, welches die kaiserlichen Herrscher festlegten. So reflektierte die Kleiderordnung der Song-Zeit das klassische Altertum und die strikte hierarchische Ordnung, die wiederum soziale und wirtschaftliche Stellung der Träger widerspiegelte. Ein komplexeres System entstand, das anders war als das der Vorgängerdynastien.
Die Gelehrten nahmen Einfluss darauf, wie die traditionellen Zeremonienkappen (mian) und die Zeremonienroben der Kaiser zu modifizieren seien. Jede Veränderung führte zu einer Wiederbelebung des klassischen Altertums. Wichtig war der Herrscherhut des Kaisers bei den großen Hofzeremonien, der mit dem imperialen Drachensymbol versehen war (gunmian 衮冕). Doch wurde dieser Hut im Alltagsleben wie die Zeremonialhüte der Staatsdiener (jinxianguan进贤冠) kaum getragen.
Natürlich hatten die Vertreter des Neokonfuzianismus ihre eigenen Ansichten, was das gesellschaftliche Leben ihrer Zeit betraf. Wie stark jedoch ihr Einfluss bis in Details des Soziallebens hinabreichte blieb kontrovers. Zhu Xi, einer der Mitbegründer des Neokonfuzianismus, schlug niemals vor, die Kleiderordnung des klassischen Altertums auf seine Zeit zu übertragen. Er war im Gegenteil der Ansicht, Kopfbedeckungen und Kleidung sollten „praktisch“ und „einfach“ sein, sonst wolle sie sicher bald keiner mehr tragen. Er sagte: „Ich habe betont, dass Hüte und Kleidungsstücke zu allererst praktisch sein sollen. Selbst die Alten haben nicht jeden Kleidungsgegenstand strikt definiert. Erst später wurde die Kleiderordnung verkompliziert. Wir sollten die alte Kleiderordnung deshalb genau anschauen, um unsere Kleidervorschriften praktisch zu machen. Überflüssige Ornamente müssen verschwinden. Erst dann wird diese Ordnung von den Menschen angenommen werden.“1
Ein spezieller Trauerhut, genannt der „Vier-Fuß-Hut“, an den „ein die-Band aus Leinen“ gebunden werden könnte, diente Zhu Xi dazu als Beispiel. Dieser Hut war „ursprünglich ein Schal, dessen beide Vorderbänder am Hinterkopf gebunden und zwei hinteren Bändern, die zur Hutspitze hin gebunden wurden. So beschaffen sind auch die heutigen steifen Hüte und futou.2 Später wurden solche Kopfbedeckungen immer schwerer, komplizierter und unpraktischer. Dann nahmen die Leute Bänder, um die Hüte festzubinden. Das schien zwar eine praktische Lösung, aber ich wusste, dass dieser Brauch aufgegeben werden musste, was dann auch eintrat. Es reicht wirklich aus, wenn die Menschen violette Gehröcke tragen oder auch leichte Röcke. Das kostet wenig. Was aber würde man bezahlen müssen, wenn man Hutbänder und schwarze Kleider hinzufügte! Wie könnte ein armer Gelehrter dafür das Geld aufbringen? Also abschaffen!“3
Dieses Zitat zeigt deutlich, dass Zhu Xi keinesfalls ein strikter Verfechter der „Rückkehr zum Altertum“ war. Stattdessen schlug er vor, dass jedes Kleidungsstück praktisch und preiswert sein sollte, sonst würde es bald aus der Mode kommen.
Wenn Zhu Xi über den Ursprung der Kleiderordnung der Song-Zeit sprach, dann machte er folgendes deutlich: „Was wir Menschen heute tragen ist weitestgehend die Mode der Barbaren. Dazu gehören der lange Gehrock mit Kragen und die Stiefel. Kopfschmuck und Kleider der klassischen Herrscher sind längst komplett verschwunden. Seit der Jin-Dynastie und den 16 Königreichen der Fünf Barbarenvölker ist die Kleiderordnung der „mittleren Staaten“ (zhongguo中国) in Unordnung geraten. Dieses „unordentliche System“ wurde dann von einer Dynastie zur nächsten vererbt. Alles, was die Leute bis zur Tang-Dynastie trugen, war weitgehend Barbarenmode.“ Die schwarzen Schuhe beispielsweise, „waren ursprünglich Reitschuhe. Diese wurden dann von den Han übernommen und sogar ein Teil offizieller Kleidung.“ Zhu Xi führte aus, dass die offizielle Kleidung der Song eigentlich der Sui-Periode (581-618) entstammte: „Als der Sui-Kaiser Yang sich auf Besichtigungstour begab, ordnete er an, dass alle Beamten militärische Kleidung anlegen sollten. Die des fünften Ranges und darüber sollten in Purpur erscheinen, die des sechsten und siebten Ranges in Rot und die der achten und neunten Ränge schließlich in Grün. Diese Ritual etablierte sich und ist seitdem unverändert erhalten.“ Während der Tang-Dynastie wurde der militärische Ornat der vorhergehenden Dynastie zur ‚Freizeitkleidung’, auch ‚informelle Kleidung’ genannt. In der Song-Dynastie ist dieser ursprünglich militärische Kleidercode zum „Beamtenornat’ geworden.“ Zu Beginn der Tang-Dynastie waren die Ärmel des späteren ‚Beamtenkleides’ noch sehr schmal „ ganz im Stile der Barbaren“, von der mittleren zur späten Tang-Zeit weiteten sie sich immer mehr. „Noch immer wird dieser Stil favorisiert und die Ärmel sind nun noch weiter geworden.“ Zhu Xi erzählt außerdem das die guan-Kopfbedeckung der Song-Beamten eigentlich “‚futou’ mit rundem Hutdeckel und weichen Enden“ seien. Das war ein typischer Bestandteil der Hofbeamten-Kleidung während der Tang-Zeit gewesen.
1125, unter der Regierung des Kaisers Huizong trugen Beamtengelehrte „in der Hauptstadt informelle Kleidung und Kappe. Während der Hof über den Yangtse-Fluss aus militärischen Gründen nach Süden zog (Anfänge der Südlichen Song-Dynastie, MH), begannen die Leute allmählich den Brauch anzunehmen, sich in weiße, dünne Gehröcke zu kleiden. 20 Jahre lang blieb das der Trend unter den Literatenbeamten. Erst als Kriege immer häufiger wurden, wechselte man zu purpurfarbenen Gehröcken. Damit kleideten sich alle gelehrten Beamten in militärischer Uniform.“ Aufgrund seiner detaillierten Kenntnis der Kleiderordnung in den mittleren Staaten (zhongguo) räumte Zhu Xi ziemlich direkt ein: „Es ist heutzutage unmöglich, den Kleidungsstil des Altertums wiederzubeleben. Wir sollten nur die Kleidung der Han von jener der Barbaren unterscheiden.“4
Welche Art von Kleidung war nun aber weit verbreitet? Zhu Xi betont: „Generell waren die Menschen jener Zeit ähnlich gekleidet wie die taoistischen Priester heute. Es ist angemessen, dass Priester guan-Hüte tragen statt jin-Kopftüchern.“
Was aber schlug Zhu Xi nun vor? Angesichts der „ vernachlässigten Kleiderordnung ohne klare Trennung zwischen sozialer und politischer Stellung“ schlug Zhu Xi vor, „die Kleiderordnung von Zeit zu Zeit anzupassen“. Wenn es nun einmal unmöglich war, ein „komplett neues System einzuführen“, dann seien kleinere Anpassungen besser als gar nichts.
