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Mit 60 Jahren das Leben in die Hand nehmen Träumen Sie auch davon, im Alter eine Weltreise zu machen oder eine neue Sprache zu lernen? Nach Jahren beruflicher Beanspruchung und/oder familiärer Tätigkeit kommen wir alle an einen Punkt der Neuorientierung, an dem wir uns die Frage stellen: Was kommt danach? Was mache ich mit meiner neu gewonnenen Freiheit? Die über 60-jährigen Frauen von heute sind fitter und unternehmenslustiger als je zuvor und haben Lust, ihren Alltag aktiv neu zu gestalten. Die Autorin Konstanze Schmidt begleitet Sie auf Ihrem ganz individuellen Weg in diesen neuen Lebensabschnitt und zeigt neue Perspektiven und Möglichkeiten auf. Die Übungen und Fragestellungen zielen ganz konkret darauf ab, ihre gegenwärtige Lebenssituation anzuschauen, wichtige Stationen ihres bisherigen Lebens zu betrachten und Ihre besonderen Erfahrungen und Fähigkeiten zu erkennen.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Hier geht es zum illustriertem Übungsheft zum Ausdrucken und Ausfüllen: http://www.gu.de/Spurwechsel/
Oft bin ich gefragt worden:
»Wenn Sie Ihr Leben noch einmal beginnen könnten, würden Sie dann auch wieder Schauspielerin werden?« Anfangs habe ich gesagt: »Ja, warum nicht!« Dann: »Wer weiß? Warum eigentlich noch einmal?« Und schließlich: »Am liebsten würde ich dann etwas mit Musik machen.«
Eines Tages habe ich mich dann gefragt: Warum brauche ich dafür ein neues Leben? Warum nicht in diesem? Und kaum war der Wunsch in mir selber deutlich hochgekommen, brachte der Zufall die erste Gelegenheit ...
Hanna Schygulla
im Dezember 1996
Als Heilpraktikerin und Psychotherapeutin arbeite ich seit vielen Jahren mit Frauen um die sechzig, sowohl in meiner Praxis als auch in verschiedenen Kursen. Für viele von ihnen ist dieses Lebensalter eine sehr aufregende Zeit, eine Zeit des Umbruchs, des Spurwechsels, manchmal aber auch eine Zeit der Krise.
Oftmals sind die Kinder bereits aus dem Haus oder planen, das Elternhaus zu verlassen. Galt die Aufmerksamkeit der Mütter jahrelang der Familie und den Kindern, so schleicht sich jetzt oft das Empty-Nest-Syndrom ein. Andererseits gibt es auch Frauen, die den Auszug der Kinder erleichtert registrieren und sich auf Enkelkinder freuen. Doch Enkelkinder sind, anders als Kinder, Kür, nicht Pflicht, und so entsteht oft der Wunsch, den Alltag auf andere Art und Weise neu zu beleben.
Das Berufsleben neigt sich dem Ende zu oder ist bereits beendet. War der Berufsausstieg erzwungen oder unerfreulich, so muss das erst verarbeitet werden. Aber auch wenn viele Frauen ihre Berufstätigkeit ohne große Probleme beendet haben, wollen sie ihren Alltag neu strukturieren.
Bei allein lebenden Frauen tut sich mit dem Wegfall der Berufstätigkeit oftmals ein großes Vakuum, ein »Loch« auf. Vielleicht haben sie einen großen Teil ihrer Identität aus dem Beruf geschöpft und möchten sich jetzt neu definieren – eine Identität jenseits des Berufslebens finden.
Bei anderen wiederum ist der Partner bereits in Rente oder steht kurz davor. Hier muss die Partnerschaft neu gestaltet werden, was für manche Paare eine große Herausforderung sein kann. Manche Frauen habe eine Scheidung hinter sich oder müssen den Tod des Partners verarbeiten. Dann kann die erzwungene Neuorientierung besonders schwer fallen. Hier ist es wichtig, sich Zeit für das Abschiednehmen zu geben.
Der Großteil der Frauen freut sich sehr auf die vor ihnen liegende Zeit. Sie empfinden es als eine Bereicherung, noch mal Weichen stellen zu können für ein erfülltes, zufriedenstellendes Leben. Meistens sind sie gesund und vital, unternehmungslustig und voller Energie. Manchmal ist es jedoch schwierig, die neu gewonnene Zeit sinnvoll zu nutzen. Einige haben bestimmte Vorstellungen, aber nicht den Mut, noch einmal etwas Neues anzufangen – die Spur zu wechseln.
In der Beratung und in den Kursen fallen oft Sätze wie: »Ich möchte einen neuen Blickwinkel gewinnen«, »... eine Bilanzierung des bisherigen Lebens vornehmen«, »... neue Erfahrungen sammeln«, »... eine neue eigene Position finden«, »Das kann doch nicht alles gewesen sein ...«. Frauen um die sechzig sind bereit für eine Neuorientierung, einen Neuanfang, bei dem dieses Buch sie unterstützen will. Es ist entstanden aus meiner Beratungstätigkeit, vor allem aber auch aus meiner Arbeit in dem Münchner Kurs »Spurwechsel ab 55«, bei dem ich seit 15 Jahren als Referentin arbeite. Die Themen orientieren sich an den Kursinhalten, wobei ich meine persönliche Sichtweise und meine eigenen Erfahrungen als Frau um die sechzig natürlich auch einbringe.
Mit den in jedem Kapitel enthaltenen Fragen und Übungen möchte ich Ihnen neue Impulse geben und Sie ermutigen, mit offenem, neuem Blick auf die kommende Lebensphase zu schauen. Einige der Übungen aus dem Buch sind in dem beiliegenden Übungsheft extra zusammengefasst, sodass Sie Vorlagen haben, mit denen Sie gleich arbeiten können. Auch zum Mitnehmen und zum Ausfüllen, beispielsweise auf einer Parkbank oder im Café, eignet sich dieses Heft wunderbar. Aber natürlich können Sie das Buch auch einfach nur mitnehmen und lesen.
