Spuren lesbar machen - Edith Blaschitz - E-Book

Spuren lesbar machen E-Book

Edith Blaschitz

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Beschreibung

Verschiedene Aspekte und Möglichkeiten im Umgang mit der NS-Geschichte anhand eines transdisziplinären Beispiels. Der ehemalige Zwangsarbeitsstandort im Granitwerk Roggendorf steht exemplarisch für jene Orte nationalsozialistischer Gewalt, die nach 1945 weitgehend unbeachtet blieben. Zwischen 1941 und 1945 wurden dort Kriegsgefangene, "Ostarbeiter" sowie ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter:innen zur Arbeit gezwungen. Sichtbare Spuren dieses historischen Tatorts sind heute kaum mehr vorhanden; eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Geschichte setzte erst spät ein. Das Buch, dem ein Forschungsprojekt zugrunde liegt, widmet sich der Frage, wie solche vergessenen Gewaltorte heute erforscht, vermittelt und historisch kontextualisiert werden können. Im Mittelpunkt steht eine transdisziplinäre Arbeitsweise, die historische Forschung, künstlerische Praxis sowie partizipative Zugänge und den Einsatz digitaler Technologien miteinander verbindet. Zentral sind dabei postmemoriale Perspektiven, die Zusammenarbeit mit Nachkommen sowie Konzepte multidirektionalen Erinnerns im Sinne einer offenen, relationalen Gedächtnisarbeit. Durch die Arbeit am konkreten Ort, die Reflexion über Formen der Darstellung sowie die Einbindung verschiedener Akteur:innen entstehen neue Wege, nationalsozialistische Gewaltgeschichte in gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse zu überführen – mit dem Ziel, komplexe geschichtskulturelle Dynamiken sichtbar und verhandelbar zu machen.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Edith Blaschitz, Martin Krenn (Hrsg.)Spuren lesbar machen

 

 

 

in memoriamHeidemarie Uhl

Inhaltsverzeichnis

Edith Blaschitz, Martin Krenn

Zwangslager im NS-Alltag: Neue Formen der Geschichtsaufarbeitung zwischen Kunst und Wissenschaft

Aleida Assmann

Die Erinnerung an Zwangsarbeit – Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Der Granitsteinbruch

Edith Blaschitz, Martin Krenn, Heidemarie Uhl, Georg Vogt

Spuren lesbar machen an ‚unsichtbaren‘ Orten des NS-Terrors. Kunst, Wissenschaft, Partizipation und digitale Technologien als Assemblage

Wolfgang Gasser

Die Geschichtswerkstatt im Projekt

Claudia Theune

Spuren lesbar machen – das Fallbeispiel Roggendorf

Edith Blaschitz

Das vergessene Lager? NS-Zwangsarbeit im Granitwerk Roggendorf

Historische Bilder 1918–1970

Erinnerungen und Reflexionen

Ferdinand Melichar

Da war nix (2021)

Mira Knei-Paz

Vom Mythos zur Wirklichkeit

Wolfgang Liko

Die Himmel über Pulkau

Mirjam Rajner

Das Lager

Agnes Bankier

Erinnerungen in meiner Familie

Lukas Jäger

„Was hat eigentlich Uropa zur Zeit des NS-Terrors gemacht?“ Eine Spurensuche

Herta und Herbert Puschnik

Eindrücke von der im Jahre 2022 in Pulkau durchgeführten „Geschichtswerkstatt Pulkau“

Ludwig Wurst

NS-Zwangsarbeit in Rafing, Missingdorf, Kattau, Röhrawiesen und Theras

Das Areal des Granitwerks Roggendorf (2017–2024)

Kunst als vermittlerische Praxis

Martin Krenn

Künstlerische Interventionen in Erinnerungskultur und Geschichtspolitik

Martina Genetti

Über fragmentarische (Gedächtnis-)Landschaften und digitale Erinnerungsräume

Rosa Andraschek

Memory Spaces

Cornelia Offergeld

„Der Steinbruch, das Lager und die Ortschaften“, ein Projekt von Martin Krenn

Martin Krenn

Der Steinbruch, das Lager und die Ortschaften

 

Autor:innen

Abbildungsnachweis

Edith Blaschitz, Martin Krenn

Zwangslager im NS-Alltag: Neue Formen der Geschichtsaufarbeitung zwischen Kunst und Wissenschaft

Der „Reipersdorfer Steinbruch“, so die lokale Bezeichnung, liegt in den Katastralgemeinden Roggendorf und Groß-Reipersdorf, zwischen Pulkau und Röschitz, unweit der österreichisch-tschechischen Grenze. Wer das weitläufige Areal betritt, findet neben den ehemaligen Bruchkanten offene Wiesenflächen und lichten Gehölzbestand vor. Einige Gebäuderuinen sind zu sehen, ein ehemaliges Trafohäuschen, Grenzpfeiler aus Beton und überwachsene Bahngleise. Sichtlich jüngeren Datums ist ein schlichtes, auf Steinmauern gebautes Haus mit Bühne, in dem öffentliche Veranstaltungen stattfinden. Wie Graffiti an den Gebäuderuinen zeigen, wird der Ort auch außerhalb organisierter Veranstaltungen aufgesucht – vermutlich von Jugendlichen, die hier laut Anwohner:innen gelegentlich Partys feiern. Im lokalen Gedächtnis verankert ist der einstige Badeteich, der durch Versprengungen im Steinbruchgelände entstanden war und später wieder versickerte. In den Nachkriegsjahrzehnten war er ein beliebter Badeplatz inmitten idyllischer Natur. Die historischen Schichten des Steinbruchgeländes mit „lost place“-Atmosphäre sind für Besucher:innen heute nicht mehr zu entschlüsseln. Die materiellen Relikte stammen vorwiegend vom „Granitwerk Roggendorf“1, in dem seit Ende des 19. Jahrhunderts Granit abgebaut wurde und das in der wirtschaftlich benachteiligten Region ein wichtiger Arbeitgeber war. Seine wirtschaftliche Blütezeit erlebte das Werk in den 1920er Jahren – zu dieser Zeit waren hier rund 300 Steinbrucharbeiter beschäftigt. Besonders schwierig ist es, Spuren aus der NS-Zeit zu entdecken. Dass ab 1941 im Granitsteinbruch Kriegsgefangene, ukrainische und sowjetische Zwangsarbeiter:innen sowie ab November 1944 in die „Ostmark“ verschleppte ungarisch-jüdische Familien zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden, war bis in die jüngste Vergangenheit weder am historischen Ort sichtbar noch im regionalen Gedächtnis verankert. Auch nachdem die Künstlerin Maria Theresia Litschauer 2006 in einer Publikation erstmals auf die ungarisch-jüdische Zwangsarbeit in den „Granitwerken F. Geisler“ hinwies,2 blieb eine weitere Auseinandersetzung damit aus.

