Spellcaster - Jaymin Eve - E-Book

Spellcaster E-Book

Jaymin Eve

0,0
5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Willkommen im Weatherstone College. Meide die dunklen Gänge. Störe die alte Magie nicht. Und vertraue niemals einem Spellcaster.

Nie hätte ich gedacht, am Weatherstone College, der renommiertesten Zauberschule der Welt, angenommen zu werden. Es ist nicht so, dass ich keine Magie besäße. Sie ist nur ... unberechenbar. Ich muss lernen sie zu kontrollieren, und zwar schnell. Denn gleich an meinem ersten Tag laufe ich Logan Kingston in den altehrwürdigen Hallen in die Arme. Er ist der mächtigste Spellcaster seiner Generation, und unsere Familien sind Todfeinde. Logan Kingston trachtet mir nach dem Leben – doch jedes Mal, wenn ich den Blick seiner tiefgrünen Augen auf mir spüre, empfinde ich etwas ganz anderes als Angst. Was mir Angst macht, ist die dunkle Energie, die mich in Weatherstone zu verfolgen scheint. Niemand anders bemerkt die tödliche, lauernde Gefahr. Niemand außer Logan …

Enthaltene Tropes: Dark Academia, Chosen One, Enemies to Lovers, Touch Her and Die
Spice-Level: 2 von 5

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Nie hätte ich gedacht, am Weatherstone College, der renommiertesten Zauberschule der Welt, angenommen zu werden. Es ist nicht so, dass ich keine Magie besäße. Sie ist nur … unberechenbar. Ich muss lernen, sie zu kontrollieren, und zwar schnell. Denn gleich an meinem ersten Tag laufe ich Logan Kingston in den altehrwürdigen Hallen in die Arme. Er ist der mächtigste Spellcaster unserer Generation, und unsere Familien sind Todfeinde. Logan Kingston trachtet mir nach dem Leben – doch jedes Mal, wenn ich den Blick seiner tiefgrünen Augen auf mir spüre, empfinde ich etwas ganz anderes als Angst. Was mir Angst macht, ist die dunkle Energie, die mich am Weatherstone zu verfolgen scheint. Niemand anders bemerkt die tödliche, lauernde Gefahr. Niemand außer Logan …

Autorin

Jaymin Eve ist eine weltweit erfolgreiche Spiegel- und USA-Today-Bestsellerautorin. Sie schreibt moderne Liebesromane und Urban Romantasies voller Humor, Abenteuer und Knistern. Jaymin lebt mit ihrem Mann, zwei wunderschönen Töchtern und mehreren verrückten Haustieren in Australien.

Die Weatherstone College Reihe:

Spellcaster. Roman. Band 1

Night Witch. Roman. Band 2 (erscheint im Juli 2026)

Jaymin Eve

Spellcaster

Roman

Übersetztvon Bianca Dyck

Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »Spellcaster« bei Mira, an imprint of Harlequin Enterprises, Toronto.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung März 2026

Copyright © 2025 by Jaymin Eve

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotiv: Michaela Spatz für Finepic®, München

Redaktion: Christin Ullmann

MR · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-34341-5V002

www.goldmann-verlag.de

Für jene, die nach Magie suchen.

Das Geheimnis ist – ihr tragt sie bereits in euch.

Ihr seid genug.

Prolog

Mein Atem ging stoßweise, während ich strauchelnd durch den Gang lief. Meine Schritte wurden vom Teppich gedämpft, der das Blut aufsog, das an meiner Seite hinabtropfte.

Die Ränder meines Sichtfeldes verschwammen, aber ich lief immer weiter, denn mir war bewusst, dass die Bestie nicht lange fernbleiben würde. Nur noch einen Schritt. Nur noch einen Schritt. Das eindringliche Mantra nahm meine Gedanken ein, trieb mich an, während ich zunehmend schwächer einen Fuß vor den anderen setzte, bis die Worte nur noch ein leises Flüstern waren.

Dank Belles Zauber hatte ich einen kleinen Vorsprung, aber die Klauen der Bestie hatten großen Schaden angerichtet, mein Fleisch durchbohrt und sich tief in meiner magischen Essenz verankert. Als ich durch die Vorhänge stolperte, beschloss ich, den Hauptgang zu verlassen.

Nightrealm Hall.

In meiner hastigen Flucht vor einem Monster fand ich mich im Bau eines anderen wieder.

Mein Blut pulsierte heiß gegen meine Hände, während ich versuchte, meine Innereien … nun, in mir zu behalten … und doch steckte noch genug Leben in mir, um Angst zu spüren. Nur schmeckte diese Angst anders, war behaftet mit Hass und Reue.

Entgegen jeglicher Vernunft ertappte ich mich dabei, wie ich auf die eine Tür zutaumelte, der ich mich vor dieser Nacht unter keinen Umständen hatte nähern wollen. Der einzige Hinweis auf das mächtige und dunkle Wesen dahinter war ein Minotaurus, der in die Mitte der Vertäfelung geschnitzt war.

Die rechte Hand hielt ich an meine Rippen gepresst, die linke ruhte neben dem Minotaurus, als ich vorwärtstaumelte und mir fast den Kopf am Türrahmen anschlug. Als ich sie zurückzog, hinterließ ich eine purpurrote Schliere, als wäre die Tür mit meiner Energie gezeichnet. Nicht, dass ich noch Energie in mir hätte für mehr, als schwankend auf der Stelle zu stehen.

Während ich erneut gefährlich nach vorn torkelte, hallte das Schlurfen des Monsters ganz in der Nähe wider. Da mir keine andere Wahl blieb, suchte ich tief in mir nach der nötigen Stärke, um die Hand zu heben und zu klopfen, nur wurde die Tür bereits geöffnet, bevor ich sie überhaupt berührte. Kalte Luft rauschte an mir vorbei wie eine Ohrfeige und rüttelte mich beinahe wach. Beinahe.

Im Türrahmen stand mein Feind.

Doch heute Nacht brauchte ich ihn.

Um ein Monster zu bekämpfen, brauchte ich ein Monster.

Es sei denn, er war derjenige, der es überhaupt erst auf mich losgelassen hatte. Dennoch war er der einzige Hexer, der die Macht hatte, diesen Angriff zu beenden.

Sein kalter Blick wanderte über meinen Körper, und dieses perfekte Gesicht, das mich in den Träumen heimsuchte, nahm einen harten Ausdruck an. Ich öffnete den Mund, um zu einer Erklärung anzusetzen, doch ich hatte keine Kraft mehr. Schwankend fiel ich nach vorn und erwartete, auf dem Boden aufzukommen, doch stattdessen umschlangen mich starke Arme, pressten sich auf die Wunden an meiner Seite. Sogar durch den Schmerz hindurch spürte ich seinen festen Griff.

»Kleines«, murmelte er, und dieses eine Wort triefte nur so vor Rage. Möglicherweise schwand mein Verstand zusammen mit meiner Lebenskraft, doch es klang nicht, als richtete sich sein Zorn gegen mich. Ausnahmsweise. »Wer hat dir wehgetan?«

Logan Kingston zog mich an sich, und ich wusste, dies war der entscheidende Moment meines Daseins. Er besaß hier die ganze Macht, und während die Dunkelheit die Oberhand gewann und ich die Lider schloss, fragte ich mich, ob mein Feind mich der Bestie übergeben oder mich retten würde.

Die Zeit würde es zeigen, nur war meine abgelaufen.

Zumindest für heute Nacht.

Kapitel 1

Sechs Monate zuvor

»Paisley! Paisley, beweg sofort deinen Hintern hier runter!«

Die Stimme meiner Mom riss mich aus einem Traum, der gerade dabei gewesen war, sich zu etwas Großartigem zu entwickeln. Ich war in einer Bar gewesen und hatte im Taumel erhitzter Körper getanzt, bis ich von einem Typen in eine Nische gedrängt wurde, der in letzter Zeit des Öfteren in meinen dunklen Fantasien auftauchte. Sein Gesicht sah ich nie, aber ich wusste, dass es immer derselbe Hexer war: ein sündhafter Körper, eine sehr talentierte Zunge und …

Jepp, es begann, ein extrem angenehmer Traum zu werden.

