Spurensuche - Beethoven - Giovanni Ausserhofer - E-Book

Spurensuche - Beethoven E-Book

Giovanni Ausserhofer

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Beschreibung

Die "Spurensuche" nähert sich dem Menschen Beethoven, indem sie Charakteristisches seines Denkens und Verhaltens aufdeckt und jene zu Wort kommen lässt, die ihn persönlich erlebt und gesprochen haben. Das, was sie berichten, zeigt ein facettenreiches Charakterbild einer Persönlichkeit, die fernab jeder heroischen Überhöhung mit einem starken Willen nach Lösungen sucht, gesellschaftliche Umbrüche seiner Zeit reflektiert und einen unbändigen Drang nach Freiheit bekundet. Dabei gibt sich Beethoven als Suchender und Verletzbarer, als Leidender und Verzweifelnder zu erkennen, als ein Mensch, der am Alltäglichen oft scheitert und bei allem Misstrauen kindlich Rührendes besitzt. Viele seiner emotionalen wie widersprüchlichen Äußerungen und Auftritte werden bestimmt durch den tragischen Verlust seines Hörens, wodurch er nicht der sein konnte, der er sein wollte.

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Seitenzahl: 160

Veröffentlichungsjahr: 2021

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»Wer fest auf seinen Füßen steht und ein scharfes Auge im Kopf hat, der weiß seinen Weg und darf auch etwas weiter gehen als gewöhnlich.«

»Ich schließe meine Augen in der gesegneten Gewißheit, daß ich einen Lichtstrahl auf der Erde hinterlassen habe. «

Ludwig van Beethoven

»Spurensuche - Beethoven«

widme ich meinen Kindern

David und Bettina

und meinen Enkelkindern

Jella-Clara, Linus, Siri

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Beethovens Fahrt von Bonn nach Wien - eine Fahrt ohne Wiederkehr

Wien um 1975 - eine Porträtskizze

Immer wieder auf Wohnungssuche

SPURENSUCHE 1 Beethoven als Pianist und Improvisator

Klavierduelle

Beethoven und Joseph Wölfl

Beethoven und Daniel Steibelt

SPURENSUCHE 2 Die Lehrmeister Beethovens

Joseph Haydn

Johann Baptist Schenk

Johann Georg Albrechtsberger

Antonio Salieri

SPURENSUCHE 3 Beethovens adelige Förderer

Zwei aristokratische Mäzene

Fürst Karl von Lichtowsky

Erzherzog Rudolph

SPURENSUCHE 4 Aufführungen in bürgerlichen Räumen

»Zum Blumenstock«

»Café Frauenhuber«

Kaffeehäuser und Gastwirtschaften

SPURENSUCHE 5 Das Gehörleiden

das »Bäcker-Haus« in Heiligenstadt

zwei Meinungen zu Beethovens Taubheit

das Heiligenstädter Testament

SPURENSUCHE 6 Auftritte in Adelspalais

die Wiener Aristokratie

Beethovens ambivalentes Verhalten zum Adel

eine garantierte Leibrente

das Aufdecken der bürgerlichen Herkunft

eine verstörende Aussage im Konversationsheft

Beethovens »Eroica« im Palais Lobkowitz

SPURENSUCHE 7 Das »Pasqualati-Haus«

SPURENSUCHE 8 Beethoven im »Theater an der Wien«

drei Erstaufführungen

die »Eroica« - erste öffentliche Aufführung

»Fidelio«

das Violinkonzert

fünf Uraufführungen

SPURENSUCHE 9 Die Bergkirche in Eisenstadt

SPURENSUCHE 10 Triumphale Erfolge

Festsaal in der alten Universität Wien

»Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria« die Redoutensäle der k. und k. Hofburg

