Soziologie der Entnetzung - Urs Stäheli - E-Book

Soziologie der Entnetzung E-Book

Urs Stäheli

0,0
27,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Netzwerke durchdringen heute nahezu jeden gesellschaftlichen Bereich, und lange Zeit galt: je vernetzter, desto besser! Diese Vernetzungseuphorie ist aber inzwischen ein Stück weit verflogen. Die ständige Erreichbarkeit fordert ihren Preis, Open-Office-Architekturen geraten zunehmend in die Kritik und neue Sicherheitsrisiken sorgen für Unruhe. Ausgehend von solchen Krisendiagnosen denkt Urs Stäheli in diesem Buch auf dreifache Weise über die Grenzen der Vernetzung nach – als Kritik an relationalen Sozialtheorien, als kultursoziologische Analyse von Figuren der Entnetzung und als genealogisch angelegte Untersuchung von Praktiken der Entnetzung in verschiedenen Feldern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 846

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



3Urs Stäheli

Soziologie der Entnetzung

Suhrkamp

Übersicht

Cover

Titel

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

549Ausführliches Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Inhalt

Einleitung

I

. Netzwerkfieber: Zeitdiagnosen der Übervernetzung

1. Hypertrophie der Netzwerke: Vernetzen um der Vernetzung willen

2. Erschöpfendes Netzwerken

3.

Information overload

in der frühen Managementtheorie

4. Analognostalgie

5. Sicherheit und Datenexzesse

6. Apophänie: Die Lust am Muster

7. Modi der Übervernetzungskritik

II

. Die Grenzen der Relationalität: Entnetzung in der Sozialtheorie

1. Dissoziation (Bruno Latour)

1.1 Szenen der Nichtpartizipation

1.2 Paradoxien des Schweigens

1.3 Politik der Konnektivität

2. Anschlussunfähigkeit (Niklas Luhmann)

2.1 Anschlussfähigkeit als Theorieprogramm

2.1.1 Unsichtbare Anschlusslosigkeit

2.1.2 Nachträgliche Anschlusslosigkeit

2.1.3 Verhinderte Verbindungen

2.1.4 Strategien des Verschwindens

2.1.5 Zögerliche Verbindungen

2.2 Erfahrbarkeit der Anschlusslosigkeit

2.3. Anschlussunfähigkeit und Entnetzung

3. Inkommunikabilität (Gilles Deleuze)

3.1 Rhizomatischer Konnektivismus

3.2 Fluchtlinien

3.3 Vakuolen der Nichtkommunikation

4. Disartikulation (Ernesto Laclau/Chantal Mouffe)

4.1 Populismus als hyperkonnektive Politik

4.2 Disartikulation

4.3 Diskursive Ruinen

4.4 Politik der Disartikulation

5. Indifferenz (Georg Simmel)

5.1 Indifferenz in der Großstadt

5.2 Ethik der Indifferenz

5.3 Ontologie der Indifferenz

6. Zwischenfazit

6.1 Der Zustand der Entnetzung

6.2 Entnetzung als imaginär strukturierte Praxis

6.3 Die Lesbarkeit des Entnetzten

6.4 Zwischen Schnitt und Indifferenz

6.5 Taktiken und Strategien der Entnetzung

III

. Figuren der Entnetzung

1. Der Schüchterne: Entnetzung von Subjekten

1.1 Der Schock der Geselligkeit

1.2 Pathologisierung der Schüchternheit

1.3 Der Schüchterne als Parasit

1.4 Die Heroisierung des Schüchternen

1.5 Gemeinschaften der Schüchternen: »Can the Shy speak?«

2. Der Ladenhüter: Entnetzung von Dingen

2.1 Wartende Dinge

2.2 Strategien der Wiedervernetzung

2.3 Nutzlosigkeit

3. Buffering: Die Entnetzung von Daten

3.1 Wartende Daten

3.2 Affekt- und Zeitökonomie des Bufferings

3.3

Buffer overflow

3.4 Buffering zwischen Strategie und Störung

4. Analytiken der Entnetzung

4.1 Die Genese entnetzter Entitäten

4.2 Die Kopräsenz des Entnetzten in Netzwerken

4.3 Entnetzung als Potential für Vernetzung

IV

. Felder der Entnetzung

1. Entnetzung in Organisationen: Eine Genealogie

1.1 »Zonen der Indifferenz«

1.2. Lose Kopplungen

1.3. Reduktion von Meetings

1.4. Vom Open Office zum Hiding Space

1.5

Organizational slack

und die Figur des Slackers

1.6 Entnetzung zwischen Potential und Störung

2. Digitale Netzwerke: Analogisierung

2.1 Der immanente Zweifel an der geglückten Vernetzung: Das

Cyclades

-Projekt

2.2 Digitaler Verfall

2.3 Der Traum vom Ausstieg

3. Infrastrukturen: Zur Technopolitik der Entnetzung

3.1 Von der Resilienz zum Sicherheitsrisiko

3.2 Air Gaps: Der Traum der Isolierbarkeit

3.3 Sneakernet

3.4 Kill Switch

3.4.2 Die Souveränität des Tests

3.5 Nach der Entnetzung?

Epilog

Dank

Literatur

Nachweise

Namenregister

Fußnoten

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

3

549

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

21

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

71

72

73

74

75

76

77

78

79

80

81

82

83

84

85

87

89

90

91

92

93

94

95

96

97

98

99

100

101

102

103

104

105

106

107

108

109

110

111

112

113

114

115

116

117

118

119

120

121

122

123

124

125

126

127

128

129

130

131

132

133

134

135

136

137

138

139

140

141

142

143

144

145

146

147

148

149

150

151

152

153

154

155

156

157

158

159

160

161

162

163

164

165

166

167

168

169

170

171

172

173

174

175

176

177

178

179

180

181

182

183

184

185

186

187

188

189

190

191

192

193

194

195

196

197

198

199

200

201

202

203

204

205

206

207

208

209

210

211

212

213

214

215

216

217

218

219

220

221

222

223

224

225

226

227

228

229

230

231

232

233

234

235

236

237

239

241

242

243

244

245

246

247

248

249

250

251

252

253

254

255

256

257

258

259

260

261

262

263

264

265

266

267

268

269

270

271

272

273

274

275

276

277

278

279

280

281

282

283

284

285

286

287

288

289

290

291

292

293

294

295

296

297

298

299

300

301

302

303

304

305

306

307

308

309

310

311

312

313

314

315

317

319

320

321

322

323

324

325

326

327

328

329

330

331

332

333

334

335

336

337

338

339

340

341

342

343

344

345

346

347

348

349

350

351

352

353

354

355

356

357

358

359

360

361

362

363

364

365

366

367

368

369

370

371

372

373

374

375

376

377

378

379

380

381

382

383

384

385

386

387

388

389

390

391

392

393

394

395

396

397

398

399

400

401

402

403

404

405

406

407

408

409

410

411

412

413

414

415

416

417

418

419

420

421

422

423

424

425

426

427

428

429

430

431

432

433

434

435

436

437

438

439

440

441

442

443

444

445

446

447

448

449

450

451

452

453

454

455

456

457

458

459

460

461

462

463

464

465

466

467

468

469

470

471

472

473

474

475

476

477

478

479

480

481

482

483

484

485

486

487

488

489

490

491

492

493

494

495

496

497

498

499

500

501

503

504

505

506

507

508

509

510

511

512

513

514

515

516

517

518

519

520

521

522

523

524

525

526

527

528

529

530

531

532

533

534

535

536

537

538

539

540

541

542

543

544

545

502

546

547

548

7Einleitung

Die Fäden der Netzwerke, die einst die Befreiung aus starren sozialen Beziehungen versprochen haben, entpuppen sich immer deutlicher als Fallen. Trapped in the Net ist etwa der bezeichnende Titel eine der vielen populären netzkritischen Interventionen.[1]  Das Versprechen der Netzwerke hat sich in die Furcht verwandelt, sich nicht mehr aus ihren Fängen entwinden zu können, ja, sogar langsam von diesen stranguliert zu werden. Solche Krisendiagnosen betreffen nicht nur die Sozialen Medien, die schon lange mit dem Vorwurf konfrontiert sind, ihre User*innen so zu vereinnahmen, dass diese nicht mehr von ihnen loskommen. Auf ähnliche Kritiken stoßen wir in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Hatte etwa die netzwerkförmige Organisation die Figur des umtriebigen Netzwerkers als Ideal der Selbstbestimmung hervorgebracht, so wird ihm inzwischen die Vernetzungsarbeit immer mehr zur Last.[2]  Wurden kritische Infrastrukturen wie Kraftwerke und militärische Kommandozentren zunächst gerade durch ihre Vernetzung vor konzentrierten Angriffen geschützt, so ist diese heute zum drängenden Sicherheitsproblem geworden. Dass die Netzwerksemantik viele ihrer politischen Versprechen nicht gehalten hat, wird auch an der Neucodierung von politischem Widerstand deutlich. Die identitätspolitische Forderung nach Anerkennung – und damit die Integration in ein hegemoniales Netzwerk – erhält nun Konkurrenz durch die Suche nach Taktiken des Entzugs und der Unwahrnehmbarkeit. Die Frage, wie stark und auf welche Weise Gesellschaften vernetzt sein sollen, eröffnet ein heftig umstrittenes Terrain, auf dem sich auch neue Formen der Souveränität abzeichnen.