Die Geschichte des NS-Zwangslagers im Granitwerk Roggendorf und die fehlende Auseinandersetzung damit steht exemplarisch für unzählige, heute weitgehend vergessene Orte nationalsozialistischer Gewalt. Das nationalsozialistische Deutsche Reich, einschließlich der ab 1938 eingegliederten „Ostmark“, war von einem dichten Netz von Zwangslagern durchzogen.3 In diesen Lagern wurden entsprechend der Nazidiktion rassifizierte Menschen, politische Gegner:innen, Kriegsgefangene, ausländische zivile Zwangsarbeiter:innen, als „asozial“ Stigmatisierte und andere vom NS-Regime ausgegrenzte Menschen festgehalten. Die Lager dienten der Disziplinierung, der Bestrafung, der Entmenschlichung und Unterdrückung oder gar der physischen Vernichtung. Darüber hinaus war die systematische Ausbeutung der Arbeitskraft ein zentrales Fundament des NSLagersystems. Die in den Lagern Internierten wurden in Industrie-, Gewerbe-, Handwerks- und Handelsbetrieben, im Straßenbau und in der Landwirtschaft zur Arbeit gezwungen. Auch in privaten Haushalten wurden Zwangsarbeiter:innen eingesetzt. Insgesamt wird die Zahl der Zwangsarbeiter:innen im Reichsgebiet auf 13 Millionen geschätzt, davon rund eine Million in der „Ostmark“.4 Ihre Lebensbedingungen und der Umgang mit ihnen wurden maßgeblich durch ihre Position innerhalb der rassenideologischen Hierarchie des NS-Systems bestimmt: Westliche Kriegsgefangene wurden aufgrund der ihnen zugeschriebenen „rassischen“ Gleichwertigkeit und aufgrund internationaler Militärschutzbestimmungen in der Regel besser behandelt als zivile „Ostarbeiter“ und sowjetische Kriegsgefangene, die als „minderwertig“ diffamiert wurden und besonders harten Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgesetzt waren. Am unteren Ende der Hierarchie standen KZ-Häftlinge sowie zur Zwangsarbeit eingesetzte jüdische Verschleppte, die völlig rechtlos als Sklavenarbeiter:innen ausgebeutet wurden.

Für Österreich hat das Bundesdenkmalamt 2022 anhand von Sekundärliteratur Hinweise zu 2.115 NS-„Opferorten“ zusammengetragen – die meisten davon sind NS-Zwangslager.5 Diese Zahl, die bereits hoch erscheint, ist jedoch nur als untere Grenze zu sehen. Es kann davon ausgegangen werden, dass während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiter:innen, insbesondere Kriegsgefangene und zivile ausländische Zwangsarbeiter:innen, in fast jedem Ort der „Ostmark“ zum Einsatz kamen und dort untergebracht waren.6 Zwangsarbeiter:innen waren, wie Florian Freund schreibt, „eine Selbstverständlichkeit und gehörten zum Alltag des Krieges.“7 Lager und Sammelunterkünfte für Zwangsarbeiter:innen befanden sich häufig in der unmittelbaren Umgebung der einheimischen Bevölkerung, die auf vielfältige Weise auch in das System der Zwangsarbeit und Lager eingebunden war: als ‚Arbeitgeber:innen‘, als ‚Arbeitskolleg:innen‘ oder in der Organisation der Lager und der Zwangsarbeit. Die Bandbreite des Umgangs mit den Zwangsarbeiter:innen war groß – von der bewussten Ausnutzung des menschenverachtenden Systems für den eigenen Profit bis hin zur Hilfe und Unterstützung für die Internierten, verbunden mit dem Risiko der eigenen Gefährdung.

Untergebracht waren die Zwangsarbeiter:innen in Sammellagern und lagerähnlichen Unterkünften direkt bei ihren ‚Arbeitgeber:innen‘ oder in der Nähe der Arbeitsstätten. Eine Sammelunterbringung erfolgte häufig in Bestandsgebäuden – in leerstehenden Häusern, Wirtschaftsgebäuden, Gasthaussälen oder in umfunktionierten Gemeinschafts- und Freizeiteinrichtungen. Bei hohem Arbeitskräfteund somit Unterbringungsbedarf wurden Barackenlager errichtet.

Zwar unterschieden sich die Lebensbedingungen und Separationsvorschriften in den Lagern je nach Status der Internierten innerhalb der NS-Hierarchie – in jedem Fall sind NS-Zwangslager jedoch Repräsentationsorte von NS-Terror und systematischer Ausbeutung. Dennoch ist ihre Geschichte in vielen Fällen nicht mehr bekannt, nur wenige NS-Zwangslager wurden in Gedenkstätten umgewandelt. NS-Zwangsarbeit ist in Relation zur Geschichte der Shoah bis heute wenig im Blickfeld. Dies liegt nicht nur an der jahrzehntelangen Verdrängung der NSGeschichte in den Tätergesellschaften, die dazu geführt hat, dass diese Ereignisse und Erfahrungen erst spät wieder in das kollektive Bewusstsein zurückgeholt wurden. Auch die Allgegenwärtigkeit von NS-Lagern und Zwangsarbeit und die Tatsache, dass die Bevölkerung in einem so hohen Maße in das System Zwangsarbeit involviert war, hat – so paradox es klingen mag – zu ihrer späteren Unsichtbarkeit beigetragen. Die Anwesenheit von Zwangsarbeiter:innen als Normalität des Kriegsalltages und Zwangsarbeit als integraler Bestandteil der NS-Wirtschaft fanden in den deutschen und österreichischen Nachkriegsgesellschaften nur wenig Beachtung. Dementsprechend schwierig ist die heutige Rekonstruktion ihrer Geschichte. Verwaltungsakten, etwa in kommunalen Archiven, die den Arbeitseinsatz und die Unterbringung von Zwangsarbeiter:innen nachvollziehbar machen, wurden häufig nicht als archivwürdig eingestuft und nach Ablauf standardisierter Aufbewahrungsfristen vernichtet.