»Der glorreiche Augenblick«

SPURENSUCHE 11 Beethovens Frauenfreundschaften

Gräfin Giuletta (Julia) Guicciardi

Gräfin Josephine (Pepi) Deym, geb. Brunsvik

Gräfin Anna Marie Erdödy

Therese Malfatti

Antonia (Antonie) Brentano

Brief an die »Unsterbliche Geliebte«

Zwei Pianistinnen

Baronin Dorothea Ertmann

Marie Leopoldine Pachler, geb. Koschak

SPURENSUCHE 12 Sommerdomizile in Heiligenstadt

das »Beethoven-Grillparzer-Haus«

das »Hauer-Haus"

das »Greinersehe Haus«

SPURENSUCHE 13 Die Wohnungen in Mödling und Baden

das »Hafner-Haus« in Mödling

Beethovens Ordnung, Aussehen, Kleidung

das »Haus der Neunten Symphonie« in Baden

Uraufführung der neunten Symphonie

SPURENSUCHE 14 Gedenktafeln an Wohnhäusern Beethovens

»Christhof«, »Magdalenenhof«,

»Sauerhof«, »Weihe des Hauses«,

»Zur schönen Sklavin«, Ungargasse Nr. 5

SPURENSLCHE 15 Das Haus in der Laimgrubengasse Nr. 22

SPURENSUCHE 16 Beethoven und die Landschaft

SPURENSUCHE 17 Beethovens letzter Landaufenthalt

der »Wasserhof« in Gneixendorf

Rückkehr nach Wien

SPURENSUCHE 18 Die letzten Lebensmonate

Krankheiten und Leiden

das Begräbnis

eine Skulptur in Heiligenstadt

Anhang

Anmerkungen

Beethovens Briefe und Aufzeichnungen

Bibliographie

Abbildungsnachweise

Dank

Biographisches

Beethoven-Gedenkstätten

Vorwort

Eine „Fahrt ohne Wiederkehr" nennt Giovanni Ausserhofer die zweite und letzte Wienreise, die Beethoven als junger Mann von Anfang zwanzig antrat, als er sich in seiner Stellung als Bonner Hofmusiker bereits einen gehörigen Ruf erworben hatte – noch nicht so sehr als Komponist, aber doch als Instrumentalist und Ausnahmetalent. Zu „Beethoven" sollte der Künstler erst in Wien werden. So führt Ausserhofers Spurensuche mit Recht nach Wien und in die Umgebung – eine lange und geduldige Recherche, die zu einem ganz außergewöhnlichen Ergebnis geführt hat. Anders als in Bonn haben sich hier noch viele Orte im ursprünglichen Zustand erhalten, an denen Beethoven gelebt, womöglich auch geliebt, vor allem aber: gearbeitet hat.

Über die Jahre hat Giovanni Ausserhofer es verstanden, gerade dort eingelassen zu werden und zu fotografieren, wo bis heute kein öffentlicher Zutritt möglich ist. Indem er den Blick freigibt auf Gebäude, Treppenaufgänge, Objekte, die Beethoven zugeordnet werden können und in Säle und Wohnräume schaut, Orte, an denen Beethoven sich aufgehalten und wo er komponiert und musiziert hat, wird er als Star des Wiener Musiklebens und Einwohner einer europäischen Metropole faßbar, die ihm Einflüsse, Förderer und ein vielfältiges Publikum erschloß, wie er sie auf Dauer in Bonn schwerlich gefunden hätte. Lehrmeister Beethovens wie Joseph Haydn und Antonio Salieri geraten ins Bild. Genau wie seine adeligen Förderer. Bisher konnten 29 Wohnungen nachgewiesen werden, zwischen denen Beethoven achtzigmal (!) umgezogen sein soll. Adressen, die es bis heute gibt, hat Giovanni Ausserhofer aufgesucht und – wo es möglich war – Aufnahmen gemacht. Eine Zeichnung zeigt Beethoven sogar im Alltag, wie er in einem Wiener Kaffeehaus sitzt.

