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»Ein persönliches Manifest: Körper, Geist und
Gefühl im Einklang.« Patricia Thielemann
Yoga boomt und Yoga-Ratgeber gibt es wie Sand am Meer. Braucht es dann ein weiteres Buch zum Thema?
Das von Patricia Thielemann entwickelte Spirit Yoga basiert auf einem neuen Ansatz: Yoga-Tradition trifft Zeitgeist und modernes Lebensgefühl. Es geht nicht darum, Yoga völlig neu zu erfinden, sondern eine Brücke zu bauen zwischen östlich und westlich geprägten Stilen. Lebensnah und heilsam, herausfordernd und freigeistig – Spirit Yoga ist eine inspirierende Kraftquelle für Menschen jeden Alters, um den alltäglichen Herausforderungen und Belastungen gelassener zu begegnen. Um eine eigene Haltung zu finden in dieser scheinbar hoffnungslosen Welt, um vom Ich zum Wir zu gelangen und vom Gelebt-Werden zum Leben.
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2017
Patricia Thielemann
Spirit Yoga
Aufrecht, stark und klarim Leben
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Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlaggestaltung: Gute Botschafter GmbH, Haltern am See
Umschlagmotiv und Fotos im Innenteil: © Nadja Klier
ISBN 978-3-641-21331-2V001
www.gtvh.de
Yoga
liegt etwas zugrunde,
das eine
universelle Gültigkeit
besitzt.
Für Benjamin und Philip
INHALT
Einleitung
1. Mein Leben
2. Lehrjahre in Los Angeles
3. Die Gründung von Spirit Yoga
4. Die Wirksamkeit von Yoga
5. Die Philosophie von Spirit Yoga
Erfahrungsräume schaffen
Wir sind Europäer
Das philosophische Konzept als Partitur, der Lehrer als Dirigent, nicht als Guru
»Wohin gehen wir? Immer nach Hause.« (Novalis)
6. Die Spirit Community
Wie man ein Lehrer wird
Rituale
Führung
Hidden Agenda
Stimme und Sprache
Anatomie
Unterrichte selbst!
Die Philosophie
Zurück zum Körper
7. Spirit Yoga im Gespräch
Vorbemerkung
Mit Pater Christoph Kreitmeir und Werner Arnold
Mit Joachim Bauer
Mit Daniel Kehlmann
Mit Tilmann Haberer
Mit Rebekka Reinhard
Mit Tino Seghal und Wiebke Huester
8. Meine wichtigsten Yogahaltungen
1. Tadasana/Samasthiti – Berghaltung
2. Adho Mukha Svanasana – Herabschauender Hund
3. Bhujangasana – Kobra Variation
4. Virabhadrasana II – Krieger II
Ausgangspositionen für Dreieck und Seitliegestütz
5. Trikonasana – Dreieck
6. Vasisthasana – Seitliegestütz
7. Setu Bandha Sarvangasana – Unterstützte Schulterbrücke
8. Savangasana – Unterstützter Schulterstand
9. Savasana
Schlusswort
Danksagung
Weiterführende Literatur
EINLEITUNG
Yoga, eine über 2.000 Jahre alte Tradition, gewinnt im 21. Jahrhundert eine immer größere Bedeutung. Es verbreitet sich die Nachricht, Yoga sei wirksam vor allem in physischer Hinsicht, führe uns aber auch inmitten der alltäglichen Zwänge auf das Wesentliche unserer Existenz zurück. Millionen Menschen praktizieren Yoga. Die ganzheitliche Übungspraxis ist damit zu einem festen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Lärm, Hektik, digitale Innovationen und die Reizbarkeit unserer Welt befördern die allgemeine Yoga-Evolution weiter. In Zeiten von Facebook, WhatsApp, Twitter und Instagram steigt die Sehnsucht nach »leibhaftigen« Erlebnissen und tiefer, echter Verbundenheit. Wenn uns die ganze Welt offen steht, wenn alles möglich ist, wo bleiben wir? Wo fühlen wir uns noch zuhause?