Wofür auch immer Sie sich entscheiden: Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Beschäftigung mit den dargestellten Themen und Anregungen. Vielleicht wissen Sie am Ende des Buches, wohin die neue Spur Sie führen soll. Eventuell stellen Sie aber auch fest, dass Sie die Spur gar nicht wechseln wollen, weil alles gut ist, so wie es ist. Ich bin sicher, die Lektüre wird Sie bei Ihrer Entscheidung unterstützen. Viel Freude dabei!
Ihre
MEHR DENN JE
Was heißt das nur, ich werde altwas heißt das nur, wie soll ich es empfindenich kann den Morgenhimmel in mir findenund Frühlingsstürme – mehr denn je
Was heißt das nur, ich werde altwas heißt das nur, wie soll man es verstehenich kann wohl meine Hände altern sehendoch schön ist das Berühren – mehr denn je
Mein Körper ist mir Freund und meine Haut genießt den Wind wie eh und je und all das, was ein reifer Mensch nicht mehr zu fühlen hat das fühl ich mehr denn je
Was heißt das nur, ich werde altwas heißt das nur, wie soll ich es empfinden ich kann so viel Verwirrung in mir finden und ungeduldig bin ich – mehr denn je
Was heißt das nur, ich werde altwas heißt das nur, wie soll man es verstehendes Lebens Spuren kann ich auf mir sehendoch gehe ich neue Wege – mehr denn je
Mein Haar wird langsam grau doch weht der Wind mir ins Gesicht wie eh und je und all das, was ein reifer Mensch nicht mehr zu denken hat dran denk ich mehr denn je
Was heißt das nur, ich werde altwas heißt das nur, wie soll ich es empfinden ich kann den Morgenhimmel in mir finden und Frühlingsstürme – mehr denn je
Erika Pluhar
1985
Wenn ich in München spazieren gehe, setze ich mich gern auf eine Bank und beobachte Menschen. Seit ich mich mit dem Thema der Frau um die sechzig auch beruflich beschäftige, sehe ich mir die Frauen besonders aufmerksam an, von denen ich meine, sie könnten in diesem Alter sein. Ich frage mich: Sind sie schon um die sechzig? Viele Frauen wirken fit und unternehmungslustig, sind gepflegt und attraktiv. Manche sehen ein wenig müde aus, wie nach einem anstrengenden Tag, und es fällt mir schwer, ihr Alter zu schätzen. Ergibt sich die Gelegenheit, sie nach ihrem Alter zu fragen, bin ich überrascht, denn die meisten wirken deutlich jünger, als sie sind. Ich stelle fest, es ist gar nicht so leicht, einer Frau ihr biologisches Alter anzusehen. Wie stelle ich mir, wie stellen wir uns Frauen um die sechzig vor? Wie sehen sie sich selbst, sehen sie sich jung oder alt? Wie nehmen andere Menschen, die Gesellschaft Frauen in diesem Alter wahr? Und: Ab wann gilt man überhaupt als alt?
AB WANN IST MAN ALT?
Angelehnt an die Definition der WHO, bezeichnen wir Menschen zwischen fünfzig und sechzig als Ältere, zwischen sechzig und 75 als junge Alte, ab achtzig Jahren als alte Menschen oder Hochaltrige, über 95 als sehr alte Menschen oder Überlebende. Die Phasen zwischen fünfzig und 75 werden die dritte Lebensphase oder das dritte Alter genannt. Es besteht aus mehreren Lebensabschnitten, und wir befinden uns demgemäß im Abschnitt der jungen Alten, der sogenannten Silver Ager, Golden Oldies oder Best Ager. Unterschieden wird vor allem zwischen diesen jungen Alten, von denen Aktivität und das Nutzen von Potenzialen erwartet wird, und den Hochaltrigen, dem fragilen oder hinfälligen Alter, bei denen stereotyphaft davon ausgegangen wird, dass sie überwiegend Betreuung brauchen.
Das erste Mal
Irgendwann hat jede Frau das Gefühl, alt zu sein, nur wann sich dieses Gefühl einstellt, ist individuell sehr unterschiedlich und zumindest bei den jungen Alten noch nicht ständig präsent. Eine Frau in meiner Beratung berichtete: »Mal fühle ich mich wie ein junges Mädchen, ein anderes Mal unbeschreiblich müde und alt.« Das kennen wahrscheinlich viele in diesem Alter: dieses sich Irgendwie-dazwischen-Fühlen, dieses Schwanken von jung zu alt und umgekehrt. Der Körper zeigt erste Ermüdungserscheinungen, aber unser inneres Bild von uns selbst ist jung. Meist ist also die Überraschung groß, wenn uns zum ersten Mal das Gefühl beschleicht, alt zu sein. Erinnern Sie sich noch daran, wann Sie sich das erste Mal wirklich alt gefühlt haben?
TREFFEND GEFRAGT
Wann habe ich mich zum ersten Mal alt gefühlt? Was war der genaue Anlass dafür?
