Spielregeln - Hermann Schöllkopf - E-Book

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Hermann Schöllkopf

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Beschreibung

Mason ist erfolgreicher Unternehmensberater, als ihn ein Autounfall aus der Bahn wirft. Er erleidet eine Amnesie und kann sich nicht mehr an seine Vergangenheit erinnern. Aaron, der am Unfall beteiligt ist, will Mason wieder auf die Beine helfen und nimmt ihn bei sich auf. In Diskussionen mit dem väterlichen Freund Aaron lernt Mason die Grundlagen der Wirtschaft neu und hinterfragt nicht nur seine Rolle im Beruf.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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© 2023 Hermann Schöllkopf Lektorat: Ursula Hahnenberg · buechermacherei.de Covergestaltung: Chris Gilcher · buchcoverdesign.com Satz und Layout / E-Book: Rebekka Redwitz · fraeuleinkorrekt.com (in Kooperation mit Gabi Schmid · buechermacherei.de)

ISBN Softcover: 978-3-347-87770-2 ISBN E-Book: 978-3-757-93838-3 (Version 1.1) ASIN E-Book: B0BXMMQQ9G

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Buch

Mason ist erfolgreicher Unternehmensberater, als ihn ein Autounfall aus der Bahn wirft. Er erleidet eine Amnesie und kann sich nicht mehr an seine Vergangenheit erinnern. Aaron, der am Unfall beteiligt ist, will Mason wieder auf die Beine helfen und nimmt ihn bei sich auf. In Diskussionen mit dem väterlichen Freund Aaron lernt Mason die Grundlagen der Wirtschaft neu und hinterfragt nicht nur seine Rolle im Beruf.

Der Autor

Hermann Schöllkopf gibt sich mit der Antwort 42 nicht zufrieden. Er akzeptiert auch nicht den Status quo. Seiner Meinung nach muss jeder Einzelne zum Gelingen unserer Gesellschaft beitragen. Er ist Bäckermeister, B. Sc. Informationsorientierte BWL, Softwareentwickler und arbeitet als Technischer Berater in einer Unternehmensberatung für IT-Lösungen. Mit seinem Debütroman »Spielregeln« möchte er zu unternehmerischem Handeln motivieren und die Grundlagen unserer Wirtschaft erzählerisch vermitteln.

Inhaltsverzeichnis

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1

Ein dumpfer Schlag. Mason war beim Ausparken gegen den Pfosten des Parkhauses gefahren. Verdammt, das Auto war noch nicht mal abbezahlt.

Dabei hätte der Tag so gut starten können. Gestern, am Donnerstag, hatte er einen lukrativen Deal abgeschlossen und heute frei bekommen. Also war für ihn heute schon Wochenende. Er hatte sich unbemerkt aus der Wohnung seiner nächtlichen Eroberung stehlen und draußen gleich ein Taxi ergattern können, das ihn zur Firma gefahren hatte, wo er am Vorabend sein Auto hatte stehen lassen. Doch schon, als er das Taxi bezahlen wollte, wendete sich das Blatt. Er merkte, dass er seinen Geldbeutel in der Wohnung seines One-Night-Stands vergessen hatte. Zum Glück steckten für Notfälle immer ein paar Scheine in seinem Jackett.

Doch jetzt musste Mason sich nicht nur eine plausible Ausrede einfallen lassen, warum er so schnell abgehauen war, sondern auch noch eine Strategie, um diese Frau wieder loszuwerden. Dazu kam noch die Schramme am Auto, die er sich soeben eingebrockt hatte.

Er atmete tief durch und legte sich einen Plan zurecht. Die Schramme war das kleinste Problem, die würde man für ein paar tausend Euro rauspolieren können. Also Frühstück holen und zurück zur nächtlichen Bekanntschaft. Damit wäre das zweite Problem gelöst und seine Abwesenheit erklärt. Für das Letzte würde er seine übliche Vorgehensweise anwenden: sich nicht mehr melden. Falls er sie zufällig wiedertreffen sollte, konnte er sich mit Überstunden herausreden. Das entsprach zumindest teilweise der Wahrheit. Ein guter Plan. Damit konnte er arbeiten. Also legte er den Sportmodus ein und düste über die Auffahrt der Tiefgarage auf die Straße.

Als die Ampel 100 Meter vor ihm auf Gelb sprang, gab er nochmal kräftig Gas. Er liebte den Adrenalinkick und das Rennen gegen die Zeit. Sie schaltete auf Rot und er drückte das Pedal bis zum Anschlag durch.

Die Hupe eines LKWs dröhnte in seinen Ohren, bevor er das Bewusstsein verlor.

2

30 Stunden zuvor

Während er mit dem Aufzug hinunter in die Garage fuhr, trank Mason seinen Kaffee in hastigen Schlucken. Er hatte die ganze Nacht durchgearbeitet, um eine Lösung für die Firmenfusion zu finden, und das Koffein war bitter nötig. Nebenbei checkte er die neuesten Informationen zu seinen Kunden auf dem Handy. Gestern Nacht hatte sich kurzfristig Schmidt für das heutige Meeting angemeldet. Ausgerechnet der Chef des Aufsichtsrats – ein weiteres Problem auf seiner Agenda.