Ohne eine Kulturkritik der Netzwerkgesellschaft entwerfen zu wollen, möchte ich diese Kritiken ernst nehmen, denn sie weisen auf eine Erschöpfung des Netzwerkdenkens und Netzwerkhandelns hin – auf eine Erschöpfung, die sich, lange bevor sie in der 8Sozial- und Medientheorie registriert worden ist, als drängendes praktisches Problem geäußert hat. Während Netzwerktheorien unentwegt von der unendlichen Erweiterbarkeit auch als politisches Projekt träumen (wie zum Beispiel in Bruno Latours Forderung nach einem »Parlament der Dinge« deutlich wird[3] ), erscheint diese Forderung den vernetzten Subjekten mehr und mehr als Zumutung. Die Sehnsucht danach, nicht kommunizieren zu müssen, nicht erreichbar zu sein und nicht beobachtet zu werden, nimmt Zuflucht in nostalgischen Figuren einer besseren Welt jenseits der Vernetzung. Bemerkenswert ist, dass es sich hierbei nicht nur um den erschöpften Netzwerker handelt, sondern dass das Management des Netzwerks selbst mit dieser net fatigue konfrontiert ist – und dies keineswegs aus romantisierenden Gründen, sondern um die Überlebensfähigkeit von Netzwerken sichern zu können. Netzwerke drohen sich mit sich selbst zu verstricken, bis hin zur Paralyse, und suchen Abhilfe in neu zu entwickelnden Techniken der Entnetzung.

In diesem Buch verfolge ich drei Ziele: Erstens soll eine Soziologie der Vernetzungskritik skizziert werden; zweitens soll Entnetzung als theoretische Herausforderung für relationale Theorien ausgewiesen werden, um theoretische Figuren des Arelationalen entwickeln zu können; und drittens soll exemplarisch auf unterschiedlichen Feldern (Organisation, digitale Netzwerke, kritische Infrastrukturen) eine Genealogie des Entnetzungsdenkens und von Entnetzungspraktiken entworfen werden. Auch wenn diese Analysen an einigen Stellen zu zeitdiagnostischen Beobachtungen führen, so will dieses Buch weder besorgte Zeitdiagnose noch Entnetzungsratgeber sein. Sein Ausgangspunkt war vielmehr meine Beobachtung, dass einerseits Kritiken an der Vernetzung sich häufen, andererseits aber kein theoretisches Vokabular zur Verfügung steht, um Entnetzung verstehen und analysieren zu können. In der Tat hat das Buch einen seiner Anfänge in einem Projekt zu neuen Formen der Vernetzung – dem Graduiertenkolleg »Lose Verbindungen: Kollektivität im digitalen und urbanen Raum«, das von 2015 bis 2017 an der Universität Hamburg angesiedelt war. Das Kolleg interessierte sich dafür, wie sich durch neue netzwerkförmige Verbindungen Formen der Kollektivität verändern, vielleicht sogar neue bewegliche 9Kollektivitäten entstehen. Es operierte damit innerhalb eines recht euphorischen Netzwerkdenkens, markierte aber mit dem Titel »Lose Verbindungen« bereits auch dessen Grenzen: Was würde es bedeuten, wenn Verbindungen dermaßen deintensiviert und abgeschwächt würden, dass kaum noch von Verbindungen die Rede sein kann? Warum soll die Verbindung in den Vordergrund gestellt werden, und nicht die Distanz, die Unaffizierbarkeit oder der verbindungslose Rest des Verbindungsgeschehens? Die Genese dieses Buches inspirierte auch dessen Organisation: Von einer Analyse der Vernetzungskritik bewegt es sich hin zu ersten Analytiken einer Soziologie der Entnetzung.

Soziale und kulturelle Kritiken der Übervernetzung sind also der Ausgangspunkt meines Unterfangens, die ich als Spuren für ein Unbehagen am Netzwerken selbst lese. Zu diesem Zweck werde ich in Teil I ein Panorama der Vernetzungskritik in unterschiedlichen sozialen Feldern entwerfen, das von der übervernetzten Organisation über den ängstlichen Überwachungsstaat bis hin zu kritischen Infrastrukturen reicht. Die Heterogenität dieser Felder ist bewusst gewählt, da ich davon ausgehe, dass die Kritik an der Übervernetzung keineswegs auf einen sozialen Bereich beschränkt ist, sondern sich in nahezu allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen etabliert hat. Das Vokabular der Kritik wird sich allerdings stark unterscheiden; es umfasst ebenso technokratische wie humanistische Register, widerständige Losungen ebenso wie souveräne. Ich werde die These entwickeln, dass diese durchgängige, wenn auch im Detail sehr unterschiedliche Kritik auf die Selbstbezüglichkeit von Vernetzung reagiert – auf die Vernetzung um ihrer selbst willen. Damit ist bereits angedeutet, dass die Krise der Vernetzung nicht allein auf Digitalisierungsprozesse zurückzuführen ist, da sich die Selbstreferenz der Vernetzung bereits um 1900 zu installieren beginnt. Man denke etwa an die Diskurse über Neurasthenie, Geselligkeit und Schüchternheit.

Kritiken an der Übervernetzung darzustellen, bedeutet, ihren Impuls aufzunehmen, ohne ihnen in allen Hinsichten zu folgen. In der Tat mögen diese Kritiken manchmal nachgerade hilflos in ihrem Ringen um eine Sprache der Entnetzung wirken; auch suchen sie häufig Zuflucht in nostalgischen und romantisierten Vorstellungen einer »echteren« oder »authentischeren« Welt. Wie ich zeigen möchte, sollte man diese affektive und imaginäre Aufladung 10der Entnetzung als Sehnsuchtsort nicht nur als naive ideologische Täuschung abtun, und zwar deshalb, weil diese zur Funktionsweise von Entnetzung dazugehört. Es scheint kaum ein Entrinnen von diesem Effekt zu geben – sobald man von Entnetzung spricht, werden entsprechende Phantasmen angeregt. Dies mag im ersten Augenblick ärgerlich sein, zumindest dann, wenn man solcherart Romantisierungen kritisch gegenübersteht. Auf den zweiten Blick zeigt sich allerdings, dass diese Aufladung nicht bloß ein Erkenntnishindernis ist, macht sie doch darauf aufmerksam, dass die Rede von Entnetzung keine neutrale oder objektive sein kann – dass es also keinen reinen Zustand der Entnetzung geben kann. Aus diesem Grund werde ich argumentieren, dass die imaginäre Dimension notwendigerweise den Praktiken und Techniken der Entnetzung innewohnt und es ein analytischer Fehler wäre, sie beseitigen zu wollen, um so einen bereinigten Begriff der Entnetzung zu gewinnen.

Die Lektüre der Übervernetzungskritiken ist ein gutes Fundament, um über den Status von Vernetzung nachzudenken. Übervernetzung suggeriert die Möglichkeit einer angemessenen Vernetzung – sei es eine, die menschlichen Vernetzungsbedürfnissen entspricht, oder eine, die effizient und sicher ist. Es wird sich jedoch herausstellen, dass solche Annahmen einer angemessenen, »normalen« Vernetzung fatal sind, weil sie Übervernetzung zu einem vermeidbaren Übel machen. Übervernetzung kann dann auf vielfache Weise pathologisiert und problematisiert werden, ohne das eigentliche Problem in den Blick zu bekommen, das mit der Vernetzung selbst zu tun hat. Ich werde dagegen vorschlagen, das Überborden der Vernetzung nicht als Ausnahme, Fehler oder Unfall anzusehen, sondern als konstitutiven Bestandteil des Netzwerkens. Netzwerke haben per se einen exzessiven Charakter, sind immer schon von einem Netzwerkfieber befallen, immer schon vom Verlangen geprägt, neue Verbindungen zu schaffen und Muster zu identifizieren. In die Netzwerke schreibt sich damit, wie ich argumentieren werde, ein Moment der Apophänie – der unkontrollierten Lust am Muster – ein. Dies bedeutet, dass der Begriff des Netzwerks ebenso wenig ein neutraler Begriff ist wie jener der Entnetzung. Wir sind mit der nahezu umgekehrten Situation konfrontiert: So schwer es fällt, Entnetzung nicht nur als Fluchtbewegung in übersichtlichere Zusammenhänge zu sehen, so schwer fällt es auch, das Netzwerk 11nicht nur als technische Beschreibung von Beziehungen zu verstehen. Während bei der Entnetzung die imaginäre Aufladung zu verdecken droht, dass gerade mit ihrer Hilfe konkrete Praktiken und Techniken der Entnetzung entworfen und ausprobiert werden, so tendiert der Begriff des Netzwerks dazu, seine eigene imaginäre Grundlage auszublenden, um auf diese Weise einen Objektivitätseffekt zu erzielen. Die Notwendigkeit einer solchen Entobjektivierung des Netzwerkbegriffs kündigt sich also indirekt bereits in den Kritiken der Übervernetzung an. Daher muss der Begriff des Netzwerks entnaturalisiert werden: Er darf nicht als bloße sozialstrukturelle Beschreibung begriffen werden, sondern ist als imaginär strukturierte Ordnungstechnik zu verstehen, die mit eigenen politischen Rationalitäten und Kontrollformen verbunden ist.

Die Analyse der Vernetzungskritik wirft also bereits eine Reihe von theoretischen Fragen auf. Das, worauf diese Kritiken indirekt aufmerksam machen, ist das Netzwerkfieber, das heißt die fatale Unentrinnbarkeit des Netzwerkens. Genau diese Unentrinnbarkeit charakterisiert jedoch auch die Architektur von relationalen Theorien, wenn auch nicht durchgängig. Ich werde zu zeigen versuchen, wie sich an den Rändern dieser Theorien Momente der Arelationalität formieren, die sich nicht vollständig in Relata eines Beziehungsgefüges auflösen lassen. Es geht darum, Begriffe für diesen hartnäckigen Rest zu finden; mehr noch, über die Begrifflichkeit des Restes hinauszukommen, um Entnetzung nicht nur als Nebeneffekt oder Unfall des Vernetzungsgeschehens denken zu können. Eine Soziologie der Entnetzung ist demzufolge nicht als Soziologie der Störung angelegt, sondern richtet sich auf jene Praktiken, Techniken und Imaginationen, mit deren Hilfe ein entnetzter Zustand geschaffen werden soll.