Vielleicht gab es einen äußeren Anstoß, jemand hat Ihnen einen Platz im Bus angeboten, oder Sie wurden von jungen Leuten Oma genannt. Oder es gab einen inneren Anlass: Ihr Körper schmerzte bei einer bestimmten Tätigkeit an einer Stelle, die vorher dabei noch nie geschmerzt hat – zum Beispiel Ihr Rücken beim Bücken oder Ihre Knie beim Treppensteigen. Jede Frau hat sich früher oder später irgendwann einmal zum ersten Mal alt gefühlt. Aber das Gefühl, alt zu sein, mag nicht immer korrespondieren mit dem Alter, das die Gesellschaft als alt definiert. Eine Frau kann sich mit 35 alt fühlen, weil sie die ersten Falten entdeckt hat, ist dann aber noch lange nicht alt. So ähnlich erging es mir. Ich habe bereits an meinem dreißigsten Geburtstag gedacht, jetzt bin ich alt. Dann wieder fühlte ich mich viele Jahre lang jung, bis eines Tages, da war ich gerade mal 55, mir ein Schüler einen Platz im Bus anbot. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte, und entschied mich für die Freude. Aber ein zwiespältiges Gefühl war es dennoch und für mich der Anlass, wieder einmal über mein Älterwerden nachzudenken. Was für ein Bild hatte ich von älteren Menschen? Wie entstehen überhaupt Altersbilder?
Altersbilder
Im sechsten Altenbericht »Altersbilder in der Gesellschaft« des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2010 heißt es: »Altersbilder sind nicht ›zwangsläufig‹ und ›naturgegeben‹ vorhanden, sondern sie sind soziale Konstruktionen, deren Ausgestaltung von historischen und kulturellen Rahmenbedingungen abhängt«, und weiter unten dann: »Je differenzierter und vielfältiger eine Gesellschaft und die in ihr praktizierten Lebensformen sind, desto vielfältiger sind auch die Altersbilder. Selbst Einzelpersonen haben nicht nur ein einziges Altersbild im Kopf, sondern verfügen über ein ganzes Repertoire an Altersbildern.«
Das individuelle Altersbild
Wodurch entsteht dieses ganze Repertoire an Altersbildern? Bevor wir selbst alt werden, sind wir bereits als Kinder von alten Menschen umgeben: von Großeltern, Tanten, älteren Lehrerinnen, Nachbarn und vielen anderen. Diese Begegnungen werden ergänzt durch Darstellungen und Beschreibungen in Kinderbüchern und Werbung.
Wenn unsere Begegnungen positiv verlaufen oder die Darstellungen in den Medien positiv sind, entwickelt sich auch ein positives Bild vom Alter. Dies trifft oft auf das Bild der stets fürsorglichen und liebevollen Großmutter zu. Oder auf den Archetypus der alten Weisen oder des alten Weisen im Märchen. Dabei wissen wir längst, dass wir allein durchs Älterwerden nicht zwangsläufig auch weise werden ( >).
Es gibt aber auch negative Zuschreibungen vom Alter und von Alten, wie mürrisch, stur, immerzu kränkelnd und, und, und. Beispiele dafür sind die zänkische Alte, der Griesgram oder der hypochondrisch kränkelnde, oft bettlägerige alte Mensch.
Altersstereotype
Zumeist verkörpern sowohl die positiven als auch die negativen Bilder Stereotype, die wir als Kinder unreflektiert annehmen und später als Erfahrungshintergrund mit dem Älterwerden dienen. Die meisten Stereotype betreffen nur eine gesellschaftliche Gruppe, wie Reiche oder Arme, Dicke oder Dünne. Deshalb ist der Teil der Bevölkerung, der nicht zu dieser Gruppe gehört, davon nicht betroffen. Alt aber werden wir alle, und daher sind wir alle von Altersstereotypen betroffen. Haben wir negative Bilder vom Alter, sind wir im jungen Alter geneigt, die Alten zu diskriminieren, und wenn wir älter werden, schließlich auch uns selbst. In diesem Fall sprechen wir von Alters-Selbststereotypisierung. Positive sowie auch negative Altersbilder hängen außerdem ab von Faktoren wie Alter, Bildungsstand, Einkommen und Gesundheitszustand, und sie unterscheiden sich auch innerhalb der Altersgruppen: Menschen im mittleren Erwachsenenalter haben positivere Altersbilder als ältere Menschen. Innerhalb verschiedener Bildungsgruppen haben Menschen mit niedriger Bildung deutlich negativere Altersbilder als Menschen mit mittlerem oder hohem Bildungshintergrund.
Das Bild, das wir von uns selbst haben, ist einerseits geprägt vom Zustand unseres Körpers, den nachlassenden Körperfunktionen und äußerlichen Alterserscheinungen, andererseits davon, wie uns die Gesellschaft als älter werdende Frau sieht und bewertet. So hat jede Frau ihr ganz individuelles Altersbild, das wiederum beeinflusst wird vom gesellschaftlichen Altersbild. Altersbilder sind also nicht fest und unveränderlich. Wir werden von den bestehenden Altersbildern geprägt und prägen diese durch unsere Art zu leben wiederum neu. Je nachdem, wie wir unser Alter leben und welche Rollen wir erfüllen, kann ein neues Bild vom Älterwerden und vom Alter entstehen. Damit tragen wir zu einer neuen Alterskultur bei, die sich positiv auf das Alter(n) unserer Töchter und Enkeltöchter auswirken kann.
Vielleicht haben Sie Lust, sich einmal anzuschauen, welche Rollen Sie in Ihrem Leben ausgefüllt haben, welche Sie heute leben und welche Sie weiterhin leben möchten? Dazu können Sie auch die nebenstehende Übung auf > machen.
Die Rollen, die wir leben und die uns je nach Lebensphase beschäftigen, machen einen Teil unserer Identität aus. Allerdings sind uns die Rollen, ähnlich wie die Zuschreibungen, oft durch Lebensumstände zugeteilt worden – manchmal haben wir sie aber auch selbst gewählt. Teilweise ist uns gar nicht bewusst, wie viele verschiedene Rollen wir in unserem Leben wirklich innehaben.
Daher kann es hilfreich sein zu überlegen, ob wir diese Rollen behalten oder ob wir einige von ihnen ablegen und welche neuen wir annehmen können oder wollen. Wir haben die Chance, durch unsere Art zu leben und die Übernahme neuer Rollen ein neues Altersbild zu prägen und selbst zu Vorbildern zu werden. Welche Rollen leben wir heute, und welche haben unsere Mütter sowie Großmütter gelebt? Fest steht, seit dem Dritten Reich und den 1950er-Jahren sind wir Frauen einen langen, oft mühsamen Weg gegangen.