Unten warf er den Einwegbecher in den Mülleimer neben dem Aufzug. Dabei spritzten ein paar Tropfen auf den Boden der Tiefgarage, direkt vor die Füße des Hausmeisters. Der blickte ihn verständnislos an. Mason hatte sich mit ihm noch nie richtig verstanden – es wurde Zeit, ihn in sein Team zu holen. Vielleicht konnte er ihm nochmal nützlich sein. Er sprach den Hausmeister an. »Entschuldigung Herr …«, verdammt, er wusste den Namen nicht, »Wie war nochmal Ihr Name?«

Der Hausmeister antwortete: »Ikovic.«

Mason fuhr fort: »Entschuldigung, Herr Ikovic. Ich bin heute im Stress. Ehrlich gesagt, bin ich immer im Stress. Deswegen wollte ich etwas Zeit sparen und jetzt dieses Malheur. Als Entschädigung für die Arbeit, die ich verursacht habe, würde ich Sie die nächsten Tage auf eine Spritztour in meinem neuen Porsche mitnehmen. Der kam erst letzten Monat. Das Model ist eine Mischung aus Luxus- und Sportwagen. Wie für mich gemacht, weil ich viel Zeit im Auto verbringe, brauche ich den Komfort, aber ich liebe es auch, schnell unterwegs zu sein. Mögen Sie Autos?«

Herr Ikovic schüttelte den Kopf. »Nein. Mögen nicht. Praktische Autos sind nützlich, teure Autos sind Verschwendung von Geld.«

Mason lächelte. »Geld ist für mich kein Problem. Ich verdiene so viel, dass ich die nächsten Jahre einen Teil davon abzweigen kann. Ein 0815-Firmenwagen kommt für mich nicht in Frage. Ich will auffallen, im Gedächtnis bleiben. Nicht nur mit meinen maßgeschneiderten Anzügen, sondern ab dem Moment, in dem ich vorfahre. Doch zurück zur Entschädigung. Mögen Sie gutes Essen?«

Ikovic antwortete: »Ja, essen ist wichtig.«

»Gut, dann lade ich Sie die nächsten Tage ins Restaurant zum Essen ein.«

»Nein, Restaurant ist Verschwendung von Geld«, antwortete der Hausmeister.

Mason grinste. »Jetzt habe ich es kapiert. Sie müssen sehr auf Ihr Budget achten. Hier haben Sie 50 Euro als Entschädigung. Kaufen Sie damit, was Sie möchten.«

Herr Ikovic blickte ihn verwirrt an, als wisse er nicht, was er mit dem Geld anfangen sollte. Doch Mason bemerkte es nicht. Er drehte sich schnurstracks um und stieg in sein Auto. Genug Zeit verschwendet. Jetzt musste er wichtigere Dinge erledigen. Er fuhr aus dem Parkhaus und rief seinen Kollegen Benjamin an.

»Hey Benjamin, ich bin auf dem Weg zum Kunden, also gib mir schnell die neuesten Informationen durch.«

Benjamin legte sofort los: »Wie du wolltest, habe ich noch die Ergebnisse zusammengefasst. Unser Fazit zur Unternehmensfusion ist, dass es einem Nullsummenspiel gleicht, ob unser Kunde den ausländischen Konzern kauft oder nicht. Der Kunde kann ein paar Standorte schließen, die Produktion skalieren und Mitarbeiter entlassen. Doch selbst, wenn du alle möglichen Einsparungen vornimmst, lohnen tut es sich am Ende nicht. Für die Expansionsstrategie in ausländische Märkte wäre eine Zusammenarbeit mit lokalen Händlern sinnvoller. Dabei ist man näher am Kunden und könnte das Produkt speziell für den ausländischen Markt konzipieren. Jetzt kommt der Haken: Wenn wir diese Ergebnisse mitteilen, werden wir das Folgeprojekt, die Begleitung der Fusion, nicht bekommen. Du weißt doch, das ist 15 Millionen Euro wert!«

Mason antwortete gelassen: »Benjamin, mach dir keine Sorgen, ich werde das Kind schon schaukeln. Ich weiß genau, wie der CEO tickt. Ich muss ihm nur erzählen, wie viele zusätzliche tausend Mann er nach der Fusion unter sich hätte. Dann streu ich nebenbei ein, dass er außerdem Marktführer mit seinem Produkt werden würde. So eingebildet, wie der ist, will er die Alternative gar nicht mehr hören. Der Folgeauftrag ist uns sicher. Wir sehen uns in 20 Minuten beim Kunden. Bring die Unterlagen mit und überlass das Reden mir. Ach, und rechne die zwei Praktikanten, die dir bei der Recherche geholfen haben, als Junior-Consultants ab. Von dem extra Geld kaufen wir heute Abend eine Flasche Champagner für unsere Begleitungen.«

Bevor eine Erwiderung kam, legte er auf. Das nannte man effiziente Arbeitsteilung. Benjamin kannte sich mit den Zahlen, Fakten und Strategien aus. Er selbst dagegen konnte besser mit Menschen arbeiten. Dann drehte er das Radio laut auf und drückte nochmal kräftig aufs Gas. Den Blitzer am Ende der Straße ignorierte er. Nach dem Abschluss heute, gönnte er sich ein schönes Erinnerungsfoto. Hoffentlich knackte er das 300 Euro Bußgeld vom letzten Mal.

3

Vor dem Bürogebäude traf er auf Benjamin.

»Mason, ich habe eine schlechte Nachricht. Der Aufsichtsratsvorsitzende Schmidt ist bei der Besprechung dabei. Da es um einen Millionenauftrag geht, sitzt er dem CEO direkt im Nacken. Ich bin mir nicht sicher, wie du ihn jetzt noch überzeugen willst.«

»Das ist kein Problem, habe ich heute Morgen schon mitbekommen«, antwortete Mason. »Schmidt will auch nur Macht und Geld, wie jeder andere Mensch. Wir finden noch heraus, was ihn davon überzeugen kann. Damit gehört der Folgeauftrag uns und es springen für uns beide jeweils 150 000 Euro heraus.«

»Also, ich habe Zweifel …«

Mason erwiderte, von Benjamins Unsicherheit genervt: »Melde uns schnell am Empfang an und ich werde mir in der Zwischenzeit überlegen, wie wir überzeugende Argumente liefern können.«

Kurz nachdem Benjamin sie angemeldet hatte, kam schon der CEO, um sie in Empfang zu nehmen. Er ging direkt auf Mason zu.

