Spiel's noch einmal, Gott - Thomas Zippel - E-Book

Spiel's noch einmal, Gott E-Book

Thomas Zippel

4,8

Beschreibung

Schicken Sie Ihr Weltbild in Rente! In Wahrheit sind wir alle nur digitale Siedler in einem Computerspiel, das sich ein frustrierter Gott für einen Schöpfungswettbewerb ausgedacht hat. Doch nun droht er zu verlieren, weil die Menschheit einfach nicht rundläuft. Da gibt es nur eine Chance: Sein Sohn muss ein zweites Mal ins Spiel gebracht werden. Die Erde - nur ein virtueller Beitrag unter vielen im Creation Cup der Götter? Und noch dazu einer, der auf den hinteren Plätzen herumdümpelt und kurz vor der Disqualifikation steht? Es ist schon harter Tobak, den sich Terry, Untergrund-Comiczeichner und Lebemann, von jenem Fremden anhören muss, der plötzlich in sein Leben tritt und behauptet, als Jesus von Nazareth schon einmal gelebt zu haben. Nur zu gerne würde Terry diesen Götterboten als eine der vielen durchgeknallten New Yorker Existenzen abstempeln und sich weiter seinem um Drogen, Frauen und Reggae kreisenden Leben widmen. Doch dummerweise hat dieser Jess überzeugende Argumente und zudem einen göttlichen Auftrag für ihn: Er möge bitte innerhalb der nächsten sieben Tage die Welt retten. Unterhaltsam, respektlos, aber nie ohne Hintergedanken und bewaffnet mit einer großen Portion Herz zerpflückt Thomas Zippel Weltanschauungen und schickt seine Helden auf eine göttliche Mission.

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Thomas Zippel

SPIEL'S NOCH EINMAL, GOTT

Roman

Die Arbeit an diesem Roman wurde unterstützt vomFörderkreis Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e.V.

E-Book-Ausgabe März 2015

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2015www.satyr-verlag.de

Coverillustration: Maren Kaschner (www.goldenolivedesign.de)Korrektorat: Jan Freunscht

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de

Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.

ISBN: 978-3-944035-46-8

INHALT

PROLOG IM HIMMEL

Weltenschöpfer unter sich

Mission incredible

Fisk oder: Auch Wale brauchen Internet

Game over?

Auf ein Neues

NEW YORK

Terrys Erwachen (wie er es selbst in einem seiner Comics darstellen würde)

Ein iGod hat immer recht

TAG 1

Eine unbequeme Wahrheit

Das X-Ray – oder: Auch Römer können dienen

Da holy riddim

TAG 2

Mal eben die Welt retten

Die hohe Kunst des Scheiterns

Das Regelwerk der Weltenrettung

Bettgespräche

TAG 3

Nur Striche auf Papier

Endstation Firewall

Augen aus einer anderen Zeit

Steine fliegen tief

Zwei Erlöser im Park

Geld – was für ein wunderbares Zeug

Scat

TAG 4

Morgen-Grauen

Die schwere Geburt einer Idee

TAG 6

Channel Plus, zwei Tage später

Die Wahrheitsfalle

TAG 5

Morgen der Erkenntnis

Scheiß auf ewiges Leben

Oh Lord, won’t you buy me …

Green Creation

First Date

Sand

Nicht von hier

Wenn Götter Pornos gucken

TAG 6

Der Morgen danach

TAG 7

Der Countdown läuft

Fisk lässt grüßen

Verbotener Dialog

Pandämonium

ZEITBLASE

Ein kurzer Exkurs

Verzweifelter Diskurs über die Ewigkeit

Heimkehr wider Willen

DIE FOLGENDEN WOCHEN

Auf eigenen Füßen

Aus eins mach viele. Auch Götter kann man bescheißen.

Alles nur ein Spiel?

Back in town

Nicht direkt Auferstehung

Traces of Truth – Schildkrötentattoo, Arschbacke, links

Die Wahrheit zieht Kreise

Kein Taxi heute

Drei Monate und ein paar Revolten später

Das Imperium schlägt ein bisschen zurück

Mein Jova, warum hast du mich verlassen?

Genug

Jova on air

Der große Regen

»New York, London, Tokio. Börsen brechen weltweit ein«

EIN MÖGLICHERWEISE UNERWARTETES SCHLUSSWORT

RAUM FÜR ERKENNTNISSE

Dank

Für Sophia

»Die Wahrheit macht dich frei.Aber vorher macht sie dich fertig.«David Foster Wallace

PROLOG IM HIMMEL

Weltenschöpfer unter sich

Pa war heute denkbar schlechter Laune. Mürrisch saß er an den Schaltpulten im Kontrollraum und drückte lieblos auf irgendwelche Knöpfe.

Chinas gesamte Reisernte wurde in diesem Moment hinweggeschwemmt von einem Dauerwolkenbruch, wie ihn selbst die Ahnen nicht in Erinnerung hatten.

Tai-Lin saß vor den Resten ihres völlig zerstörten kleinen Hauses und weinte mit dem Monsun …

Der Gott, den sie unter Tränen anbetete, hatte allerdings nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem, der ihr Gebet tatsächlich hörte.

»Wo geht das Scheißding noch mal lauter …?«, brabbelte Jova – so wurde er unter seinesgleichen, also unter den Gottheiten, genannt – in seinen verfilzten Bart.

»Pa« nannte nur ich ihn: Jess, sein aus seiner Sicht missglückter »Sohn«, und das auch nur, wenn Jova es nicht hören konnte.

Doch, doch – das war durchaus möglich. Denn so allwissend Götter in der Regel (beziehungsweise in ihrer übertriebenen Selbstbetrachtung) auch sein mögen, die meisten von ihnen sind ziemlich schwerhörig. Kein Wunder, wenn man fast nur Selbstgespräche führt.

»Warum prüfst du mich so …? Was hab ich nur getan …?«, schluchzte Tai-Lin auf einem der Monitore in Jovas Kommandozentrale.

»Warum, warum, warum«, äffte er sie nach, »sind die Universen krumm? Immerzu kommen sie mit ihrem blöden ›Warum?‹. Hat mir schon mal einer meine letzten Fragen beantwortet, he?«

Jovas Stimmung hatte jenen Punkt erreicht, an dem nicht viel fehlte, um auf die rote Reset-Taste zu drücken, womit der laufende Creation Cup für ihn mal wieder beendet wäre.

Es war genau die Sorte von Stimmung, die nur auf das nächstbeste Opfer wartete, um sich an ihm zu entladen. In diesem Fall an Stan.

Stan, der Hausmeister, der als Letzter gewagt hatte, den Kontrollraum zu betreten, wurde von einem Blick so unendlicher Missachtung getroffen, dass er noch Äonen später vor der Tür beobachtet werden konnte, wie er vergeblich versuchte, seinen linken Fuß vor den rechten zu setzen, um den nächsten Schritt in ein Leben zu wagen, in dem er sich auf nichts würde verlassen können außer darauf, dass es auf ihn absolut nicht ankam. – Übrigens einer von Pas Lieblingsblicken.

Pa konnte ohne jeden Grund schlechte Laune haben – heute allerdings war ich der Grund.

Der missglückte Einsatz des Jokers (meiner Wenigkeit) hatte Pa nicht nur 10 Billionen Strafpunkte durch die Aufsichtsbehörde der UDA (Universal Divinity Association) eingebracht, es hatte – was ihn viel mehr ärgerte – seine Welt auf den Stand von Mission 12 zurückgeworfen, nur mit dem Unterschied, dass seine Siedler inzwischen mit der empirischen Raffinesse von Mission 38 ausgestattet waren.

Es war natürlich alles meine Schuld: Als Pa heute Morgen die Verwarnung der UDA erhielt (nach nur 2.020 Götter-Tagen, was eine neue Bearbeitungsrekordzeit darstellte), hatte er mir eine weitere seiner theatralischen Standpauken gehalten. Das Spiel war dermaßen zu seinem zentralen Thema geworden, dass er zunehmend das Gefühl dafür verlor, ob er gerade mit seinen Siedlern kommunizierte oder mit einem richtigen Wesen.

»Wie kann man nur so dämlich sein, Jess! Hast du wirklich geglaubt, du könntest mit deinem Sozialschmonzes mehr Eindruck schinden als ich mit meinem ganzen Repertoire an Tod und Verwüstung? Hast du vergessen, dass ich mich den Juden-Siedlern in der Zeit vor deinem rotznäsigen Auftreten als unergründlicher Richter und National-Gott präsentiert hatte? Und dann kommst du und sagst: Das interessiert dich alles nicht – Nationalitäten, Ränge, Standeszugehörigkeit –, weil ich angeblich alle ›soo lieb‹ hätte … Mann, Junge! Die wollten, dass du mal kurz so richtig auf den Putz haust, den Römer-Siedlern Beine machst und das freie Israel proklamierst! Aber nein! Anstatt dich ein bisschen in die politischen Verhältnisse einzufühlen, vertrödelst du deine knappe Zeit mit irgendwelchen Pennern und Flittchen – Siedlern, deren Vitalitätsbalken allesamt schon auf Reserve standen …«

Pa neigte grundsätzlich dazu, Misserfolge auf andere abzuwälzen, na ja, genauer gesagt: auf mich. Es wunderte mich deshalb überhaupt nicht, dass er so tat, als wäre die Strategie der Mission ausschließlich auf meinem Mist gewachsen.

»Du hättest einfach mal sehen sollen, wie dreckig es denen ging …«, warf ich zaghaft ein.

»Weißt du eigentlich, wie dreckig es mir geht, seit deine fabelhafte Kitscheinlage mir den Bonus der letzten sechsundzwanzig Missionen eliminiert hat? Seit deinem saublöden, selbstmitleidigen Finale und seiner willkommenen Ausbeutung durch die Sinn-Siedler krepeln all meine Kulturen weiter auf dem Niveau von Opferreligionen rum – und das, obwohl sie inzwischen Voltaire, Nietzsche, Sartre und was weiß ich nicht alles hatten!«

Da musste ich ihm Recht geben: Die Sinn-Siedler, jene selbst ernannten Eliten, die ihren Mitgeschöpfen den Sinn und Zweck ihres Daseins zu begründen versuchten, neigten dazu, ein Monopol bei der Beantwortung der großen Fragen ihrer Artgenossen zu beanspruchen, und legten dabei den Schwerpunkt stets auf furchteinflößende und einschüchternde Legenden, die sie sich aus den Fingern sogen.

