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Ekkehard IV. schildert die Geschichte des Klosters St. Gallen aus der Zeit von ca. 883 bis 972. Er verfasste dieses Werk etwa um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Seine Erzählungen, die meist auf der mündlichen Überlieferung der Mönchsgemeinschaft beruhen, sind außerordentlich lebendig und einprägsam und vermitteln einen vorzüglichen Einblick in das Klosterleben und die allgemeinen Lebensverhältnisse des 10. Jahrhunderts. Die Ausgabe bietet einen verbesserten Text in der hervorragenden Übersetzung durch Hans Haefele.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2013
EKKEHARD IV.
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©2013 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt5., bibliographisch aktualisierte und um einen Nachtrag erweiterte Auflage 20131. Auflage 1980Covergestaltung: Neil McBeathDie Herausgabe des Werkes wurde durchdie Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.
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ISBN 978-3-534-26033-1
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
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Impressum
Einleitung
1. St. Gallens Vergangenheit
2. Ekkehards Leben und Werk
3. Überlieferung, Textgestaltung, Übersetzung
Abbildung Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. 176
Text und Übersetzung
Namenverzeichnis
Nachtrag von Steffen Patzold
Literatur
Unter all den bedeutenden und bedeutenderen Köpfen, die das mittelalterliche St. Gallen hervorgebracht hat, erscheint keiner so tief vom Geiste seines Klosters geprägt wie gerade Ekkehard IV. Nun war er freilich der Letzte in einer ganzen Reihe von Koryphäen, und so, gleichsam in die Tradition hineingeboren, wurde er wohl unwillkürlich und fast notwendigerweise zu ihrem Erben. Andererseits wurde er dies aber auch nicht ohne sein eigenes Zutun. Mit wachem Bewußtsein und vor allem mit wacher Liebe pflegte er das Gedächtnis an St. Gallens Vergangenheit. Immer wieder versenkte er sich in die Gründungsgeschichte, in die karolingische Epoche, in die große Zeit der Ottonen. Und immer wieder vergegenwärtigte er sich aufs neue die Personen und Persönlichkeiten von damals, die Stifter und Gründer, die Äbte, die Lehrer, Schreiber und Dichter. Für Ekkehard IV. wurde die Geschichte seines Klosters augenscheinlich zum Maßstab der eigenen Existenz, ein Umstand, der es nahelegt, eben diese Geschichte hier kurz zu skizzieren.
Nach der hagiographischen Tradition wäre St. Gallen um 612 im Zuge der iroschottischen Mission entstanden, eine kleine Zelle in der Einöde, erbaut von Gallus, der seinem weiter nach Italien ziehenden Lehrer Kolumban nicht mehr folgen mochte. Zunächst war diese Zelle gewiß nur die Stätte eines Einzelgängers und nach dem Tode des Heiligen dann wohl auch in Gefahr, dem Zerfall und der Vergessenheit anheimzufallen. Die eigentliche Klostergründung erfolgte gut ein Jahrhundert später, als der Priester Otmar dort am Gallusgrab ein richtiggehendes Zönobium einrichtete. Otmar selbst wurde der erste Abt des Ortes (um 720) und führte einige zwanzig Jahre danach die Benediktinerregel ein. Unter ihm begann in St. Gallen auch jene Schreibertätigkeit, die dem Kloster dereinst zum besonderen Ruhme gereichen sollte. Die ersten Urkunden wurden geschrieben, die ersten Bücherexemplare verfertigt. Ob man dabei auf ein schon bestehendes irisches Scriptorium aufbauen konnte, scheint einigermaßen zweifelhaft. Die systematische Organisation des Schreibbetriebes geht jedenfalls allein auf Otmar zurück, der damit für die weitere kulturelle Entwicklung seines Klosters den Grund gelegt hat.
Mit Otmar setzt aber auch die politische Geschichte St. Gallens ein. Der heilige Gallus hatte seine Zelle in die Wildnis gebaut. Sie stand dazumal und noch geraume Zeit danach in einem sozusagen geschichtslosen Bezirk. Zumindest lag der abgeschiedene Winkel einstweilen noch außerhalb stärkerer Machtinteressen. Bedeutung und Anreiz gewann das Gebiet erst, seitdem es die Mönche zu erschließen begannen und das Monasterium selbst dank Pilgerspenden und ersten Schenkungen zu wachsendem Besitz gelangte. Zum Spannungsfeld jedoch wurde der St. Galler Raum in dem Moment, da die karolingischen Hausmeier, im Bestreben, ihren Einfluß auf Alemannien auszudehnen, das Bistum Konstanz zu einem Hauptstützpunkt ihrer Politik ausbauten. Denn dadurch geriet St. Gallen unmittelbar zwischen die Einflußsphären von Konstanz und Chur. Otmar selbst war gebürtiger Alemanne, kam aber aus Chur, wo er seine Ausbildung erhalten hatte. Von dort brachte er auch eine Schar von Confratres mit, die dem rätischen Element in St. Gallen erheblichen Auftrieb verlieh. Die ersten uns bekannten Schreiber sind Räter, und es steht ja wohl fest, daß sie an der Ausbildung der charakteristischen St. Galler Minuskel maßgeblich beteiligt waren. Soviel aber ihr Einfluß im Kulturellen bedeutete, sowenig kam er politisch zur Geltung. Nie hat man in Otmars Abtei daran gedacht, sich an Churrätien anzuschließen oder auch nur anzulehnen.