Übung
Verschiedene Frauenrollen
Malen Sie auf ein DIN-A4-Blatt eine große Blüte eines Gänseblümchens, einer Daisy (Muster und Beispiel im Übungsheft). In die Mitte tragen Sie Ihren Namen ein und in die Blütenblätter die verschiedenen Rollen, die Sie jetzt gerade leben: Mutter, Tochter, Ehefrau. Darunter kommen die jeweils passenden Zuschreibungen: bei Mutter zum Beispiel aufopfernd, tatkräftig, liebevoll; bei Tochter eventuell brav, aufmüpfig, hilfsbereit; bei Ehefrau treu, verlässlich, durchsetzungsfähig.
Selbstverständlich haben Sie auch Rollen außerhalb der Familie, die Sie ebenfalls eintragen, wie die geduldige Patientin oder die immer freundliche Ehrenamtliche. Dann tragen Sie in die Wolken, die sich um die Daisy gruppieren, ein, von wem diese Zuschreibungen kommen: Familie, Gesellschaft, Freundin, Arbeitgeber, von Ihnen selbst.
Manche Rollen leben wir das ganze Leben, manche nur für eine bestimmte Zeit. Töchter sind wir alle lebenslang, manchmal sind wir auch Schwester, und dann ebenfalls lebenslang, manchmal Großmutter, dieses nur ab einem gewissen Lebensalter, sowie manchmal Ehefrau, Geliebte, Partnerin, Angestellte, Mitarbeiterin, Geschäftsfrau, Freundin, Nachbarin und vieles mehr – dieses auch nur in einer bestimmten Lebensphase.
In den Zuschreibungen drücken sich die Erwartungen aus, die an diese Rolle gestellt werden, sie sind fast wie ein Etikett, das uns in dieser Rolle festlegt: die geduldige Freundin, die aufopfernde Mutter, die fleißige Angestellte. Manchmal werden diese Zuschreibungen von außen gegeben, manchmal geben wir sie uns auch selbst.
Jetzt können Sie sich fragen: Welche dieser Rollen gefällt mir (noch), in welcher fühle ich mich (noch) authentisch? Welche möchte ich verändern? Welche der mir zugeschriebenen Eigenschaften passt, und welche nehme ich gern an?
Vielleicht möchten Sie auch Ihre eigenen Rollen mit denen Ihrer Mutter und Großmütter vergleichen? Dazu können Sie sich auch fragen: Welche Rollen haben meine Mutter, welche meine Großmütter gelebt? Können Sie sich erinnern, welche dieser Rollen Ihrer Einschätzung nach eher gern beziehungsweise eher ungern gelebt wurden? Fragen Sie sich ebenfalls, welche Rollen Sie von Ihrer Mutter beziehungsweise Ihren Großmüttern übernommen und welche Sie abgelehnt haben. Welche Rollen haben sich in den vergangenen Jahren verändert, welche sind gleich oder zumindest ähnlich geblieben?
Die Rolle der Frau im Dritten Reich – unsere Großmütter
Im Dritten Reich wurde der Frau vorwiegend die Rolle der Mutter zugesprochen, Kinderkriegen und die Erziehung der Kinder sollten ihr gesamter Lebensinhalt sein. Sie sollte möglichst viele Kinder zur Welt bringen, um zur Verbreitung der »arischen Rasse« beizutragen und den Nachschub an Soldaten zu gewährleisten. Es wurde ein regelrechter Mutterkult betrieben, Frauen mit besonders vielen Kindern wurden mit dem »Ehrenkreuz der Deutschen Mutter« ausgezeichnet. Um Frauen zu motivieren, wurden sie öffentlich mit Charaktereigenschaften wie Selbstlosigkeit, Treue, Pflichtbewusstsein und Opferbereitschaft versehen und ihnen ihre bedeutende Rolle beim Aufstieg des Dritten Reiches verdeutlicht. Ihre Leistung wurde gleichgesetzt mit der Leistung der Soldaten, es hieß, die Frau erbringe in der »Geburtenschlacht« genauso Erfolge wie Soldaten an der Kriegsfront.
Gleichzeitig wurden Frauen von der Erwerbstätigkeit abgehalten, indem einem jungen Paar bei der Eheschließung ein Ehestandsdarlehen unter der Bedingung gewährt wurde, dass Frauen ihre Erwerbstätigkeit aufgaben und keine Tätigkeit ausübten, solange der Ehemann dazu in der Lage war. Die Zurückzahlung des Darlehens reduzierte sich pro Kind um 25 Prozent, mit vier Kindern war das Darlehen also getilgt.
Außerdem wurde den Frauen das passive Wahlrecht abgesprochen, sie wurden nicht mehr zu Justizberufen zugelassen, ab 1934 durften Ärztinnen keine Praxen mehr eröffnen, und der Frauenanteil an Universitäten musste weniger als zehn Prozent betragen. Frauen, die Kinder abtrieben, wurden hart bestraft, oftmals auch mit dem Tod.
Das alles änderte sich mit Ausbruch des Krieges. An der »Heimatfront« mussten Frauen nun alle Berufe ausüben, die normalerweise von Männern verrichtet wurden. So durften Frauen jetzt ohne Einschränkungen studieren, da ihre Fähigkeiten für den Krieg gebraucht wurden. Ab 1942 wurden Frauen sogar zur Arbeit in Rüstungsbetrieben verpflichtet. Neben der harten und anstrengenden Arbeit mussten sie nun auch ihre vielen Kinder allein durch die Kriegswirren bringen. Sie lebten in ständiger Sorge um die Ehemänner, deren Rückkehr aus dem Krieg nicht gewiss war. Wegen der ungewissen Zukunft nach dem Krieg litten viele an starken Angstzuständen. Diese großen seelischen Belastungen waren prägend für die Generation der Frauen im Zweiten Weltkrieg, für unsere Großmütter.