Aber auch der erinnerungskulturelle Fokus auf nur wenige zentrale NSGedächtnisorte hat sich als hinderlich für weitere Auseinandersetzungen erwiesen. Während etwa das KZ Mauthausen in Österreich zu einem ikonischen „lieu de mémoire“ wurde,8 sind andere Lager, darunter selbst ehemalige KZ-Außenlager, bis heute wenig bekannt. Vernichtungs- und Konzentrationslager wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Belzec, Sobibor, Majdanek, Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück, Dachau, Mauthausen und weitere Lager dieser Dimension haben unser Bild von nationalsozialistischen Lagern entscheidend geprägt und die Geschichte anderer NS-Lagerstätten in den Hintergrund gedrängt.

Trotz ihrer flächendeckenden Präsenz während der NS-Zeit und späterer Aufarbeitungsinitiativen – insbesondere nach dem Ende des kollektiven Schweigens ab den 1980er Jahren – sind heute viele ehemalige NS-Zwangslager nicht mehr als solche erkennbar. Die vielen Bestandsgebäude, die als Sammelunterkünfte für Zwangsarbeiter:innen dienten, wurden nach dem Krieg wieder für andere Zwecke verwendet. Barackenlager wurden abgetragen, ehemalige Lagergelände sind entweder Brachland oder mit Wohnsiedlungen, Parkplätzen oder Freizeitanlagen überbaut. Aber nicht nur materielle Spuren gingen verloren, sondern auch das Wissen um die Geschichte dieser Orte. Dies macht das Aufrechterhalten der Erinnerung, aber auch ihren Schutz schwierig. Orte ohne nachweisliche materielle Überreste aus der NS-Zeit können in Österreich nicht vom Bundesdenkmalamt unter Schutz gestellt werden. Öffentliches Aufsehen entsteht oft erst dann, wenn etwa Areale ehemaliger KZ-Außenlager bebaut werden sollen.9 Die gegenwärtige Herausforderung besteht also darin, die Erinnerung über die bekannten, als ‚authentisch‘ gewerteten und im öffentlichen Bewusstsein präsenten Orte hinaus auszuweiten und sich auch mit jenen Schauplätzen von NS-Terror und Ausbeutung auseinanderzusetzen, die auf den ersten Blick nicht dem erinnerungskulturell geformten und medial vermittelten Bild eines NS-Zwangslagers entsprechen.

Wie aber ist mit Orten umzugehen, deren Geschichts- und Erinnerungsschichten eine – um mit den bekannten Worten von Martin Pollak zu sprechen – von NS-Gewalt „kontaminierte“ Vergangenheit einschließen, die nicht mehr bekannt und nur noch selten durch zeitspezifische materielle Spuren fassbar ist? Trotz engagierter Einzelinitiativen oder wissenschaftlich fundierter Mapping-Projekte,10 die solche Orte auf digitalen Karten verzeichnen, steht eine breite Diskussion darüber, die zugleich eine Auseinandersetzung mit der Involvierung der Bevölkerung in das NS-Regime ist, noch aus. Für die Rekonstruktion und Vermittlung solcher verdrängter, ‚unsichtbarer‘ Geschichtsebenen bedarf es innovativer Zugänge – gängige Formate der Gedächtniskultur wie Denkmäler und Erinnerungstafeln stoßen hier an ihre Grenzen. Neue Formen der Geschichtsaufarbeitung und Auseinandersetzung sind aber auch deshalb gefragt, weil mit dem physischen Verschwinden der Zeitzeug:innen eine zentrale Säule bisheriger Vermittlungsarbeit entfällt. Die Rückkehr des Archivs und zunehmend fragmentiertere Erinnerungen prägen die nunmehrige Erinnerungsarbeit. Neue Formen der Bezugnahme und Vergegenwärtigung werden erforderlich.

Vor diesem Hintergrund wurde das transdisziplinäre Forschungs- und Vermittlungsprojekt „Spuren lesbar machen im NS-Zwangslager Roggendorf/Pulkau. Labor zu Kunst, Partizipation und digitalen Räumen“ (2021–2023)11 entwickelt und umgesetzt. Ausgehend vom Ort des Geschehens wurde versucht, durch historische Forschung, künstlerische Praxis, den Einsatz digitaler Technologien sowie die aktive Einbindung sowohl der lokalen Bevölkerung als auch der Nachkommen der ehemaligen Zwangsarbeiter:innen, die Geschichte des Ortes zu rekonstruieren und die unterschiedlichen, oftmals auch widersprüchlichen Narrative verschiedener Erinnerungsgemeinschaften sichtbar zu machen. Durch die Sichtbarmachung verschiedener historischer Erinnerungsschichten, insbesondere durch die Rückkehr der transnationalen Erinnerungen, die nach Michael Rothberg in einen multidirektionalen und dynamischen Dialog treten, wird ein Ort, der nur wenige oder gar keine Spuren aufweist – ein vermeintlich ‚leerer‘ Ort – wieder lesbar.12 Er wird zum vielschichtigen Erinnerungsraum individueller und kollektiver Erfahrungen, Traumata, Erzählungen und Gegen-Erzählungen.

Neue Formen der Geschichtsaufarbeitung am Beispiel des Granitwerks Roggendorf

Basis der Konzeption des Projekts „Spuren lesbar machen im NS-Zwangslager Roggendorf/Pulkau. Labor zu Kunst, Partizipation und digitalen Räumen“ (2021–2023) waren drei wesentliche Komponenten gegenwärtiger Erinnerungskultur:

1. die Wiederentdeckung und neue Bedeutung der Orte des NS-Terrors, die nach dem absehbaren Ende der Zeitzeug:innenschaft als materielle Trägermedien darauf verweisen, was hier geschah, und so zum Ankerpunkt für das Erzählen und Tradieren der Geschichte werden;

2. die Mikrogeschichte von NS-Terror und gewaltvoller Ausbeutung, das Interesse an deren konkreter Verortung im Lokalen – das „Lager vor der eigenen Haustür“;

3. aufbauend auf der Tradition von lokaler Geschichtsaufarbeitung und von Geschichtswerkstätten die aktive Beteiligung der Bevölkerung vor Ort.

