Spätzünder oder Frühstarter? - Ullrich Beumer - E-Book

Spätzünder oder Frühstarter? E-Book

Ullrich Beumer

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Beschreibung

Das Buch handelt von der Existenzgründung erwachsener Männer, die das 50. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben. Das Ziel dieser wissenschaftlichen Untersuchung ist der Versuch einer Erklärung, aus welchen Gründen sich Menschen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren entschließen, eine solche »späte Existenzgründung« zu vollziehen. Im Fokus stehen dabei die gesellschaftlichen und persönlichen Rahmenbedingungen einer beruflichen Entscheidung zur Existenzgründung in einem Alter, in dem diese normalerweise nicht mehr gefällt wird. Üblicherweise treten im Alter um das 50. Lebensjahr Krisen in der Karriereentwicklung auf, in denen aufseiten der Organisation und aufseiten der Führungskraft Entscheidungen getroffen werden müssen. Weiterer Aufstieg, berufliche Neuorientierung im Sinne einer lateralen Karriere, Wechsel des Arbeitgebers oder aber auch beginnende Vorbereitungen auf einen – nicht selten frühzeitigen – Ausstieg aus dem Berufsleben sind die Alternativen, vor denen die Beteiligten stehen. Im Kontext der Existenzgründungsdebatte richtet sich der Blick in dieser Arbeit auf eine soziale Gruppe, die man nicht als »Standardgründer«, sondern im Gegenteil als in mehrfacher Hinsicht »privilegierte Gründer« bezeichnen muss. Es ist beileibe nicht selbstverständlich, sich in diesem relativ späten Alter noch selbstständig zu machen, dies geschieht – wenn überhaupt – dann üblicherweise eher im Alter zwischen 35 und 45 Jahren. Als ehemalige Führungskräfte der zweiten Ebene in größeren Unternehmen oder in leitenden Funktionen von sozialen, gemeinnützigen oder öffentlichen Organisationen sind die Betroffenen insofern mehrfach privilegiert, als sie ökonomisch abgesichert sind und über die nötigen finanziellen sowie meist auch sozialen Ressourcen verfügen, um diesen Schritt in die Selbstständigkeit tun zu können. Es handelt sich also um Personen, die den Schritt in die Selbstständigkeit nicht aus materieller Not und damit einhergehender Verzweiflung tun. Sie riskieren aber gleichwohl etwas: In fast allen Fällen ahnen sie, dass es nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen keinen Weg zurück in die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses mehr geben wird.

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Seitenzahl: 537

Veröffentlichungsjahr: 2018

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INTERDISZIPLINÄRE BERATUNGSFORSCHUNG

Herausgegeben von

Stefan Busse, Rolf Haubl, Heidi Möller,

Christiane Schiersmann

Band 14: Ullrich BeumerSpätzünder oder Frühstarter?

Ullrich Beumer

Spätzünder oder Frühstarter?

Männliche Existenzgründungenin der zweiten Lebenshälfte zwischenSelbstheilung, Angstabwehr undbiografischer Innovation

Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl

Vandenhoeck & Ruprecht

Gefördert durch die Deutsche Gesellschaft fürSupervision e.V. (DGSv).

Mit 6 Abbildungen und einer Tabelle

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

© 2019, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,

Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Silke Facilides, Hamburg

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-90134-3

Für Gabriele

Inhalt

Vorwort von Professor Dr. Dr. Rolf Haubl

1Einleitung: Selbstständig-Werden im reifen Erwachsenenalter

2Existenzgründung und Selbstständigkeit Älterer

2.1Existenzgründung und Selbstständigkeit – was ist gemeint?

2.1.1 Begriffliches

2.1.2 Die Diversität der Selbstständigkeit – Formen selbstständigen Arbeitens

2.1.3 Existenzgründung als Prozess: Die Phasen der Verselbstständigung

2.1.4 Existenzgründung als soziale Passage: Bewegungen zwischen Selbstständigkeit und abhängiger Beschäftigung

2.2Zwischen Entrepreneurship und Arbeitskraftunternehmertum – Ideal und Wirklichkeit im Diskurs um Selbstständigkeit und Existenzgründung

2.2.1 Im Kraftfeld unternehmerischer Dynamik: Das unternehmerische Selbst

2.2.2 Die Illusion der Freiheit: Scheinselbstständige und Arbeitskraftunternehmer

2.2.3 Die ökonomische Sicht: Der Entrepreneur als Motor individueller, ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklung

2.2.4 Die psychologische Perspektive

2.3Soziodemografische Daten und empirische Ergebnisse zur Existenzgründung

2.3.1 Allgemeine Daten zur Existenzgründung

2.3.2 Tendenz: Zunahme der Solo-Selbstständigkeit

2.3.3 Tendenz: Prekarisierung der Selbstständigkeit

2.4Der ältere Existenzgründer im Fokus

2.4.1 Was sind »ältere Existenzgründer«?

2.4.2 Zur Situation älterer Existenzgründer

2.4.3 Motivlagen älterer Existenzgründer

2.4.4 Stärken und Schwächen, förderliche und hemmende Persönlichkeitsfaktoren

2.4.5 Spezielle Herausforderungen und Unterstützungsnotwendigkeiten im Gründungsprozess

3Existenzgründung im Kraftfeld der demografischen Entwicklung

3.1Im Sog der demografischen Veränderungen

3.1.1 Die Verringerung der Geburtenrate und die Verlängerung der Lebenserwartung

3.1.2 Die Herausbildung des vierten Lebensalters und die »jungen Alten«

3.2Die Entgrenzung der Erwerbsarbeitsphase

3.2.1 Paradigmenwechsel: Von der Frühverrentung zur verlängerten Lebensarbeitszeit

3.2.2 Nachberufliche Rollenübernahmen und Tätigkeiten

3.2.3 Silver Work – Arbeit in und nach der Übergangsphase zur Pensionierung

3.3Alters(leit)bilder – vom Disengagement zum kompetenten Alter

4Existenzgründung im Kontext von Sozialisation, Lebenslauf und Karriereentwicklung

4.1Lebenslauf, Sozialisation und Statuspassagen

4.1.1 Konzepte menschlicher Entwicklung

4.1.2 Lebenslauf und Sozialisationsprozesse

4.1.3 Das Konzept der Lebensspanne

4.1.4 De-Institutionalisierung des Lebenslaufs

4.1.5 Existenzgründung als Trennung und Übergang: Statuspassagen und Krisen

4.1.6 Weiterführende Überlegungen

4.2Psychoanalytische Aspekte der Entwicklung im reifen Erwachsenenleben

4.2.1 Das Ringen zwischen Stagnation und Generativität als Hauptkonflikt des höheren Erwachsenenalters – Erikson und die Erweiterungen seines Konzepts

4.2.2 Verlust, Trennung und Tod – Angstabwehr im reifen Erwachsenenalter

4.2.3 Das fragile Größenselbst

4.3Berufliche Sozialisation

4.3.1 Modelle der Karriereentwicklung

4.3.2 Die Verschiebung beruflicher Ziele in Richtung Emotionsregulation

5Untersuchungsdesign – Grundlagen und Hypothesen der Untersuchung

5.1Untersuchungsansatz und Präzisierung der Forschungsfragen

5.1.1 Anlage der Studie und Erhebungsmethode

5.1.2 Gütekriterien

5.2Die Erhebungsmethode: biografisch-narrative Interviews

5.3Die Erhebung

5.3.1 Das Sample

5.3.2 Durchführung der Interviews und Besonderheiten

5.4Auswertung der Interviews und Generierung der Ergebnisse

5.4.1 Auswertung als mehrstufiger Prozess

5.4.2 Die Analyse der einzelnen Fälle auf der Grundlage der Grounded Theory als erster Schritt

5.4.3 Tiefenhermeneutischer Zugang

5.4.4 Verdichtung und Typisierung

5.5Reflexion über die Rolle des Forschers

6Ergebnisse der Untersuchung

6.1Biografische Motivkonstellationen und psychosoziale Funktionen der Existenzgründung

6.1.1 Die reparative Dimension der Existenzgründung: Zwischen Verwundung und Selbstfürsorge

6.1.2 Die protektive Dimension der Existenzgründung: Existenzgründung als Angstabwehr

6.1.3 Die innovative Dimension: Zwischen Stagnation und Generativität – das Ringen um die biografische Innovation

6.2Existenzgründung als Prozess – Schritte auf dem Weg in die Selbstständigkeit

6.2.1 »Lieber zu Hause ein König als draußen ein Knecht« – Gründerporträt Herr J.

6.2.2 Die Phasen der Existenzgründung

6.2.3 Abschiedsrituale

6.2.4 Die Leere – Phase der persönlichen und professionellen Reorganisation

6.2.5 Brückentätigkeiten als Übergangsräume

6.2.6 Lernprozesse

6.2.7 Zusammenfassende Bemerkungen und theoretische Reflexion

6.3Gelingensbedingungen – interne und externe Ressourcen

6.3.1 »Gepuffert«– ökonomisches Kapital älterer Existenzgründer

6.3.2 »Die sichere Scholle«– Familie, Ehepartner, Netzwerke und Institutionen im Gründungsprozess

6.3.3 Väter, Mütter, Vorbilder und Mentoren als innere Ressource

6.3.4 »Mein Raum, mein Auto«– Räume, Übergangsobjekte und Statussymbole im Existenzgründungsprozess

6.3.5 Zusammenfassung und theoretische Reflexion

7Zusammenfassung, Diskussion und Modellbildung

7.1Wichtige Ergebnisse im Kontext der empirischen Forschung zu älteren Existenzgründern

7.2Typologische Verdichtung

7.3Forschungsperspektiven und Empfehlungen

7.3.1 Forschungsperspektiven

7.3.2 Empfehlungen und Anregungen zur Institutionalisierung von Beratung und weiteren Hilfestellungen

8Fazit: Der ältere Existenzgründer als besonnener Entrepreneur

Literaturverzeichnis

Vorwort von Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl

Thema der vorliegenden Untersuchung ist die biografische Einbettung der Entscheidung von männlichen Führungskräften, ihre Unternehmen, in denen sie angestellt sind, im Alter von 50plus zu verlassen und eine Existenzgründung durch Solo-Selbstständigkeit anzustreben, die keine Notgründung ist, sondern anderen Motiven folgt. Die Rekonstruktion dieser Motive steht im Zentrum des Interesses. Dabei erhebt Ullrich Beumer den Anspruch, die Komplexität solcher Entscheidungsprozesse abzubilden, da die bisherigen Untersuchungen in diesem Forschungsfeld eher unterkomplex bleiben. Und er löst diesen Anspruch ein.

Aufgrund seiner psycho- und soziodynamischen theoretischen und forschungspraktischen Ausrichtung fokussiert Ullrich Beumer auf das Ineinanderwirken von Außenwelt und Innenwelt, sprich: von personalmarkt- und organisationsbedingten Erwerbsstrukturen einerseits sowie individuellen kognitiven, emotionalen und sozialen Ressourcen andererseits. Der Übergang in eine Solo-Selbstständigkeit wird als kritisches Lebensereignis modelliert, das die Regulierung von Risiken erfordert, ohne die es keine realistischen Entscheidungen und damit auch keinen ökonomischen Erfolg gibt.