Die herausragende Qualität dieser „Spurensuche" liegt in der klugen Kombination der Fotografien und dazu notwendigen Erklärtexte mit den ausgewählten Zitaten von Menschen, die Beethoven begegnet sind, die mit ihm befreundet oder doch gut bekannt waren. So schafft es dieses wunderbare Buch, Beethoven im Leben aufzusuchen und sichtbar zu machen, obgleich sein Leben schon geendet hatte, als im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts die Bildmedien erfunden wurden und sich durchsetzen konnten.

David Eisermann

Einleitung

Das Jubiläumsjahr 2020 habe ich zum Anlass genommen, dem Menschen Beethoven dadurch näher zu kommen, indem ich mich mit meiner Kamera auf eine Spurensuche nach jenen Orten aufgemacht habe, in denen der Komponist in und um Wien herum mehr als drei Jahrzehnte gelebt und gewirkt hat.

Auch wenn es heute viele der Häuser und Wohnungen - es müssen wohl um die 30 gewesen sein - nicht mehr gibt, so sind die wenigen erhaltenen doch als Gedenkstätten im Stil der damaligen Zeit eingerichtet. Sie haben zum Glück viel von der einstigen Atmosphäre bewahren können und vermitteln dem Besucher so wichtige Einblicke in die Arbeits- und Lebenssituation des Komponisten.

Steigt man etwa die aus jener Zeit noch erhaltenen Steinstufen im Pasqualati-Haus auf der Mölkerbastei in Wien oder die im Hafner-Haus in Mödling empor und erblickt dann in nahezu unveränderten Räumen Gegenstände aus Beethovens Alltag, gewinnt man den Eindruck, als würde man in den persönlichen Bereich des Komponisten eintreten. Besonders die Wohnräume in der Laimgrubengasse lassen den Besucher gar glauben, Beethoven sei gerade eben noch da gewesen.

Aber auch die Salons und Konzertsäle in den adeligen Palais von Lobkowitz, Kinsky, Fries-Pallavicini, in denen Beethoven als Pianist auftrat, konnte ich photographieren; dazu den großen offiziellen Aufführungssaal im Theater an der Wien sowie die beiden Redoutensäle, in denen Beethoven seine bekanntesten Werke zur Aufführung brachte.

Begibt man sich heute auf die Wege und Waldstege um Heiligenstadt, Mödling oder Baden - also dort, wo einst Beethoven in den Sommermonaten fast täglich gewandert ist, dann findet man immer noch jene Natur, die dem Meister Erholung und Inspiration für seine Werke gegeben hat.

Und deshalb finden sich in dem vorliegenden Band auch Aufnahmen jener Landschaften, die der Komponist bei seinen historisch belegten Spaziergängen erwandert hat.

Wichtig waren mir in diesem Zusammenhang auch die Berichte jener Zeitzeugen, die dem Komponisten persönlich begegnet sind, ihn unmittelbar erlebt und mit ihm gesprochen haben.

Was sie zu Beethoven zu sagen wissen, lässt zusammen mit den Aufnahmen seiner Wohnungen in der Summe ein differenziertes Charakterbild erkennen. Fernab von einer Überhöhung zum Titanen, durchaus facettenreich und widersprüchlich, erscheint Beethoven als eine Person, die mit starkem Willen nach Lösungen strebte, die die gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit reflektierte und einen unbändigen Drang nach Freiheit bekundete.

Beethoven zeigt sich darin auch als Suchender und Verletzbarer, als Leidender und Verzweifelter, als einer, der im Alltag und an dem Alltäglichen oft scheitern musste, weil sein ständiges Schwanken zwischen Misstrauen und fast kindlicher Rührung es den Zeitgenossen im Umgang mit ihm nicht leicht machte.

Der vorliegende Band lässt auch Beethoven selbst zu Wort kommen. Als eifriger Briefschreiber hält er manche Momente seines oft raschen Sinneswandels spontan fest und spricht, gleichsam selbst reflektierend, das aus, was er gerade fühlt und denkt. Und da er sich aufrichtig, unmissverständlich, ungeschönt äußert, gibt er auch Wesentliches von sich preis.