»Mason, ich hoffe, Sie haben fantastische Ergebnisse für uns. Der Aufsichtsratsvorsitzende Schmidt sitzt mit in der Besprechung und wenn er ein Veto einlegt, kann ich nichts mehr für Sie tun. In einem Monat findet die Hauptversammlung statt und ich möchte meinen Job noch ein paar Jahre behalten. Also bringen Sie etwas auf den Tisch, das uns umhaut.«

»Keine Sorge. Benjamin und ich haben die besten Strategien ausgegraben, die es gibt«, sagte Mason gelassen. »Sie können sich zurücklehnen und die Show genießen.«

Im Besprechungsraum teilte Benjamin erst einmal allen Anwesenden die Dokumente aus. Mason erhob sich und ergriff das Wort: »Meine Damen und Herren, wie Sie sehen können, gibt es zwei alternative Strategien, mit Ihrer Expansion voranzuschreiten. Die erste Alternative, eine Kooperation mit lokalen Händlern, beinhaltet viel Unsicherheit. Lange Genehmigungsverfahren, die Suche nach geeigneten Partnern und zusätzlich die Gefahr, von den Händlern hintergangen zu werden. Dagegen wäre die zweite Möglichkeit ein Kinderspiel. Sie kaufen einen lokalen Konkurrenten, starten direkt die Penetration des Marktes und sind innerhalb kürzester Zeit Marktführer in diesem Land. Sie besitzen Betriebe im Zielland, von denen Sie die Expansion weiter vorantreiben und können Teile Ihrer jetzigen Produktion dorthin auslagern. Deswegen schlägt unsere Agentur den Kauf des Konkurrenten als einzig richtigen Weg vor.«

Wie nicht anders erwartet, widersprach Schmidt: »Der Kauf kostet uns ein Vermögen, und selbst wenn die Integration reibungslos verläuft, ist uns der Start in den neuen Markt nicht garantiert. Dagegen kostet die erste Variante so gut wie kein Geld. Sie bringt vielleicht eine hohe Unsicherheit mit sich, aber da wir wenig investieren müssen, können wir das Risiko eingehen und auf der diesjährigen Hauptversammlung die Einsparungen als Gewinn ausschütten. Damit sind einerseits unsere Aktionäre befriedigt und andererseits haben wir die ersten Schritte in Richtung Zukunft getan.«

Mason konterte: »Herr Schmidt, bitte denken Sie langfristig. Eine derartige Partnerschaft ist kein Schritt in die Zukunft. Vielmehr treten Sie auf der Stelle, weil Sie nicht den Sprung ins kalte Wasser wagen. Sie sollten keine Gewinne ausschütten, sondern das Geld in eine Fusion investieren. Die Aktionäre verdienen allein durch den Anstieg der Aktienwerte ein Vermögen und in den nächsten Jahren werden Sie umso höhere Gewinne ausschütten. Sparen Sie nicht an der falschen Stelle. Es ist mir klar, dass so eine Entscheidung schwierig ist und Sie sie erst durchdenken müssen. Am besten unterbrechen wir für eine kurze Essenspause und treffen uns anschließend wieder hier, um die Entscheidung zu fällen.«

In der Pause ging Mason auf Schmidt zu. »Herr Schmidt, Sie sind ein Mann mit ausgezeichneten Argumenten und messerscharfem Verstand. Ich denke, wenn wir die Unternehmensfusion begleiten können, wächst unser Umsatz in solchem Umfang, dass wir unseren Aufsichtsrat um einen weiteren Posten ergänzen werden müssen. Eventuell wären Sie daran interessiert?«

In Schmidts Augen blitzte etwas auf. Er verstand natürlich, worauf Mason anspielte, und ihm schien das Spiel zu gefallen. »Falls es dazu kommen sollte, werfe ich meinen Hut gerne in den Ring.«

Jetzt lächelte auch Mason und sagte: »Es ist schön, dass wir darüber gesprochen haben.«

Nach der Pause stand der Entscheidung für die Fusion nichts mehr im Weg.

4

Am Ende der Besprechung einigten sich Mason und Benjamin darauf, sich im Büro zu treffen. Dort erschien ihr Chef und bat sie in einen der Verhandlungsräume, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. »Mason, das haben Sie wunderbar hinbekommen. Gerade eben kam die Anfrage rein, ob wir die Übernahme des Konkurrenten begleiten können. Der Vertrag ist 15 Millionen wert! Wenn Sie so weitermachen, werden Sie noch in diesem Jahr zum Partner.«

Mason fing an zu verhandeln. »Chef, das ist eine Teamleistung. Allein hätte ich das nicht geschafft.« Das stimmte nur zum kleinsten Teil, aber er wusste, wie man sich loyale Teammitglieder sicherte. Solche, die, ohne zu meckern, Überstunden machten und keine seiner Entscheidungen in Frage stellten. »Benjamin und ich hätten nach diesem Coup einen Vorschuss auf die Prämie verdient, die wir mit der Vertragsunterzeichnung erhalten werden. Außerdem sollte das ganze Team morgen frei bekommen, damit wir heute feiern können.«

Der Chef antwortete: »Mir wird klar, warum alle unsere Mitarbeiter bei Ihnen im Team arbeiten wollen. Sie ziehen auf Ihrem steilen Weg alle mit nach oben. Okay, Sie bekommen alle morgen frei. Aber bei Ihrem anderen Anliegen werde ich nicht so großzügig sein. Es ist unüblich, im Vorhinein Prämien auszuschütten. Doch ich werde ein kleines Experiment wagen: Jeder von Ihnen bekommt 15 000 Euro. Peanuts, im Vergleich zur Prämie, die Sie erwartet, ein kleiner Vorgeschmack. Dafür liegt der Folgevertrag bis in zwei Wochen unterzeichnet auf dem Tisch. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Mason lächelte verschmitzt. »Das sollte kein Problem sein. Ich wusste, wir werden uns einig. Schönes Wochenende, Chef.«

Sie schüttelten sich die Hände und verließen den Raum. Mason gab der Sekretärin noch einige Anweisungen, die sie bis Montag in die Wege leiten sollte. Außerdem sollte sie einen Tisch in einem edlen Restaurant buchen und die Lounge im Club »Lion«.