So verstanden, operiert Entnetzung notwendigerweise paradox, da sie mit den Mitteln der Netzwerke an deren Auflösung arbeitet. Es ist daher nötig, Entnetzung gleichzeitig als Vernetzungsgeschehen und als Entnetzungsgeschehen zu denken. Sobald man sich begrifflich von dieser Ambivalenz löst, läuft man Gefahr, das zu verlieren, was Entnetzung ausmacht. Gibt man die Ambivalenz zugunsten der Vernetzungsseite auf, müssen alle Phänomene der Entnetzung als ebenso vergebliche wie naive Versuche gelesen werden, der allumfassenden Logik der Vernetzung zu entkommen. Entnetzung wäre dann lediglich eine nicht einmal besonders raffinierte 12Ideologie, nicht mehr als ein Eskapismus der Netzwerkgesellschaft. Höhnisch mag man dann den Entnetzungspraktiker*innen und -theoretiker*innen vorwerfen, dass sie bereits das grundlegendste Axiom der Netzwerkgesellschaft nicht verstanden haben: dass es kein Außen von Netzwerken gibt und dass daher jede Form der Entnetzung eine naive subjektivistische Selbsttäuschung ist. Wenn man jedoch umgekehrt diese begriffliche Ambivalenz zugunsten der Entnetzungsseite auflöst, dann drohen romantisierende Vorstellungen eines unvernetzten Außen, das unabhängig vom Netzwerkgeschehen existiert und durch individuelle Askese und individuelle Praktiken des Ausstiegs erreichbar wäre. Das Entnetzte figuriert dann als ein Sehnsuchtsort, dessen soziale und technologische Verfasstheit aus dem Blick gerät. Ein derart naturalisiertes Entnetztes entzieht sich systematisch einer kritischen Analyse der disziplinierenden und kontrollierenden Effekte von Entnetzung.

Es gilt also, Denkfiguren zu entwickeln, mit deren Hilfe sich diese begriffliche Ambivalenz erkunden und erfassen lässt. Zu diesem Zweck untersuche ich in Teil II fünf konsequent relationale Sozialtheorien im Hinblick darauf, ob und, falls ja, wie sich in ihnen Grenzen der Relationalität bemerkbar machen: Die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) Bruno Latours, die Systemtheorie Niklas Luhmanns, die Rhizomatik Gilles Deleuze’, die poststrukturalistische Diskurstheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe sowie Georg Simmels Soziologie der Wechselwirkungen. All diesen ansonsten sehr unterschiedlichen Sozialtheorien ist gemeinsam, dass sie antiessentialistisch gebaut sind, das heißt sämtliche sozialen Entitäten als Produkte oder Effekte relationalen Geschehens denken. Diese Relationalität hat unterschiedliche Namen: Assoziation (Latour), Konnektivität (Luhmann), rhizomatische Konnektion (Deleuze), Artikulation (Laclau/Mouffe) und Wechselwirkungen (Simmel).

Das Problem, mit dem die genannten Theorien konfrontiert sind, besteht darin, auch Gegenbegriffe für das Beziehungsgeschehen entwickeln zu müssen – und sei es nur, um diese sogleich wieder aus der Analyse auszuschließen. So finden sich einzelne Hinweise auf ein Denken der Arelationalität als soziomaterielles Phänomen: bei Latour die Figur des Plasmas als dasjenige, das den Netzwerken entgeht; bei Luhmann die Anschlussunfähigkeit als eine spezifische Fähigkeit, es nicht zur Verbindung kommen zu lassen; bei Deleuze die Vakuolen als dem rhizomatischen Geschehen enthobene Orte 13des Nichtgeschehens; und bei Laclau die diskursiven Ruinen als Ergebnisse von Disartikulationspraktiken oder die Indifferenz (Simmel) als Moment der Nichtadressierbarkeit inmitten sozialer Wechselwirkungen.

Entscheidend ist für mich, dass in diesen Figuren oder Begriffen die oben thematisierte Ambivalenz weiterlebt. Denn sie bezeichnen nicht ein unzugängliches Außen relationaler Gefüge, sondern befinden sich inmitten von diesen und entfalten durch diese Positionierung erst ihre eigentümliche Faszinationskraft. Auf der Grundlage dieser Lektüren unternehme ich einen ersten Anlauf einer Analytik der Entnetzung – nicht angelegt als eine große Metatheorie, sondern eher als eine Bricolage unterschiedlicher Momente, mittels deren sich Entnetzung genauer erfassen lassen soll. Um Entnetzung von bloßen Störungen und Unfällen abzugrenzen, werde ich von »Taktiken« und »Strategien« der Entnetzung sprechen. Auf diese Weise soll die Gerichtetheit von Praktiken der Entnetzung in den Blick geraten, ohne diese subjekttheoretisch zu erklären.

Da es mir in diesem Buch nicht darum geht, einen abstrakten begrifflichen Rahmen zu entwerfen, um ihn dann unterschiedlichen Phänomenen überzustülpen, handelt es sich bei meiner Analytik der Entnetzung um eine Zwischenstation, die einerseits bereits von den danach folgenden exemplarischen Analysen informiert ist, andererseits aber noch so im Fluss ist, dass sie durch diese Analysen weiterentwickelt wird. Als Bindeglied zwischen den feldspezifischen Genealogien der Entnetzung und meinen theoretischen Lektüren fungiert Teil III, in dem es um Sozialfiguren der Entnetzung gehen wird. Ich werde dazu den Begriff der Sozialfiguren entpersonalisieren, um eine subjekttheoretische Zuspitzung der Entnetzungsproblematik zu vermeiden. Anhand der Figuren des Schüchternen, des Ladenhüters und des Bufferings werde ich fragen, wie Entnetzung in populären Diskursen verhandelt wird. Diese Figuren stehen exemplarisch für drei unterschiedliche Entitäten der Entnetzung: der Schüchterne für entnetzte Subjekte, der Ladenhüter für entnetzte Dinge und das Buffering für entnetzte Daten. Wie ich argumentieren werde, stellt sich dadurch aber auch die konzeptuelle Frage, welchen Status entnetzte Einheiten haben, bzw. wie diese gefasst werden könnten, ohne eine atomistische Perspektive zu verfolgen.

Schließlich möchte ich in Teil IV exemplarisch aufzeigen, wie 14sich in Auseinandersetzung mit der Kritik an der Übervernetzung ein praktisches Wissen der Entnetzung formiert und welche Praktiken und Techniken es hervorbringt. Ich werde mich auf drei unterschiedliche exemplarische Felder der Entnetzung konzentrieren: Organisationen, digitale Netzwerke und kritische Infrastrukturen. Zwar überlappen diese drei Felder auf vielfältige Weise – man denke nur an die Digitalisierung von Organisationen und deren Sicherheitsinfrastrukturen –, aber dennoch handelt es sich insofern um distinkte Felder, als sie unterschiedliche Traditionen der Reflexion herausgebildet haben: die Organisationstheorie, die Medientheorie und die Infrastruktur- beziehungsweise Security Studies. Auch wenn sich diese Diskussionen wechselseitig kaum beachten, formulieren sie ähnliche Problemlagen der Übervernetzung. Wir werden aber sehen, dass sich die Kriterien für dieses »Über«, also dafür, was wann als »zu viel« gilt, je nach Feld beträchtlich voneinander unterscheiden. Ich gehe bewusst von Feldern aus, um nicht ein überlastetes, zu entnetzendes Subjekt als Ausgangspunkt zu nehmen. Nur so kann es gelingen zu verstehen, wie Entnetzung im Zusammenspiel mit Vernetzung zustande kommt – als Bündel taktischer und strategischer Praktiken, die auf Problemlagen in den jeweiligen Felder bezogen sind.

Die bereits in Teil III geleistete Analyse der Sozialfiguren gibt zwar wichtige Hinweise auf die jeweilige Problematisierung von Übervernetzung, bedarf aber der Ergänzung durch andere Wissensformen, die das Entwerfen von Entnetzungspraktiken begünstigen und anregen. Zu diesen gehören fiktionale populärkulturelle Thematisierungen von Entnetzung, künstlerische Projekte sowie konkrete Versuche, Entnetzungstechniken zu etablieren. So wird zum Beispiel das Konzept des organisatorischen Slacks, das für fehlallokierte, überflüssige Ressourcen steht, auf die populärkulturelle Figur des Slackers bezogen; künstlerische Installationen zu Datenabfall stoßen auf medientechnische Diskussionen zum Löschen; Techniken zur Sicherung von Daten in IT-Diskursen begegnen Johnny Mnemonic, einem frühen Helden der Cyberpunkliteratur. Die Einbettung in fiktionale Materialien erlaubt es, den Experimentalcharakter der Entwicklung von Entnetzung deutlicher herauszuarbeiten. Wenn es richtig ist, dass Entnetzungspraktiken immer auch Imaginationen der Entnetzung mitproduzieren, dann kann diese imaginäre Dimension durch Fiktionen besonders gut 15erfasst werden. Das bedeutet aber keineswegs, dass ich von einer strikten Trennung zwischen Fiktion und Realität ausgehe, ganz im Gegenteil: Auch konkrete Versuche der Entnetzung werden von fiktionalen Darstellungen der gewünschten Entnetzungseffekte begleitet und entwickeln Bilder der Übervernetzung. Dadurch, dass sich unterschiedliche Materialtypen begegnen, können die imaginären Aspekte akzentuiert werden, genauso wie die fiktionalen Darstellungen auf die in ihnen entworfenen Praktiken hin lesbar werden.

