Spurwechsel mit Hund - Angelika Putsch - E-Book

Spurwechsel mit Hund E-Book

Angelika Putsch

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Beschreibung

Entfremdung, Gewaltbereitschaft, Isolation, Haltlosigkeit - das sind nur zu oft die Schlagworte, mit denen die Situation auffällig gewordener Jugendlicher beschrieben wird. Insbesondere für "therapiemüde" Jugendliche kann ein Hund ein wichtiger Türöffner sein, um sich wieder auf andere und damit auch auf sich selbst einzulassen. Eigenwahrnehmung, Kommunikation, Rücksicht und Verantwortung rücken plötzlich fast unbemerkt und spielerisch wieder in den Vordergrund, ohne dass die Betroffenen sich "therapiert" fühlen. Angelika Putsch stellt ihre langjährigen Erfahrungen mit dem von ihr entwickelten Konzept des "Kompetenztrainings mit Hund (kmh)" vor und informiert über Nutzen, Voraussetzungen und Möglichkeiten, aber auch über die Grenzen des Einsatzes von Hunden als Co-Pädagogen in der Jugendhilfe.

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2013

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© 2013 KYNOS VERLAG Dr. Dieter Fleig GmbH

Konrad-Zuse-Straße 3, D-54552 Nerdlen/Daun

Telefon: 06592 957389-0

Telefax: 06592 957389-20

www.kynos-verlag.de

Grafik & Layout: Kynos Verlag

eBook-Ausgabe der Printversion

ISBN-eBook: 978-3-95464-007-2

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-942335-95-9

Bildnachweis: Alle Fotos, sofern nicht anders ausgewiesen, stammen von Angelika Putsch bzw. sind von den jugendlichen Teilnehmern im Trainingsverlauf selbst angefertig worden.

Nicole Hilgers: Titelfoto

Dr. Ute Berthold-Blaschke: S. 96 (oben), S. 180

Richard Maier: S. 20, 22, 29, 36 (oben), 38, 47, 48 (oben), 54

Stefanie Putsch: S. 30, 36 (unten), S. 37, 41, 49, 73

Silke Schneider: S. 17, 42, 176 (oben links)

Markus Schnur: S. 63, 94, 130

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www.kynos-stiftung.de

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Hunde als Wunderwuzzies?

Wie das Training entstand

Einleitung: Kompetenztraining mit Hund (KmH) für Kinder und Jugendliche

1.Spurwechsel? Unsere Beziehungen im 21. Jahrhundert

1.1Gegen die Ohnmacht – Selbstwirksamkeitserfahrungen machen

1.2Die Schule des Lebens: Wie wir werden, was wir sind

Brutpflege und Sozialverhalten

Sozialverhalten

Aggressionsverhalten

Sozialisation: Unser Gehirn sammelt Erfahrungen

Familiäre Geborgenheit bahnt Bindungskompetenz den Weg

Bindungstheorie und der Strange-Situation-Test bei Mensch und Tier

1.3Erziehung – Wurzeln und Flügel verleihen

Magisches Dreieck: Anregung, Anleitung, Anerkennung Lernen

Klassische Konditionierung

Operante Konditionierung

Nachahmung, Beobachtungslernen, Soziales Lernen

Lernen durch Einsicht

1.4Spielverhalten – unverzichtbares Lerngeschenk der Evolution

Spielen erfordert Fairness

1.5Motivation

Optimale Lernatmosphäre schaffen – Motivation ist situationsabhängig

Leistungsdruck bei Mensch und Haustier

1.6Die Mensch-Tierbeziehung

Sozialnavi Hund

1.7Interdisziplinäre Zusammenarbeit – Brücken bauen, um Qualitätsstandards zu setzen

2.Konzeptionelle Vorarbeiten für das Kompetenztraining mit Hund (KmH)

2.1Erfahrungsbericht: Einbindung der Fördermaßnahme in die Jugendhilfe

2.2Für wen ist die Fördermaßnahme gedacht?

Verhaltensauffälligkeit – was ist damit gemeint?

Förderbereich soziale Kompetenzen – wovon sprechen wir da genau?

2.3Die konzeptionellen Bausteine des Kompetenztrainings mit Hund (KmH)

Die Förderziele »soziale Kompetenzen« müssen SMART vereinbart sein

Der zeitliche Rahmen

Infrastruktur und Rahmenbedingungen für das Kompetenztraining mit Hund

Limitierender Faktor: Geeignete Räumlichkeiten

Kriterien für die Gruppenzusammenstellung

Trainingsübersicht

KmH-Bausteine im Überblick

Alles ist ein Angebot: Grundbedingungen der methodisch-didaktischen Gestaltung

Moderation versus Instruktion/Prozesse, nicht Inhalte steuern

Struktur

Kognitives Modellieren und Lerntheorie – Methodik

Beziehungsgefüge: Teilnehmer – Hund – Trainer (Interspezifische Zusammenarbeit)

Die Rolle des »Co-Pädagogen« Hund

2.4Fazit: Erwarten Sie das Unerwartete!

3.Die Ausbildung der Hundes für den tiergestützten Einsatz

3.1Basiseigenschaften des Hundes

Vorbereitung auf den tiergestützten Arbeitseinsatz

Eignungstest: Nerven wie Drahtseile

Die Verhaltensüberprüfung als Momentaufnahme

Prüfungsbogen – Selbsteinschätzung durch die Hundeführer

Räumlichkeiten, Testpersonen

Testmaterialien

Testverlauf

Das Einschätzungsgespräch mit dem Hundeführer

3.2Die Spezialisierungsphase – Balanceakt zwischen Ressourcenaktivierung und Instrumentalisierung

Lebenslanges Lernen des Mensch-Hunde-Teams

4.Durchführung des Kompetenztrainings mit Hund für verhaltensauffällig Kinder und Jugendliche

4.1Ziele und Aufbau

KmH-Bausteine mit Grobinhalt

4.2Methodik: Von- und miteinander lernen

4.3Das Gruppentraining – Praktische Umsetzung der einzelnen Phasen

Kennenlernphase – wie gestalten wir eine Atmosphäre, in der sich alle wohlfühlen?