Im Club bestellte Mason ein paar Flaschen Wodka, um sich und die anderen in Stimmung zu bringen. Er winkte Benjamin zu sich. »Wir haben den Auftrag mit Bravour gemeistert. Der Folgeauftrag bringt uns ein kleines Vermögen, von dem andere nur träumen können. Wir haben gut gegessen, jetzt wird gut getrunken und zum Dessert suchen wir uns die schönsten Frauen aus. Lass uns anstoßen.« Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und schaute sich nach Beute um. Sein Blick fiel auf eine Frau mit schulterlangen braunen Haaren.

Er konnte den Blick nicht abwenden, er hatte das Gefühl, in ihrer Nähe sein zu müssen, doch er traute sich nicht, sie anzusprechen. Sie war viel zu brav gekleidet und würdigte die Lounge keines Blickes. Wie hatte schon Sunzi gesagt: »Siegreich sein wird jener, der weiß, wann er zu kämpfen hat und wann nicht.« Das war kein Kampf für ihn. Er sah in einer anderen Ecke drei Frauen zusammenstehen, die immer wieder in Richtung Lounge blickten. Er schaute zurück und sein Blick traf den der Mittleren der drei. Lange blonde Haare und ein enges Kleid, das Hoffnung auf mehr weckte. Er lächelte sie an und sie lächelte mit einem bezaubernden Lächeln zurück. Er hatte sein Ziel für heute gefunden. Dieser Kampf war so gut wie gewonnen.

Er verließ die Lounge und ging zielsicher auf die Dreiergruppe zu. Er sprach die mittlere Frau an: »Hey, habt ihr drei Lust, mit uns in die Lounge zu kommen? Wir haben heute jede Menge zu feiern. Es gibt zu trinken, was das Herz begehrt. Uns fehlen nur so umwerfende Begleitungen, wie ihr es seid.«

Sie begleiteten ihn zur Lounge. Er machte die drei mit Benjamin bekannt und bestellte eine Flasche Champagner. Der Rest lief wie von allein. Er hatte das bereits dutzende Male gemacht. Erst animierte er eine Frau zum Trinken, wenn die Flasche leer war, kam eine neue. Er verwickelte sie in Gespräche und machte Anspielungen auf das, was er sich erhoffte. Die Blonde ging am meisten darauf ein, deswegen tanzte er mit ihr. Erst locker, doch dann langsam näher, bis er sie küsste. Kurze Zeit später gingen sie zu ihr nach Hause.

5

Ein gleichmäßiges, rhythmisches Piepsen klang in Masons Ohr. Langsam öffnete er die Augen und sah noch etwas verschwommen. Als seine Sicht klarer wurde, entdeckte er am Ende des Betts einen Mann mittleren Alters. Er hatte graue kurze Haare, war unrasiert und hatte dunkle Augenringe. Der Mann lächelte, als er sah, dass Mason die Augen geöffnet hatte. »Weißt du, was passiert ist?«

Mason blieb stumm und schüttelte langsam seinen Kopf.

»Du bist bei Rot über die Ampel gefahren. Es war mehr als dunkelrot. Sowohl ein LKW-Fahrer als auch ich konnten nicht mehr rechtzeitig bremsen. Du kannst von Glück sagen, dass ich und nicht der LKW, die Fahrerseite erwischt habe. Vom Heck deines Autos ist nicht viel übrig. Aber entschuldige, ich bin ja ganz unhöflich, erstmal sollte ich mich vorstellen. Ich bin Aaron Eckhart. Ich denke, du hattest einen Schutzengel. Du hast keine sichtbaren Verletzungen, aber innerlich wurdest du vermutlich durchgeschüttelt. Falls jemand fragt, ich bin übrigens dein Vater, andernfalls hätten Sie mich nicht hier reingelassen. Der LKW-Fahrer hat einen kleinen Schock, aber ansonsten sind wir beide unverletzt. Aber jetzt erzähl du, wie fühlst du dich?«

Mason antwortete: »Ich weiß nicht so recht. Ich muss mich erstmal zurechtfinden.« Er versuchte sich aufzusetzen. Aaron griff ihn an Arm und Schulter und half ihm dabei. Masons Gelenke waren steif und er fand es mühsam sich zu bewegen. Schmerzen hatte er keine. »Ich kann mich nicht erinnern, mit dem Auto gefahren zu sein. Welchen Tag haben wir?«

Aaron erklärte: »Heute ist Samstag, du bist ohnmächtig gewesen und hast den gestrigen Tag komplett auskurieren müssen. Weißt du, wie du heißt? Du hattest keine Papiere bei dir.«

Mason schüttelte den Kopf. »Noch eine Frage, die ich nicht beantworten kann.«

Die Tür ging auf und es kam eine junge Ärztin herein. Sie stellte sich vor und begann ein paar Fragen zu stellen. Sie machte Tests und fasste ihr Fazit zusammen: »Also, Herr Eckhart. Sie haben ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten und waren die letzten 24 Stunden bewusstlos. Soweit ich das beurteilen kann, funktioniert Ihr Gehirn bis auf eine Ausnahme einwandfrei. Sie haben eine retrograde Amnesie. Das heißt, Sie können sich nicht an Vergangenes erinnern. Wir Ärzte können leider nicht sagen, wie lange das anhalten wird. Sie brauchen deswegen jedoch nicht besorgt sein. Die Erinnerungen können schon in der nächsten Stunde oder in wenigen Tagen zurückkehren. In schweren Fällen kann es Monate oder Jahre dauern und nur in Ausnahmefällen kann es sein, dass Sie sich nie wieder erinnern können. Aber Sie haben keine sichtbaren Hirnverletzungen und die kognitiven Leistungstests haben Sie alle bestanden. Deswegen vermute ich, dass Ihre Erinnerung bald zurückkommen wird. Am besten gehen Sie mit Ihrem Vater nach Hause, entspannen sich und kurieren sich aus. Sobald sich Ihre Muskeln und die Steifheit Ihrer Gelenke lockern, können Schmerzen auftreten.«

Sie reichte Mason zwei Packungen mit Tabletten.

