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Der abgehalfterte Privatdetektiv Frank kämpft im Tucson des Jahres 1952 nicht nur gegen die schweißtreibende Hitze, sondern ringt vor allem mit seinen Erinnerungen. Eigentlich soll er dort die sich formierenden Gewerkschaften ausspionieren, doch setzt mitten in einer Observierung eine Zeitungsmeldung langsam die Erinnerungsmaschine in seinem löchrigen Hirn in Gang. So flirren die Gedanken des Verdrängungskünstlers zurück ins Jahr 1944 nach Zephyrhills zu einem Erpressungsfall rund um das irre Vorhaben des liebeserblindeten Carl Tanzer. Es flackert Los Angeles im Jahr 1932 gegen Ende der Prohibitionszeit auf, wo er mit seinem Polizeikollegen Fred krumme Dinger gedreht hat. Und schließlich bröckelt die Erinnerungsverweigerung immer weiter: Was ist damals im steirischen Eisenerz geschehen? Nach dem Ersten Weltkrieg herrschten politische Wirren, die Gewerkschaften agitierten – wo hatte Frank überall seine Finger im Spiel, dass er Hals über Kopf in die Staaten floh? Und wie hängt alles mit allem zusammen? Spuk erzählt historisch Verbürgtes und erfundene Historie. Mit einer gefinkelten, trickreichen Erzählweise schreitet der Roman in die Vergangenheit voran, um über Schuld und Verantwortung, Verbrechen und Solidarität zu sprechen.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Florian Dietmaier
Spuk
Roman
Literaturverlag Droschl
spook, noun
1 : ghost, specter
2 : an undercover agent : spy
Merriam-Webster Dictionary
t’ááłá’í
Man muss sehr vorsichtig sein mit dieser Art Verschiebung von Wahrheit zu Lüge, von Wirklichkeit zu Fiktion.
César Aira – Gespenster
Mitte August 1952 wäre es morgens in Tucson eigentlich noch auszuhalten. Frank sucht dennoch den Schatten des Pfandleihhauses. Er hat sich in all den Jahren nie an die Hitze in Arizona gewöhnen können. Um die Jahrhundertwende in Eisenerz zur Welt gekommen, hat er bis zu seiner Flucht aus Österreich selten Augusttage über fünfundzwanzig Grad erlebt. Einmal, als er vier war, hatte es Ende August mehrere Tage lang geregnet. Es war so kalt geworden, dass seine Mutter ihm eine Haube aufsetzen wollte. Er sträubte sich, bis seine Großmutter zum Gipfel des Kaiserschild zeigte, der vom Garten seiner Eltern aus zu sehen war. Der Berg hatte über Nacht Schneehauben bekommen und selbst der niedrigere Pfaffenstein war angezuckert worden. Auch in den Jahren danach gab es Regen und Schnee in den Eisenerzer Hundstagen. Der Schnee schaffte es zwar nie ins Tal, doch drückte der Regen den Rauch von Hochöfen und Bahn auf den Ort, wusch ihn nicht aus der Luft. In Arizona, wo Frank seit acht Jahren lebt, regnet es im August selten und oft hat es schon morgens zwanzig Grad. Das hätte er sich in Eisenerz nie vorstellen können, wo er natürlich nicht an das Wetter in den Staaten gedacht hatte, sondern angeregt durch Kinobesuche und Fortsetzungsromane in Zeitungen an Cowboys, Indianer und Goldsucher.
Daran erinnert er sich aber nicht, als er unter die Markise des Pfandleihhauses tritt. So weit zurück reicht sein Blick selten. Er denkt auch nicht darüber nach, ob das Vergessen an der heutigen Müdigkeit oder an der jahrelangen Trinkerei liegt. Einzig der Ärger darüber ist wahr für ihn, dass der Bus ihn zwar hierher an den äußeren, ausfransenden Rand der Stadt gebracht hat, die sich weit in eine Hochebene ausbreitet, aber nicht an sein eigentliches Ziel, ein Diner, dessen Name in seinem Notizblock steht, den er aber nicht hervorholt. Fände er die Adresse, müsste er wieder ins Sonnenlicht treten, das durch eine Häuserlücke neben dem Pfandleiher fällt. Es gibt viele Lücken hier.
Auf seinem Sakko aus beigem Leinen entspringt ein dunkler Streifen Schweiß zwischen den Schulterblättern, der hinunter zum Steiß strebt, einen Umriss, ein unscharfes Bild zeichnet. Frank spürt die Feuchte deutlich, versucht nicht daran zu denken. Auch nicht an die Spiegelung des Flecks im Glas der Auslage, der zu sehen sein wird, sobald er sich wieder umdreht.
Ein schief auf das Schaufenster geklebtes Plakat kündigt ein Autorennen im November, einige Tage nach der Präsidentschaftswahl an. Frank wird Tucson dann bereits lange verlassen haben. Sein Blick wandert hinunter. Jagdgewehre und Kameras sind im Angebot. Schuss und Gegenschuss. Sein unrasiertes Gesicht spiegelt sich in einem Objektiv, das auf ihn gerichtet ist. Der Auftrag fällt ihm ein.
Gähnend will er den Notizblock doch hervorholen, als er im Glas die Spiegelung des gesuchten Minerva’s Café auf der anderen Straßenseite erblickt. Die Markise über dem Eingang des Diners ist nutzlos, spendet keinen Schatten. Nur der Zeitungsautomat links neben der Tür wirft einen schmalen Streifen, in dem ein Tier kauert.
Frank wendet sich von der Auslage ab, sieht das Diner seitenrichtig. Die weiße Wand, die blauen Rahmen der Fenster und die ebenfalls blaue Tür suggerieren Griechenland. Das Dach ist flach. Er blickt sich um, sieht viele Flachdächer und rund zweihundert Meter entfernt die Kreuzung, von der er gekommen war. Die Ampel dort schaltet auf Rot für die Fußgänger. Da er heute schon zu viel gegangen ist, wählt er wie meist den direkten Weg: geradeaus und fort, ohne Blick zurück. Er meidet aber nur seine eigene Vergangenheit. Die seiner Zielpersonen erzählt er seinen Auftraggeberinnen ohne Lücken von A bis Z. Er ist ein guter Detektiv. Die Erinnerung daran können Hitze und Alkohol kaum trüben.
Gewehrläufe und Kameraobjektive nun auf seinen gezeichneten Rücken gerichtet und vom Hupen eines Öllasters zu größerem Tempo angetrieben, geht er über die breite, sandige Straße.