Dazu gehörte „das kurze Gehröcke in der gleichen Farbe sein sollten wie die Beamtenröcke unterschiedlicher Rangträger: Wer also Purpur als Beamtenrock trägt, der solle auch Purpur beim kurzen Rock tragen – genauso auch mit den anderen Farben. Alle niederen Beamten sollten Schwarz tragen. Auch die anderen Kleidungsstücke sollten so angepasst werden, damit eine klare Trennung zwischen den verschiedenen Beamtenrängen möglich ist.“5
Zhu Xi hatte, wie gesagt, nie darauf bestanden hat, dass die Song-Dynastie die klassische Kleiderordnung umfassend übernimmt. Auch wenn einige andere Vertreter des Neokonfuzianismus mit der Wiederbelebung der klassischen Kleiderordnung geliebäugelt hatten, so repräsentieren diese doch nicht alle Philosophen dieser Schule.
An diesem ausführlich diskutierten Beispiel der Kleiderordnung wird deutlich, dass es falsch ist, anzunehmen, dass der „Aufstieg und die weitreichende Akzeptanz des Neokonfuzianismus zu einer allumfassenden Restauration der Antike in der Song-Zeit führte. Die neokonfuzianische Schule der Song-Zeit, die lixue 理学 (Schule universaler Prinzipien) der Gebrüder Cheng und des Zhu Xi, war zunächst nicht so einflussreich, wie manche Gelehrte angenommen hatten. Es ist weithin bekannt, dass 100 Jahre nach der Errichtung der Nördlichen Song-Dynastie die lixue-Richtung der Gebrüder Cheng sich bis zur Periode des Kaisers Shenzong und zur Yuanyou-Regierungsdevise des Kaisers Zhezong (1086-1094) verbreitete, sie aber nie einen starken Einfluss auf die Gesellschaft ausgeübt hat. In der nachfolgenden Zeit, besonders unter der Regentschaft des Kaisers Huizong (1100-1126), wurde Cheng Yi (1033-1107), einer der beiden Brüder, dafür verurteilt, dass er im „Register der Yuanyou-Koalition“ geführt wurde. Ihm wurde untersagt „Schüler zu rekrutieren und zu lehren“.6 Als Wang Anshis (王安石, 1021-1086) Neue Gesetze sich durchsetzten, wurden keine anderen Schriften zugelassen als Die drei neuen Kommentare (《三经义》des Wang Anshi, die Rituale der Zhou, das Buch der Urkunden und die Erklärung der Schriftzeichen (《字说). Die Schulen aller Niveaustufen sollten diese Bücher als Kanon “auf ihre Schreibtische legen.”7
In jenen Jahren unter der Führung des Wang Anshi konnten die Gebrüder Cheng nur heimlich lehren. Zhu Xi war politisch nur sehr eingeschränkt erfolgreich. Während seiner 71 Lebensjahre war er nur insgesamt neun Jahre lang Beamter in der lokalen und kaiserlichen Regierung gewesen. Seine einzige Position bei Hofe dauerte nur 40 Tage. Zweimal musste er politische Attacken während der Herrschaft des Kaisers Xiaozong (1162-1189) hinnehmen. Unter Kaiser Ningzong (1168-1224) denunzierte man ihn erneut und trieb ihn sogar aus dem Amt. Im Jahre 1200 starb er schließlich. Erst acht später wurde er unter demselben Kaiser Ningzong rehabilitiert. Ein Jahr später wurde ein kaiserliches Dekret herausgegeben, dass ihm postum den Titel „Ehrenwerter Mann von Bildung” verlieh und seine intellektuellen Leistungen anerkannte. Allerdings sollte es noch bis in die späten Tage der Südlichen Song-Dynastie unter Kaiser Lizong (1205-1264), des vorletzten Song-Kaisers, dauern, bis die Neokonfuzianer um die Brüder Cheng und Zhu Xi herum volle Aufmerksamkeit erhielten und schließlich großen Einfluss in intellektuellen Kreisen bekamen. Die Autoren dieses Buches gehen daher von der Annahme aus, dass man zu falschen und unbegründeten Schlüssen kommt, wenn man den Einfluss des Neokonfuzianismus in der Zeit überbetont.
Noch einmal sei betont, dass die Vertreter des Neokonfuzianismus nicht darauf bestanden, das System der Antike in allen Bereichen des sozialen Lebens wiederzubeleben: „Riten und Ritualmusik sind seit mehr als 2000 Jahren eigentlich tot. Das mag zwar aus historischer Sicht kurz erscheinen, doch wir haben heute keine Möglichkeit mehr diese alten Rituale zu untersuchen. Diese Dinge sind derart durcheinander und waren derart kompliziert – wie können wir sie heute noch praktizieren? Ohnehin müssen die Dinge dem Lauf der Zeit angepasst werden. Es scheint wahrlich unangemessen für die heutigen Menschen, klassische Riten und Etikette zu praktizieren. Wäre es da nicht viel besser, einige Veränderungen bei unseren heutigen Riten und Etiketten vorzunehmen, damit diese wieder klar, dezent und nach festen Regeln vollzogen werden können?”8Offenbar ging Zhu Xi sogar davon aus, dass klassischer Ritus und Etikette so kompliziert gewesen waren, dass selbst die Menschen jener Zeit ihnen nicht notwendigerweise strikt gefolgt sind.
Dieses Buch schließt die genauesten und komplettesten verfügbaren historischen Daten ein, um eine gut fundierte und informative Diskussion aller Aspekte des gesellschaftlichen Lebens der Song-Dynastie zu ermöglichen. Wir konnten damit nachweisen, dass das gesellschaftliche Leben der Song-Zeit nicht so stark wie bisher angenommen von den Lehren des Neo-Konfuzianismus geprägt war. Klar ist auch, dass die Menschen der Song-Zeit niemals wirklich dem hierarchischen System der Antike gefolgt sind.
Wie oben schon im Detail ausgeführt, änderte sich die Kleiderordnung der Song-Zeit ständig. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Menschen der Song-Zeit anfingen, mehr darauf zu achten, dass ihre Ehepartner in spe Potenziale für Reichtumserwerb und politische Karriere zeigten. Das war eine große Veränderung im Vergleich zur mittleren Tang-Dynastie, als es vor allem um familiäre Bande bei der Heirat ging. Heirats- und Begräbnisriten sowie -rituale wurden vereinfacht, flexibler und vielfältiger. Auch nahm man die strengen Bauvorschriften zurück, die auferlegt wurden, wenn man neue Wohnhäuser errichtete. Die Inneneinrichtung der Häuser wurde vielfältiger, Stühle verschiedener Art kamen in Mode. Das veränderte die lange Gewohnheit der Menschen, direkt auf dem Boden zu sitzen. Auch bei der Ernährung veränderte sich einiges: Grundzutaten und Gewürze wurden vielfältiger als noch in der Tang-Zeit, auch sahen die Speisen vielfältiger aus und die Auswahl vergrößerte sich. Dabei entstanden die zwei unterschiedlichen kulinarischen Systeme des Nordens und des Südens. An Getreideprodukten wechselte man von der Herstellung von Fladen zur Nudelproduktion.
Das sind nur einige Beispiele, die zeigen wie reichhaltig und farbenprächtig das Alltagsleben der Menschen während der 320 Jahre beider Song-Dynastien war.