Auf Level 12 zurückgeworfen zu werden, war natürlich ein herber Rückschlag, denn selbst mit dem 38. Level hatte Pa gerade mal Anschluss an das untere Mittelfeld des Creation Cups gefunden.

Der Creation Cup war der Zeitvertreib aller in der UDA organisierten Gottheiten, die meisten von ihnen betrieben es allerdings, als hinge von diesem komplexen Strategiespiel ihr Leben ab, was natürlich Blödsinn ist, denn Götter brauchen im Gegensatz zu ihren Schöpfungen bekanntermaßen keinen Lebenssinn – sie sind einfach und immer da.

Dennoch verbrachten sie ihre ewigen Götterdämmerungen damit, dass sie bevorzugt an ihren WCs (World Computers, sprich: WiiCiis) hockten, die man sich getrost als komplett mit Monitoren und Tastaturen bestückte Hobbyräume vorstellen mag.

Darin schufen sie nach genau definierten Spielregeln ihre Welten, die sie durch die kluge Einstellung verschiedener Parameter zum Gedeihen zu bringen versuchten. Ihre Rolle war in diesem Spiel allerdings wesentlich beschränkter, als es ihnen die Spielfiguren ihrer Welten in der Regel unterstellten.

Sie konnten lediglich Rahmenbedingungen für Evolutionen und andere Entwicklungen schaffen – nicht aber einzelne Geschöpfe in ihren Entscheidungen manipulieren. Ihre Eingriffsmöglichkeiten in das Spielgeschehen waren nur indirekter Art. Sie vermochten beispielsweise, durch Beeinflussung von Naturgewalten oder durch indirekte Offenbarungen ihrer Wünsche Ehrfurcht und vielleicht sogar einen gewissen Gehorsam zu erzeugen.

Krankheiten hingegen ließen sich – im Gegensatz zur häufigen Interpretation der Betroffenen – nicht gezielt platzieren, sie waren für den Schöpfer/Operator verdrießliche Ergebnisse unstimmiger Faktoren, also indirekte und nicht steuerbare Konsequenzen seines Tuns. Sie wurden begünstigt, wenn die Geschöpfe mit sich und ihrer Existenz nicht im Reinen waren – und das war der Regelfall.

Es wäre natürlich einfach gewesen, sie mit sich ins Reine zu bringen, indem man ihnen die volle Wahrheit sagte, nämlich, dass sie lediglich die »Siedler« in einem gigantischen Simulationsspiel waren, mit dem gelangweilte Gottheiten sich an ihren WCs die Ewigkeit vertrieben. Aber genau das war laut den vor nunmehr schon drei Divennien – das entspricht ungefähr drei Spielrunden im Creation Cup – vereinbarten Spielregeln der UDA verboten, denn diese Offenbarung wäre sozusagen der Cheat-Code gewesen, mit dem sich sämtliche Schlamassel, die sich im Laufe einer Schöpfung ergeben konnten, aushebeln ließen.

Nein. Nach den Spielregeln hatten die Siedler zu glauben, dass sie eine wirkliche, sinnbehaftete Existenz führten, und an dieser sollten sie hängen. Die Angst vor dem Tod war die Triebkraft ihrer Entwicklung. Hätten sie gewusst, dass sie nur die Protagonisten einer gigantischen Computersimulation waren und ihr Leben damit eine Farce – jede Dramatik wäre dahin gewesen.

Eindeutige Selbstoffenbarungen, welche die Eigendynamik des Spiels gefährdet und das Spiel selbst verraten hätten, waren den Göttern deshalb strengstens untersagt.

Dies hatte natürlich zur Folge, dass die indirekten Versuche der Einflussnahme, für die sich die Gottheiten einzelner Mittler unter den höher entwickelten Lebensformen bedienen mussten, der ständigen Gefahr von Fehlinterpretation und Manipulation ausgesetzt waren.

Die Auslegung der Spielregeln war ein dauerhafter Streitpunkt innerhalb der UDA – gerade was den Umgang mit Naturgewalten betraf. Denn bei dieser Gelegenheit ließ sich natürlich trefflich das eine oder andere unliebsame Geschöpf eliminieren, was den breiten Strom der Evolution zwar nicht maßgeblich beeinflussen konnte, aber vom höchsten Spielgericht dennoch als unzulässige emotionale Entgleisung des Spielers gewertet und mit Punktabzug bestraft wurde. Der Nachweis einer solchen absichtlichen Eliminierung allerdings war recht schwierig, denn eine Überprüfung sämtlicher verdächtiger Todesfälle hätte selbst göttliche Kapazitäten über die Maßen beansprucht.

Jova gehörte zu den eher unbeherrschten Divinitäten, sein Temperament ging leicht mit ihm durch, vor allem dann, wenn die Spielentwicklung nicht den gewünschten Lauf nahm – was leider die Regel war.

Und so ereigneten sich in der von ihm konstruierten Welt unverhältnismäßig viele Katastrophen.

Bei akuten Wutausbrüchen betätigte er ganz gerne mal »versehentlich« Blitzgenerator oder Windbeschleuniger und sah sich dann mit grimmiger Genugtuung das furchtbare Ergebnis dieses Tastendrucks auf einem der vielen Monitore in der bestmöglichen Auflösung an.

In letzter Zeit – bedingt durch die große nervliche Anspannung, die das Strafgericht der UDA bei ihm ausgelöst hatte – war er allerdings etwas schlampig geworden: Früher trafen seine Blitze beispielsweise mit größter Sicherheit tödlich, sein letzter Wutausbruch hingegen ging gründlich daneben und verhalf einem polnischen Erntehelfer zu einem Wachkoma mit Dauerständer. Seither ist er die beliebteste Pausenbeschäftigung für die Pflegerinnen im St.-Helene-Pflegehospital bei Hoyerswerda.

Mission incredible

Jeder Spieler hatte auf zehn Missionen einen Joker, was bedeutete, dass die Gottheit einen direkten Gesandten schicken durfte, der mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet werden konnte, über welche die anderen Geschöpfe nicht verfügten. Damit sollte es dem Spieler ermöglicht werden, bei allzu dramatischer Stagnation oder gar Rückentwicklung seiner Welt größere Bewusstseinskorrekturen bei seinen Premiumgeschöpfen, den Hoffnungsträgern seiner Zivilisation, zu bewirken.

Aber auch das funktionierte nicht immer im Sinne des Spielers, wie Pa gerade anhand meiner Mission erleben musste.

Seinen Joker hatte Jova also verspielt und war damit zur Lachnummer der Konkurrenz geworden: Ein Weisheitslehrer (ich!) kam zum Einsatz, wurde nach allen Regeln irdischer Zimmermannskunst als Möchtegernerlöser aufgehängt, die Erinnerung an ihn auf Boulevardniveau kultiviert, um so in seinem Namen noch toller wüten, brandschatzen und marodieren zu können. Wenn sich die Götter in letzter Zeit am Tresen ihres Stammuniversums trafen, war diese Story stets der ganz große Brüller.

»Jova hat’s bei seinen Kreaturen zum Sado-Maso-Daddy gebracht«, feixten manche.

»Erst lässt er sein eigenes Balg aufknüpfen, um sein Mütchen zu kühlen, und dann soll dieses Schlachtfest auch noch von unendlicher Liebe künden – das ist echt die schrägste Religion, die je zusammengestümpert wurde«, ätzte Rocco, Pas Busenfeind unter den Gottheiten. »Und dann wundert er sich, dass seine Siedler vor lauter Selbstzerfleischung nicht mal den Sprung zum gelassenen Nihilismus schaffen …«

Rocco hatte gut reden. Sein Beitrag zum Creation Cup lag ziemlich weit vorne in den Zwischenwertungen; die Wesen, die seine Welt bevölkerten, hatten nach den üblichen Kämpfen ums nackte Überleben recht schnell erkannt, dass sie sinnlose Existenzen in einem unergründlichen Dasein waren und es wenig Sinn machte, sich über das hinauszuwünschen, was nun einmal nicht von der Hand zu weisen war.

Ihnen war bewusst, dass alles, was sie je besitzen konnten, der geile Augenblick war, und während Pas lausige Kreationen sich ununterbrochen gegenseitig in ein Jenseits schickten, das sie sich selbst zusammengereimt hatten, waren Roccos Siedler emsig damit beschäftigt, einen geilen Augenblick nach dem anderen zu erhaschen.

Pas Fehlschluss war, auf den Krieg als Vater aller Dinge zu setzen, wie es einer der talentierteren Premiumsiedler seiner Schöpfung später treffend erkannt hatte. Doch leider zeigte sich der Krieg außerstande, etwas anderes als Krieg hervorzubringen. Aller Gehirnschmalz seiner höher entwickelten Kreaturen (bei diesem Begriff würde Rocco einen seiner gefürchteten Lachkrämpfe kriegen) floss in Technologien, die Behaglichkeit und ein komfortables Leben für die Siedler nur als Nebenprodukt abwarfen, im Kern aber ausschließlich auf die noch raffiniertere Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen ausgerichtet waren.

Roccos Premiumgeschöpfe waren hingegen zu Pas großem Erstaunen bei aller Friedfertigkeit nicht weniger innovativ als seine eigenen – im Gegenteil: Sie taten und ersannen alles nur denkbar Mögliche, um geile oder wenigstens lustige Augenblicke zu erzielen. Und weil sie einander dazu brauchten, gingen sie im Gegensatz zu Pas Rabauken sehr behutsam miteinander um.

