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Der gedankliche Inhalt dieses Buches ist ein rein persönlicher Erfahrungsbericht, den ich im, und mit dem, Genesungsprogramm der Anonymen Spieler (GA) – GA steht für Gamblers Anonymous – für mich gesammelt habe. Er spiegelt in bescheidener Art und Weise nur meine ganz individuelle Sicht auf das Programm von GA, und auf meinen persönlichen Glauben, wie ich ihn verstehe, wieder. Deshalb soll, und kann, er nicht auf das Programm und die Gemeinschaft der Anonymen Spieler (GA) als Ganzes bezogen werden. Zum allgemeinen Verständnis sind die 12-Schritte, das Programm zur Genesung, und die 12-Traditionen, das Programm zur Einigkeit, der Anonymen Spieler (GA), am Schluss dieses Buches aufgeführt.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Ralf P.
Spielsucht und Genesung
Eine spirituelle Erfahrung im 12-Schritte-Programm der Anonymen Spieler(GA)
Im Gedenken an Josef, Armin und Siegfried
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2012
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Der gedankliche Inhalt dieses Buches ist ein rein persönlicher Erfahrungsbericht, den ich im, und mit dem, Genesungsprogramm der Anonymen Spieler(GA) – GA steht für Gamblers Anonymous – für mich gesammelt habe. Er spiegelt in bescheidener Art und Weise nur meine ganz individuelle Sicht auf das Programm von GA, und auf meinen persönlichen Glauben, wie ich ihn verstehe, wieder. Deshalb soll, und kann, er nicht auf das Programm und die Gemeinschaft der Anonymen Spieler(GA) als Ganzes bezogen werden. Zum allgemeinen Verständnis sind die 12-Schritte, das Programm zur Genesung, und die 12-Traditionen, das Programm zur Einigkeit, der Anonymen Spieler(GA), am Schluss dieses Buches aufgeführt.
Was hat mich überhaupt dazu bewegt, nach 17 Jahren Trockenheit, eine Zeit der Besinnung zu suchen und die in meinem Wohnraum möglichen vier GA-Meetings pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten zu besuchen und so 50 Meetings in 90 Tagen zu machen? In aller erster Linie war es wohl sicherlich die Empfehlung unserer Gemeinschaft: 90 Tage, 90 Meetings. Der Gedanke an eine intensive Meetingszeit kam aber eher spontan. Er war auf einmal da, nachdem ein GA-Freund bei einem Regionalgruppentreffen der Anonymen Spieler(GA) davon berichtet hat. Und es war in diesem Moment auch für mich an der Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, weil ich spürte, dass es für mich irgendwie dran war. Sieben GA-Meetings die Woche waren jedoch in meiner näheren Umgebung nicht möglich. Doch vier Meetings, die waren möglich. Allerdings war es vorerst nur eine fiktive Idee, die ich vielleicht in naher Zukunft angehen wollte. Ich hatte mir auch keinen festen Zeitplan gesteckt, denn ich hatte ja keinen unmittelbaren Bedarf. Oder vielleicht doch? Ich spürte irgendwie, dass es für mich dran war, wollte aber dazu noch keine konkreten Entscheidungen treffen. Und dann ist die Zeit schneller gekommen, als ich es für möglich gehalten hätte. In meiner christlichen Glaubensgemeinschaft, in der ich schon seit über vier Jahren eingebunden war und auch aktiv am Gemeindeleben und der Gemeindearbeit teilnahm, ergaben sich für mich Risse und Unstimmigkeiten, die mich dazu veranlasst haben, diese Gemeinschaft zu verlassen. Ich möchte hier nicht die genauen Umstände beschreiben, weil die Aufarbeitung für mich nicht in diesen Meetings-Erfahrungsbericht gehört. Nur so viel: So, wie sich die Dinge für mich dargestellt haben, konnte ich nur den Entschluss fassen, aus der Glaubensgemeinschaft auszutreten. Etwas anderes hätte ich mit meinem Glaubensverständnis und mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können. Und wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich mich nur aufgerieben und am Ende zerstört. Meine Zeit in GA hat mich gelehrt, dass ich im Leben auch immer wieder Entscheidungen treffen muss, die dem einen oder anderen vielleicht nicht passen. Es ist gut für mich, dass ich gelernt habe, selbst zu erkennen und zu spüren, wenn ich besser gehen sollte. Wenn Menschen und Institutionen mir nicht mehr gut tun, sondern schaden.