Dieses Buch ist die erste Monografie über das gesellschaftliche Leben in der Song-, Liao-, westlichen Xia- und Jin-Periode überhaupt. Grundsätzlich war die Recherchearbeit dazu experimenteller Natur. Doch gibt es bereits eine nennenswerte Zahl von Forschungsergebnissen, die bereits publiziert wurden. Daher möchten wir gern unsere Anerkennung gegenüber diesen Autoren und Forschern zum Ausdruck bringen. Zunächst einmal existieren zwei chinesisch sprachige Ausgaben von Jacques Gernets Daily Life in China on the Eve of the Mongol Invasion, 1250-1276.9Die erste Übersetzung von Ma Decheng wurde 1982 veröffentlicht und die zweite von Liu Dong veröffentlichte der Volksverlag Jiangsu in seiner Reihe „Overseas China Studies Series“ im Jahr 1995.
Außerdem wurde Das städtischen Leben der Song-Dyanstie (《宋代城市风情》, Volksverlag Heilongjiang, 1987) von Yi Yongwen (伊永文, 1950-) veröffentlicht; „Kaifeng – Die Östliche Hauptstadt der Song Dynastie“ [《宋代东京开封府》in der Zeitschrift der Pädagogischen Universität Henan (《河南师范大学学报》), Zusatzausgabe 1984] und Forschungen zur Östlichen Hauptstadt der Song-Dynastie (《宋代东京研究》, Serie Historische Forschungen zur Song, Henan University Press, 1992) von Zhou Baozhu (周宝珠, 1934-); Die Östliche Hauptstadt der Nördlichen Song-Daynastie (《北宋都城东京》, Volksverlag Henan, 1984) von Wu Tao (吴涛); Hangzhou, Hauptstadt Chinas in der Südlichen Song-Zeit (《南宋故都杭州》, Studio für Kalligrafie und Malerei Zhongzhou, 1984) von Lin Zhengqiu (林正秋, 1937-), etc.; und Hangzhou, Hauptstadt der Südlichen Song-Zeit (《南宋京城杭州》, 1985) zusammengestellt und publiziert vom Amt des Stadtkommittees der KPCh Hangzhou. Über Hochzeits- und Heiratsbräuche der Song Dynasty, existieren folgende Arbeiten: Forschungen zum Hochzeitsbrauchtum der Song-Zeit (《宋代婚俗研究》, Taipei: Hsin Wen-feng Press, 1988) von Peng Liyun (彭利芸) und Heirat und Gesellschaft(Song-Zeit) (《婚姻与社会(宋代)》, Volkverlag Sichuan, 1989) von Zhang Bangwei (张邦炜, 1940-). Zu Brauchtum der Zeit gibt es Das Gesellschaftsleben der Jin Dynastie (《金代的社会生活》, Reihe Volksbräuche Chinas, Volksverlag Shaanxi, 1988) von Song Dejin (宋德金, 1937-). Zusätzlich wurde eine Zahl von Aufsätzen über Thema und Zeit veröffentlicht in Zeitschriften wie Chinesische Literatur und Geschichte (《文史知识》), Literatur und Geschichte (《文史》), Akademisches Journal Zhejiang(《浙江学刊》), Chinesische Küche (《中国烹饪》), Zeitschrift der pädagogischen Hochschule Shanghai (Sozialwissenschaften) [《上海师范大学学报》(社科版)] und Historische Monatsschriften (《历史月刊》, Taipei). Darüber hinaus gab es einige neue Forschungen, die vor Drucklegung dieser zweiten Auflage veröffentlicht wurden. Diese werden hier aus Platzgründen nicht erwähnt. Ergänzungen und Überarbeitungen wurden in diese zweite Auflage eingearbeitet, doch haben wir uns bemüht, diese zweite Auflage nicht wesentlich zu verändern.
Die Autoren waren wie folgt für die einzelnen Kapitel verantwortlich:
Zhu Ruixi: Vorwort, Kapitel 19, 20, 21, 22, 23, 25 und 26;
Zhang Bangwei: Kapitel 6, 7, 8, 9, 10, 11 und 12, Zhang Bangwei und
Cai Chongbang haben Kapitel 17 gemeinsam verfasst;
Liu Fusheng: Kapitel 1, 4 und13;
Cai Chongbang: Kapitel 18, und 17 (zusammen mit Zhang Bangwei);
Wang Zengyu: Kapitel 2, 3, 4 (Abschnitt 4), 5, 14, 15, 16 und 24.
1 Li Jingde (Hrsg.) „Riten“, Teil 6 – Über Kopfbedeckungen und Hochzeitszeremonien“. Thematische Diskurse des Meisters Zhu (《朱子语类》).
2 „Riten, Teil 1, Beerdigungen“ (《礼六·冠昏丧·丧》), Kapitel 89, Thematische Diskurse des Meisters Zhu (《朱子语类》).
3 „Riten, Teil 1 – Über die Verbesserungen des Buchs der Riten“(《礼一·论修礼书》), Kapitel 84, Thematische Diskurse des Meisters Zhu (《朱子语类》).
4 „Riten, Teil 8 – Verschiedenes“ (《礼八·杂仪》), Kapitel 91, Thematische Diskurse des Meisters Zhu.
5 Ebd..
6 Li Xinchuan (李心传, 1167-1240): Band 2, Aufzeichnungen über Weg (Dao) und Schicksal (Ming) (《道命录》).
7 Li Xinchuan: „Der Tag Gengzi im dritten Monat des fünften Jahres Shaoxing“ (绍兴五年三月庚子), Band 87, Jährliche Aufzeichnungen der wichtigsten Ereignisse der Regierungsperiode Jianyan (《建炎以来系年要录》).
8 „Riten, Teil 1 – Über die Richtlinien Riten und Etikette zu untersuchen“ (《礼一·论考礼纲领》), Kapitel 81, Thematische Diskurse des Meisters Zhu.
9 Gernet nach H. M. Wrights englischer Übersetzung: Daily Life in China on the Eve of the Mongol Invasion, 1250-1275, Lavie Quotidienne en Chine à la veille de I'invasion Mongole,1250-1276, Stanford University Press, 1962.
Kleidung und dazugehörige Accessoires waren im Alten China von großer Bedeutung. Sie wurde nicht nur getragen, um zu wärmen oder den guten Geschmack ihres Trägers zu zeigen, sondern Kleidung und die dazugehörige Kleiderordnung waren auch ein wichtiger Bestandteil des Hofzeremoniells. „Es gibt das Hofzeremoniell xia (夏) und die dazugehörige Ästhetik der Kleidung hua (华)”1 weiß eine Quelle zu berichten. Aus diesen beiden Begriffen leitet sich die bekannte Bezeichnung ‚hua-xia‘ [华夏] für China ab. In diesem geläufigen Begriff für „China“ zeigt sich die enorme Bedeutung der Kleidung in der chinesischen Kultur. Genau wie während der vorhergehenden Dynastien hatten die Song-, Liao-, Westlichen Xia- und Jin-Dynastien ihre distinktiven Kleiderordnungen. Allerdings wurden sie in der Alltagspraxis nicht immer streng eingehalten. Der Kleidungsstil jener Zeit ist jedoch ein Spiegel der sozialen Entwicklungen, der anzeigt, was sich änderte und welche neuen Trends aufkamen.