Diese gelegentlichen heißen Träume hatten vor zwei Wochen eingesetzt, am zweiten Weihnachtstag und einen Tag nach meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag. An diesem Abend hatte ich mein liebstes K-Drama geguckt, und als das Obermiststück es einen Schritt zu weit trieb und die süßeste Figur der Serie sabotierte, war ich ausgeflippt und hatte aus Versehen alle Lampen im Haus durchbrennen lassen.

Alle Hexen und Hexer erfahren nach dem zweiundzwanzigsten Geburtstag ihr magisches Erwachen. Meins war sehr schnell eingetreten, und jetzt rauschte diese Macht durch meine Adern – und doch fand ich im alltäglichen Leben keinen Zugang zu ihr.

Ich durchlebte eine ziemlich drastische Umstellung, nun, da mein Blut plötzlich von Magie erhitzt wurde, aber zumindest verstand ich jetzt die übermäßige, fast schon besessene Zuneigung meiner Eltern füreinander, die ich mein ganzes Leben lang mühsam versucht hatte zu ignorieren. Diejenigen von uns, die Magie besaßen, waren erfüllt von Leidenschaft und Feuer, und ohne ein Ventil steckte ich im Traum-Stadium fest.

»Paisley Hallistar, du kannst unmöglich um diese Uhrzeit noch im Bett liegen.«

Moms volles Ausmaß an Geduld war erschöpft, und so stand sie jetzt in meiner Tür. Gähnend rieb ich mir die Augen und versuchte, mich selbst wachzurütteln. »Ich bin erwachsen, Mom«, murmelte ich. »Und ich muss heute nicht arbeiten.«

Momentan war ich bei der Rollschuhbahn hier im Ort angestellt, wo ich die Ehre hatte, Getränke einzuschenken und Schuhe zu polieren. Wenigstens machte die Musik immer gute Laune, und ich durfte jederzeit umsonst skaten, also konnte ich mich nicht beschweren. Der Übergang von Highschool zu College hatte keinen festen Zeitrahmen, und ich genoss den Zwischenzustand.

»Frech wie immer«, murmelte Mom. Die Temperatur schoss in die Höhe, als sie die Hand ausstreckte und mir direkt auf den Po klatschte.

Beth Hallistar ließ sich nicht so leicht um den Finger wickeln, sie hatte vor mir immerhin schon vier Hexen und Hexer großgezogen – ich war die Letzte im Wurf, und ich sollte ihr besser keine mürrischen Widerworte geben. Hoffentlich schrieb sie das einfach dem abrupten Aufwachen zu.

Ich räusperte mich und setzte mich auf. »Tut mir leid.« Jetzt schenkte ich ihr meine volle Aufmerksamkeit. »Was wolltest du mir erzählen?«

Ihre Verärgerung verschwand, und sie hielt wedelnd einen Umschlag in meine Richtung. »Du hast den Brief bekommen! Vom Weatherstone.«

Ein Adrenalinstoß schoss mir direkt in die Brust und vertrieb jegliche verbliebene Schläfrigkeit. Ich sprang vom Bett auf, wobei es mir völlig egal war, dass ich nur ein Tanktop und ein Höschen trug. »Den Brief? Vom Weatherstone College? Willst du mich verarschen?«

»Paisley Hallistar!«

Innerhalb von zwei Minuten zweimal bei vollem Namen gerufen zu werden, war definitiv ein Rekord. Selene und ihrer Mondenergie sei Dank, dass mein Dad mit meinen Geschwistern gerade am Weatherstone war. Sonst hätte ich mich vor ihm verantworten müssen, weil ich vor Mom fluchte. Die Heißblütigkeit bezog sich auf mehr als nur Sex. Es war ein allumfassender Besitzanspruch, der von einem Hexer verlangte, dass er alle zerstörte, die seiner Gefährtin zu nahe traten.

Von außen wirkte das perfekt, nur führte es oft dazu, dass Kinder in dieser Verbindung als weit entferntes fünftes Rad endeten. Trotzdem konnten wir uns nicht beschweren. Dad stellte Mom an erste Stelle, aber sie liebte uns ganz genauso erbittert. Und diese Liebe zeigte sie auf unzählige Weise, und heute manifestierte sie sich in einer festen Umarmung, während sie murmelte: »Ich bin so stolz auf dich, Honey. Ich wusste, du würdest die nötige magische Begabung haben.«

Ich vergrub das Gesicht an ihrer Schulter und staunte darüber, dass ich selbst als Erwachsene einer Umarmung meiner Mom nie überdrüssig wurde. Das Erblühen meiner Macht hatte einen bittersüßen Beigeschmack, da ich wusste, dass dies die letzten Tage in meinem Elternhaus sein würden, vor dem Magie-College, das mich unweigerlich zu einem Hexenzirkel führen würde.

»Ich will ganz ehrlich sein«, gestand ich, als wir uns voneinander lösten, »ich hatte so meine Zweifel, ob meine magische Essenz stark genug fürs Weatherstone sein würde. Ich habe den Aufnahmetest total verbockt.«

In Amerika gab es fünf große Magie-Colleges. Nach dem Erblühen der Macht nahmen alle, die auch nur einen Tropfen magischen Blutes hatten, an den Aufnahmeprüfungen teil und warteten auf ihr Annahmeschreiben. Das Weatherstone war das älteste und prestigeträchtigste der fünf, und man wurde nur angenommen, wenn man überragend war.

Ich war alles andere als überragend, und eine nagende Stimme in meinem Hinterkopf beharrte darauf, dass ich meine Annahme nur meinem Vater zu verdanken hatte, der Professor am Weatherstone war.

»Du hast es verdient, Honey«, sagte Mom sanft und legte mir eine Hand an die Wange. Sie besaß die unheimliche Fähigkeit, meine Zweifel mit nur wenigen aufmunternden Worten und ihrer beruhigenden Natur zu vertreiben. »Deine Macht ist schneller zum Vorschein getreten als bei jeder Hexe, von der ich je gehört habe, und deine Energie wird von jetzt an nur noch stärker wachsen. Dir bleiben Jahre, um deine Affinität zu entdecken.«

Was sie sagte, war genau genommen wahr, aber meine Zweifel besaßen Klauen, die zu tief saßen, als dass sie sich damit lösen ließen. »Ich weiß, und ich bin bereit, meine magischen Muskeln zu benutzen.« Dieses Versprechen gab ich uns beiden. »Ich werde diese Gelegenheit nicht verschwenden, und ich habe vier Jahre Zeit, um meine Affinität zu finden.«

»Spürst du schon eine Anziehung in eine Richtung?«, fragte Mom. Diese Frage stellte sie mir seit zwei Wochen jeden Morgen, und jeden Morgen lautete die Antwort gleich.

»Nee, gar nicht. Ich nehme an, es wird Elementarmagie sein, wie es bei dir und Dad ist. Aber bis jetzt reagiert noch keins der fünf Elemente.« Weder Luft noch Wasser, Metall, Feuer oder Erde.

Mom nickte und ging offenbar auch davon aus, dass ich Elementarin werden würde. »Obwohl deine Schwestern Naturgeister sind, diese Möglichkeit besteht also auch, wenn man die Zwillinge bedenkt.« Die sanften Naturgeister kommunizierten mit Pflanzen und Tieren und zogen Energie aus ihnen, denn sie konnten sich mithilfe ihrer Vertrauten mit der Erde verbinden.

»Ich wollte schon immer einen Vertrauten haben«, gestand ich und stellte mir vor, wie aufregend es sein musste, einen tierischen besten Freund zu haben, der meine Magie verstärkte. »Solange ich bloß keine Nekromantin bin. Ihre Energie fühlt sich meiner Meinung nach einfach falsch an.«

Mom erschauderte sichtlich. »Sehe ich genauso, Baby. Es ist unnatürlich, für den Energiegewinn mit den Geistern und den Toten zu sprechen. Es ist mir auch egal, wie oft sie uns weismachen wollen, es wäre keine dunkle Magie.«

Nur dunkle Magie konnte sich so übermäßig süß und seltsam anfühlen. »Natürlich«, sagte ich mit einem trockenen Lachen, »könnte ich auch absolut eine Spellcasterin sein. Ich meine, das ist nur die seltenste, mächtigste Magie, die es mir ermöglichen würde, Energie aus der Welt selbst zu ziehen, wodurch ich geradezu grenzenlose Macht hätte.«

Mom boxte mich wieder. »Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Du hast die Attitüde einer Spellcasterin.«

Da lachten wir beide, denn Spellcaster waren ziemlich arrogant. Die meisten von ihnen übernahmen Führungspositionen im Militär oder Rat; gut ausgebildet waren sie nahezu unbesiegbar.