Die Relevanz der Fragestellung ist zweifelsfrei gegeben, schließt sie doch an den seit Jahrzehnten laufenden Diskurs um die sozioökonomische Figur des »Entrepreneurs« an. Wie Ullrich Beumer ideengeschichtlich kenntnisreich herausarbeitet, wird mit dieser Figur (und ihren jüngeren Verwandten) eine Risikobereitschaft idealisiert, für die es kein Scheitern zu geben scheint.

Allenthalben wird spürbar, welche Faszination es bei seinen Interviewpartnern weckt, selbständig zu werden. Wenn Ullrich Beumer seine Untersuchung mit dem Vorschlag enden lässt, den Typus eines »besonnenen Entrepreneurs« zur Leitfigur zu erheben, die fähig und bereit ist, erhebliche Risiken einzugehen, ohne sich verführen zu lassen, die eigenen Grenzen zu unterschätzen, dann läuft die Entwicklung auf einen voraussetzungsvollen Balanceakt hinaus.

Die vorliegende Untersuchung ist nicht nur biografieanalytisch relevant, sondern auch demographisch. Immer mehr Menschen erreichen (in modernen Gesellschaften) ein Alter 50plus, in dem sie noch so leistungsfähig und leistungsbereit sind, dass sie ein Desengagement für zu früh erachten. Gesellschaftlich sind das ungenutzte Ressourcen. Ehrenamt und eben Solo-Selbstständigkeit lassen sich als Arbeitsformen begreifen, diese Ressourcen zu verwerten. Individuell sind es Formen, sich gesellschaftlich nützlich zu machen und dadurch einen Selbstwertverlust zu vermeiden, wie er in Arbeitsgesellschaften spätestens beim Eintritt in die Rente droht. Dabei geht es den befragten Solo-Selbstständigen nicht in erster Linie um Gelderwerb, da die meisten von ihnen zumindest für die ersten Gründungsjahre ökonomisch abgesichert sind. Was sie wirklich bewegt, liegt nicht immer auf der Hand. Bei etlichen der Befragten gewinnt man mit Ullrich Beumer den Eindruck, dass sie sich erst im Laufe der Realisierung ihres Projektes selbst darüber bewusst werden, was ihre »wahren« Motive sind.

Der Erfolg von »Spätzündern« hängt davon ab, ob ein potenzieller Gründer 50plus nicht nur über hinreichende materielle Ressourcen, sondern auch über hinreichende soziale und psychische Ressourcen verfügt, die er mitbringt oder sich – vor allem durch »learning by doing«– beschaffen kann.

»Selbständigkeit« ist in diesem Zusammenhang ein Faszinosum, das eine institutionalisierte Erwerbsform mit einem Begehren kurzschließt, sei es libidinös, narzisstisch oder aggressiv. Eine solche Psychodynamik taucht in den tiefenhermeneutischen Fallanalysen, die Ullrich Beumer durchführt, allenthalben auf.

Die Untersuchung liest sich als große dichte – mehrstimmige – Erzählung, die in der bisherigen Forschungsliteratur ihresgleichen sucht. Wenn Ullrich Beumer dabei auf »Gelingensbedingungen« abstellt (und nicht auf Bedingungen des Scheiterns, was kein Äquivalent sein dürfte), zeigt sich darin ein grundlegender Optimismus des Autors, der seinen Text dementsprechend emotional tönt.

Um Gelingensbedingungen zu finden, rekonstruiert Ullrich Beumer seine Interviews zum einen im Hinblick auf eine Typologie möglicher Gründungsmotive, zum anderen im Hinblick auf mögliche Phasen, die ein potentieller Gründer von der ersten Gründungsidee bis zu den ersten Erfolgsbilanzen durchläuft.

Ullrich Beumer hat seine Interviews mit einzelnen Gründern geführt. Rekonstruiert wird ihre Sicht. Das suggeriert schnell, die jeweils getroffene lebensgeschichtliche Entscheidung hinge einzig und allein von ihnen ab. Ullrich Beumer stellt zu Recht heraus, dass dem nicht so ist. Die Entscheidungen fallen in einer Matrix sozialer Beziehungen, die das Projekt unterstützen oder es behindern. Besonderes Augenmerk richtet Ullrich Beumer auf die Familien der Gründer, deren Mitglieder sich mehr oder weniger in den Entscheidungsprozess einmischen, was gelegentlich verlangt, ein passendes Konfliktmanagement zu betreiben.

Neben familialer Unterstützung zählt Gesundheit zu den wichtigsten nicht-ökonomischen Ressourcen, da zumindest die ersten Jahre im neuen Geschäft für einen Solo-Selbstständigen außerordentlich anstrengend sind, oft anstrengender als die abhängige Erwerbsarbeit, aus der sie aussteigen.

Ullrich Beumer lässt seine Interviewpartner ausführlich zu Wort kommen. Dadurch wird seine Darstellung zum einen erfreulich lebendig, zum anderen erlaubt es dem Leser, seine Interpretationen materialreich nachzuvollziehen.

Ullrich Beumer deklariert seine Methode als tiefenhermeneutisch, was heißt: Er ist bemüht, unbewusste Bedeutungen zu erschließen. Wer mit dem Konzept des Unbewussten operiert, darf Unbewusstheit nicht einfach behaupten, sondern ist gefordert, seine Behauptung hinreichend zu begründen. Da die Nachweise von Unbewusstheit sehr voraussetzungsvoll sind, geht Ullrich Beumer zu Recht sehr vorsichtig mit entsprechenden Zuschreibungen um und markiert sie stets als Vermutungen.

Ullrich Beumer imponiert zum einen durch seinen profunden Überblick über den interdisziplinären Wissensstand in puncto Existenzgründer 50plus. Zum anderen ist es die Praxisnähe der Fallanalysen, die Eindruck macht, nicht zuletzt deshalb, weil sie durch den praktischen Erfahrungsreichtum von Ullrich Beumer als Organisationsberater anschaulich und gesättigt sind.

Eindrucksvoll stellt er unter Beweis, wie notwendig es ist, die psychosoziale Logik vermeintlich rein sachlicher Entscheidungen zu verstehen, um geeignete Ansatzpunkte für bedarfsorientierte professionelle Gründungsberatungen zu finden.

Auch wenn nicht alle Aspekte, die Ullrich Beumer anspricht, bis ins Letzte Detail ausgearbeitet sind, so ist der erreichte Erkenntnisgewinn doch beträchtlich. Darüber hinaus skizziert er die Umrisse einer Forschungsagenda, die lohnt, weiter verfolgt zu werden, da in der spätmodernen Arbeitsgesellschaft nicht nur mit einer Zunahme von Not-Gründungen in der Altersgruppe 50plus zu rechnen ist, sondern auch mit der Zunahme von selbstständigen Erwerbsformen, die einem befürchteten altersbedingten Sinnverlust entgegenwirken.

Die vorliegende Untersuchung ergibt kein Handbuch der Gründerberatung. Was sie aber zu leisten vermag, ist das Angebot einer instruktiven Orientierungshilfe, die verschiedene Wissensbestände erkenntnisproduktiv verbindet.

Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl

Frankfurt am Main, den 3. Oktober 2017

1Einleitung: Selbstständig-Werden im reifen Erwachsenenalter

Es knosptunter den Blätterndas nennen sie Herbst.Hilde Domin

Die vorliegende Arbeit handelt von der Existenzgründung erwachsener Männer, die das 50. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben. Sind es »Spätzünder«, die einen psychischen und beruflichen Ablösungsschritt nachholen, der zu einem früheren Zeitpunkt misslungen oder noch gar nicht im Blick war? Oder handelt es sich um »Frühstarter«, also Menschen, die eher als andere erkennen, dass die Gestaltung des Alters angesichts des demografischen Wandels rechtzeitig geplant werden sollte und einer mutigen persönlichen Entscheidung bedarf, um im höheren Alter selbstbestimmter arbeiten zu können, als dies berufliche Tätigkeiten und Führungsrollen in großen Unternehmen zulassen? Ist es ein vorgezogener Abschied oder ein unerwarteter Neubeginn? Das Gedicht der Lyrikern Hilde Domin legt nahe, dass solche Prozesse möglicherweise gleichzeitig geschehen können und dass sie auf eine irritierende Weise ineinandergreifen.

Üblicherweise treten im Alter um das 50. Lebensjahr Krisen in der Karriereentwicklung auf, in denen aufseiten der Organisation und aufseiten der Führungskraft Entscheidungen getroffen werden müssen. Weiterer Aufstieg, berufliche Neuorientierung im Sinne einer lateralen Karriere, Wechsel des Arbeitgebers oder aber auch beginnende Vorbereitungen auf einen – nicht selten frühzeitigen – Ausstieg aus dem Berufsleben sind die Alternativen, vor denen die Beteiligten stehen.

Im Kontext der Existenzgründungsdebatte richtet sich der Blick in dieser Arbeit auf eine soziale Gruppe, die man nicht als »Standardgründer«, sondern im Gegenteil als in mehrfacher Hinsicht »privilegierte Gründer« (vgl. Kontos 2004) bezeichnen muss. Es ist beileibe nicht selbstverständlich, sich in diesem relativ späten Alter noch selbstständig zu machen, dies geschieht – wenn überhaupt – dann üblicherweise eher im Alter zwischen 35 und 45 Jahren. Als ehemalige Führungskräfte der zweiten Ebene in größeren Unternehmen oder in leitenden Funktionen von sozialen, gemeinnützigen oder öffentlichen Organisationen sind die Betroffenen insofern mehrfach privilegiert, als sie ökonomisch abgesichert sind und über die nötigen finanziellen sowie meist auch sozialen Ressourcen verfügen, um diesen Schritt in die Selbstständigkeit tun zu können. Es handelt sich also um Personen – im Fall der vorliegenden Untersuchung nur um männliche Führungskräfte –, die den Schritt in die Selbstständigkeit nicht aus materieller Not und damit einhergehender Verzweiflung tun. Sie riskieren aber gleichwohl etwas, nämlich die Möglichkeit, einen Teil ihres erworbenen ökonomischen Kapitals und ihres Status zu verlieren. In fast allen Fällen ahnen sie, dass es nach dem Ausscheiden aus dem Unternehmen keinen Weg zurück in die Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses mehr geben wird: Die Firmen bzw. Organisationen sind in den meisten Fällen dankbar, einen im Regelfall hoch bezahlten Mitarbeiter von der Gehaltsliste streichen zu können.

Zu fragen ist nach der biografischen Bedeutung dieses Schritts, nach den strukturellen und individuellen Möglichkeiten und Begrenzungen sowie nach den Bezogenheiten der Existenzgründer. Existenzgründung ist in diesem Sinne immer eingebettet in Beziehungen, Strukturen, soziale Bezüge und wird so zu einem soziologischen Forschungsgegenstand.

Auf der persönlichen Ebene stellt sich u. a. die Frage, ob und wie die Entscheidung zur Existenzgründung und der dazu notwendige Prozess der Verselbstständigung durch vorhergehende psychische Entwicklungen beeinflusst wird, etwa im Sinne eines nachholenden Entwicklungsbedürfnisses als eine Art »später Zündung« (Franke 2009).