Home is where the heart is, lautet ein Sprichwort. Zuhause ist nicht ortsgebunden, nicht einmal an die physische Anwesenheit von Personen. Das moderne Leben ist fließend, und »für immer« ist fast nichts. Wenn sich also der nötige Halt kaum durch stabile äußere Strukturen finden lässt, dann wird schnell klar, dass wir den tieferen Sinn und den nötigen Halt in uns selber finden müssen. Wer nicht durch die unendlichen Optionen, die uns das Leben heutzutage bietet, weggespült werden will, wird in sich eine Klarheit schaffen wollen, die dazu beiträgt, selbst gut und sicher durch die Komplexitäten des modernen Alltags steuern zu können. Wer zunehmend mehr Zeit in der virtuellen Welt verbringt, dem wird etwas ganz Einfaches, das Sich-selbst-Spüren und das freie Durchatmen zu einem essentiellen Bedürfnis.
Es überrascht also nicht, dass Yoga einen so anhaltenden Zuspruch erlebt. Gerade auch jene, die sich in der bedrohten Mitte unserer Gesellschaft befinden, die nicht arm, aber auch nicht reich sind, nicht schwer leidend, aber doch gestresst, beziehungsfähig, aber trotzdem nicht selten einsam, sehr wohl belastbar, aber manchmal überfordert, eigentlich wach, aber fast immer erschöpft, wohlwollend dem Leben gegenüber, aber subtil gereizt, gerade jene fragen nach dem Sinn ihrer Anstrengungen.
Es sind also weniger die, die sich entschieden haben auszusteigen, sondern vor allem die, die darum bemüht sind, sich im Hier und Jetzt dem Leben voll und ganz zu stellen. Es sind Menschen, die viel nachdenken, die es schaffen wollen im Sinne eines verantwortungsvollen, sinnerfüllten Lebens und damit all jene, die sich über das Jonglieren mit ihren Verantwortungen vielleicht körperlich vernachlässigt haben, in deren Augen aber noch immer etwas leuchtet. Menschen, die sich wünschen, gestärkt zu werden, ihre Verspannungen zu lösen, den Kopf frei zu kriegen und bei sich selbst anzukommen.
Allerdings muss man sich hier fragen, ob die Lösung des Problems tatsächlich damit erreicht wird, in einigen Yoga-Kursen die Beine hinter dem Kopf zu verknoten, zu Hare Krishna-Rap-Versionen mit dem Po zu wackeln oder fremde Götter anzubeten?
Passen die Bedürfnisse der Praktizierenden mit der Art und Weise, wie Yoga häufig vermittelt wird, tatsächlich immer gut zusammen? Oder läuft da vielleicht bei der Übertragung des Yoga in den Westen etwas verkehrt? Wie kann es gelingen, etwas Wertvolles in seiner Essenz zu bewahren, aber für einen völlig anderen Kulturkreis in einer anderen Zeit mit vorher nie da gewesenen Herausforderungen bestmöglich zugänglich zu machen?
Yoga liegt etwas zugrunde, das eine universelle Gültigkeit besitzt.
Gerade weil das so ist, können wir den Yoga nicht einfach so kritiklos übernehmen, ihn durch rein wissenschaftliche Erklärungen entzaubern oder ihn mal eben, so wie es uns gefällt, popart-mäßig neu erfinden, denn dann geht leider das Wesentliche, der eigentliche Spirit des Yoga verloren. Damit Yoga auch für uns in der heutigen Zeit relevant sein kann, muss er sich weiterentwickeln. Die Wurzeln des Yoga werden immer in Indien bleiben, aber der Spirit ist frei.
Aufrecht, stark und klar im Leben heißt mein Buch, und es soll zeigen, wie wir Yoga so für uns nutzen können, dass es tatsächlich einen gravierenden Unterschied in unserem Leben bewirkt. Unter dem Sammelbegriff Yoga verbergen sich unendlich viele Lehransätze, Methoden und Interpretationen. Manche sind in ihrer Funktionalität überzeugend, doch mangelt es ihnen oft an Ideenreichtum. Andere sind imposant, aber vordergründig. Einige halten sich strikt an die Tradition. Es gibt aber nicht den einen richtigen Weg. Wege sind wie Menschen: individuell.