Von diesen Grundannahmen ausgehend wurde ein Konzept entwickelt, das den historischen Ort – mit seinen materiellen und immateriellen Spuren (wie etwa die Erinnerungen) – mit wissenschaftlichen und künstlerischen Praxen der Aufarbeitung und Auseinandersetzung verband, die lokale Bevölkerung einbezog und digitale Technologien für die Umsetzung verwendete. Im Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Komponenten entstand ein sozialer Raum, in dem gemeinsam die Spuren des Ortes erforscht, dokumentiert und zugänglich gemacht wurden.13

Der Betrachtungszeitraum wurde über die NS-Zeit hinaus ausgeweitet. Durch eine zeitliche Längsschnittbetrachtung sollten die synchrone und diachrone Komplexität sowie die Veränderungen des Ortes nachvollziehbar gemacht werden. In die Vermessung des Ortes in Raum und Zeit wurden die Narrationen unterschiedlicher Akteur:innen und Erinnerungsgemeinschaften miteinbezogen.14 Dazu wurden zunächst historische Quellen genutzt, Interviews mit den letzten lokalen Zeitzeug:innen, die die NS-Zeit als Kinder und Jugendliche erlebt hatten, geführt und das Gelände des Granitsteinbruchs untersucht. In Bezug auf die NSZeit wurden im Projektverlauf Erinnerungen von (Nachkommen der) jüdischen Zwangsarbeiter:innen zu einem wesentlichen Element der Rekonstruktion, das die kaum vorhandenen lokalen Erinnerungen an die NS-Zeit um neue (gegensätzliche) Narrative erweiterte. Die Schwierigkeit, möglichst viele Perspektiven miteinzubeziehen, wurde aber auch in diesem Projekt deutlich: Während, ausgehend von Informationen in internationalen Datenbanken, die Biografien von vier verschleppten ungarisch-jüdischen Familien rekonstruiert werden konnten, war dies im Falle der Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiter:innen nicht möglich. Hier konnten kaum Informationen gefunden werden.

Wesentlich war, dass bei der Lesbarmachung des Ortes – die gleichzeitig eine historische Rekonstruktion wie auch die Vermittlung dieser Geschichte umfasste – keine in sich geschlossene Erzählung angestrebt wurde. Insbesondere die künstlerischen Umsetzungen verweisen auf die Fragmentierung und Ambivalenz von Geschichte und Erinnerung – diese werden nicht geglättet, sondern bewusst in ihrer Vielschichtigkeit dargestellt. So wurden keine didaktischen Informationstafeln aufgestellt, die einen bestimmten Weg durch das Gelände weisen sollen. Stattdessen wurde das vorgefundene Areal weiterhin ‚unbehandelt‘ belassen und mit zwei Kunstprojekten, die parallel zur historischen Recherche realisiert wurden, digitale Erinnerungsräume geschaffen. Diese sind über Zugangscodes auf Infotafeln an den Eingängen des Areals mit Smartphones oder Tablets abrufbar. Die in diesen künstlerischen Umsetzungen enthaltenen Erinnerungssequenzen und Geschichten verlaufen nicht linear, sondern werden von den Besucher:innen zu einer eigenen „Erkundungsgeschichte“ zusammengefügt und mit den unterschiedlichen Artefakten, die sich auf dem Areal des ehemaligen Granitwerks befinden, in Beziehung gesetzt.

Nicht zuletzt wurde auch die ‚Wiederentdeckung‘ eines lange vergessenen Ortes des NS-Terrors in die Reflexion einbezogen, und damit auch ein Bezug zur Gegenwart hergestellt. Bereits während des Projektes wurde in der lokalen Geschichtswerkstatt die Frage, was es bedeutet, mit einem NS-belasteten Ort konfrontiert zu werden, diskutiert. Darüber hinaus verdeutlichen die Reflexionen und Erinnerungen der Nachkommen, die in diesem Band versammelt sind, welche Bedeutung Orte der Gewalt für die individuelle wie kollektive Erinnerung und Aufarbeitung haben – nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern auch für die folgenden Generationen.

Die Beiträge im Buch

Im Buch sind Beiträge versammelt, die sich dem Ort und der Auseinandersetzung damit auf unterschiedliche Weise annähern. Zunächst beschäftigt sich die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann mit dem Problem, dass die Geschichte der Zwangsarbeiter:innen weiterhin ein unterbelichtetes Kapitel der nationalsozialistischen Gewaltgeschichte ist. Trotz engagierter Einzelpersonen und Initiativen hat sie es schwer, sich sowohl in Deutschland als auch in Österreich im öffentlichen Bewusstsein neben der Erinnerung an die Shoah zu etablieren. Assmann zeigt, dass es heute zahlreiche Akteur:innen aus der Zivilgesellschaft gibt, die sich aktiv dafür einsetzen, lokale Erinnerungsorte zu erforschen, zu erhalten und sichtbar zu machen. Sie betont, wie wichtig es sei, diese Initiativen mehr in den Vordergrund zu rücken, um neue Kommunikationsformen zu entwickeln und frischen Ideen und Stimmen Gehör zu verschaffen, die außerhalb der gängigen Diskurse stehen.

Die detaillierte Mikrogeschichte des Granitwerks Roggendorf und seiner Umgebung, die Edith Blaschitz recherchiert hat, bringt zutage, dass der Ort schon vor der NS-Zeit ein Ort der Ausbeutung war – die Steinbrucharbeiter waren schlecht entlohnt und sozial wenig angesehen. Die Rekonstruktion der NS-Zeit in dem sehr kleinteiligen Raum um das Granitwerk macht klar, wie sehr die Bevölkerung in das System von Zwangsarbeit eingebunden war. Die Erinnerungen daran wurden lokal jedoch nicht bewahrt, selbst Hilfestellungen wurden kaum im Familiengedächtnis weitergetragen.