Spaß – so viel war ihnen klar – konnte man nur zusammen haben, und so war ihr Begriff von Fortschritt von der Vorstellung geprägt, dass alles, was dem Erleben lustvoller Augenblicke im Wege stand, überwunden werden musste. Auf verpestete Strände und überhitzte Meere hatten Roccos Geschöpfe beispielsweise überhaupt keinen Bock, und das nicht nur, weil sie samt und sonders begeisterte Surfer waren. Sie liebten außerdem Sonnenuntergänge, Strandpartys und Häuser am Meer (für alle) und hatten keine Lust, sich den Genuss all dessen durch trübe Gedanken an einen absurden und teuflischen Preis all ihres Überflusses madig zu machen, wie es bei Pas Kreaturen die Regel war.

Die souveräne Steuerung jedweder Klimazonen ihres Planeten gehörte deshalb zu den ältesten Wissenschaften auf »Point G«, wie Rocco seine Welt zu nennen pflegte. Wenn es alle schön warm hatten, waren alle viel glücklicher, und es musste nicht so viel geheizt werden.

Eine Dürrezone, in der manche Artgenossen nur unter äußersten Mühen hätten überleben können, wäre ihnen ein Gräuel gewesen, oder besser gesagt: hätte ihnen gründlich den Spaß verdorben. Nein, auf Point G sollte jeder sein Haus am Strand und genug Zeit und Muße haben, um den geilen Augenblick zu leben.

»Na, wie geht’s deinen Karnickeln?«, pflegte Rocco Pa immer wieder aufzuziehen. Probleme wie Überbevölkerung und Ressourcenknappheit hinderten dessen Kreaturen schon viel zu lange daran, endlich den Sprung ins nächste Level zu schaffen, und führten stattdessen ständig zu neuen Kriegen (wozu sonst?).

Das Überleben der eigenen Spezies hatten die Point-G-Bewohner wohlweislich abgekoppelt von dem, was sie liebevoll ihr »unergründliches Lotterleben« nannten. Fortpflanzung hielten sie für lästigen, altmodischen Unfug. Bewohner ihres Planeten galten als nachwachsender Rohstoff, der kontrolliert angebaut werden musste. Nicht im Traum wäre es ihnen eingefallen, diesem Problem selbst einen Großteil ihres unberechenbaren Daseins zu opfern.

Die Mythen aus der Frühzeit ihrer Zivilisation, in denen die Erzeugung von Nachwuchs ganze Generationen regelmäßig davon abgehalten hatte, geile Augenblicke zu erleben, galten ihnen als entschieden unerbaulich.

Nachwuchs wurde auf Point G also kontrolliert gezüchtet, sozialisiert, auf Spaß getrimmt und zahlenmäßig auf die Menge der Strandhäuser ausgerichtet, die man bauen konnte, ohne die Natur zu verschandeln oder sich gegenseitig auf den Sack zu gehen. Nachwuchs hatte wirklich gar nichts mehr zu tun mit dem, womit sich die Roccianer am liebsten die Zeit vertrieben: Sex.

Sex zu haben mit unbeschwerten Mitexistenzen, galt ihnen als Inbegriff des geilen Augenblicks, und da sie in diesem Bereich das grenzenlose Experimentieren liebten, waren sie in Sachen Cybersex allen anderen Universen weit voraus. Die von ihnen entwickelte Gehirnstromkopulation war vom Original kaum mehr zu unterscheiden.

Die Bewohner von Point G konnten sich zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort durch das einfache Einloggen in ein World Wide Wicked Web (kurz: wwww) mit geeigneten Sexualpartnern weltweit kurzschließen und es ihnen mental mal so richtig besorgen – oder umgekehrt.

Das war nicht aufwendiger, als wenn sich Jovas Dumpfbacken Kopfhörer aufsetzten, um den neuesten Schmachtfetzen zu lauschen, die produziert wurden, um das Vergebliche und Sinnlose ihrer Existenz zu besingen und nebenbei die Fortpflanzung anzukurbeln.

Nun gut: Die Musik und sicher auch die Literatur auf Point G waren thematisch etwas einfältig; Man fuhr auf endlosen Highways dem nächsten Strand entgegen, um sich dort ausgiebig zu lieben und bis zum nächsten One-Night-Stand mit den besten Kumpels zu saufen und zu singen. Krimis, in denen sich Kreaturen aus niederen Beweggründen aus dem Weg räumten, waren vollends unbekannt, große Dramen aus naheliegenden Gründen nie geschrieben worden.

Die Creation-Cup-Jury war dennoch begeistert von Roccos Entwurf: Feinsinnig hatte er das Regelwerk ausgehebelt. Sinnhaft fanden seine Siedler ihre Existenz durchaus – von Augenblick zu Augenblick jedenfalls.

Das Grübeln über das große Ganze hatten sie jedoch rechtzeitig aufgegeben, und das Wissen um den sicheren Tod hatten sie, statt es mühsam transzendieren zu wollen, einfach als Antrieb genommen, um sich jetzt und hier jederzeit optimal zu fühlen.

»So macht man einen Planeten glücklich!«, protzte Rocco jedes Mal, wenn er mit Pa über die richtige Strategie im Creation Cup stritt.

Fisk oder: Auch Wale brauchen Internet

Diskussionen mit Pa schlugen mir immer aufs Gemüt, und so suchte ich Ablenkung bei meinem Freund Fisk, der in der Designabteilung arbeitete. Sein Büro war in einem kleinen, fensterlosen Raum im Keller des Kreativtrakts untergebracht, und er beschäftigte sich ausschließlich mit der Kreation von Meerestieren, was seinem verspielten Naturell weitaus mehr entsprach als sein früherer Job in der Abteilung für gehobene Lebensformen. Damals war er Roccos Konzept näher gewesen, als es Pas Welten jemals waren. Es waren frühe Prototypen, deren Weiterentwicklung niemals betrieben wurde.

Seine Primatenentwürfe waren zwar von umwerfendem Einfallsreichtum, was ihre äußere Gestaltung betraf, doch fehlte es ihnen an jeglichen Eigenschaften, die sie zur Durchsetzung ihres Primatenanspruchs benötigt hätten.

Stattdessen waren sie meist wandelnde Sexualorgane, deren Körper aus hochsensiblen, erogenen Nervenzentren und entsprechend vielen Tentakeln bestanden. Neben der Hingabe an lustvolle Körperkontakte widmeten sie sich hauptsächlich musischen oder spielerischen Aktivitäten.

Ein anderer von Fisks Prototypen, die nie in Serie gingen, verfügte über eine Reihe von Resonanzhohlräumen, die im gesamten Körper verteilt waren und durch die er, indem er seine Muskeln in Schwingungen versetzte, unglaublich komplexe, polyfone Klänge erzeugen konnte – ein komplettes Symphonieorchester auf Beinen: lebendige Musik.

In etlichen Probeläufen erwies sich jedoch, dass diese Spezies klangverliebter Symphoniden eine allzu leichte Beute für die sie umgebenden räuberischen Lebensformen waren, die keine Mühe hatten, ihre stets vor sich hin orchestrierende Beute zu orten. Auch boten sie bei Angriffen keinerlei Gegenwehr, sondern stimmten lediglich eine dem Anlass ihres baldigen Ablebens angemessene Elegie an.

So kam es, dass Fisk in den Zierfischbereich versetzt wurde, wo er in aller Ruhe seiner Gestaltungslust und Freude an Formen und Farben nachgehen durfte.

Ich liebte es einfach, neben ihm an seinem mannsgroßen Bildschirm zu sitzen und zuzuschauen, wie er darauf die unglaublichsten Meereslebewesen entstehen ließ.

Manchmal, wenn Fisk gerade keinen Termindruck hatte, entwarfen wir gemeinsam verrückte Kreaturen. Ich machte dann Vorschläge wie »Lass es aussehen wie einen runden Schweizer Käse!«, und Fisk schuf mit wenigen Tastaturbefehlen einen Fisch, der wie eine Billardkugel mit zu vielen Löchern aussah. »Mach ihn gelb«, forderte ich ihn auf, und Fisk ließ ihn im knalligsten Gelb erstrahlen.

Seine Versetzung hatte sich als Glücksgriff erwiesen: Abgesehen davon, dass er selbst glücklich mit seiner Arbeit war, hatte sich Pas Zierfischabteilung unter Fisks Leitung als einzige Kreativeinheit zu einem erfolgreichen Profitcenter entwickelt und wurde mit Aufträgen aus anderen Kosmen geradezu überschüttet.

Schauten die konkurrierenden Divinitäten ansonsten eher verächtlich auf Pas Schöpfungen und machten sich an ihren Stammtischen regelmäßig darüber lustig, dass seine Premiumkreaturen sich einfach nicht so recht über das Menschenaffenlevel hinausentwickeln wollten, so mussten sie neidlos eingestehen, dass die Meereskreationen seines verqueren Mitarbeiters von unübertrefflichem Unterhaltungswert waren.

Dies nagte furchtbar an Pa, galten doch Fische, Vögel und Grünpflanzen als mehr oder minder ästhetisches Beiwerk, und das brachte bei aller Liebe zu netten Details kaum Punkte im Wettstreit der Schöpfer. Was zählte, waren rasche Evolutionsstufen und Bewusstseinssprünge der führenden Spezies – und hier schnitten Jovas Kreaturen im Vergleich mit anderen Welten einfach miserabel ab.

Waren die fortgeschrittensten Lebensformen anderer Kosmen schon so weit, dass sie problemlos in den Aggregatzustand körperloser Energiewesen hinüberwechseln konnten, weshalb triviale Probleme wie Fortbewegung und Kommunikation keine physikalischen Umstände geschweige denn die Ruinierung ihrer Lebensgrundlagen bedeuteten; Pas halbgare Geschöpfe dümpelten hingegen immer noch auf dem erbärmlichen Niveau einer nur halb verstandenen Grundlagenphysik herum. Ohne jeden Sinn für Verhältnismäßigkeit verschleuderten sie die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen, um sich von A nach B zu bewegen. Ihr Energiehunger war so maßlos geworden, dass sie lieber die radioaktive Verstrahlung des Planeten und die Zerstörung seines fragilen Ökosystems in Kauf nahmen, als mal einen Gang zurückzuschalten.