Mit Blick auf die vielgestaltige und reiche Geschichte der Entnetzungspraktiken muss meine Analyse der drei Felder notgedrungen exemplarisch bleiben. Ich biete keine große Erzählung der Entnetzung, sondern konzentriere mich auf einzelne Episoden, Konstellationen und Figuren, die als Vignetten für unterschiedliche Aspekte dienen sollen. In diesem Sinne arbeitet meine Analyse des Organisationsfelds im ersten Kapitel von Teil IV heraus, wie erste Vorstellungen und Konzepte von Entnetzung noch vor der heutigen Netzwerkorganisation entwickelt worden sind – als gleichsam präadaptive Antworten auf künftige Probleme. Die fraglichen organisationstheoretischen Konzepte werden dadurch attraktiv, dass sie nicht nur als Deskriptionen fungieren, sondern dass sie auch neue Managementtechniken ermöglichen. Der in diesem Zusammenhang zu diskutierende Begriff der losen Kopplung ist beispielsweise sowohl deskriptiv als auch präskriptiv angelegt; er hilft bei der Diagnose der Beziehungsdichte und ist Grundlage von Techniken zu ihrer Lockerung bis hin zum decoupling. Die Analyse von organisationstheoretischen Konzepten ergänze ich durch typische Phänomene der Organisationsentnetzung, wie sie etwa die Gegenbewegungen zum Ideal offener Kommunikation im Open Office hervorgebracht haben. Das Entnetzungswissen in Organisationen wirft auch ein Schlaglicht auf einen wichtigen allgemeinen Aspekt von Entnetzung. Entnetzung geschieht nicht einfach, sondern sie muss organisiert werden – sei es durch wohlüberlegte Strategien, sei es durch Ad-hoc-Taktiken.

Ich habe schon erwähnt, dass sich erste Formen der Entnetzung im Feld der Organisation vor dem Einzug der Digitalisierung etabliert haben; und selbst in der modernen Organisation zeigt sich Übervernetzung nicht nur als Problem der digitalen Vernetzung im engeren Sinne (etwa in Gestalt der Überforderung durch per16manente Erreichbarkeit), sondern auch unabhängig davon in der generellen Steigerung von Vernetzungsaktivitäten (etwa durch die Zumutungen der forciert zwanglosen Teamarbeit). Nebenbei zeigt sich dadurch, dass eine Analyse der Digitalisierung, welche diese als Virtualisierung denkt, deren soziale Relevanz unterschätzt. Denn sie ist blind dafür, dass auch durch digitale Medientechniken geformte Vernetzungsanforderungen sich nicht mehr um die Unterscheidung zwischen Online und Offline scheren. Dies ist der Einsatzpunkt des zweiten Kapitels in diesem Teil IV, in dem eine doppelte Perspektive auf Entnetzung eingenommen wird, um die Grenzen digitaler Anschlussfähigkeit zu diskutieren: Einerseits geht es um Entnetzung auf der Ebene von Medientechniken, andererseits um Entnetzung auf der Ebene subjektiver Erfahrung. Der Blick auf die Medientechniken interessiert sich für die Entnetzung von Daten innerhalb digitaler Infrastrukturen. Auf welche Weise leben Daten, die ihre Anschlussfähigkeit verloren haben, weiter? Dies wird mich zur Diskussion verlorener Datenpakete, ihres Fortlebens als »schmutzige« Daten und der Datenhygiene führen. Die Beschreibung dieser anschlusslosen Daten nutzt häufig organische Metaphern, beispielsweise die der Zersetzung oder des digitalen Verfalls. Mit dem Begriff der internalisierenden Analogisierung verstehe ich diese Metaphern als Versuche, im Inneren von digitalen Netzwerken ein Außen zu schaffen und die Endlichkeit digitaler Verbindungen denkmöglich zu machen. Beim Blick auf die subjektiven Erfahrungen interessieren mich die Strategien der externalisierenden Analogisierung, die einen analogen Ort außerhalb digitaler Netzwerke schaffen sollen. Exemplarisch diskutiere ich dies am Beispiel des Digital-Detox-Tourismus und an den Kämpfen um ein »Recht auf Diskonnektion« in Unternehmen. Dabei betont mein Begriff der Analogisierung, dass das Analoge zwar auch, aber eben nicht nur ein Phantasma ist. Es existiert nicht immer schon, sondern muss durch spezifische Praktiken erst hergestellt werden.

Schließlich befasse ich mich im letzten Kapitel von Teil IV mit dem Feld der Sicherheitsdiskurse und Sicherheitstechniken zum Schutz kritischer Infrastrukturen. Wie kann gezielt Anschlussunfähigkeit hergestellt werden, um wichtige Daten und Server zu schützen? Zwei Schauplätze, die gleichermaßen in der IT-Community und in der Populärkultur prominent geworden sind, dienen mir als Ausgangspunkt: die Idee eines Air Gaps (das heißt eines Luft17grabens in Netzwerken), mit dessen Hilfe eine perfekte Isolierung von Infrastrukturen möglich sein soll; und das Sneakernet (buchstäblich ein Turnschuhnetzwerk), welches menschliche Körper gerade wegen ihrer digitalen Anschlussunfähigkeit in eigenständigen Botennetzwerken einsetzt. Mich interessiert weniger, ob etwa das Air-Gap-Modell funktioniert, sondern ich stelle die Frage, welche Vorstellungen der Entnetzung sich in solchen Modellen äußern. Es geht also zum einen und zunächst um Entnetzungsstrategien, welche Netzwerke durch Isolierungsmaßnahmen schützen sollen, ohne sie zu zerstören, und zum zweiten um Entnetzungstaktiken und -strategien, welche unmittelbar in das Netzwerkgeschehen eingreifen. Die Figur des Kill Switch (Ausschalters) soll gefährlichen Netzwerkdynamiken als letzte Option dadurch begegnen, dass ein Netzwerk ausgeschaltet werden kann. Wiederum ist es müßig, darüber zu streiten, ob ein solches Ausschalten möglich ist, sondern es geht um die diskursiven und praktischen Effekte eines solchen Schalters. Ich werde das Problem erneut aus zwei Perspektiven diskutieren: als präemptiven nationalstaatlichen Internet-Kill-Switch und als reaktiven Kill Switch zur Eindämmung eines feindlichen Virenangriffs. In den Sicherheitsdiskursen wird die Frage der Entnetzung häufig so stark radikalisiert, dass sich die Entnetzung als neue Grenzziehung entpuppt: sei es als Isolation, sei es als Ausschalten. Solche Grenzziehungsprojekte sind aber gerade wegen ihrer Unmöglichkeit für eine Soziologie der Entnetzung interessant. Denn das, was sie zu bewirken imstande sind, kommt nicht erst dann zum Tragen, wenn es erfolgreich durchgeführt wurde, sondern bereits dadurch, dass sie mediale Infrastrukturen und Akteure auf die mögliche Abschaltung des Internets vorbereitet. In diesem Kapitel zeigt sich besonders deutlich der politische Charakter von Entnetzung: Die Fähigkeit zur Entnetzung könnte neue Formen der politischen Souveränität ankündigen. Der Teil schließt mit einer kurzen Analyse von Cyberapokalypsen, die jenen Zustand imaginieren, der viele Sicherheitsfantasien implizit anleitet: den vollständigen Zusammenbruch digitaler Infrastrukturen durch einen Virenangriff. Dabei geht es mir nicht so sehr um die Katastrophe selbst, sondern ich versuche, diesen Szenarien ihr apokalyptisches Pathos zu nehmen, um sie als ein weiteres diskursives Terrain zu lesen, das Praktiken der Entnetzung inspiriert.

***

18Die letzten Seiten dieses Buch wurden während der Corona-Pandemie geschrieben, zu der bereits erste soziologische und kulturtheoretische Analysen erschienen sind. Dennoch habe ich mich dagegen entschieden, aus diesem Buch auf den letzten Metern ein »Pandemiebuch« zu machen. Ich teile mit McKenzie Wark die Vorbehalte gegenüber einer zeitnahen Einordnung unvorhergesehener Ereignisse in etablierte theoretische Modelle, sei es das des Ausnahmezustands oder das der funktionalen Differenzierung.[4]  Theorie droht dann schnell, töricht und selbstverliebt dazustehen, die Position eines allwissenden Erzählers einzunehmen, der entweder die Erfüllung der eigenen Diagnosen erschreckt feiert oder eilig nach Gründen sucht, warum es doch anders gekommen ist als vom eigenen Ansatz prognostiziert, ohne diesen selbst in Frage zu stellen. Damit will ich nicht sagen, dass theoretische Analysen nichts zu den gegenwärtigen Entwicklungen zu sagen hätten und sagen könnten.

Gewiss gehören Pandemien zu jenen Phänomenen, in denen sich globale Anschlussfähigkeit kristallisiert: Globale Vernetzung wird plötzlich als Gefährdung sichtbar und sich selbst zum Problem. Die Logik der Ansteckung als unkontrollierte Form der Vernetzung hat viele der Positionen, die ich in diesem Buch diskutiere, geprägt: von den sich über Ansteckung fortsetzenden Nachahmungsketten bei Gabriel Tarde bis hin zur viralen Logik der rhizomatischen Netzwerke bei Deleuze. Diese Logik steht für die Eskalationsdynamik von Netzwerken und für ihre Unkontrollierbarkeit. Wie schon angedeutet, sind genau solche Dynamiken zum Gegenstand von Kritiken geworden und haben zur Entwicklung von Praktiken der Entnetzung geführt. Einige der hier diskutierten Figuren erscheinen im Lichte der Pandemie allerdings in einem neuen Licht oder haben eine unerwartete Prominenz gewonnen. Die Figur des Schüchternen wird nun nicht mehr nur als defizienter Netzwerker gesehen, sondern als kompetenter Praktiker des »social distancing«; das Buffering hat sich durch die verstärkte digitale Vernetzung im Home Office und beim E-Learning zu einem Bandweitenproblem gesteigert, das mit neuen Politiken der Regulierung von Datenströ19men einhergeht; und der Ladenhüter, die unbewegte Ware, ist zum deutlich sichtbaren, massenweisen Ausdruck von ins Stocken geratenen Zirkulationsströmen geworden.