Die Rolle der Frau in den 1950er-Jahren – unsere Mütter
Die 1950er-Jahre gelten als konservativ, die Frauen besaßen, verglichen mit heute, wenig Rechte. Erst 1949 wurde auf Antrag der sozialdemokratischen Abgeordneten Elisabeth Selbert die Gleichberechtigung von Männern und Frauen als Artikel 3 in das Grundgesetz aufgenommen. Aber die Frauen der 1950er- und 1960er-Jahre waren alles andere als gleichberechtigt. Ein uneheliches Kind galt als Katastrophe, die Mutter erhielt meist nicht einmal das Sorgerecht. Das Ehe- und Familienrecht bestimmte den Mann zum Alleinherrscher über Frau und Kinder, die Ehefrau musste ihrem Mann jederzeit sexuell zur Verfügung stehen, misshandelte er sie oder die Kinder, war es Privatsache. Verheiratete Frauen durften nur arbeiten gehen, wenn der Mann es erlaubte, und falls sie die gleiche Arbeit verrichtete wie ein Mann, bekam sie dafür weniger Lohn.
Die Rolle der Frau war es, den Mann und die Familie zu versorgen. In einer Werbung der Firma Dr. Oetker aus dieser Zeit heißt es: »Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? und: Was soll ich kochen?« Unverheiratete galten spätestens ab dreißig als alte Jungfern, egal, ob sie nun freiwillig oder unfreiwillig ledig geblieben waren.
Da die Frau überwiegend den Ehemann und die Familie versorgte, ist es naheliegend, dass sie als ältere Frau die Rolle der Großmutter einnahm. In den Medien wurde sie meist dargestellt als grauhaarig, fürsorglich und sich liebevoll um die Enkel kümmernd, und als solche ist sie, neben anderen Darstellungen der älteren Frau, auch heute noch in der Werbung zu sehen.
Im März 2016 zeigte das ZDF den dreiteiligen Film »Ku’damm 56«, eine Familiengeschichte über den Aufbruch der Jugend in den 1950er-Jahren. Der Film zeigt den Zeitabschnitt zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder, in dem Leben und Wert einer Frau über den Platz an der Seite ihres Ehemanns bestimmt wurden. Die vermeintlich durch den Krieg Witwe gewordene Mutter wünscht sich eine möglichst vorteilhafte Heirat für ihre drei Töchter, die sich dadurch bestmöglich in die konservativ geprägte Gesellschaft einfügen sollen. Sowohl die älteste als auch die mittlere Tochter passen sich den Forderungen der Mutter und den Erwartungen der Gesellschaft an. Selbst als die älteste Tochter erfährt, dass ihr Ehemann homosexuell ist, entscheidet sie sich, bei ihm zu bleiben, um ihren guten Ruf als Ehefrau nicht aufs Spiel zu setzen. Die zweite Tochter heiratet den ungeliebten vermögenden und renommierten Chef und verzichtet auf ihre große Liebe. Nur der jüngsten Tochter gelingt die Befreiung. Sie verkörpert die Suche nach einer neuen weiblichen Identität und den aufkommenden Wunsch nach Gleichberechtigung. Ein äußerst gelungenes Sittengemälde der 1950er-Jahre!
Ich selbst erinnere mich, dass meine Schwester und ich in den frühen 60er-Jahren von meiner Mutter mit Petticoats ausstaffiert wurden und diese besonders beim sonntäglichen Spaziergang tragen mussten. Wir hatten stets brav vorneweg zu gehen, wie Puppen. Eine Frau erzählte mir: »Für meine Eltern war es wichtig, was die anderen Leute dachten. Es war nicht wirklich wichtig, wie ich mich als Kind fühlte, sondern ›die Leute‹ sollten sehen, dass es uns gut ging.« Eine andere: »Besonders wir Kinder freuten uns sehr, als unsere Eltern beschlossen, ein Auto zu kaufen. Stolz saß mein Vater hinter dem Steuer. Nach langen Diskussionen machte auch meine Mutter den Führerschein ... Doch wenn wir gemeinsam Ausflüge machten, saß selbstverständlich weiterhin mein Vater am Steuer. Er konnte es sich einfach nicht vorstellen, sich von meiner Mutter chauffieren zu lassen.« Der Mann hatte das Steuer in der Hand, nicht nur im Auto!
Sowohl sie als auch ich haben die 1950er- und auch die frühen 1960er-Jahre als sehr konservativ, um nicht zu sagen spießig erlebt. Kein Wunder, dass wir als Töchter in den 68ern dagegen rebellierten!
DEMOGRAFISCHER WANDEL
Seit 150 Jahren werden die Menschen pro Jahr im Durchschnitt drei Monate älter. Um 1900 lag die Lebenserwartung von neugeborenen Mädchen bei 52,5 Jahren (Jungen: 46,4 Jahren), naturgemäß war das Alter zu jener Zeit kein Thema. Heute beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen in Deutschland 82,7 Jahre (Männer: 77,9 Jahre). Mädchen, die 2016 zur Welt kommen, werden im Durchschnitt sogar 83,1 Jahre (Jungen: 78,2 Jahre) alt. Das liegt unter anderem auch am gestiegenen Einkommen und dem damit verbundenen höheren Lebensstandard, der besseren Ernährungslage und an der guten medizinischen Versorgung. Viele ältere Menschen erleben das Alter zudem in guter Gesundheit. Sie fühlen sich nicht nur zehn Jahre jünger, als sie tatsächlich sind, sie sind es auch wirklich: Körperliche Abnutzungserscheinungen stellen sich im Durchschnitt zehn Jahre später ein als noch vor dreißig Jahren. Die 75-Jährigen von heute sind so leistungsfähig wie die 65-Jährigen vor zehn Jahren.