Ausgangsüberlegungen und Ansatz der Untersuchung

Die Existenzgründungsdebatte

Zum Thema der Existenzgründung gibt es zahlreiche wirtschaftswissenschaftliche, psychologische und soziologische Studien (einen Überblick vermitteln z. B. Rauch/Frese 1998; Bögenhold/Fachinger 2012a). Diese Untersuchungen unterliegen häufig einer historischen und kulturellen Begrenzung: Die Auseinandersetzung mit dem Unternehmertum ist vor allem im amerikanischen Raum unter dem Stichwort »Entrepreneurship« verbreitet. Europäer und speziell Deutsche gelten aber hinsichtlich der Bereitschaft zur Existenzgründung eher als vorsichtig oder zugespitzter formuliert als »risk-averse«. Dies war die einhellig geteilte Einschätzung von Fachleuten unterschiedlicher Herkunft und Orientierung im Rahmen eines Symposiums zur »Entrepreneurship« (vgl. ausführlich ESMT 2015).

In Deutschland hat sich diese eher skeptische Haltung gegenüber der Selbstständigkeit aufgrund politischer Entwicklungen erst gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts schrittweise verändert. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit, einer generellen Entwicklung in Richtung unsicherer Arbeitsverhältnisse und latent ständig drohender Arbeitslosigkeit für immer größere Teile der Bevölkerung hat sich die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit als Alternative zur abhängigen Beschäftigung als eine vermeintlich attraktive Möglichkeit deutlicher in den Vordergrund geschoben. Sie wurde auch politisch in Form der sogenannten »Ich-AGs« forciert, um die Arbeitslosenzahlen zu senken. Viele dieser Existenzgründungen sind eher den Not- oder »Push-Gründungen« (vgl. Bögenhold/Fachinger 2011) zuzurechnen. Es hat aber im Zuge dieser Entwicklung und vermutlich aufgrund einer allgemeinen gesellschaftlichen Strömung in Richtung eines »unternehmerischen Selbst« (Bröckling 2007) einen spürbaren allgemeinen Aufschwung der Aufnahme selbstständiger Tätigkeiten gegeben.

Die Menschen, die diese Richtung eingeschlagen haben, unterscheiden sich allerdings meistens von den klassischen Entrepreneuren, deren Wesensmerkmal die neue, z. T. revolutionäre Geschäftsidee ist und die einen Bruch mit alten Produkten, Prozessen und Strukturen herbeiführen wollten. Diese klassische Form entsprach der Idee der »schöpferischen Zerstörung« (Schumpeter 1939). Dabei stand vor allem eine Persönlichkeit des Entrepreneurs im Fokus, die als eine Art charismatische Figur mit ganz besonderen persönlichen Eigenschaften ausgestattet ist und über eine große Durchsetzungsfähigkeit und einen spezifischen, erfolgreichen Leitungsstil verfügt. Die Frage ist, ob die neuen Selbstständigen (vgl. Siegl 2012), die vor allem als Einpersonenunternehmen oder Solo-Selbstständige in Erscheinung treten, mit den Beschreibungen des klassischen Entrepreneurs angemessen charakterisiert werden können. Sie ähneln oft eher freischaffenden Künstlern als den erfolgreichen Ikonen der Gründerszene, wie man sie vor allem im IT-Bereich kennt.

Faltin (2001) hat als die drei wesentlichen Bausteine der innovativen Selbstständigkeit die Geschäftsidee, die Person und das Geld genannt. Das Innovative, das entsprechend Schumpeters Konzept vor allem im Bereich der Geschäftsidee liegt und dazu lediglich einer bestimmten Persönlichkeit bedarf, ist bei den neuen Selbstständigen eher auf einer anderen Ebene anzusiedeln, die näher an der Persönlichkeit und ihrer Entwicklung zu verorten ist.

Der demografische Wandel

Gleichzeitig fällt diese individuelle Entscheidung zur Existenzgründung und der Entwicklung in Richtung einer selbstständigen Tätigkeit in einen Kontext sozialen Wandels, der unter dem Schlagwort »demografischer Wandel« nicht nur Gesellschaft, Politik und Unternehmen, sondern auch den einzelnen Menschen möglicherweise frühzeitige Weichenstellungen in Richtung neuer Drehbücher des Alterns abfordert, ja diese vielleicht überhaupt erst möglich macht.

Ältere Selbstständige kamen in den Auseinandersetzungen um die Förderung selbstständiger Tätigkeit bisher wenig vor. Dies hat sich mit dem demografischen Wandel als mächtigem Einflussfaktor auf politische, ökonomische und soziale, aber auch individuelle Entscheidungen geändert. Der demografische Wandel gilt als Kombination von drei Faktoren, nämlich einer niedrigeren Geburtenrate, einer durch medizinische und soziale Faktoren bewirkten verlängerten Lebenserwartung sowie schließlich der durch diese beiden Entwicklungen verursachten Umkehr des Altersaufbaus der Gesellschaft (Stichwort »Alterspyramide«). Er ist kurzfristig nicht reversibel, da eine Umkehr der Entwicklung eine deutlich höhere Geburten- oder Einwanderungsrate erfordern würde. Die Folge sind massive sozialpolitische Probleme (vgl. Motel-Klingebiel 2006), da der demografische Wandel zu einer Störung des ökonomischen Gleichgewichts im Bereich der Renten führt. Daraus werden vor allem zwei Konsequenzen gezogen: Zum einen mindert die Erhöhung des Renteneintrittsalters den finanziellen Druck auf die sozialen Sicherungssysteme. Zum anderen erfolgt eine mehr oder weniger deutliche Verlagerung der Verantwortung für die Sicherung der ökonomischen Basis im Alter auf den Einzelnen. Unternehmerisches Handeln, wie es Bröckling als generelle Strömung ausgemacht hatte, wird in diesem Zusammenhang zunehmend auch für die älteren Mitglieder der Gesellschaft attraktiv.

Es gilt also, auf allen Ebenen neue Lösungen zu finden, und eine dieser Lösungen besteht möglicherweise in der Selbstständigkeit im Alter als einer alternativen oder zusätzlichen Form, für sein Einkommen nach der Pensionierung zu sorgen. Man kann diese Tendenz durchaus kritisch bewerten, da sie das Prinzip des Sozialstaats aushöhlt oder sogar zerstört (Kontos 2004). Existenzgründungen im Alter erscheinen aus dieser Perspektive dann eher als Variante des »Arbeitskraftunternehmertums« (Voß/Pongratz 1998), deren Kern die beschriebene Verlagerung der Verantwortung auf die einzelne Person ist. Allerdings liegen in den Folgen des demografischen Wandels auch historisch einzigartige Möglichkeiten, tradierte Lebensmodelle zu überdenken und neue Konzepte zu entwickeln sowie das »Drehbuch des Alters« (Ludwig 2008) jenseits vorgegebener Wege neu und vor allem auch selbst zu schreiben.

Zu den positiven Veränderungen gehört, dass ältere Menschen aufgrund der verlängerten Lebensphase und der allgemein verbesserten Gesundheitssituation zunehmend auch bessere Voraussetzungen mitbringen, um die traditionelle »nachberufliche« Lebensphase nach der Pensionierung zu gestalten. Künemund (2006) hatte darauf verwiesen, dass sich die Tätigkeiten älterer Menschen deutlich weg von einer lange Zeit vorherrschenden Freizeitorientierung in Richtung nachberuflicher Tätigkeit oder bürgerschaftlichen Engagements orientieren werden.

Die Veränderung der Lebensphasen

Mit der Verlängerung der Lebenszeit und ihrer Gestaltung geht einher, dass sich die traditionellen Einteilungen des menschlichen Lebens in drei Phasen – Kindheit/Jugend, Erwachsenenalter und Alter – verändern und in wissenschaftlichen Abhandlungen um die sogenannte vierte Lebensphase erweitert worden sind (vgl. Backes/Clemens 1998). Honneth stellt dazu fest:

Nichts zeigt jedoch deutlicher, wie neu dieses Phänomen ist, als die Tatsache, dass ein Begriff, mit dem man es bezeichnen könnte, noch immer fehlt: nach wie vor sprechen wir von den »Alten« und fügen bei einem Alter über achtzig häufig nur ein »sehr« davor oder verwenden den Ausdruck »hochaltrig«. (2007, S. 147)

Honneths Feststellung trifft explizit auch für die neue Lebensphase zu, die in dieser Untersuchung angesprochen ist, nämlich die Phase zwischen 50 und 75 Jahren. Hier wird wahlweise von der Existenzgründung »junger Alter« (Dyk van/Lessenich 2009), »Existenzgründung in der zweiten Lebenshälfte« (Franke 2012) oder auch – im betrieblichen Kontext »reifen« Erwachsenen oder gar »mature talents« gesprochen. Andere Autoren rechnen dieses Alter dem mittleren bzw. höheren Lebensalter zu (vgl. Poscheschnik/Traxl 2016). Unternehmen nutzen Begriffe, denen ein Element der Leugnung des Alterungsprozesses anhaftet, wenn sie etwa von »Silver Workers« oder vom »Golden Ager« sprechen, wobei latent die Bedeutung enthalten ist, dass es sich um eine kaufkräftige Zielgruppe handelt. Entsprechend der Unsicherheit hinsichtlich einer adäquaten Begrifflichkeit zur Bezeichnung dieser Phase wird im Folgenden auch immer wieder auf die unterschiedlichen Bezeichnungen zurückgegriffen und eine Festlegung vermieden.

Der noch fehlende Begriff für diese neue Zwischenphase macht deutlich, dass es sich nicht nur aus individueller Sicht um eine Transformationsphase handelt, sondern dass sich darin auch eine gesellschaftliche Transformation abzeichnet.

Die Zeit um die Mitte der Vierzigerjahre im Leben und in der Karriere von Berufstätigen gilt als eine Phase, nach der sich die beruflichen Karriereaussichten einengen und die beruflichen Möglichkeiten am Arbeitsmarkt verschlechtern. In einigen Unternehmen ist eine Weiterentwicklung ab diesem Zeitpunkt schwierig oder gar nicht mehr vorgesehen und vor allem wird ein Wiedereinstieg in ein Beschäftigungsverhältnis nach einer Unterbrechung deutlich schwieriger (vgl. Franke 2012). Das betrifft natürlich die Entscheidung zur Existenzgründung, die mit einem Ausstieg aus dem Beschäftigungsverhältnis verbunden ist, sehr stark. Die Kenntnis dieser Situation erhöht das Risiko deutlich, falls die Existenzgründung scheitern sollte. Man kann die Aufnahme einer selbstständigen Tätigkeit aber auch als eine kreative Lösung der Zuspitzung in diesem Alter sehen, mit der Menschen auf die drohenden Verluste und Abbauprozesse mit einer symbolischen Gegenbewegung reagieren.

Bude (2016, S. 84) hat das Lebensalter, um das es in dieser Untersuchung geht, als »Prominenzphase« des Lebenslaufs betitelt, in der gesellschaftliche diese Alterskohorte die »Richtlinienkompetenz im Generationsverhältnis« besitze. Dies deutet darauf hin, dass der Ausstieg aus der Organisation und der Führungsrolle nicht nur als Element des Alternsprozesses zu sehen ist, sondern möglicherweise auch mit dem Anspruch gesellschaftlicher Veränderung verknüpft sein könnte.