Diese Last nahm ich mit zum Deutschlandtreffen der Anonymen Spieler(GA), auf dem ich am 01.10.2011 meinen 17. Trockengeburtstag feiern durfte. Für mich war dieses Wochenende der Besinnung und Sammlung enorm wichtig. In mir reifte und festigte sich der Entschluss, bei meiner Rückkehr meinen Austritt einzureichen. Ein entscheidender Satz eines Freundes hat mir in meiner Zerrissenheit Mut gemacht: „Ich kann an jedem einzelnen Tag das schaffen, was für den Moment dran ist. Dazu werde ich mit Kraft und Mut ausgestattet.“ Ja, ich brauche vor dem Heute keine Furcht zu haben. Die siebzehn Jahre in GA haben mir dies immer gezeigt. Wenn ich im Heute lebe, und das tue, was im Moment dran ist, brauche ich keine Furcht zu haben. So habe ich auf diesem Deutschlandtreffen in mich hineingehört und auf meine innere Stimme geachtet. Die innere Stimme, die mich oft in allerletzter Sekunde davor bewahrt hat, dass ich mich nicht ganz zerstört habe. Die Stimme, die nicht zu hören, sondern nur zu erfühlen ist. Ich war jetzt ausgerüstet für diesen Schritt. Bisher hatte ich noch mit keinem Freund aus den Gruppen darüber gesprochen. Jetzt brauchte ich den Ort, an dem ich mich fallen lassen konnte. Den Ort, an dem Menschen waren, die mich in meiner jetzigen Lebenssituation auffangen würden. Menschen mit denen mich etwas Entscheidendes verbindet: Die gemeinsame Krankheit Spielsucht. Menschen, die mit mir seelenverwandt sind. Menschen, die die Kraft haben, mich jetzt zu stützen und zu begleiten. Nun war es soweit. Eine intensive Meetingszeit und eine spirituelle Reise zu mir selbst sollte beginnen.
Mein erstes Meetings folgt direkt im Anschluss auf unser Deutschlandtreffen. Ich habe das Wochenende für mich genutzt, um noch einmal ganz bewusst zur Besinnung zu kommen. Um bei mir selbst anzukommen. Meine Erkenntnisse und Begründungen habe ich bereits vor dem Deutschlandtreffen der Gemeinde mitgeteilt. Gestern teilte ich nun den Leitern meinen Entschluss mit, aus der Gemeinde auszutreten. Die wichtigsten Maßnahmen hatte ich nun eingeleitet. Dieser Schritt ist mir nicht leicht gefallen. Bestimmt nicht. Doch ich habe in meinem Leben, und vor allem in meiner Zeit in GA, auch gelernt, dass ich gerade in schwierigen, und für mich nicht so einfachen Situationen, auch klare Entscheidungen treffen muss.