Gibt es nicht aber doch Grundsätzliches zu sagen, das sowohl dem Praktizierenden hilft, den wahren Wert des Yoga zu erkennen und Yoga so einzusetzen, dass er die Lebenspraxis unterstützt? Ich bin eine Befürworterin des Mittelwegs. Wenn man den Mittelweg konsequent geht, dann ist er keineswegs langweilig oder eindimensional.
Der Mittelweg ist der Weg der Integration, der in sich all die scheinbaren Gegensätze, unterschiedlichen Ideen, Brüche, Widersprüchlichkeiten vereint, um dem Menschen, der ihn wählt, zu ermöglichen, aufrecht, stark und klar durch das Leben zu gehen. Auf Yoga bezogen bedeutet das ein Abwägen, Ausjustieren, Destillieren, Katalysieren, um am Ende etwas zu schaffen, das aus der Fülle kommt, aber dann schlicht und einfach auf den Punkt gebracht wird.
Was mich sehr bewegt, ist die Gefahr, dass Menschen in dem noch immer größer werdenden Drang nach deutlich abgegrenzter Individualität, bei dem sie nicht nur ihren Körper in den Griff bekommen sondern auch noch hohe Sozialkompetenz beweisen müssen, zu total überzüchteten, neurotischen Wesen werden. Die Kampfansage gilt nicht nur dem eigenen Körper. Das ganze Verhalten muss superoptimiert sein. Diese Individualisierungsexerzitien werden unter enormem Anpassungsdruck vollzogen und erzeugen Stress und Leid und innere Leere.
Im Spirit Yoga bemühen wir uns um eine für unseren Kulturkreis relevante Unterrichtsgestaltung. Es geht darum, Menschen mit sich und anderen in Resonanz treten zu lassen. Spirit Yoga basiert auf Hatha-Yoga und wurde vom Vinyasa Flow Yoga, dem fließenden Übungsstil, inspiriert. Die Spirit Yoga Lehrmethode trägt aber eine ganz eigene Handschrift. Präzision, Intensität und eine unverkennbare klare Formvorgabe zeichnen diesen von mir entwickelten Stil aus.
In den Vereinigten Staaten geht es beim Vinyasa in erster Linie um den Aspekt, in Bewegung zu sein, etwas Befreiendes, Lösendes zu erfahren, weshalb es sich dort oft betont kreativ und ausschweifend in den Formen gestaltet. Bei allem, das ich mache, und je länger ich es mache, desto mehr versuche ich in dieser säkularen Gesellschaft, in der wir leben, dem Spirit in einem größeren Sinn auf die Spur zu kommen.
Wie können wir in der modernen Welt das Wesentliche ergründen, und wie schaffen wir es, unsere Welt als beseelt zu erleben, ohne in die Honigtöpfe der Esoterik zu tappen? Esoterik ist in der Yogawelt der Fluchtpunkt für die Menschen, die sich solchen Fragen gar nicht erst stellen wollen. Aber müsste man sich nicht vielmehr fragen, wie man bei aller Härte und Konsequenz, die das Leben mit sich bringen kann, wie man trotzdem den Spirit finden und halten kann?
Wissenschaftliche Erklärungen aus dem Bereich der Hirnforschung mögen Yoga zu mehr Validität verhelfen, trotzdem halte ich diese neurowissenschaftliche Annährung, wenn es tatsächlich um die Yoga Übungs-Praxis geht, für überschätzt. Wie das Hirn funktioniert, wird am Ende des Tages niemals erklären, warum es eine Seele gibt. Eine weitere problematische Neukonzeption ist die Smoothie-zubereitende-Happy-Fraktion, die mit großem Sendebewusstsein versucht, das alte indische Konzept popart-mäßig mit Weltverbesserungs-Ideologien aufzuladen /anzureichern, eine Art Neo-Hippie-Kult. Es gibt einen traditionellen Ansatz, den der Bund deutscher Yogalehrer vertritt – ein seriöser und fundierter Ansatz mit guten Argumenten, der aber aus meiner Sicht eher rückwärtsgewandt ist. Der vierte und letzte Ansatz ist der rein fitnessorientierte, ohne gesungenes OM und allein unter dem Aspekt, tolle Muskeln zu bekommen. Selbstoptimierung pur.