Aufschlussreich sind auch die Reaktionen der Zuhörer, die Beethoven im Konzert erleben konnten. Da er während seines Klavierspielens oder beim Dirigieren seiner Werke stets mit seiner ganzen Person unmittelbar präsent war und mit ausdrucksstarker Mimik wie Gestik den geistigen Gehalt der Komposition deutlich vermittelte, gab er gleichzeitig auch Einblicke in seine Persönlichkeit.

Oft löste er während seines virtuosen wie hingebungsvollen Klavierspiels vor allem bei Zuhörerinnen eine faszinierende Begeisterung aus, so dass Komtessen ihn um Klavierunterricht baten und eine Gräfin ihn kniend um ein Weiterspielen anflehte.

Diese enorme Präsenz konnte Beethoven nahezu in allen Konzerten aufrecht erhalten, bis zu jenem letzten erschütternden Auftritt, als er, bereits völlig ertaubt, bei der Uraufführung seiner neunten Symphonie versuchte, mit dem gesamten Körpereinsatz mitzudirigieren und allen Anwesenden die Tragik seiner Existenz deutlich sichtbar wurde.

Diese »Spurensuche<< kann aufgrund der wenigen heute noch existierenden Örtlichkeiten freilich keine vollständiger Nachweis der Wiener Jahre Beethovens sein.

Da sie, ausgehend von den noch vorhandenen Spuren, eine Art Topographie darstellt, wird sie für alle jene eine hilfreiche Handreichung sein, die Beethovens Wohn- und Wirkungsstätten in Wien und im Wiener Umland besuchen und von Zeitzeugen Persönliches über diesen außergewöhnlichen Komponisten erfahren möchten.

Giovanni Ausserhofer

Die Textzitate aus den Berichten und Aufzeichnungen der Zeitzeugen sind im Original und unverändert wiedergegeben worden, da mit dem sprachlichen Kolorit auch der damalige Zeitgeist deutlicher wird.

Beethovens Fahrt von Bonn nach Wien - eine Fahrt ohne Wiedersehen

Abb. 1

In der Gedenkstätte Heiligenstadt am nördlichen Rand von Wien wird auf anschauliche Weise an die Fahrt Beethovens erinnert, die er Anfang November 1792 antrat und die ihn vom rheinländischen Bonn nach Wien führte, in die Kaiser- und Residenzstadt.

Wie unbequem und beschwerlich die einwöchige Reise in der Kutsche war, lassen zwei Türen eines solchen Gefährts erahnen, die zu den Exponaten der Ausstellung gehören. Drei Bilder im Hintergrund, die gleichsam wie ein Blick aus der Kutsche erscheinen, weisen auf den Wechsel vom überschaubaren Bonn zur Musik-Metropole Wien hin.

Zwischen diesen beiden Städteimpressionen ist ein Bild mit einer Kriegsszene zu sehen. Es macht darauf aufmerksam, dass Beethovens Reiseweg durch Gegenden führte, in denen französische Truppen aufmarschiert waren und bereits Kämpfe begonnen hatten.

Beethoven schrieb in seiner Reisenotiz, dass der Weg »mitten durch die (hessische Armee) führte«, und dass er dem Kutscher, der »wie der Teufel« - fuhr, für seine schnelle Fahrt »einen kleinen Thaler« dafür gegeben habe, 1)

Zeitzeuge

Die für Beethoven in Wien beginnenden Lehrjahre beim Kompositionsmeister Joseph Haydn weckten Erwartungen, was der Brief vom 23. Januar 1793 zeigt, den Bartholomäus Ludwig Fischenich, Professor an der Bonner Universität, an Charlotte von Schiller geschrieben hat, ohne dabei den Namen Beethoven zu erwähnen:

»Ich lege Ihnen eine Composition der Feuerfarbe bei und wünschte Ihr Urtheil darüber zu vernehmen. Sie ist von einem hiesigen jungen Mann, dessen musikalische Talente allgemein gerühmt werden, und den nun der Churfürst nach Wien zu Haydn geschickt hat. Er wird auch Schillers Freude und zwar jede Strophe bearbeiten. Ich erwarte etwas vollkommenes, denn soviel ich ihn kenne, ist er ganz für das Große und Erhabene. Sonst gibt er sich nicht mit solchen Kleinigkeiten ab, wie die Beilage ist, die er nur auf Ersuchen einer Dame verfertigt hat.«2)