Fisk konnte über derlei Fehlentwicklungen nur den Kopf schütteln. Er bevorzugte Lösungsansätze, die möglichst ohne störende Eingriffe in das natürliche Gleichgewicht einer Schöpfung auskamen. Er war eben ein Künstler, der sich am harmonischen Ganzen erfreuen konnte. Er gab seinen Kreationen alles mit, was sie zur Bewältigung ihres Lebens brauchten, und brachte daher überhaupt kein Verständnis auf für Jovas aktuelles Creation-Cup-Projekt: ein Premiumwesen, das selbst herausfinden sollte, was gut für es ist! Man sah ja, was dabei herauskam.

Manchmal schimpfte Fisk deshalb bei der Arbeit vor sich hin, obwohl er eigentlich ein ausgeglichener Ewigkeitsgenosse war, und äffte Jova nach: »Nein, das Meer interessiert mich nicht. Ist ja langweilig, wenn alles so prima zusammenpasst …«

War ja nur neidisch, der Olle. Fisks Wale beispielsweise konnten die Meere durchpflügen und dabei ihre Liebesgrüße über Hunderte von Kilometern vorausschicken – in der Hoffnung sich dadurch ein paar »Likes« beim anderen Geschlecht abzuholen. Jovas Premiumdumpfbacken brauchten allerlei technischen Schnickschnack, um sich über größere Entfernungen, als es die Rufweite ist, zu verständigen. Sie bewegten sich nicht elegant durch ihre Welt, so wie die Cetaceen dies taten, sondern saßen auf bequemen Hintern vor irgendwelchen Tastaturen oder rannten mit ihren kleinen Kommunikationsgeräten gegen Laternenpfähle, um ein bisschen »gelikt« zu werden.

Leider zeigte sich, dass das Konzept von Fisk, bei dem Harmonie und Nachhaltigkeit oberste Priorität hatten, nicht zu bestehen vermochte gegen Jovas leichtfertigen Umgang mit angeblich intelligenten Lebensformen. Seit dessen Zweibeiner Techniken anwandten, mit denen ein Unterwassermordinstrument das andere orten konnte, um es dann explodieren zu lassen, mussten die Wale plötzlich feststellen, dass ihre Niederfrequenzsonare, die sie in ihren Schädeln trugen, nicht mehr ausreichten. Tausende von Jahren hatte die Verständigung mit weit entfernten Artgenossen geklappt (und schicke Walbräute waren nun mal nicht hinter dem nächsten Riff zu finden), aber dieses verdammte Menschensonar pfuschte immer dazwischen.

Um dagegen zu bestehen, hätten nun auch die Wale Internet gebrauchen können.

Als ich hereinschneite, saß Fisk gerade mit glänzenden Augen vor einem animierten Entwurf seiner letzten Kreation: einem wunderbar kunterbunten Geschöpf, das aus Tausenden dünner Fäden zu bestehen schien, die kreisförmig zusammenliefen. Es sah aus wie ein Ball, der aus einer Unzahl von Tentakeln geformt wurde.

An den äußeren Spitzen ihrer geschmeidigen »Stacheln« besaßen die Tiere Leuchtkörper, die in einem wahnwitzigen Rhythmus abwechselnd aufblitzten.

»Schau her«, winkte mich Fisk heran. »Jetzt kommt der Clou!« Er berührte eine Taste auf seiner Workstation, und plötzlich war der Bildschirm dunkel.

Ich lachte, weil ich dachte, dies sei der berühmte Vorführeffekt und sein WC gerade abgestürzt, als es plötzlich auf dem völlig schwarzen Bildschirm stroboskopartig zu funkeln begann.

»Was ist das?«, fragte ich gebannt und sah in die stolzen Augen von Fisk, der mir bedeutungsvoll zunickte.

»Das ist genau das gleiche Geschöpf, das du eben gesehen hast – nur in natürlicher Umgebung. Weißt du, Jess, es ist stockdunkel in den Tiefen der Meere. Und stell dir vor: Du lebst inmitten dieser Finsternis, tastest dich mit deinen Riech-, Schmeck- und Fühlsinnen mühsam zu deinen Nahrungsquellen, und du weißt, dass du umgeben bist von grässlichen Monstern, die dich mit weit aufgesperrten Schlünden aus der Dunkelheit anstarren …« Er riss dabei selbst seinen Mund mit den lustig kleinen, spitzen Zähnen auf und verzog das Gesicht zu einer grimmigen Fratze.

Ich wusste genau, was ich mir vorzustellen hatte: Es war eine andere Seite von Fisk, dem Fantasten, die hier zum Vorschein kam. Obwohl Fisk allgemein ein lustiger Kerl war und – seit er seinen neuen Job hatte – meistens ausgeglichen, gab es doch manchmal Tage, an denen er mit finsterer Miene vor seinem Monitor saß, zum Beispiel wenn Pa ihm wieder einmal untersagt hatte, ein besonders gelungenes Exemplar an einen Konkurrenzgott zu verkaufen, obwohl er selbst keine Verwendung hatte: einfach aus Eifersucht.

In solchen Momenten schlug Fisks Fantasie oft einen Purzelbaum und landete in jenem entlegenen Teil seines Schöpferhirns, in dem Grusel und Grauen lebten.

Dann entstanden unter seinen emsig die Tasten bearbeitenden Fingern kreatürliche Prototypen, deren Anblick einem das Mark in den Knochen gerinnen ließ: riesige Mäuler mit mehreren hintereinander gelagerten Reihen furchterregender Zähne in finsteren, pockennarbigen Gesichtern mit wütenden gelben Augen.

Mit derlei Horrorgeschöpfen bevölkerte er die Tiefsee von Pas Welt, ohne dass dieser davon etwas mitbekam.

»Mach was du willst«, hatte Pa ihn bezüglich der tiefen Meeresregionen angebellt. »Da unten ist’s dunkel, da sieht’s sowieso kein Schwein …« Seitdem hatte er nie wieder einen Blick auf Fisks Entwürfe zu diesem Thema geworfen.

»Stell dir also vor«, raunte Fisk mit Gruselstimme, »du bist dazu verflucht, in dieser tiefen Nacht zu überdämmern – von ›Leben‹ möchte ich hier gar nicht mehr sprechen: Du gleitest also so lautlos und unauffällig wie möglich durch deinen dunklen Lebensraum, immer gewahr dieser gierigen Augen deiner Feinde, die dich umgeben und nur darauf warten, dass du dich verrätst und sie aus ihrer sicheren Deckung herausschnellen und dich packen können. Und dann sehen sie das hier!«

Fisk schaute wieder auf das funkelnde Stroboskop in der Bildschirmmitte. Tausende von millisekundenkurzen Lichtblitzen aus immer anderer Richtung, »Es macht deine Feinde wahnsinnig: Denn jeder Lichtimpuls löst einen Zuschnappreflex aus, der aber sofort wieder durch den nächsten Lichtblitz annulliert wird. Sie sind also die ganze Zeit wie irre hin- und hergerissen zwischen: ›Jetzt! – Nein, warte: Jetzt! – Moment noch: Jetzt! Nee, doch nicht. – Jetzt!‹ und so weiter. Dieses Impulsgewitter führt innerhalb kürzester Zeit zu einer völligen Lähmung ihrer gesamten Muskulatur und oft sogar dazu, dass sie vor überbordender Energiezufuhr ganz einfach platzen. Na, was sagst du?«

»Wirklich sehr funktionell«, sagte ich anerkennend.

»Genau«, lachte Fisk. »Eigentlich wollte ich die Lichtblitze nur als schönen Effekt, aber du weißt ja: Bei deinem Pa muss jedes Design einen praktischen Nutzen haben, auf dass alles sinnhaft sei und seine Premiumdumpfbacken und Götterkollegen ihn ob seiner klugen und durchdachten Schöpfung lobpreisen und fürchten. Also gut, habe ich mir gedacht, dann sollen die Lichtzellen ihre blöde Funktion bekommen!« Und mit gestelzt dozierender Stimme erläuterte er: »Die Lichtreflexe dienen zum einen der leichteren Suche nach Nahrung, weil die Kreatur selbst in Sekundenbruchteilen ihr Fresschen sehen kann. Zum anderen bleibt sie durch jenes abwechselnde Aufblitzen Tausender von Lichtpunkten selbst völlig unbeleuchtet und damit undefinierbar für ihre Feinde. Gleichzeitig«, er hob die Stimme feierlich, »haben wir hier auch eine äußerst feinsinnige Abwehrwaffe vor uns. Wenn du mal schauen magst …«

Er tippte auf die Infrarot-Taste, die es erlaubte, die animierten Geschöpfe der Tiefsee in ihrem rabenschwarzen Lebensraum zu sehen, ohne die Simulation durch Lichteinfall zu stören.

Ich sah jenen Fadenkugelfisch in all seiner Buntheit umherschwänzeln, während seine Lichtblitze den Meeresboden nach Nahrung absuchten. Um ihn herum war besagtes Gruselkabinett: Monsterfische, die gierig von dem fernen Blinken angelockt auf die Lichtquelle zuschossen, um dann wie eingefroren zu erstarren, während sie mit ihren blöden gelben Augen über mehreren Zahnreihen zu verstehen suchten, was da vor ihnen passierte. Bald darauf geriet der dem vermeintlichen Opfer Nächste in heftige Zuckungen, die immer stärker wurden, bis der Räuber explosionsartig in seine ekligen Bestandteile zerlegt wurde.

»Na?«, fragte Fisk, während er sein begeistertes Gesicht vom Monitor löste, auf dem sein Stroboskopfisch gerade genüsslich die Reste seines zerplatzten Räubers verspeiste. Er schaute mich an und verlor sein Lächeln auf der Stelle.

»He, Jess, was ist schon wieder mit dir?«, fragte er mit einer sanften Stimme, die ich als den größtmöglichen Gegensatz zu Pas wütendem Gebrabbel empfand.