Keiner dieser Ansätze erfüllt, was nach meiner Überzeugung Yoga eigentlich vollumfänglich ist und sein kann. Die Leute, die zu Spirit Yoga kommen, suchen etwas, das sie in einer anderen Richtung nicht bekommen: eine Verbindung zu einem größeren Ganzen, über die Anforderungen des Alltags hinaus. Mein »Spirit Yoga« ähnelt der Erfahrung der Liebe. Erst durch den körperlichen Zugang tritt man in diesen beseelten Zustand ein, in dieses Gefühl der Anbindung. Es ist eine Art körperlich erfahrene Offenbarung. Alles, was man darüber sagen und lesen kann, ist nur eine Beschreibung, kann nur eine Einladung sein, die es so plausibel und wünschenswert erscheinen lässt, dass man ihr folgen möchte.
Es geht nicht darum, seine Muskeln zu perfektionieren, sondern darum festzustellen, dass man auch mit Speckrollen oder Gebrechen die Erfahrung machen kann, sich eins zu fühlen mit sich und der Welt, in sich zu ruhen, zu spüren, man ist eine Einheit aus Körper, Seele und Geist. Natürlich geschieht über den Weg der körperlichen Kräftigung erst mal eine Stärkung des Rückgrats. Schon dadurch wird man anders und ist kein Blatt im Wind mehr. Plötzlich spürt man, dass man den weltlichen Themen besser standhalten kann. Man entwickelt Resilienz und stellt sich den Lebensthemen gestärkt. Letztlich ist dann auch Scheitern keine Bedrohung mehr. Yoga gibt mir persönlich die Schubkraft zu sagen, ich kann alles da draußen riskieren, und es ist mir gleichgültig, ob ich mein Gesicht dabei verliere oder wer mich bewertet, weil ich weiß, es gibt ein tragendes Fundament, etwas, das mich abfängt und hält.
Durch diese Haltung entsteht ein guter, wacher Kämpfergeist, eine Kraft, die sich nicht annullieren lässt, auch wenn es Kritik gibt. Man entwickelt Widerstandsfähigkeit, ganz einfach dadurch, dass man sich mit Yoga einen langen Atem antrainiert, Zentriertheit, Rückgrat, Kraft und Durchlässigkeit aufbaut.
Was uns verloren gegangen ist, ist die Anbindung an etwas Transzendentales. Es ist sehr schwierig, davon zu sprechen, denn man denkt ja immer gleich, wie hochtrabend, wie entrückt. Ich glaube zunächst einmal ganz praktisch, dass diese Sehnsucht tatsächlich zusammenhängt mit »Sucht«. Die Sehnsucht nach Anbindung, das Sehnen, das Suchen. Lehrer wie Ana Forrest oder Tias Little – oder letztendlich auch ich selbst – wir agieren aus einer Sehnsucht nach Anbindung heraus.
Das Suchen, die Vorstellung, es müsse doch etwas geben, das in dieser Welt trägt, das über das tägliche Auf und Ab hinausgeht, das alles ist erfahrbar im Yoga. Ich habe durch meinen Yogaweg gelernt, mich selbst halten zu können, und ich habe das Gefühl, dadurch beziehungsfähiger geworden zu sein.
Was schon in den klassischen Schriften geschrieben steht, drückt auch mein Weltempfinden heute aus: Ich bin mir selbst genug. Ich brauche niemanden, um glücklich zu sein, weil ich gehalten bin in mir selbst und in einem größeren Kontext. Deshalb habe ich keine Erwartungshaltung an irgendein Gegenüber und kann relativ frei und offen in der weltlichen Welt mit Menschen Beziehungen eingehen und großzügig und wohlwollend sein.
Gott ist nicht mehr wie früher allein im Zusammenhang mit Kirche zu entdecken. Dem Spiritualitätskonzept nach ist er in uns zu finden. Das klingt für viele von Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht esoterisch, aber wenn genau das in der Yogapraxis erfahrbar wird, dass das Glück in uns zu finden ist, würde uns das sicher alle nach vorne bringen, den Zynismus der Intellektuellen, die Kaltherzigkeit in unserer Welt stoppen können. Das würde eine Menge verändern.