Nähe und Distanz Regulation – Ein ständiger Balanceakt

Führung und Vertrauen – der Umgang mit Macht und Ohnmacht

Alltagstransfer 1: Improvisationsphase

Ängstlichkeit und Zurückhaltung sind vollkommen ok

Kooperation: Kontaktanbahnung und Konfliktverhalten

Problemlösung – individuell und im Zusammenspiel

Das 1×1 der Körper-/Raumwahrnehmung

Selbstorganisation – Lernsituationen bewusst gestalten

Belastungsphase – fit für den Alltag

Alltagstransfer 2

Abschlussveranstaltung

Abschlussgespräch Durchführende / Fallverantwortliche

KmH-Bausteine mit Grobinhalten und Musterübungen

Ausblick

5.Fallbeispiele – Alles ist ein Angebot!

5.1Knurrende Kontaktaufnahme: Erstkontakt mit W

5.2Von Schubladen und Besenstielen

5.3Immer schön in der Balance bleiben: Pedalofahren mit Hund

5.4Die Wackelbrett-Aktion: Eine nachhaltige Lektion für die Trainerin in Sachen Vertrauen

5.5»Afghanistan«: Grenzen des Gegenübers wahrnehmen und umdenken

5.6Die Sache mit der Kuh: Fehlverhalten und Konsequenz

5.7Give me five, kopfüber – bitte fragen Sie Ihren Arzt und Versicherungsvertreter!

6.Ausgewählte Spiele und Übungen für die Trainingsphasen von A – Z

Danke

Auszug Muster KmH-Anmeldebogen

Literaturverzeichnis

Zukunft hat Herkunft

Für Thea und Florian

Vorwort: Hunde als Wunderwuzzis?

Immer mehr Therapeuten und Pädagogen arbeiten tiergestützt. Dies als »Mode« zu bezeichnen, da man eben in Therapie und Pädagogik ständig neue Ansätze zu entwickeln hätte, würde viel zu kurz greifen. Vielmehr beruht der vermehrte Einsatz von Tier-Assistenten auf der vielfachen Erfahrung, dass Kinder und Erwachsene wunderbarerweise in Gegenwart von Tieren eher bereit sind, offen zu kommunizieren, sich zu entspannen und aktiv an den diversen Programmen teilzunehmen. Dass diese Wirkungen nicht auf Autosuggestion oder auf einem Placeboeffekt beruhen, zeigt eine zunehmende Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen. Offenbar können Tierassistenten – richtig eingesetzt, d.h. unter Berücksichtigung ihrer eigenen Bedürfnisse, als Partner auf gleicher Augenhöhe sozusagen – Türen in die Seele von Menschen öffnen, die in der zwischenmenschlichen Interaktion eher verschlossen bleiben. Warum ist das eigentlich so?

Weit davon entfernt, endgültige Antworten geben zu können, beginnen wir doch, das besondere Interesse, die besondere Beziehungsfähigkeit von Menschen mit anderen Tieren besser zu verstehen. Dass Menschen nach Edward Wilson »biophil« sind, zeigt sich unter anderem an den wesentlich höheren Aufmerksamkeitsspannen, die Babies Tieren im Vergleich zu anderen Objekten entgegenbringen. Auch sind die ersten Worte von Kleinkindern aller Kulturen tierbezogen und es gibt so gut wie keine tierfreien Kinderbücher.

Prof. Kurt Kotrschal mit einem der Wölfe im Wolfsforschungszentrum (WSC).

Menschen bringen eine evolutionäre Ästhetik mit, die sich in den Prinzipien des »Feng shui« trefflich manifestieren. Weil ästhetische Naturumgebung Menschen beruhigt, findet man in den Wartezimmern von Arztpraxen Aquarien. Die schiere Anwesenheit eines ruhigen Hundes wirkt auf Menschen ansteckend und zudem vertrauensfördernd. Dies wird etwa in heiklen therapeutischen Situationen oder polizeilichen Vernehmungen genutzt. Das alles sind Nachwirkungen davon, dass Menschen, wie auch Raben und Wölfe, die Welt mit viel Köpfchen eroberten. Interesse an der sie umgebenden Natur war für unsere Vorfahren derart überlebenswichtig, dass es sich tief in die menschliche Psyche, ins menschliche Unbewusste eingebrannt hat. Unsere evolutionäre Geschichte erklärt, warum Menschen mit anderen Tieren beziehungsfähig sind (Kotrschal 2009). Die oft gegenüber anderen Menschen bestehenden Zugangsbarrieren und Hemmungen existieren kaum gegenüber Tieren; Tierkontakt kann beruhigen, die Oxytocinsynthese ankurbeln und damit die Synthese des Stresshormons Kortisol dämpfen; dies wiederum erlaubt ein optimales Funktionieren der im Stirnhirn verorteten sozialen Kognition (Julius et al. 2012).

Dass gerade Hunde die im tiergestützten Bereich meist eingesetzten Partner sind, braucht nicht zu verwundern. Mit Wölfen kamen moderne Menschen bereits kurz nach ihrem Auswandern aus Afrika vor etwa 60 000 Jahren in Kontakt. Im Zusammenleben mit Menschen wandelten sich Wölfe zu Hunden und wurden über das Sesshaftwerden hinaus bis heute zum wichtigsten Tierkumpan der Menschen, der uns von Anbeginn auf der Jagd und im Krieg unterstützte, gelegentlich unsere Mägen füllte, immer aber auch geschätzter bis geliebter Beziehungspartner war (Kotrschal 2012). Schon Menschen und Wölfe sind einander in ihrem Sozialverhalten sehr ähnlich, aber in Form der Hunde wurden Wölfe quasi zu Menschen auf vier Beinen. Jedenfalls werden die Beziehungsfähigkeit und das Beziehungsbedürfnis der Hunde von keinem unserer anderen Kumpantiere übertroffen. Das macht sie ja auch zu prädestinierten Partnern für Pädagogik und Therapie.

Angelika Putsch, Diplom-Biologin mit starker pädagogischer Orientierung, stellt in ihrem Buch ein praxisbewährtes, überzeugendes Konzept vor, wie Tiere, insbesondere Hunde, als Partner für ein Kompetenztraining mit verhaltensauffälligen Jugendlichen eingesetzt werden können. Vor dem wissenschaftlichen Hintergrund von Bindungstheorie und sozialem Lernen erhellt sie, wie sich die Beziehungsfähigkeit von Hunden nutzen lässt, um Jugendlichen die Konsequenzen ihres Verhaltens wertfrei zu spiegeln. Wollen sie ein gelingendes Miteinander mit dem Tier erreichen, müssen sie dessen Signale wahrnehmen, richtig interpretieren und ihr eigenes Ausdrucksverhalten entsprechend auf das Gegenüber abstimmen.