Heute habe ich die Freunde im Meeting gebraucht. Heute haben sie mich aufgefangen, damit ich nicht noch gar wahnsinnig geworden bin. Die Erkenntnisse der letzten Wochen hatten mich enorm aufgewühlt. Ich ging zu unserem heutigen Gruppentreffen und schleppte eine mich doch niederdrückende Last mit in den Meetingsraum. Und das Meeting fing denkbar schlecht für mich an. Bei der ersten Wortmeldung berichtete ein Freund von seinem Rückfall. Ein guter Freund, ein langjähriger Freund. Mir stiegen Tränen in den Augen auf. Ich hätte vorher schon weinen können, doch nun erst recht. Was sollte ich tun? Sollte ich meine eigene Zerrissenheit zurückhalten, um ihm den ganzen Raum des Meetings zu geben? Außer uns Beiden saßen noch einige andere Freunde mit am Tisch. Ich brauchte heute doch auch das Meeting. Ich brauchte heute doch auch die Menschen in diesem Raum. Ihre Annahme, ihre Teilnahme, ihren Trost. Ist Raum für unser beider Leid da? Ja, es muss Raum und Zeit für uns beide vorhanden sein. Wir werden uns heute gegenseitig tragen müssen. Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Ich meldete mich gleich nach ihm, und ließ alles raus. Weinend saß ich im Raum und war nach meinem Beitrag regelrecht erlöst. Endlich war es raus. Der ganze Gedankenwirrwarr endlich draußen. Der Druck, der die letzten Wochen auf mir gelastet hat, war doch enorm gewesen. Ich bin froh, dass ich meine Last nicht wieder mitgenommen habe, so wie ich es früher in meiner Anfangszeit in den Gruppen immer getan habe. Meist war ich dann auch schon kurze Zeit später wieder spielen. Ich bin dankbar, dass ich es annehmen durfte, dass Spielen und Saufen für mich keine Lösung mehr sein darf. Aber ich sagte auch, dass ich jetzt gerne den Rausch in Anspruch nehmen würde. Ja, mich einfach für den Moment einmal taub machen. Mich für einen Augenblick aus der ganzen Situation einmal ausblenden. Um mich heute mal nicht spüren zu müssen. Aber es ist gut, mich zu spüren. Mich zu fühlen. Meine Lebendigkeit zu spüren. Und es war gut, zu spüren, wie ich in nüchternem Zustand von Minute zu Minute ruhiger wurde. Es tat mir unwahrscheinlich gut, nach all den Wochen meine Last in diesem Meetingsraum abzuladen. Ich bin dankbar, dass ich gelernt habe, dies für mich in Anspruch zu nehmen. Keinen Tag länger hätte ich warten können. Keine Stunde länger. Keine Minute länger. Und es zeigte sich auch, dass unsere gemeinsame Kraft, unsere gemeinsame Hoffnung für alle reicht. Dass unsere spirituelle Kraftquelle unerschöpflich ist. So unerschöpflich, dass es auch noch für einen dritten Freund reichte, der ebenfalls von seinem Rückfall berichtet hat. Für jeden von uns Dreien, die wir in diesem Meeting mehr oder weniger am Boden lagen, war genügend gemeinsame Kraft vorhanden. Wo, außer in einem Meeting der Anonymen ist soviel Kraft vorhanden? Wohl nur noch an sehr wenigen Orten. Wohl nur noch dort, wo ebenfalls der Geist Gottes weht. „Denn seine unsichtbare Wirklichkeit, seine ewige Macht und sein göttliches Wesen sind seit Erschaffung der Welt in seinen Werken zu erkennen.“ (Römer 1, 20)
Mein erstes dieser 50 Meetings begann mit einer erneuten Kapitulation. Mit der neuerlichen Erkenntnis, dass ich machtlos bin. Dass ich aus mir selbst heraus nichts bewirken kann, was andere Menschen oder Institutionen betrifft. Dass ich nur versuchen kann, mich meiner Höheren Macht zu öffnen, und dann lernen muss, zu vertrauen. Ich fühle mich im Augenblick getragen von dieser Kraft, größer als ich selbst. Ich fühle mich im Augenblick von Gott gestützt. Ich fühle im Augenblick ein wenig mehr Kraft. Langsam kehrt etwas Ruhe ein in meine Aufgewühltheit. Ich spüre wieder ein wenig Frieden in mir. Es fühlt sich im Moment gut für mich an, dass ich mich dazu entschließen konnte, endlich auch Entscheidungen zu treffen.