»Meine Geschwister kannten ihre Affinität alle schon vor dem College«, sagte ich ernüchtert, als meine Zweifel erneut überhandnahmen. »Nachdem meine Energie sich offenbart hat, bin ich davon ausgegangen, dass ich mich früher oder später von Feuer oder Wasser angezogen fühlen oder einen Tierfreund im Wald entdecken würde, aber es hat sich nichts verändert.«

»Viele Studenten werden noch unsicher sein«, sagte Mom, und ihr unerschütterlicher Glaube stärkte meinen eigenen, »und der ganze Sinn des Colleges ist doch, dass du dein wahres Potenzial entfaltest und deinen Zirkel findest.«

Sie gab den Slogan der Broschüre des Weatherstone Colleges wieder, die auf meinem Schreibtisch lag, aber ich wusste ihre Mühe zu schätzen. Mit einem strahlenden Lächeln legte Mom das Annahmeschreiben neben die Broschüre und das Ergebnis meiner Aufnahmeprüfung, bei der ich jämmerliche vierzig bis fünfzig Prozent in den magischen Begabungen erzielt hatte. Für das Weatherstone waren normalerweise achtzig bis neunzig nötig, also … ja, wie schon gesagt, nicht überragend.

»Zieh dich an«, wies sie mich an, als sie sich abwandte, um das Zimmer zu verlassen. »Wir gehen aus, um zu feiern, dass auch unser letztes Baby ans Weatherstone kommt.« Als sie meine Tür schloss, strahlte ihr Lächeln so sehr wie der Mond letzte Nacht.

Ich schnappte mir das Schreiben vom Tisch und las die wenigen Abschnitte, die mir einen Collegeplatz anboten, wieder und wieder. Direktor Gregor hatte es unterzeichnet. Da bereits vier meiner Geschwister an diesem College waren, hatte ich schon viel über den berühmten Nekromanten gehört. Nach Aussage meiner Schwestern war er hart, aber fair. Meine Brüder vertrauten ihm weniger, da er eine auffallende Schwäche für die Studenten mit Affinitäten zu den dunkleren Künsten hatte.

Wie es schien, würde ich das nun selbst herausfinden.

Ich legte das Schreiben weg, schob die Zweifel erneut beiseite und fing an, meine Klamotten nach dem perfekten Outfit zu durchwühlen. Und die ganze Zeit über lenkte mich die Tatsache ab, dass ich endlich wusste, an welches College ich gehen würde. Würde ich meine wahre Affinität finden und den überaus hohen Standards gerecht werden, die meine Familie in den prestigeträchtigen Hallen des Weatherstone gesetzt hatte? Das bezweifelte ich, doch ich würde mein absolut Bestes geben.

Zum ersten Mal würden wir alle gemeinsam aufs College gehen.

Die Zwillinge waren am ältesten; Jenna und Alice waren in ihrem letzten Jahr am Weatherstone, Naturgeister, die schon seit dem Kleinkindalter Tiervertraute sammelten. Trevor, mein ältester Bruder, war ein Jahrgang unter den Zwillingen; er war ein mächtiger Feuerelementar mit einer sekundären Fertigkeit in Luft. Seit er im Alter von fünf, acht und zwölf beinahe unser Haus abgefackelt hätte, wussten wir alle, was seine Affinität war, lange bevor er am Weatherstone angenommen wurde.

Dann war da noch Jensen, mein jüngster Bruder, der achtzehn Monate älter war als ich und jetzt in sein zweites Jahr starten würde. Er war ein Elementar mit einer primären Affinität für Wasser und einer sekundären für Luft. Er schwamm schon, seitdem er gehen konnte, verbrachte Stunden im Pool und konnte mühelos zehn Minuten lang die Luft anhalten.

Dad war ein Feuer- und Luftelementar, Mom war Wasser und Erde. Es kam nur selten vor, dass man zwei starke Elemente rufen konnte, manche würden sogar sagen … überragend. Daher war ihre Annahme am Weatherstone auch für niemanden eine Überraschung gewesen. Im Gegensatz zu meiner.

Nun, hoffentlich würde sich der Grund bald zeigen. Das College startete nächste Woche am zehnten Januar – meine Kräfte waren zum perfekten Zeitpunkt in Erscheinung getreten, damit ich den Test rechtzeitig hatte ablegen können und so das erste Semester pünktlich antreten würde. Mir war allerdings noch nicht ganz klar, ob das ein glücklicher oder unglücklicher Zufall war.

Ich stopfte meine Sorgen mit Gewalt in eine Kiste, schlug den Deckel zu und zog mir Jeans, eine dicke Daunenjacke und meine wasserfesten Wollstiefel an. Zu dieser Jahreszeit war das Wetter in Spokane, Washington, eisig. Am Weatherstone würde es genauso kalt sein, da es sich auf der anderen Seite des Landes befand, draußen in der Wildnis des Staates New York.

Jahrelang hatte ich Dad dabei zugesehen, wie er täglich seine Reise dorthin antrat, und nun würde ich es selbst erleben. Ich würde nicht zum ersten Mal per Energieportal – entwickelt von Luftelementaren und Spellcastern – reisen, aber erstmals ginge es für mich zum Weatherstone.

Während ich eilig die Treppe hinunterlief, hallte mir mehr als eine Stimme entgegen, und als ich das Wohnzimmer betrat, fand ich meine ganze Familie dort vor – Mom hatte alle vom College nach Hause gerufen, um die Neuigkeit zu verkünden.

»Pais! Ich bin so stolz auf dich.« Jenna sprang auf mich zu und warf die Arme um meinen Hals. Sie war blond und zierlich wie Mom, der Inbegriff des schönen Mädchens von nebenan. Ihre Kräfte hingegen zentrierten sich stark auf ihren Bärenvertrauten – sie konnte knurren und dir einen ordentlich Schlag versetzen, wenn ihr danach war.

»Ich auch.« Alice klang den Tränen nahe, als sie sich der Umarmung anschloss. Die Zwillinge waren nicht eineiig. Alice war so groß wie ich – ein Meter fünfundsiebzig – und eher dunkelblond. Außerdem hatten ihre Kräfte weniger Wumms, da sie die Verkörperung des sanften Naturgeistes war und einen Schafvertrauten hatte.

»Unsere Familie rockt, verdammt!«, jubelte Jensen hinter uns, und ich hörte einen dumpfen Laut, was zweifellos daher rührte, dass Dad ihm eine verpasst hatte.

Als meine Schwestern sich von mir lösten, starrte der Rest meiner Familie mich an, stolz und voller Freude, und ich versuchte angesichts der sehr realen Aussicht, sie zu enttäuschen, nicht in Panik auszubrechen. Sie stellten keine Erwartungen an mich, das wusste ich, und doch verspürte ich diesen schrecklichen Drang, all ihren Kräften und ihrem Ansehen gerecht zu werden.

Dabei war das absolut ausgeschlossen.

»Na komm, mein kleines Juwel.« Dad, auch bekannt als Professor Tom Hallistar, tätschelte mir die Schulter. Diesen vertrauten Spitznamen zu hören, wärmte mir das Herz und versetzte mich in meine Kindheit zurück. Seitdem ich vier war, sammelte ich Edelsteine und Kristalle, als wäre das meine Bestimmung. In meinem Zimmer hatte ich ganze Regale mit dieser Obsession gefüllt, und gäbe es eine Affinität als Kristallhexe, wäre ich startklar.

»Gehen wir aus und essen ein letztes Mal gemeinsam als Familie, bevor das Nest leer ist«, presste Mom mit einem Schluchzer hervor, und sofort war Dad abgelenkt und schlang die Arme um sie.

Dad war fast zwei Köpfe größer als Mom, aber sie sahen nie seltsam zusammen aus. Wenn überhaupt, trug die Tatsache, dass die eine klein, hellhäutig und blond und der andere riesig, gebräunt und dunkelhaarig war, eher dazu bei, dass sie perfekt zueinander passten.