Wir brauchen tatsächlich mehr tiergestützt arbeitendes Fachpersonal in heilpädagogischen Einrichtungen und Schulen. Mit einem Caveat allerdings: nicht jeder Hund und nicht jedes Hundeführer-Hund Paar eignet sich tatsächlich für den Einsatz in der Praxis. Nicht wenige Hunde sind im Einsatz mit Kindern und Jugendlichen leicht überfordert und immer noch zu wenige Mensch-Hund-Teams funktionieren als in sich ruhende Partnerschaften auf gleicher Augenhöhe. Dies ist aber eine Grundvoraussetzung für den Erfolg, gerade in pädagogischen Settings, wie die Autorin nachvollziehbar beschreibt.

Angesichts der Tatsache, dass ein steigender Bedarf an pädagogischen Fördermaßnahmen zunehmend an die Grenzen limitierter Ressourcen stößt, kann die Bedeutung solch hochwirksamer tiergestützter Konzepte, wie das hier beschriebene KmH, gar nicht überschätzt werden.

Kurt Kotrschal1

Prof. Univ. Vienna and Director Konrad Lorenz Forschungsstelle

Wie das Training entstand

Der Hund – es gibt kaum ein anderes Mitgeschöpf, von dem der Mensch sich so verstanden und angenommen fühlt. Diese enge Beziehung ist in unserer Jahrtausende währenden gemeinsamen Entwicklungsgeschichte herangewachsen. Sie hat den Hund dazu befähigt, unsere innere Realität über feinste Gesten, Blickkontakte und Körperbewegungen zu erfassen und entsprechend darauf zu reagieren.

Schon in meiner Kindheit war ich in der glücklichen Lage, solche Erfahrungen in meiner hundeergänzten Familie zu machen. Wenn man als Kind unglücklich mit sich und der Welt ist, zusammengesunken dasitzt und der Hund auf einmal zärtlich die Hand leckt, fühlt man diese Verbundenheit. Diese Vorgänge bedürfen keiner Worte.

Als ich mein Studium der Biologie begann und mich insbesondere der Verhaltensforschung verschrieb, hatte ich dieses Ziel vor Augen: Ich wollte das gemeinsames Erbe unserer Vorfahren, unser Ausdrucksverhalten, näher erkunden.

An der Universität Bielefeld erwarb ich die wissenschaftlichen Grundlagen, um das beobachtbare Verhalten von Tieren wertfrei beschreiben und hinsichtlich seiner Funktion und Ursache einordnen zu können. Die ersten Beobachtungen führte ich an Labor- und Zootieren durch. Später führte mich mein Weg an die kalifornische Küste und in die Antarktis, wo ich das Verhalten freilebender See-Elefanten untersuchte.

Mit meinem Wechsel in die Kommunikationsbranche richtete ich mein Augenmerk zunehmend auf unser menschliches Ausdrucksverhalten. Dabei erfuhr ich ein besonderes Glück: Ich lernte die Theaterpädagogin Zilly Zitzelsberger kennen. Ihre große Leidenschaft gehört dem Improvisationstheater. Zwei Sichtweisen des menschlichen Ausdrucksvermögens fügten sich zusammen: Als Trainerinnen arbeiten wir seit nunmehr zwölf Jahren gemeinsam daran, Menschen für die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Körpersprache zu sensibilisieren.

Ihre Erfahrungen als Schulpädagogin inspirierten mich auch dazu, »Störungen im Sozialverhalten« bei Kindern und Jugendlichen in direkten Bezug zu ihrem Ausdrucksverhalten zu setzen. Damals war ich schon als Leiterin der Regionalgruppe Rosenheim von Tiere helfen Menschen e.V. im Bereich der tiergestützten Intervention aktiv. Es lag nahe, beide Themen miteinander zu verbinden.

Ich hatte ja am eigenen Leibe erfahren, wie hilfreich die Kommunikation mit Tieren auch für den Dialog mit Mitmenschen ist:

Man entfaltet ein besseres Körpergefühl und wird sensibler für die nonverbalen Signale der anderen. Auch die »Türöffnerfunktion« von Tieren, für die Kontaktanbahnung zu unseren Mitmenschen, war mir bestens vertraut.

Mit meinem Hund TomTom an der Leine, unter dem Arm ein Konzept zum Thema »Gewaltprävention durch die hundegestützte Förderung sozial verträglicher Verhaltensweisen« spazierte ich eines Tages in das nächstgelegene Heim für verhaltensauffällige männliche Jugendliche. Hier zeigte man sich der Idee gegenüber sehr aufgeschlossen. Ich erhielt die notwendige Unterstützung des Fachpersonals, und man stellte mir eine Erzieherin für die ersten Trainingsstunden zur Seite. Die größte Unterstützung bekam ich aber von den Jugendlichen, die sich so begeistert auf TomToms und meine Impulse einließen und einen bis heute andauernden Prozess des von- und miteinander Lernens in Gang setzten.

Auch von der Erziehungsleitung erhielt ich ein sehr positives Feedback. Diese Anerkennung ermutigte mich zur Weiterentwicklung des Konzeptes im interdisziplinären Dialog. Hier ein für mich besonders bedeutsamen Passus daraus als Zitat:

»(...) Die Jugendlichen befinden sich oft in einem »Schuldzuweisungskreislauf«, d.h. sie begründen eigenes grenzüberschreitendes Verhalten gerne mit dem Handeln des anderen, sie ziehen sich damit aus der Verantwortung, die Folge davon ist, dass sie sich immer ohnmächtiger erleben. Im Kontakt mit dem Hund wird dieser Kreislauf durchbrochen, weil dem Hund schlecht unterstellt werden kann, dass er den Jugendlichen mit Absicht ärgern will oder ihn nicht mag.(...)«

Patricia Lindner, Erziehungsleitung Johannesheim Holzolling

Zusammen mit Marcel Petzold, dem Regionalleiter der Caritas Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, haben wir das Konzept weiter ausgeformt und auf professionelle Füße gestellt. Dank seiner fachlichen und praktischen Unterstützung fand das Training Eingang in die ambulante Jugendhilfe. Es konnte sich so als anerkannte, begleitende Jugendhilfemaßnahme im Raum Rosenheim etablieren.