Die gegenwärtigen Diskurse um die erzwungene Entnetzung während der Pandemie teilen mit der Geschichte des Entnetzungsdenkens das Oszillieren zwischen Romantisierung und Kontrollvisionen. So werden Momente der Entschleunigung als neue Resonanzerfahrungen verklärt, wird eine geradezu anthropologische Opposition zwischen Sozialität und Distanz aufgemacht oder von der managerialen Kontrollierbarkeit von Entnetzung geträumt. Der Blick auf die Genealogie des Entnetzungsdenkens mag auf die Schwierigkeiten solcher Diagnosen hinweisen und die notwendige Ambivalenz von Praktiken und Vorstellungen der Entnetzung betonen, aber er kann nicht einer sorgfältigen Analyse der sich neu abzeichnenden Formen der Entnetzung samt ihrer Effekte vorgreifen. Entnetzung bedarf gleichermaßen der grundbegrifflichen Arbeit wie auch der Historisierung; sie muss in je konkreten Konstellationen freigelegt und in ihrer Spezifizität verstanden werden. Damit will ich mich aber keinesfalls in den Chor jener pompösen Stimmen einreihen, die behaupten, nun müsse alles radikal neu gedacht werden. Auch dies scheint mir ein Symptom theoretischer Selbstüberschätzung zu sein sowie das Kennzeichen einer aktivistischen Soziologie, die das Neue prämiert und das Obsolete schnell auszuklammern sucht. Ich werde in diesem Buch versuchen, einen behutsameren Weg einzuschlagen: den der Entwicklung einer provisorischen und gewiss auch brüchigen Analytik der Entnetzung, die sich nicht einfach von der Tradition des relationalen Denkens freischwimmen kann, sondern ihrer bedarf, um überhaupt erst über Entnetzung nachdenken zu können.

21I.Netzwerkfieber: Zeitdiagnosen der Übervernetzung

23Entnetzung tritt nicht von außen an netzwerkförmige Gesellschaften heran, sondern wird von diesen selbst produziert. Erst die sichtbare Krise der Übervernetzung – das »Netzwerkfieber«[1]  – hat dazu geführt, dass gegenüber den zunächst technischen, später auch emanzipatorisch anmutenden Netzwerkrhetoriken ein Unbehagen formuliert werden konnte. Die Rede von Netzwerken ist meist von einer bemerkenswerten Doppelung geprägt, da sie gleichzeitig eine theoretische und eine empirische Logik des Netzwerks benennt.[2]  Ein solches Zusammenfallen von Analytik und Gegenstand mag zwar ein Zeichen großer Passgenauigkeit sein, worauf nicht zuletzt der Erfolg von Netzwerktheorien fußt. Gleichzeitig läuft die Analyse auf diese Weise jedoch Gefahr, die nötige Distanz zum Gegenstand zu verlieren. Befindet sich, so fragt etwa Marieke de Goede,[3]  die Sprache der Netzwerktheorie nicht vielleicht bereits so nahe an ihrem Gegenstand, dass es zu einer unbeabsichtigten und unerwünschten Komplizenschaft kommt? Es mag also gerade der Erfolg von Netzwerksemantiken sein, der uns zweierlei ausblenden lässt: die immanente Steigerungslogik von Netzwerken und den Verlust eines Außen von Netzwerken. Wenn aber weder die immanente Krisenhaftigkeit noch die Grenzen von Netzwerken denkbar sind, dann wird auch der Blick auf das Zerschneiden von Verbindungen, auf Verbindungen, die ins Leere laufen, oder auf Taktiken des Entzugs – also auf das, was ich »Entnetzung« nennen werde – verstellt. Indem ich von Entnetzung spreche, lasse ich mich unweigerlich ein Stück weit auf die Netzwerksemantik und die damit einhergehenden Techniken ein. Die Herausforderung wird darin bestehen, 24sich mit Netzwerken zu beschäftigen, ohne die beiden genannten Ausblendungen zu übernehmen – also, von Netzwerken als Gegenstand und als Logik zu sprechen, ohne sich davon vollständig affizieren zu lassen.

Dazu wird es nötig sein, die Tautologie von Netzwerkanalysen gleichzeitig zu nutzen und zu verunreinigen. Wenn es richtig ist, dass die Netzwerkkonzepte an der Herstellung ihres Gegenstandes – den zu analysierenden Netzwerken – beteiligt sind, dann handelt es sich dabei nicht (nur) um eine Analyse aus der Perspektive eines allwissenden soziologischen Erzählers, die das Netzwerken zum Ursprung ihres Narrativs macht; vielmehr geht es um die Einsätze und Effekte, welche das gesellschaftliche Reden über Netzwerke hervorbringt. So hat Annelis Riles zum Beispiel ethnographisch aufgezeigt, welchen Beitrag diese Semantik für die Herstellung politischer Netzwerke spielt;[4]  andere Studien heben die performativen Effekte der Netzwerkrhetorik für die Herausbildung einer vernetzten Politik (networked policy) und von Sicherheitsdiskursen hervor.[5]  Wenn ich im Folgenden von Netzwerken spreche, dann also nicht im Sinne einer nichthinterfragbaren Gegebenheit, nicht im Sinne einer soziologischen Zeitdiagnose (wie sie beispielsweise Manuel Castells vorlegt hat[6] ), aber auch nicht im Sinne einer beliebigen theoretischen Heuristik. Vielmehr nehme ich ein Ensemble diskursiver, affektiver und medientechnologischer Elemente in den Blick, durch die Netzwerke als selbstreflexiver Gegenstand erst hervorgebracht werden.

Die Frage, ob wir tatsächlich in einer Netzwerkgesellschaft leben oder nicht, lässt sich aus dieser Perspektive nicht beantworten – sie ist letztlich aber auch theoretisch unergiebig, zehrt sie doch von der Privilegierung des eigenen Vokabulars und der soziologischen Lust an der Vervielfältigung von Gesellschaften. Der Einsatz der Netzwerksemantiken und Netzwerktechniken produziert aber dennoch reale »net effects«,[7]  die weit über den Bereich der Theorie hi25nausreichen. Netzwerke sind Beobachtungs- und Machttechniken, mittels derer Verbindungen aufgespürt oder hergestellt werden. Gewiss, unter der Netzwerkmetapher versammeln sich ganz unterschiedliche Typen von Netzwerken, von Transportinfrastrukturen über soziale Gruppen bis hin zu Mediennetzwerken, und je nach Netzwerktheorie werden diese auch unterschiedlich gefasst. Sie reichen von den klassischen Node-edge-Konzeptionen bis hin zu heterogenen Liniengefügen.[8]  Ich werde auf einige dieser Konzeptionen ausführlicher zu sprechen kommen, aber beanspruche nicht, einen Überblick über die Netzwerkkonzepte zu geben. Ein Zeichen des praktischen Erfolgs der Netzwerksemantiken besteht auch darin, dass diese sich begrifflich teilweise ausschließenden Konzeptionen sich inzwischen sogar miteinander vermischt haben. Das Netzwerk hat damit seine engen Bereiche verlassen und ist zu einer totalisierenden Metapher und einer ebensolchen Technik geworden: »[D]as holistische Modell des Netzwerks kann weder auf eine Verzerrung reduziert werden noch sollte es als Fehlinterpretation abgetan werden […].«[9]  Ungeachtet seiner empirischen Angemessenheit hat sich dieses Modell zu einer im Foucault’schen Sinne politischen Rationalität entwickelt: »Diese politische Rationalität hat eine zeitgenössische ›Wahrheit‹ der Netzwerke hervorgebracht, die uns anhält, Konnektivität und die Aufrechterhaltung von Strömen als die angemessene Nutzung von Freiheit in einer durch Netzwerke bestimmten Welt zu betrachten.«[10]  Damit ist bereits angedeutet, dass Technologien des Netzwerkens keineswegs neutral sind und dass es zu kurz gegriffen wäre, den Netzwerkbegriff rein deskriptiv zu verwenden. Vielmehr fördert die Technologie des Netzwerkens ein netzwerkförmiges Verhalten, das ich als Ethos der Konnektivität bezeichnen werde. Netzwerke lassen sich nur dann erfolgreich herstellen, wenn der Flow der Kommunikation nicht versiegt, wenn einzelne Aktanten die Fähigkeit mitbringen, selbst zu leistungsstarken Leitmedien zu werden. Die Attraktivität dieser Technologien und und dieser Semantik liegt gerade in der Doppelung des Netzwerkbegriffs. Einerseits beschreibt er heterogene und konkrete Ver26bindungsbewegungen (wie etwa in der von Bruno Latour entwickelten Akteur-Netzwerk-Theorie, kurz: ANT), andererseits bietet er eine Formalisierung des Sozialen an (wie etwa in topologischen Netzwerkmodellen). Theoretisch befinden sich diese beiden Positionen häufig in einer widersprüchlichen Beziehung, als politische Rationalität allerdings ziehen sie in der Überhöhung und Ethisierung eines Verbindungsbegriffs am selben Strang. Dies mag auch erklären, warum die Netzwerkmetapher gleichermaßen für die Vermessung des Sozialen durch immer neue Formen der Kontrolle wie auch für antihegemoniale Bewegungen von Bedeutung ist.