Ansatz der Untersuchung und wissenschaftstheoretische Orientierung

Der Diskurs um Existenzgründung teilt sich weitgehend in zwei Richtungen: Auf der einen Seite wird aus ökonomischer Sicht die Existenzgründung als eine Art Idealform der ökonomischen Tätigkeit angesehen und unter dem Begriff der »Entrepreneurship« weitgehend idealisiert. Auf der anderen, eher soziologisch geprägten Seite, ist die Diskussion gekoppelt an Fragen der sozialen Exklusion (vgl. Apitzsch/Kontos 2008), d. h., der Weg in die Selbstständigkeit wird als eine individuelle Strategie der Integration bzw. Reintegration in den Arbeitsmarkt gesehen. Das ist zu berücksichtigen, um einer vorschnellen Idealisierung der Existenzgründung zu entgehen. So stellt sich zugespitzt auch die Frage, ob Existenzgründer »Helden oder Feiglinge sind« (Voss o. J., S. 1), im letzteren Fall also Menschen, die möglicherweise nicht aus Gründen der persönlichen Weiterentwicklung risikofreudig handeln, sondern um drohenden Enttäuschungen einer zu erwartenden Kränkung in Form von Karriereblockaden, Versetzungen o.Ä. zu entgehen. Existenzgründungen – auch in der privilegierten Situation der älteren Führungskraft – bewegen sich im Spannungsfeld zwischen »Ökonomie der Not und Ökonomie der Selbstverwirklichung« (Bögenhold 1989).

In der vorliegenden Untersuchung geht es – wenn man die drei Grundelemente »Idee-Mensch-Kapital« von Faltin (2001) zugrunde legt – vorrangig um den Faktor »Mensch«. Dabei steht nicht allein eine rein psychologische Sicht, etwa in Form der bereits ausführlich erforschten Persönlichkeitseigenschaften, die für eine Existenzgründung hilfreich sind, im Mittelpunkt (vgl. dazu etwa Rauch/Frese 2008). Grundlage dieser Arbeit ist ein biografischer Ansatz, wie ihn etwa Kontos (2008) oder Becker-Schmidt (1994) im Hinblick auf Lebenslauf und Existenzgründung formuliert haben.

Entrepreneurship ist demnach ein Phänomen, das nicht nur in soziale Beziehungen und Netzwerke eingebunden ist sowie rechtliche und ökonomische Aspekte zu berücksichtigen hat, sondern Existenzgründungen sind aus dieser Perspektive vor allem eingebettet in biografische Prozesse. Es geht im Kern um die Analyse eines zunächst subjektiven Veränderungsprozesses im Kontext gesellschaftlicher, d. h. politischer, sozialer, institutioneller und auch generationeller Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Psyche des Einzelnen. Es soll untersucht werden, wie sich soziale Veränderungen wie der demografische Wandel und die Forderung nach größerer Selbstverantwortung im Sinne eines unternehmerischen Selbst in individuelle Muster der Lebensführung übersetzen und welche Rolle solche Prozesse in der Entscheidung zur Existenzgründung spielen.

Diese Arbeit ist daher mikrosoziologisch angelegt und folgt wissenschaftstheoretisch einer biografisch-hermeneutischen Orientierung (vgl. Kontos 2004, S. 83). Im Unterschied zu quantitativen Verfahren rekonstruiert das biografisch-hermeneutische Verständnis Prozesse. Es geht um die Frage, wie sich gesellschaftliche Dynamiken, etwa das »unternehmerische Selbst« (Bröckling 2007) und institutionelle Prozesse in der Lebensführung, insbesondere in der Frage der Gestaltung der beruflichen Tätigkeit im höheren Erwachsenenalter niederschlagen und wie sie psychisch und sozial verarbeitet werden. Im vorliegenden Fall stehen dabei die inneren und äußeren Bedingungen der Entstehung und des Verlaufs von Existenzgründungen älterer Führungskräfte im Fokus der Aufmerksamkeit. Existenzgründungen werden in diesem Sinne als Phänomene gesehen, die nicht allein im ökonomischen, rechtlichen und strukturellen Kontext verstanden werden können oder rein psychologisch zu erklären wären, sondern ebenso eingebettet sind in biografische Prozesse. Biografische Einbettung impliziert, dass der Verselbstständigungsprozess in Zusammenhang mit anderen lebensgeschichtlichen, vor allem berufsbiografischen Erfahrungen steht. Teilweise reichen diese Einflüsse weit in die persönliche Geschichte zurück, andere Phänomene sind nur aus Dynamiken verstehbar, die sich in anderen Bereichen der individuellen Biografie abspielen, wie etwa in familiären oder sozialen Kontexten. Existenzgründung ist ein Phänomen, das weite Teile der Identität und Lebensgeschichte des Gründers berührt und nur aus diesen Zusammenhängen umfassend verstehbar wird.

Ein wichtiges Element des biografischen Verständnisses ist darüber hinaus die Annahme, dass psychische und soziale Prozesse in komplexer Weise ineinandergreifen und aufeinander bezogen sind. Die innerpsychische Realität ist nicht allein Ausdruck innerer Dynamiken sondern auch eine Folge der Internalisierung äußerer Realität und umgekehrt (vgl. Haubl, Schülein 2016, S. 219).

Soziales – etwa im Sinne gesellschaftlicher Strömungen – transformiert sich in individuelle Handlungsweisen, Empfindungen und Entscheidungen und diese wiederum implizieren gleichzeitig ein aktives Einwirken auf soziale und gesellschaftliche Prozesse (vgl. King 2014, S. 4).

Eine prozessorientierte Sichtweise der Existenzgründung basiert schließlich auch auf der Unterscheidung zwischen bewussten und unbewussten Motiven menschlichen Handelns. Wenn man die Biografie des jeweiligen Existenzgründers in den Mittelpunkt stellt, ist leicht einsichtig, dass nicht alle biografischen Rahmenbedingungen direkt der Reflexion zugänglich sind. Sie wirken teilweise unbewusst und bedürfen einer spezifischen Untersuchungsmethode, um ihre latente Bedeutung besser zu verstehen.

Jeder wissenschaftliche Zugang benötigt entsprechende, gegenstandsund konzeptangemessene Methoden. Das hermeneutische Vorgehen impliziert an dieser Stelle ein Verständnis sozialer Handlungen mit Hilfe von Empathie und Verstehen. Es bedient sich dabei der Kunst einer angemessenen und nachvollziehbaren Interpretation vor allem der Aussagen und Handlungen der befragten Existenzgründer und der Erschließung von Sinnzusammenhängen. Daraus folgend steht die Anwendung qualitativer empirischer Methoden im Vordergrund, die dies gewährleisten können und die einer Tradition »psychoanalytisch inspirierter Sozialforschung« (Haubl, Schülein 2016, S. 193) zuzurechnen sind.

Die Untersuchung der Motivation der älteren Führungskräfte folgt ebenfalls einem biografisch geprägten Motivationsverständnis, wie es Kontos (2008) formuliert hat. Dazu gehört zunächst als wichtigstes die Prozesshaftigkeit, d. h. die Erkenntnis, dass sich Entscheidungen wie die zur Existenzgründung nicht als kurzfristiger Akt verstehen lassen, sondern von Einflüssen geprägt sind, die wie beschrieben z. T. tief in die jeweilige Biografie hineinreichen. Dies weist auf eine hohe Komplexität hin, die vereinfachende Konzepte nur ungenügend erfassen. Eine übliche Polarisierung in Richtung »Gründung aus wirtschaftlicher Not vs. Gründung als Selbstverwirklichung« greift hier vermutlich zu kurz. Das betrifft nicht nur die beiden benannten Pole, sondern den eher ausschließenden Charakter einer solchen Gegenüberstellung insgesamt.

Schließlich impliziert ein biografisches Verständnis von Motivation auch die Annahme, dass Motivationsstrukturen vielschichtig sind, dass also bei der Entscheidung zur Existenzgründung nicht nur ein einziges Motiv wirksam wird, sondern möglicherweise ein Bündel unterschiedlicher, z. T. unbewusster Motivationsstränge ineinandergreift.

Die Einbettung der Entscheidung zur Existenzgründung in biografische Prozesse bedeutet auch, dass sie nicht nur als Ergebnis zurückliegender Erfahrungen begriffen werden kann, sondern auch auf die Zukunft gerichtet ist. Dabei werden die Betroffenen ausdrücklich als Subjekte der eigenen Entwicklung gesehen. Individuelle Entscheidungen werden zwar im Kontext gesellschaftlicher, sozialer und institutioneller Rahmenbedingungen getroffen, aber sie lassen sich nicht darauf reduzieren. Und sie haben – wenn auch nicht bewusst – Wirkungen über das eigene Handeln hinaus, sie schaffen neue Realitäten nicht nur im individuellen Leben, sondern von ihnen können Impulse für soziale und gesellschaftliche Wandlungsprozesse ausgehen.

Forschungsfragen

Die Arbeit zielt auf dem beschriebenen Hintergrund in Richtung weiterführender Antworten auf folgende drei zentralen Fragen:

1.Die Frage nach der Entstehungsgeschichte und den Motiven zur Existenzgründung: Was sind die zentralen – auch unbewussten – Motivkonstellationen, die zur Existenzgründung geführt haben, und wie lassen sich diese (berufs)biografisch verstehen?

2.Die Frage nach dem zeitlichen Verlauf der Existenzgründung: Prozess: In welchen Schritten verläuft die Existenzgründung als Statusübergang und welche Erfahrungen machen dabei die Befragten? Wie weit reichen erste Ansätze dieser Entscheidung möglicherweise zurück?

3.Die Frage nach den Ressourcen und Rahmenbedingungen der Existenzgründung: Welche Gelingensbedingungen, welche internen und externen Ressourcen auf der persönlichen, der sozialen und der strukturelle Ebene beeinflussen, unterstützen oder beeinträchtigen den Prozess der Verselbstständigung?

Der Aufbau der Arbeit verläuft dabei spiralförmig: Ausgangspunkt sind grundlegende theoretische und empirische Ergebnisse der Forschung zu den Themen Existenzgründung, demografischer Wandel und Biografie. Im Anschluss an eine Darstellung des methodischen Vorgehens dieser empirisch angelegten Arbeit werden die wichtigsten Ergebnisse der biografischen Interviews von zehn Existenzgründern jenseits des fünfzigsten Lebensjahres entlang dieser drei Forschungsfragen vorgestellt. Die Beschreibung folgt dabei einem bestimmten Muster: Zunächst wird jeweils eine kurze, zusammenfassende Beschreibung der Ergebnisse gegeben. Diese wird anhand der verdichteten und mit einzelnen Zitaten angereicherten Beschreibung eines typischen Existenzgründers angereichert und im Anschluss mit Hilfe theoretischer Erkenntnisse aus der Forschung umfassend erläutert.

Zum Schluss wird anschließend an einen Vergleich der Ergebnisse dieser Studie mit anderen Forschungsarbeiten modellhaft eine Verknüpfung der drei Forschungsfragen in Form einer Typisierung vorgenommen, die in ein Modell der Existenzgründung älterer Führungskräfte integriert wird. Dieses Modell wird mit Empfehlungen für die praktische Arbeit mit Existenzgründern dieses Typs verbunden.