Mehrmals ist er schon geradeaus und fortgegangen, hat seinen Namen geändert, neue Leben begonnen, seine alte Form verloren. Sein richtiger Name, die Namen seiner Eltern, jene von Freunden und Kameraden sind noch in ihm, aber nur als solche, als Buchstabenfolgen. Sie bezeichnen nichts mehr. Ein Wörterbuch, in dem die Erklärungen der Einträge geschwärzt sind. Es ist besser so, würde Frank denken, dächte er über solche Dinge nach. Etwa über die Einsicht, die er im feuchtheißen Zephyrhills gehabt hatte, dass Feuchtigkeit und Vergessen nämlich mit Bewegung und Alkohol zusammenhängen müssen, Trockenheit und Erinnern dagegen mit Stillstand und Kaffee. So stolz war er darüber gewesen. Natürlich ist es falsch. Aber auch an Fehler wie diesen, aus denen er lernen hätte können, erinnert er sich nicht. Die trockene Hitze in Arizona hat den Gedächtnisverlust durch seine Trinkerei nicht ausgleichen können.
Wenn es diesen Ausgleich gegeben hätte, sein Gedächtnis besser wäre, würde er sich vielleicht noch einmal überlegen, eine Zeitung aus dem Automaten zu holen und Minerva’s Café zu betreten. Das sieht so ähnlich aus wie jenes Diner in Zephyrhills, in dem er die wirren Gedanken zu Feuchtigkeit und Trockenheit verfolgt hatte.
Auch das Tier im Schatten des Automaten, eine schwarze Katze mit grünen Augen, hätte ihm eine Warnung sein müssen. Sie kommt Frank aber nur bekannt vor. Er glaubt, gestern Abend und heute früh bloß eine ähnliche vor seinem Hotel im Stadtzentrum gesehen zu haben, hat aber vergessen, dass es dieselbe ist. Es wäre ein zu weiter Weg für eine Katze, sagt er sich. Im Schatten sehen sie alle gleich aus. So oder so ähnlich heißt es, glaubt Frank sich erinnern zu können. Er sucht in seinem leeren Kopf nach dem genauen Wortlaut des Sprichworts und wird von grünen Augen angestarrt.
Die Katze glaubt nicht nur, sie weiß, sie ist jene, die Frank vor seinem Hotel gesehen hat, und dass sie so aussieht wie seine erste Katze in Eisenerz, die er als Dreijähriger vom Bahnwärter bekommen hatte. Seine Mutter freute sich über die zusätzliche Hilfe gegen Mäuse, Ratten und Maulwürfe, während die Großmutter sie misstrauisch beäugte.
Frank gibt die Suche nach dem Wortlaut auf, nimmt eine Ausgabe des Arizona Daily Star aus dem Automaten, betritt das Diner. Es riecht gut nach Kaffee, Fett und Zucker. Vier Gäste sitzen am Tresen. Frank setzt sich in eine der leeren Nischen. Den Rücken gerade haltend, lehnt er sich nicht an die hohe, gepolsterte Bank. Er will keine Spuren mit seinem feuchten Sakko hinterlassen. Den Schweiß auf der Stirn, den ihn ein Deckenventilator fühlen lässt, als er seinen Hut abnimmt, wischt er mit einem Taschentuch weg.
Auf der Titelseite der Zeitung liest Frank, es habe diese Nacht sintflutartige Regenfälle in Tucson gegeben. Ungläubig überprüft er das Datum. Es ist die heutige Ausgabe. Verwirrt überhört er die erste Begrüßung der Kellnerin. Die zweite dringt zu ihm durch. Er faltet die Zeitung, legt sie neben sich auf die Bank und den Hut darauf. Die Kellnerin schenkt ihm auf sein Nicken Kaffee ein, nimmt seine Bestellung auf. Bacon, Eier und Toast.
Der Kaffee ist gut, also bitter und heiß. Es ist eine trockene Hitze, die am Gaumen kratzt. Frank muss sich räuspern. Schleim kommt hoch. Das passiert ihm oft in Arizona. Daran ist aber nicht die Trockenheit hier schuld, wie Frank glaubt, sondern der Alkohol, in dem er das beste Mittel gegen Kratzen, Schleim und Sodbrennen vermutet. Gestern Nachmittag hat er sich daher nach einem schleimigen Hustenanfall im Lesesaal einer Bibliothek und zwei unwirksamen Natrontabletten gesagt, dass sich in der Bar neben seinem Hotel doch auch Bergleute treffen könnten, und seinen ersten Arbeitstag in Tucson früher als geplant beendet. Immerhin hat er nach fünf doppelten Bourbon Schluss gemacht.
Er verzieht den Mund. Wäre die Kellnerin in Minerva’s Café nicht gleich mit der Kanne an den Tisch gekommen, hätte er ein Bier bestellt. Frank ist ihrem Eifer dankbar, hat er sich doch erst gestern vorgenommen, den Vorschuss nicht gleich wieder zu vertrinken. Beinahe hätte er es vergessen. Er muss aufpassen. Der Auftrag wird ihm helfen, hofft er. Das haben Aufträge immer getan. Jeder war eine neue Geschichte. Zum aktuellen gehört es, sich umzuhören und am Dienstag, in vier Tagen, einen ersten Bericht zu liefern. Zur Gegenwart, in der er schwitzt und keine Spuren hinterlassen will, gibt es also auch eine nahe Zukunft. Und zu dieser die Erinnerung an gestern, das Treffen mit dem Auftraggeber, der Besuch der Bar. Mehr Vergangenheit ist überflüssig. Er ist mittendrin in der neuen Geschichte, die einen Anfang hatte und ein Ende haben wird. Zufrieden trinkt Frank einen Schluck.
Klirren von Glas, Keramik, Metall. Schmatzen, Kauen, Schlucken vom Tresen. Rufe, Brutzeln, Hacken aus der Küche dahinter. Die Wettervorhersage eines weinerlich klingenden Mannes im Radio. Sonnig wird es werden, heiß, etwas Regen wird es geben, keine Sintflut wie gestern Nacht. Frank trinkt noch einen Schluck, räuspert sich. Die Kellnerin gibt seine Bestellung an den Koch weiter. Für Frank sieht er wie ein Mexikaner oder ein Navajo aus.