Mit dieser Historisierung von Netzwerktechnologien möchte ich mich aber nicht nur in einer Beobachtung zweiter Ordnung üben. Die Tautologie der Netzwerkgesellschaft zwingt uns auch dazu, die theoretischen Begrifflichkeiten der Analyse zu überdenken. Man mag, wie bei Riles, dieses doing von Netzwerken selbst wiederum in affinen Begrifflichkeiten analysieren,[11]  oder man könnte für größtmögliche Distanz optieren und sich für die inkongruente Perspektive einer anderen Theorie entscheiden. Damit kann zwar die tautologische Verweisungskette unterbrochen werden, aber zugleich droht das theoretische Potential, das im Gegenstand steckt, damit verloren zu gehen. Eine dritte Möglichkeit skizziert Martin Coward in seinem programmatischen Aufsatz »Against Network Thinking«,[12]  der einerseits eine scharfe Kritik an den politischen Implikationen von Netzwerkkonzepten entwickelt, gleichzeitig aber an Elementen der Netzwerktheorie (hier vor allem der ANT) festhält, um diese zu erweitern. Man muss Cowards Erweiterungsversuch nicht vollständig teilen, um ihr Potential zu sehen: Er schlägt vor, Begriffe der Gemeinschaft, der Atmosphäre und der Kultur in die Netzwerktheorien einzuführen. Fruchtbar an dieser Doppeloperation ist, dass die Kritik der empirischen Netzwerke hier nicht einfach zu deren theoretischer Verabschiedung führt, sondern zu einer Verschiebung innerhalb der jeweiligen Netzwerkkonzeption inspiriert. Stefan Helmreich hat in seiner großen Studie Alien Ocean eine ähnliche Doppelbewegung vorgeführt:[13]  Konzeptionen des Wassers sind ihm 27zufolge selbst performative Kräfte, welche in Netzwerken zum Einsatz kommen, zugleich fungieren sie aber auch als Modelle für die eigene Theoretisierung des Gegenstands – Modelle, die auf diese Weise sowohl historisiert als auch theoretisch aufgeladen werden. Es mag sich dabei um ein buchstäbliches Lavieren auf rutschigem (weil nassem) Grund handeln, das sich einer theoretischen Rahmung entzieht. Das heißt aber nicht, dass dieses Lavieren theoretisch enthaltsam sein muss; vielmehr regen bei Helmreich die Metaphern des Wassers die theoretische Einbildungskraft an. Ähnlich wird hier mit Blick auf die Netzwerke verfahren.

Es ist diese vorsichtige Aneignung von Metaphern und Modellen für die theoretische Arbeit, welche die zuvor erwähnte Tautologie der Netzwerkgesellschaft zwar nicht auflösen kann, aber auch nicht mehr reibungslos funktionieren lässt. So können auch die Effekte des tautologischen Sprechens über Netzwerke sichtbar gemacht werden. Denn der Erfolg der Tautologie selbst führt zu einer Übersteigerung der Netzwerksemantik, die im Zuge der politischen und ökonomischen Hoffnungen, welche in Vernetzung gelegt wurden, häufig übersehen worden ist, nicht zuletzt, weil die Übersteigerung ihrerseits Teil des »Netzwerkfiebers«[14]  ist. Dieses Fieber befällt die Netzwerke nicht von außen, sondern ist konstitutiver Teil von diesen,[15]  und zwar sowohl auf ihrer operativen als auch imaginären Ebene. Netzwerke sind immer mehr als die bloße Verbindung zwischen zwei Knotenpunkten oder Ereignissen, mehr als eine bloße Assoziation von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren. Sobald Netzwerke zu einem selbstreflexiven Prinzip und Ethos geworden sind, sind sie auch von der Vorstellung eines perfekten Netzwerks geprägt, »wo alles miteinander verbunden und das Netzwerk allgegenwärtig ist«.[16]  Diese Fantasie der eigenen Perfektion und Universalität funktioniert als Triebkraft der Vernetzung; sie stachelt die Suche nach noch nicht Verbundenem und weiteren zu überschreitenden Grenzen an. Zugleich ist das Netzwerkimaginäre von einem tiefen Misstrauen geprägt: Die Macht des Netzwerks »wird als mangelhaft befunden – faul und unzureichend, 28sich immer schon zersetzend«.[17]  Denn je stärker sich Netzwerke ausbreiten, umso beunruhigender wird die Vermutung, dass einzelne Knotenpunkte nicht funktionieren könnten. Daher ist für Tung-Hui Hu die grundlegende Struktur des Netzwerks – von den frühen Transportnetzwerken bis zu den Clouds – intrinsisch paranoid. Das Netzwerk ist sich selbst nie transparent. Die Vermutung der Abweichung und Illoyalität und damit das Eingeständnis in die Brüchigkeit der eigenen Macht begleitet es von Anfang an. Diese paranoide Struktur[18]  ist keineswegs ein Hindernis für die Ausbreitung von Netzwerken, vielmehr liegt in ihr die grundlegende Dynamik der Übersteigerung begründet. Wenn es illoyale Knotenpunkte oder ins Leere laufende Verbindungen gibt, müssen noch mehr Verbindungen geschaffen werden, um diese Ausfälle zu verhindern. Eine kritische Analyse von Netzwerktechniken, Netzwerksemantiken und Netzwerkaffekten müsste also dazu in der Lage sein, das »Zuviel«, das durch die Übersteigerung geschaffen wird, zu erfassen.

Damit erhält eine soziologische Analyse einen ungewohnten Ausgangspunkt. Es geht nicht um die Knappheit von Verbindungen oder um den Mangel an Informationen, sondern um einen Überfluss, der zum normalen Funktionieren von Netzwerken gehört. Es gilt also, eine Soziologie des Überflusses und nicht eine des Mangels zu betreiben.[19]  Die Netzwerktechnologien produzieren immer mehr Verbindungen, erhöhen die an Mensch und Technik gestellten Anforderungen in Sachen Verbindungsfähigkeit, erweitern ständig den Bereich des Verbindbaren. Wir haben es mit einer ebenso exzessiven wie paranoiden Logik zu tun. Der Begriff der Übersteigerung oder der Übervernetzung mag selbst etwas irreführend sein, nämlich dann, wenn er so verstanden wird, dass es unter geeigneten Bedingungen ein gemäßigtes, wohltemperiertes und ausgeglichenes – kurz: normales – Netzwerk geben könnte. Genau dies wird denn auch eine der Visionen sein, welche die unterschiedlichen Kontroll- und Regulierungsvorstellungen von Netzwerken bestimmen werden: Netzwerke zu bändigen, sie zu normalisieren 29und sie zu heilen, das heißt von ihrem Fieber zu befreien.[20]  Solche Vorstellungen werden sich in einigen Hinsichten als fatal erweisen, da sie das Netzwerkfieber nur als Krankheit, nicht aber als konstitutiven Teil der Netzwerklogik erkennen – und dadurch nicht selten selbst zur Steigerung des Fiebers beitragen.

Der Begriff der Übersteigerung soll also nicht anzeigen, dass es eigentlich um die Rückkehr zu einem normalen Netzwerk geht; vielmehr geht es darum, die Normalität von Übersteigerung zu sehen. Ein Netzwerk, das nicht immer wieder neue Verbindungen herstellt, das Unverbundene nicht als Ressource für die eigene Dynamik versteht, sich nicht immer weiter ausbreitet und vervielfältigt, kann letztlich als Netzwerk nicht weiterbestehen. In diesem Sinne hat die ANT als ebenso konsequentes wie leidenschaftliches soziologisches Symptom des Netzwerkfiebers diese Logik sehr genau erfasst. Sie interessiert sich vornehmlich für die Fälle, in denen Netzwerke erweitert werden (gelegentlich auch für deren vorläufige Dissoziation, zum Beispiel bei Unfällen), nicht aber für das langweilige Dasein von Netzwerken, für ihre Routinen oder für Momente der Ereignislosigkeit. Denn streng genommen gibt es für Latour in diesen Situationen keine Aktivität und damit kein Netzwerk. Ein Netzwerk, das seiner spektakulären Übersteigerungslogik scheinbar entkommen ist, gilt ihm dadurch als langweilig, inaktiv und vernachlässigbar.[21] 

Dadurch dass Netzwerktheorien und Zeitdiagnosen der Netzwerkgesellschaft wie selbstverständlich von der Logik der Übersteigerung ausgehen, neigen sie dazu, auf eine Analyse der Übersteigerung und der mit ihr einhergehenden Ambivalenzen zu verzichten. Es sind weniger die avancierten Netzwerktheorien als anwendungsbezogene und populäre Analysen, die ein Problembewusstsein für das »Zuviel« entwickelt haben. Ich werde mich in diesem Teil des Buches insbesondere mit Strategien der Vernetzungskritik beschäftigen, in denen die Übersteigerung des Netzwerks sich selbst zum Problem wird. Die Netzwerksemantik wird dann zu einer Krisendiagnose, die auf ein »Zuviel« hinweist sowie darauf, dass dieses 30»Zuviel« neue Probleme erzeugt: dass Vernetzung zur Übervernetzung wird.

Die Diagnosen der Übervernetzung entwerfen aber nicht nur Bilder des »Zuviel«, sondern ermöglichen auch die Frage nach dem »Weniger« der Vernetzung. Dieser Wunsch, die Übersteigerung zurückzunehmen und zu einem imaginären normalen Netzwerk zurückzukehren, mündet in den häufig verzweifelten Versuch einer Bändigung von Netzwerklogiken. Die dabei in Anschlag gebrachten Maßnahmen oszillieren zwischen Techniken der Normalisierung und dem Experimentieren mit alternativen Formen der Vernetzung. In meiner Analyse der Entnetzung geht es weniger um die quantitative Reduzierung von Vernetzung, sondern vornehmlich um die unterschiedlichen Modi, nicht dermaßen vernetzt zu sein: um die Phantasmen, Praktiken und Infrastrukturen, die Netzwerkverbindungen unterbrechen oder überhaupt nicht erst zustande kommen lassen sollen. In diesem Foucault’schen Sinne stellen sich die Diagnosen der Übervernetzung als Problematisierungen des Netzwerkdiskurses dar, welche Vorstellungen und Praktiken der Entnetzung möglich machen. Entnetzung ist in diesen Diagnosen mehr als ein formallogisches Problem (etwa im Sinne von: Wo es Vernetzung gibt, muss es auch Entnetzung geben) und auch mehr als eine abstrakte Utopie des Ausstiegs. Aufschlussreich ist an den gegenwärtigen Krisendiskursen, dass Entnetzung in ihrer Konkretion entworfen wird und dass damit experimentiert wird, wie Entnetzung zur Praxis innerhalb von Vernetzung werden könnte. Darin liegt einer der Reize, sich alltagsnahen Semantiken der Übervernetzung zuzuwenden. Die in den Kapiteln dieses Teils skizzierten Kritiken der Übervernetzung sollen das Möglichkeitsfeld für die spezifischen Formen der Entnetzung umreißen, denen ich mich danach zuwenden werde.