»Die größere Packung sind Schmerzmittel, davon können Sie alle sechs Stunden eine nehmen, maximal drei Stück am Tag. Falls Sie nicht schlafen können, weil sich Ihr Schlaf-Wach-Rhythmus durch das Koma verschoben hat, nehmen Sie eine Tablette von der anderen Packung. Hier haben Sie noch eine Kopie Ihrer Akte. Die restliche Behandlung erfolgt durch Ihren Hausarzt. Auf Wiedersehen und gute Besserung.«

Nachdem die Ärztin den Raum verlassen hatte, fragte Aaron, ob Mason mit zu ihm kommen wolle. Er müsse das noch kurz mit seiner Frau abklären, aber es spräche nichts dagegen.

Mason war unsicher. Er kannte den Mann nicht, der sich als sein Vater ausgegeben hatte. Aber er wollte nicht länger im Krankenhaus bleiben und die Ärztin hatte gemeint, er solle sich entspannen. Da Aaron einen vernünftigen Eindruck machte, eine beruhigende Wirkung ausstrahlte und immerhin die letzten 24 Stunden an seinem Bett gewacht hatte, beschloss Mason, mit ihm nach Hause zu gehen. Er konnte Kleidung anziehen, die Aarons Frau gestern gebracht hatte. Sie passte zwar nicht perfekt, war aber besser als nichts.

Sie verließen das Zimmer und fuhren mit dem Aufzug hinunter ins Parkhaus.

Aaron ging zielstrebig auf ein altes, vorne demoliertes Fahrzeug zu. »Ich hoffe, du fährst auch bei meinem alten Esel mit. Es ist nicht so schick wie dein Auto war und nach dem Unfall vorne ramponiert. Aber keine Sorge, es tut noch seinen Dienst. Es bringt mich von A nach B und das ist alles, was ich von einem Auto erwarte. Ich denke, das ist das Ziel der meisten Menschen, doch wir haben verlernt, auf unsere Bedürfnisse zu achten. Wir kümmern uns nur noch um Symptome. Denn die zu bekämpfen, fällt uns leichter, als uns intensiv mit unseren Problemen auseinanderzusetzen. Nehmen wir an, du kaufst dir ein großes, schnelles, teures Auto. Ab sofort musst du jedes Jahr 1 bis 2 Monatsgehälter abgeben, allein um das Auto zu finanzieren. Glücklicher bist du auch nicht, denn dein Problem von A nach B zu kommen, könntest du auch für weniger Geld lösen und du gewöhnst dich unglaublich schnell an Luxus. Die Sitzheizung, der Tempomat und das Prestige, das du dir davon erhoffst, werden zur Gewohnheit. Trotzdem musst du ab sofort jedes Jahr zwei Monate arbeiten, nur um das Auto abzuzahlen. Dabei arbeiten die meisten Menschen nicht gern. Kannst du dich erinnern, was du gearbeitet hast?«

Mason schüttelte den Kopf. »Leider nein. Ich erinnere mich auch nicht, was für ein Auto ich besessen habe. Weißt du, wo es jetzt steht?«

Aaron blickte zu Boden. »Ich fürchte, es steht auf irgendeinem Schrottplatz. Die Polizisten an der Unfallstelle redeten von Totalschaden und riefen einen Abschleppwagen.«

Mason schaute ihn mit emotionslosem Gesicht an. »Oh. Naja, ich schätze, da kann man nichts mehr machen. Wenn ich mich nicht daran erinnere, werde ich es hoffentlich auch nicht vermissen. Was du davor sagtest, scheint sehr durchdacht zu sein. Beschäftigst du dich oft mit Wirtschaft?«

Aaron antwortete: »Aber natürlich. Wir werden in diese Gesellschaft hineingeboren. Doch wir werden weder gefragt, ob wir das Spiel des Lebens spielen wollen, noch ob wir die Regeln akzeptieren. Würdest du ein Spiel spielen, dessen Regeln du nicht kennst? Woher weißt du, welche Möglichkeiten es gibt, deine Ziele zu erreichen? Was ist mit Tipps und Tricks? Leider erklärt uns niemand, wie die gesellschaftlichen Spielregeln funktionieren, dabei sind sie so unglaublich wichtig. Sie regeln nämlich das tägliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Einige können ein paar Gesetze aufzählen. Man darf nicht stehlen, man muss sich an Verkehrsregeln halten und so weiter. Aber was ist mit den ungeschriebenen Gesetzen? Was ist mit der Wirtschaft? Du wurdest im Krankenhaus behandelt, obwohl du dort gestern niemanden kanntest. Sie haben dich versorgt und können darauf vertrauen, dass sie dafür entlohnt werden. Das ist doch wunderbar. Aber warum funktioniert das? Das solltest du wissen. Dann kannst du jene Stellen anpassen, an denen es nicht funktioniert. Einige Menschen sehen die Wirtschaft als böse an. Andere als etwas Heiliges, dem man sich unterwerfen sollte. Doch Wirtschaft kann weder gut noch böse sein. Sie ist nur ein Hilfsmittel im Spiel des Lebens. Es kommt ganz darauf an, wie wir Menschen damit umgehen. Dann wird die Wirtschaft auch uns Menschen dienen. Wir sollten uns mit ihr auseinandersetzen, denn sie macht einen Großteil des Spiels des Lebens aus. Wichtig ist, nicht alles zusammenzuwürfeln, wie bei einem Resteeintopf: Wirtschaft, Kapitalismus, Konzerne, Globalisierung, Lobbyismus und dann zu sagen: Das schmeckt mir nicht, das gehört auf den Müll.«

»Ja, ich denke das macht Sinn, was du sagst. Aber es brummt mir der Kopf, ich hoffe, wir können unser Gespräch später fortsetzen. Ich muss mich ein wenig ausruhen.« Mason setzte sich auf den Beifahrersitz und schloss die Augen.