Sein Zimmernachbar ist Navajo. Das hat der Mann bei ihrer Begegnung am Hotelflur gestern Nacht zumindest behauptet. Frank hat Eis für seinen Kopfschmerz, den er aus Phoenix mitgebracht und der sich in der Bar zu einem schmerzenden Punkt zugespitzt hatte, aus dem Eisautomaten geholt, der Navajo für das Cola seiner Kinder. Sie seien in der Stadt, um Familie zu besuchen. Frank war trotz der Fahne misstrauisch, kannte er bei dieser Begegnung doch bereits seinen Auftrag, hatte einige Adressen auf seiner Liste abgehakt. Der Navajo könnte durchaus ein Bergarbeiter sein, so kräftig und sehnig wie er ist. An Franks Köder, dass er auf der Suche nach einem Job in den Minen nach Tucson gekommen sei, hat der Navajo aber nicht angebissen. Er meinte nur, dass Frank sich vom łéétsoh fernhalten solle, dem gelben Dreck, der gelben Erde. Ekel stand einen Augenblick lang in seinem Gesicht. Das sei das Wort, das sie, die Diné, für Uran benutzen. Es sei böse, sagte er, wiederholte es nicht. Wenn er es ausspreche, fühle es sich wie ein Monster in seinem Mund an. Ja, das passe leider. Uran sei ein Monster, habe viele Menschen getötet, Menschen, die er kenne, andere, die er irgendwann kennengelernt hätte. Frank vermutete eine Falle, glaubte, der Navajo wolle ihn enttarnen. Soweit er wisse, gäbe es hier keine Uranminen, sagte Frank daher. Dann sei es gut, sagte der Navajo und wünschte Frank eine gute Nacht.
Er hatte keine. Die dünnen Hotelwände waren kein Hindernis für die Stimmen der Kinder seines Zimmernachbarn. Frank hat kaum geschlafen. Die Kinder seien trotz der langen Reise aufgedreht gewesen, entschuldigte der Navajo sich heute früh. Sie hätten sich von einem Skinwalker erzählt, einer Hexe, die sich in gefährliche Tiere wie Bären oder Kojoten verwandle, in dieser physischen Form Menschen heimsuche, sich vom Chaos ernähre, das sie in Träumen und Erinnerungen säe. Seine Kinder wollten ein pelziges schwarzes Monster mit leuchtend grünen Augen im Hotel gesehen haben. Das Cola habe sicher nicht geholfen, sagte er und lachte. Frank hat vergessen, ob der Nachbar auch die angebliche Sintflut für die Aufregung seiner Kinder verantwortlich machte. Nein. Es kann nicht geregnet haben.
Er blickt zum Tresen. Zwei Männer sitzen noch dort, essen und lesen Zeitung. Die beiden anderen, die er beim Hineinkommen gesehen hat, sind verschwunden. Sie könnten Zielpersonen gewesen sein. Mist. Er will sich konzentrieren, schließt die Augen, horcht. Die vertrauten Geräusche bleiben, die Stimmen der Männer am Tresen werden natürlich nicht lauter. Sie schweigen ja, weil sie essen und lesen. Frank ärgert sich über sich selbst.
Das Läuten der Türklingel öffnet seine Augen. Er muss sie länger geschlossen haben. Das zuvor angenehm empfundene Licht des Diners blendet ihn nun. Über die hohe Lehne der Bank und aus seinem niedrigen Winkel sieht er für einen Moment vier Männer, die sich in die Nische setzen, die an seine grenzt. Einer hat einen grauen Hut mit unscheinbarer Feder im auffällig grünen Hutband. Das lenkt Frank von den Gesichtern ab. Ihre Stimmen sind jedoch unüberhörbar laut. Sie haben keine Angst belauscht zu werden, scherzen mit der Kellnerin.
Frank geht seine Notizen durch. Eine konkrete Zielperson gäbe es nicht. Alle Bergleute seien verdächtig. Ein großes Fragezeichen nach diesem Satz. Er solle auf Gespräche über Gewerkschaften, Versammlungen und geplante Aktionen achten.
Die Männer sprechen aber lediglich darüber, was sie essen wollen, über eine Niederlage der Detroit Tigers, über das angenehme Wetter. Der Regen habe geholfen. Frank zieht am Kragen seines Hemdes. Er hat heute ein frisches angezogen. Frisch ist es nicht mehr.
Der Auftraggeber hat nicht geschwitzt. Sein Büro ist klimatisiert. Mittlere Führungskraft, ehrgeizig, erinnert Frank sich an Jacks Worte, seinem Chef in der Detektei in Phoenix. Der Auftraggeber handle wohl auf eigene Verantwortung, vorbei an der Chefetage. Frank solle einen Bergarbeiter spielen, den der Auftraggeber von früher kenne und der einen Job im Betrieb wolle. So könne er in die Unternehmenszentrale, ohne Verdacht zu erregen.
Er sei noch nie in Tucson gewesen, hat Frank Jack geschworen, als der an seiner Eignung für den Auftrag zweifelte. Frank hofft, dass er wirklich noch nie hier gewesen ist. An seine alten Leben will er sich nicht erinnern, die alten Geschichten. Besonders nicht an die Unabgeschlossenen, die ihn nachts in Albträumen heimsuchen. Tagsüber gelingt es ihm, sie zu verdrängen, wenn er an einem Auftrag, einer neuen Geschichte arbeiten kann. Er werde ihm diese letzte Chance geben, sagte Jack. Frank brauchte keine Erinnerung, dass Jack ihm auch seine erste Chance in Phoenix gegeben hatte.
Der Name der Stadt hatte ihm nichts bedeutet. Sie war bloß weit genug weg von Florida, nah genug an seinem alten Leben in Kalifornien gewesen. Damals dachte er noch, er würde nach San Francisco zurückkehren. Als er sich aber sicher war, nicht mehr verfolgt zu werden und zurückkehren hätte können, hatte er bereits in Jacks Detektei angeheuert, weil ihm das Geld ausgegangen war. Jack hat kaum Fragen gestellt, darüber hinweggesehen, dass Frank keine Referenzen vorweisen konnte. Seinen neuen Namen hatte er aus einem Werbetext.
In den letzten Monaten hat Jack ihm nur noch wenige, meist leichte Aufträge gegeben, ihn etwa in Archive geschickt, um nach Informationen hinter Namen zu suchen. Die Albträume sind heftiger geworden, die Arbeit an neuen Geschichten schwieriger. Möglicherweise hat Jack ihn aus Mitleid noch nicht gefeuert. Frank versucht nicht daran zu denken. Lange wird es nicht mehr dauern, sticht ihn jedoch manchmal eine Ahnung ins Herz, seine dumpfen Gedanken, die durch die Archivarbeit dumpfer geworden sind. Vielleicht hat Jack Frank deshalb nach Tucson geschickt. Sein Chef hat nicht sehr überzeugt vom Plan des Auftraggebers geklungen. Wenn Frank auffliegt, könnte Jack ihn leicht loswerden.
Das geht Frank zu weit zurück in die Vergangenheit und zu weit voraus in die Zukunft. Er will trinken. Die Tasse ist aber bereits leer und es wäre auch nur Kaffee gewesen.