Inzwischen wurde das Konzept auch umgetauft. Es heißt nun kurz und gut:

KmH – Kompetenztraining mit Hund

All meinen beruflichen Wegbereitern und -begleitern verdanke ich eine wichtige Erkenntnis: Problemen im Sozialverhalten bei Jugendlichen kann man am besten multimodal, also auf verschiedenen Ebenen, entgegenwirken.

Das hier vorgestellte hundegestützte Gruppentraining ist also eine begleitende Förderung, die parallel möglichst noch durch Einzeltrainings und Elternarbeit ergänzt werden sollte. Ihre volle Wirksamkeit wird diese Maßnahme dann entfalten, wenn es zu einem interdisziplinären Erfahrungsaustausch unter allen Beteiligten kommt. Diese sollten sich dabei immer vergegenwärtigen: verschiedene Professionen bedienen sich häufig unterschiedlicher Begrifflichkeiten und Terminologien.

Ich habe mit viel Sorgfalt einen interdisziplinären Brückenschlag zwischen Ethologie (Verhaltensforschung) und (hundegestützter) Pädagogik gewagt. Hierfür habe ich die maßgeblichen Begriffe, vor allem den Kompetenzbegriff, eindeutig zu definieren versucht. Auf dieser Basis habe ich dann die Entwicklung, Durchführung und Evaluation des Kompetenztraining mit Hund(KmH) in der Jugendhilfe detailliert beschrieben.

Wer selbst in der tiergestützten Pädagogik arbeiten will, findet in diesem Buch den theoretischen Hintergrund, auf dem die Fördermaßnahme basiert und welche Ziele sie verfolgt sowie einen anschaulichen Praxisteil für die Umsetzung.

Es soll als Anregung dazu dienen, wie man sich und seinen Vierbeiner – den individuellen Fähigkeiten entsprechend – auf diese verantwortungsvolle Aufgabe vorbereiten kann.

Die Arbeit will insbesondere Sozialarbeiter und Pädagogen, aber auch Ärzte, Psychologen und Therapeuten dazu einladen, sich mit der tiergestützten Intervention und ihrem Potenzial – insbesondere für »therapiemüde« Jugendliche – zu befassen. Hier finden sie vielleicht noch unentdeckte Möglichkeiten für ihre Arbeit.

So kann das KmH beispielsweise auch eine wertvolle Hilfe in der multimodalen Diagnostik sein oder den Klienten für eine sich anschließende Therapie besser erreichbar machen.

Auch der allgemein interessierte Leser mag hier Impulse finden, sich näher mit dem Thema »Sozialverhalten« zu beschäftigen. Sie werden sehen: Es lohnt sich!

Die Autorin Angelika Putsch mit ihrem Hund TomTom.

Selbstwirksamkeit erfahren: Teilnehmer des KmH erstellten eine Zeitung über die Arbeit der Regionalgruppe Rosenheim von Tiere helfen Menschen e.V.. Ihr Engagement wurde mit einer Spende durch den Lions Club Mangfalltal belohnt, die ein Jugendlicher stolz entgegennahm.

 

Wie der Mensch, so ist auch der Hund ein die Gemeinschaft suchendes Lebewesen. Es unterliegt sozialen Annäherungs- und Bindungsprozessen. Beide müssen lernen, wie sie ihr Verhalten angemessen auf das der anderen Gruppenmitglieder abstimmen, um tragfähige Beziehungen zu diesen eingehen zu können. Gemeinschaftliches Leben bietet viele Vorteile, beispielsweise im Bereich des Nahrungserwerbs, bei der Verteidigung oder bei der Aufzucht der Nachkommen.

Sozial positive Kontakte erweisen sich darüber hinaus als elementar für die physische und mentale Gesundheit. Aber auch im Bereich des Wissenstransfers kommt dem gemeinschaftlichen Leben eine große Bedeutung zu. Schon der junge Organismus muss daher lernen, wie er sich als Mitglied einer sozialen Einheit, beispielsweise innerhalb seiner Familie, zu verhalten hat und wo seine Möglichkeiten, aber auch seine Grenzen im sozialen Miteinander liegen.

Eine Malinois-Hündin mit ihren Welpen.

In einer Gesellschaft, in der aber immer weniger Orientierung im Erziehungsprozess gegeben wird, Sozialstrukturen unklar sind oder das Feedback auf gezeigtes Verhalten nicht eindeutig erfolgt, sind Überforderung, Unsicherheit und Frustration an der Tagesordnung. Häufig genug münden diese Faktoren dann in hilfloser Depression, sozialer Ängstlichkeit und/oder impulsiver Aggression.

Diese »Störungen im Sozialverhalten« bei Kindern und Jugendlichen verbreiten sich zusehends und stellen mittlerweile ein ernsthaftes Problem für unsere Gesellschaft dar.

Verhaltensstörungen behindern die Entwicklungs-, Lern- und Leistungsfähigkeit der Betroffenen, aber auch deren Interaktionsfähigkeit mit den Mitmenschen. Sie sind mit einem erhöhten Leidensdruck aller Beteiligten verbunden. In den Medien werden vorrangig Gewalt- und Mobbingdelikte thematisiert. In Schulen grassiert das Phänomen der hyperaktiven (ADHS) Kinder. Dabei wird oft übersehen, dass auch hilflose Depression und soziale Ängstlichkeit Kinder und Jugendliche vermehrt in die soziale Isolation treiben.

Um dieser »sozialen Inkompetenz« frühzeitig und nachhaltig vorzubeugen bzw. entgegen zu wirken, bedarf es geeigneter Hilfemaßnahmen.

Verschiedenste Disziplinen widmen sich dieser Aufgabe, z.B. Pädagogik, Psychologie, Medizin und Psychotherapie. In den letzten Jahrzehnten werden zunehmend auch Tiere als ergänzende, integrierte Bestandteile in diesen Prozess eingebunden. Tiergestütztes Arbeiten basiert dabei immer auf einem ganzheitlichen Ansatz, bei dem der Mensch durch den Umgang mit dem Tier sowohl auf körperlicher als auch auf der geistigen und sozio-emotionalen Ebene angesprochen wird. Innerhalb dieses gemeinsamen Rahmens gibt es allerdings sehr unterschiedliche Konzepte2, die u.a. vom beruflichen Hintergrund und der persönlichen Erfahrung des Praktikers, aber auch von den individuellen Fähigkeiten und der Ausbildung der eingesetzten Tiere geprägt sind.