Ich habe heute vor dem Meeting noch meine Austrittserklärung geschrieben. Morgen wird sie bei der Gemeinde eintreffen. Die Voraussetzungen für einen Neuanfang sind erfüllt. „Ein Neuer Anfang“, so lautete das Motto des diesjährigen Deutschlandtreffens. Wie passend für mich. Ich stehe am Beginn meiner intensiven Meetingszeit. Ich werde die Zeit brauchen, um die Dinge zu verarbeiten, um mich neu zu orientieren und auszurichten. Vier Spielermeetings kann ich dabei die Woche über in meiner näheren Umgebung besuchen.
Heute hatten wir vor unserem offiziellen Meeting noch unser monatliches Arbeitsmeeting, in dem wir unsere organisatorischen Gruppenangelegenheiten gemeinsam besprechen. Und heute war für mich auch noch ein ganz besonderes Meeting, weil ich ja am 01.10. meinen Trockengeburtstag feiern durfte und dazu von der Gruppe eine kleine Aufmerksamkeit erhalten habe. Welche Gnadenzeit ist mir doch die letzten Jahre über gewährt worden. Von einem hoffnungslosen Fall, hin zu einem Menschen, der wieder seinen Platz in der Gesellschaft einnehmen konnte.
Was darf ich doch für Wunder bei den Freunden in unseren Gruppen, und an mir selbst, sehen und erfahren, wenn ich erst einmal bereit bin, mich auf den ersten Schritt des Genesungsprogramms der Anonymen Spieler(GA) einzulassen. Ich sehe Menschen, die durch diese, unsere gemeinsame Krankheit Spielsucht befähigt werden, endlich ihr krankhaftes Leben loszulassen. Menschen, die durch die größte Krise in ihrem Leben, auch eine neue Lebenschance bekommen, und diese ergreifen. Unsere Meetings sind voll von solchen Menschen. Voll von Menschen, die wahre Wunder in ihrem Leben und an sich selbst erfahren durften. Voll von Menschen, die an irgendeinem Punkt in ihrem Leben, den aussichtslosen, verzweifelten Kampf gegen die Sucht aufgegeben haben und sich so für die Kraft, die Wunder bewirken kann, geöffnet haben.
Auch heute war ich froh, dass ich wieder aus mir herauskommen konnte. Doch war ich heute schon deutlich ruhiger als gestern. Ich bin dankbar für die Freunde, die auf meine Ausführungen eingegangen sind und mir auch heute neue Zuversicht gaben. Ich bin dankbar, dass ich gelernt habe zu geben, aber auch zu nehmen, wenn ich, wie jetzt, nur noch über wenig eigene Kraft und Substanz verfüge. Dann brauche ich die Worte der Hoffnung meiner Freunde, mit denen sie mir neuen Mut geben. Dann brauche ich die Worte der Begleitung, mit denen sie mich an die Hand nehmen und mir wieder meinen Weg zurück zur unerschöpflichen Kraftquelle Gottes zeigen. Dann brauche ich die Worte der Liebe, mit denen sie mich zurück in Gottes Licht führen. In GA darf ich immer wieder erfahren, wenn Menschen mit ihren ganz einfachen und ungezwungenen Worten von ihrem Glauben sprechen. Keine hochtrabenden, hochgestochenen theologischen Weisheiten und Bibelwissenschaften, sondern bescheidene, ehrliche und echte Glaubenserfahrungen mit einem Gott, der ihnen auf ihrem Leidensweg der Spielsucht begegnet ist. Ein einfacher Glaube, der sie auf ihrem Weg aus der Dunkelheit der Sucht ins Licht des Lebens begleitet. Menschen, die sich durch die Sucht am Rande der Gesellschaft bewegt haben, spricht Gott oft mit einfachen, befreienden Worten und Botschaften an. „Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht.“ (Psalm 36, 10)
Wir treffen uns, um unsere Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander zu teilen. Davon war heute im besonderen Maße unser Meeting getragen. Ich komme gerade von einem sehr emotionalen Meeting. Zusammen mit einem anderen GA-Freund bin ich heute zu diesem auswärtigen Meeting gefahren.