311. Hypertrophie der Netzwerke: Vernetzen um der Vernetzung willen

Die Steigerung von Vernetzung war lange Zeit mit einem Glücksversprechen verbunden. Durch Vernetzung sollten klassische Hierarchien abgebaut, demokratische Partizipation gefördert und isolierte Wissensbestände miteinander verbunden werden. Die Grenzenlosigkeit des Netzwerkbegriffs findet ihr Äquivalent in der Grenzenlosigkeit von Netzwerkpraktiken, die durch die Hoffnung auf eine beständige Erweiterung von Netzwerken geprägt sind. Mit dieser Hoffnung geht die Verselbständigung des Netzwerkens einher: die Herstellung von Vernetzung um ihrer selbst willen. Während die bloße Existenz von Netzwerken keineswegs ein neues, nicht einmal ein genuin modernes soziales Phänomen ist, gilt die Selbstbezüglichkeit des Netzwerkens als zentrales Charakteristikum der »Netzwerkgesellschaft«. Für Manuel Castells setzt diese Selbstbezüglichkeit mit den Anfängen der Digitalisierung gesellschaftlicher Kommunikation ein:

Netzwerke bilden die neue soziale Morphologie unserer Gesellschaften […]. Zwar hat es Netzwerke als Form sozialer Organisation auch zu anderen Zeiten und in anderen Räumen gegeben, aber das neue informationstechnologische Paradigma schafft die materielle Basis dafür, dass diese Form auf die gesamte gesellschaftliche Struktur ausgreift und sie durchdringt. Außerdem möchte ich behaupten, dass diese Vernetzungslogik zu einer sozialen Determination auf höherer Ebene führt, als jener der spezifischen gesellschaftlichen Interessen, die in den Netzwerken zum Ausdruck kommen: die Macht der Ströme gewinnt Vorrang gegenüber den Strömen der Macht.[22] 

Vernetzung hat sich für Castells in der Moderne von ihrer untergeordneten Stellung als sekundäre Tätigkeit emanzipiert, indem sie sich selbst als zentrale Logik der Moderne installiert hat. Diese Eigendynamik von Netzwerken wird mit der Metapher des Flows unterstrichen, welche eine natürliche, hindernislose Verbindungsfähigkeit evoziert.[23]  Aber diese Metapher macht, wenn auch von 32den klassischen Netzwerktheorien kaum beachtet, implizit auch darauf aufmerksam, dass der Flow zum Overflow werden könnte, dass Netzwerke sich selbsttätig wie von selbst vermehren und verbreiten können.

Die Loslösung der Netzwerke von äußeren, selbst nicht netzwerkförmig verfassten Instanzen (zum Beispiel von individuellen oder kollektiven Interessen, Zielen und Motivationen, so Castells) verschafft ihnen eine eigene soziale, aber auch normative Wertigkeit, die von der Entstehung eines Netzwerkdiskurses flankiert wird, der mit der Etablierung des Netzwerks als soziale und kulturelle Metapher einhergeht.[24]  Diese eigenständige Wertigkeit des Netzwerks bestimmt bei Luc Boltanski und Ève Chiapello den »neuen Geist des Kapitalismus«.[25]  Neu ist dabei nicht die Existenz ökonomischer und politischer Netzwerke, sondern die Metamorphose des Netzwerkbegriffs in ein eigenständiges »sozietales Projekt« und »normatives Modell«.[26]  Diese Verschiebung, die Boltanski/Chiapello am Beispiel von Managementdiskursen sowie der Sozialwissenschaften und der Philosophie herausarbeiten, zeichnet sich dadurch aus, dass sich die »Mittlertätigkeit, die Kunst, noch so verschiedene und entfernte Kontakte zu knüpfen und fruchtbar zu machen, autonomisiert und von anderen Tätigkeitsformen löst […]. Erst jetzt wird sie identifiziert und als eigenständiger Wert anerkannt.«[27]  Mit der Autonomisierung des Netzwerkens einher geht dessen weite Verbreitung auch außerhalb von Unternehmen, insbesondere in urbanen und digitalen Kontexten; zudem wird die Tätigkeit des Netzwerkens institutionalisiert und sogar zum eigenständigen Produkt, wie zum Beispiel in Networking-Events und -Ratgebern.[28] 

Die Autonomisierung des Netzwerkens macht nicht nur dessen 33eigenständige Handlungslogik sichtbar, sondern treibt auch dessen Selbstbezüglichkeit und die damit einhergehende Übersteigerung an. Die äußeren Ziele des Netzwerkens (beispielsweise eine flexible und profitable Unternehmensstrategie, die Verfolgung politischer Ziele oder die kollektive Herstellung von Kunst) begleiten es zwar noch, geraten aber angesichts seiner erfolgreichen Eigendynamik immer mehr in den Hintergrund. So konnte sich zum Beispiel in der Büroarchitektur lange Zeit das Modell des Open Office als ideale Team- und Vernetzungsarchitektur behaupten, ohne dass dessen betriebswirtschaftliche Profitabilität oder dessen betriebsklimatischer Nutzen überhaupt zur Debatte stand.[29]  Nicht nur hier strahlt die Tatsache, dass die Tätigkeit des Netzwerkens eine eigene Wertigkeit erzeugt, gleichsam auf deren Einbettung in äußere Zwecke ab.

Im Zuge seiner Autonomisierung und sich ausprägenden Selbstbezüglichkeit entwickelt das Netzwerken ein eigenes Ethos: das Knüpfen von Kontakten, das Schaffen von immer neuen Verbindungen um ihrer selbst willen. Auf nahezu ideale Weise verkörpert die Figur des Netzwerkers dieses Ethos und die damit verbundenen Anforderungen. Der versierte Netzwerker brilliert dadurch, dass er scheinbar mühelos neue Verbindungen knüpft – ja, dass er die ganze Welt als potentielle Erweiterung seines Netzwerks sieht. Für ihn ist, so Boltanski/Chiapello, jeder kontaktierbar, für ihn gibt es keine Grenzen, sein Erfolg zeigt sich gerade darin, ehemals als getrennt oder gar als unvereinbar geltende Bereiche zusammenzubringen.[30]  Das Verknüpfen ist sein Existenzmodus. Durch ihn strömen Informationen und Kontakte, die er ständig zu vermehren sucht. Dazu muss er selbst zum Medium der Verknüpfung werden. Offenheit ist sein Gebot. Ein Netzwerker soll für alles empfänglich sein, möglichst vorurteilslos handeln und flexibel denken. Dies schlägt sich auch auf seine emotionale Konstitution nieder: Weder schüchtern noch arrogant darf er sein. Er darf, so Boltanski/Chiapello weiter, keine Angst vor Zurückweisungen haben, und er darf nicht zu stolz sein, einen Kontakt zu initiieren, weil andernfalls der beständige Fluss von immer neuen Verknüpfungen ins Stocken geraten könnte. Der Netzwerker entwickelt eine monokulturelle 34Kompetenz der beständigen und unendlichen Vernetzung. Er folgt einem unumstößlichen Diktat, Netze nicht nur zu pflegen, sondern sie beständig zu vergrößern, um selbst zum obligatorischen Knotenpunkt (obligatory passage point)[31]  zu werden.

Dieses neuartige Ethos des Netzwerkens verdrängt zunehmend die älteren Semantiken des sozialen Netzwerks, die vor allem für illegale und illegitime Verbindungen, zum Beispiel für Korruptionsnetzwerke, benutzt worden sind. Dieser normative Diskurs des Netzwerkens hat inzwischen nicht nur die Managementratgeber erobert, sondern nahezu alle gesellschaftlichen Felder erreicht. Besonders an dem der Computertechnologie und Neurobiologie entstammenden Begriff der Konnektivität wird diese positive Bewertung des Vernetzens deutlich. Ist eine Position »anschlussfähig«, so wird das nicht nur in der soziologischen Theorie als Pluspunkt verbucht;[32]  aber auch jenseits des Theoriediskurses, insbesondere im Bereich der Managementliteratur, steht der Begriff der Anschlussfähigkeit für Flexibilität und Offenheit – und fungiert zugleich als versteckte Warnung, sich vor nichtanschlussfähigen Ideen und Projekten zu hüten.

Die Entwicklung digitaler Kommunikationstechnologien und des Internets hat die Möglichkeiten und Formen der Vernetzung entscheidend verändert und gesteigert; es ist daher kaum überraschend, dass seit einigen Jahren sogar von Hyperkonnektivität die Rede ist[33]  und dass viele Analysen der Netzwerkgesellschaft diese mit der Digitalisierung von Gesellschaften gleichsetzen. Es wäre allerdings verkürzt, die Selbstbezüglichkeit des Netzwerkens direkt von der gesellschaftsweiten Durchsetzung von Informationstech35nologien abzuleiten, als brächten neue Medientechniken automatisch neue soziale Formen hervor. Vielmehr wird die Entwicklung von Netzwerkmedien durch frühere Formen der selbstbezüglichen Vernetzung vorbereitet.