6

»Woran glauben die meisten Menschen?«

Der Professor mit seinen dämlichen Fangfragen. Es gibt immer jemanden, der darauf reinfällt. Diesmal meldet sich eine Person aus der ersten Reihe und gibt Christentum als Antwort.

Der Professor antwortet: »Nein, das ist nicht richtig. Denn es gibt einen Glauben, der Christen, Muslime, Juden und noch viele weitere Religionen verbindet. Es ist der Glaube ans Geld! So gut wie jeder Mensch auf dieser Erde glaubt an Geld. Doch was ist Geld? Geld ist eine der besten Erfindungen der Menschheit, nicht die des Teufels, wie viele Menschen behaupten.«

Er schreibt GELD IST EIN VERSPRECHEN an die Tafel und fährt fort: »Geld ist ein Versprechen, im Vertrauen darauf, dass Sie es zu jedem beliebigen Zeitpunkt gegen etwas, das Sie begehren, eintauschen können. Sie können zum Beispiel nach Australien ans andere Ende der Welt fliegen, dort bei völlig fremden Menschen ein Auto ausleihen, ins Restaurant gehen und in einem Hotel übernachten – sofern Sie genügend Mittel haben, es zu bezahlen. Sie können darauf vertrauen, weil sich die Gesellschaft auf diese Art des Versprechens verständigt hat. Doch wie hat sich das Ganze entwickelt? Alles fing damit an, dass wir die knappen Güter, die wir als Gemeinschaft mühsam hergestellt hatten, verteilen mussten. In kleinen Gemeinschaften konnten Sie Ihre Hühner gegen eine Kuh tauschen oder Brot gegen ein Stück Fleisch. Doch wenn Ihr Gegenüber nichts zum Tauschen hatte oder Ihr Gegenstand ungleich wertvoller war, mussten Sie darauf vertrauen, dass sich die Gefälligkeit in der Zukunft ausgleichen würde. Sie erhielten lediglich ein Versprechen. Je größer eine Gesellschaft wird, desto schwieriger ist es, dieses Vertrauen und vor allem diese vielen Versprechen aufrechtzuhalten. Denn die Tauschvorgänge werden komplexer, sich die Versprechen zu merken, damit komplizierter. Man einigte sich auf Tauschmittel, zum Beispiel Muscheln. Im Laufe der Jahrhunderte kam ein König auf die Idee, sein Gesicht auf eine Münze zu drücken. Vielleicht, um Steuern einzutreiben, damit eine Armee aufzustellen und seine Kriege zu finanzieren. Das erste Münzgeld entstand. Die Menschen dachten sich: Wenn unsere Regierung das Münzgeld akzeptiert, dann können wir das auch. So, wie das heute noch der Fall ist. Dadurch wurde eine Vertrauensbasis geschaffen und das obwohl Geld keinen Selbstwert besitzt – oder haben Sie schon mal versucht, Geld zu essen oder es anzuziehen? Die Einführung von Münzgeld vereinfachte nicht nur den Tauschvorgang, sondern das Versprechen ließ sich auch leichter merken und aufrechterhalten. Also merken Sie sich als Fazit: Geld hat zwei Funktionen. Zum einen die Tauschfunktion und zum anderen die Werterhaltungsfunktion. Das ist eine ausgezeichnete Frage für die Klausur.«

7

Aaron berührte Mason leicht an der Schulter. »Wir sind angekommen.«

Sie stiegen aus dem Auto und Mason folgte Aaron zu einem Einfamilienhaus, das rundherum von Garten umgeben war. Die Sonne stand tief, sodass die Umgebung in ein warmes Licht getaucht wurde. Neben dem Weg, der vom Gartentor zum Haus führte, waren die verschiedensten Sorten an Blumen gepflanzt.

Drinnen deckte eine Frau den Tisch. Aaron stellte sie vor: »Das ist Sophie, meine Frau. Sophie, ich kann dir den Namen unseres Gastes leider nicht sagen, denn er hat ihn, genauso wie seine Vergangenheit vergessen.«

Sophie wollte wohl die Stimmung auflockern und scherzte: »Das macht nichts, Namen sind Schall und Rauch und die Vergangenheit kann eine Fessel sein, die uns daran hindert, unsere Ziele zu verfolgen. Jetzt hast du die Möglichkeit, dich neu zu erfinden. Nun lasst uns erstmal zu Abend essen und wenn dir dein Name bis dahin nicht eingefallen ist, könntest du dir einen Neuen überlegen. Es gibt viele Menschen, die sich im Laufe ihres Lebens einen anderen Namen geben, entweder aus religiösen Gründen oder als Künstlernamen. Vielleicht bist du mit deinem neuen Namen so zufrieden, dass du deinen Alten nicht mehr zurückwillst.«

Mason zuckte mit den Achseln. »Ja, das könnte passieren. Ich weiß gerade nicht, was ich will. Ich fühle mich richtig orientierungslos. Ich glaube, ich muss das alles erstmal verarbeiten.«