Das hier vorgestellte Kompetenztraining mit Hund(KmH) ist eine solche praxiserprobte Hilfemaßnahme. Sie ist weitestgehend dem Bereich der tiergestützten Pädagogik zuzuordnen. Als Gruppentraining konzipiert, unterstützt sie Kinder und Jugendliche dabei, ihre individuellen Entwicklungsmöglichkeiten in Bezug auf sozial kompetentes Verhalten zu realisieren. Dies gelingt vor allem dadurch, dass im gemeinsamen Zusammenspiel mit dem Hund ihre eigenen Wahrnehmungs- und Selbststeuerungskräfte gestärkt werden. Die eigenen Handlungsspielräume – im Prozess der Gestaltung von sozio-positiven Beziehungen – erweitern sich und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten steigt.

•Wie funktioniert das Ganze?

•Wie funktioniert es im Detail?

•Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen der Konzeption zugrunde?

•Wie bereitet man den Hund als »Co-Pädagogen« auf seine Aufgabe vor?

•Wie führe ich das Gruppentraining methodisch durch?

•Wie wird die Maßnahme evaluiert?

Das sind die Fragen, die dieses Buch beantworten wird.

Ein KmH-Teilnehmer zeigt einem Mädchen, wie die Signalgebung für Pfotegeben funktioniert.

In unserem Training sehe ich nicht das »Allheilmittel Hund« und auch kein »Patentrezept zur Gewaltprävention«. Schon gar nicht möge man es missverstehen als Plädoyer für eine fragwürdige Inanspruchnahme, tierschutzrelevante Manipulation und Ausbeutung des Mitgeschöpfes Hund.

Es ist mein Anliegen, dass unser Ziel nur eines sein kann: ein partnerschaftliches Miteinander. Alle am Prozess Beteiligten müssen Freude am Zusammenspiel empfinden! Genau dieser Punkt ist es, der immer wieder von den Verantwortlichen reflektiert und sichergestellt werden muss.

Im theoretischen Teil, Kapitel 1, wird zunächst der Themenkomplex »Sozialverhalten« genauer definiert und klassifiziert. Dazu werden u.a. folgende Fragestellungen erörtert:

Was hat die Entstehung von sozialem Verhalten im Verlauf der Evolution begünstigt?

Welche spezifischen Verhaltensweisen sind es, die es einem Individuum ermöglichen, sich in sein soziales Umfeld einzufügen?

Inwieweit sind Lernprozesse am Auftreten dieser Verhaltensweisen beteiligt?

Welches sind die Faktoren, die eine gesunde physische und psychische Entwicklung von Mensch und Tier positiv beeinflussen?

Warum wirkt sich insbesondere der Einsatz von Hunden positiv auf den Erwerb sozialer Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen aus?

Das Kapitel schließt mit der Betrachtung, wie notwendig verbindliche Qualitätsstandards und geeignete Evaluationsmethoden sind. Denn nur dadurch können wir zukünftig die hundegestützte Intervention als ernstzunehmende und effiziente Fördermaßnahme bei »Störungen im Sozialverhalten« von Kindern und Jugendlichen etablieren.

Gemeinsam erkunden vier Malinoiswelpen ein Planschbecken mit Bällen.

Das zweite Kapitel gibt einen kurzen Erfahrungsbericht, wie diese ergänzende Fördermaßnahme sinnvoll in die ambulante Jugendhilfe eingebunden werden kann. Es folgt eine Definition der für das KmH entscheidenden Förderbereich, den sozialen Kompetenzen. Und es werden die Kriterien vorgestellt, anhand derer die Wirksamkeit der Maßnahme festgemacht werden kann. Weiterhin wird skizziert, wie man sich den Ablauf des Gruppentrainings vorzustellen hat und welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen, um die Maßnahme umzusetzen.

Der praktische Teil, Kapitel 3, widmet sich der generellen Ausbildung des Hundes für den Einsatz in der tiergestützten Arbeit. Hier werden allgemeine wünschenswerte Basiseigenschaften für den Vierbeiner dargestellt. Ebenso wird die Verhaltensüberprüfung vorgestellt, wie sie vom Verein Tiere helfen Menschen e.V., Regionalgruppe Rosenheim, für Besuchshunde durchgeführt wird.

Es folgen Tipps und Anregungen für die Spezialisierungsphase, wenn der Hund speziell in der Jugendhilfe eingesetzt werden soll. Das Kapitel schließt mit der Betrachtung, dass die Ausbildung von Hunden für die tiergestützte Intervention immer einen Balanceakt zwischen Ressourcenaktivierung und Instrumentalisierung darstellt.

Kapitel 4 beschreibt die Fördermaßnahme KmH inklusive ihrer methodisch-didaktischen Ausgestaltung. Hier erhält der Leser alle praktischen Informationen, die für eine selbständige Durchführung des KmH notwendig sind. Praxisnah und detailliert werden die einzelnen Trainingsbausteine inhaltlich beschrieben. Diese zielen systematisch darauf ab, die Handlungsspielräume der Teilnehmenden in Bezug auf ihre kognitiven, emotionalen und motorischen Verhaltensweisen zu erweitern, um langfristig ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern.

Es wird mit zahlreichen Praxisbeispielen unterfüttert. Zusätzlich wird exemplarisch ein interdisziplinär entwickelter Evaluationsbogen zur Bewertung der Maßnahme durch Teilnehmer und deren Betreuer vorgestellt. Schließlich wird beschrieben, wie ein fundiertes Abschlussgespräch mit den jeweiligen Betreuern oder den Eltern der Teilnehmer durchgeführt werden kann.

In Kapitel 5 stelle ich einige Situationsbeispiele vor.

Im Kapitel 6 fasse ich ausgewählte Übungen des KmH in alphabetischer Reihenfolge zusammen.

Anmerkung zu er/sie, Leserin/Leser, Mann/Frau: Die Gleichberechtigung der Geschlechter liegt mir sehr am Herzen. Aber der besseren Lesbarkeit willen, benutze ich im Text öfter nur die männliche Form. Gleiches gilt für die direkte Anrede ab Kapitel 3.

Leseart: Das KmH verfolgt einen systemischen Ansatz. Entsprechend beeinflussen sich die Inhalte der einzelnen Kapitel dieses Buches wechselseitig. Grundsätzlich ist es daher möglich, die einzelnen Kapitel in beliebiger Reihenfolge zu lesen.