Die Idee von Verbindungen um ihrer selbst willen prägte bereits die soziologischen Analysen des städtischen Lebens um 1900. Besonders prägnant wird dies in Georg Simmels Abhandlung »Soziologie der Geselligkeit«.[34]  Hier beschreibt Simmel, welche Kunstfertigkeit für ein gelungenes geselliges Zusammensein – sei es in Salons, Kaffeehäusern oder auf Festen – nötig ist.[35]  Die Kommunikation muss von all jenen Themen befreit werden, welche das leichtfüßige Konversationsspiel behindern könnten wie zum Beispiel die Rede von Krankheiten und die Erörterung religiöser oder politischer Fragen. Etablierung und Pflege des kommunikativen Flows – eine Leitsemantik für die späteren Netzwerkgesellschaften – stehen im Vordergrund des gelungenen geselligen Zusammenlebens. Für Simmel scheint dieses zwecklose Zusammensein schon fast eine der optimistischen Grundintuitionen der jungen Wissenschaft der Soziologie zu erfüllen: ein sich selbst regulierendes, anstrengungslos erscheinendes Spiel sozialer Wechselwirkungen. Die Soziologie als Wissenschaft vom sozialen Zusammensein scheint in der Geselligkeit auf ihren Begriff zu kommen, auch wenn das gesellige Leben in dieser Form zunächst weitgehend den aristokratischen und bürgerlichen Eliten vorbehalten war. Allerdings werden auch schon bald die Schattenseiten dieser Perfektionierung von Geselligkeit thematisiert. Mit den um 1900 einsetzenden medizinischen und psychologischen Diskursen zur Schüchternheit[36]  geraten jene Subjekte und Praktiken in den Blick, die im Spiel der Geselligkeit versagen, diejenigen also, die den Flow der Konversation durch ihre verschämten Blicke, ihr Erröten, ihr Stottern und Schweigen und ihre übergroße Ernsthaftigkeit ins Stocken bringen. Die Selbstbezüglichkeit von Vernetzung wird damit zu einem Problem – allerdings, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zu einem, das nicht primär auf die Logik der Vernetzung, sondern auf das Ungenü36gen der beteiligten Subjekte zurückgeführt wird. Aber auch diese subjektzentrierten Semantiken können als Zeitdiagnosen gelesen werden, artikulieren sie doch an ihren Rändern erste Probleme von neuen Vernetzungsdynamiken.

Der Rückgriff auf Kritiken der Vernetzung um 1900, die sich noch nicht der Semantik des Netzwerks bedient haben, macht darauf aufmerksam, dass nicht nur Vernetzung, sondern auch Entnetzung aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher sozialer und technischer Faktoren hervorgeht. Damit Vernetzung möglich ist, muss es sowohl Infrastrukturen der Konnektivität (wie zum Beispiel die Salons oder die städtischen Verkehrsnetze) geben als auch entsprechende Praktiken des Sich-Entnetzens (etwa die bereits von Simmel beschriebenen Distanzierungstechniken der Großstädter). Es liegt auf der Hand, dass beides, Infrastrukturen der Konnektivität und Praktiken der Vernetzung, kein Alleinstellungsmerkmal von heutigen Netzwerkgesellschaften sind:

Bevor es Netzwerkgesellschaften gibt, die sich als solche sehen, beschreiben und bewusst auf das Netzwerken abstellen, gibt es all diejenigen räumlichen, sozialen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Praktiken, mit denen größtenteils unbewusst »vernetzt« wird.[37] 

Dieses selbstverständliche, »unbewusste« Vernetzen mag schon immer mit entsprechenden Problemen (häufig technischer und handwerklicher Art) verbunden gewesen sein. Was sich aber um 1900 andeutet, ist zum einen die Transformation der Hilfstechnik des Vernetzens zu einem sozialen und kulturellen Prinzip, das dem Netzwerken eine eigenständige Wertigkeit zuschreibt (wie in der Geselligkeit); zum anderen kommt es mit diesem veränderten Status des Netzwerkens zu einer expliziten Problematisierung der genuinen Netzwerkeffekte, und damit auch zu ersten Entwürfen von Techniken und Praktiken der Entnetzung. Vernetzung und Entnetzung verwende ich in einem engeren Sinn als im obigen Zitat beschrieben, aber in einem breiteren Sinn, als es Analysen 37von digitalen Kulturen der Konnektivität nahelegen.[38]  Gewiss, die Selbstreferentialität der Vernetzung erfährt ihre gesellschaftsweite Ausbreitung erst ab den späten 1980er Jahren mit der Etablierung des Internets. Der Blick zurück in die Zeit um 1900 macht aber deutlich, dass die Logik des Vernetzens nicht mit der Logik des Internets oder der heutigen Sozialen Medien gleichgesetzt werden sollte, auch wenn sie nie medienfrei zu denken ist.[39] 

Die euphorische Semantik der Vernetzung hat zunächst für das Auflösen von Verbindungen – für Entnetzung – blind gemacht, da sie diese nur als Fehler oder Mangel erfassen konnte. In den letzten Jahren werden jedoch Diagnosen der Übervernetzung lauter. Sie nehmen häufig die Form von resignativen Problembeschreibungen an, nicht selten mit kulturkritischen Untertönen. Es gibt aber auch pragmatisch angelegte Problematisierungen, die nach Praktiken und Techniken der Entnetzung rufen – am häufigsten in der Ratgeberliteratur, die mit Techniken der Nichterreichbarkeit und des Digital Detox aufwartet. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich in diesem Teil einige paradigmatische Krisendiagnosen der Vernetzung vorstellen und die entsprechenden Einsatzpunkte für ganz unterschiedliche Aufrufe zur Entnetzung herausarbeiten.

382. Erschöpfendes Netzwerken

Der Aufstieg der Burnoutsemantik von einer etwas ratlosen psychologischen Diagnose in den 1970er Jahren zu einem zeitdiagnostischen Dachbegriff für ein ganzes Bündel von Symptomen einer erschöpften Moderne steht für eine Netzwerkdynamik, die immer stärker außer Kontrolle gerät.[40]  Das Gegenbild zum agilen Netzwerker, der nach permanenter Vernetzung strebt und unermüdlich auf der Jagd nach immer neuen Projekten ist, ist nun der Erschöpfte, der jedes Engagement und Interesse an seiner Tätigkeit verloren hat. Die frühe, auch heute noch häufig verwendete Burnoutbestimmung von Christina Maslach und Kolleg*innen sieht in der emotionalen Erschöpfung, der Entpersonalisierung und der Ineffizienz der Arbeitstätigkeit die Kerncharakteristika der Krankheit.[41]  Gerade die Beschreibung der Entpersonalisierung verweist auf das Fehlen oder Abhandengekommensein von Eigenschaften, die für den erfolgreichen Netzwerker zentral sind. Der ausgebrannte Arbeitnehmer entwickelt eine große Distanz und Indifferenz zu seiner Arbeit; ja, er wird als kalte und zynische Person beschrieben.[42]  Ist der Netzwerker von einer schier unerschöpflichen Lust am Knüpfen neuer Verbindungen angetrieben, so hat der Ausgebrannte kein Interesse mehr an der flexiblen Beziehungsarbeit und zieht sich sogar aus bestehenden Beziehungen zurück.[43]  Das Burnout macht sich also gerade im Kernbereich des Netzwerkens, nämlich dem Herstellen und der Pflege von Verbindungen, bemerkbar. Für die Kommunikationsberaterin und -wissenschaftlerin Miriam Meckel stellt sich in ihrem autobiographischen Krankheitsbericht Burnout 39als Krankheit einer »gestörten Kommunikation« dar.[44]  Schon fast als Epiphanie erweist sich für sie die Einsicht, dass sich die Störung des sozialen Kommunikationsverhaltens in der eigenen neurobiologischen Konstitution spiegelt. Die »körpereigenen Botenstoffe« fungierten als »Medien der chemischen Kommunikation«, deren Leistungsfähigkeit beim Burnout jedoch gestört sei und daher keine reibungslose Kommunikation zulasse.[45]  Hier findet sich implizit eine interessante Wiederaufnahme der klassischen Bestimmung von Neurasthenie, die für Georg Simmel symptomatisch für das städtische Leben war: Auch die Neurasthenie war eine Überlastungskrankheit, eine pathologische Reaktion auf eine Vielzahl von Reizen und Kontakten. Die Neurasthenie wird als Störung des Nervensystems verstanden, das analog zu einem Stromkreislauf modelliert wird (so bei George Beard).[46]  In gegenwärtigen Diskursen findet eine Übersetzung in ein informations- und kommunikationstechnisches Vokabular statt, wobei weiterhin an einem Modell von einer ins Stocken geratenen Zirkulation (sei es von Energie oder Informationen) festgehalten wird. Damit kommt in den Blick, dass die Steigerung von Konnektivität selbst paradoxer Natur ist: Ein Übermaß an Konnektivität kann letztlich zu ernsthaften Störungen von Konnektivität führen, indem die individuellen Knotenpunkte ihre Durchleitfähigkeit verlieren.

Die heutige Figur des Burnoutpatienten ist weit entfernt von früheren Vorstellungen des an seinen Arbeitsverhältnissen leidenden Arbeitnehmers. In ihm stauen sich keine Wut und kein Veränderungswille auf, kein revolutionärer Funke könnte den Erschöpften zum Kampf für Veränderungen bewegen. Der Ausgebrannte kann schlicht nicht mehr und verfügt daher auch über keine Energie für kritische Interventionen. Dieses Nicht-mehr-Können wird der einzelnen Person als individuelles Versagen vorgehalten. Der typische Burnoutpatient hatte sich zwar häufig mit großem Elan auf das Ethos der Netzwerkgesellschaft eingelassen, ja, er war nicht selten ein besonders begnadeter und erfolgreicher Netzwerker. Gerade die Tatsache, dass er sich ganz der Netzwerklogik verschrie40ben hat, bringt aber seine eigenen Kontrollmechanismen durcheinander: Er versagt beim Management der eigenen Ressourcen.[47]