Wien um 1795 - eine Porträtskizze

Für den 22-jährigen Beethoven muss Wien mit seinen mannigfachen Angeboten und Besonderheiten aufregend und anregend zugleich gewesen sein. Die stimulierenden neuen Eindrücke trafen allerdings auch auf ein gewisses Gefühl von Unsicherheit, da er für das alltäglich Notwendige nicht das erforderliche praktische Geschick besaß.

Wien war das pulsierende Zentrum eines Vielvölkerstaats. Die zahlreichen Diplomaten sowie die Vertreter aus den habsburgischen Erblanden gaben allein durch ihre Unterschiede in Sprachen und Kleidung der Stadt ein sichtbares buntes Gepräge. Als Residenzstadt des Kaisers zog Wien wie ein Magnet die einflussreiche Aristokratie ebenso wie den aufstrebenden Kleinadel der Großkaufleute und Bankiers an. Sie wollten alle nahe der kaiserlichen Macht sein.

Wien bestand aus der Inneren Stadt, die noch von Mauern mit Basteien, zwölf Stadttoren und einem Stadtgraben umgeben war und in deren engen Gassen es ein reges Gedränge mit vielen Unannehmlichkeiten gab. Außerhalb dieses Stadtkerns boten allerdings die sie einrahmenden Grünflächen, als Glacis bezeichnet, den Einwohnern Möglichkeiten zum Flanieren.

Die Lebensqualität im teuren Wien wurde geschätzt, luden doch Kaffeehäuser und Biergärten zur geselligen Einkehr ein. Auch konnte man sich vergnüglich in Tanzsälen amüsieren, die für die Wiener aller sozialer Schichten zugänglich waren. In der landschaftlich schönen Umgebung, wo man in manchen der 34 Vororte wohltuende Heilquellen und Kurbäder aufsuchte, konnte man sich entspannen und erholen.

Dennoch verliefen die beliebten Freizeitvergnügungen nicht unbeschwert. Man merkte instinktiv, dass Umbrüche bevorstanden, die das soziale Gefüge ins Wanken bringen würden. Die Geheimpolizei war erheblich verstärkt worden und agierte wachsam, um jene Personen mit aufklärerischen Gedanken aufzuspüren, die nach polizeilicher Auffassung subversiv waren.

Beethoven scheint diese prickelnde politische Atmosphäre sowie auch den gelassenen Wesenszug der Wiener, die stets versuchten, Ruhe zu bewahren, zutreffend wahrgenommen zu haben, als er nach Bonn berichtete: »... hier hat man verschiedene Leute von Bedeutung1 eingezogen, man sagt, es hätte eine Revolution ausbrechen sollen - aber ich glaube, so lange der Österreicher noch Braun's Bier und würstel hat, revoltirt er nicht.«

Ihm ist in diesen ersten Wiener Jahren auch bewusst, dass »man nicht zu laut sprechen (darf), sonst giebt die Polizei einem quartier.«3)

Ungeachtet der sich zunehmend verdüsternden Stimmung fühlte sich Beethoven in seiner Anfangszeit in Wien weitgehend wohl, da er vom Hochadel aufgenommen, behütet und in seinem Karriereweg gefördert wurde. Erst als er 1795 aus dem Palais Lichnowsky auszog, begann für ihn ein fortwährendes Suchen nach einer geeigneten Unterkunft.

Wien sollte Beethoven bis an sein Lebensende zweite Heimat und Schicksal werden.

Abb. 2

In der Gedenkstätte Heiligenstadt wird ein Ausschnitt des 15 Quadratmeter großen Kupferstichs gezeigt, den Joseph Daniel von Huber einst im Auftrag von Maria Theresia angefertigt hatte.