»Pa hat heute eine Abmahnung von der UDA bekommen – meinetwegen. Sie haben seine Erde auf Level 12 zurückgestuft. Ich darf ihm jetzt ein paar Hundert Lichtjahre lang aus dem Weg gehen.«

»Ach, das«, seufzte Fisk müde. »Hab’s schon vernommen. Aber hör mal: Du kannst wirklich nichts dafür. Mit dieser Mission hätte er dich frühestens ab Level 25 losschicken dürfen. Sein debiles Siedlervolk konnte das beim besten Willen nicht verstehen, was du ihnen da erzählt hast.«

»Aber anfangs hatte ich ja selbst ein ganz gutes Gefühl«, wandte ich zaghaft ein.

»Ja klar: In der Theorie klingt so was ja auch immer ganz toll: ›Geh hin und mach ihnen klar, dass sie alle gleich wertvoll sind und nur dann ihr Paradies wiederfinden, wenn sie aufhören, sich gegenseitig zu berauben, zu belügen, zu demütigen oder umzubringen. Geh ihnen mit gutem Beispiel voran, und zeig ihnen damit, wie einfach das Ganze ist.‹«

Fisk lachte sein ansteckendes, raspelndes Lachen: »In der Praxis ist allerdings mit dir nichts anderes passiert, als das, was die Römer-Siedler zu jener Zeit auch gerne zur eigenen Belustigung veranstalteten. Du wirst während deiner paar Erdenjährchen davon gehört haben – Gladiatoren, eingesperrt in einem großen Innenhof, wo sie unter Gejohle und völlig chancenlos ein Rendezvous mit einem Rudel hungriger Löwen hatten.

Mehr Chancen als die hattest du auch nicht, Jess. Außerdem darfst du nicht vergessen: Die ganze Zeit vorher war Jova eine völlig andere Strategie mit seinen Kreaturen gefahren: Holt sich ein paar dahergelaufene Schafhirten aus der Wüste und redet ihnen ein, dass sie etwas ganz Besonderes, ja, dass sie sein auserwähltes Volk seien.

Die Schafhirten fanden das natürlich ganz toll, denn was er ihnen nicht sagte, war, dass sie damit für alle Zeiten auf die Arschkarte unter all den ihrer Meinung nach nicht auserwählten Völkern abonniert sein würden. Zumal sie die Geschichte völlig falsch auslegten.

Eigentlich gedacht als vorbildliche Leuchte einer Zivilisation, die durch ihr gottgefälliges Beispiel ein ansteckendes Vorbild für alle anderen sein sollte, benahmen sie sich letztlich wie verzogene Gören, die sich für was Besseres hielten. Deswegen erwarteten sie natürlich auch etwas ganz anderes als ausgerechnet dich, Jess. Einen starken Mann zum Beispiel, einen Helden und Kriegsführer, der ihren Bedrängern ordentlich den Hosenboden versohlt hätte, das wäre nach ihrem Geschmack gewesen. Aber nicht so ein Weichei, das ihnen sagt, dass es völlig egal ist, ob sie in einem besetzten oder freien Land leben, solange sie sich gegenseitig nur verarschen und betrügen. Das konnte einfach nicht funktionieren, Jess, da hast du dir was vorgemacht.«

Fisk seufzte. »Siehst ja, was sie draus gemacht haben: Dich haben sie erst mal schnell abserviert, und zwar auf wirklich üble Art und Weise. Dafür haben dich andere dann kurz nach deinem letzten Atemzug zum Helden gestempelt, dessen grausiges Ableben angeblich nur Höhepunkt eines abstrusen göttlichen Heilsplans gewesen wäre – deine Pein als Lösegeld dafür, dass alle einfach so weitermachen konnten wie vorher. Und das Paradies, dein ›Reich Gottes‹, das haben sie schnellstens wieder in ihr selbst gebasteltes Jenseits verfrachtet. Nein, mein lieber Junge«, Fisk sprach nun in einem für ihn ungewohnt kalten Tonfall, »Jova hat’s vermasselt, nicht du. Sein Versuch, deine gescheiterte Mission im Nachhinein in eine unwiderstehliche Heilsgeschichte umzumünzen, hat das Ganze erst wirklich zu einer Katastrophe gemacht: Ein unkalkulierbarer, unkontrollierter Choleriker, der Generationen lang seine Siedler mit Katastrophen zu erziehen versucht, erscheint ihnen Knall auf Fall als neurotisch-liebevoller Daddy, der es für einen unschlagbaren Liebesbeweis hält, seinen angeblich einzigen Sohn massakrieren zu lassen, damit er nicht mehr länger böse sein muss auf seine missratenen Kreaturen. Wie durchgeknallt ist das denn bitte?«

»Das war doch alles ganz anders geplant, Fisk, das weißt du doch. Pa wollte, dass ich bei seinem Lieblingsvölkchen ein bisschen auftrumpfe, sodass seine Besatzer kalte Füße bekommen, wenn sie erkennen, dass ihre Götter Jammergestalten sind gegenüber dem mächtigen Herrn der Juden. Und dass man sich deshalb besser nicht mit ihnen anlegt. Aber als ich dann da unten war und den ganzen Mist gesehen habe, der zwischen seinen Siedlern abläuft, war mir einfach klar, dass Pas Hau-druff-Taktik nicht das ist, was seine Geschöpfe weiterbringt – und das hab ich ihm gesagt. Ich sagte: ›Pa, wenn wir diese Kreaturen voranbringen wollen, dann sicher nicht, indem wir uns auf eine Seite schlagen und sozusagen stellvertretend den Endsieg erringen, der diverse Nationen dazu zwingt, vor einem Volk die Knie zu beugen. Damit würden wir lediglich unterstreichen, dass Einbildung und Selbstgerechtigkeit völlig ausreichen, um sich durchzuschlagen – wer soll sich denn da entwickeln?‹ – Wer konnte ahnen, dass genau dies sich als Erfolgsrezept bei Pas Dumpfbacken durchsetzen und dauerhaft zum Leitprinzip ihrer dümpelnden Zivilisationen werden würde?«

Fisk wurde ein wenig ungeduldig. »Jess, das hast du mir alles schon zigmal erzählt. Du hast deinen Joker-Auftrag eigenmächtig umgedeutet, und es muss dir klar gewesen sein, dass du dich damit zwischen alle Stühle setzt. Was Jova angeht, der wird sich schon irgendwann wieder beruhigen.«

Er wandte sich wieder seiner Workstation zu.

Sein Redeschwall hatte ihn offensichtlich genauso erschöpft wie mich. Wieder und wieder hatten wir diese misslungene Jokermission diskutiert, und obwohl mir Fisks Argumente einleuchteten, hatte ich doch immer noch die Hoffnung gehabt, Pa würde bei der UDA wenigstens ein paar Extrapunkte in der Rubrik besonders skurriler Mythenbildung abstauben können. Die nun vorliegende Rückstufung durch die Creation-Cup-Jury war hingegen als allerletzte Chance zu sehen, der vorzeitigen Disqualifikation zu entgehen.

Game over?

Typisch für Pa war, dass er nach dem Scheitern der Jokermission so tat, als wäre der Plan dazu komplett meinem Hirn entsprungen. Dabei hatte ich nur versucht, das Beste aus seinen unausgereiften Ideen zu machen. Pas Briefings nahmen sich in der Regel sehr vage aus, was daran lag, dass in ihnen keine Leidenschaft und Überzeugung steckte. Er hasste es, strategisch und souverän zu agieren, obwohl das nun einmal genau das war, was von Göttern erwartet wurde. Zum Beispiel seitens der UDA.

In meinem Fall hatte seine Instruktion ungefähr so geklungen: »Also, pass auf, Junge, die Fürchte-Gott-Nummer hat nicht so richtig funktioniert, keine Ahnung, warum. Ich war fest davon überzeugt, dass sie nur genügend Schiss vor mir haben müssten, um auf die richtige Spur zu kommen. Aber was machen sie? Die Sinn-Siedler gehen einfach hin und sagen: ›Wenn schon alle Schiss haben, dann sollten einige, nee, besser noch die meisten – einfach noch mehr Schiss haben als andere – wir zum Beispiel, ihre Priester und Lenker.‹ Statt demütig zu werden, haben sie sich gegenseitig noch mehr verarscht …« Seine Finger hatten begehrlich über dem Tsunami-Tastenfeld gezuckt. »Also, drehen wir den Spieß halt um, Junge. Du machst ihnen klar, dass das alles ein großes Missverständnis war und dass ich nicht nur ein Volk erwählt habe, sondern alle. Sie sollen einfach aufhören, sich wie durchgeknallte Primaten zu verhalten, einander in Ruhe lassen und sehen, dass sie ihr bisschen Grips in die Lösung ihrer gemeinsamen Probleme stecken statt in ihre gegenseitige Ausrottung, damit sie endlich das nächste Level schaffen …«

»Aber, Jova«, hatte ich eingeworfen, »wir können ihnen nicht vom nächsten Level erzählen, das würde die UDA zum Anlass deiner Disqualifizierung nehmen. Sie müssen einfach selbst drauf kommen!«

»Jaja, schon gut, schon gut«, hatte Pa zurückgeblafft, »dann bring’s ihnen halt anders rüber – is’ mir egal, wie du’s anstellst, Hauptsache, sie kommen zu Potte und entwickeln sich.«

So ungefähr hatte mein Auftrag gelautet. Bei der Ausstattung mit besonderen Fähigkeiten hatte sich Pa dann allerdings gewohnt geizig gezeigt. Er war einfach zu eitel, um wirklich etwas abzugeben, das mich in die Lage versetzt hätte, nachhaltig Eindruck bei seinen Kreaturen zu erzeugen. Mit meiner Botschaft, dass ihr Gott eigentlich doch alle gleich mochte, fand ich mich, wie Fisk es ganz richtig ausgedrückt hatte, als Gladiator unter wütenden Löwen wieder. Die Bewahrer und Verwalter der bisher gültigen religiösen Doktrin fanden diese Mitteilung nämlich alles andere als aufbauend. Zu lange waren sie es gewohnt gewesen, ihr Volk von einer Katastrophe in die andere treiben zu können – mit der ewig gleichen Begründung, dass sie ja nun mal das Lieblingsvolk wären und deshalb auch ein paar schwere Prüfungen zu bestehen hätten. Für den Fall, dass das Volk mir Glauben geschenkt hätte, sahen sie ihre Felle davonschwimmen. Die paar Gimmicks, die Jova mir mit auf den Weg gegeben hatte, machten die Sache eher schlimmer: Dass ich Tausende von ihnen mit nur einem Fisch sättigen konnte, brachte die ortsansässige Fischervereinigung gegen mich auf, die einen dramatischen Preisverfall befürchtete. Dasselbe geschah mit den einheimischen Weinbauern, als sie hörten, dass ich auf einer Hochzeit ein paar Fässer Wasser spendiert hatte, das sich als eine feine Spätlese entpuppte. Und als dann noch die Fährmänner und Frachtschiffer sich gegen mich erhoben, weil ich ihre Hoheitsgewässer zu Fuß überquert hatte, und die Ärzte-Innung meine Zulassung sehen wollte, weil ihre Praxen plötzlich immer leerer wurden, hatte ich alle herrschenden Kräfte dieser armseligen Zivilisation gegen mich.