Sophie nickte und sagte einfühlsam: »Das würde uns allen so gehen. Jetzt iss, damit du wieder zu Kräften kommst.«

Sie setzten sich an den Tisch und Sophie wechselte das Thema. »Es gibt verschiedene Gemüsearten aus dem Ofen. Der Großteil des Gemüses ist selbst angebaut. Nicht, weil es günstiger ist, sondern weil es mir Spaß macht. Außerdem schmeckt selbst erarbeitetes Essen umso besser. Aber zurück zu dir. Ist dir schon etwas in den Sinn gekommen? Weißt du irgendetwas über dich?«

Mason erzählte: »Ich weiß nicht, ob es eine Bedeutung hat, aber auf der Herfahrt habe ich von einer Vorlesung geträumt. Ein Professor hat über die Bedeutung von Geld gesprochen.«

Aaron sah ihn aufmerksam an. »Das ist interessant. Dein Traum könnte einen Zusammenhang mit unserem Gespräch auf dem Weg zum Auto haben oder es waren Erinnerungen an dein Studium. Ich kannte einen Pfarrer, der sagte immer: Geld interessiert doch keine Sau! Dann machte er eine Pause und anschließend fügte er hinzu: Allein uns Menschen interessiert es. Und er hat recht. Nur wir Menschen messen dem Geld so hohe Bedeutung bei, weil wir denken, dass es all unsere Probleme löst. Aber sobald wir das glauben, laufen wir im Hamsterrad des Geldes. Lass mich das näher erklären: Es gibt Länder, in denen behält das Geld keinen Wert oder es gibt keine Möglichkeit, es zur Bank zubringen. Als ich in Ägypten war, habe ich gesehen, dass viele Häuser unfertig waren. Das liegt daran, dass die Menschen dort immer, wenn sie Geld übrighaben, neue Bauteile für ihr Haus kaufen. Geld kann geklaut werden oder an Wert verlieren, aber die Bauteile kann ihnen niemand so schnell wegnehmen. Wir dagegen können das Geld zur Seite legen. Damit wird es zu einer Ansammlung von unendlichen Möglichkeiten. Wie bei Dingen, die du aufbewahrst, weil du denkst ›Das könnte ich später gebrauchen‹. Hier gibt es keine Grenze und deswegen rennen wir das ganze Leben dem Geld hinterher. Damit das nicht passiert, müssen wir uns stets vor Augen führen, dass Geld nur das Hilfsmittel ist und nicht das Ziel. Stell dir vor, du bist in einem All-inclusive-Hotel. Alles, was du unternehmen möchtest, kannst du tun. Alle Ausflüge, Mietwagen, Wellnessbehandlungen, alles, was du dir wünscht, ist inklusive. Wofür benötigst du in dieser Situation Geld? Ist es nicht also weitaus befreiender, ohne Geld herumlaufen zu können? Es gibt nichts, auf das du aufpassen müsstest, nichts, worum du dich kümmern musst. Deswegen sind Kreuzfahrten und All-inclusive-Reisen so beliebt. Es sind kurze Aufenthalte im Paradies, ohne Sorgen um Geld.«

Mason widersprach: »Dieses Hotel gibt es in Wirklichkeit nicht. Deswegen sparen die Menschen solange, bis sie genügend Geld haben, um so sorglos leben zu können, wie du es beschrieben hast.«

Aaron versuchte, seine Argumente zu untermauern: »Sparen ist wichtig. Ich meinte nicht, dass du sofort alles Geld ausgeben solltest. Wenn du sparst, hebst du dir die Bedürfnisbefriedigung für einen anderen Zeitpunkt auf. Für schlechtere Zeiten oder für eine teurere Anschaffung. Doch Sparen hat seine Grenzen. Es macht keinen Sinn für eine Zukunft zu sparen, die niemals eintreten wird. Mein Vater hatte einmal einen teuren Wein geschenkt bekommen und wollte ihn für einen besonderen Moment aufheben. Er ist gestorben und konnte ihn nie trinken.«

Mason nickte nachdenklich »Ich verstehe. Wir können nichts mitnehmen.«

Aaron fuhr fort: »Es kommt noch besser. Auf seiner Beerdigung wollte ich den Wein in Erinnerung an meinen Vater trinken. Doch als ich an dem Glas nippte, verzog ich das Gesicht. Der Wein war verdorben. Vor lauter Aufheben ist der Wein nicht nur für meinen Vater, sondern auch für jeden anderen unbrauchbar geworden. Aber jetzt sollten wir essen, bevor unser Abendessen noch unbrauchbar wird.«

Nach dem Essen setzten sie sich an einen Laptop. Aaron klappte ihn auf. »So, jetzt lass uns einen Namen für dich herausfinden. Möchtest du ihn anhand des Klangs bestimmen oder anhand der Bedeutung des Namens?«

Mason antwortete: »Ich glaube, ich möchte meinen neuen Namen nach seiner Bedeutung aussuchen.«

»Eine gute Wahl. Der Lateiner sagt ›Nomen est omen‹, der Name zeigt die Bedeutung. Auch wenn Sophie vorhin das Gegenteil behauptet hat. Welche Bedeutung hättest du gern?« Aaron lachte. »Mein Name bedeutet der Erleuchtete. Wobei ich nicht von mir behaupten würde, dass ich erleuchtet bin, aber ich gebe mir die größte Mühe.«

Mason überlegte. »Erleuchtung würde mir auch nicht schaden. Dann wüsste ich wieder, wer ich bin, und müsste mir keinen Namen aussuchen.«

Aaron wollte ihn beruhigen. »Sieh das Ganze doch als Chance. Versuche, dich neu zu erfinden, deinen Namen und deine Werte selbst auszusuchen. Wer hat schon diese Gelegenheit? Die meisten Menschen erlernen ihre Werte unbewusst, durch die Schule, Familie und Freunde. Du kannst dich durch einen selbst gewählten Namen und deine Werte definieren. Werde, wie du sein willst.«

»Ok, lass mich nachdenken. Ich würde den Menschen gerne Frieden bringen. Nicht in der Art von Weltfrieden, sondern Frieden und Ruhe in ihren Herzen.«

»Das klingt toll. Lass uns nachschauen, welche Namen Frieden beinhalten.« Aaron zählte ein paar Namen auf, doch Mason empfand sie alle als zu lang. Dann stießen sie auf den Namen »Pace«. Damit war Mason zufrieden.