Die Kellnerin bringt den vier Männern in der Nische nebenan ihr Essen, schenkt ihnen eine zweite Runde Kaffee ein. Sie sind lauter geworden. Frank hat das im Erinnern überhört, hat übersehen, dass die Kellnerin ihm sein Essen gebracht hat. Mist. Einige der Männer müssen sich länger kennen, vermutet er, während die Kellnerin seine Tasse auffüllt. Oder etwas verbindet sie, das ein Kennenlernen leichter macht. Da ragt eine Stimme aus dem Chor hervor und beginnt von The Duel at Silver Creek zu sprechen, dem neuen Audie-Murphy-Film. Der Sprecher will Murphy in Italien einmal in seinem Jeep mitgenommen haben. In Duel gehe es um Banditen, die Schürfrechte von Bergleuten stehlen. In Phoenix läuft er noch nicht. Frank weiß aus der Zeitung von ihm. Er mag Murphy. Mit seiner ruhigen Art gibt es kaum je Überraschungen. Man sieht ihm gar nicht an, dass er mehr als zweihundert Nazis getötet hat.
Frank versucht sich an die Gesichter der vier Männer zu erinnern. Er hat sie aber nur einen Augenblick lang gesehen. Wie Bergleute haben sie nicht gewirkt.
Der Auftraggeber meinte, Frank werde sich unbemerkt unter den Bergleuten umhören können. Er sehe genauso aus wie sie. Anfang des Jahres sei ein Konkurrent pleitegegangen, die gesamte Belegschaft entlassen worden. Da die Stadt aber weiterwachse, neue Betriebe auch in anderen Industrien in Tucson Fuß fassten, würden viele Männer aus den benachbarten Bundesstaaten hierherkommen, um ihr Glück zu versuchen. Beim Verlassen des Gebäudes betrachtete sich Frank in einer Glastür. Ausgebeulter Anzug, zerknautschter Hut, raues Gesicht, verbrauchte Augen. Den getrockneten Schweißfleck am Rücken konnte er nur vermuten. So sahen Bergleute also aus. Zumindest in den Augen des Auftraggebers. Der sieht wiederum nicht so aus, wie Frank sich eine mittlere Führungskraft vorgestellt hat. Vor allem der silberne Schneidezahn stört das Bild.
Frank hat in seiner kurzen Zeit hier tatsächlich viele Männer gesehen, die ihm gleichen. Auch die beiden am Tresen, die mit dem Essen fertig sind, aber noch in ihren Zeitungen lesen. Die Männer in der Nische nebenan haben im kurzen Augenblick nicht so ausgesehen und sie klingen auch nicht so, wie der Auftraggeber sich die Zielpersonen vorstellt, klingen nicht radikal.
Der Kinogeher ist mit der Nacherzählung des Films fertig. »Am Ende gewinnen die Guten«, sagt er, »und jetzt habe ich Hunger, könnte das sprichwörtliche Pferd essen!« Das Lachen der anderen wirkt künstlich auf Frank, ungeduldig. Das Gespräch ohne den Kinogeher wird nicht interessanter, dreht sich wieder um Baseball, einen Spieler aus Tucson, der so begabt in allen Sportarten sei wie einst Jim Thorpe.
Frank fragt sich, ob Baseballspieler Gewerkschaften haben, driftet abermals ab ins Zuvor. In Arizona gebe es schon seit ein paar Jahren ein Verfassungsgesetz, das Tarifverträge und die Zwangsmitgliedschaft in Gewerkschaften verbiete. Der Auftraggeber klang zufrieden darüber, grinste hinterfotzig. Einige Gewerkschaften hätten sich mit der neuen Situation arrangiert, andere aber gäben nicht auf. Diesen März hätten die Fleischer in Tucson einen Streik organisiert. Die Aktion habe sich gegen die Fleischabteilungen in Supermärkten gerichtet. Wie schrecklich, günstigeres Fleisch! Der silberne Schneidezahn glänzte beim Lachen.
Nach der Besprechung ist Frank gleich zum Labor Temple der Stadt gefahren, wo viele Gewerkschaften ihre Büros haben. Er war geschlossen. In andere bekannte Treffpunkte von Gewerkschaftern wie die Bibliothek der Universität kam er zwar hinein, hat aber nichts Verdächtiges gehört. Frank hatte noch viele weitere Orte auf seiner Liste, als er sich hustend entschloss, in die Bar bei seinem Hotel zu gehen, die nicht auf seiner Liste steht. Dort angekommen sagte er sich, es müsse noch andere Detektive geben. Es mache also keinen Unterschied, wenn er früher aufhöre. Der erste Bourbon bestätigte ihn in dieser Annahme, an die er beim letzten Stück Ei in Minerva’s Café noch glaubt. Denn Tucson ist zu weitläufig, hat zu viele Einwohner und Besucher, als dass ein Mann allein alle Aktivitäten einer oder gar mehrerer radikaler Gewerkschaftsgruppen observieren könnte. Möglich, denkt Frank, als die Türklingel erschallt, dass die Männer hier am Tresen Kollegen sind. Kurz schauen sie von ihren Zeitungen auf, als die zwei eben hereingekommenen Streifenpolizisten sich zu ihnen setzen. Sie können keine Kollegen sein. Das, was Frank in Tucson macht, ist nicht staatlich sanktioniert.
Seine Informationen habe er von Spionen in den Gewerkschaften, hatte der Auftraggeber stolz verkündet. Arbeiterspionage sei in Arizona verboten, sagte er ernst, hielt die Hand vor, hustete. Deutlich war FBI zu hören. Er nahm die Hand weg. Das Husten wurde zu einem silbernen Lachen. Vor Ort bräuchte er aber jemanden wie Frank. Nach dem Fleischerstreik seien laut den Spitzeln einige Radikale bereit, sich von ihren Gewerkschaften abzuspalten, weil ihre Bosse ihnen nicht weit genug gegangen wären, nicht genug für die Fleischer herausgeholt hätten. Diese Abspaltung solle von ehemaligen Mitgliedern befeuert werden, die wegen ihrer kommunistischen Gesinnung ausgeschlossen worden seien. Über die neuen Radikalen und ihre möglichen Hintermänner gäbe es kaum Informationen.
Es klingt unplausibel, findet Frank, der alles aufgegessen, drei Tassen Kaffee getrunken hat. Aber dafür wird er bezahlt. Er mag seine Arbeit, die oft darin besteht, rote Fäden auch in unplausiblen Geschichten zu finden, eine Wahrheit. Bisher hat er sie fast immer gefunden, nahezu alle Geschichten zu Ende erzählt, auch wenn er die Fäden manchmal selbst legen musste. Er lächelt. Nur in wenigen Fällen sind sie zerrissen, ausgefranst oder verknoten sich nachts zu blutroten Schlingen, die sich um seinen Hals legen.