Na ja, der Rest ist Geschichte. Kaum war ich aus dem Weg geschafft, kamen ein paar abtrünnige Sinn-Siedler auf die grandiose Idee, mein Ableben als Heilsinszenierung feilzubieten und sich sozusagen als mein Management aufzuspielen. Ihr Angebot war für alle, die bislang zu den nicht erwählten Völkern gezählt hatten, von unbestreitbarer Attraktivität: Man hatte sich nur gut mit ihnen zu stellen, um der großen Absolution teilhaftig zu werden, die ich ihnen mit meinem Heldentod angeblich verschafft hätte. Keine Verantwortung, kein schlechtes Gewissen mehr – die Zeche war bezahlt.

Pa fand, diese Interpretation könnte eine unerwartete Chance sein, das Desaster meiner Mission doch noch zu seinen Gunsten zu nutzen, und lancierte heimlich ein paar Visionen – zum Beispiel: Ich wieder quicklebendig und von den Toten auferstanden – um mein klägliches Scheitern doch noch in einen starken Abgang umzumünzen. Dazu schickte er noch einen geheimen Undercover-Zusatzjoker namens Paulus, der den theoretischen Überbau für diesen ganzen Mumpitz lieferte.

Das Ergebnis war verheerend: Plötzlich fühlten sich alle zum ewigen Leben berufen. Die Entwicklung des Lebens habe mit ihnen den Höhepunkt erreicht, so räsonierten Pas Dumpfbacken; und statt sich wie gewünscht hurtig weiterzuentwickeln, machten sie es sich auf ihrem lächerlichen Niveau bequem. Ihre knospenhafte Intelligenz aber setzten sie umso ungenierter dazu ein, noch barbarischere Methoden und Instrumentarien zum gegenseitigen Massakrieren zu ersinnen – denn wie hatten ihnen ihre neuen Sinn-Siedler so schön eingebläut: Es könne keine noch so überbordende Bosheit geben, die nicht locker von Gottes unergründlicher Liebe überboten werden könnte.

Hat natürlich prima funktioniert. Zumindest bis Level 35 oder so. Ab da hatten auf einmal immer weniger der Siedler Lust, sich auf so einen Erlösungskuhhandel einzulassen. Ihr im Laufe der Entwicklung gestiegenes Selbstbewusstsein zeitigte die unerwünschte Nebenwirkung, dass sie so primitive Tröstungen wie »Einer bezieht die Prügel für alle« immer lächerlicher fanden. Auch war der Überraschungseffekt ihrer Existenz inzwischen verpufft. In den ersten Jahrtausenden waren Pas Zweibeiner noch völlig damit beschäftigt, sich über ihr Dasein zu wundern und von den Naturgewalten, die sie umgaben, beeindruckt zu sein. Auf diesem Level haben Götter erfahrungsgemäß ein leichtes Spiel. Das Grundgefühl ihrer Geschöpfe ist einfach bodenlose Angst (»Wer geht zuerst in die Höhle da und guckt, ob schon ein Bär darin wohnt? Wer geht als Zweiter in die Höhle da und guckt nach, warum der Erste nicht wieder rauskommt?«) sowie der üblicherweise damit verbundene alberne Glaube an Ursachen und Wirkungen, die nun wirklich nichts miteinander zu tun haben konnten (»Es regnet nur deshalb seit drei Monaten nicht mehr, weil wir im Frühling zu wenig Jungfrauen geopfert haben …«).

Spätestens als die Siedler für ihre schier unermüdliche Lust, aufeinander einzuschlagen, völlig unverhältnismäßige Waffen entwickelt hatten, die sie in die Lage versetzten, nicht nur ihren jeweiligen Gegnern möglichst breitenwirksam den Garaus zu machen, sondern der gesamten ihnen bekannten Welt gleich mit, hatten die Sinn-Siedler ihre besten Zeiten hinter sich.

Die Möglichkeit zur Selbstzerstörung führte paradoxerweise zu so etwas wie einem irrationalen Allmachtsgefühl. Obwohl sie ja nichts weiter bewiesen hatten, als dass sie zu grandiosem und endgültigem Scheitern fähig waren, schienen sich die Erd-Siedler von nun an selbst wie ihre eigenen Schöpfer zu fühlen.

Mit welcher Plage sollte ihnen ein Gott nun noch drohen, wo sie sich doch selbst als die allergrößte Bedrohung erwiesen hatten, und welche furchtbare Höllenstrafe hätte sie noch schrecken sollen, nachdem sie das gegenseitige Quälen in all seinen Spielarten virtuos beherrschten?

Nein, es war offensichtlich: Jovas Premiumkreaturen waren degeneriert, hatten jedes Maß verloren und sich jeglicher Einflussnahme entzogen, und es war nur noch die Frage, wann ihnen ihr Planet um die Ohren fliegen oder als Lebensraum in den finalen Streik treten würde.

Und so sah es auch die Jury der UDA: Diese Schöpfung war ein einziges Gestümper, sie war Jova vollkommen entglitten. Weitere Evolution war hier nicht mehr zu erwarten – außer man setzte das Spiel noch einmal drastisch zurück und hoffte darauf, dass selbst ein sturer Schöpfer wie Jova noch eine zündende Idee bekäme. Unnötig zu erwähnen, dass Jova nicht nur stinksauer über die – wie er sie nannte – »Klugscheißerbande der UDA« war, er hatte auch überhaupt keine Lust, das Spiel fortzusetzen, um mit seiner missratenen Schöpfung wieder auf einem frühen Level hinter den anderen Gottheiten hinterherzuhinken. Er konnte sich nur zu gut die hämischen Kommentare vorstellen, die er zu erwarten hatte, wenn er sich etwa nächstens in der Bar Zum feuchten Eck blicken ließ.

Auf ein Neues

»Ich soll was?«

Meine Empörung kannte praktisch keine Grenzen, was jedoch nicht weiter auffiel, da Unendlichkeit für unsereins ja nichts Besonderes ist. »Erst versuchst du, mir den ganzen Schlamassel anzuhängen, und dann soll ich waaaaas?«

»Du musst es dieses Mal ja nicht wirklich selber tun. Hör zu, Jess. Das ist wirklich eine große Chance, aus dem Schlamassel rauszukommen, den du … Na ja, du weißt schon …« Die Schuldzuweisung verkniff sich Pa gerade noch, was nichts anderes bedeuten konnte, als dass ihm die Sache wirklich wichtig war. Er wollte mich unbedingt überreden.

Dabei war Schuld eigentlich seine Lieblingskategorie, um komplexere Sachverhalte zu simplifizieren. Anderen die Schuld zuzuschreiben, schuf die Leinwand, auf die er seine angebliche Perfektion und eingebildete Unfehlbarkeit projizieren konnte, und diese Marotte war schlimmer geworden, seit seine Schöpfung in zunehmendem Maße ihr Schuldbewusstsein und damit einhergehend auch ihren Glauben an einen perfekten Schöpfergott verloren hatte. Ich war da ein willkommener Ersatz und naheliegender Adressat für die nächste Arschkarte, die Pa zu vergeben hatte. Aber im Moment war die Aussicht auf eine nochmalige Chance, den Sanktionen der UDA zu entgehen, dominanter als seine unverbesserliche Rechthaberei.

Ich konnte zunächst kaum glauben, dass es Pa tatsächlich gelungen war, den Revisionsausschuss der UDA davon zu überzeugen, dass das Scheitern meiner Mission auf der Erde einem technischen Fehler geschuldet war – genauer gesagt, einer Äonenuhr, die einfach ein wenig falsch ging.

Er hatte den chaotischen Verlauf meiner Mission und der nachfolgenden peinlichen (und leider auch überaus gewaltsamen) Erdengeschichte darauf zurückgeführt, dass ich ein wenig zu früh auf der Bildfläche erschienen wäre; in einem Stadium der Entwicklung seiner Siedlerkulturen, in dem die Kommunikationsmittel noch sehr primitiv gewesen wären und dadurch die Übermittlung von Botschaften (so auch meiner) eine extrem hohe Fehlerquote aufgewiesen hätte.

Nur deshalb, so Jova, hätte es zu all den Missverständnissen unter seinen Siedlern kommen können, die letztendlich dazu geführt hätten, dass sie nicht auf einem höheren und kreativeren Kulturlevel, sondern stattdessen in einer Barbarei gelandet wären.

Besonders peinlich war natürlich für Pa, dass die gewaltigen Vernichtungsmaschinerien seiner Siedler zum größten Teil in seinem Namen mordeten und verwüsteten.