Praxisbezug

An dieser Stelle ist zu betonen, dass die vorliegende Arbeit vor dem Hintergrund praktischer Erfahrungen und eigener Betroffenheit im Rahmen von Führungskräfteentwicklungen und Coachings entstanden ist. Daraus ergibt sich als ein weiteres Ziel der Untersuchung, einen Beitrag zur Entwicklung von betrieblichen und außerbetrieblichen Gestaltungsmaßnahmen (also Strategien, Instrumente, Strukturen) zu leisten, die Menschen in einem solchen Entscheidungsprozess unterstützen und gegebenenfalls vor dem Scheitern bewahren können.

Eine Anmerkung zum Gebrauch der männlichen bzw. weiblichen Ausdrucksform: Bei der untersuchten Zielgruppe handelt es sich ausschließlich um männliche Existenzgründer. Aus diesem Grund wird in der Arbeit an den entsprechenden Stellen auch in der männlichen Form geschrieben. Die in den übrigen Teilen der Arbeit gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf weibliche und männliche Personen. Auf eine konsequente Doppelbezeichnung wurde zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.

2Existenzgründung und Selbstständigkeit Älterer

2.1Existenzgründung und Selbstständigkeit – was ist gemeint?

2.1.1Begriffliches

»Existere: hervortreten, entstehen« oder in anderen Formen auch: »exsistere: auf-/emportauchen, hervorbrechen, erscheinen, sich zeigen, zum Vorschein kommen« (Pons Online Wörterbuch) – in all diesen Bedeutungen ist zu spüren, um welche psychisch und sozial bedeutsamen Prozesse es geht, wenn wir von »Existenzgründungen« sprechen.

Umgangssprachlich verbindet man mit diesem Begriff z. T. den traditionellen Übergang Jugendlicher in das Erwachsenenalter, dann nämlich, wenn sie ihre eigene Existenz gründen, indem sie einen Beruf ergreifen, eine Familie gründen und sich räumlich an einem bestimmten Ort niederlassen. Dieser Prozess markiert eine Trennung, nämlich die Ablösung von der Ursprungsfamilie. Die Abhängigkeit, die auf der einen Seite durch Einschränkungen und Verpflichtungen, aber auf der anderen Seite auch durch materielle und emotionale Versorgung und Sicherheit gekennzeichnet war, wird aufgegeben zugunsten einer Lebenssituation, die größere Freiheit, aber auch ein Risiko des Scheiterns und größere Verantwortung mit sich bringt.

Im Regelfall wird mit dem Begriff der Existenzgründung allerdings vor allem auf die wirtschaftliche Lebensgrundlage abgehoben, die auf unterschiedliche Weise gesichert werden kann. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen »Existenzgründung« und »Selbstständigkeit« hat seit der Zeit der politischen Arbeitsmarktreformen, die unter dem Begriff der sogenannten »Hartz IV-Reformen« eine ambivalent getönte Berühmtheit in Deutschland erlangt haben, eine hohe Aufmerksamkeit erhalten. Die Förderung von Existenzgründungen und die Weckung eines »Gründergeists« in Deutschland (Kritikos 2011) war individuell und gesellschaftlich stark mit der Hoffnung auf die Überwindung der Arbeitslosigkeit verknüpft und hat insofern in den vergangenen Jahren eine gewisse Engführung erfahren.

Der Begriff der Existenzgründung hat eine enge Verwandtschaft mit dem Begriff der Existenzsicherung. Diese beschreibt zunächst alle Aktivitäten von Menschen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, d. h., für ausreichend wirtschaftliche Mittel zu sorgen, um überleben zu können. Dies kann durch ganz unterschiedliche Aktivitäten geschehen, etwa durch eine abhängige Beschäftigung mit regelmäßigen Einkünften bei einem privaten, öffentlichen oder gemeinnützigen Arbeitgeber, aber auch durch regelmäßige Versorgungsleistungen des Staates, etwa Zuschüsse im Sinne der Hartz-IV-Gesetze, von Sozialversicherungsträgern durch Renten oder Krankengeld sowie durch Erbschaften und andere Kapitalerträge bzw. Zinsen, die dadurch erwirtschaftet werden.

Der Begriff »Existenzgründung« beschreibt dagegen den Schritt in eine spezifische Form nicht abhängiger Erwerbstätigkeit, die durch den Akt der Verselbstständigung angestrebt und realisiert wird. Ist die berufliche Verselbstständigung als Existenzgründung konzipiert, wird dabei häufig die Gründung eines Unternehmens mitgedacht, was im Unterschied zur freiberuflichen Selbstständigkeit eine Reihe weiterer Implikationen hat und vor allem auf mittelständische Wirtschaftsunternehmen beschränkt ist. Zu diesen meist mitgedachten Elementen gehört die Vorstellung von weiteren Mitarbeitern und Angestellten, also die Schaffung neuer Arbeitsplätze, die die Existenzgründung für politische Zwecke zu einem solch förderungswürdigen Phänomen macht.

Inhaltlich kann man die Existenzgründung aus der Perspektive des Individuums aber auch ganz einfach als eine besondere Möglichkeit erwerbsbiografischer Gestaltung des eigenen Arbeitslebens unter mehreren Optionen betrachten (Franke 2010, S. 375).

Der Begriff der Existenzgründung ist abgeleitet vom aus dem Lateinischen stammenden »Exsistentia«, was mit »Vorhandensein, Bestehen« übersetzt werden kann (Pons). Das dazu gehörige Verb »existere« in seiner Bedeutung als »entstehen« bzw. »hervortreten« veranschaulicht zwei wichtige Elemente der Bedeutung des Prozesses. Existenzgründung kann demnach nur als Prozess verstanden werden, d. h. also nicht als kurzzeitiges Ereignis, sondern als eine Abfolge von Schritten und Entscheidungen. Darüber hinaus transportiert das »Hervortreten« auch die Bedeutung, dass es sich um einen offensichtlich eher ungewöhnlichen Schritt handelt, um ein Heraustreten aus dem Üblichen – und damit um eine Form der Exposition, die demjenigen, der diesen Schritt tut, eine besondere Sichtbarkeit verleiht, ihm aber auch einen gewissen Schutz, den das Verbleiben in der Reihe der anderen bieten kann, entzieht. Die Existenzgründung bedeutet für denjenigen, der diesen Schritt tut, auch einen Wandel im beruflichen Lebensalltag, da – anders als bei der abhängigen Beschäftigung – neben der fachlichen Kompetenz auf der Grundlage einer beruflichen Aus- oder Weiterbildung nun weitere Kompetenzen erforderlich sind, die sich auf die Bewältigung der Selbstständigkeit richten. Dazu gehören verschiedene methodische bzw. instrumentelle Kompetenzen zur Bewältigung des Unternehmeralltags, wie z. B. Kenntnisse im Bereich Finanzen, Marketing, Akquisition, Betriebs- und Personalführung etc.

Existenzgründungen implizieren einen Prozess des »Sich-selbstständig- Machens«. Selbstständige sind Personen, »die alleinige oder gemeinsame Eigentümer eines Unternehmens ohne eigene Rechtspersönlichkeit sind, in dem sie arbeiten« (Europäisches Sozialversicherungsgesetz 2010). Selbstständige sind also Menschen, die nicht abhängig beschäftigt sind, sondern Produkte herstellen und verkaufen oder Dienstleistungen anbieten und auf eigene Rechnung auf dem Markt anbieten bzw. verkaufen. Bögenhold und Fachinger (2011, S. 256) verweisen auf die Definition des Statistischen Bundesamtes, nach der Selbstständige Personen sind,

die einen Betrieb oder eine Arbeitsstätte gewerblicher oder landwirtschaftlicher Art wirtschaftlich und organisatorisch als Eigentümer/innen oder Pächter/innen leiten … sowie alle freiberuflich Tätigen, Hausgewerbe Treibenden und Zwischenmeister/innen (Statistisches Bundesamt 2008, S. 77, zit. nach Bögenhold/Fachinger 2011, S. 256).

Hier wird bereits deutlich, dass sich hinter dem Begriff der »Selbstständigkeit« ein großes Spektrum unterschiedlicher Formen der Selbstständigkeit und – wie Bögenhold (1989, S. 264) betont – unterschiedlicher sozialer Lagen verbirgt. Im Unterschied zu Menschen, die sich selbstständig gemacht haben, ist das entscheidende Merkmal der abhängigen Beschäftigung die persönliche Abhängigkeit von einem Arbeitgeber. Selbstständigkeit impliziert im juristischen Sinne vor allem die freie Verfügung über die eigene Arbeitskraft hinsichtlich der Gestaltung der Tätigkeit und insbesondere des Managements von deren Grenzen, wie etwa die Verfügung über die Arbeitszeit oder die Wahl des Arbeitsortes. Darüber hinaus ist es ein wesentliches Merkmal der selbstständigen Tätigkeit, dass sie das unternehmerische Risiko des Scheiterns und in der Folge entsprechender Verluste und existenzieller Unsicherheiten impliziert, was – wie sich noch zeigen wird – zu den entscheidenden Hemmnisfaktoren für eine Existenzgründung gehört. Wichtig ist, dass beide Faktoren, sowohl die gewonnene Unabhängigkeit und Freiheit als auch die Möglichkeit des Scheiterns, zu einer echten Existenzgründung und Selbstständigkeit dazugehören. Dadurch unterscheiden sie sich von der »Scheinselbstständigkeit«, bei der Unternehmen lediglich das Risiko outsourcen, ansonsten aber die Kontrolle über Tätigkeiten, Zeiten und Orte weitgehend informell behalten.

2.1.2Die Diversität der Selbstständigkeit – Formen selbstständigen Arbeitens

Aus einer externen Perspektive erscheint es häufig selbstverständlich, was damit gemeint ist, wenn sich jemand »selbstständig macht«. Meist liegt der Fokus auf dem Akt des Wechsels aus der abhängigen Beschäftigung in die nicht abhängige Erwerbstätigkeit, die Selbstständigkeit. Dies gilt besonders für den Zeitraum der Existenzgründung. Bögenhold und Fachinger (2011, S. 267) weisen aber darauf hin, dass die Situation komplexer ist, als sie im ersten Moment erscheint: Es besteht eine Tendenz, das Konzept der beruflichen Selbstständigkeit unzulässig zu generalisieren und eine bestimmte Erscheinungsform vorauszusetzen. Dies mag der Idee verpflichtet sein, dass es »Abhängige« und »Unabhängige« gibt, womit latent die klassische Spaltung in Kapital und Arbeit fortgeschrieben wird. Eine solch grobe Aufteilung lässt sich aber weder theoretisch noch empirisch aufrechterhalten.