Aaron fragte: »Pace, was würdest du denn gerne als nächstes tun?«

Mason gähnte. »Ich würde mich gerne ausruhen, ich fühle mich richtig erschlagen. Die ganzen Informationen, die neue Umgebung, das war zu viel Anstrengung für mich.«

»Kein Problem.« Aaron zeigte mit dem Finger die Treppe hinauf. »Wir haben ein Gästezimmer. Ich begleite dich nach oben.«

Im oberen Stockwerk fuhr Aaron fort: »Gegenüber ist das Bad, falls du es brauchst. Sophie hat dir hier ein Handtuch bereitgelegt. Ruhe dich aus, solange du willst. Du brauchst dir um nichts Gedanken zu machen, ich werde mich um alles kümmern. Allerdings muss ich morgen arbeiten gehen, wenn du willst, kannst du gern mitkommen. Vielleicht fällt dir ein, was du selbst gearbeitet hast.«

Mason fragte erstaunt: »Aber morgen ist doch Sonntag?«

Aaron antwortete: »Das macht bei mir keinen Unterschied. Ich bin selbständig und ich muss meine Arbeit für diese Woche noch beenden. Das ist Fluch und Segen der Selbständigkeit. Ich kann selbst überlegen, wann ich meine Arbeit machen möchte, aber erledigt werden muss sie trotzdem.«

»Danke für das Angebot. Wenn ich mich fit genug fühle, komme ich gern mit«, sagte Mason.

»Dann erhole dich gut und wir sehen uns morgen.« Aaron schloss die Tür.

Mason setze sich auf das Bett. Jetzt, wo er allein war, fühlte er eine tiefe Leere in sich. Aaron und Sophie bemühten sich wirklich um ihn und das Namenaussuchen war eine gute Idee gewesen, um ihn aufzumuntern, doch er hätte lieber seinen alten Namen und seine Erinnerung zurückgehabt. Warum musste das ausgerechnet ihm passieren? Er legte sich hin und die Müdigkeit verdrängte alle weiteren Gedanken, sodass er schnell einschlief.

8

Der Professor spricht: »Zum Schluss der Vorlesung, wollen wir uns das Thema Sparen anschauen. Es gibt zunehmend Werbung, die uns vorgaukelt, dass Sparen etwas Anderes sei, als es wirklich ist. Sparen bedeutet nicht, den Schweinebauch für 1,99 Euro beim Discounter zu kaufen, anstatt vom Bio-Metzger nebenan, um jeden Tag Fleisch essen zu können. Sparen bedeutet Konsumverzicht. Um das besser zu verstehen, betrachten wir die Ursprünge der Wirtschaftswissenschaft. Am Anfang haben sich die Ökonomen vor allem mit Landwirtschaft beschäftigt. Das lag hauptsächlich daran, dass es keine andere Industrie gab, über die man nachdenken konnte. Wenn der Landwirt seine Ernte einfährt, ist das Ergebnis, das daraus resultiert, sein Einkommen. Er hat also eine gewisse Menge Korn. Dieses kann er für Konsum ausgeben. Konsum bedeutet für ihn: entweder selbst essen oder gegen andere Güter eintauschen. Aber er darf nicht alles ausgeben. Er muss auch Korn zurücklegen und somit einen Teil seines Einkommens sparen. Zum einen für den Winter, damit er in der Zeit, in der er nichts mehr ernten kann, genügend zu Essen hat. Zum anderen muss er zusätzlich für die nächste Aussaat zurücklegen. Ansonsten würde er nächstes Jahr keine Ernte einfahren und kein neues Einkommen generieren können. Je mehr er investiert, also für die Aussaat zurücklegt, desto mehr wächst sein Einkommen im nächsten Jahr, da er eine größere Ernte erhält. Beide Varianten des Sparens bedeuten jedoch Konsumverzicht in der Gegenwart. Die Werbung zeigt dagegen lediglich günstiges Einkaufen. Unternehmen nutzen das als Strategie, um uns Verbraucher zum Kauf zu bewegen. In der Fachsprache nennt man das Preisdiskriminierung. Wenn Sie dadurch ein Konsumgut kaufen, das Sie vorher nicht kaufen wollten, ist das sogar das Gegenteil von Sparen und die Werbung hat ihr Ziel erreicht. Man kann aber nicht nur durch Sparen sein zukünftiges Einkommen vergrößern, sondern auch durch Schulden. Viele Menschen denken, dass Schulden negativ sind und sie es vermeiden sollten, sich zu verschulden. In unserem Beispiel kann sich der Landwirt jedoch, wenn er noch keine Ernte eingefahren hat, Getreide von jemand anderem leihen, um seine Felder zu bestellen. Er verschuldet sich also. Im nächsten Jahr, wenn er seine Ernte einfährt, wird er diese Schulden begleichen können. Wichtig ist, dass er die Schulden als Investition und nicht für Konsum nutzt. Würde der Landwirt das Getreide essen, könnte er die Schulden nicht begleichen und müsste sich das Folgejahr nochmal Getreide leihen. Dann wüchse sein Schuldenberg jedes Jahr höher und höher und er wird ihn nicht zurückzahlen können.

---ENDE DER LESEPROBE---