»Aber das«, so sagt einer der Männer aus der Nische nebenan leise, aber scharf und verhindert, dass Frank sich an die Albträume erinnert, »sollten wir woanders besprechen, wo es … ruhiger ist. Das hast du ja vorgeschlagen.« Der Kinogeher bestätigt mit einem knappen Ja. Frank hat wieder verpasst, worüber die vier Männer sprachen, ärgert sich aber nicht, da ihr Flüstern verdächtig danach klingt, als störe sie die neue Polizeipräsenz. Den Grund dafür will Frank herausfinden. Er lächelt.
Die Männer zahlen, stehen auf. Frank sieht zwei von ihnen frontal. Jünger als er sind sie, aber auch nicht jung. Anfang, höchstens Mitte dreißig. Von den beiden anderen sieht er nur die Hinterköpfe. Keine grauen Haare. Eine Halbglatze. Alle sind sie braungebrannt. Einer mit blendend weißen Zähnen setzt den Hut mit der unscheinbaren Feder auf. Frank hält ihn für den Kinogeher, der aus Los Angeles gekommen ist, wo der neue Murphy-Film schon läuft. Er notiert es und dass die Feder von einer Meise stammen könnte. Man weiß nie, wann und welche Details wichtig sein könnten. Als die Tür ins Schloss fällt, ruft er die Kellnerin. Er gibt ein gutes Trinkgeld, setzt seinen Hut auf, nimmt die Zeitung, verabschiedet sich.
Draußen bemerkt er in der erdrückenden Hitze nicht, dass die schwarze Katze aus dem Schatten des Zeitungsautomaten verschwunden ist, aber dass die Zielpersonen auf halbem Weg zur Ampel bei jener Kreuzung sind, an der er abgebogen war. Er kann sich Zeit lassen. Die breiten Straßen, die vielen Häuserlücken, die stechende Sonne machen es den Männern unmöglich, sich vor ihm zu verstecken. Und sie wissen nicht, dass er ihnen auf den Fersen ist. Sie überqueren die Straße nicht, verschwinden nach rechts hinter einem Kino.
Frank geht Richtung Ticketschalter im offenen Eingangsbereich. Das Kino ist geschlossen. In einer Matinee um halb eins wird The Story of Will Rogers von Michael Curtiz gezeigt. Er kennt die Kritiken. Das Poster hängt in einem Kasten an der linken Wand des Eingangs, an der die Männer eben vorbeigegangen sind. Curtiz macht gute Filme. Frank hat den Regisseur einmal persönlich getroffen, glaubt er zu wissen, erinnert sich aber nicht, dass er ihn am Erzberg gesehen hat. Dort hat Curtiz, der damals noch Mihály Kertész hieß, einen Film gedreht. Dieser Drehtag, mit dem seine Flucht aus Österreich begonnen hatte, ist oft Kulisse für Franks Albträume. Er muss einmal gewusst haben, dass Curtiz und Kertész ein und dieselbe Person sind, doch hat der viele Alkohol dieses Wissen wohl aus ihm gespült. Beim Betrachten des Posters erinnert er sich nur, dass er viele Filme von Curtiz mag und Will Rogers gemocht hat, der tragisch bei einem Flugzeugabsturz starb. Im Film wird er von seinem Sohn gespielt.
Schwer löst Frank sich vom Poster, geht das kurze Stück weiter zum Ende der Wand und lugt um die Ecke. Er sieht eine Einbahn, die in einer kreisförmigen, sandigen Kehre endet, wo ein Gebäude aus Backstein steht. Die Männer gehen darauf zu. Ein weißer Schriftzug über den drei Rolltoren weist es als Joe’s Garage aus, eine offensichtlich außer Betrieb stehende Autowerkstatt mit Tankstelle. Auf halbem Weg zwischen Gebäude und Kehre stehen einige Zapfsäulen. Die Werkstatt hat keine Nachbarn. Struppiges Gebüsch markiert die vagen Grundstücksgrenzen. An der rechten Seite ragt eine große mitgenommene Plakatwand auf, die einmal Bauland angepriesen haben mag. Der Wind hat die Aufschrift mit Sand ausgelöscht. Dem rechten der drei Paneele, aus denen die Wand besteht, fehlt die rechte untere Ecke.
Die Männer besprechen etwas, bevor sie die Werkstatt betreten. An die Wand des Kinos gelehnt, wartet Frank. Bis auf die Männer ist die Einbahn menschenleer. Er grinst. Das macht die Sache einfacher. Der Mann mit der Halbglatze, offenbar der Besitzer, sperrt eine Tür neben dem äußeren linken Rolltor auf. Die anderen Männer folgen ihm hinein.
Gemessenen Schritts nähert Frank sich dem Gebäude. Details werden erkennbar. Das rechte Paneel der Plakatwand wurde angeschossen. Um die Bruchstelle sind Einschusslöcher von Schrot zu sehen. Dahinter beginnt der Wilde Westen: Sand, Steine, Sträucher, Kakteen im Vordergrund, in der Ferne Berge. Vielleicht haben sich die Schützen auch auf den Rolltoren verewigt. An einigen Stellen ist das Metall eingedrückt, an anderen zerkratzt, angeschrieben oder sonstwie verunstaltet. Das Glasfenster in der Eingangstür ist eingeschlagen. Es gibt keine Kundschaft mehr. Das Fenster musste nicht ersetzt werden. Frank befühlt seinen Hüftholster, den Griff der Waffe darin, fährt sich über die Stirn. Sie ist trocken. Sein Grinsen wird breiter. Die Jagd hat begonnen.
Er geht zur Tür, hinter der das Büro sein muss. In der leeren Werkstatt hallt es. Der dumpfe Klang eines Büros wird den Zielpersonen vertrauenerweckender erscheinen. Kurz blickt er zur Rückseite des Gebäudes, kann nicht viel erkennen und wird vom Licht abgelenkt, das eben durch das Loch in der Tür dringt. Es ist zu verlockend. Er drückt seine linke Schulter gegen die Wand neben der Tür, blickt in die Halle, wo er glaubt, eine Hebebühne erkennen zu können. Schnell duckt er sich. Denn sicher ist, dass er den Mann mit der Feder am Hut gesehen hat. Frank läuft um die Ecke auf die Südseite des Gebäudes, starrt zur Tür und wartet.