Der Beitrag von Edith Blaschitz, Martin Krenn, Heidemarie Uhl und Georg Vogt erläutert die bereits oben beschriebene transdisziplinäre Umsetzung des Projektes „Spuren lesbar machen im NS-Zwangslager Roggendorf/Pulkau“, die von der Stadtgemeinde Pulkau sehr unterstützt wurde.15 Ergänzend dazu beschreibt Wolfgang Gasser die in Pulkau durchgeführte „Geschichtswerkstatt“ mit Teilnehmenden aus der lokalen Bevölkerung. Der Bericht bezieht Eindrücke und Rückmeldungen von Teilnehmenden mit ein.

Claudia Theune nimmt eine archäologische Befundung des ehemaligen Granitwerks vor. Trotz des Verfalls der Gebäude und der Veränderungen in der Nachkriegszeit sind zahlreiche Spuren der Vergangenheit erhalten geblieben, die Einblicke in die Bedingungen der Zwangsarbeit und die Geschichte des Areals bieten.

Das Kapitel „Erinnerungen und Reflexionen“ öffnet die vielschichtigen Erfahrungs- und Erinnerungsebenen, die mit dem Ort des ehemaligen Granitwerks verbunden sind. Im Sinne von Hayden Whites Verständnis historischer Narrative16 wird der Ort aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und gedeutet. Der in der Umgebung des Granitwerks aufgewachsene Künstler Ferdinand Melichar schildert, wie er bereits sehr früh vergeblich versuchte, etwas über die Geschichte des Granitsteinbruchs zu erfahren, und viele Jahre später die Historikerin Heidemarie Uhl auf den Ort aufmerksam machte. Damit wurde die erneute Auseinandersetzung mit der Geschichte des Granitwerks in Gang gesetzt. Ludwig Wurst, Teilnehmer der lokalen Geschichtswerkstatt, erzählt von seiner Spurensuche nach Zwangsarbeit im eigenen Ort. Herta und Herbert Puschnik, die sich seit vielen Jahren mit der lokalen Geschichte beschäftigen und ebenfalls an der Geschichtswerkstatt teilnahmen, berichten davon, wie es ist, wenn der eigene Ort von außen mit der Tatsache konfrontiert wird, Schauplatz nationalsozialistischer Gewalt und Ausbeutung gewesen zu sein – und von ihrem eigenen erinnerungskulturellen Engagement. Nachkommen – sowohl der Granitwerkbetreiber als auch der jüdischen Zwangsarbeiter:innen – reflektieren die Vergangenheit aus persönlicher Betroffenheit. Was beide verbindet, ist ein familiäres Schweigen über die Ereignisse. Wolfgang Liko, der Enkel des Granitwerkverwalters während der NS-Zeit, erzählt vom Schweigen des Vaters und von der Begegnung mit Mira Knei-Paz, die als Tochter einer jüdischen Zwangsarbeiterin unweit des Steinbruchs geboren wurde. Lukas Jäger, der Urenkel des Granitwerkbetreibers, berichtet von seiner Erschütterung, als er von der Verstrickung seines Urgroßvaters in die NS-Zwangsarbeit erfuhr.

Aber auch in den Familien der ehemaligen jüdischen Zwangsarbeiter:innen wurde vielfach geschwiegen: Die nachfolgende Generation sollte nicht mit den traumatischen Erinnerungen belastet werden. Weitergegeben wurden meist nur einzelne Episoden und Geschichten, wie Mira Knei-Paz, Mirjam Rajner und Agnes Bankier schildern. Trotz der Fragmentiertheit der Erinnerungen machen diese Beiträge deutlich, dass lokal vermeintlich vergessene Orte von NS-Zwangsarbeit Schnittpunkte des transnationalen Gedächtnisses sind, die auch noch in den folgenden Generationen Bedeutung haben. In den weitergegebenen Erinnerungen ist „das Lager“ oder „der Steinbruch“ jedoch kein konkreter, geografisch lokalisierter Ort, sondern eine Metapher für das zugefügte Leid. Der Ort des Geschehens wird zum imaginierten Erinnerungsraum.

Das Kapitel „Kunst als vermittlerische Praxis“ wird von Martin Krenn durch einen Text zu künstlerischen Interventionen in Erinnerungskultur und Geschichtspolitik eingeleitet. Der Text thematisiert wegweisende Kunstprojekte der vergangenen vier Jahrzehnte und führt zwei Fallbeispiele aus seiner eigenen Praxis an. Durch die Konzepte des „Counter-Monuments“ sowie durch spezifische Umgestaltungen von Denkmälern und künstlerisch-performativen Ansätzen wird verdeutlicht, welche entscheidende Rolle die Kunst und Ästhetik bei der Aufarbeitung von Geschichte einnehmen kann. Martina Genetti beschreibt in ihrem Text anhand des digitalen Erinnerungsraums „Memory Spaces“, den die Künstlerin Rosa Andraschek für das NS-Zwangslager am Steinbruch umgesetzt hat, die komplexen Beziehungen zwischen Gedächtnislandschaften und digitalen Erinnerungsräumen. Durch das Projekt wurde ein Raum geschaffen, der es ermöglicht, die vielfältigen und oft überlagerten Erinnerungen an historische Ereignisse zu bewahren und neu zu interpretieren, während gleichzeitig die Leerstellen und das Schweigen in der Geschichtsschreibung angesprochen werden. Das künstlerische Insert von Rosa Andraschek gibt weitere Einblicke in ihr Projekt, das sich als offenes Archiv aus Erinnerungen an die jüdische Zwangsarbeit speist, aber auch den Prozess von Vergangenheitskonstruktion bewusst anspricht.

Das Projekt „Der Steinbruch, das Lager und die Ortschaften“, eine GPS-gesteuerte Web-App von Martin Krenn, wird von Cornelia Offergeld besprochen und in Zusammenhang mit weiteren Arbeiten des Künstlers, die sich mit Themen wie Nationalsozialismus und kollektiver Erinnerung befassen, gesetzt. Offergeld untersucht, inwieweit diese Projekte die Wahrnehmung von Geschichte transformieren und dadurch gesellschaftliche Diskurse über Vergessenes und Verdrängtes befördern können. Ergänzt wird der Text durch ein von Martin Krenn gestaltetes Insert, das Auszüge des gesprochenen Textes und eine Auswahl der Bilder aus seiner On-Site Web-App beinhaltet.