Die 68er – wir als junge Frauen
Wir Frauen um die sechzig wuchsen zur Zeit der 1968er-Bewegung auf, die gegen »alte Hüte« rebellierte. Wir gehören der Generation von Frauen an, die ihre BHs verbrannten als Zeichen, dass wir nun selbst entscheiden wollten, wie wir leben, lieben und aussehen wollten. Eine Delegierte des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) warf 1968 dem Vorsitzenden auf dem Podium wütend drei Tomaten ins Gesicht aus Protest dagegen, dass selbst die Genossen die Belange der Frauen nicht zur Kenntnis nehmen wollten. Bekannt wurde auch der Slogan »Mein Bauch gehört mir« von Frauen, die für die Abschaffung des Abtreibungsparagrafen kämpften. Tatsächlich trat 1974 eine Neuregelung des Paragrafen nach dem Indikationsmodell in Kraft, ein Schwangerschaftsabbruch wurde aus bestimmten medizinischen, sozialen oder ethischen Gründen erlaubt. Seit 1995 gilt die Fristenlösung, die einen Abbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten zulässt, sofern eine Beratung stattgefunden hat. Nach diesem Durchbruch wandten wir Frauen uns den Themen Ehe, Mutterschaft und Sexualität zu. Wir fragten uns: »Was sind unsere eigenen Bedürfnisse, wann erfüllen wir nur die der Männer?«
Der 68er-Frauenbewegung haben wir viel zu verdanken. Wir haben heute mehr Selbstbewusstsein und sind rechtlich in allen Bereichen den Männern gleichgestellt. Ein uneheliches Kind ist keine Schande mehr. Ehemänner, die ihre Frauen schlagen, müssen auf Wunsch der Frau die Wohnung verlassen, und Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar. Alle Berufe stehen uns heute offen. Wir können Ehe, Singlestatus, Beruf, Kinder oder Kinderlosigkeit wählen. Viele von uns heute Sechzigjährigen wünschten sich sowohl die Ehe und Mutterschaft als auch den Beruf. Die daraus resultierende Doppel- oder gar Dreifachbelastung als Ehefrau, Mutter und Berufstätige entpuppte sich dann als eine große Herausforderung, die gemeistert werden wollte. Und fast immer, oft trotz mangelnder Unterstützung durch den Ehemann, wurde sie auch gemeistert.
Ältere Frauen heute
Nach diesem kurzen Rückblick auf unseren Weg in ein freies, selbstbestimmtes Leben mag es jetzt an der Zeit sein, uns einmal an unsere Großmütter oder Tanten oder andere ältere Frauen in unserem Umfeld zu erinnern. Siehe dazu die nebenstehende Übung.
Ich hatte zwei Großmütter, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Die eine war der klassische Großmuttertyp: rundlich, rosig, graues Haar. Sie war nie berufstätig gewesen und widmete sich ganz der Erziehung ihrer drei Töchter, wie es im Dritten Reich von ihr erwartet wurde. Mein Großvater fiel in den letzten Tagen des Krieges, und sie musste mit ihren Töchtern aus dem Sudetenland fliehen und ihr gesamtes Hab und Gut zurücklassen. Von den Erlebnissen auf der Flucht und den seelischen Belastungen erzählte sie nur, dass sie und ihre noch jungen Töchter – meine Mutter und Tanten – in der Lage waren, mit allen Problemen fertigzuwerden. Um welche Probleme es sich dabei gehandelt haben mag, erfuhr ich nie, auch später nicht von meiner Mutter, darüber herrschte Schweigen. Dennoch war meine Großmutter fast immer heiter, und die Fürsorge und Liebe, die sie mir angedeihen ließ, möchte ich nicht missen.
Doch Vorbild war meine andere Großmutter. Sie war klein und wendig, sehr klug und resolut und zog zusammen mit ihrem Mann vier Kinder groß. In ihrer Jugend hatte sie ein Jurastudium begonnen, doch dann abgebrochen, ob aus gesellschaftlichen oder privaten Gründen, habe ich leider nie erfragt. Bis zu ihrer Pensionierung leitete sie ein Müttergenesungsheim. Ihr forsches Auftreten flößte mir großen Respekt ein, und ihre Klugheit und Tatkraft wurden mir zum Vorbild.
Was immer meine Großmütter während des Krieges erlebt haben, sie haben beide nie darüber gesprochen. Vielleicht befanden sie mich dafür zu jung und wollten mich nicht belasten. Später habe ich meine Mutter gefragt, warum sie und die anderen Frauen sich so leicht das »Steuer« von den Männern wieder aus der Hand haben nehmen lassen, nachdem ihre Mütter und teilweise auch sie selbst schon während des Krieges Aufgaben der Männer übernommen hatten. Ihre lapidare Antwort lautete: »Das war eben so!« Einige Frauen mögen froh gewesen sein, wieder eine starke Schulter zum Anlehnen gehabt zu haben und sich ausruhen zu dürfen, andere mögen es bedauert haben, fügten sich aber.
Vielleicht wollen und können Sie Ihre Mutter nach den früheren Zeiten befragen?