Die ganze Realität wird dadurch geschaffen, wie wir in Beziehung treten zu anderen. Wenn es gelingt, Tiefsinnigkeit, Wärme und Zugewandtheit, Großzügigkeit, die nicht von außen oktroyiert wird, sondern aus der Verbindung mit dem größeren Ganzen, aus der Spiritualität entspringt, im Verhalten zu zeigen, wenn sich diese Haltung mehr verbreiten würde, dann könnte das spürbare gesellschaftliche Veränderungen bringen.
Diesen Zugang möchte ich mit meinem Yoga den Menschen eröffnen, damit Erstarrtes sich lösen kann. Das funktioniert nicht durch Bekehren, sondern dadurch, dass ein Erfahrungsraum entsteht. Ich überlege genau, wieviel Halt ich als Yogalehrerin biete, welche Musik ich spiele, welche Stimmung ich erzeuge, um einen Rahmen der Spannung zu ermöglichen, denn diese Anspannung, dieser hohe Level ist wichtig, um Ambivalenzen, Sorgen, Ängste, unaufgelöste Knoten im Leben beiseitelegen zu können und um zu sich zu kommen.
Man kann, ja man muss Yoga, wie ich ihn lehre, in eine Hitze, eine Intensität hineintreiben, damit wir uns unserer existentiellen Begrenztheit bewusst werden und etwas riskieren, um nicht das Leben an uns vorbeiziehen zu sehen. Das Bewusstsein, zwischen Leben und Tod nur diese eine Zeitspanne auskosten zu können, wird wachgerufen, wie bei gutem Sex. Nur dann, wenn eine gewisse Flughöhe erreicht wird, kann sich Loslösung ereignen, kann das Gefühl, getragen zu sein im Kosmos, entstehen.
Ich freue mich, dass Sie daran interessiert sind, mich und meine Welt des Spirit Yoga näher kennenzulernen.
Lassen Sie sich inspirieren.
Ihre
Patricia Thielemann
1. MEIN LEBEN
Ich bin in Hamburg geboren. Für meine Mutter war ich ein absolutes Wunschkind. Wenn man das als Kind erfährt, macht es ein Leben lang glücklich. Meine Eltern Lieselotte Rappaport, geboren 1929, und Peter Wolfgang Otto Thielemann, geboren 1933, gehörten zur Kriegsgeneration. Meine Mutter lebte in verschiedenen Beziehungen, bevor sie mit mir schwanger war. Damals gab es noch keine sicheren Verhütungsmittel, und so war sie drei Mal ungewollt schwanger geworden, von drei verschiedenen Männern. Aber es hatte sich nie richtig angefühlt, und so hat meine Mutter die Kinder nicht ausgetragen. Doch für mich entschied sie sich bewusst. Meinen Vater sah sie als Mittel zum Zweck an, denn den Glauben an die Männer hatte meine Mutter längst verloren. Wie so viele Frauen der Kriegsgeneration hatte sie die schlimmsten Erfahrungen gemacht. Sie hatte als blonde Jüdin in einem katholischen Waisenhaus und später als Dienstmädchen den Krieg überlebt. Sie war eine bemerkenswert unerschrockene Frau. Manchmal erzählte sie mir davon, wie es war, in jenen Zeiten um das Überleben zu kämpfen. Einmal, sie war Dienstmädchen, sollte sie bei einem Abendessen Berliner SS-Offizieren servieren. Das tat sie mit einem devoten Lächeln, ohne sich anmerken zu lassen, dass sie innerlich nichts als Verachtung und Furcht empfand. Es war Frühling, und es sollte Spargelsuppe geben, aus Meissener-Suppenschalen serviert. Meine Mutter tat etwas ganz Ekelerregendes, um sich ihre innerliche Distanz zurückzuerobern: Sie urinierte in den Suppentopf, rührte gut um und trat dann mit diesem geheimen Wissen fröhlich vor die Offiziere. Gottseidank wurde sie bei keiner ihrer subversiven Handlungen erwischt und überlebte den Krieg, ohne enttarnt zu werden.
Nach dem Ende des Krieges arbeitete sie einige Jahre als Zimmermädchen. Selbstbewusst wie viele Frauen ihrer Generation, die im Krieg allein zurechtkommen mussten, hatte sie irgendwann genug davon, andere zu bedienen und versuchte sich selbstständig zu machen.