Trevor, mein ebenfalls riesiger und dunkelhaariger Bruder, legte mir einen Arm auf die Schultern und führte mich zur Tür hinaus. Über die Jahre hinweg hatten wir gelernt, dass es das Beste war, unseren Eltern Raum zu geben.

»Du wirst das Weatherstone lieben«, sagte er mit einem Grinsen. »Und wenn dir irgendwer Ärger macht, komm sofort zu mir.« Die Temperatur stieg an, als Flammen im Schwarz seiner Pupillen aufflackerten, bevor er seine Kräfte mit einem Blinzeln wieder verschwinden ließ.

Ich lehnte mich an ihn. »Ich bin sicher, es wird keine Zwischenfälle geben. Ich freu mich einfach, dass wir alle zusammen dort sein werden, zumindest ein Jahr lang.«

Meine Schwestern klatschten in die Hände, und alle plauderten aufgeregt durcheinander, während wir draußen warteten. Momente wie dieser, an denen wir alle an einem Ort versammelt waren, waren so selten, dass er mir mehr Freude bereitete als der Brief, der oben auf meinem Schreibtisch lag.

Meine Familie war etwas Besonderes, und auch wenn ich von allen am wenigsten überragend war, würde ich mich an ihrer Stärke und Energie festhalten. Hoffentlich würde das reichen, um mich durch die nächsten vier Jahre zu bringen.

Kapitel 2

Ich stand neben Dad, starrte auf die imposanten Tore des Weatherstone College und zwang mich dazu, nicht schon wieder mein Haar zu zwirbeln, denn fünfmal mit den goldbraunen Strähnen zu spielen, war bereits viermal zu viel. Noch wenige Sekunden zuvor waren wir zu Hause gewesen, hatten Mom zum Abschied umarmt, und dann hatte Dad schon um den Transport gebeten. Der magische Ring aus Energie, durch den wir getreten waren, hatte uns in eine Hütte rechts von den Campus-Toren gebracht. Rechts war für ankommenden Verkehr, links für abgehenden.

Niemand konnte sich direkt ins Weatherstone transportieren, außer vielleicht der Direktor. Mir waren Gerüchte zu Ohren gekommen, er habe ein persönliches Portal in seinem Büro.

»Beeindruckend, nicht wahr, kleines Juwel?«

»Äh, ja …« Die Broschüre zeigte ein Foto von den Toren, doch es wurde ihnen nicht gerecht. Es war mehr als nur die schiere Größe – sie waren sechs Meter hoch und mindestens so breit und bestanden aus Eisen, das in aufwendig verschlungenen Mustern einen hohen Bogen formte –, es war die Energie, die aus jeder ihrer Facetten strömte, einschließlich der leuchtend goldenen Schrift in der Mitte: Weatherstone College. Darunter, in einem dezent stumpferen Gold, stand der Leitspruch der Einrichtung: Conquester livara incidium morando.

Die uralte Sprache der Magiewirker war nicht länger Teil unseres Alltags, wir nutzten sie jedoch noch bei Zaubern. Alle kannten die grobe Übersetzung des Leitspruchs: »Akzeptiere den Tod, um das Leben zu meistern.«

Das ergab Sinn, wenn man wusste, dass die beiden Hexen, die das Weatherstone College damals im achtzehnten Jahrhundert gegründet hatten, Nekromantinnen gewesen waren. Daher war auch der Direktor immer ein Nekro. Um die zwei rankten sich noch heute Gerüchte, doch es war allgemein anerkannt, dass ihre Besessenheit vom Tod und vom Weatherstone sie das Leben gekostet hatte. Die Leute glaubten, dass ihre Seelen immer noch auf diesem Stück Land verweilten, gefangen, unfähig, in die nächste Existenzebene aufzusteigen.

Vor diesem Hintergrund war die Tatsache, dass diese Institution das renommierteste Magie-College des Landes war, seltsam und gleichzeitig auch nicht. Das Leben nach dem Tod war eingehüllt in Geheimnisse und ungenutzte Macht, und diejenigen von uns, die magische Fähigkeiten besaßen, verwischten immerzu die Grenze zwischen der Energie der Lebenden und der der Toten.

»Bereit, das nächste Kapitel in deinem Leben aufzuschlagen?«, fragte Dad, als er meine Reisetasche aufhob, sodass ich nur meinen Koffer ziehen musste. Das College versorgte uns mit Uniformen und allem, was wir für den Unterricht benötigten, also musste ich nur Alltagskleidung und persönliche Gegenstände mitbringen, ohne die ich die nächsten zehn Monate nicht leben konnte. Am schwersten war es mir gefallen, zwischen meinen Lieblingskristallen zu entscheiden, aber ich hatte mich auf zehn beschränkt.

»Ja«, sagte ich zuversichtlicher, als ich mich fühlte. »So bereit, wie ich sein kann.«

Als Dad auf die Tore zuschritt, wurde das blau schimmernde Feld, das die Grenzen des Schutzschildes anzeigte, sichtbar. Meine Geschwister hatten mir erzählt, dass es das ganze Grundstück abdeckte und dazu diente, nur den Lehrkräften und Studenten Zutritt zu gewähren.

Da ich das College zum ersten Mal betrat, hielt ich den Atem an und fragte mich, ob ich gleich einen Alarm auslösen würde. Dad legte eine Hand in die Mitte des Eisendekors, direkt unter dem Leitspruch, und beide Tore schwangen geräuschlos auf wie gut geölt. Die Tore waren von Kalksteinmauern eingerahmt, die genauso hoch aufragten, jedoch viel dicker waren. Irgendwann waren sie eindeutig weiß gewesen, doch nun konnte ich durch die Ranken, die sie massenhaft überwucherten, nur die Patina von alter aufgeplatzter Farbe sehen.

Könnten diese Wände sprechen, würde die Geschichte, die sie erzählten, mich zweifelsohne aus den Socken hauen.

Ein Hauch Energie strich über meinen Körper, als wir die Schwelle überschritten, doch es ertönte kein Alarm, und kurz darauf spazierten wir über das Kopfsteinpflaster, das uns zu dem beeindruckenden Eingang aus rauchgrauem Backstein führte. Das Gebäude war im viktorianischen und neugotischen Stil entworfen worden, und obwohl über zwei Jahrhunderte hinweg etliche Flügel neu gebaut worden waren, war die Gesamtfassade dieselbe geblieben: dunkle Ziegel mit braunem Stein, Mauertürme und Bögen, Spitzdächer und Säulen, die sich über dem gesamten Campus verteilten.

»Jensen meinte, hinter dem Gebäude gibt es einen riesigen See, in dem die Wasserelementare trainieren.« In der Hoffnung, meine Nervosität zu lindern, begann ich ein Gespräch. Endlich hier zu sein, war überwältigend, und ich verspürte leichtes Unbehagen und Aufregung, während sich meine Magie mit der überirdischen Energie des Weatherstone vermischte.

»Er ist wunderschön«, sagte Dad enthusiastisch, »und er ist von drei Seiten von Wald umgeben. Die Vertrauten hausen in den Baracken rechts vom See, aber abgesehen davon ist alles sehr naturbelassen.«

»Da muss ich hin, damit ich die Vertrauten der Zwillinge kennenlerne. Ich habe das Gefühl, sie bereits zu kennen.«

Natürlich hatte ich schon so vieles über dieses College gehört. Jedes Mitglied meiner Familie hatte hier irgendwann mal gewohnt, und ich war die Letzte von uns, die die uralten Steintreppen erklomm. Geschichtsaufzeichnungen besagten, dass die Materialien, aus dem dieser Eingang gebaut worden war, von der Schlacht der Hedonen, die 1835 in Deutschland stattgefunden hatte, importiert worden waren. Die Nekromantinnen hatten die Energie derjenigen einfangen wollen, die dort gestorben waren. Es hatte schon so einige magische Kriege gegeben – einige hatten Menschen involviert, andere hatten sich nur zwischen den Hexenzirkeln abgespielt –, aber es hieß, die Schlacht der Hedonen sei die blutrünstigste gewesen.