 

 

Der evolutionäre Erfolg der Menschheit basiert u.a. auf ihrer Fähigkeit zur Kooperation und Arbeitsteilung. Mit der einhergehenden Ausbildung von Empathie und differenzierter Kommunikation trat sie als Gruppe ihren Siegeszug im evolutionären Wettbewerb an. Mit dieser Ausrüstung im Gepäck konnten nicht nur die direkte Umwelt bewältigt und den eigenen Bedürfnissen angepasst, sondern auch andere Lebensräume erobert und immer neue Erfahrungsbereiche erschlossen werden.

Wir erweiterten unseren Blick von der Familie hinweg auf Kooperation mit nicht verwandten Gruppen bis hin zur Bildung von Staaten. Diese Entwicklung ging nicht immer ohne Konflikte vonstatten, denn zwischenmenschliche Beziehungen basieren im Wesentlichen auf Aushandlungsprozessen. Im ständigen Widerstreit zwischen dem Wunsch nach Nähe einerseits und Distanz andererseits sind wir als Individuen immer wieder gefordert, diese miteinander rivalisierenden Gegensätze in der Balance zu halten, um das Zusammenleben überhaupt erst zu ermöglichen. Ein Blick auf unsere Gesellschaft vermittelt oft den Eindruck, dass diese Balance aus den Fugen geraten ist: Unsere Fitmacher im evolutionären Wettbewerb scheinen im Rahmen unserer kulturellen Entwicklung zunehmend auf der Strecke zu bleiben.

»Der Mensch ist dem Mitmenschen grundsätzlich von Natur aus auch freundlich zugewandt. Es geht darum, diese freundliche Grundhaltung, diese uns angeborene Bereitschaft zu bindender Kommunikation nicht durch ein unmenschliches Sozialisationsmilieu verdorren zu lassen«, wie es Eibl-Eibesfeldt3 formuliert hat.

Die heute vom Arbeitsmarkt geforderte Mobilität und Flexibilität führt zu einer drastischen Veränderung unserer Lebenswelt. Statt persönlicher Bekanntheit, wie sie in Familienverbänden und dörflichen Gemeinschaften gegeben ist, leben die meisten von uns mittlerweile in anonymisierten Großstädten. Der heutige Großstadtmensch hat tagtäglich mit Fremden zu tun, deren angstauslösende Signale nach Eibl-Eibesfeldt »Reaktionen der Kontaktmeidung und Ausdrucksmaskierung zum Selbstschutz bewirken. Der Mitmensch wird dadurch zum Stressor und die ständige unterschwellige Angstmotivation infantilisiert den Menschen der Großgesellschaft ...«.

Sichtbar wird dies in gewaltverherrlichenden Filmen und Videospielen, Mobbing in Unternehmen und sozialen Netzwerken. Auch die beträchtliche Zunahme von Depressionen und Burnouts in unserer Gesellschaft setzen einige Wissenschaftler in direkten Bezug zu den veränderten Lebensbedingungen4. In aller Deutlichkeit begegnen uns die Auswirkungen nun auch in Kinderzimmern und Schulen. Folgt man den Ausführungen des Erziehungsforschers Klaus Hurrelmann, lässt sich feststellen, dass 15% eines Altersjahrgangs mittlerweile als aggressiv und gewalttätig eingestuft werden. Ein Fünftel der gesamten Schülerschaft gilt als verwahrlost und etwa fünf bis sechs Prozent der Jugendlichen werden immer skrupelloser und brutaler. Auch ein Blick in die Kinder- und Jugendpsychiatrien belegt, dass heutzutage, je nach Studie, 7 – 20 % aller Kinder und Jugendlichen Verhaltensstörungen aufweisen5.

Dabei geht jeder Gewalttat auch eine Gewalterfahrung voraus. So weisen aggressive Mädchen und Jungen meist ungünstige und gestörte Familienstrukturen auf. In der Regel weniger auffällig, aber dennoch nicht zu unterschätzen ist auch die hohe Anzahl an Kindern mit depressiven und Angststörungen6 bzw. sozial unsicheren Kindern. Scheidung, Arbeitslosigkeit, und finanzielle Sorgen – wie soll sich in diesem Szenario der Perspektivlosigkeit ein Hort der Geborgenheit für unsere Kinder herausbilden? Ein soziales Miteinander, in dem man den Kindern zuhört und gemeinsam entspannt, ihnen aber auch Grenzen aufzeigt, eventuell noch von Großeltern oder Freunden unterstützt, findet immer seltener Raum.

Es bedarf einer deutlich erhöhten Anstrengung der gesamten Gesellschaft, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken und unsere kollektive Leistungsfähigkeit wieder auf das Wesentliche zu richten: unseren Nachwuchs!

»Um ein Kind zu erziehen, bedarf es eines ganzen Dorfes«, lautet ein afrikanisches Sprichwort.

Lernort Familie: In vertrauter Umgebung Sicherheit im Handeln erlangen.

Vielschichtige Probleme können nur gelöst werden, wenn der Blick darauf aus verschiedenen Perspektiven erfolgt. Umfassenden Fehlentwicklungen in der Sozialisation, die für dissoziale Verhaltensweisen verantwortlich sind, können wir mit Patentrezepten oder Einzelmaßnahmen nicht nachhaltig entgegenwirken. Die Verantwortung von den Eltern auf Erzieher und Lehrer abzuschieben ist ebenfalls keine Lösung – stattdessen sollten wir als Gemeinschaft versuchen, den Betroffenen soziale Unterstützung an möglichst vielen Stellen zukommen zu lassen. Unabhängig von der jeweiligen Profession können auch verlässliche Bezugspersonen im außerfamiliären Bereich – wie ehrenamtliche Leihomas, Familienhelfer oder Bewerbungspaten – Kindern helfen, ihren Alltag besser zu bewältigen. Auch Vereine und Organisationen, die Kindern ermöglichen, Sozialkontakte über ein gemeinsames Hobby oder Interesse aufzubauen, können Lernorte sein, die die Grundregeln eines positiven Miteinanders erfahrbar machen. Voraussetzung hierfür ist, jeden Beitrag zunächst ohne Wertung zu betrachten und seine Funktion im Gesamtsystem zu bestimmen, bevor wir ihn als unnütz oder schädlich verwerfen.