Die Kleiderordnung der Song-Dynastie etablierte sich bereits ganz zu Beginn der Nördlichen Song-Periode, also der Frühzeit der Dynastie. Mehr als 300 Jahre lang wurde Gestaltung und Qualität der Stoffe gleichermaßen hoch geachtet, allerdings konnte sich der Stil „je nach Geschmack des herrschenden Kaisers” auch verändern. In der Frühzeit der Nördlichen Song „verwendete man keine Perlen oder Jade zum Schmuck der Kopfbedeckung (gun-mian) und Bescheidenheit und Einfachheit des höfischen Stils zu verdeutlichen”. Unter dem Kaiser Huizong (1082-1135) war allerdings „extreme Extravaganz” gefragt. Später – zu Beginn der Südlichen Song Zeit – kam wieder „Einfaches und Praktisches” in Mode. „Brokatstickerei sollte durch Stofffiguren und Gaze ersetzt werden”. Das waren „zeitgemäße feine Stoffe”.2
Was man an Stoffen zur Kleiderherstellung verwendete, änderte sich von Zeit zu Zeit, doch der Zweck der Kleiderordnung, die soziale Hierarchie der Gesellschaft anzuzeigen, blieb während der gesamten Periode unverändert.
Der Kaiser wurde gemäß der Kleiderordung tianzi mit Kopfbedeckungen wie da-qiu-mian3, gun-mian, tong-tian-guan4 und Roben wie der violetten Musselin-Robe lü-pao5 und der “schmalen Robe” shan-pao6 bekleidet. Hinzu kam das Yu-Yue-Fu, eine formale Militäruniform zur Zeit der Südlichen Song. Wenn der Kaiser bei Opfergaben und -zeremonien zugegen war, er Hofversammlungen abhielt, Hof hielt oder auch “Freizeit” hatte, dann trug er das oben genannte Ornat.
Trat der Thronfolger hinzu, dann trug er sehr formale gun-mian – besonders dann, wenn er den Kaiser zu den Opferzeremonien begleitet. Etwas weniger formell aber gleich wichtig waren yuan-you-guan7 und zhu-ming-fu8, die der Thronfolger bei Adelsversammlungen und Audienzen trug, dem Ahnentempel einen Besuch abstattete oder bei Hofversammlungen unter Vorsitz des Kaisers zugegen war.
Im Alltag aber trug der Thronfolger einen schwarzen Musselin-Schal, dazu die violette Amtsrobe. Er gürtete sich mit einem Hüftband aus Gold und Jade, das mit weißen Elementen aus dem Horn des Nashorns verziert war. Auch für Frauen bei Hofe gab es eine festgeschriebene Kleiderordnung. Wie Kaiserin, kaiserliche Konkubinen und Edelfrauen sich bei verschiedenen Anlässen zu kleiden hatten, war klar definiert.9
Opferkleidung, Hofkleidung, Beamtenkleidung und Saisonkleidung gehörten zur Ausstattung der Beamten. Wenn Himmel und Erde geopfert, die Ahnen verehrt oder große Zeremonien abgehalten wurden, trug man Opferkleidung. Die besondere Hofkleidung oder „Vollbekleidung” legte man an, wenn Hofversammlungen unter Vorsitz des Kaisers stattfanden, manchmal wurde „Vollkleidung” auch bei Opferritualen verlangt.
Wer „als Gast oder Gefolge des Herrschers” am Opferritual teilnahm trug „Opferkleidung”, wer bei den Ritualen Dienst tat, der trug Hofornat.”10Ober- und Unterkleid der Opferrobe waren zinnoberrot. Zusätzlich sollte der Träger dazu Ornamente in verschiedenen Farben und Texturen tragen, die zum Kleid passten, außerdem angemessene Kopfbedeckungen wie jin-xian-guan, diao-chan-guan11, oder xie-zhi-guan12. Diese sollte jeweils zur Bedeutung des jeweiligen Zeremoniells passen. Das Beamtenkleid war die Alltagsrobe für die Staatsbediensteten bestimmten Ranges – vom höchsten bis zum niedrigsten Rang. Der Rang wurde durch verschiedene Farben angezeigt.
Hierbei folgte die frühe Song-Dynastie dem System der Tang: Beamte über dem dritten Rang sollten Violett tragen, Zinnoberrot die vom 5.bis zum 4. Rang, die vom 7.-6.Rang Grün und schließlich die vom 9. Bis zum 8. Rang Schwarz.
Nach der Periode Yuanfeng13(1078-1085) änderte sich das System: Beamte des 4. Ranges und darüber trugen nun Violett, von 6. Bis 5. Rang Purpur, vom 9. Bis 7. Rang dann Grün. Schwarz verschwand als Farbe der Beamtenkleidung. Beamtenkleidung bestand aus einem runden Kragen, weiten Ärmeln, einem weiten Überwurf, der von einem weiten Banner gehalten wurde. Dazu kamen verschiedene Gürtel für die Taille, der Haarschmuck fu-tou und schwarze Stiefel oder Schuhe. Hochrangige Beamte die Purpur oder Violett trugen zudem eine fischförmige Tasche für die Bücher. Alles zusammen formte die Beamtenkleidung der Zeit, zhangfu genannt. Beamte mit Sonderaufträgen oder auf Zeit, welche nicht in den entsprechenden Rang aufstiegen, erhielten ein Sonderdekret des Kaisers, um beispielsweise das ihrer Aufgabe angemessene Purpur oder Violett auf Zeit oder sogar permanent tragen zu dürfen. Im Trauerfall sollte kein Beamtenornat getragen werden. Als zu Beginn der Song-Dynastie die Jiangnan-Region, die Gegend um die heutige Metropole Shanghai, in das neue Reich eingegliedert wurde, verblieben die Verwaltungsbeamten auf ihren Posten. Sie trugen “Grün” ohne Rücksicht auf ihren Beamtenrang und änderten auch nach der Integration in das Song-Reich diese Tradition nicht. Außerdem trug man „Garderobe der Saison”, unterschiedliche Sommer- und Winterbekleidung, welche die Beamten der zivilen Verwaltung und des Militärs zu jedem Duanwu-Fest (15.5. des Mondkalenders) und zum ersten des zehnten (Mond)monats erhielten.14
Untergeordnete Beamte folgten stets dem Vorbild ihrer Vorgesetzten. Die Mode bei Hofe hatte großen Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes. Während der Regentschaft des Kaisers Zhenzong15 zeigte sich ein falsches Bild von Frieden und Wohlstand. Mit steigender Prunksucht kamen immer ausgefallenere Kleidungsstücke und Utensilien in Mode. Sie wurde nicht nur von Beamten und Offiziellen zur Schau getragen. Auch Menschen der unteren Klassen konkurrierten miteinander in Sachen Luxus und Großartigkeit. Kaiser und Eunuchen trugen zunächst Purpur und fanden dann zunehmend Geschmack an Schwarz. Adel und einfache Bevölkerung nahmen den Trend auf. Die Zensoren des Hofes empfanden dies als „ungesund”, doch trotz wiederholten Verbotes hielt sich die Mode. In der Regierungszeit Kaiser Xiaozongs (1127-1194), dem zweiten Herrscher der Südlichen Song-Zeit, hieß es dann, dass “die Adligen den Stil des Hofes kopierten, was dann wieder vom Volke nachgeahmt wurde. Juweliere sprachen über den neuesten Trend bei Hofe, wenn sie etwas verkauften.“16