Wer weiß, vielleicht waren diese Stufen der Grund dafür, dass die Absolventinnen und Absolventen des Weatherstone Mitglieder der stärksten Zirkel wurden und die magische Welt nahezu regierten. All der Respekt, den ich ihnen erweisen wollte, ließ jedoch nach, während mein Koffer über die Stufen holperte und wieder einmal der Gedanke aufblitzte, dass ich nicht hierherpasste. Dennoch würde ich die beste Ausbildung der Welt genießen, das Weatherstone College abschließen und einen anständigen Zirkel finden.

Letztendlich war das alles, was zählte.

Der Zirkel entschied über deinen Job und deine finanzielle Situation, je namhafter also der Zirkel war, desto besser würde es dir auf lange Sicht ergehen. Ich musste nur meine vier Jahre hier überstehen und den Abschluss schaffen.

Kinderleicht.

Oben angekommen, passierten wir offene Metalltüren, die dunkler waren als der Backstein, der sie umgab. Dad, der an fünf Tagen der Woche als Professor durch diese Hallen wandelte, betrat das Gebäude, als würde es ihm gehören. In Wahrheit sah es, dank seiner beeindruckenden Größe und den strengen Gesichtszügen, ohnehin immer so aus, als würde jeder Raum, den er betrat, ihm gehören. Tom Hallistar war ein imposanter Hexer, und er verbarg seine Macht nie.

Für diejenigen, die er liebte, trat allerdings seine weichere Seite zum Vorschein, und obwohl ich dieses Jahr keinen Unterricht bei ihm haben würde – er unterrichtete Elementare im vierten Jahr –, hegte ich keinen Zweifel, dass er häufig nach mir schauen würde.

Im Inneren war es warm, ein lodernder Kamin in der Empfangshalle hüllte uns in seine trockene Hitze. Ich wickelte mir den feuchten Schal vom Hals und musterte den ausladenden Raum mit den steinernen Fliesen und Wänden, die mit dicken, üppig bestickten Wandteppichen behangen waren. Es sah aus, als sei die Halle vor einigen Jahrzenten modernisiert und von da an gut gepflegt worden, damit alles makellos blieb.

Dad ging direkt auf die Tür mit der Aufschrift Sekretariat zu. Er bedeutete mir, zuerst einzutreten, also zog ich meinen Koffer hinter mir her, und er folgte mir. Das Sekretariat war hell und sauber und wurde von einem langen Schreibtisch eingenommen. Dahinter sortierten zwei Hexen Papiere und tratschten und lachten dabei. Mächtige Magie verursachte für gewöhnlich Störungen in Computern und Handys, daher beherbergte der Großteil des Colleges nur minimale Technologie. Es gab Festnetztelefone, damit wir zu Hause anrufen konnten, aber abgesehen davon würden wir hier mit Gesprächen untereinander für Unterhaltung sorgen müssen.

»Professor Hallistar«, säuselte eine der Hexen, die von ihren Papieren aufsah. »Was bringt Sie an diesem schönen Morgen hierher?« Sie schien etwa Mitte dreißig zu sein, hatte einen Südstaatenakzent, übertrieben lockige blonde Haare, die sich auf ihrem Kopf auftürmten, und riesige braune Augen hinter einer dicken schwarzen Brille. Sie trug eine Menge Make-up und warf Dad kokette Blicke zu, die mich um Moms willen auf die Palme brachten.

Dad sprach ruppig und spiegelte ihre Energie keineswegs wider. »Ms White, ich bin hier, um das Willkommenspaket meiner Jüngsten abzuholen. Es sollte unter ›Paisley Hallistar‹ abgelegt sein. Sie benötigt ihre Zimmerzuteilung und den Unterrichtsplan.«

Ms White beäugte mich neugierig, und ich folgte Dads Beispiel und behielt eine ausdruckslose und schwer lesbare Miene bei. »Sie haben die hübschesten Kinder, Tom«, sagte sie, und ihr Lächeln wurde breiter. »Seht euch nur diese blauen Augen an. Ich hoffe, Sie haben alle Jungs hier gewarnt.«

Im Vergleich zu meinen Geschwistern war ich nicht attraktiver als der Durchschnitt, und ich ließ ihre Worte an mir abprallen. Hier ging es gar nicht um mich; sie wollte nur eine Reaktion in Dad hervorrufen, und er weigerte sich stur, ihr diesen Wunsch zu erfüllen.

»Das Paket«, wiederholte er geduldig, während meine Reisetasche wie vergessen an seiner Seite hing.

Ms Whites Lächeln ließ nach, als sie sich umdrehte, um sich durch die Reihen an Aktenschränken zu arbeiten, die die Rückwand säumten. Es dauerte einige Minuten, bevor wir hörten: »Aha! Da haben wir es ja.« Sie kehrte an den Tisch zurück und hielt mir einen dicken cremefarbenen Umschlag hin. »Bitte schön, Liebes. Viel Spaß bei Ihrem ersten Jahr am Weatherstone College.«

»Vielen Dank.« Meine Worte waren höflich; hoffentlich war es auch mein Ausdruck, denn mein Gesicht tat nicht immer, was es sollte.

Mit einem Nicken und einem Lächeln ging sie wieder zu ihren Papieren über und nahm das Gespräch mit der anderen Hexe wieder auf, als hätten wir das Zimmer nie betreten. Dad führte mich aus dem Sekretariat, als gerade vier weitere neue Studenten eintreten wollten. Ich hielt ihnen die Tür auf, und sie gingen hinein. Natürlich hatten sie keine Eltern dabei, da diesen der Zutritt zum Gelände verboten war, und ich dankte Selene dafür, dass ich diese Reise nicht allein antreten musste.

Als die letzte der Gruppe, eine kleine rothaarige Hexe, im Zimmer war, wollte ich gerade die Tür loslassen, doch Ms White rief plötzlich: »Ach, und, Professor Hallistar.« Dad trat wieder in den Türrahmen, um sie anzusehen. »Direktor Gregor bat mich, Ihnen eine Nachricht weiterzuleiten. Habe ich wegen der ganzen neuen Studenten bis eben ganz vergessen.« Sie lachte zart und beschwingt, doch Dads Ausdruck bliebt neutral.

»Die Nachricht, Ms White«, sagte er kurz angebunden.

Sie schürzte die Lippen. »Schon gut, kein Grund, schnippisch zu werden. Ich soll Sie davon in Kenntnis setzen, dass Rafael Kingstons Sohn dieses Jahr von Italien hierher wechselt. Er wird im dritten Jahr sein, wird aber einige Kurse in Spellcasten unterrichten, da er der stärkste Hexer dieser Affinität ist, den wir seit Langem hatten. Ich weiß nicht, ob dies für Sie von Belang ist, aber Sie sollten offenbar darüber informiert werden.«

Da die Nachricht überbracht war, zuckte sie mit den Schultern und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Studenten, die auf ihre Pakete warteten. Die kleine Rothaarige beäugte mich neugierig, und ich schenkte ihr ein dezentes Lächeln. Das Ziel hier war es, Freundschaften zu schließen, und da niemand aus meiner Highschool mit mir hier war, sollte ich wirklich üben.

Ich keuchte, als Dad mein Handgelenk fest packte und mich mit Nachdruck aus dem Raum zerrte, sodass die Tür hinter uns zuknallte. »Dad?«, fragte ich verwirrt angesichts des wilden Ausdrucks in seinem Gesicht. »Ist alles okay?«

Sein Atem ging stoßweise. »Das ändert alles, Paisley.« So einen Tonfall kannte ich nicht von ihm. »Du wirst deine Aufnahme am Weatherstone verweigern. Wir gehen nach Hause.«

Und damit nahm er zusätzlich zu meiner Reisetasche meinen Koffer in die Hand und marschierte aus der Eingangstür hinaus.

Kapitel 3

Der Schock hielt einige lange Augenblicke an. Ich sollte meine Aufnahme am Weatherstone verweigern? Okay, irgendjemand sollte mir jetzt besser mal verraten, wer dieser Rafael Kingston war, denn der Name brachte Dad anscheinend um den Verstand.