Niemand kommt, um nachzusehen. Da dringen schwach Stimmen an Franks Ohr. Er blickt entlang der Südseite des Gebäudes und sieht Glas auf Schotter unter einem Fenster. Vermutlich nicht das Werk der schießwütigen Eindringlinge, da die Glassplitter außerhalb des Gebäudes liegen, das Fenster also von innen eingeschlagen oder durchschossen worden sein muss. Die Stimmen müssen aber aus diesem Fenster kommen. Frank schleicht vorsichtig darunter hindurch und richtet sich an der Wand auf, die im Schatten liegt, einigermaßen kühl ist. Von hier aus kann er hinter das Gebäude sehen. Früher müssen dort die Autos der Kunden gestanden haben. Jetzt ist der Platz mit Gerümpel vollgestellt. Hier könnte Frank sich bestimmt verstecken, wenn er müsste. So weit ist es aber noch nicht. Zunächst gilt es herauszufinden, worum es hier eigentlich geht.
»Ein Closed Shop«, sagt eine der Zielpersonen verärgert. Ein mehrstimmiges Brummen ist die Antwort. Frank weiß nicht, warum. In seinem Notizblock findet er die Erklärung für das Wortspiel. Closed Shops waren Betriebe, in denen nur Gewerkschafter eingestellt werden durften. Vor einigen Jahren wurden sie per Gesetz bundesweit verboten. In Arizona wurde es strenger ausgelegt und zudem Union Shops abgeschafft, die jeden anheuern konnten. Neue Mitarbeiter mussten der Gewerkschaft aber innerhalb einer bestimmten Frist beitreten. In den nun vorherrschenden Open Shops fällt auch dieses Privileg der Gewerkschaften weg.
In Franks Erinnerung blitzt der silberne Zahn des Auftraggebers auf, der sich über diese Entwicklung gefreut hat. Frank liest die Zusammenfassung in seinem Block noch einmal, glaubt zu verstehen, was das Problem der Gewerkschaften mit dem Gesetz ist. Es bleibt ihnen nur der Streik zum Arbeitskampf. Das könnten Radikale ausnutzen wollen. Der Auftraggeber hat recht. Frank ist doch nicht umsonst hier. Er lauscht interessiert.
»Ja«, sagt der Kinogeher. »Es ist schwierig für uns. Nicht nur in Arizona. Aber hier könnte es, wie ihr wisst, noch schwieriger werden. Die Zeitungen berichten nichts darüber, weil sie dem Kapital hörig sind. Aus diesem Grund bin ich hier in Tucson. Die Gesetzesvorschläge, die im November im Rahmen der Präsidentschaftswahl zur Abstimmung stehen, müssen allen Arbeitern bekannt gemacht werden! Ihr wisst: Streiks sowie Solidarstreiks sollen ganz verboten werden. Bis zu tausend Dollar soll jedes Vergehen kosten.« Frank kann Gänsefüßchen beim Wort Vergehen hören. Ein Brummen kommt zur Antwort. Beides notiert er nicht, nur das Schlagwort selbst, also Streik. »Zusammen mit anderen Gesetzen würde das unsere Arbeit hier de facto beenden. Aber gerade in Arizona, das immer schon ein Vorreiter bei der Einschränkung von Arbeiterrechten war, wäre es wichtig zu gewinnen. Es ist ein Vorbild für das Kapital. In Nevada werden Gesetze zur Abstimmung stehen, die eins zu eins Kopien jener aus Arizona sind. Wir müssen hier wie dort einen Sieg des Kapitals verhindern!«
Der Ausruf des Kinogehers, der so geklungen hat, als hätte er das Wort Kapital heute zum ersten Mal ausgesprochen, dringt durch das zerbrochene Fenster, verweht in einer heißen Bö. Frank fächelt sich Luft mit der Zeitung zu. Ein Foto zeigt ein Auto auf einer der breiten Straßen Tucsons, das von Männern geschoben werden muss, weil es so tief im Wasser steht. Unmöglich kann das gestern Nacht gewesen sein. Frank schlägt die Zeitung in der Mitte auf, faltet sie gegen den Falz um. Die Mitte ist nun außen. Das ist stabiler, gibt mehr Wind, will er glauben. Selbstverständlich hat er die Zeitung aber gefaltet, weil er sich nicht erinnern will, den Regen nicht wahrgenommen zu haben. Die sinnlich erfasste Wirklichkeit ist das Einzige, was ihm geblieben ist, das einzig Wahre, auf das er sich noch einen Reim machen kann.
Der Kinogeher lacht. »Entschuldigt«, sagt er, »ich arbeite schon an meiner Rede.«
Ein schwaches Lächeln antwortet ihm, vermutet Frank, weil nichts zu hören ist. Er grinst, notiert: Veranstaltung, Rede. Er hat sie bei der Planung einer Aktion auf frischer Tat ertappt.
»Wir wissen, warum wir hier sind«, sagt der Kinogeher, klingt betreten, »aber bevor wir zur Tat schreiten, wollte ich von euch wissen, wie die Stimmung in der Stadt ist.«
»Schlecht«, sagt jene Stimme resigniert, die den Kinogeher im Diner zum Gehen aufgefordert hat. »Du hast sicher vom Fleischerstreik hier gehört.« Frank stellt sich ein Nicken vor. »Gegen Ende, als klar wurde, dass die Fleischer mehr Lohn erkämpfen würden, hat der Zentralrat der Gewerkschaften von Tucson so getan, als hätte er den Streik mitgetragen. Als die Kommission für Arbeitssicherheit den Fleischern dann aber das Arbeitslosengeld für die Streikdauer verwehrt hat, wurden sie vom Zentralrat einfach fallen gelassen, der sich eine neue Gruppe ausgesucht hat. Der Sprecher meinte, sie hätten den Arbeitern in den großen Supermärkten mit Fleischabteilungen, die mitgestreikt haben, geholfen, an ihr Arbeitslosengeld zu kommen. Dass ich nicht lache!«
Ein Knall erschreckt Frank, der Schlag einer offenen Hand auf einen Tisch.