Viel war es nicht, was sie hatte sparen können, aber das bisschen Geld nahm sie und kaufte davon 30 Weihnachtsbäume. Zwei Tage vor Heiligabend stand sie mit ihren Nordmanntannen auf dem Hamburger Jungfernstieg. Heiligabend saß sie immer noch in der Kälte, umringt von 29 inzwischen unverkäuflich gewordenen Nadelbäumen.
Wenn ihr Ende schon bevorstand, dachte sie, dann sollte dieses wenigstens Stil haben und Aufsehen erregen, und frieren wollte sie dabei auch nicht. Ihr letztes Geld – einen Baum hatte sie ja schließlich verkauft – investierte sie in eine Flasche guten Gins. Den trank sie, während sie dabei zuschaute, wie die Weihnachtsbäume sich in ein wärmendes Feuer verwandelten. Später verwandelte sie sich in eine erfolgreiche Immobilienprojektentwicklerin.
Ich bin an der Hamburger Alster größtenteils bei meiner Großmutter aufgewachsen. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich vier Jahre alt war, und mein Vater erhielt, was ungewöhnlich für die Zeit war, das Sorgerecht. Meine Mutter konnte ihre Vergangenheit nie aufarbeiten, war zwar erfolgreich, aber hatte ein ernst zu nehmendes Alkoholproblem.
Mein Vater war ein gutaussehender Träumer, der in einem riesengroßen, vergoldeten Rokoko-Bett mit vielen schönen blonden Frauen schlief. Als Hamburger Immobilien-Entwickler fuhr er im Pelzmantel in einem von zwei Eseln gezogenen Schlitten um die Hamburger Außenalster, als wäre er Dr. Schiwago.
Anders als meine Mutter, die auf großem Fuß lebte und laut lachend sehr bestimmt ihren Weg ging, war mein Vater bis zum Ende ein Gefangener zwischen den Welten. Mit seinem Hang zu Marienstatuen, russischen Ikonen und Kaninchenfelldecken lebte er diskret hinter geschlossenen Gardinen auf sehr unkonventionelle, mitunter exzentrisch anmutende Weise. Nach außen hin gab er sich hanseatisch zurückhaltend und war immer bemüht, einen guten Eindruck zu machen, um die Anerkennung der guten Hamburger Gesellschaft. Doch er hat sie nie bekommen.
Ich habe diesen warmherzigen, narzisstischen Paradiesvogel über alles geliebt. Als er 50 Jahre alt war, erlitt er einen Herzinfarkt. Manchmal denke ich, dass er an seiner Angst und Bindungsunfähigkeit zu Grunde gegangen ist.
Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind unter der Woche mit Samthaarschleife und Lackballerinas bei meinem Vater lebte. Von ihm streng an der Kandarre gehalten, ging ich brav auf ein gutbürgerliches Hamburger Gymnasium. Am Wochenende sah mein Leben ganz anders aus. Meine Mutter hatte wieder geheiratet, und ich saß bis nachts um drei Uhr in den Bars meines schwulen Stiefvaters mit schillernden Transvestiten zusammen, die okkulte Sitzungen abhielten, in denen sie die Toten zu sich riefen.
Im Hintergrund lief »Boney M«. Wir saßen an dem großen Lacktisch, an den sie sich auch zum Koksen setzten. Jedes Mal, wenn sich die Wiskey-Gläser aus mir unerklärlichen Gründen anfingen zu bewegen, fingen wir alle hysterisch an zu kreischen.
Ich war schon damals 1,80 groß, blass und asthmakrank. Auch wenn ich mich gern an meine ungewöhnliche und irgendwie auch schöne Kindheit zurückerinnere, fehlte es doch an Ordnung, Liebe und Geborgenheit.
Wenn es irgendjemanden gab, der mich verstand und umsorgte, dann meine Großmutter. Sie war klug, witzig und eine gestandene ältere Dame, die alles für mich tat. Sie war schon 80 Jahre alt und stand jede Woche stundenlang in der Kälte, während ich Eiskunstlauftraining hatte. Unermüdlich übte sie mit mir französische Vokabeln und Texte für Vorsprechrollen am Theater.