Eine »Durchschnittsselbstständigkeit« ist häufig eher ein akademisches Konstrukt und trägt der Vielfalt an Sozial- und Wirtschaftsräumen im Unternehmertum kaum Rechnung. (Bögenhold/Fachinger 2011, S. 267)

Stattdessen gibt es empirisch eine ungeheure Vielfalt und enorme Unterschiede zwischen den Selbstständigen, wodurch Gartner (1985, S. 696) zu der Feststellung gelangt, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Unternehmern z. T. deutlich größer sind als diejenigen zwischen Unternehmern und Nicht-Unternehmern. Bührmann und Hansen (zit. nach Bögenhold/Fachinger 2011, S. 252) gehen sogar so weit, dass sie von einer »Erosion des Normalunternehmertums« sprechen. Dem entspricht die Tatsache, dass in der Alltagssprache eine Vielzahl von Begriffen für diejenigen verwandt wird, die insgesamt als Selbstständige bezeichnet werden können. Franke (2010, S. 374 ff.) hat auf der Grundlage der Abgrenzung nach dem Mikrozensus ein vereinfachendes Basismodell vorgestellt, mit dem sie versucht, eine nachvollziehbare Struktur in dieses komplexe Feld zu bringen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Abgrenzung von Selbstständigen nach dem Mikrozensus (Franke 2012, S. 22)

Dem Modell zufolge kann der Begriff »Selbstständige« entsprechend der im vorhergehenden Absatz beschriebenen Weise als ein Oberbegriff für alle Formen nicht abhängiger Beschäftigung gesehen werden. Auf der gleichen Ebene ist im Sinne dieses Modells der Begriff des »Entrepreneurs« anzusiedeln. Dieser schillernde Begriff ist Gegenstand der umfangreichen, hauptsächlich im ökonomischen Bereich angesiedelten Entrepreneurship-Forschung, auf die im Folgenden noch näher einzugehen sein wird. In diesem Forschungszweig existiert eine intensive Auseinandersetzung mit Fragen der Selbstständigkeit, wobei der Begriff des Entrepreneurs auf keinen Fall mit dem Begriff des Selbstständigen gleichgesetzt werden kann. Im Konzept des Entrepreneurs stehen sowohl die Beschäftigung mit Fragen der Person des Unternehmers bzw. Existenzgründers als auch die Auseinandersetzung mit seinem Werk, dem Unternehmen, im Vordergrund.

Bögenhold und Fachinger (2011, S. 254) weisen darauf hin, dass trotz intensiver Bemühungen in der wissenschaftlichen Diskussion weiterhin Probleme bestehen, den Begriff des Entrepreneurs eindeutig zu definieren. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass dieser Begriff meistens mit Bildern von Unternehmertum im Sinne von Innovation, Veränderung und Wachstum assoziiert wird und dass von daher weniger die klare Unterscheidbarkeit im Vordergrund steht, sondern eher eine konzeptionelle Vorstellung von Selbstständigkeit, Unternehmertum, Existenzgründung.

Dies verdeutlicht auch eine Unterscheidung von Faltin (2001), der eine Differenzierung der Führungsrollen im Unternehmen in Owner, Entrepreneure und Manager vorschlägt:

–Owner sind demnach Menschen, die sich auf der Basis ausreichenden Kapitals in Unternehmen einkaufen, diese finanzieren und mit Geld ausstatten und ihre Rendite maximieren wollen; zu diesem Zweck setzen sie dann gegebenenfalls auch Arbeitskräfte frei.

–Manager hingegen kümmern sich um den betrieblichen Alltag und sorgen für reibungslose Abläufe im Unternehmen.

–Entrepreneure sind in diesem begrifflichen Konzept diejenigen, die eine Idee haben, ein Unternehmen gründen und, wenn sie erfolgreich sind, Arbeitskräfte einstellen.

Bei dieser Gegenüberstellung wird deutlich, dass mit dem Begriff des Entrepreneurs aus ökonomischer Perspektive oft eine gewisse Idealisierung verbunden ist. Der Entrepreneur ist der »gute« Selbstständige, der für einzelne Menschen und für die Gesellschaft positive Entwicklungen in Gang setzt und das für diesen Prozess notwendige Risiko auf sich nimmt.

Im bereits zitierten Modell von Franke (siehe Abb. 1) differenzieren sich die Selbstständigen bzw. Entrepreneure in zwei unterschiedliche Formen der Selbstständigkeit, nämlich die Freiberufler auf der einen und die Gewerbetreibenden auf der anderen Seite.

Als Freiberufler gelten traditionell vorrangig alle »verkammerten Berufe« (Bögenhold/Fachinger 2011, S. 255). Damit gemeint sind z. B. Steuerberater, Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte, Apotheker etc. Ebenfalls dazuzurechnen sind Vortragende, Künstler, Sachverständige, Journalisten (Siegl 2012, S. 19). Zu diesen Berufen gehören auch die in den vergangenen Jahren stark expandierenden Beratungstätigkeiten, wie z. B. Coaching, Consulting, Supervision, Organisationsberatung und Training. Diese Selbstständigen schaffen häufig nur in sehr überschaubarem Maße neue Arbeitsplätze, aber ihr Wert für die Gesellschaft wird auf einer anderen Ebene gesehen: Traditionell wird ihnen unterstellt, dass sie nur in geringem Maße eine Gewinnabsicht hegen und ihr wirtschaftliches Handeln deutlicher ethisch fundiert ist (Bögenhold/Fachinger 2011). Gleichwohl verschwimmen hier die Grenzen, wie die Alltagserfahrung zeigt, wenn man etwa an die Diskussion um Ärztehonorare denkt oder an große Beratungsunternehmen, deren Handeln oft unübersehbar von einer Gewinnabsicht getrieben wird.

Auf der anderen Seite stehen Gewerbetreibende, die ein Unternehmen gründen und Produkte oder Dienstleistungen verkaufen. Wie schon aus der Beschreibung spürbar, sind die Trennlinien in der Praxis oft nicht so klar, wie man es annehmen könnte. Was bleibt, ist aber eine formale steuerrechtliche Unterscheidung, die von den Finanzämtern getroffen wird: Unternehmer (und hier sind eher Gewerbetreibende gemeint) zahlen Gewerbesteuer, Freiberufler zahlen Einkommenssteuer (vgl. Bögenhold/Fachinger 2011).

Zur »Heterogenität und Diversifizierung der Selbständigkeit« (Bögenhold/Fachinger 2011) gehören weitere Unterscheidungen. Selbstständigkeit ist nicht automatisch das Ergebnis einer Existenzgründung. Für eine nicht unbedeutende Zahl von Selbstständigen gilt, dass sie diesen Status gleichsam erben: Sie werden zu Unternehmern, indem sie das Familienunternehmen, das ihre Eltern gegründet haben, übernehmen. Existenzgründung ist hier allenfalls ein individueller Akt des innerfamiliären Übergangs, eine generationelle Statuspassage, die gleichwohl nicht weniger schwierig und konflikthaft verlaufen kann (Daser/Haubl 2009).

Innerhalb der Selbstständigengruppe ist eine Unterscheidung nach der Größe des Unternehmens üblich. Neben den bekannten Großunternehmen sowie den klein- und mittelständischen Unternehmen haben sich zunehmend Formen der »Solo-Selbständigkeit« (Bögenhold/Fachinger 2012a, S. 280) entwickelt, für die in der Literatur auch die Begriffe des »Ein-Personenunternehmens (EPU)« (Siegl 2012) oder des »Mikrounternehmers« (Bögenhold/Fachinger 2011) verwandt werden. Darauf wird noch ausführlicher einzugehen sein.

Eine weitere Differenzierung auf der Ebene der Existenzgründungen ist schließlich die bedeutsame Unterscheidung zwischen Vollerwerbsund Nebenerwerbsgründungen (KfW-Bankengruppe 2008, S. 3). Damit ist gemeint, dass einige Gründer ihre gesamte berufliche und ökonomische Existenz vom Erfolg der Selbstständigkeit abhängig machen, während andere temporär (hier vor allem in der Übergangsphase sowie in erster Linie Frauen neben ihren familiären Verpflichtungen) »auf zwei Hochzeiten tanzen«, d. h. die Selbstständigkeit mit einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis oder einem anderen Aufgabengebiet koppeln. Dies erklärt die z. T. deutlich unterschiedliche Arbeitsbelastung Selbstständiger, die in einer Untersuchung von Bögenhold/Fachinger (2011, S. 263) zwischen 15 und mehr als 40 Wochenstunden lag. Dies kann Ausdruck einer mehr oder weniger guten Auftragslage, aber auch Ergebnis einer Voll- oder Nebenerwerbsgründung sein.

Verschiedene Autoren bringen den Begriff der »Neuen Selbstständigen« ins Gespräch. Während Bögenhold/Fachinger (2011) hierunter alle nicht verkammerten Freiberufler oder klassischen Gewerbetreibenden fassen, also Berater, Coaches, Dienstleister etc., betonen andere (z. B. Siegl 2012), dass es sich hier eher um eine Sammelkategorie (noch) nicht einzuordnender Formen der Selbstständigkeit handelt. Zu diesen unklaren Aspekten der »Neuen Selbstständigen« gehört die Einschätzung von Kreide (2000), dass es sich bei diesen häufig um Personen handelt, die sich aus misslichen ökonomischen oder sozialen Lagen befreien wollen. Hier steht die Motivation zur Aufnahme der Selbstständigkeit im Vordergrund, häufig sind es eher Notgründungen, um sich z. B. aus der Arbeitslosigkeit zu befreien.

2.1.3Existenzgründung als Prozess: Die Phasen der Verselbstständigung

Verschiedene Untersuchungen machen deutlich, dass der Akt der Verselbstständigung als länger dauernder Existenzgründungsprozess verstanden werden muss. Dies widerspricht der gängigen Vorstellung, die häufig auf den Gründungsakt, etwa in Form der Kündigung beim alten Arbeitgeber, der juristischen Gründung durch Verträge oder dem Sichtbarmachen der neuen Existenz mithilfe von Visitenkarte, Website, Firmenname o. Ä., fixiert ist. Alle vorliegenden Modelle zeigen, dass es sich im Regelfall um einen mehrere Jahre dauernden Prozess handelt. Dementsprechend verweist Franke (2010, S. 273 ff.; siehe auch Abb. 1) auf die schon im Mikrozensus gängige Unterscheidung zwischen Existenzgründern »in der Frühphase«, womit die Zeitspanne innerhalb von zwölf Monaten nach dem formalen Gründungsakt gemeint ist, und »Etablierten« Selbstständigen, die länger als zwölf Monate selbstständig sind.

Ein anderes Modell legt der »Global Entrepreneurship Monitor« (Brixy et al. 2009) zugrunde, in dem zwischen »Nascent Entrepreneurs« (in der Frühphase der Gründung und ab drei Monaten ohne Entgelt durch abhängige Arbeit), »Young Entrepreneurs« (Existenzgründer in den ersten dreieinhalb Jahren der Existenz des Unternehmens) und schließlich »Established Entrepreneurs« (länger als dreieinhalb Jahre selbstständig) unterschieden wird.

Obwohl die Begriffe »Nascent« und »Young« bildlich eine Altersangabe auch hinsichtlich der Gründungsperson nahelegen, haben sie nichts mit deren persönlichem Lebensalter, sondern nur mit dem »Lebensalter« des Unternehmens bzw. der Selbstständigkeit zu tun. Die mit diesem Phasenmodell beschriebene Differenzierung sagt also nichts über die Gründungsperson – geschweige denn über deren innere Prozesse – aus, sondern ist lediglich eine formale, wenn auch sinnvolle und notwendige Unterscheidung aus der Außenperspektive, und zwar der institutionellen, geht es doch um die Existenzdauer bzw. Entwicklungsphase des Unternehmens.