Auf der Hinfahrt zu diesem Meeting haben wir beide uns sehr gut unterhalten und die Fahrzeit war eigentlich viel zu kurz. Aber jetzt im Augenblick fühle ich mich trotzdem immer noch leer. Ich musste mich auf der Rückfahrt vom Meeting erst einmal wieder sammeln. Den Akku wieder ein wenig aufladen. Ich habe heute im Meeting viel gegeben. Vielleicht zuviel in meiner momentanen Gefühlslage. All die Meetings, an denen ich die vergangenen Wochen über teilnehmen durfte, waren sehr emotional und tiefgehend. Und dieses heute ganz besonders. Wie sich doch oft die Hintergrundgeschichten und Lebensbiografien von uns Süchtigen ähneln. Ja, keiner sitzt umsonst im Meeting. Jeder ist aus gutem Grund hier. Heute konnte ich mich wieder in einer Deutlichkeit mit den Freunden im Meeting identifizieren, dass ich geglaubt habe, ein anderer erzählt gerade meine ganz persönliche Lebensgeschichte. All die ohnmächtigen Hilferufe meiner völligen Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und absoluten Machtlosigkeit der Vergangenheit, hörte ich in meinen Ohren, als wenn ich sie mir selbst in meinen Gedanken zurufen würde. Heute bin ich an der Grenze dessen angekommen, was ich aufnehmen kann. Heute musste ich innerlich einmal Stopp sagen und mich ausblenden. Musste meine Quelle der Kraft und Hoffnung, die ich anderen zugänglich gemacht habe, für einen Moment wieder verschließen, um nicht selbst trocken gelegt zu werden. Heute kam ich mir vor, wie wenn ich auf einer Brücke stehe und einen Ertrinkenden vor den reißenden Fluten retten möchte und dabei selbst immer mehr an Kraft verliere. Stück für Stück entgleitet mir der Arm der nach Hilfe rufenden Person und ich muss an irgendeinem Punkt loslassen, weil ich sonst selbst in die tosenden, turbulenten Gewässer hinabgezogen werde und ertrinke. Ich musste loslassen in der Hoffnung und im Glauben darauf, dass der Freund auch ohne mich das rettende Ufer erreicht.
Kann ich Menschen, die am Rande einer gefährlichen Klippe stehen und die rettende Brücke so dicht neben sich doch noch nicht sehen können, weil der tiefe Schmerz der persönlichen Zerrissenheit und Angst sie im Moment noch blind sein lässt, wirklich weiterhelfen? Ja, ich bin überzeugt davon. Weil ich es selbst erfahren habe. Ich war ein Blinder und jetzt bin ich sehend. Ich kann den Weg erkennen, der zur Brücke führt. Obwohl auch oft noch sehr verschwommen und nicht in völliger Klarheit. Doch schon richtungsweisend. Wenn ich ihnen von dem Licht und der Wärme, von der Heilung erzähle, kann ich einen Samen der Hoffnung in ihr Herz säen und hoffen, dass er auf fruchtbaren Boden fällt. Ich kann ihnen den Weg zur rettenden Brücke beschreiben, ohne dass sie ihn am Anfang sehen müssen. Ich kann ihnen den Weg erklären, auf dem sie die Quelle der Kraft und der Hoffnung finden können. Und ich kann sie ein Stück auf diesem Weg begleiten. Dies habe ich heute versucht zu tun. Eine Wegebeschreibung hin zur sicheren Brücke geben, die über die gefährlichen Klippen und die todbringende Schlucht hinwegführt und uns auf sicheres Gelände bringen will. Aber ich kann auch nur so weit mitgehen, wie ich selbst nicht Gefahr laufe, an den Klippen abzurutschen. Heute habe ich meine Grenzen, meine Schwachheit, selbst erkennen können. Auch dies war für mich eine segensreiche Erfahrung. „Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meinerSchwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.“(2. Kor. 12, 9)