Diese Publikation und das zugrunde liegende Projekt wären ohne die Initiative und das unermüdliche Engagement von Heidemarie Uhl nicht zustande gekommen. Ihr tiefes Wissen zur österreichischen Zeitgeschichte und ihre Leidenschaft für die Vermittlung historischer Inhalte haben die Ausrichtung des Projektes maßgeblich geprägt. Heidemarie hat die wichtigsten Veranstaltungen im Rahmen von „Spuren lesbar machen“ nicht nur mitkonzipiert, mitorganisiert, sondern auch mit ihrer Expertise moderiert und bereichert. Es war geplant, gemeinsam mit ihr einen Band zu diesem Projekt herauszubringen,17 um die Ergebnisse und Erkenntnisse in gebündelter Form zu präsentieren. Leider mussten wir im August 2023 den für uns völlig unerwarteten Verlust dieser herausragenden Historikerin zur Kenntnis nehmen.

Das Granitwerk Roggendorf und seine Umgebung

 

______________

1 Das Granitwerk wurde im Laufe seiner Geschichte unterschiedlich benannt, u. a. „Granitwerk Roggendorf“, „Granitwerke Roggendorf-Groß Reipersdorf“, „Granitwerk Roggendorf, Hammer & Co.“, ab 1941 „Granitwerke F. Geisler“. Aus Vereinheitlichungsgründen wird in diesem Band durchgehend „Granitwerk Roggendorf“ verwendet.

2 Vgl. Maria Theresia Litschauer, 6|44 – 5|45 Ungarisch-Jüdische ZwangsarbeiterInnen. Ein topo|foto|-grafisches Projekt, Wien 2006, 207–212.

3 Zum Lagerbegriff siehe exemplarisch Ulrich Herbert, Das „Jahrhundert der Lager“: Ursachen, Erscheinungsformen, Auswirkungen. In: Peter Reif-Spirek, Bodo Ritscher (Hg.), Speziallager in der SBZ. Gedenkstätten mit „doppelter Vergangenheit“, Berlin 1999, 11–27; Nikolaus Wachsmann, KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2016; sowie als Überblick: Wolfgang Benz, Barbara Distel, Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. München 2005–2009, neun Bände.

4 Zur Zwangsarbeit siehe u. a. Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländereinsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Dissertation, Bonn 1985; Ulrich Herbert (Hg.), Europa und der Reichseinsatz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland. Essen 1991; Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Dritten Reich und im besetzten Europa 1939–1945, Stuttgart 2001; zur Zwangsarbeit in Österreich siehe grundlegend und exemplarisch: Florian Freund, Bertrand Perz, Mark Spoerer, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen auf dem Gebiet der Republik Österreich 1939–1945, Wien, München 2004. (Österreichische Historikerkommission, Bd. 26); für Niederösterreich siehe: Stefan Eminger, Zivile ausländische Arbeitskräfte, Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge und ungarische Juden. In: Willibald Rosner und Reinelde Motz-Linhart (Hg.), Forschungen zur NS-Zeit in Niederösterreich. Studien und Forschungen aus dem NÖ Institut für Landeskunde. St. Pölten, 51–115; Ela Hornung, Ernst Langthaler, Sabine Schweitzer, Zwangsarbeit in der Landwirtschaft in Niederösterreich und dem nördlichen Burgenland, Wien 2004 (Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission 26/3).

5 Bundesdenkmalamt, Liste der NS-Opferorte in Österreich, https://www.bda.gv.at/service/unterschutzstellung/denkmalverzeichnis/liste-der-ns-opferorte-in-oesterreich.html (Stand: 31. Jänner 2022, abgerufen 25.10.2023).

6 Siehe dazu die Ergebnisse des Forschungsprojekts „NS-‚Volksgemeinschaft‘ und Lager im Zentralraum Niederösterreich“, das exemplarisch NS-Zwangslager in fünf niederösterreichischen Bezirken ausfindig gemacht hat (durchgeführt vom Institut für jüdische Geschichte Österreichs in Kooperation mit der Universität für Weiterbildung Krems, Tagung „Mitten im Ort. Lager im Nationalsozialismus“, 4.–6.11.2024, Veröffentlichungen in Vorbereitung) bzw. die oben genannte Literatur.

7 Florian Freund, NS-Arbeitskräftepolitik in der „Ostmark“. In: Oliver Rathkolb, Florian Freund (Hg.), NS-Zwangsarbeit in der Elektrizitätswirtschaft der „Ostmark“ 1938–1945. Ennskraftwerke – Kaprun – Draukraftwerke – Ybbs-Persenbeug – Ernsthofen, Wien u. a., 2. erw. Aufl. 2014, 8–26, hier 9.

8 Vgl. Gottfried Fliedl, Im Museum. Essayistische Anmerkung zu Geschichte und Funktion der Landesmuseen in Österreich. In: ÖZG, (2002) H. 1, 88–121, hier 105; Bertrand Perz, Die Rolle der KZGedenkstätte Mauthausen in der österreichischen Gedächtnislandschaft seit 1945. In: Historische Sozialkunde. Geschichte – Fachdidaktik – Politische Bildung (2003), 4, 8–10, 9.

9 Siehe exemplarisch die geplante Bebauung des Geländes eines ehemaligen KZ-Außenlagers in Leobersdorf, Wiener Zeitung: Das KZ, der Bürgermeister und die Millionen, 12.11.2024, https://www.wienerzeitung.at/a/das-kz-der-buergermeister-und-die-millionen (abgerufen am 13.4.2025).

10 Siehe exemplarisch memento.wien (https://www.memento.wien); Ungarische-Zwangsarbeit in Wien (https://ungarische-zwangsarbeit-in-wien.at/).

11 Laufzeit: 11/2021–4/2023; Konzeption und Leitung: Edith Blaschitz (Universität für Weiterbildung Krems), Heidemarie Uhl (Österreichische Akademie der Wissenschaften); künstlerische Umsetzungen: Rosa Andraschek, Martin Krenn; Forschungspartner: Georg Vogt, Clemens Baumann, Alexander Schlager (FH St. Pölten); Wolfgang Gasser (Institut für jüdische Geschichte Österreichs); Antragseinreichung und Projektmanagement: Sylvia Petrovic-Maier (OpenGLAM); Organisationsunterstützung: Daniela Wagner (Universität für Weiterbildung Krems); Projektpartner: Stadtgemeinde Pulkau; Kulturverein Bildung hat Wert, Pulkau; Krahuletz Museum, Eggenburg; Museum Horn; Museum Retz. Kooperationspartner: Claudia Theune (Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie, Universität Wien); Paul Mahringer (Bundesdenkmalamt, Erfassungsprojekt der NS-Opferorte), Georg Kremser (erinnern.at), Gerald Lamprecht (Universität Graz, Centrum für jüdische Studien); Gefördert von: Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport; Landesregierung Niederösterreich, Abteilung Kunst und Kultur.