Zusammenfassend gilt für alle Phasenmodelle, dass sie die Existenzgründung als Prozess begreifen, der die Zeit vom Gründungsakt bis höchstens zu den ersten fünf Jahren danach umfasst. Dass erst dann von einer etablierten Selbstständigkeit ausgegangen wird, reflektiert die Tatsache, dass viele Existenzgründungen ganz offensichtlich die Phase einer etablierten Selbstständigkeit nicht erreichen, da sie scheitern und die Gründer entweder in abhängige Beschäftigungen zurückkehren oder sich neuen Gründungen bzw. Beteiligungen zuwenden. Nach fünf Jahren bestehen nur noch 40 bis 50 Prozent der gegründeten Unternehmen einer Unternehmenskohorte (vgl. Schmude/Wagner 2006, S. 72 f.). Diese Erfahrung spiegelt sich auch wider in der stärker einer ökonomischen Perspektive verpflichteten Begrifflichkeit, die Rauch/Frese (2008, S. 121) verwenden, wenn sie von den Stationen »business creation, business success und business survival« sprechen.

Die Bedeutung dieser Modelle, die den Prozess der Existenzgründung in verschiedene Phasen differenzieren, liegt vor allem auch darin, dass sie verdeutlichen, wie statische Modelle der Gründerpersönlichkeit und ihrer Eigenschaften bzw. Charaktermerkmale zu kurz greifen. Alle Modelle begreifen die Existenzgründung als Prozess, der je nach Modell die Zeit vom Gründungsakt bis zu den ersten zwölf Monaten, 3,5 oder höchstens fünf Jahren umfasst.

Alle bisher beschriebenen Modelle haben einen wesentlichen Mangel: Im Grunde beginnen sie erst in einer Phase, in der das Vorhaben einer Existenzgründung schon relativ konkret ist. Man muss aber davon ausgehen, dass dieser Prozess die Betroffenen »nicht einfach überfällt«. In der bereits erwähnten Studie des RKW Kompetenzzentrums über ältere Gründer unterscheidet daher Nitschke (2010, S. 32) den Existenzgründungsprozess noch differenzierter in die Phasen: Ideenfindungsphase, Vorgründungsphase, Gründungs- bzw. Umsetzungsphase, Festigungsphase und die Phase, in der die Selbstständigen länger als fünf Jahre am Markt etabliert sind.

Interessant an diesem Modell ist, dass eine neue, längere Phase deklariert wird, die sich noch vor der Formalisierung oder ersten Institutionalisierungsschritten abspielt, nämlich die Ideenfindungsphase. Dieses Konzept deutet auch darauf hin, dass die Gründung ein Wechselspiel zwischen inneren und äußeren Prozessen ist und dass diese von Motiven, Fantasien, Dynamiken mitbestimmt werden, die innerhalb der Person des Gründers anzusiedeln sind. Dazu gibt es bisher relativ wenig empirische Forschung und entsprechende Modelle.

Man kann die Existenzgründung auch allgemeiner als einen grundlegenden Veränderungs- und Transformationsprozess begreifen. Für dessen Dynamik haben Kets de Vries und Balazs (1998) ein allgemeines Phasenkonzept entwickelt. Schon der Titel ihres Aufsatzes »Beyond the Quick Fix« verdeutlicht, dass solche inneren Transformationsprozesse nicht auf die Schnelle zu haben sind. Kets de Vries und Balazs betonen, dass innere persönliche und institutionelle – also äußere – Prozesse zwar voneinander unterschieden werden müssen, aber gleichwohl aufeinander bezogen sind und sich in Teilbereichen überschneiden. Die beiden Autoren setzen bei ihrer Beschreibung von Veränderungsprozessen aber noch früher an: Sie postulieren vor der eigentlichen Veränderung und Ideenentwicklung eine notwendige Phase des Erlebens negativer Emotionen, ohne welche die aus der psychoanalytischen Theorie bekannten natürlichen Widerstände gegen Veränderungen nicht überwunden werden können. Erst durch ein ausreichendes Maß an Schmerz, Enttäuschung, Belastung oder gar gesundheitlichen Bedrohungen, sozialen Sanktionen oder Gefühlen von Verlorenheit entsteht ein ausreichend starker Wunsch, diese Situation aufzulösen und etwas Neues zu entwickeln, wie es bei der Existenzgründung nötig ist:

When the interviewees realized, that their bad days had turned into a bad year – in other words, that the isolated occurrence of occasional discontent had changed into a steady pattern of unhappiness – they were no longer able to deny that something had to be done about the situation. (Kets de Vries/Balazs 1998, S. 613)

Diese negativen Erfahrungen setzen nun innere Prozesse in Gang, die zu bewussten Überlegungen führen, aus der unbefriedigenden Situation herauszugehen und Alternativen in den Blick zu nehmen. Dies entspricht möglicherweise der in den anderen Modellen genannten »Ideenfindungsphase«, in der erste Überlegungen reifen. Aber das reicht noch lange nicht, denn wirksam wird dieser Prozess äußerlich erst durch zwei weitere Schritte: Den zweiten Schritt bezeichnen Kets de Vries und Balazs als »Focal Event«, d. h. eine Erfahrung, ein Moment, ein Erlebnis, das sozusagen den letzten Ausschlag gibt, den »Push« in die neue Richtung. Dies muss nicht zwangsläufig eine weitere negative Erfahrung sein, sondern kann – im Falle der Existenzgründung – auch durch motivierende Begegnungen mit Personen geschehen, die sozusagen Vorbild oder Pate des nun auch äußerlich wirksamen Prozesses der Existenzgründung werden (Shapero 1975). Der Schritt von innen nach außen erfordert aber ein weiteres Element, das die Autoren als dritten Schritt bezeichnen: die Veröffentlichung der Veränderungsabsicht – »Public declaration of change« (Kets de Vries/Balazs 1998, S. 614). Diese Veröffentlichung verleiht dem Veränderungsprozess eine zusätzliche Dynamik, da nun auch die soziale Umgebung in den Veränderungsprozess involviert ist und ein gewisser Druck entsteht, der den inneren Drang zur Veränderung befördert. Was folgt sind schließlich Schritt 4: »Inner Journey« und Schritt 5: »Internalization of Change«. Die beiden letzten Schritte können auch als psychische Entsprechung oder paralleler Prozess zur Gründungsphase der »Nascent Entrepreneurs« und der Phase der »Young Entrepreneurs« verstanden werden. Allerdings beziehen Kets de Vries und Balazs dieses Modell nicht allein auf Prozesse der Existenzgründung, sondern auf persönliche Veränderungsprozesse allgemein. Es bleibt empirisch zu überprüfen, wie besonders ältere Existenzgründer den Prozess der Existenzgründung psychisch erleben und verarbeiten.

2.1.4Existenzgründung als soziale Passage: Bewegungen zwischen Selbstständigkeit und abhängiger Beschäftigung

Um der Problematik der Existenzgründung gerecht zu werden, reicht es nicht, diese als einen inneren Entwicklungs- und Veränderungsprozess zu beschreiben oder prozessimmanent voneinander abgrenzbare Schritte zu definieren. Bögenhold und Fachinger beschreiben die Situation aus soziologischer Perspektive folgendermaßen:

Jedenfalls ist es nicht so, dass man sich per Entscheidung einen »plötzlichen Ruck« gibt, um von nun an als Unternehmer zu arbeiten, sondern es handelt sich im Einzelfall um höchst vielschichtige wirtschaftliche und soziale Prozesse, die genauer analysiert und verstanden werden müssen, will man den Prozess des beruflichen Selbständigwerdens und den von Unternehmensgründungen und dessen Einbettung in einen institutionellen Zusammenhang hinreichen konzeptualisieren und verstehen. (2012a, S. 278)

Aus soziologischer Perspektive handelt es sich bei der Existenzgründung auch um einen Akt sozialer Mobilität, d. h. um einen Prozess, der die Positionierung des Existenzgründers im sozialen Gefüge verändert. Die »Reise« erfolgt im Kontext spezifischer Rahmenbedingungen, weswegen Bögenhold (1989) auch von einer »Berufspassage ins Unternehmertum« spricht. Existenzgründer passieren sozial gesehen eine Grenze. Als Selbstständige gehören sie in der landläufigen Vorstellung nun zu einer anderen sozialen Schicht. Diese Aufstiege können sehr unterschiedlich verlaufen: Nach dem Krieg ging es in Familien häufig darum, dass »die Kinder es besser haben sollten«, was sich neben einem gehobenen Konsum auch darin äußern konnte, dass die Kinder mithilfe eines Studiums direkt im Anschluss etwa durch Eröffnung einer Praxis, einer Kanzlei oder anderer Organisationsformen selbstständigen Arbeitens die soziale Schicht wechselten. Für den Aufstieg innerhalb der eigenen Berufsbiografie, die intragenerationelle Mobilität (Bögenhold 1998, S. 263), bedarf es der Anstrengung, sich zwischen beiden sozialen Klassen und Zuständen zu bewegen. Es ist vorstellbar, welche äußeren und inneren Prozesse und Anstrengungen dies erfordert. Gleichwohl gibt es dazu relativ wenig Forschungsergebnisse.

Möglicherweise ist einer der Gründe dafür, dass die Annahme einer wenig veränderbaren Dichotomie von Unternehmern und abhängig Beschäftigten und die fast als schicksalhaft angenommene Zugehörigkeit zu einer der beiden Klassen den Blick dafür verstellt, dass sich durch Existenzgründungsprozesse eine erhebliche Wanderungsbewegung zwischen den Kulturen vollzieht. Damit ist auch gemeint, dass eine reine Fixierung des Blicks auf die Gesamtzahl der Selbstständigen die Bewegungen zwischen den Klassen nicht wiedergibt. Bögenhold (1998, S. 266) zitiert ein Bild Schumpeters, nach dem man sich die gesellschaftlichen Klassen wie ein Hotel bzw. einen Bus vorstellen muss, die beide zwar immer weitgehend belegt sind, aber durchaus nicht immer mit den gleichen Menschen. Die Frage ist also, ob sich die Gruppe der Selbstständigen durch Vererbungs- bzw. Selektionsprozesse selbst reproduziert, wie etwa im Fall von familiären Nachfolgeprozessen, oder ob es tatsächlich Veränderungen gibt – individuell und kollektiv – und wie diese vonstattengehen.

Empirisch lassen sich für den Bereich der Selbstständigen beträchtliche Zu- und Abwanderungsbewegungen beschreiben (Bögenhold 1998, S. 267). Die Kategorie der Selbstständigen ist also offensichtlich für Zuund Abwanderung relativ offen, wobei vermutlich die Selbstständigen im Bereich kleinerer und mittlerer Unternehmen sowie die Freiberufler überwiegen. Bögenhold (1989, S. 267) zitiert Untersuchungen, wonach die »Verbleibquote« in der Gruppe der Selbstständigen innerhalb eines Jahres bei nur 85 % lag. Zusammenfassend vollziehen sich im Bereich der Selbstständigen dauernde Prozesse »sozialen Auftriebs« und »sozialer Deklassierung« (Schumpeter, zit. nach Bögenhold 1989, S. 267). Bögenhold wählt für diese Wanderungsbewegungen zwischen den sozialen Klassen den Begriff des »kleinen Grenzverkehrs« auf einer »Nebenverkehrsstrecke sozialer Mobilität« (Bögenhold 1989, S. 268). Mit dem Begriff des »kleinen Grenzverkehrs« wird betont, dass es auf dieser Straße nicht nur eine Richtung gibt. Sich selbstständig zu machen, ist ein riskanter Prozess, und so ist die Passage in das Unternehmertum mit vielen Unsicherheiten und einer insgesamt fragilen äußeren und inneren Situation verknüpft. Die Fantasie, dass sich eine Existenzgründung als endgültiger Akt des unumkehrbaren sozialen Aufstiegs darstellen könnte, ist nicht realistisch. Die beruflichen Verläufe und sozialen Perspektiven von Existenzgründern stellen sich im Vergleich zu üblichen Mustern der Karriereentwicklung in abhängiger Beschäftigung als weniger klar und weniger prognostizierbar heraus (Bögenhold 1989, S. 276).