»Ein nettes Bild scheinen deine Kreaturen von dir zu haben«, hatte Zaus, der Vorsitzende der UDA und ein weithin hochverehrter Gottvater, Pa vorgehalten. »Heilige Kriege, mit Gott für Volk und Vaterland, Kreuze und Halbmonde auf sämtlichen Fahnen, geweihte Panzer und Raketen – und du willst behaupten, das hätten sich deine Kreaturen alles alleine ausgedacht? Hast du sie nicht viel mehr selbst zu diesen grauenhaften Dingen angestachelt – äh, ich darf mal zitieren aus einem der heiligen Bücher, für die du angeblich die Urheberrechte hältst: ›Und der HERR gab sie in die Hände Israels, und sie schlugen sie … und erschlugen sie, bis niemand mehr unter ihnen übrig blieb.‹«

»Hab ich nie gesagt …«, ächzte Jova, aber Zaus fuhr unerbittlich fort: »Dann hast du das hier sicher auch nie gesagt: ›Und sie zogen aus zum Kampf gegen die Midianiter, wie der HERR es Mose geboten hatte, und töteten alles, was männlich war. Und die Israeliten nahmen gefangen die Frauen der Midianiter und ihre Kinder; all ihr Vieh, alle ihre Habe und alle ihre Güter raubten sie und verbrannten mit Feuer alle ihre Städte, wo sie wohnten, und alle ihre Zeltdörfer.‹«

Obwohl die Rede bereits deutlich Wirkung zeigte und Jovas Aura schon von einem zarten Schweißfilm überzogen war, räusperte sich Zaus genüsslich, um noch ein Zitat zum Besten zu geben: »Und Mose wurde zornig über die Hauptleute des Heeres und sprach zu ihnen: ›Warum habt ihr alle Frauen leben lassen? So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben.‹«

»Alles Missverständnisse, mündliche Überlieferungen über unzählige Stationen und dann irgendwelche Aufschriebe in einer Sprache, die noch nicht einmal Vokale besitzt!«, keuchte Jova an dieser Stelle und hatte plötzlich die rettende Idee.

Im Protokoll der Revisionssitzung wurde die nun folgende Szene zwar diskret ausgelassen, aber mir erzählte Pa natürlich, wie er die Jury davon überzeugen konnte, dass das irdische Chaos tatsächlich an den unzureichenden Überlieferungsmöglichkeiten jener Zeiten lag.

Zu Pas bevorzugten Methoden, seine buchstäblich unendliche Langeweile zu bekämpfen, gehörte, dass er gerne mittels der Ultra-Zoom-Funktion seines WCs willkürlich ausgewählten Siedlern zuschaute, wie sie sich die entbehrungsreiche und insgesamt überaus fragwürdige Zeitspanne ihres Lebens vertrieben. Dabei war er auch auf Kindergeburtstagen gelandet, und unter all den lustigen Spielchen der Siedlerkinder war ihm eines in Erinnerung geblieben, das sich »Stille Post« nannte.

»Tausend Äonen braucht eine Erschaffung und einen Knopfdruck nur ihre Vernichtung!«

Nirwan, der neben Jova saß, zuckte zunächst etwas zurück, als Jova sich zu ihm herüberbeugte, um ihm diesen Satz zuzuflüstern.

»Hä …?« Entgeistert blickte der Kassenwart der UDA Jova an.

»Wiederholen gilt nicht«, sagte dieser munter und forderte den verdutzten Nirwan auf, das eben Gehörte auf die gleiche Weise an seinen Nebensitzer Baddhu weiterzugeben.

Zögerlich und mit zunehmend verständnislosen Mienen und Gesten beförderten die ehrenwerten Gottheiten des UDA-Ermittlungsausschusses, so gut sie eben konnten, den von Jova initiierten Satz flüsternd durch ihren erlauchten Kreis.

Lalluh war der Letzte und blieb, nachdem er die Mitteilung von Nirshak vernommen hatte, eine Weile stumm. Hilflos blickte er reihum in die erwartungsvollen Gesichter seiner Götterkollegen und zuckte mit den Schultern: »Draußen da wohnen auch deine Schafe und durch deinen Kopf guckt nur tiefer Richtung?«, stammelte er schließlich verlegen.

»Aber das ist doch völliger Blödsinn«, blaffte Zaus in das allgemeine betretene Schweigen hinein. »Das ergibt ja nun überhaupt keinen Sinn …«

»Eben, sag ich doch«, Jova triumphierte. Auf die Schwerhörigkeit der Götter war ebenso viel Verlass wie auf seinen Jähzorn.

»Genau so ist es meinen Offenbarungen bei meinen Siedlern auch ergangen: Ich sag ›Liebe‹, und sie verstehen am Ende ›Hiebe‹, ich sage ›tuet gut‹, und daraus wird bei ihnen ›tu’s mit Blut‹. Was soll man da machen?«

»Schön, schön«, unterbrach Zaus. »Was aber willst du uns damit sagen?«

»Falsches Timing«, erwiderte Jova. »Sie waren aufgrund meiner defekten Äonenuhr einfach ein wenig zu früh dran – und überfordert. Inzwischen haben sie jedoch wirklich einen Riesenschritt nach vorn gemacht, mittlerweile läuft ihre Kommunikation komplett digital ab, immer schön: 1-0-1-0-0-1-0-0-1-1-0-0 und so weiter. Nichts geht verloren, alle hören dasselbe – weltweit: Das Ende aller Missverständnisse!«

»Und du meinst wirklich, das würde alles ändern?«, Zaus wirkte nicht überzeugt. »Du glaubst, wenn du deinen Joker zum Beispiel jetzt gespielt hättest, wäre deine Kreation nicht zu so einem Sauhaufen degeneriert …?« Wettlust flammte in den Augen des ehrwürdigen Gottes auf.

Entweder er hatte seine Sache wirklich so gut gemacht, oder – meine persönliche Vermutung – die Divinitäten des Götterrats wollten ihn nur endlich wieder loswerden.

Jedenfalls verließ Jova den Ausschuss mit einer zweiten Chance – wenn auch unter verschärften Auflagen.

»Du musst es doch nur anleiern!« Pa zoomte gut gelaunt auf seinem WC herum. »Die haben das sofort eingesehen, dass du als Joker nicht ein zweites Mal infrage kommst. Du bist vorbelastet und – nun ja – verbraucht. Niemand will also, dass du das Ganze noch mal durchmachst.

Die Abmachung ist die: Die UDA nimmt ihre Sanktionen deutlich zurück, wenn es uns gelingt nachzuweisen, dass an allem die defekte Äonenuhr schuld war und dass jetzt genau der richtige Augenblick ist, um meine Schöpfung durch einen neuen Propheten aufzurütteln und zu neuen Höhen der Erkenntnis zu führen. Deine Rolle wird lediglich sein, den ›Neuen‹ ein wenig zu coachen, Junge. Du sagst ihm einfach, dass er auserwählt ist, diesen beschissenen Planeten zu retten, und dass ich ihm den gesamten Globus in seinen Arsch schiebe, wenn er das nicht hinkriegt …«

Pa blickte finster vor sich hin. Er ahnte, dass seine Chancen nicht allzu rosig aussahen, aber um sein Ansehen nicht völlig zu ruinieren, musste er sich wohl oder übel auf den Kompromissvorschlag der UDA einlassen. Aber Jova wusste auch: Dies war seine letzte Chance.

Zu dumm, dass ich dennoch meine Klappe nicht halten konnte: »Pa, du weißt, dass dein Einfluss unter deinen Geschöpfen nicht mehr so dolle ist. Wie soll dein neuer Prophet sich da durchsetzen?«

»Was weißt du Weichei schon über meinen Einfluss?!«, brüllte Jova zurück. »Dann wird er halt dafür sorgen, dass mein Einfluss wieder wächst!«

Den Rest meiner vielfältigen Zweifel behielt ich lieber für mich. Es war womöglich besser, Jova in seinen dürren Hoffnungen zu bestärken, als ihn auf das meiner Ansicht nach unvermeidliche Scheitern seines Plans hinzuweisen.

Das dicke Ende würde noch früh genug kommen. Ich sollte mir zwischenzeitlich lieber Gedanken darüber machen, wohin ich mich verkrümeln konnte, wenn Pa endgültig aus dem Creation Cup flog.

NEW YORK

Terrys Erwachen(wie er es selbst in einem seiner Comics darstellen würde)

Terrys Tag beginnt mit einem Massenmord.

Das gewaltige Gähnen, das seinen Mund nach sechs Stunden komatösen Schlafes erstmalig wieder weit öffnet, bedeutet den Tod für den kompletten Fliegenschwarm, der sich mit dem ersten Sonnenlicht über Terrys unrasierter Fresse versammelt hat, um in den süßlich-käsigen Ausdünstungen zu schwelgen, die seinem verschwitzten Gesicht entströmen.

Einige von ihnen landen direkt in jenem Schlund, dem die Wolke giftiger Gase eben entwichen ist, was Terrys Aufwachen etwas beschleunigt.

Sein Kiefer schnappt bärenfallenartig zu, ein kurzes Schlucken, gefolgt von einer noch halb geträumten Verfluchung irgendeiner Nutte – Terry Broker erwacht.

Er kratzt sich kurz den verfilzten Schädel und wirft einen Blick wie eine Billardkugel durch den zugemüllten Raum, nein, wie eine Flipperkugel eher, denn er prallt zunächst auf den Haufen schmutziger Wäsche, dessen stetes Wachstum nur gebremst wird durch das beschränkte Sortiment an Klamotten, wird von dort weggeschleudert zu Stapeln alter Zeitungen und Magazine, die eine kleine Hügelkette auf dem Fußboden bilden, wird von dort zum Schreibtisch katapultiert, dessen Leimholzplatte sich zwischen zwei Holzböcken durchbiegt, vom Chaos darauf abgestoßen und von der vergilbten Fensterscheibe direkt zwischen Terrys Schenkel zurückgeschleudert, die gar nicht daran denken, flippermäßig dagegenzuhalten, denn dort hat er gerade wohlwollend seine Morgenlatte entdeckt, die ihm signalisiert, dass der gute alte Terry noch Leben in sich trägt.

Er lässt seine fleischige Hand dort unten den Morgenappell abhalten, sein Kopf ist voll von Wichsbildern, die er nur abrufen muss, um die Truppe aufzumischen, es sind diffuse Collagen aus Ärschen, Titten, feuchten Haarbüscheln und ihm, Terry, der es irgendeinem Fleisch so richtig besorgt. Die Fanfare gelingt, ein erster Triumph, der Tag nimmt Kontur an.