Streng genommen gab es keine staatlichen Regelungen zur Kleiderordnung, aber sehr oft erließ die Regierung Beschränkungen, was „Beamte und einfache Leute” tragen durften. Dazu gehörte die Farbe der Kleidung. Schon 989 verbot die Regierung einfachen Leuten, sich in Purpur zu kleiden. 1062 gab es ein Verbot für einfache Menschen, “schwarzviolett” zu tragen. Manchmal verbot die Regierung auch einfachen Leuten, ihre Kleidung und Utensilien mit Luxusmaterialien wie Gold-, Silberbarren oder Juwelen zu verzieren. 1036 gab es seine Verordnung, dass – außer in privilegierten Familien mit entsprechend ausgezeichneten Edelfrauen – keine Perlen zur Dekoration von Kleidung und anderen Dingen benutzt werden dürften. Zusätzlich war das Tragen von Perlenketten, von Quasten und Ohrgehängen untersagt. 1135 verbot man Frauen Gold- und Jadeschmuck zu tragen. Manchmal wurde auch das Tragen bestimmter Muster oder Texturen eingeschränkt. 1025 wurde eine Verordnung erlassen, die Adel und Volk untersagte, Kleidung mit Motiven weißer Blumen auf schwarzem oder dunklem Stoff anzuziehen. Auch sollte davon abgesehen werden Kleidung mit Ornamenten auf blauen, gelben oder purpurroten Hintergrund zu tragen. 1034 untersagte man das Tragen von farbigem Satin, Stoffen wie Brokat, bestickten Stoffen und doppelseitig bestickten Stoffe mit Blumenmotiven.” Dass es solche Verordnungen überhaupt gab, zeigt, dass die Kleiderordnung vom Volke nicht umfassend beachtet wurde. Hofbeamte kritisierten häufig die Unangemessenheit des Kleiderstils und die Tatsache, dass das Volk die erwünschte Ordnung oft verletzte und sich so kleidete, wie es ihm beliebte.17
Beamte mit Fu-tou und Beamtenkleidung
Szenerie der Wiederbelebung und Feierlichkeit (《中兴祯应图》), Song-Malerei (Replik)
Portraitmalerei (《人物图卷》), Song-Malerei(Replik)
(Illustration aus Zhou Xibao: Eine Geschichte historischer chinesischer Kleidung und Schmuckornamente )
Normalerweise folgten Gelehrtenbeamten der konfuzianischen Lehre, dass ein Junzi (Edler) seine Kleidung und sein Äußeres so gestalten sollte, damit sein Aussehen Würde ausstrahle“. Kleidung und Kopfbedeckung wurden sehr stark beachtet und während der Song-Zeit wurde der Politiker Wang Anshi auch deshalb kritisiert, „weil die Missachtung der Kleiderordnung eine seiner unverzeihlichen moralischen Fehler“18gewesen sei.
Sima Guang (1019-1086) forderte in den Familienbenimmregeln von Sushui《涑水家仪》), dass die jüngere Generation sich jeden Morgen waschen solle, danach das Haar kämmen und zu einem Knoten binden sollte. Dazu seien „Hut und Gürtel“ zu tragen. Auch auf Familienfesten sollten die Jungen tadellos gekleidet sein und entsprechend ihres Ranges sich verhalten. Die Älteren waren mit Getränken zu bedienen. Zhu Xi war der Ansicht, dass die Beachtung der Kleiderordnung der erste Schritt sei, „eine gesittete Person“ zu werden und daher zur frühkindliche Erziehung bereits die Regeln der Kleiderordnung gehörten (Regularien der moralischen Erziehung (《训学斋规): „Wer als gesittete Person gelten wolle, der muss eine aufrechte Haltung zeigen. Vom Hut bis hinunter zu den Schuhen, sollen alle Kleidungsstücke sauber und gepflegt erscheinen. Die Weisen des Altertums erzogen die Jüngeren stets so, dass Kopf, Taille und Füße stets ordentlich gebunden werden. Ein Kopftuch gehört stets dazu und die Jugendlichen unter 20, noch nicht berechtigt Hüte oder Kopftücher zu tragen, müssen ihr Haar knoten. Dann muss die Taille mit einem Seidenband oder Gürtel gebunden werden. Schließlich müssen die Schuhe gut gesäubert sein.19
Da die Kleiderordnung so sehr betont wurde, entwickelten chinesische Beamte bald ihren eigenen Kleidungsstil. Dazu gehörte der lange Gehrock aus einem Stück Stoff, der purpurne Gehrock, der sogenannte „dünne Gehrock (ein einfarbiges informelles Kleidungsstück), die taoistische Priesterrobe (eine Art Freizeitkleid), der Gehrock mit Kappe und der Gehrock mit Banner. Auch der niedere Adel und das einfache Volk hatten ihre eigene Kleiderordnung: Bei speziellen Anlässen trugen sie feierliche Kleidung zu Opferritualen, Initiationsriten oder Hochzeitsfeiern. In der Periode Chunxi (1174-1189), brachte Zhu Xi Regularien für entsprechende Anlässe vor, die vom Hofe akzeptiert wurden. Er forderte, dass „Personen mit offiziellen Titeln, fu-tou, Gürtel und Stiefel“ tragen sollten, wenn sie bei kaiserlichen Empfängen ihre hu-Tafeln mit offiziellen Aufzeichnungen präsentierten. Auch die vorgeschlagenen Gelehrten, die in den Beamtenrang aufgenommen werden sollten, müssten fu-tou, Banner-Gehrock und Gürtel tragen. Diejenigen Scholaren ohne Beamtenrang hingegen sollten zur Unterscheidung fu-tou, schwarzen Gehrock mit kurzen Ärmeln und Gürtel tragen.
Allgemein gesprochen heißt das, dass Personen ohne offiziellen Rang Kopfbedeckung, Gehröcke und Gürtel zu tragen hatten. Waren diese nicht verfügbar, so konnte zur Not der lange, einteilige Gehrock oder dünne Gehrock sie ersetzen. Personen mit offiziellen Titeln konnten ebenfalls das gesamte Repertoire anlegen, mussten aber keine formelle Beamtenkleidung tragen. Verheiratete Frauen sollten das Haar knoten, formale Frauenkleidung anlegen und lange Röcke. Unverheiratete Frauen erkannte man an den guanzi, speziellen Hüten für adlige Frauen, und beizi, ein spezielles Oberkleid. Für Konkubinen galt: Haarknoten und beizi waren Pflicht.20
Seide und Leinen waren noch immer die bevorzugten Rohmaterialien der Stoffherstellung in der Song-Dynastie. „Stoff“ war eigentlich aus Leinen produziert. Dieser „Stoff“ war das Rohmaterial für die Bekleidung einfacher Leute. „Stoff-Röcke“ wurden aus Leinen produziert. Seide war seltener und teurer. Normalerweise trugen nur Wohlhabende Seidenkleider. Für Winterbekleidung wurden Leder und Felle eher seltener verwendet. Stattdessen trug man wattierte man Kleidung mit Seide. Baumwolle war als mu-mian oder ji-bei ebenfalls bekannt. Sie wurde vor allem im Süden, in Fujian und Guangdong angebaut. Später verbreitete sich Baumwolle nach Norden und wurde neben Leinen und Seide das wichtigste Material zur Textilherstellung.21
Im alten China gab es viele verschiedene Arten von Hüten. Man kann sie kategorisieren als guan (formale Hüte), mao (Hut), jin (Schal oder Kopftuch), ze (Turban), mian (Zeremonienhut, Typ 1) und bian (Zeremonienhut, Typ 2). Die herrschende Klasse trug dabei den Zeremonienhut des mian-Typs stets zu den wichtigsten Anlässen. Die Zeremonienhüte der Kaiser wurden zusätzlich mit einer Art rechteckigem Tablett geschmückt. Daher hießen diese Kopfbedeckungen auch „Hüte parallel zum Himmel“. Feine Bänder zierten die Ränder dieser Tabletts. Der Kaiser trug davon 12, die Zahl der Bänder nahm ab bis hinunter zum fünften Beamtenrang. Beamte des sechsten und niedrigerer Ränge durften keine Hutbänder tragen. Auch Beamte der Kommandantur und regionaler Administration trugen Bänder zu Opferritualen.