Dass die soziale Mobilität im Fall von Existenzgründern in zwei Richtungen zeigt, nämlich nach oben, aber – zumindest temporär – unübersehbar auch nach unten, hat möglicherweise aber auch eine Ursache in der allgemeinen Entwicklung im ökonomischen Sektor. Möller (2012, S. 12 ff.) weist darauf hin, dass »Geburt und Tod von Unternehmen« und das häufige Scheitern zu einer Ökonomie gehören, die sich durch immer stärkere Konkurrenz, das Zerbrechen klassischer Institutionen, aber auch klassischer Berufsbiografien auszeichnet. Den Menschen wird durch die Instabilität der Organisationen eine extrem hohe Flexibilität abverlangt. Dazu gehört auch der Umgang mit dem Scheitern. Möller zitiert Untersuchungen, dass Firmen in Europa und Japan durchschnittlich über eine Lebenserwartung von 12,5 Jahren verfügen. Die Zahlen für Neugründungen sind demnach noch deutlich schlechter. Nur jeder zweite Betrieb wird dabei älter als fünf Jahre.

Man kann diese Form des Scheiterns und die damit verbundenen ökonomischen und sozialen Auf- und Abstiegsprozesse sehr unterschiedlich verarbeiten. In Europa hat das Scheitern häufig eher einen negativen Beigeschmack, in den USA gehört dies zum Selbstverständnis der Entrepreneure, wie Shapero (1975) deutlich gemacht hat. Möller fordert für diese absehbare Situation die Entwicklung von »Übergangskompetenzen«, also die Fähigkeit, angesichts instabiler institutioneller Verhältnisse genau diese Rahmenbedingungen nicht nur zu ertragen, sondern sie zu managen und positiv zu nutzen (Möller 2012, S. 13), eine Forderung, die für die Bewältigung der Berufspassage in die Selbstständigkeit möglicherweise eine besonders hohe Bedeutung hat.

Dass der Wechsel von der abhängigen zur selbstständigen Tätigkeit als eine komplexe Passage mit vielen unterschiedlichen Facetten und Einflussgrößen zu sehen ist, hat darüber hinaus vermutlich mit einem Phänomen zu tun, das Bögenhold und Fachinger (2012a, S. 283 ff.) als »Erwerbshybridisierung« bezeichnen. Damit ist gemeint, dass sich sowohl berufsbiografisch als auch parallel zum gleichen Zeitpunkt abhängige Beschäftigung und Selbstständigkeit abwechseln. Die lineare Vorstellung eines dauerhaften und kompletten Wechsels von der abhängigen Position in die Rolle des Unternehmers bzw. Selbstständigen entspricht nachweislich nicht der Realität. Viele, gerade Einpersonenunternehmer und Freiberufler üben neben ihrer Selbstständigkeit eine zweite, abhängige Beschäftigung in unterschiedlichem Umfang aus. Dies hat verschiedene Gründe: Zum einen kann die Doppelrolle eine wichtige Phase zu Beginn der Selbstständigkeit sein, etwa, um Risiken zu vermindern bzw. notwendige ökonomische Ressourcen zu erhalten. In anderen Fällen handelt es sich aber vielleicht auch um ein dauerhaftes Modell, die Passage wird zum Normalfall. Solche Konzepte tauchten etwa in einer Untersuchung zu Veränderungen in Organisationen als Modell »Standbein-Spielbein« auf (Beumer 2013). Hier dienen sie dazu, die Zumutungen, die die Arbeit in vielen Organisationen heute mit sich bringt, zu lindern bzw. zu umgehen oder schleichenden Desidentifikationsprozessen die Spitze zu nehmen, indem eine zweite Tätigkeit aufgebaut wird, die durch größere Sinnhaftigkeit, Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung oder Autonomie gekennzeichnet ist.

Kets de Vries (1977, S. 34) hat die psychoanalytisch inspirierte Hypothese aufgestellt, dass die als Erwerbshybridisierung bezeichnete Erfahrung wechselnder Arbeitsformen als abhängig Beschäftigter oder Selbstständiger möglicherweise auch innerpsychische Ursachen hat. Entrepreneur zu sein, bedeutet aus seiner Sicht häufig, Erfolg zu haben, und nicht selten folgt auf diese Erfolgsphase auch ein Scheitern des Unternehmens. Kets de Vries vermutet hier Selbstbestrafungstendenzen am Werk, also eine Art selbst betriebenen Scheiterns aus ödipaler Verstrickung.

2.2Zwischen Entrepreneurship und Arbeitskraftunternehmertum – Ideal und Wirklichkeit im Diskurs um Selbstständigkeit und Existenzgründung

2.2.1Im Kraftfeld unternehmerischer Dynamik: Das unternehmerische Selbst

Eine sozialpsychologische Interpretation der individuellen Entscheidung zur Existenzgründung muss auch eine Antwort geben auf die Frage, in welchem gesellschaftlichen Kontext solche Entscheidungen jenseits individueller Motive und Biografien getroffen werden. Es liegt auf der Hand, dass sich gesellschaftliche Umbrüche und Entwicklungen sowie latente Strömungen und Leitbilder auch in individuellen Entscheidungen niederschlagen.

Wie Menschen im Einzelfall mit neuen Situationen umgehen, lässt sich durch Rückgriff auf objektivierte Daten und soziale Strukturanalysen kaum voraussagen. Entscheidungen, auf welche Weise den Wechselfällen im Lebenslauf zu begegnen ist, beruhen nicht nur auf dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein materieller Ressourcen, sondern ebenso auf subjektiven Erfahrungen, auf individueller Beweglichkeit und Reflexionsvermögen. (Becker-Schmidt 1994, S. 155)

Damit kann also nicht behauptet werden, dass es eine zwingende Beziehung zwischen gesellschaftlicher Dynamik und persönlichem Verhalten gibt, aber es geht doch auch um eine wechselseitige Beeinflussung und ein Verständnis der Austauschprozesse zwischen Individuum und Gesellschaft.

Einer der wichtigsten für die vorliegende Untersuchung relevanten Ansätze, die gesellschaftliche Dynamik konzeptionell zu fassen, ist das Konzept des »Unternehmerischen Selbst« von Bröckling (2007). Dabei handelt es sich trotz der eher psychologisch bzw. psychoanalytisch anmutenden Begrifflichkeit, die der Objektbeziehungstheorie (vgl. Fairbairn 2000) entlehnt sein könnte, um ein dezidiert soziologisches Konzept. Bröckling selbst betont, dass es ihm weniger um ein empirisch beschreibbares Phänomen und auch nicht um die Rekonstruktion subjektiver Sinnwelten geht, sondern eher um ein gesellschaftlich wirksames Leitbild. Er benutzt auch das Bild eines »Kraftfeldes« bzw. einer »Strömung«, also einer wirkungsvollen Dynamik, der sich der Einzelne nur schwer entziehen kann. »Unternehmerisches Handeln stellt zweifellos eine spezifische Form ökonomischen Handelns dar, und das, was hier Kraftfeld genannt wird, umschreibt eine Dynamik der Ökonomisierung.« (Bröckling 2007, S. 11) Das unternehmerische Selbst ist also eine Art »symbolische Ordnung«, die ausgehend von ökonomischen Erfordernissen einen mehr oder weniger unausweichlichen Rahmen für individuelle Entscheidungen zur Verfügung stellt. So gesehen könnte man annehmen, dass die zunehmende Anzahl von Existenzgründungen nicht nur mit der Attraktivität dieser Rolle zu tun hat, sondern in starkem Maße auch eine Ausformung der Dynamik ist, die vom Leitbild des »Unternehmerischen Selbst« ausgeht. Es geht Bröckling

um die Konstitution dieser Möglichkeitsfelder, um die Kraftlinien, die sie durchkreuzen, und um die Art und Weise, wie sie die Handlungsoptionen der Individuen mobilisieren, einschränken oder kanalisieren, kurz: wie sie die Selbststeuerungspotenziale steuern. (2007, S. 27)

Die Dynamik, die dieses Leitbild entfaltet hat, speist sich aus ökonomischen Erfordernissen und Entwicklungen. Dazu gehören die Tendenz der Ökonomisierung aller Lebensbereiche, aber auch die aus dem angloamerikanischen Bereich kommende Idee einer verstärkten »enterprise culture« (vgl. Bröckling 2007, S. 13), die auf eine stärkere Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen zielt.

Dabei steht die Mobilisierung von Energiepotenzialen und Reserven im Mittelpunkt, die für eine von hoher Konkurrenz geprägte Wirtschaft benötigt werden. Gleichwohl wäre es verkürzt, die Forcierung des unternehmerischen Selbst allein als das Werk ökonomischer Kräfte zu sehen. Bröckling zeigt auf, wie sich in dieser Figur ökonomische Dynamiken und die gesellschaftliche Bewegung einer auf die Emanzipation des Selbst gerichteten Tendenz begegnen und gegenseitig verstärken, und er betont:

Zu einer hegemonialen Gestalt konnte das unternehmerische Selbst (…) vielmehr nur werden, weil sie an ein kollektives Begehren nach Autonomie, Selbstverwirklichung und nicht-entfremdeter Arbeit anschloss. (2007, S. 58)

Die Vorstellung, Unternehmer seiner selbst zu sein, und zwar sowohl im persönlichen wie im beruflichen Bereich, stellt dabei einen möglichen Ausweg aus einer Erfahrung von Ohnmacht dar, der Menschen in ihren sozialen Kontexten immer wieder begegnen und die sich besonders im Fall von drohender oder schon bestehender Arbeitslosigkeit sehr schnell einstellen.

Vorläufer des unternehmerischen Selbst waren dabei Bemühungen der Unternehmen, eine Kultur der gezähmten Selbstständigkeit innerhalb des Unternehmens zu fördern, um effizienter arbeiten zu können. Das Leitbild des »Intrapreneurs«, also eines Menschen, der innerhalb seiner Tätigkeit als Angestellter unternehmerisch denkt und handelt, sowie die Entwicklung des Managementinstruments der »Zielvereinbarungen« als Mittel, um mithilfe pekuniärer Belohnungen die Motivation und Anstrengung aller Mitarbeiter zu fördern, mögen für die genannte Tendenz stehen, ein höheres Maß an Unternehmergeist zu fördern, ohne die Mitarbeiter gleich strukturell auszugliedern, wie dies teilweise bei den »Arbeitskraftunternehmern«, über die noch ausführlicher zu sprechen sein wird, der Fall ist.

Bröckling (2007) charakterisiert die Wesenszüge des unternehmerischen Selbst, indem er mit Rückgriff auf wirtschaftswissenschaftliche Konzepte vier wesentliche Unternehmerfunktionen analysiert:

1.Der Unternehmer als Nutzer von Gewinnchancen