Als sich meiner wieder einschaltete, rannte ich aus dem Gebäude und die Treppe hinunter, um ihm zu folgen. »Dad!«, rief ich – mit seinen hektischen Schritten war er bereits fast am Tor angekommen. Ich fluchte, als meine Sneaker auf dem Kopfsteinpflaster ausrutschten. Sie konnten gut den Windstoß eines Elementars gebrauchen, um den eisigen Matsch zu beseitigen, der die abgetretenen Steine glitschig machte.

»Dad!«, rief ich wieder. »Komm schon. Ich werde dir nicht ganz bis nach Hause nachlaufen.«

Seine langen Beine kamen zum Stehen, sodass ich ihn einholen konnte. Als ich fast bei ihm angekommen war, fiel mir auf, dass seine Schultern sich hoben und senkten, während er um Beherrschung rang. Er starrte weiterhin auf die Tore vor sich und wünschte sich zweifellos, wir wären auf der anderen Seite und bereit zur Abreise. Aber warum?

»Dad, wer ist Rafael Kingston?«, fragte ich vorsichtig, als ich bei ihm stand. Mein Atem war sichtbar, während ich den Studenten zusah, die mit Taschen und Koffern in den Händen durch die Tore hereinströmten. »Dad, du hast zwei Minuten, bevor uns andere Leute hören können.« Meine Stimme schwankte etwas, da ich ihn noch nie so gesehen hatte, und je länger er schwieg, desto mehr flippte ich innerlich aus.

»Rafael Kingston und ich sind zusammen aufgewachsen«, murmelte er schließlich. Er schüttelte den Kopf, während langsam wieder Farbe in sein unnatürlich blasses Gesicht zurückkehrte. »Na komm, wir gehen runter vom Hauptweg.« Ich folgte ihm zu einem großen Baum, eine der vielen alten Eichen, die auf dem Campus verteilt waren. Trotz des Wetters hatten ihre Blätter einen wunderschönen roten und orangefarbenen Ton.

»Ihr seid zusammen aufgewachsen …«, drängte ich.

Er nickte, sein Blick strahlte immer noch Panik aus, auch wenn seine Stimme wieder fest klang. »Unsere Familien waren befreundet, und so sind auch wir die besten Freunde geworden. Mit zehn sind wir zusammen an die Wintergreen-Grundschule gegangen, auch die weiterführende Schule haben wir gemeinsam besucht, bevor wir dann am Weatherstone gelandet sind.«

Ein Anflug von Vertrautheit erfüllte meine Gedanken, als hätte ich diese Geschichte bereits einmal gehört, obwohl ich ziemlich sicher war, dass dem nicht so war.

»Sein Sohn Logan ist ein paar Jahre älter als du. In Trevs Alter. Ihr seid alle zusammen aufgewachsen, aber als du vier warst, kam es zu einer Tragödie, und Rafaels Frau Isabel ist im Wald ums Leben gekommen.«

Nun gesellte sich eine entfernte Erinnerung zu der Vertrautheit. Das Gesicht eines Kindes, arrogant und perfekt, das auf mich hinunterstarrte. Ich war … im Park gestolpert. Logan. Sein Name rauschte durch meine Gedanken, zusammen mit diesem einen Bild, doch mehr war da nicht.

»Rafael hat dir die Schuld gegeben?« Das war die einzige Erklärung, die ich für Dads Reaktion gerade eben aufbringen konnte. Er war nicht unbedingt dafür bekannt, einfach so die Fassung zu verlieren.

»Er hat deiner Mutter die Schuld gegeben.« Seine Stimme klang kalt und bitter. »Isabel und deine Mom waren ebenfalls beste Freundinnen, da wir alle die ganzen Jahre immer zusammen waren. Am Tag des Unglücks waren sie gemeinsam im Wald. Die beiden wanderten für ihr Leben gern, waren immer draußen in den Elementen, um ihre Kräfte auszutesten. Deine Mom sagte, sie hat einen Zauber gespürt, und fiel dann bewusstlos zu Boden. Als sie wieder zu sich kam, war Isabel fort. Tage später wurde ihre Leiche gefunden, und Rafaels Trauer hat ihn gebrochen. Er hat deine Mutter beschuldigt, von Energien Gebrauch zu machen, die sie nicht kontrollieren konnte, wodurch sie die Dunkelheit angezogen hat. Doch da hat nur sein Schmerz aus ihm gesprochen.«

»Mom setzt ihre Magie überhaupt nicht mehr ein«, sinnierte ich leise. Dad starrte mich einen Augenblick an, und ich fügte die Puzzleteile endlich zusammen. »Das ist der Grund dafür?«

Sie hatte es mir nie explizit erklärt, nur behauptet, sie bevorzuge es, ihre körperlichen Fähigkeiten anstelle ihrer magischen zu verwenden.

»Hat Mom einen Zauber gesprochen oder Energien gerufen, die ihre Kräfte überstiegen?«, fragte ich und bereute es sofort, als stürmende Wut Besitz von Dads Gesicht nahm. Mist.

»Natürlich nicht!«, schäumte er über. »Sie wurde an diesem Tag auch verletzt und hat eine Freundin verloren. Seitdem verweigert sie jegliche Magie, die über die einfachsten Grundlagen hinausgeht. Und für eine so mächtige Hexe wie deine Mutter ist das schmerzhaft.«

Dieses Konzept verstand ich noch nicht ganz, da meine Magie noch unregelmäßig und unkontrolliert zutage trat, aber ich glaubte ihm. Die Essenz der magischen Energie war ein natürlicher Teil von uns – der Teil, der uns von den Menschen unterschied. Und sich von diesem Teil zu trennen, wäre wie das Entfernen eines Organs: schmerzvoll und kräftezehrend.

»Okay, also hasst Rafael uns und sein Sohn Logan damit zweifellos auch.« Ich zuckte mit den Schultern. »Aber warum ist das so eine große Sache? Ich kann ihn das folgende Jahr einfach ignorieren. Wir sind nicht mal in derselben Stufe. Ich meine, diese Warnung solltest du vermutlich lieber an Trevor richten.«

Dad schürzte die Lippen. »Du hast Ms White doch gehört. Er ist ein Spellcaster und so mächtig, dass sie ihn unterrichten lassen. Du hast keine Fertigkeiten, um dich gegen ihn zu wehren, Paisley. Du bist das Baby in unserer Familie, und ich werde dein Leben nicht aufs Spiel setzen.«

Es gab doch nichts Schöneres, als Baby genannt zu werden, obwohl man schon zweiundzwanzig war, aber ich verstand seine Sorge. »Dad, ich muss meine magischen Fähigkeiten erlernen und verbessern. Ich muss meine Affinität entdecken und die Chance auf den Eintritt in einen Zirkel bekommen. Ich werde nicht zulassen, dass diese Familie mir die Zukunft stiehlt, wie sie Moms Magie gestohlen hat.«

Er knurrte, und ich rede hier von einem echten Knurren, und da er kein Naturgeist mit einem Tiervertrauten war, überraschte mich das. »Es besteht ein Blutschwur«, presste er hervor, klang jedoch zögerlich, als solle er mir das lieber nicht erzählen. »Zwischen Rafael und mir. Das hier ist mehr als eine bloße Rivalität, die du ignorieren kannst. Logan wird dich hassen und aufgrund der Wut seines Vaters möglicherweise versuchen, dich zu verletzen oder zu töten.«

Ich starrte ihn einfach an. »Das Weatherstone wird doch sicherlich nicht einfach zulassen, dass Studenten umherlaufen und andere töten …«

Und da wurde Dad vollkommen reglos. »Rafael und Logan sind Spellcaster. Ich weiß nicht, warum sie uns bis jetzt in Ruhe gelassen haben, aber vielleicht ist ihre Rache von langer Hand geplant. Vielleicht hat er gewartet, bis alle meine Kinder an unserem alten College sind. Ich kenne den Grund nicht, aber … ich mache mir Sorgen.«

»Vielleicht ist es Logan auch egal«, merkte ich an, da es mir schwerfiel, zu glauben, dass das Ganze ein ausgeklügelter Plan war. »Was, wenn ich spezielle Sicherheitsvorkehrungen treffe? Wie, dass ich verspreche, nachts nicht alleine herumzuspazieren, und du kannst mein Zimmer mit Schutzzaubern magisch versiegeln.«

Alle Studenten hatten ihr eigenes Zimmer, und auch wenn die Türen magisch an die Energie desjenigen gebunden waren, der darin wohnte, konnten alle Zauber gebrochen werden, wenn man nur stark genug war und die richtigen Werkzeuge besaß. Aber Dad war mächtig, wenn er dem Ganzen also seine Energie hinzufügte, würde mir das weiteren Schutz bieten.