Viele unserer gefährdeten Kinder und Jugendlichen ahnen in der Tat nicht, welche Möglichkeiten sich ihnen außerhalb ihres familiären Daseins oder ihrer Peergroup sonst noch bieten. Mit dem Kompetenztraining mit Hund ist daher in erster Linie die Intention verbunden, das Vertrauen der Teilnehmer in die eigenen Fähigkeiten – also die Selbstwirksamkeit im Prozess der Gestaltung von Beziehungen – zu stärken.

 

1.1 Gegen die Ohnmacht – Selbstwirksamkeitserfahrungen machen

Leben bedeutet, individuell mit Widersprüchen umgehen und Bewältigungsstrategien zur angemessenen Problemlösung entwickeln zu können. Für eine gesunde Entwicklung ist es daher unerlässlich, dass Mensch und Tier frühzeitig die Erfahrung machen – und so auch die Überzeugung entwickeln – etwas bewirken zu können. Nur so gelingt es ihnen, ein stabiles Selbstvertrauen aufzubauen, um die tagtäglich an sie gestellten Herausforderungen zu bewältigen. Schon kleine Babies machen beispielsweise durch aktives »Saugen« beim Stillvorgang die Erfahrung, dass ihr eigenes Handeln Einfluss auf das Geschehen hat. Dieses Gefühl, Situationen beeinflussen zu können und ihnen nicht hilflos ausgeliefert zu sein, steigert die Motivation (»ich kann etwas bewirken«) und beugt emotionalen und kognitiven Störungen vor.

Sozial lebenden Tieren gesteht man vielleicht nicht die innere bewusste Überzeugung zu, allemal weiß man aber, dass auch bei ihnen erfahrene Selbstwirksamkeit einen entscheidenden Aspekt für erhöhte Anstrengungsbereitschaft bei schwierigen Aufgaben darstellt.

Erfahren sie aber im Gegenteil dazu, dass ihr Verhalten keinerlei Auswirkungen auf bestimmte Situationen hat, entwickeln sich Angst, Lethargie und Depression. So führte der Psychologe Seligmann einen Tierversuch an Hunden durch, bei dem die Tiere mit Elektroschocks gereizt wurden. Diejenigen Hunde, die die Erfahrung machen mussten, keinerlei Chance zu haben, diesen aversiven Reizen durch irgendein Verhalten zu entgehen, ließen mit der Zeit die Elektroschocks einfach nur noch über sich ergehen. Daraus entwickelte der Psychologe die Theorie der »erlernten Hilflosigkeit7«, die er auch auf menschliche Verhaltensweisen übertrug. So postulierte er, dass die aversiven Reize zunächst zu einem gesteigerten Erregungsniveau in Form von Furcht führen und das Individuum versucht, die Situation zu kontrollieren. Gelingt ihm dies nicht und der Organismus macht die wiederholte Erfahrung, die Ereignisse nicht selbst kontrollieren zu können, verschwindet die Furcht und mündet in einer Depression.

Saugen müssen die Welpen selbständig. Dann werden sie von der Mutter abgeleckt, um die Verdauung anzuregen.

Nur einer zuversichtlich in die Zukunft blickenden Jugend, die mit dem festen Willen zur tatkräftigen Mitgestaltung unserer Gesellschaft und den dazu benötigten sozialen, methodischen und fachlichen Fertigkeiten ausgestattet ist, wird es gelingen, die vor ihr liegenden sozialen, ökologischen und ökonomischen Herausforderungen zu bewältigen.

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten: dieses Lächeln wirkt!

1.2. Die Schule des Lebens: Wie wir werden, was wir sind

Geselligkeit hat viele Gründe und hat sich im Rahmen der Evolution bei verschiedensten Tierarten entwickelt. Fische und Vögel bilden Schwärme, die in erster Linie Schutzfunktion haben. So ist das einzelne Individuum von Fressfeinden schwerer auszumachen und kann »in der Masse« untertauchen. Gruppenlebende Raubtiere, wie Wildhunde und Hyänen, profitieren von der gemeinschaftlichen Jagd und Jungenaufzucht und auch bei Erdmännchen findet Arbeitsteilung durch die Übernahme verschiedenster »Rollenmodelle« wie Wächter, Babysitter und Amme8 statt. Wie aber kam es zur Entstehung dieser kooperativen Verhaltensweisen?

Brutpflege und Sozialverhalten

Als ausschlaggebend für die Entwicklung differenzierter höherer Sozialsysteme wird von den meisten Wissenschaftlern die »Erfindung« der Brutpflege angesehen. So bildet zum Beispiel die gemeinsame Fürsorge für die Nachkommenschaft die Grundlage für die Organisation staatenbildender Insekten, die allerdings in einer anonymen Gemeinschaft leben. Bei höher organisierten Sozialverbänden findet sich hingegen eine individualisierte Bindung zwischen Mutter und Kind. Bei manchen Tieren entsteht diese Bindung auch zwischen Vater und Kind (Kaiserpinguine) oder zu beiden Eltern (Mähnenwölfe). Damit einhergehend entwickelte sich auch die Motivation seitens der Eltern, sich fürsorglich zu verhalten bzw. seitens des Nachwuchses, dieses Verhalten aktiv einfordern und annehmen zu können. Eibl-Eibesfeldt9 sieht in diesen Verhaltensleistungen die stammesgeschichtliche Voraussetzung für die Entwicklung von sozialen Gruppen, also Zusammenschlüssen mit sozialen Bindungen (Paarbindungen, Freundschaften usw.), da sie teilweise in das Sozialverhalten übernommen wurden. Hierzu zählen beispielsweise das gegenseitige Belecken und die soziale Fellpflege bei Hunden und Pferden. Diese Verhaltensweisen erlaubten es schließlich auch, Nichtfamilienmitglieder so zu binden, dass höher organisiertes, kooperatives Gruppenleben möglich wurde. Die Brutpflege ist also ein wegweisender Prozess. Denn bestimmt durch unsere ersten familiären Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster entwickeln wir später entsprechende Erwartungen auch im nichtfamiliären Kontext. Unsere Beziehungsfähigkeit wird so durch individuelle, familiäre und andere soziale Faktoren geformt.

Sozialverhalten

Alle Verhaltensweisen, die auf Reaktionen oder Aktionen anderer Gruppenmitglieder ausgerichtet sind und die sich wechselseitig beeinflussen, sollen hier als Sozialverhalten bezeichnet werden. Dieses ist nicht gleichzusetzen mit ethisch erwünschtem Verhalten, denn Sozialverhalten umfasst sowohl fürsorgliche, kontaktbahnende, als auch agonistische10 Verhaltensweisen. Individuelle Lernprozesse, endogene und exogene Faktoren können diese angeborenen Verhaltensweisen teilweise beeinflussen, verändern bzw. überlagern. Das Erkennen der Bedeutung von Kommunikationssignalen ist dabei eine der notwendigen Voraussetzungen, um den Interaktionspartnern gegenüber angemessen reagieren zu können.