„Lieber Gott, hilf mir, meine übertriebenen Sorgen und Ängste loszulassen und sie im Vertrauen dir zu überlassen. Vor allem die Sorgen und Ängste, die bei einer nüchterner Betrachtungsweise mir doch überhaupt keinen konkreten Anlass geben können, sie als eine unmittelbare Gefahr für mich einzuordnen.“
Meine Neigung dazu, mir übertriebene Ängste und Sorgen zu machen, hat sich irgendwann in meinem Leben verselbstständigt. Hat irgendwann eine dramatische Eigendynamik angenommen. Die Ursache für diese Eigendynamik, die für mich zu einem krankhaften Schutzmechanismus geworden ist, weil ich in allen Dingen, Menschen und Gegebenheiten sofort auch Gefahr für mich erkannte, liegt tief in meiner Biographie verborgen. Irgendwann in meinem Leben habe ich begonnen, niemandem und nichts mehr zu vertrauen. Vertrauen war ein Wort, dass für mich nicht vorhanden war. Zu tief lag der Schmerz der Enttäuschungen in mir verborgen. Und der Höhepunkt dieser Dramaturgie gipfelte sich darin, dass gerade ich, der sich Vertrauen doch so sehr wünschte, dabei zum größten Missbrauchstäter des mir entgegengebrachten Vertrauens wurde, welches die Menschen in mich setzten, die mich trotz allem liebten. In kleinen Schritten musste ich in der Therapie lernen, dass ich auch wieder vertrauen kann und darf. Dass ich beginnen muss, Vertrauen wieder für mich zu erlernen, weil die Angst mich sonst auffrisst. Angst frisst die Seele auf. Auf meiner Suche danach, mich wieder diesem Prozess zu öffnen, ist Gott für mich ein Anker des Vertrauens geworden, weil ich weiß, dass er mich nicht enttäuschen wird. Niemals. Weil ich weiß, dass er mich wirklich liebt. Und das Vertrauen in Gott, gibt mir auch die Kraft und Hoffnung, dass ich langsam beginne, auch wieder den Menschen und dem Leben zu vertrauen. Gebet und Meditation, und das Vertrauen in Gott, sind zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Das Gebet schenkt mir den Freiraum, dass ich mein Leben auch einmal atmen lassen kann. Dass ich mir damit ganz bewusst einen Augenblick der Ruhe schaffen kann. Eintauchen in den Raum in mir, in dem ich Gott ohne Angst begegnen kann, zur Stille, zum Hören kommen kann. Wo ich sein kann, wie ich bin. Mit all meinen Schwächen. Mit all meinen Mängeln. Mit all meinen dunklen Schattenseiten und Vermächtnissen aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Bewusst den Raum in mir betreten, für eine Zeit des Gebetes. Für eine Zeit der Besinnung. Für eine Zeit mit Gott. Mich einlassen auf das, was Gott mir sagen möchte. Ängste und Sorgen versuchen loszulassen und Ihm zu überlassen. Der Ort in mir, an dem nur ich ganz allein die persönliche Begegnung mit Gott suchen kann. Der Ort, wo kein anderer das Recht hat einzudringen. Ein Ort des Vertrauens und der Geborgenheit. Der Ort, an dem sich Vertrauen und Wahrheit begegnen können. Wo keine Schuldzuweisung stattfindet. Keine Anklage. Keine Verurteilung. Doch zu oft entferne ich mich noch von Gott. Zu oft will ich nur meine eigenen Vorstellungen als richtig ansehen. Zu oft frage ich ganz bewusst nicht nach Gottes Willen. Ich habe noch ganz schön zu kämpfen mit meinen Sorgen und Ängsten, die