Er sog scharf die Luft ein und starrte hinauf in die Äste über uns, als hielten sie alle Antworten parat. »Ich werde mit deiner Mutter darüber sprechen«, sagte er sanft, »und unsere gemeinsame Entscheidung wird endgültig sein. Bis dahin kannst du hierbleiben und dich schon mal einrichten. Aber wenn du Logan auch nur irgendwo siehst, entfernst du dich sofort von ihm. Hast du verstanden?«

Wie er endgültig sagte, verärgerte mich, doch es hatte keinen Sinn, mit ihm zu streiten, solange die Entscheidung noch nicht feststand.

»Ich verspreche, nicht in Logans Nähe zu gehen«, sagte ich. »Ich werde alles tun, was nötig ist, um sicher und am Weatherstone zu bleiben.«

Dad sah nicht überzeugt aus, aber er schien sich beruhigt zu haben. »Okay, gehen wir.«

Schweigend trotteten wir zurück zum Gebäude und schlossen uns dem Dutzend Studenten an, die durch die Doppeltüren eintraten. Ein paar von ihnen beäugten mich neugierig, als ihnen auffiel, dass ich einen Elternteil dabeihatte, doch niemand sagte etwas.

Dad führte mich auf eine gewundene Treppe am hinteren Ende der Eingangshalle zu. »In deinem Willkommenspaket befindet sich eine Karte«, sagte er und klang nun wieder normal, doch ich kannte ihn gut genug, um die Untertöne herauszuhören. Er wollte mich nicht hier haben, und er machte sich selbst fertig, weil er nachgegeben hatte. »Die du am Anfang sehr oft brauchen wirst, aber ich gebe dir den Grundriss: Das Hauptgebäude heißt Writworth Hall, benannt nach einer der Hexen, die das Weatherstone gegründet haben. Dahinter befinden sich die Ancot Residences, nach der anderen Hexe benannt. Dort findest du die Schlafräume, während Writworth die meisten deiner Kursräume, Speise- und Versammlungssaal, Speicher für Zaubermaterialien und mehr beherbergt. Unterricht im Freien findet in einem der zehn Nebengebäude statt. Die tragen keine Namen, sind aber nummeriert.«

Als wir die erste Etage erreichten, führte er mich zu einer Reihe wunderschöner gotischer Rundbogenfenster. Ich sah hinaus auf das weitläufige Gelände des Campus und erhaschte einen Blick auf den See, der in der trüben Wintersonne glitzerte. »Halt dich von den Baracken der Naturgeister fern«, wies Dad an und zeigte auf eine Reihe niedriger holzverkleideter Gebäude in der Ferne. »Wie schon gesagt, hausen dort ihre Vertrauten, und du willst nicht ohne Führung versehentlich in einen Zoo spazieren.«

Schon immer beneidete ich meine Schwestern um ihre Affinität und ihre Vertrauten, automatische Freunde und Gefährten fürs Leben. Leider schaffte ich es nicht einmal, eine Fliege anzuziehen, ganz zu schweigen von einem Wesen von höherer Intelligenz, aber immerhin lebte ich diese Erfahrung indirekt durch die Zwillinge aus.

Als wir weitergingen, erstreckten sich Gänge in vier Richtungen, und obwohl es ein kühler Tag war, war es hier drinnen warm und heimelig. Auch hier oben war alles in Stein gehalten und mit Wandteppichen dekoriert, und die innewohnende Macht des Gebäudes hinterließ kribbelnde Spuren aus Energie auf meiner Haut.

»Dieser Gang wird als Zoo bezeichnet«, sagte Dad und deutete auf den Wandteppich, der mit Zootieren bestickt war. »Er führt dich zu den Ancot Residences. Der schnellste und direkteste Durchgang.«

Wir gingen durch den Zoo, und Dad wurde still. Da er mein Gepäck trug, konnte ich das Willkommenspaket öffnen, das ich immer noch fest umklammert hielt. Darin befand sich eine größere Broschüre als die, die zu Hause auf meinem Tisch lag. Auf der Vorderseite stand in goldener Schrift: Willkommen am Weatherstone College.

Der Leitspruch und kurze Lebensläufe der Gründerinnen Writworth und Ancot wurden auf den Seiten aufgeführt, und ich beschloss, mir die ganzen Informationen später durchzulesen. Jetzt brauchte ich erst mal nur meine Zimmerzuweisung. »Ich bin im Florence Wing«, sagte ich, während ich die Seite überflog. »Zimmer 267.«

Dad stieß ein unglückliches Seufzen aus. »Niemand von deinen Geschwistern wohnt dort, also sei vorsichtig. Die Schlafsäle treffen sich alle an dem einen oder anderen Punkt. Auch Nightrealm Hall.«

Laut der Broschüre gab es fünf Säle in Ancot: Florence Wing, Spectral Wing, Aura Hall, Ember Hall und Nightrealm Hall. Offiziell bestimmte die Affinität nicht, wo jemand untergebracht wurde, aber inoffiziell landeten Feuerelementare, Spellcaster und Nekromanten in den meisten Fällen in Nightrealm und Spectral, Naturgeister in Florence und Aura, und die anderen in Ember.

Genau deshalb verspürte mein Vater dezente Panik darüber, dass mein Saal mit der Nightrealm Hall in Berührung kam und somit auch mit unserem neuesten Spellcaster. »Wir sichern mein Zimmer«, rief ich ihm in Erinnerung. »Wird schon gut gehen.«

Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass jemand achtzehn Jahre lang an seinem Groll festhielt. Wenn sie uns angreifen wollten, wäre das schon längst passiert, oder?

Dad schnaubte, beließ es aber dabei und beschleunigte seinen Schritt. Ich wusste, dass er es eilig hatte, zu Mom zurückzukehren und ihr zu erzählen, womit wir konfrontiert wurden. Mir kam die Erkenntnis, dass dies meine einzige Möglichkeit sein könnte, das Leben am Weatherstone zu erfahren, also blickte ich aus jedem Fenster und musterte die Umgebung. Das College war riesig, und falls ich nicht von meinen Eltern hier weggezerrt wurde, würde ich die beigelegte Karte zweifellos mehr als ein Mal benötigen.

Meine Zukunft war in der Schwebe, und das nur dank Logan Kingston. Ich war dem Hexer noch nicht einmal begegnet, und er stellte sich schon als Nervensäge heraus.

Jenes perfekte jungenhafte Gesicht flackerte erneut durch meine Gedanken, und ich fragte mich, wie er wohl heute aussah. Ich hatte nur bruchstückhafte Erinnerungen an ein Kind, und wenn das Schicksal gnädig war, hatten sich seine goldbraune Haut, die lachenden grünen Augen und das ansteckende Lächeln in einen stumpfen Klumpen verwandelt. Vielleicht mit einem Bierbauch. Schiefe Zähne und eine gebrochene Nase wären auch schön.

Die Mondgöttin wäre da auf meiner Seite, oder? Aber natürlich.

Hoffentlich würde ich lang genug hierbleiben, um es herauszufinden.

Kapitel 4

Der Florence Wing war wunderschön und hatte sein eigenes Thema, so wie auch die anderen Schlafsäle. Wir traten auf dicken roten Teppich mit eingewobenem filigranem Muster; die Tapeten an den Wänden hatten ähnliche geschwungene Formen in verblichenen Rot- und Goldtönen. Zwischen den Zimmertüren standen aufwendig gemeißelte cremefarbene Säulen, die dem Ganzen einen Look verpassten, der stark an französischen Landhausstil erinnerte.

»Das ist unglaublich«, sagte ich, als wir an den Türen vorbeispazierten. »So einen Prunk habe ich nicht erwartet.«

Unser Haus war schlicht und klein und besaß einen riesengroßen Garten, der unser Bedürfnis nach Natur stillte. Mom hatte seit jenem Tag im Wald keine Magie mehr angewandt, und das bedeutete, dass sie ihre Stelle im Zirkel – Blessed Souls of Spokane – hatte verlassen müssen. Sie war Buchhalterin für mehrere ihrer Unternehmen gewesen, doch seit sie keinen Gebrauch mehr von ihrer Magie machte, hatte sie keine anderen Aufgaben mehr erfüllen können.