Der guan-Hut wurde auf den Haarknoten gesetzt. Er war eigentlich eine Art von Krone. Auch diese Kopfbedeckung wurde vom Kaiser getragen. Sie hieß dann entweder tongtian-guan, wörtlich „die Krone, die den Himmel durchdringt“, oder chengtian-guan, „die Krone, die den Himmel trägt“. Er hatte 24 sogenannte liang, Strahlen, und war einen Fuß hoch bzw. breit. Zusammen mit der purpurroten Robe war diese Art Krone reserviert für spezielle große Zeremonien, in seiner formellen Stellung nur noch übertroffen vom sogenannten gun-Zeremonienhut. Thronfolger trugen yuanyou-Kronen (guan) mit 18 „Strahlen“. Für Beamte waren andere Typen von guan vorgesehen. Darunter gab es die jinxian-Krone aus Batist gefertigt. Zu Beginn der Song-Dynastie unterschied man drei Arten solcher Beamtenkronen, je nach Anzahl der Strahlen von fünf, drei und zwei. Später – nach der Periode Yuanfeng – unterschied man sieben Typen, ebenfalls unterschieden durch die Zahl der Strahlen. Hohe Beamte des kaiserlichen Sekretariats oder der kaiserlichen Kanzlei trugen jinxian-Kronen mit Säbel- oder Zikaden-Dekoration genannt diaochan-guan oder longjin. Kaiserliche Vollstreckungsbeamte wie Zensoren trugen wiederum spezielle guan, die mit einem stilisierten xiezhi-Fabeltier geschmückt waren. Dieses xiezhi erinnerte an eine Ziege, soll zwischen Gut und Böse unterschieden haben und war daher das Symbol für Gesetzesvollstrecker. Diese Hüte nannte man daher auch „Gesetzes-guan“.
Wenn ein männliches Mitglied einer Adelsfamilie seine Volljährigkeit erreichte, dann wurde eine formale Zeremonie des „Hut Aufsetzens“ durchgeführt – die „erste und wichtigste unter allen Riten“. Der junge Kaiser Qinzong (1100-1156), damals noch Thronfolger, und Kaiser Gaozong (1107-1186) nahmen an einer solchen Zeremonie teil. Letzterer war dabei 16 Jahre alt. Die Zeremonie bestand aus drei Schritten: Zunächst wurde ein gebundenes Kopftuch getragen. Danach setzte man dem jungen Mann die guan-Krone mit sieben Strahlen auf. Zuletzt wurde ein Tablett mit neun Bändern, mian, daran befestigt.Auch für „normale Menschen“ gab es eine solche Zeremonie, vergleichsweise einfach gehalten. Dazu organisierte der Gastgeber ein großes Bankett, lud die Ältesten des Ortes dazu ein und ließ den angehenden Volljährigen ihnen Reiswein servieren. Dabei trug dieser ein Kopftuch, ähnlich dem schnell gebundenen Kopftuch der Tang-Zeit. Dieses war nur an den Enden zusammengebunden. Nachdem der Reiswein serviert worden war, standen der Vater oder ältere Bruder des jungen Mannes auf und erklärte. „Der Sprössling wird nun volljährig. Daher luden wir Sie alle zu uns ein und bitten um Ihren Segen und Ihre Unterstützung.“ Nach diesen Worten verbeugte sich der junge Mann. Der höchst angesehene Gast auf dem Ehrensitz zündete daraufhin Räucherwerk an, brachte Segenswünsche vor, löste das Kopftuch des jungen Mannes und hieß ihn aufstehen. Darauf verbeugte sich der junge Mann erneut und verließ das Bankett. Von nun an galt er als Erwachsener und durfte die gleiche Kleidung wie die Älteren tragen. Das Zeremoniell wurde auch als „Kopftuch-Bindefest“ bezeichnet.
Die Zeremonie soll ein ganzes Jahrhundert vernachlässigt worden sein, denn sie war in der Tat nicht so populär während der Song-Dynastie wie Cai Xiang (1012-1067) im Jahr 1064 schrieb lapidar: „Heutzutage wird die Zeremonie des „Hut Aufsetzens” als nicht mehr angemessen angesehen.22Die bekannten Scholaren Sima Guang der Nördlichen Song-Dynastie und Zhu Xi der Südlichen Song-Dynastie, hielten Versuche der Wiedereinführung dieses Rituals für wenig erfolgreich. In den mittleren Jahren der Nördlichen Song (11. Jahrhundert) führte man immerhin die einfache Zeremonie bei Hofe durch.23 Sie hielt sich noch an einigen Orten während der Südlichen Song-Zeit in „großen und kleinen Familien von Beamten und von einfachen Leuten.” Ein Kopftuch tragen nannte man übrigens auch „den Kopf einbinden”. Während der Song-Zeit gab es viele, die „es nicht wagten, den Kopf einzubinden”, auch wenn sie über 30 waren. Damit signalisierten sie alt genug zu sein, um nun Steuern zu zahlen!24
Guan, also formale Zeremonienhüte, zu tragen war feierlicher. In der Geschichte der Song (《宋史》) ist die Biografie eines prominenten Beamten namens Cheng Kan (997-1066) enthalten, die erzählt, dass ein Gesandter der Khitan von Cheng Kan abgewiesen wurde, weil er keine guan, sondern „nur“ mao-Kopfbedeckung trug. Es gehörte zum Status eines Literatenbeamten guan zu tragen, um sich von den einfachen Menschen abzusetzen, die Kopftücher trugen. In der Song-Zeit trugen vornehmere Herren guan. Sie legten Wert auf Etikette und überlieferte Höflichkeiten. Fan Chunfu (范纯夫, 1041-1098) saß beispielsweise stets „gerade mit ernstem Gesichtsausdruck, den guan-Hut auf seinem Kopfe” und Yin Gu (尹穀, um 1275) „nahm das Kopftuch nicht ab, bevor das Licht gelöscht worden war. Nie stand er morgens auf, ohne nicht bereits hinter dem Bettvorhang bereits den guan-Hut aufgesetzt zu haben.” Manch ein Gelehrter zeigte sich selbst in den Sommermonaten nicht barhäuptig, sondern trug zumindest einen „kurzen” Zeremonienhut.25
Erwachsene trugen allgemein gebundenes Haar. Darauf setzten sie guan-Hüte oder trugen ein Kopftuch. Kindern wurde das Haar komplett abrasiert. Nur ein kleines Haarbüschel wurde stehengelassen, so groß wie eine alte chinesische Münze, auf der linken oberen Seite des Schädels. Man nannte das pianding, wörtlich „nicht genau auf dem Scheitel”. Manchmal ließ man auch etwas Haar oben auf der Stirn wie ein Hörnchen stehen, band es mit farbigen Seidenfäden „wie einen typischen Knoten der Song-Zeit, genannt bo-jiao “Horn der Ringeltaube”.Ye Mengde (1077-1148) schrieb einmal, dass Leute “unter dem Hut kleine Seidenstreifen namens e-zi trugen, die das Haar zusammenhielten”.26Einige “trugen auch ein Stück Rohseide namens mo-e27, eine Art „Haube”. Musikanten und Soldaten verzierten ihre Haube mit purpurfarbenen Stickereien, Stickereien aus Brokat oder auch gelben Stickereien. Buddhistische Mönche galten zur Zeit des Kaisers Huizong als „tugendhafte Leute”, die guan-Hüte auf falschen Haarknoten trugen – sehr zur Belustigung ihrer Zeitgenossen. Tugendhafte Mönche schienen eher eine Ausnahme gewesen zu sein.