Übung
Ältere Frauen in meinem Leben
Vielleicht haben Sie noch Fotografien von älteren Menschen aus Ihrer Familie oder Ihrem Umfeld. Betrachten Sie ihre Gesichter, Körperhaltung und Kleidung. Wie nehmen Sie sie wahr? Vielleicht stellen Sie unwillkürlich Vergleiche zur heutigen Zeit oder zu sich selbst an. Oder Sie befragen Ihre Mutter und lassen sich von früheren Zeiten und über Ihre Großmütter und Urgroßmütter berichten. Vielleicht erinnern Sie sich auch selbst noch an die Rolle Ihrer Großmütter oder die der älteren Tanten oder anderer älterer Frauen in Ihrem engeren Umkreis, auch an die Rolle, die diese in Ihrem Leben gespielt haben. Welchen Eindruck haben diese Frauen hinterlassen? Gibt es Vorbilder, von denen Sie sagen könnten: So will ich sein, wenn ich alt bin? An welche ihrer Eigenschaften können Sie sich erinnern, welche zwei Eigenschaften sind für Sie am wichtigsten?
Wenn Sie möchten, legen Sie sich ein Heft an, in das Sie Ihre Antworten auf diese und alle späteren Fragen eintragen können.
Geschichten aus dem Leben
Wir sind mitten in unserem Kursvormittag »Gesundheit«, als sich unter den Frauen unvermittelt eine Diskussion über das Altwerden und das Alter entfacht.
Da ohnehin alle Themen im Kurs miteinander verwoben sind und die Diskussion immer interessanter wird, greife ich als Kursleiterin nicht ein. Als ich frage, an welchem Körperteil die Kursteilnehmerinnen zum ersten Mal Schmerzen verspürten, die im Allgemeinen mit dem Alter assoziiert werden, antwortet Frau M.: »Als ich vor einigen Wochen eine Flasche Wasser aufmachen wollte, stellte ich fest, dass ich die Flasche nicht so fest wie üblich halten konnte, sie schien mir fast zu entgleiten, und mein Daumengrundgelenk schmerzte. Ich dachte sofort: Arthrose, jetzt bin ich alt.« Frau A. bestätigt diese Aussage: »Ich bemerke, dass ich – besonders, wenn ich länger gesessen bin – nicht mehr so schnell vom Stuhl hochkomme, und fühle mich eine ganze Weile steif. Zumindest, bis ich mich wieder eingelaufen habe. Die Gelenke werden einfach immer steifer!« Viele nicken zustimmend.
Frau S. bestätigt die Aussage von Frau M.: »So ergeht es mir schon seit längerer Zeit. Aber um zu wissen, dass ich alt werde, brauche ich nur in den Spiegel zu schauen, dann denke ich oft, meine Mutter blickt mich an, und manchmal sogar meine Großmutter!« Einige Teilnehmerinnen lachen, andere blicken ernst. »Und dabei fühle ich mich innerlich doch noch so jung, manchmal wie ein Teenager!«, fügt Frau A. hinzu. Und sie erzählt weiter: »Manchmal kann ich sogar richtig albern sein. Mein Mann tadelt mich dann meistens, aber mir tut das richtig gut. Dann habe ich das Gefühl, dass ein Teil von mir jung geblieben ist.«
Und Frau B. erzählt: »Das erinnert mich an meine Mutter. Als wir ihr mitteilten, dass es an der Zeit wäre, ein schönes Altersheim für sie auszusuchen, da sie ihren Alltag nun nicht mehr allein bewältigen könne, antwortete sie: ›Da gehe ich nicht hin. Dort sind alle alt!‹ Darauf bemerkten wir: ›Aber Mutti, du bist doch auch alt!‹ Worauf meine Mutter antwortete: ›Ich bin nicht alt. Alt sind die anderen.‹« Jetzt lachen alle. Und Frau S. fügt hinzu: »Ja, alt sind immer die anderen. Ich schaue mich schließlich nicht ständig im Spiegel an, und so sehe ich meine Falten nur hin und wieder. Aber die Falten der anderen habe ich ständig vor Augen, sie sind für mich die Alten.«
Da wirft Frau B. ein: »Aber ist denn Altsein wirklich eine Frage der nachlassenden Körperkraft und Schönheit? Ist es nicht vielmehr eine Frage der Geisteshaltung?« Daraufhin Frau S.: »Du meinst im Sinne von Aurel, der behauptete, Jugend sei eine Geisteshaltung?« Und sie kramt in ihren Unterlagen und liest vor: »›Jugend bezeichnet nicht einen Lebensabschnitt, sondern eine Geisteshaltung: Sie ist Ausdruck des Willens, der Vorstellungskraft und der Gefühlsintensität. Sie bedeutet Sieg des Mutes über die Mutlosigkeit, Sieg der Abenteuerlust über den Hang zur Bequemlichkeit. Man wird nicht alt, weil man eine gewisse Anzahl von Jahren gelebt hat, man wird alt, wenn man seine Ideale aufgibt. Die Jahre zeichnen wohl die Haut – Ideale aufgeben aber zeichnet die Seele.‹ Und weiter unten heißt es: ›Jung ist, wer noch staunen und sich begeistern kann, wer noch wie ein unersättliches Kind fragt: Und dann?, wer die Ereignisse herausfordert und sich freut am Spiel des Lebens.‹« »Ja, und auch hin und wieder richtig albern sein kann!«, fügt Frau A. noch hinzu. Alle lachen. »Ich weiß nicht, ob Aurel auch Albernheit damit meinte«, erwidert Frau M. ein wenig pikiert. »So wäre das Alter nur eine Frage der richtigen Geisteshaltung?«, sinniert Frau B. »Und meine Mutter hat vielleicht recht, wenn sie sich davor fürchtet, ins Altersheim ziehen zu müssen. Vielleicht befürchtet sie, dort wären nur alte Menschen mit einer ›alten‹ Geisteshaltung.«
Sofort fällt ihr Frau M. ins Wort: »Genau. Kennt ihr nicht auch Junge, die alt wirken, weil sie stur und verknöchert sind, und Alte, die eine Frische und Lebendigkeit ausstrahlen, weil sie offen und neugierig sind, sich fürs Leben interessieren?« Besonders Frau A. nickt mit dem Kopf, da sie sich innerlich noch sehr jung fühlt.