12 Siehe dazu den Beitrag Blaschitz, Krenn, Uhl und Vogt in diesem Band.

13 Für eingehende Überlegungen und Diskussionen zur Sichtbarmachung von Lagerorten sei Anne Unterwurzacher gedankt.

14 Siehe dazu theoretische Fundierungen von Doreen Massey und das Konzept der „Deep Maps“ im Beitrag von Blaschitz, Krenn, Uhl und Vogt.

15 Insbesondere Bürgermeister Leo Ramharter und Kurt Schneider (Verein „Bildung hat Wert“) seien bedankt.

16 Vgl. Hayden White, Metahistory. The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe, Baltimore 1973.

17 Wir danken Patricia Kurucz und Johannes Feichtinger vom Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften für ihre Unterstützung bei der Abwicklung der Fördermittel des Österreichischen Nationalfonds.

Aleida Assmann

Die Erinnerung an Zwangsarbeit – Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Geschichte

In seinem Essay Sklaverei und die Zivilisation des Westens hat der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel das Thema Sklaverei als ein „welthistorisches Problem identifiziert“ und einen prägnanten Überblick über das Thema gegeben.1 Eine seiner Thesen lautet kurzgefasst: Deutschland hat sich spät in den Kreis der Kolonialstaaten eingereiht, aber in Deutschland gab es keine entsprechende Geschichte der Sklaverei. Seine Untersuchung lässt jedoch die Anschlussfrage offen: Hat Deutschland dieses „Versäumnis“ vielleicht in der NS-Zeit nachgeholt?

Inzwischen kann nämlich die Geschichte des deutschen Sonderwegs mit Blick auf die Sklaverei-Geschichte etwas vollständiger erzählt werden. Nur 15 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, als sich die demokratischen Staaten Europas gemeinsam für den Weg des Friedens und der Freiheit ihrer Bürger:innen entschieden hatten, wurde in Deutschland eine Diktatur etabliert, die antizyklisch ein Regime des Rassismus und der gnadenlosen Ausbeutung durch Sklaverei einführte. Deutschland stieg also verspätet in diese Tradition ein und holte dabei alles nach, was es historisch verpasst hatte. Es gibt ein Zeugnis dafür, dass Hitler in diesem Punkt ein klares Vorbild hatte, nämlich die amerikanischen Südstaaten. Diese hatten nach der Niederlage im Bürgerkrieg ihr Bekenntnis zur Sklaverei keineswegs abgelegt, sondern Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts bekräftigt und erneuert. Als amerikanische Anhänger Hitlers aus den Südstaaten dem neuen Reichskanzler einen Besuch machten, lobte er ihre politische Orientierung in den Vereinigten Staaten und bedauerte ihre Niederlage mit den Worten: „Die Ansätze zu einer großen, auf der Idee der Sklaverei und der Ungleichheit beruhenden neuen Gesellschaftsordnung sind damals zerstört worden.“2 Mit seinem Bekenntnis zur Sklaverei hat Hitler sich damals aus der westlichen Zivilisation ausgeklinkt und mit gewaltvollen Kriegen und Eroberungen eine Großmacht aufgebaut, mit der er ganz Europa unterworfen hat. Dieses Reich basierte auf der Zwangsarbeit von Menschen in einem rassistischen Regime, das eine radikale Trennung zwischen „Herrenmenschen“ und „Untermenschen“ einführte. Für seinen genozidalen Antisemitismus, der im Holocaust endete, gab es kein Pendant in anderen Staaten, aber für die Zwangsarbeit hatte Hitler ganz konkrete historische Vorbilder.

Gegenwart: Zwei Beispiele

Oswald Burger: Zeuge der Zeugen von Überlingen

Im Juli 2024 wollte sich die Landtagspräsidentin Baden-Württembergs Muhterem Aras ein genaues Bild von der (süd-)deutschen Erinnerungskultur machen. Deshalb stellte sie eine Liste mit historischen Gedenkorten in Baden-Württemberg zusammen, die sie besuchen wollte. Auf ihrer Liste stand auch der Goldbacher Stollen in Überlingen am Bodensee. Am Tag ihrer Besichtigung versammelten sich vor dem Eingang der Höhle am Ufer des Bodensees über hundert Schüler:innen aus drei Gymnasien, die mit ihren Lehrer:innen zu diesem Lokaltermin mit eingeladen waren. Mir fiel auf, dass es kein Schild und keine Tafel gab, die darauf aufmerksam machten, dass es sich hier um einen besonderen historischen Ort handelte. Das historische Wissen, das man an diesem Ort brauchte, war verkörpert in dem Lehrer Oswald Burger, der die Gruppe durch den Stollen führte. Er selbst stammt aus einer Vertriebenen-Familie aus dem Banat. Er ist nach dem Zweiten Weltkrieg am Bodensee geboren und wuchs dort auf. Anders als die Einheimischen hat er sich bereits als Jugendlicher für die NS-Geschichte dieses Ortes interessiert und sie zu seinem lebenslangen Forschungsthema gemacht. Der Geschichtslehrer, der an der Universität Konstanz studiert hat, konnte diese Geschichte dort nicht studieren, weil die Forschung zu diesem Thema erst jetzt Fahrt aufnimmt. Burger gehört zu den Pionieren der Oral History, weil er selbst Kontakt mit den Zwangsarbeiter:innen aufgenommen hat und in Kontakt mit diesen historischen Zeugen getreten ist. Er recherchierte ihre Namen und Adressen und suchte sie in verschiedenen Ländern Europas auf. Alle Kontaktpersonen haben ihm ihre persönlichen Geschichten erzählt. Zusammen mit einem Verein von Ehrenamtlichen, den er in Überlingen gegründet hat, führt Burger seit Jahren regelmäßig Gruppen durch den Stollen. Dieser Zeuge der Zeugen gibt deren Geschichte an interessierte Besucher weiter und flicht dabei die von ihm gesammelten Namen und Einzelschicksale mit ein.