Traditionell wurden Kopftücher von Leuten mit niedrigerem Status getragen, denen man nicht erlaubte sich mit guan zu schmücken. Gelehrte und Beamten zeigten ihre Kopftücher nicht. Sie trugen darüber Hüte, um sich von den einfachen Leuten zu unterscheiden.28Viele trugen auch einen Hut über dem Tuch. Normalerweise band man zwei von den vier Enden des Tuches hinter dem Kopf zusammen, die zwei übrigen unter dem Kinn. Der Vorteil war, dass der Träger sein Tuch nicht abnehmen musste, wenn er körperlich arbeitete, und es nach Beendigung der Arbeit einfach am Kopf nach oben binden konnte. Später setzte sich durch, dass man das Tuch nicht mehr unter dem Kinn zusammenband. Diese beiden Enden wurden dann zu einer Art Accessoire ohne Funktion.
In der Song-Dynastie änderte sich der Brauch. Das Tragen eines „Kopftuches“ wurde zur Mode und war nicht länger ein Kennzeichen „sozial niedrig Stehender“.
In den „Aufzeichnungen aus dem Gelehrten-Salon29 des Westgartens” berichtet der Autor Mi Fu (1051-1107) davon, dass prominente Gelehrte jener Zeit die unterschiedlichsten Arten von Kopftüchern trugen mit so klangvollen Namen wie “das Tuch des Pfirsichs der Unsterblichen“ oder das „Tuch aus einem Stück“, das „runde Tuch“, das „Schultertuch“, das „Taoisten-Tuch“ oder das „Tuch im Stile der Tang-Zeit“, um nur ein paar Beispiele aufzuführen.
Zu Beginn der Xunhe-Periode wurde ein kaiserliches Dekret erlassen, dass den Gelehrten vorschrieb, dass die Bänder ihrer Kopftücher, “nicht nach hinten heraushängen durften”. Manch ein Gelehrter schrieb darauf spöttische Kommentare wie: “Wer schert sich schon um Kopftuch-Bänder? Doch das Gesetz war streng und flößte Furcht ein. Man nähte extra breite Bänder an, die man demonstrativ nach vorn band.”30
Die Musiker in der Östlichen Hauptstadt31 trugen spezielle Turbane wie den „Long-Turban“, die den Kopf umhüllten. Turbane waren eine besondere Art von Kopftuch, die dazu dienten, die damals üblichen Haarknoten zusammenzuhalten. Eine weitere Variante, die in den Song-Hauptstädten Kaifeng und Hangzhou verbreitet war, war das „Ganzkopftuch“. Schauspieler der damaligen Musikdramen trugen diese „Ganzkopftücher“, selbst die leitenden Beamten des kaiserlichen Musikamtes. Auch Verwaltungsangestellte konnten Kopftücher tragen.32
In der Periode Chun Xi (1174—1189) trugen die Leute aus Lin’an (Hangzhou)33„einen tief gebundenen Haarknoten, der mit einem kurzen Tuch gehalten wurde. Das nannte man wörtlich „das Tuch für einen versunkenen Haarknoten“. Selbst Soldaten und einfache Arbeiter schmückten das Haar mit einem feinzahnigen Kamm seitlich des Kopftuches.“34
Der in der Song-Zeit weit verbreitete fu-tou wurde aus dem Kopftuch weiterentwickelt. Vorbild für diese Song-typische war der Herrscher Wu der Nördlichen Zhou-Dynastie(周武帝, 543-578, regierte von 560-578). Er band seinen Kopf mit einem Stück Stoff, das vier Bänder besaß. Zwei wurden am Hinterkopf gebunden, so dass die Bänder herabhingen und die beiden anderen band man oben am Scheitel zusammen. So entstand das „vierfüßige Kopftuch” oder „Kopftuch, das man nach oben band”. Gemacht wurde es aus Musselin-Stoff, „der in die passende Größe geschnitten und mit vier Bändern versehen wurde – „vierfüßig“ eben. Zur Tang-Zeit ließ man noch alle vier Bänder herabhängen, während später in der Song-Zeit harte Bänder benutzt wurden, um den Futou oben zu binden. Man unterschied fünf Typen von futou: „geradfüßig“, gebunden-füßig“, „kreuzfüßig“ und „nach oben“ und „nach unten“ gewunden. Nur der „geradfüßige“ durfte von „Leuten aller Schichten“35 getragen werden. „Den fu-tou nach vorn falten und zu binden“ beschrieb der Autor Wang Dechen (1036-1116) für die frühere Song-Dynastie36. Später nach der Shaosheng-Periode, wurde der fu-tou nach hinten gebunden und das “nach hinten gefaltete Kopftuch” entstand. Von da an änderte sich die Mode oft. Beamten-Kopftücher, die eigentlich schon die Form einer Kappe hatte, wiesen zwei harte Bänder verstärkt mit Eisendraht oder Bambusstreifen auf der Rückseite. Diese Bänder waren verlängert um nach Yu Yan, dem Autor der Pedantischen Bemerkungen der Konfuzianer, „zu vermeiden, dass die Beamten sich etwas zuflüsterten während kaiserlicher Audienzen.”
Vor der Song-Dynastie stellte man den fu-tou meist aus schwarzem Musselin-Stoff her, manchmal verziert mit einem bergförmigen Ornament vorne. In der Song-Zeit benutzte man Musselin, der manchmal lackiert war. Der Fu-tou war Mode für alle Schichten vom Kaiser bis zum einfachen Mann. In der Hauptstadt Kaifeng verkaufte man „farbenprächtige fu-tou in Blumenform abgesetzt mit Goldrändern. Krieger trugen „fu-tou mit gebogenen Füßen“, „blumenartige fu-tou mit nach hinten gebogenen Füßen“ oder „fu-tou mit gekreuzten Füßen“. Die Musiker des kaiserlichen Musikamtes liebten „langfüßige fu-tou“.
Zu besonderen Anlässen steckten Beamte auch Blumen in ihre fu-tou. Manchmal sendete der Kaiser künstliche Blumen, die nur bei Hofe verwendet werden durften oder auch frische Blumen an seine Höflinge (mehr dazu in Kapitel 26). Alles wurde später Bestanteil der höfischen Etikette.37Schmucklose fu-tou und weiße fu-tou wurden zu Beerdigungen getragen.