Doch Frau M. wendet ein: »Was nützt es denn, sich innerlich jung zu fühlen, wenn der ganze Körper schmerzt oder gar eine schlimme Krankheit droht?«
Darauf Frau B.: »Vielleicht verändert eine junge frische Geisteshaltung unseren Blickwinkel auf das Altwerden und Altsein und macht es uns schließlich möglich, die damit verbundenen Einschränkungen leichter anzunehmen? Und hilft uns, unseren Blickwinkel weg von den Gebrechen mehr hin zum Leben, dem Schönen und all der Freude, die es ja auch noch gibt, zu wenden?«
Nun reden plötzlich alle durcheinander. Ich blicke auf die Uhr und sehe mich gezwungen, die höchst interessante Diskussion abzubrechen, da das Gespräch sich ohnehin wieder in Richtung »Gesundheit« bewegt: »Meine Damen, es ist Zeit, unsere Diskussion, zumindest vorläufig, zu beenden. Ich bin überzeugt, dass dieses Thema uns alle noch lange beschäftigen wird und jede von uns ihre eigene ganz persönliche Antwort auf die Frage: ›Was heißt hier alt?‹ finden wird. Lassen Sie uns nun aber wieder zum eigentlichen Thema dieses Vormittags zurückkehren!«
Das gesellschaftliche Altersbild im Altertum
Wie schon angesprochen, beeinflussen sich das individuelle und das gesellschaftliche Altersbild wechselseitig, sie greifen ineinander. Gerade die Rolle des gesellschaftlichen Altersbilds ist nicht zu unterschätzen, denn es wirkt sich sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht stark aus. Um den Einfluss und die Rolle gesellschaftlicher Altersbilder zu zeigen, möchte ich in der Geschichte weit zurückgehen und zwei extreme Beispiele aus dem Altertum vorstellen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Sparta und Athen. In Sparta herrschte in der Zeit von 600 bis 300 vor Christi eine Gerontokratie, eine Herrschaft der Alten. Der Staat wurde geleitet von einem Ältestenrat, der Gerusia, der auch die Gesetze festlegte. Als alt galt man ab sechzig – in diesem Alter stieg das Ansehen, und man erreichte eine höhere soziale Stellung. Die Älteren wurden geachtet und geschätzt, ihnen Respekt zu zollen galt als Erziehungsprinzip: Sobald ein Älterer den Raum betrat, hatten Jüngere aufzustehen. Als Tugenden wurden Disziplin, Ausdauer und Tapferkeit gefördert. Ein Junge lebte bis zum achten Lebensjahr bei seiner Mutter, danach wurde er in einer von einem Älteren geleiteten Gruppe aufgezogen.
Erkrankte ein alter Mensch, so betreuten ihn Sklaven und nicht seine Kinder. In Sparta herrschte ein extrem positives Altersbild, das jedoch nur für Männer wissenschaftlich belegt ist, denn über die Frauen gab es zu jener Zeit wenige bis keine Aufzeichnungen.
Können Sie sich vorstellen, wie gut sich ein älterer/alter Mann in diesem Staat gefühlt haben muss und wie sehr junge Männer das Alter herbeigesehnt haben mögen?
Stellen Sie sich vor, das Gleiche hätte für Frauen gegolten, und überlegen Sie sich, wie es wohl wäre, in einer solchen Gesellschaft zu leben. Mit welchen Augen würden Sie dann das Alter betrachten? Würden Sie sich darauf freuen, es vielleicht sogar herbeisehnen?
Ganz anders jedoch in dem nur sechzig Kilometer entfernten Athen: Dort galt das Prinzip der Gleichheit, die Menschen führten einen rücksichtslosen Daseinskampf. Es gab keine genau definierte Grenze, ab wann man alt war. Das Alter wurde an körperlichen Kriterien wie grauen Haaren und Gebrechen festgemacht. Als Tugenden wurden Kraft, Stärke, Jugend und Schönheit geschätzt. Demgemäß saßen im »Rat der Fünfhundert« mehr Jüngere, die Neues schaffen wollten und die Weisheit der Älteren weder schätzten noch brauchten. Physische und psychische Schwächen wurden verachtet, Ältere wurden gleichgesetzt mit Kindern und als »altes Eisen«, »abgetragener Schuh«, »zu wenig zu allem« verspottet. Sie hatten allenfalls Macht durch ihren Besitz, aufgrund dessen es allerdings auch häufig zu Konflikten zwischen den Generationen kam. War ihr Besitz an die Jüngeren übergegangen, schwand ihre Macht auch innerhalb der Familie. Es wurde sogar gesetzlich festgelegt, dass die Alten durch die Kinder unterstützt und auf keinen Fall misshandelt werden sollten. Wer weiß, was sonst geschehen wäre.
Es war eine Herrschaft der Jungen, und die Menschen müssen sich vor dem Altwerden eher gefürchtet haben. Kommt Ihnen das zumindest in einigen Zügen bekannt vor? Die Attribute der Jugend wie Kraft, Schönheit und Stärke scheinen auch heute mehr geschätzt zu werden als diejenigen, die mit dem Alter verknüpft sind, wie etwa Weisheit, Disziplin und Ausdauer.
Nach diesen beiden Beispielen, die nur allzu deutlich zeigen, wie sehr das gesellschaftliche Altersbild unsere Selbstwahrnehmung und auch unser individuelles Altersbild beeinflusst, kehren wir wieder ins 20. beziehungsweise 21. Jahrhundert zurück.
Das heutige Altersbild
Hier forderte in den 1960er-Jahren die Disengagementtheorie, Ältere und Alte sollten sich nicht mehr engagieren, sich aus sozialen Rollen und Aktivitäten zurückziehen, denn dies sei analog zu den körperlichen Ermüdungserscheinungen für »gutes