mich mit einem starken Interesse und Engagement mit bestimmten Personen und Sachen verband. Die Enttäuschung und die Wunden sitzen noch tief. Ja, ich kann alles, was die letzten Wochen in meinem Leben geschehen ist, nicht einfach wie einen leichten Sommermantel an der Garderobe ablegen. Ich brauche im Moment die Meetings, um zur Ruhe zu kommen. Um bei mir anzukommen. Ich sauge die Gelassenheit der Freunde richtiggehend auf, kann ich doch spüren, wie gut mir das Zuhören tut. Kraft und Hoffnung miteinander teilen und uns gegenseitig Mut zusprechen, um mit den Schwierigkeiten, die das Leben für mich bereit hält, klar zu kommen. Ohne spielen zu gehen. Sie in die Hand zu nehmen und das anzugehen und zu regeln, was in meiner Macht steht. Und Vertrauen in den setzen, der in all seiner Weisheit und Güte besser für mich sorgt, als ich es jemals selbst könnte. Ich habe im Moment ein tiefes Gefühl der geistigen Armut. Das macht mich offen für Gebet und Meditation. Das macht mich offen für das, was Gott mir sagen möchte. In den Meetings kann ich viel von dem hören, was Gott mir sagen will. „Selig sind die geistlich Armen; denn ihrer ist das Himmelreich.“ sagt Jesus in Matth. 5, 3. Damit meint er nicht die nicht so Intelligenten, oder die Armen im materiellen Sinne, sondern die, die wissen, dass sie ohne die Kraft Gottes nichts sind. Alles, was ich war und bin, bin ich nur aus seiner Fülle und Gnade heraus.
Heute Nacht habe ich wieder einmal seit Wochen gut, tief und fest geschlafen. Die innerer Ruhe und Zufriedenheit mit der ich gestern Abend nach meinen Meetingsaufzeichnungen zu Bett ging, haben mir einen erholsamen Schlaf beschert.
„Gott gebe mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, und den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann.“ Im Moment entdecke ich die tiefe Weisheit des Gelassenheitsgebetes ganz neu für mich. Das Hinnehmen ist mir immer schwer gefallen. Zuviel musste ich in jungen Jahren hinnehmen, ohne mich davor schützen, oder mich dagegen wehren zu können. Ohnmacht, Angst und Verzweiflung prägten mein Leben. Tiefe Verletzungen und Demütigungen haben mich zu einem aggressiven, ichbezogenen, rebellischen Menschen geformt, der irgendwann aus der Rolle des Opfers in die Rolle des Täters geschlüpft war. Beinahe übergangslos. Auf einmal war ich derjenige, der Angst, Macht und Schrecken ausübte. Auf einmal war ich derjenige, der demütigte und benutzte. Eine Rolle, für die ich nie geboren war, sie auszufüllen. Eine Rolle, die einen unaufhaltsamen Zerreis- und Zermürbungsprozess in mir in Gang setzte. Eine Rolle, die mich geistig krank werden lies. Angefacht und gespeist durch die Sucht- und Betäubungsmittel Alkohol, Drogen und Glücksspiel. Jahrzehntelang habe ich sie ausgeführt, diese Täter-Rolle, die mich am Ende wieder zum Opfer gemacht hat. Zu meinem eigenen Opfer. Ich zog eine Lebensspur der Verwüstung und des Schreckens hinter mir her. Bis ich schmerzhaft gelernt hatte, das hinzunehmen, was ich nicht ändern kann: Meine Vergangenheit und meine Herkunft. Mein Leben, wie beschissen es auch immer gewesen sein mag. Und endlich zu beginnen, das zu ändern, was ich ändern kann: Meine Einstellung mir selbst und meinen Mitmenschen gegenüber. „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ (Matth. 5, 4)