Anders als der Zeremonialhut guan wurde der einfache Hut mao mehr zu alltäglichen Anlässen getragen. Kaiser Zhenzong äußerste einmal, dass er „einen leichten Pelzmantel und einen Freizeit-Hut“ zu tragen wünsche. Er wünsche außerdem, mit den Literatenbeamten zu plaudern, „ohne alle Etikette, die streng einzuhalten sei, wenn man den Kaiser beriete“. Während der Daguan-Periode zu Zeiten Huizongs „war es Mode unter frivolen und oberflächlichen Herren, kleine Hüte ohne Kopftuch zu tragen.“38
Ye Mengde war der Ansicht, dass sich der mao-Hut aus dem guan-Zeremonialhut entwickelt habe.39 Das muss aber nicht sein, denn die einfachere Ausführung des mao-Hutes, könnte auch auf eine längere Existenz hinweisen. Das berühmte schwarze Kopftuch des Dichters Su Dongpo (1037-1101) erinnerte an die Kopfbedeckungen von Eremiten. Lu You, ein anderer bekannter Song-Dichter, dichtete nach dem Aufenthalt in einem taoistischen Tempel: „Taoistische Priester kochen dunklen Reis und Scholaren tragen dunkle Kopftücher.“ (道士青精饭,先生乌角巾。).40
Der mao oder Hut war eine Zwischenstufe zwischen guan und Kopftuch. Wenn man dem Kopftuch eine feste Form gab, dann entstand ein Hut. Design und Struktur der mao-Hüte veränderten sich oft. Wang Dechen hielt fest, dass „der mao zu Beginn aus Musselin gefertigt war, das man normalerweise für fu-tou benutzte. Man nannte das „Musselin-Hut im Hauptstadtstil“ (jingshamao). Design und Handwerkskunst waren exzellent. Der Hut hatte eine spitze Krempe verlängert in der Form eines Aprikosenblattes. Später wurde diese Krempe auf zwei Cun41Länge verkürzt. Seit der Qingli-Periode (1041-1048) wurde Musselin im südlichen Stil produziert und grüne Musselin-Hüte (cuishamao) getragen. Hutspitze und Krempe waren nun rund geformt. Später vergrößerte man Korpus und Krempe des Hutes und verlängerte ihn so nach oben. Diese Hutform erhielt den bezeichnenden Namen „Hut in Pinselform (bimao)“, sehr beliebt bei Intellektuellen. Wang Dechen fährt fort: „In den letzten Jahren kamen wieder mehr Hüte mit Krempen an der Hutrückseite in Mode. Der Korpus des Hutes ist hoch und gerade, die Krempe ein bis zwei cun lang. Das sieht nun nicht mehr aus wie ein Kegel. Heutzutage sehen mao-Hüte eher quadratisch und gerade aus.“
Einmal machte sich jemand über die pinselförmigen Hüte der Intellektuellen lustig, indem er schrieb: „Wenn die Qualität literarischer Werke von den Hüten mit spitzer Krempe, die Ihr tragt, abhängt, dann solltet ihr Pedanten lieber einen Speer auf dem Kopfe tragen“. Die schwarzen Musselin Hüte (wusha mao) waren bei Offiziellen wie einfachen Leuten gleichermaßen beliebt. Die Aufzeichnungen eines Traums von Größe geben an, dass alle Arten von Hüten gleichzeitig auftraten. Su Shi, alias Su Dongpo, äußerte in seinem Gedicht „Über den Kokosnuss-Hut (《椰子冠》): „Ich benutzte das dünne Kopftuch des Hutes um Wein für meine Gäste zu filtern. Die übriggebliebene leere Hülle bekommt dann der Hutmacher. Das elegante und einfache Hutdesign wollen alle sehen. Die Haarnadel wird locker durchgesteckt ohne das Haar durcheinander zu bringen. Außerdem trage ich einen hohen Hut ohne Krempe – es scheint, dass ich gegen jede Gewohnheit meiner Zeit eingestellt bin.“(自漉疏巾邀醉客,更将空壳付冠师。规模简古人争看,簪导轻安发不知,更著短檐高屋帽,东坡何事不违时。).
Mit seinem unkonventionellen Talent, war Su Shi mit Sicherheit niemand, der viel auf die Hutmode seiner Zeit gab. Ihm folgten viele Gelehrten-Beamte, indem sie hohe Hüte trugen und das „den Zizhan-Stil“ nannten.42 Auch andere bekannte Gelehrte jener Zeit folgten ihrem eigenen Geschmack. Cheng Yi (1033-1107) trug einen Hut, der „acht cun hoch war und eine Krempe von sieben fen43in der Länge. Der Hut war quadratisch und gerade“. Chen Xiliang (999-1063) trug einen quadratischen hohen Hut, der „‚quadratischer Berg‘ genannt wurde.“ Lei Jianfu (1001-1067) war „ursprünglich ein Einsiedler, der einen Ochsen als Reittier nutzte und einen eisern guan-Hut trug.“ Das war ein Hut mit zwei eisernen Nadeln auf jeder Seite. Der Einsiedler Wei Ye (960-1020) mochte keine Kopftücher und traf seine Gäste stets mit einem Hut aus Rohseide und in einen einfachen Rock gekleidet.“44Die Textur der Hüte war verscheiden, genau wie ihre Preise. „Ein grüner Musselin-Hut kostet 1000 Wen45“ heißt es in den Verschiedenen Aufzeichnungen von Jiang Linji (《江邻几杂志》). Das war schon ein stolzer Preis. Auch Su Shi erzählt von „Eisenhüten“, die taoistische Priester getragen haben sollen. Wang Anshi erhielt einst einen guan aus Bambus zum Geschenk und schrieb dazu ein Gedicht: „Der Bambushut ist nützlicher als die Bambuswurzel. Bevor man ihn trägt, muss man sein spärliches Haar trocknen. Wer in den Bergwäldern gesehen werden möchte, sollte keinen quadratischen Bambushut als Kälteschutz tragen.“ (竹根殊胜竹皮冠,欲著先须短发干。要使山林人共见,不持方帽御风寒。)46Guan aus Eisen und Bambus wurde in verschiedenen Büchern erwähnt, meist gewürdigt als besonders stabil und den Tugenden eines Einsiedlers entsprechend. Es gab noch andere modische Hüte wie den „Matten-Hut“, den „Doppelhut“ und viele andere.
Einsiedler und diejenigen, die in den kaiserlichen Prüfungen erfolglos gewesen waren, trugen den sogenannten „Matten-Hut“. Der Hut war mit einem Schleier aus Seide umgeben, der wie ein Baldachin wirkte. Wer diesen Hut trug wurde gern bezeichnet als „jemand, der einen Baldachin trägt“. Wu Chuhou bemerkte in seinen Schriften, dass ein gewisser Li Xun sich mehrere Mal erfolglos an einer Beamtenprüfung versucht habe, so dass die anderen Bewohner seines Dorfes oft mit ihm scherzten: “Wann setzt Du endlich Deinen Mattenhut ab?” Li Xun ließ nach endlich erfolgreich bestandener Prüfung “Verwandte und Nachbarn wissen, dass der Mattenhut nun endlich abgelegt wurde.”47Mattenhüte, die an der Stirnseite ein ganzes Stück Musselin hatten, waren geschneiderte Hüte speziell für kaiserliche Zensoren und andere Beamte.
Einsiedler liebten ursprünglich auch den „Doppelhut”. Eintragungen in der Geschichte von Song beschreiben ihn als “einen Hut, den man über dem hochgefalteten Kopftuch trägt.” Eigentlich war das einfach ein Hut, den man mit dem fu-tou kombinierte, hergestellt aus schwarzem Gaze-Stoff, rechteckig mit herabhängender Krempe, verziert mit purpurfarbener Seide, die zu Hutquasten verwebt wurde und vor der Stirn herabhingen. Später wurde dieser Hut auch von Beamten getragen. „Früher trugen Minister (尚书) und Direktoren (郎中