Darunter steht:

»Die Mays. Königl. Haupt und Residenz Stadt Wien wie sie

im Jahr 1785 unter derRegierung Josephs des zweyten stehet.«

1 Unterstreichungen im Original

Immer wieder auf Wohnungssuche

Kein anderer Musiker in Wien hat so häufig die Wohnung gewechselt wie Beethoven während seines fast 35-jährigen Aufenthalts. Nach Auskunft der Wiener Beethoven-Gesellschaft, die auf verbürgte Recherchen verweist, konnten bisher 29 Wohnungen nachgewiesen werden, zwischen denen Beethoven um die 80mal umgezogen ist. 4)

Dieser ständige Quartierwechsel wurde aus völlig unterschiedlichen Anlässen vollzogen, sie reichen von rational nachvollziehbaren Gegebenheiten über taktisch-kalkulierte Überlegungen bis hin zu spontanen irrationalen Reflexen.

Ab dem Jahr 1800 vollzog auch Beethoven regelmäßig den von Wohlhabenden und Adeligen praktizierten halbjährlichen Umzug. Am Georgtag (24. April) zog man von der Stadt aufs Land, um am Martinitag (29. September) wieder nach Wien zurückzukehren.

Während seines Landaufenthalts gab Beethoven die Stadtwohnung meistens auf, da man stets ohne allzu großen Aufwand im Herbst ein neues teilmöbliertes Quartier finden konnte.

Hinzu kam, dass Beethoven wiederholt versuchte, sich so nahe wie möglich bei seinen Förderern und Freunden einzuquartieren. Und im letzten Jahrzehnt wählte er eine Wohnung, die sich nicht weit entfernt von der jeweiligen Bildungsstätte seines Neffen Karl befand.

Neben diesen aus einsichtigen Gründen erfolgten Wohnungswechseln gibt es noch eine Vielzahl von spontanen und sehr emotional durchgeführten Umzügen. Sie wurden ausgelöst, weil ihm angeblich die Umgebung missfiel oder weil es Zerwürfnisse mit den Vermietern gab, denen er oft misstraute, die aber auch ihrerseits Beethoven wegen lärmenden Verhaltens, Nichtbeachtens der Hausordnung oder teilweiser Beschädigung der Wohnungseinrichtung kündigten.

Sein rastloses, unstetes Naturell trug dazu bei, dass er bei einer tatsächlichen oder nur vermeintlichen Unstimmigkeit sogleich die entsprechende Wohnung verließ, da er annahm, in einem neuen Quartier könnte er sich ungestörter seiner kreativen Arbeit widmen.

Nur wenige der Häuser in Wien und in den umliegenden Orten, in denen Beethoven einst logierte, sind noch im originalen Zustand erhalten. Einige von ihnen wurden als Gedenkstätten eingerichtet, wie in Wien Innenstadt das Pasqualati-Haus auf der Mölkerbastei Nr. 8 und das Haus in der Laimgrubengasse Nr. 22; oder in den Vororten, und zwar in Heiligenstadt, das Bäcker-Haus in der Probusgasse Nr. 6, in Mödling das Haffner-Haus Hauptstraße Nr. 79 und in Baden das Haus der Neunten Symphonie in der Rathausgasse Nr. 10.

An einigen Gebäuden erinnern Gedenktafeln, dass hier einst Häuser standen, in denen Beethoven vorübergehend wohnte. Weitgehend erhalten geblieben sind die Konzertsäle in den Adelspalais von Kinsky, Fries-Pallaviccini, Lobkowitz und die Redoutensäle, in denen Beethoven auftrat; ebenso die beiden fast noch im Original wiedererrichteten Konzertsäle in der alten Universität und im Theater an der Wien, zwei Orte, an denen Beethoven Triumphe feiern konnte.