Noch nie hatte ich meine Eltern über Geld sprechen hören, doch ich hatte das Gefühl, wenn die Zwillinge am Ende dieses Jahres ihren Abschluss machten und einem Zirkel beitraten, um ihr eigenes Geld zu verdienen, würde das eine wahnsinnige Erleichterung für ihre Finanzen sein. Das Weatherstone College hatte recht vertretbare Gebühren – alle Magie-Colleges wurden großzügig von den Zirkeln gefördert, da sie damit bekanntermaßen die Zukunft der magischen Welt heranzogen –, doch kostenlos war es nicht. Nicht einmal für einen Professor, wobei er einen Mitarbeiterrabatt erhielt, was durchaus eine Hilfe war.

»Deine Mutter hat im Florence Wing gewohnt«, sagte Dad, dessen Ausdruck nun ruhiger war. »Ich habe mich immer hier reingeschlichen, weil damals in Florence und Aura nur Hexen erlaubt waren.«

So ungern ich auch darüber nachdenken wollte, dass mein Dad sich ins Zimmer meiner Mom geschlichen hatte, ich war neugierig. »Und jetzt sind alle Säle gemischt, oder? Ich weiß, dass wir Einzelzimmer haben, aber wir teilen uns alle die Bäder, oder?«

»Jepp, es gibt zwei auf jeder Etage. Eins für Hexen und eins für Hexer.«

Ich war es gewohnt, mir ein Badezimmer mit vier Geschwistern zu teilen, also störte mich das nicht besonders. Wir waren hier am College und alle erwachsen, also würde es – hoffentlich – sehr wenige Vorfälle von magischer Sabotage geben.

Es war streng verboten, seine Kräfte gegen andere Studenten zu verwenden, aber wir waren jung, und nicht alle befolgten gern Regeln. Hoffentlich hatten die meisten hier Schikanieren und toxisches Verhalten nicht nötig.

Als wir bei Zimmer 267 ankamen, ließ Dad meine Reisetasche auf den Boden plumpsen und deutete auf eine glänzende Silbertafel links von der Tür. »Wenn du deine Hand als Erste hier auf den magischen Scanner legst, gehört dieses Zimmer dir.«

Die Tür war weiß und besaß aufwendige Verzierungen und einen Rahmen aus Holz. Der silberne Scanner wirkte fehl am Platz, doch ich wusste die Sicherheitsmaßnahmen zu schätzen. Also drückte ich meine rechte Hand darauf, und das eisige Metall biss mir in die Haut, bevor sie einige Sekunden später warm wurde. Metall- und Erdelementare nutzten die stärksten Materialien aus dem Boden, um solche Technologien zu erschaffen. Der Scanner zeigte keine sichtbaren Zeichen seiner Bestandteile, doch dank meines Lernstoffs würde ich vermuten, dass es Eisen, Rhodium, Platin und Gold waren – die besten Leiter für Magie.

»Deine Energie wurde angenommen«, sagte Dad.

Ich hob den Kopf und nahm die Hand weg, um die Finger zu bewegen, da meine Haut immer noch kribbelte. »Ach echt? Woher weißt du das?«

Das erste Mal, seit Ms White ihre Nachricht überbracht hatte, zierte ein aufrichtiges Lächeln Dads Gesicht. »Nun ja, die Tür hat sich geöffnet, kleines Juwel.«

Oh, richtig. Das war ein guter Hinweis. Bereit, mein Zuhause für die nächsten zehn Monate zu begutachten, betrat ich schnell den spärlich und schlicht eingerichteten, jedoch sehr gemütlichen Raum. Das Mobiliar bestand aus einem weißen Holzbett, einer kleinen Kommode und einem Schreibtisch zum Lernen. Der Teppich war genauso flauschig wie der im Flur, aber in einem dezenten Grau anstelle des Rots. Dad stellte meinen Koffer und meine Tasche bei der Tür ab und folgte mir ans Fenster.

»Das ist das Westtor«, sagte er, »neben dem Kräuterwald.«

»In dem wir Materialien für Zauber finden«, bestätigte ich, während ich die Landschaft betrachtete.

»Ganz genau«, fuhr er fort. »Und dort drüben ist der Weatherstone-Friedhof, wo du ein paar deiner Nekromantiekurse haben wirst.«

Der Großteil des Friedhofs war nicht sichtbar, da er dicht an den Wald beim Westtor grenzte. Ich erspähte nur den steinernen Torbogen am Eingang, und während ich ihn betrachtete, lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich hatte keine Nekromanten in der Familie, und es würde nie einen Tag geben, an dem ich mich nicht unwohl fühlen würde in der Nähe derjenigen, die mit den Toten in Kontakt traten.

Dad wandte sich vom Fenster ab und setzte sich auf die Tischkante, beobachtete mich, während ich den Rest meines Zimmers begutachtete. Mit der weißen Decke und den dicken Daunenkissen wirkte das Bett sehr bequem. Darin hing noch ein dezenter Duft nach Lavendel von der magischen Reinigung. Die Kommode war leer und bereit für den Inhalt meiner Taschen, in dem kleinen Kleiderschrank an der Seite hingen allerdings etwa zehn Uniformen ordentlich nebeneinander.

»Ich hoffe, ich darf bleiben«, sagte ich zu Dad und sank aufs Bett. »Ich habe einfach das Gefühl, dass ich hier so viel lernen und als Hexe enorm wachsen kann.«

Die Göttin wusste, dass ich das nötig hatte.

»Meine Jahre am College waren mit die besten meines Lebens«, gestand er widerwillig. »Aber jetzt lauern hier Gefahren.« Die Falten um seine Augen herum zeichneten ein Bild der Sorge. »Du bist gerade erst zweiundzwanzig geworden. Du könntest noch ein paar Jahre zu Hause bleiben, uns mehr Zeit geben.«

Mein Herz schmerzte, doch auch wenn er mich beschwor, dieses Angebot anzunehmen, ich konnte es nicht. »Ich liebe dich, Dad, und ich werde dich und Mom vermissen, aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt für mich, zu gehen. Magie erblüht, wenn man für den nächsten Schritt bereit ist, und ich werde diesen Ruf nicht ignorieren.«

Das wussten wir beide. Unser Schulsystem war ohnehin schon anders aufgebaut als das der Menschen, da wir bis zum Alter von zehn Jahren bei unseren Eltern zu Hause blieben und dann erst mit der Grundschule starteten. Das gab uns die Möglichkeit, zuerst zu lernen, wie man in einem Familienverbund existierte, der einem Zirkel ähnelte. Außerdem war es auch deshalb so angelegt, damit wir die weiterführende Schule um unseren zweiundzwanzigsten Geburtstag herum abschlossen.

Niemand wusste so genau, warum unsere Magie in diesem Alter erblühte, aber es wurde als Grund vermutet, dass Kinder mental nicht dazu bereit waren, mit Magie umzugehen, und die Vorfahren unsere Art daher mit einem Zauber belegt hatten, um uns zu schützen. Womöglich war es aber auch die Göttin selbst gewesen.

So war es schon seit den frühesten historischen Aufzeichnungen.

Dads besorgter Ausdruck blieb. »Es wird schon alles gut gehen«, versicherte ich ihm. Jetzt, da ich hier war, umgeben von der kribbelnden Energie des Weatherstone, konnte ich mich ihr nicht wieder entziehen. Ich war keine außergewöhnliche Hexe und würde nie eine werden, wenn ich diese Chance am Weatherstone verstreichen ließe.

»Es passt zu dir«, gestand er widerwillig. »Ich werde jetzt gehen und mit deiner Mutter sprechen, bevor du dich zu stark eingewöhnst.«

»Gib mir eine Chance«, flüsterte ich regelrecht. »Mehr will ich gar nicht.«

Er nickte. »Ich liebe dich, kleines Juwel. Ich werde beim Rausgehen Schutzzauber in deinem Zimmer anbringen.«...Ende der Leseprobe