Christoph Ransmayr: Die Janusköpfigkeit von Ebensee

Der bedeutende Autor Christoph Ransmayr ist im Salzkammergut in Österreich geboren und am Traunsee aufgewachsen. In einem aktuellen Gespräch über sein Leben in dieser Region kam er auf seine Kindheit zurück. Er erzählte eine Episode, in der es um den Moment des ‚coming of age‘ ging, als er mitten in der zauberischen Landschaft seiner Kindheit seinen ersten tiefen Eindruck von der „Finsternis in dieser Kulisse“ erlebte. Diese Landschaft war ihm wie „ein romantisches Abbild des Paradieses“ erschienen, bis er mit seinem Lehrer, der zufällig auch sein Vater war, einen Schulausflug ans andere Seeufer machte. Die Schüler:innen fuhren auf einem Raddampfer von Gmunden nach Ebensee. Vom Schiff aus sahen die Schüler:innen die in den Berg geschlagenen Stufen des Steinbruchs von Ebensee. Hier der Bericht von Ransmayr:

„Und wir haben unseren allwissenden Lehrer danach gefragt. Und der hat uns erzählt, was in diesem Steinbruch und in den tiefen Stollen an seiner Basis geschehen ist, hat uns erzählt vom Konzentrationslager der Nazis in Ebensee, in dem, wie ich später erfuhr, die Häftlinge nicht mit Gas wie in Auschwitz, sondern mit schwerster Arbeit, durch Hunger, Krankheiten, Prügel, Erschöpfung oder von den Bluthunden des Lagerkommandanten getötet wurden, ein KZ der sogenannten Kategorie III: Vernichtung durch Arbeit. Mein Vater hat uns vom Leiden der hier in teilweise fensterlosen Baracken zusammengepferchten, insgesamt achtzehntausend Menschen erzählt, von denen jeder zweite ermordet worden war. Und später …, später habe ich erfahren, dass in diesem und ähnlichen Lagern brave Leute aus vermeintlich christlichen Dörfern als Wärter und Wärterinnen, Aufseher und Aufseherinnen, Mörder und Mörderinnen ihre Pflicht getan haben …“

Ransmayr fährt fort:

„Ich war nach diesem Ausflug jedenfalls wütend auf meinen Vater, weil ich ihn für die Zerstörung meiner bis dahin gültigen Vorstellung von der Welt verantwortlich machte: Überall liebenswürdige, gottesfürchtige Leute, schöne Landschaften, glitzernde Seen – und dann erzählt er mir, was in diesem Garten Eden geschehen ist! Schuljahre später wurde dazu noch klar, dass viele von den am Massenmord beteiligten Pflichterfüllern auch nach dem Krieg und bis in meine Zeiten ihre geänderten Pflichten in Ämtern, Schulen, Parlamenten unbehelligt weiterhin erfüllten. Schönes Salzkammergut! Vielgeliebtes Österreich!“3

„Es war ja bei Todesstrafe verboten“, ergänzt Ransmayr, „den Häftlingen, gleich auf welche Art, beizustehen. Trotzdem lag immer wieder Brot am Leidensweg der zum Steinbruch und zu den Stollen wankenden Zwangsarbeiter.“ Dieser Leidensweg in Ebensee war ein mit Stacheldraht gesicherter Korridor, der von den Arbeitern „Löwengang“ genannt wurde. Der Autor erinnert sich noch gut an den polnischen Zwangsarbeiter Władyslav Zuk, der nach der Befreiung 1945 eine Ebenseerin heiratete, die Brot an den Weg der Häftlinge gelegt hatte. Zuk war es auch, der mithalf, in Ebensee ein zeitgeschichtliches Museum zu gründen, in dem er als Zeitzeuge von den Qualen im Lager berichtete.

Gäbe es dieses Museum nicht, wären vor Ort keine Spuren mehr von der Geschichte der Zwangsarbeiter:innen zu finden, da das KZ-Gelände seit 1949 systematisch mit einer Arbeitersiedlung überbaut wurde. Drei Jahre später regte sich aber ein lokaler Widerstand gegen diese Politik des Spurentilgens und Vergessens. Es tat sich eine Gruppe zusammen, die an einem Ort von zwei Massengräbern einen zentralen Friedhof für KZ-Opfer einrichtete. Das dort inzwischen angebrachte Denkmal von Kurt Ellmauer löst diese Opfer aus der Anonymität der Massengräber und Statistiken heraus, indem es ihre Namen würdigt und verewigt. Von Ellmauer stammt auch das Denkmal, das in Gmunden, der Stadt, in der Ransmayr zur Schule ging und sein Vater Lehrer war, im März 2023 eingeweiht wurde. Es ist der Erinnerung an 60 vom NS-Regime Ermordete gewidmet: darunter Jüdinnen und Juden, Euthanasie-Opfer und politisch Verfolgte. Die Vor- und Nachnamen sind in ein Bronzeband eingelassen, das an der Gmundner Esplanade so angebracht ist, dass man die Wellen des Traunsees durch die ausgefrästen Buchstaben sehen kann. Das Denkmal erinnert ex negativo an prominente und weiterhin aktive Nazis, die nach dem Krieg ihre politischen Fäden zogen und 1992 einen Brandbombenanschlag auf ein Flüchtlingsasyl in Traunkirchen verübten.4

Zukunft?

Anfang der 2000er Jahre bereits hat sich die jüdische Berliner Historikerin Marianne Averbuch in die Diskussion um das anstehende nationale Holocaust-Mahnmal in Berlin eingemischt. Sie befürchtete damals, dass ein zentrales Symbol die vielen über die Landkarte verstreuten Orte der Nazi-Diktatur überblenden und in den Hintergrund treten lassen würde. Ihr Appell lautete deshalb: „Das ganze Land ist ein Mahnmal!“ Damit meinte sie: Es gibt keinen Ort in Deutschland, der nicht von der Gewalt des NS-Regimes und seinen Bewohnern tätowiert ist. Tatsächlich gab es zwischen 1936 und 1945 in Europa 24 KZ-Hauptlager und, mit diesen verbunden, über 1.000 Außenlager. Die meisten davon sind fußläufig von deutschen Städten und Dörfern zu erreichen.