Und wie stolz sie war, als ich neben ihrem großen Jugendschwarm Johannes Heesters im Hamburger Operettenhaus die kleine Gigi spielte und später im Thalia Theater einen Geist im Faust. Wenn ich allerdings mal nicht so glänzte, schlug sie mich mit der Rückseite einer Elfenbeinbürste grün und blau. Ich habe meine Blessuren davon getragen, aber meine Seele ist trotzdem heil geblieben. Ich scheine eine verhältnismäßig gute Resilienz entwickelt zu haben ...
Meine Mutter wurde dann sehr spät in ihrem Leben doch noch glücklich. Wie gesagt heiratete sie diesen wunderbaren schwulen Mann, den ich sehr geliebt und von dem ich viel gelernt habe. Meine Mutter ging, wie sie gelebt hatte. Sie war erst 60 Jahre alt, als sie einen Herzinfarkt hatte: Mit einem Glas Champagner in der Hand stand sie in der Lobby eines Grandhotels und sank einfach zu Boden.
Meine unerschrockene Mutter hat mich sehr geprägt. Auch ich schüttele mich nach Tiefschlägen wie ein wildes Tier nach dem Kampf, lecke meine Wunden und wage bald den nächsten Sprung nach vorne.
Ihr letzter Mann lebt leider auch nicht mehr. Er nahm sich vor ein paar Jahren wegen massiver Geldsorgen das Leben. Das war entsetzlich für mich.
Ich werde immer wieder gefragt, was mich denn bewogen hat, Yogalehrerin zu werden.
Damals, als ich mit 13 Jahren als Geist im Faust auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters spielte, kam es mir jeden Abend so vor, als würde die Welt stillstehen.
Es war nicht die große Bühne, die ich suchte, sondern der Einklang, der entsteht, wenn eine Inszenierung aufgeht, dieses einzigartige Gefühl des Getragenseins, des Sich-wirklich-eingebunden-Fühlens in ein großes Ganzes. Hätte ich dieses erste Bühnenerlebnis nicht gehabt, wäre ich vielleicht Architektin geworden, denn ich habe einen Sinn für die Gestaltung von Räumen, und es beruhigt mich, zu spüren, dass der Boden sicher trägt.
Natürlich wusste ich im Alter von 13 Jahren noch nicht, wie ich dieses bewegende Einheitsgefühl, das ich in Goethes Faust erfahren hatte, hätte erneut herstellen können. Ich ging davon aus, dass das Theater und die Schauspielerei für mich der Weg sein würde, um dieses tiefe Getragensein regelmäßig zu erleben.
Damals hätte ich mir nicht vorstellen können, dass Yoga mir diesen Weitblick, diese bemerkenswerte Perspektive auf das Leben hätte bieten können.
Meine Mutter hatte mich als Jugendliche ein paar Mal zum Yoga mitgenommen, in der Hoffnung, dass sich dadurch vielleicht mein Asthma legen und mein unbeholfener, irgendwie angsterstarrter Körper geschmeidiger werden würde. Aber diese Wirkung stellte sich nicht ein. Die Lehrer, die diese Kurse leiteten, überzeugten mich nicht. Sie wirkten auf mich irgendwie kleingeistig in ihren Thesen, und sie schlichen auf Zehenspitzen durch den Raum. Was sie predigten, klang idealistisch, aber einen Bezug zum wirklichen Leben hatte das Ganze für mich damals nicht.
Diese Lehrer atmeten ständig seufzend, litten unter chronischer Unterspannung, was sie schlaff wirken ließ, und hatten einen belehrenden Unterton, wenn sie mit ihren Schülern sprachen.
In Ehrfucht vor ihren meist indischen Yogameistern zitierten sie die immergleichen, nicht wirklich erleuchtenden Sätze. Fast konnte man sie bedauern, schienen sie doch ergebene Opfer ihrer leicht undurchsichtigen Lebensumstände zu sein. Auch aus heutiger Sicht finde ich es viel interessanter , wenn Menschen sich ihrem spannungsgeladenen Alltag stellen, als sich dem Leben und den damit verbundenen Anforderungen entziehen und beklagen, dass die Welt auf den Untergang zurast, um dann für den Frieden Shanti Om zu singen.