Um sozio-positive Beziehungen zu Interaktionspartnern aufbauen zu können, erweist sich ein gewisses Einfühlungsvermögen in die Erlebniswelt des Gegenübers als äußerst nützlich.

Wie fühlt mein Gegenüber sich?

Was möchte es, was braucht es in der momentanen Situation?

Immer wieder stellen wir fest, dass Empathie, die Fähigkeit des sich Einfühlens in andere, bei Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. So führen Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen ein geringes Einfühlungsvermögen vorrangig auf problematische Bindungserlebnisse in der Kindheit – die Person wurde als Kind von Bezugsperson eher abgelehnt bzw. erlebte gefühlsmäßig widersprüchliche Beziehungen – zurück (s. S. 40, Bindungstheorie).

Hinzu kommt, dass immer mehr Kinder in unserer Gesellschaft als Einzelkinder aufwachsen (> 50 Prozent). Der damit häufig einhergehende fehlende Kontakt zu anderen Kindern erschwert u.a. das Einüben motorischer Fähigkeiten, die eng an das Ansehen und Selbstwertgefühl innerhalb einer Gruppe gekoppelt sind. Gegenseitiges Kräftemessen, im Zusammenspiel mit Gleichaltrigen Spiele mit eigenen Regeln zu erfinden, diese einzuhalten oder neue aufzustellen sind – neben unseren ersten Bindungserfahrungen – ebenfalls essenzielle Voraussetzungen für unser späteres Sozialverhalten.

Dabei befinden wir uns immer im Spannungsfeld zwischen Eigennutz und Gemeinsinn. Andere setzen uns Grenzen und wir müssen lernen, unsere Impulse zu kontrollieren. In diesem Prozess sind Konflikte und aggressive Verhaltensweisen natürlich vorprogrammiert – wie sich in jeder Familie und in jedem Kindergarten beobachten lässt.

Hier kann der Hund als Helfer ins Spiel kommen. Im Umgang mit ihm ergeben sich immer wieder neue (Lern-)Situationen, die bestimmte Entwicklungsthemen aufgreifen.

Das Kind erfährt so auf natürliche Weise, dass eine rücksichtslose Annäherung oder zu lautes Schreien das Tier auf Abstand gehen lässt. Zügelt es aber seine Impulse und nähert sich dem Hund in angemessenerer Form, lässt sich dieser bereitwillig streicheln und auf gemeinsame Unternehmungen ein. Umgekehrt erfährt auch der Vierbeiner, dass eine zu ungestüme Annäherung auf Ablehnung stößt.

Rücksichtslose Annäherung des Hundes – und das menschliche Gegenüber wendet sich ab.

Aggressionsverhalten

Trotz zunehmender wissenschaftlicher Untersuchungen im Bereich der Aggressionsforschung liegt eine einheitliche Definition des Aggressionsbegriffs nicht vor. Allerdings umfasst der Begriff beim Menschen eine Reihe von Verhaltensweisen, die von unterschiedlicher Natur11 sein können:

•direkt (körperlich oder verbal)

•indirekt (Diebstahl, Sachbeschädigung)

•positiv (von der Kultur gebilligt: z.B. »Killerinstinkt« beim Sport oder im Management)

•negativ (also von der Kultur missbilligt: z.B. Körperverletzung).

Auch erhitzen sich nach wie vor gerade im Bereich des Aggressionsverhaltens die Gemüter immer wieder gerne an der Gretchenfrage: »Was ist angeboren, was ist erlernt?« Zitiert sei hier der amerikanische Psychologe F.B. Skinner12»Phylogenese und Ontogenese sind freundliche Rivalen und keiner von beiden gewinnt immer«, der die streckenweise haarspalterische Diskussion um angeboren und/oder erlernt hiermit aus meiner Sicht sehr gut pointiert. Häufig wirken beide Einflüsse gleichzeitig auf unser Verhalten ein.

Tatsache ist, dass aggressives bzw. agonistisches Verhalten zum normalen Verhaltensrepertoire sozialer Lebewesen gehört und daher wertneutral betrachtet werden sollte. Es ist dem Sozialverhalten zuzuordnen, indem es wichtige Aufgaben der Verständigung untereinander erfüllt.

So wird das Zusammenleben innerhalb einer Gruppe ständig über ein ritualisiertes, fein abgestimmtes Wechselspiel von Droh- und Unterlegenheitssignalen geregelt. Wohldosiert in ihrer Intensität, leisten aggressive Verhaltensweisen also ihren Beitrag dazu, Beziehungen zu klären. Das Zusammenleben wird geregelt, ohne dass es zu ernsthaften Konflikten kommt.

Diesen wohldosierten Einsatz aggressiven Verhaltens müssen soziale Lebewesen lernen. Er drückt sich beispielsweise bei Hundeartigen in der sogenannten Beißhemmung gegenüber Artgenossen aus. Im Gegensatz zum Todesbiss beim Erlegen von Beutetieren findet hier also eine Selbsthemmung von Verhalten statt. Analog muss auch der menschliche Organismus erst lernen, eine soziale Interaktion richtig zu erfassen und seine aggressiven Verhaltensweisen situationsgerecht zu entschärfen.

So wird verschiedenen Studien zufolge das Auftreten aggressiven Verhaltens beim Menschen beispielsweise durch folgende Faktoren begünstigt, die immer mit Stress für den Organismus verbunden sind:

•Hitze, Hunger, Durst

•Schmerzen

•Fortpflanzung / Sexualität

•Unterschreiten der Individualdistanz

•Angriff, Angst

•Behinderung von Gewohnheiten

•Verhinderung gesetzter Ziele

•Behinderung von Neugier, Wissbegierde, Selbständigkeit

•Rangstreben, Ausgrenzung

•Sozialneid

•Überforderung

•Rivalität um Besitz

Häufig sind es also nicht befriedigte (Verhaltens-)Bedürfnisse, die das Auftreten aggressiven Verhaltens begünstigen. Alle Organismen sind bestrebt, das individuelle Wohlbefinden zu sichern und Schaden von sich abzuwenden.