Zeitzeug

Beethovens Wasserdusche – ein Kündigungsgrund

»Er hatte stets die Gewohnheit gehabt, wenn er längere Zeit am Tische componirend gesessen und hiervon den Kopf erhitzt fühlte, zum Waschtische zu eilen, Kannen Wassers über den erhitzten Kopf zu stürzen, und... wieder zur Arbeit zurückzukehren. Wie sehr dieß Alles in flüchtiger Hast geschah, um hierbei nicht aus seinem Phantasienfluge gerissen zu werden,... beweist die Thatsache daß es dabei vorkam, daß das über den Kopf geschüttete Wasser, von ihm unbemerkt, reichlich über den Fußboden sich ergoß, ja denselben auch durchdrang, an der Zimmerdecke der unterhalb wohnenden Partei zum Vorschein kam, und mitunter zu unliebsamen Behelligungen von Seite dieser, des Hausmeisters und schließlich des Hauseigenthümers, ja selbst zur Wohnungskündigung geführt hatte.«.5)

Spurensuche 1

Beethoven als Pianist und Improvisator

»... die hiesigen Klawiermeister in verlegenheit zu se(t)zen«

Ludwig van Beethoven

Neuere Untersuchungen haben aufgedeckt, dass das musikalische Bonn in den Jahren zwischen 1780 und 1790 eine „Miniaturausgabe", eine Art „Dependance" des Wiener Musiklebens war. Der junge Beethoven bekam also bereits in Bonn zahlreiche in Wien aufgeführte Musikwerke zu hören. Gefördert wurde diese kulturelle Verbindung durch den Kurfürsten Maximilian Franz, den jüngsten Sohn der Kaiserin Maria Theresia.

Beethoven war in seinem Ehrgeiz nach Perfektion bestrebt, seine Ausbildung nach Wien zu verlagern, um dort bei kompetenten Lehrmeistern Kenntnisse und Anregungen zu erhalten. Die vielversprechende Zusage, von Joseph Haydn unterrichtet zu werden, hatte er bereits vor seiner Abreise bekommen. Vor allem wollte er sein Klavierspiel vervollkommnen, sich als Virtuose und Improvisator profilieren und sich unter den mehr als dreihundert im Musikleben der Stadt tätigen Pianisten behaupten.

In ihnen sah er die Konkurrenten, seine potentiellen Rivalen, wie er in einem Brief an Eleonore von Breuning bekennt. Deshalb beabsichtige er, »die hiesigen Klawiermeister in verlegenheit zu se(t)zen. Ma(n)che davon sind meine Todfeinde, und so wollte ich mich auf dieser Art an ihnen rächen.«6)

Er befürchtete, andere Pianisten könnten ihn beim Einüben seiner außergewöhnlichen Improvisationen belauschen, »viele von meinen Eigenheiten« übernehmen und sich damit brüsten, denn sein Klavierspiel unterschied sich von all den Klavierschulen und fand gerade deshalb in den Salons des Adels besondere Anerkennung.

Das auf Elfenbein gemalte Miniaturbild von Christian Horneman ist ein Beethoven-Porträt, das ihn vor seiner Taubheit zeigt, als er elegant gekleidet auftrat.

Abb. 3

Beethoven schenkte dieses Bild seinem Freund Stephan von Breuning als Zeichen der Versöhnung.

Dazu schrieb er: »Hinter diesem Gemälde mein guter lieber St.: sei auf ewig verborgen, was eine Zeitlang zwischen unß vorgegangen -« 7)

Zeitzeuge

Carl Czerny über Beethovens Improvisationskunst

»Seine Improvisation war im höchsten Grade brillant und staunenswerth; in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte, er verstand es, einen solchen Eindruck auf jeden Hörer hervorzubringen, daß häufig kein Auge trocken blieb, während Manche in lautes Weinen ausbrachen; denn es war etwas Wunderbares in seinem Ausdrucke, noch außer der Schönheit und Originalität seiner Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung brachte.

Wenn er eine Improvisation dieser Art beendigt hatte, konnte er in lautes Lachen ausbrechen und seine Zuhörer über die Bewegung, die er in ihnen verursacht hatte, verspotten. 'Ihr seid Narren', sagte er wohl...»8)