Als er sich aufrichtet, erhebt sich ein struppiger Hund in der anderen Ecke des Zimmers, schlurft mit eingezogener Rute auf sein Herrchen zu, dessen Schwanz inzwischen wieder zu einem hässlichen Wurmfortsatz degeneriert ist, und leckt ihm die Füße.

»Na, du Sack«, raunzt Terry zärtlich. »Wenn ich dich doch nur dazu kriegen könnte, deine Zunge mal richtig einzusetzen …« Er krault der Töle das stumpfe Fell und stößt sie dann unsanft zur Seite.

Der hungrige Köter muss warten. Sein Gebieter verspürt selbst Hunger und ahnt, dass der neurotisch greinende Kühlschrank dieses Problem nicht wird lösen können.

Die aufgerissene Tür offenbart wenig faszinierende Einblicke in fremde Lebenswelten; Biotope, die sich erfolgreich der Nahrungskette entzogen haben.

Nur eine dieser unbeseelten Routinen – Terry weiß, dass sein Kühlschrank nur als Zwischenlager auf dem Weg zum Mülleimer dient, dazu da, Pizzareste, halb gegessene Burger und Bier zu beherbergen, nur Letzteres noch ernsthaft für den Genuss bestimmt.

Eine filterlose Zigarette schlägt den ersten Hungersturm erfolgreich nieder, ein kurzer Schluck aus der angebrochenen Whisky-Flasche neben dem Bett gegen den fauligen Geschmack im Mund. »Desinfektion ist alles«, grummelt Terry, wirft sich den speckigen Ledermantel über, stopft sich das Shirt in die Hose und schließt den Gürtel über einem Bauch, der von viel schlechter Ernährung kündet.

Ein kurzer Blick in den halb blinden Spiegel bestätigt ihm, dass es nichts zu verbessern gäbe, er alarmiert den Köter mit einem kurzen Pfiff, schnappt sich seinen ausgebeulten Rucksack, die tasche mit der Gitarre, stopft die Schlüssel in die Tasche und verlässt die Wohnung.

Auf der Straße springt ihn der erste wirkliche Frühlingstag an, er greift in die Innentasche des Mantels und zieht eine Sonnenbrille heraus, die, wenn er sie aufsetzt, zwei schwarze Löcher in sein Gesicht stanzt und ihm das aufdringliche Licht vom Leib hält.

Den Blick auf das schmutzige Pflaster geheftet, schlurft er zwei Straßenzüge weiter bis zum Break Even, jenem schmuddeligen Café, in dem er sich wie jeden Morgen – oder genauer gesagt Mittag – sein American Breakfast bestellen wird: Eiergekröse mit schwärzlich gekrümmtem Speck, der schon in der Pfanne wie ein Krebsgeschwür aussieht. Ohne Orangensaft. Stattdessen ein Bier für die Nerven.

Dizzy, der dürre, schwule Kellner, der noch die Make-up-Reste der letzten Nacht im Gesicht hat und immer so läuft, als wäre sein letzter Lover eine Biene gewesen, die ihren Stachel stecken gelassen hat, begrüßt den Stammgast mit dem vertrauten Ritual: »Terry, Schatz, was siehst du heute wieder männlich aus! Machst du das nur, um mich zu quälen …?«

Terry schnappt sich eine der bereits angefledderten Tageszeitungen, doch überfliegt er nur die immer gleichen Schlagzeilen, um festzustellen, dass die Welt seit gestern nicht besser, aber auch nicht schlechter geworden ist. Nichts anderes hat er erwartet, und diese Feststellung nimmt stets genau die Zeit in Anspruch, die nötig ist, um das Warten auf das cholesterinöse Debakel zu überbrücken, das Dizzy ihm prompt mit dem üblichen Knicks auf den zerfurchten Tisch stellt. Auf einem zweiten Teller hat er die Reste des letzten Abends für Terrys Hund drapiert, der jedoch erst Pfötchen geben und Dizzy das Gesicht lecken muss, bevor er die »Beute« bekommt. Dizzy nimmt diesen kriecherischen Dressurakt sehr persönlich, es ist ihm völlig egal, dass dieses Tier selbst Stromschläge über sich ergehen lassen würde, um an sein Fresschen zu kommen.

»Was für ein toller Hund«, sagt er dann immer. »So voller Gefühl!«

Währenddessen stopft, nein, schlingt Terry die graue Pampe auf seinem Teller rein mit keinem anderen Ziel, als jenes beruhigende Völlegefühl zu verspüren, das ihn automatisch nach der Zigarettenschachtel in seiner Manteltasche stochern lässt.

»Fuck, Dizzy, ich hab keine Fluppen … Kannste mal eben …?« Und Dizzy rauscht ab, um kurz darauf eine Packung von Terrys Favorites auf den Tisch zu schnippen und wenig originell hinzuzufügen: »Hier, mein Bester, orale Bedürfnisse haben bei mir immer Priorität.«

Mit den entspannt ausgestoßenen Rauchwölkchen dieser ersten »Zigarette danach« wendet sich Terry erstmals dem Tag zu, es ist bereits halb zwölf.

Er kramt ein abgewracktes, ledergebundenes Notizbüchlein aus dem Rucksack und schlägt es auf der ersten Seite auf, wo er dekalogartig seine besten Absichten aufgeschrieben hat: »NICHT aufregen, NICHT hetzen, NICHT stressen und gestresst werden, NICHT zu viel arbeiten, NICHT zu lange bis zum nächsten Fick warten, NICHT zu wenig trinken, NICHT mit dem Rauchen aufhören, NICHT auf Frauen hören, auf Typen besser auch NICHT, NICHT zu lange leben.«

Gut, das wäre so weit klar. Er blättert vor bis zum letzten Eintrag, um sich zu erinnern, an welchem Punkt er gestern mit dem Denken aufgehört und mit dem Saufen so richtig angefangen hat:

»Momo, 14 Uhr, alter botanischer Garten« steht dort, eine Verabredung, über deren Sinn Terry nicht lange nachdenken muss. Momo wird ihn mit einem kleinen, erlesenen Sortiment seiner Lieblingsdrogen für diese Woche ausstatten; ein Tütchen Gras, ein Brocken Shit, ein bisschen Acid. Terry ist konservativ, was das High-Sein angeht. Er hält nichts davon, sich mit Plastikdrogen künstlich aufzuputschen, um nächtelang durchzutanzen. Erstens hasst er das Tanzen, zweitens würde man ihn in keinen Tanzschuppen reinlassen, und drittens kann er sowieso kaum schlafen. Ihm geht es einfach nur um forciertes Relaxen mit kleinen Ausflügen in die Randbereiche seines Schädels, dort wo dieser ins Universum überlappt.

Terry kramt ein paar Scheine und Münzen aus der Hosentasche, packt alles auf den Tisch, fischt dann den nötigen Betrag aus dem Häufchen, um seine immer gleiche Zeche zu begleichen und stopft den Rest zurück in die Hose. Er würde noch Geld besorgen müssen für sein Treffen mit Momo, aber dafür ist noch genügend Zeit.

Im Gehen steckt er Dizzy noch den obligatorischen Fünfer in den knallengen Hosenbund, nicht weil er, sondern weil Dizzy das liebt und weil Dizzy einer der wenigen Menschen ist, denen Terry gerne mal einen Gefallen erweist.

Draußen wogt der beflissene Strom von Zielstrebigen vorbei, und man muss sich nah an den Häuserfronten bewegen, um nicht ihre hektischen Amokläufe durch ihr absurdes Leben zu kreuzen.

Terry hat Zeit. Es gibt niemanden, der auf ihn wartet – außer Momo um zwei, und bis dahin kann er sich in Ruhe überlegen, welche Bank er heute zur Bühne für seinen Lieblingsauftritt wählen soll. Auf der Rolltreppe, die ihn in den Schlund der Metro befördert, kramt er aus seinem Mantel einen bereits sehr strapazierten Faltplan der Stadt heraus. New York ist glücklicherweise fast unerschöpflich, was Banken angeht, und Terry hat alle, die er bereits heimgesucht hat, mit einem roten Kreis markiert. Seine Nummer wirkt nur einmal so, wie er sich das wünscht. Terry hält, in der U-Bahn-Station angelangt, kurz inne, schließt die Augen und tippt auf eine Stelle im Straßenregister. Er sucht das entsprechende Planquadrat, in dem sich die Straße befindet, und die passende U-Bahn-Verbindung dorthin.

»Yeah, mal wieder Brooklyn«, murmelt er leise.

Eine halbe Stunde später betritt ein Mann die Filiale der Redstone & Marbles Bank, den man seinem Äußeren nach eher auf einer Parkbank im Central Park vermuten würde. Terry hat sich in den penibel polierten getönten Scheiben des Geldinstituts noch einmal das Haar zerzaust, obwohl seine Mähne aus verfilzten, kurzen Rastazöpfen das nicht nötig gehabt hätte. In seinem speckigen Mantel und unrasiert, wie er ist, wirkt er so deplatziert in dem mit edlen Hölzern und teurem Marmor aufgedonnerten Foyer, wie das nur möglich ist. Die Sicherheitskräfte, die so unauffällig wie möglich, aber so präsent wie nötig neben dem Eingang postiert sind, werfen sich bedeutungsvolle Blicke zu.

Terry grüßt sie mit einem fröhlichen »Hi, folks!« und begibt sich zielstrebig zum Privatkundenschalter. Der Angestellte hinter dem Tresen blickt bemüht auf den Monitor seines Laptops, um einen beschäftigten Eindruck zu erwecken. »Tach, Meister, wie läuft’s denn so?«, begrüßt Terry den Mann, der ihm daraufhin zunächst einen fragenden Blick zuwirft, um danach an ihm vorbei nach den Security-Leuten Ausschau zu halten. Diese haben sich in einigem Abstand bereits hinter Terry postiert, bereit, jederzeit zu tun, was getan werden muss.

»Kann ich etwas für Sie tun, Sir?«