»Entschuldige«, sagt der Mann wohl zum Kinogeher, der sich ebenfalls erschreckt haben muss. »Auch die Bergleute hat es schwer getroffen. Im Juli hat eine Mine zwanzig Meilen südlich von hier geschlossen. Die Bleipreise stagnieren, behauptet der Konzern. Es hat dort eine große, kämpferische Gewerkschaft gegeben, zweihundertsiebzig Mitglieder, CIO. Sie waren auf unserer Seite. Jetzt sind alle arbeitslos. Die Kommission hat ihnen Arbeitslosengeld zugestanden, aber weniger als erwartet.« Eine Pause. »Und natürlich hat der Zentralrat nichts gemacht!« Der Ärger ist zurück in der Stimme. »Aber was hätten wir anderes erwarten sollen. Die meisten Vorsitzenden sind jene, die damals sofort den Schwur abgelegt haben, keine Kommunisten zu sein. Die von der AFL sowieso, aber auch die von der CIO.«
Frank grinst. Das Red Squad der Polizei in Los Angeles hat Zwietracht in Gewerkschaften gesät, indem sie eine Gruppe verprügelt, die andere verschont hat. Die Verprügelten haben eine Zusammenarbeit der Verschonten mit den Behörden vermutet. Aber meist mussten sie gar nichts machen und die Gewerkschaften zerfleischten sich selbst. Gegenseitig und intern. Wie jetzt anscheinend die beiden größten Gruppen AFL und CIO in Tucson. Frank hat sich die Bedeutung der Akronyme im Gespräch mit dem Auftraggeber notiert. Darunter vorstellen kann er sich nicht viel. Der Kinogeher muss aber von der CIO, der verärgerte Mann ein ausgeschlossenes Mitglied dieser Gewerkschaft, ein Kommunist und wie die beiden anderen Männer vermutlich einer der Hintermänner sein, von denen der Auftraggeber gesprochen hat. Sie sind keine offiziellen Mitglieder mehr, haben jedoch noch Einfluss auf andere Mitglieder. Das zu unterbinden oder die Hintermänner wieder auf Linie der Gewerkschaften zu bringen muss der Auftrag des Kinogehers sein. Die Kommunisten scheinen aber skeptisch. Darunter kann Frank sich mehr vorstellen: Konflikte konkreter Menschen statt zwischen abstrakten Akronymen.
Doch sein Grinsen schwindet. FdBfS, UdBÖ oder später VdBÖ, die sperrigen Akronyme für den Fachverein der Bergarbeiter für Steiermark und die Union der Bergarbeiter Österreichs, die sich später Verband nannte, die neuen freien Gewerkschaften also, drängen sich ihm auf, oder, wie er plötzlich fürchtet, werden ihm aufgedrängt. Sein Vater war bis zu seinem Tod Mitglied der Ortsgruppe Eisenerz der Union gewesen. Ein paar Jahre nach dem überlebten Ersten Weltkrieg war er beim Dreh des Films von Mihály Kertész auf dem Erzberg gestorben. Frank will nicht daran denken, wird jedoch von der Erinnerung bedrängt.
»Ich weiß«, sagt der verärgerte Mann und rettet Frank vor der Bedrängnis, »es ist nicht das Wichtigste, aber der Wegfall der Bergleute reißt eine große Lücke in die Streikkassen.«
»Nein, nein«, versichert der Kinogeher. »Das ist schon wichtig. Denn wenn Streiken neben der fehlenden Kompensation durch ein Arbeitslosengeld zusätzlich eine Geldstrafe bedeutet, ist eine gut gefüllte Streikkasse für jede Gewerkschaft in Arizona Pflicht. Und da muss ich euch gegenüber ein heikles Thema ansprechen: Gemeinsam sind wir stärker, gemeinsam können wir mehr Leute von der Sache überzeugen, die im Grunde doch in unser aller Interesse ist. Wir müssen zusammenarbeiten. Nur so können wir gewinnen.«
Ein Brummen antwortet ihm, auf das ein Scharren folgt, als ob ein Stuhl verschoben wird. Dann nichts. Niemand verlässt das Büro. Frank sieht auf die Uhr. Eine halbe Stunde sind sie schon hier. Bald wird der Schatten an der Südseite der Werkstatt verschwunden sein. Er hofft, die Gewerkschafter beeilen sich.
»Gut«, sagt der andere Mann, »lass hören, was du vorhast.«
»Danke«, sagt der Kinogeher. »Die Wahl ist nicht mehr lange hin. Als ersten Schritt müssen wir die Leute informieren, was auf sie zukommen könnte. Dazu müssen wir die Frauenorganisationen miteinbeziehen. Die machen ja bereits Veranstaltungen zur Wählerregistrierung, wie ich heute im Labor Temple gehört habe. Dort wären die Veranstaltungen wie ich sie mir vorstelle auch möglich, aber hier, in deiner Werkstatt, Joe, wäre es besser. Ein ehemals gut gehender Betrieb, von den strengen Gewerkschaftsgesetzen in Arizona zerstört und nun ein Treffpunkt für Gleichgesinnte!«
Schweigen antwortet ihm. Frank ist enttäuscht. Er hätte sich mehr erwartet. Streiks und Gewalt, wie er es vom Red Squad gehört hat, die ungestraft Rote verprügelt hatten. Diese Geschichten haben ihm gefallen, obwohl er in seinem ersten Leben in Österreich geglaubt hat, selbst ein Roter wie sein Vater zu sein.
Erneut bedrängt von der Vergangenheit, drückt er sich fest gegen die Wand. Die Geschichten hinter den Namen sind zu erahnen, die Schwärzungen in seinem Gedächtnis werden langsam weggeschabt. Seine Eltern Hans und Friede, sein Kamerad Kurt bei der Gendarmerie in Eisenerz, der alte Karger. Frank strengt sich an, will sie Namen bleiben lassen, spürt im Luftzug durch die gefächelte Zeitung Schweiß auf Stirn und Nase.
»Hollywood«, ruft ein Mann, der bisher geschwiegen hat. Frank ist erleichtert. Der Auftrag holt ihn in die Gegenwart zurück. »Eine hollywoodwürdige Produktion. Natürlich, super Idee! Nur euch kann sowas einfallen. Und du weißt genau, warum Joe zusperren musste. Die Transporteure, eure Jungs, haben ihm nach seiner Weigerung, den beschissenen Schwur, kein Kommunist zu sein, abzulegen, keine Aufträge mehr gegeben, das Pack! Mit netten Worten und der Aussicht auf ein paar Picknicks hier, kannst du bei uns nichts reißen und wirst auch die anderen von einer Rückkehr zu euch nicht überzeugen können, die Skeptiker, wie du sie am Telefon genannt hast. Skepsis. Ha! Das ist keine Skepsis mehr. Die Fleischer hassen euch auch schon so sehr wie wir! Einmal hättet ihr euch solidarisch zeigen können, wovon ihr ja ständig redet, hättet ihnen nur beistehen müssen. Aber natürlich habt ihr die Verhandlung über das Arbeitslosengeld mit der Kommission zur Wahrung einer guten Gesprächsbasis für die Zukunft abgebrochen, oder was auch immer für ein Scheiß in eurer Aussendung stand!«
»Beruhig dich«, sagt der wieder enttäuscht klingende Joe. »Es bringt nichts. Wir sind fertig hier.«
»Wartet doch«, verlangt der Kinogeher. »Wenn wir keine gemeinsame Grundlage haben, dann sind andere Aktionen unmöglich, versteht das doch!«
Das Bewegen von Stühlen und das Quietschen einer Tür antworten ihm. Frank hört auf zu fächeln, schleicht sich entlang der Mauer unter den Fenstern durch zur Häuserecke, wo kein Schatten mehr ist. Die Krempe seines Hutes ist zu schmal. Er muss sich zusätzlich mit der Zeitung gegen die Sonne schützen, die in einem unguten Winkel steht und ihn blendet.