Doch ich bin dankbar dafür, dass ich in jungen Jahren den Unterricht dieser Lehrer kennenlernen konnte, denn sie haben mir die Grundlage für meine bis heute andauernde Auseinandersetzung mit dem Thema geliefert.
Später in Amerika lernte ich dann Brian, den Vater meiner Kinder, kennen. Er ist für mich auch derjenige, der die Brücke von meiner Schauspielerei zum Yoga mitgebaut hat.
Ich begegnete ihm auf einem Vorsprechen für ein Theaterstück. Sein Job war es, die Gebärdensprache seiner damaligen taubstummen Freundin für den Regisseur und die anderen Schaupieler zu übersetzen.
Er tat das so einfühlsam, dass ich nach zwei Minuten nicht mehr wusste, ob die Taubstumme in für mich hörbaren Worten zu mir sprach oder ob Brian seine Rolle so verinnerlicht hatte, dass er mit der Theaterfigur, die seine Freundin spielte, komplett verschmolz.
Brian hat einen wunderbaren jüdischen Humor und arbeitete damals eigentlich als Komiker. Wie Woody Allen ist er sehr klein, aber besser trainiert und ein schönerer Mann. Mir reicht er bis zur Brustwarze. Auf unserem Hochzeitsfoto steht er auf der zweiten Stufe einer Treppe, während ich, im siebten Monat schwanger und zu ebener Erde stehend, nicht nur trotzdem größer war, sondern auch das doppelte Kampfgewicht auf die Waage brachte.
In Hollywood vermittelte mir mein Agent immer mal wieder Castings für größere TV Comedy Shows. Nicht etwa, weil ich so wahnsinnig komisch bin, sondern weil ich äußerlich perfekt die deutschen Klischees verkörpern kann. Ich muss selber lachen, wenn ich daran denke, aber ich schien die ideale Besetzung für die parodierte deutsche Frau, die Angst einflößende, Männer peitschende Hildegard, die Kampfschwimmerin. Das Problem war, dass ich, obwohl ich gut Englisch sprach, die Situationskomik nicht verstand. Das war dann zwar manchmal ungewollt komisch, aber viele der Rollen als böse Krankenschwester oder Wikingerbraut gingen mir so durch die Lappen.
Brian tat alles, was in seiner Macht stand, um mich zum überzeugenden Sitcom-Star zu machen. Er erklärte mir jede Pointe hundertdreiundzwanzig Mal, arbeitete jahrelang mit mir an meinem Timing, zeigte mir, wie ich die amerikanischen Klischees noch mehr unterstreichen konnte und fuhr mich auf den sechs-spurigen Autobahnen von einem Casting-Termin zum nächsten. Es hat leider alles nichts genützt – ich bin in Amerika schließlich Yogalehrerin geworden und nicht Schauspielerin.
Brian hat sich nicht nur beruflich enorm um mich bemüht, auch als Mann stand er mir fest zur Seite. Er gab mir das Gefühl, schön und begehrenswert zu sein. Ich habe seine Liebe wie eine Wüstenblume, die gegossen wird, aufgesogen. Durch ihn blühte ich auf und entwickelte das Vertrauen, in diesem Leben so ziemlich alles schaffen zu können. Das ist enorm viel wert. Ich wünsche jeder Frau einen Mann wie Brian.
Warum ich ihn dann irgendwann verlassen habe, weiß ich gar nicht genau.
Vielleicht hat mich mein Kindheitstrauma eingeholt, oder es war die Midlife Crisis, auf jeden Fall verliebte ich mich neu. Dieses Mal in einen 16 Jahre jüngeren, sehr ambitionierten Mann, einen lebenshungrigen Halb-Algerier. Unsere Beziehung dauerte fünf Jahre.
Am Ende hat auch er mir gut getan. Er spiegelte mein eigenes Geltungsbedürfnis und meine narzisstischen Züge, und es gelang mir vermutlich durch ihn, die Wut auf meinen Playboy-Vater loszuwerden. Ich beendete unsere Beziehung in einem vollen Londoner Szene-Restaurant. Er sagte etwas Hässliches, ich ohrfeigte ihn und schüttete ihm eine Flasche Rotwein über den Kopf.