»Kommst du, Hollywood«, fragt Joe herausfordernd, als er aus seiner Werkstatt tritt. »Ich werde abschließen. Du kannst gerne hierbleiben. Aber nachts sind die Ratten hungrig.«
Hollywood bleibt auf der Schwelle stehen, hebt seinen Hut mit der unscheinbaren Feder, wischt sich Schweiß von der Stirn, versucht noch einmal, die anderen von seinem Plan zu überzeugen, der auch Frank lächerlich erscheint. Die Zeitung zwischen die Knie geklemmt, notiert er Hollywoods neuen Versuch. Auch die Adresse der Werkstatt schreibt er jetzt auf. Der Auftraggeber, seine Freunde vom FBI werden über Joes Namen jene seiner Genossen herausfinden, von denen Frank vermutet, dass sie für Joe in seiner Werkstatt gearbeitet haben. Ob das FBI oder der Auftraggeber aber etwas mit dieser Information anfangen können, bezweifelt er. Um dem Auftraggeber was für sein Geld zu bieten, wird er noch ein paar Tage hierbleiben, um sich umzuhören. Er wird den Kommunisten folgen, die ihm interessanter als Hollywood erscheinen. Wenn sie wirklich die Hintermänner sind, könnten sie ihn zu den anderen Radikalen führen. Der Auftrag, die neue Geschichte sind noch nicht zu Ende. Er kann in der Gegenwart bleiben, denkt er dankbar.
Hollywood hält aber alles auf. Er diskutiert mit den Kommunisten, hält an seiner Idee einer großen Veranstaltung in Joes geschlossener Werkstatt fest. Frank muss die Zeitung wieder zum Schutz über die Krempe seines Hutes halten. Sonnenlicht drückt schwer auf seine rechte Hand, die Namen aus seinem Gedächtnis auf seine Gedanken. Er schaut nach oben, kann einen kurzen Artikel lesen. Der Stammesrat der Navajo diskutiert, ob sie drei riesige Ranches in New Mexico kaufen sollen. Frank fragt sich, ob das Uran sie vertrieben hat.
Joe schließt ab. Hollywood schaut enttäuscht zu. Die Zeitung zwischen den Knien, notiert Frank: Keine Einigung, Werkstatt um zehn Uhr verlassen. Er schließt den Block, steckt ihn und den Bleistift in die Brusttasche seines Sakkos und bemerkt im Schatten einer Zapfsäule eine schwarze Katze, die einen Buckel macht, als sie seinen Blick bemerkt.
Das Spiel der Muskeln ist für Frank trotz der großen Distanz als weißer Glanz auf dem schwarzen Fell sichtbar. Das dürfte im Schatten nicht möglich sein. Und doch glänzt es. Das Bild der schwarzen Katzen vor seinem Hotel und Minerva’s Café blitzt kurz in ihm auf, wird aber sofort vom Katzenfell überstrahlt, das seine Großmutter im Garten aufgespannt hat. Es war die Katze gewesen, die er vom Bahnwärter bekommen hatte. Durch das blutige, schwarze Fell schimmert die Sage seines Großvaters hervor, die von einem Geist erzählt, der sich in eine schwarze Katze verwandeln soll, wenn er jene Menschen quälen will, die ihn beschworen, aber nicht ausreichend zu Essen gegeben haben.
Frank nimmt die Zeitung in die Hand, will den Namen des Geistes verdrängen, sich vom Sonnenlicht wie vom Anblick der Katze bei der Zapfsäule und von den Erinnerungen schützen. Er merkt nicht, dass er die Zeitung umgedreht hat. Zwischen Todesanzeigen und einer Werbung für Plastiküberzüge für Autositze sticht ihm eine Meldung ins Auge:
Der Mann, der versuchte, den Tod seiner Angebetenen zu verhindern, ist tot
ZEPHYRHILLS, Florida, 14. August (AP) – Carl Tanzer nahm heute seinen größenwahnsinnigen Traum von einer Liebe, die den Tod verhindern könnten, mit ins Grab.
Als Frank beim Lesen von Tanzers Namen, dem jähen Erinnern der unabgeschlossenen Geschichte dahinter einen Schritt nach vorn macht, tritt er in ein Schlagloch in der Auffahrt zur Werkstatt, stolpert und lässt die Zeitung fallen, oder er fällt und die Zeitung mit ihm. Unter dem Gewicht seines außer Form geratenen Körpers birst ein vertrockneter Strauch, was weder Aufschlag noch Stöhnen dämpfen kann. Die Gewerkschafter wenden sich Frank zu.
Joe blickt von Frank zu Hollywood. »Verdammtes Schwein«, schreit er. »Bist du doch ein Lockspitzel! Ein dreckiger, stinkender Spitzel! Und einen Protokollführer hast du auch gleich mitgenommen! Gut organisiert euer Scheißverein. Ich hab die anderen gewarnt, aber doch gehofft … Ach, vergiss es. Ich will es nicht wissen. Viel Glück weiterhin. Arschlöcher.«
Frank richtet sich auf. Die Männer lassen Hollywood stehen. Dessen Blick schnellt von ihnen zu Frank, der Ästchen und Sand vom Sakko klopft, seinen auf den Boden gefallenen Hut aufhebt. Jack wird sich ärgern, der Auftraggeber vermutlich nicht. Frank hat die Arbeit der Gewerkschaften in Tucson gestört, hätte aber mehr herausholen können, wäre er unentdeckt geblieben. Die Kommunisten werden noch wachsamer sein. Mist.
Aber Tanzer ist tot! Frank will wissen, wie es passiert ist, bückt sich nach der Zeitung, will wissen, ob es wahr ist. Zephyrhills … Er weiß, er muss zurück nach Florida, muss Tanzers Namen auf dem Grabstein sehen. Dieser Anblick wäre untrüglicher, als ein Zeitungsbericht oder ein Wörterbucheintrag je sein könnten. Wenn Tanzer wirklich tot wäre, könnte Frank dessen Geschichte endlich ein Ende geben, sie vergessen und aus den Albträumen verbannen.
Hollywood geht auf Frank zu. Frank erwartet ihn grinsend. Hollywood. Der Name passt zu ihm. Der Gewerkschafter fühlt sich in einem Film.