Das politische Ziel, das Otmar verfolgte, lag offenbar darin, die Unabhängigkeit seines Klosters mit allen Mitteln zu behaupten oder zu erringen. Zu behaupten oder zu erringen: damit berühren wir die vieldiskutierte Streitfrage, ob St. Gallen zu Anfang tatsächlich frei und eigenständig gewesen sei. Die ältere Forschung hat die Frage noch entschieden verneint und eine ursprünglich direkte Abhängigkeit vom Bistum Konstanz postuliert. Heute neigt man eher dazu, der hauseigenen St. Galler Tradition, die von ursprünglicher Freiheit spricht, grundsätzlich beizupflichten. Sicher sind die Dinge in den St. Galler Quellen einseitig und zum Teil verzerrt dargestellt; aber im Kern dürften sie doch das Richtige enthalten. Otmar seinerseits scheint sich im vollsten Recht gefühlt zu haben, als er sich sowohl gegen den Praeses von Rätien als auch gegen den Bischof von Konstanz zur Wehr setzte. Während er aber jenem zu widerstehen vermochte, hatte er im Kampf gegen diesen kein Glück. Auf dem Wege zu König Pippin wurde er von den Verbündeten des Bischofs, den Grafen Warin und Ruthard (in denen Ekkehard IV. später Welfen sah), überfallen, entführt und eingekerkert. Durch eine Verleumdungsaktion gegen Otmar ließ man den flagranten Rechtsbruch im nachhinein kaschieren, und da der Sieg des Bistums im Interesse der Reichspolitik lag, blieb die Tat ungeahndet. Otmar starb als Gefangener (759). Zu seinem Nachfolger wurde Johannes bestimmt, Mönch der Reichenau und Favorit des Konstanzer Bischofs. Sidonius. Als Sidonius im folgenden Jahr starb, übernahm Johannes auch die Führung des Bistums. Mit dieser Personalunion war die Unterwerfung St. Gallens vorerst, für an die sechzig Jahre, besiegelt. Der inneren Entfaltung des Klosters konnte sie freilich keinen Abbruch tun. So wuchs in der Bibliothek der Schatz an Texten und Büchern, wobei die Schrift ihren rätischen Charakter allmählich verlor, um sich unter Einmischung oberdeutscher und westfränkischer Elemente zu einer eleganten Minuskel eigenen Gepräges zu entwickeln. In ebendiese Zeit, da St. Gallen so wenig äußeres Ansehen genießt, fällt auch der erste größere literarische Versuch: eine Gallus-Biographie1, aus teilweise schon älteren Berichten im späteren achten Jahrhundert zusammengestellt. Obgleich nur in Bruchstücken erhalten, ist diese anonym überlieferte ›Vita vetustissima‹ bedeutsam als das erste greifbare Glied in der Kette der Gallus-Hagiographie, die nach Wetti und Walahfrid, nach Ratpert und Notker Balbulus der vierte Ekkehard selber weiter verlängert hat2.
Die Wiederherstellung der Freiheit erlebten die St. Galler erst zur Zeit Ludwigs des Frommen unter ihrem 816 neu ernannten Abt Gozbert. Bereits zwei Jahre nach dessen Wahl erfolgte mit dem kaiserlichen Immunitätserlaß die Loslösung des Klosters aus der bischöflichen Oberherrschaft. Und damit begann auch schon die erste Phase seines Aufschwungs. Unter Gozberts Ägide kamen die Verhältnisse innen und außen wieder ins Lot. Unter seiner Anleitung vollzog sich der Ausbau der berühmten Bibliothek. Unter seiner Aufsicht entstand der prachtvolle Neubau der Gallusbasilika. Mit diesem Neubau wiederum hängt ein einzigartiges Dokument zusammen. Es ist dies der uns erhaltene Bauplan, der auf der Reichenau verfertigt wurde und die Adresse Gozberts trägt3. Dem gleichen Gozbert ist auch die ›Vita s. Galli‹ des Wetti gewidmet. Und auf sein Betreiben hat schließlich Walahfrid Strabo die dritte Gallus-Biographie in Angriff genommen. Seine Neufassung, geschrieben um 833/34, bezeichnet in der Literaturgeschichte St. Gallens einen entscheidenden Ansatzpunkt. Bildet sie doch gleichsam den Vorspann zu den Werken, die wenige Dezennien später ein Notker, ein Ratpert, ein Hartmann und andere entworfen haben. Für die heranwachsende St. Galler Dichterschule, wie man sie genannt hat4, ist Walahfrid wegweisend geworden. An seinem Muster übte man sich, schulte man sich, bildete man Sprache und Stil – ein Phänomen, worüber sich zu seiner Zeit Ekkehard IV. eigene Gedanken machen wird5.
Den steilen Aufstieg im mittleren Drittel des neunten Jahrhunderts verdankt St. Gallen den vielseitigen Aktivitäten des Gozbert. Mit seiner baulichen Tätigkeit, mit seinem bücherliebenden Interesse, mit den literarischen Anregungen, die er zu geben wußte, hat dieser Abt das Fundament geschaffen, worauf die Kultur der folgenden Generationen beruht. 837 legte er die Abtswürde nieder. Nun brachen einige schwierige Jahre an, da das Kloster in die Kämpfe geriet, die unter den Söhnen Ludwigs des Frommen ausgetragen wurden. Es kam zu willkürlichen Einsetzungen und Absetzungen. 841 ließ Ludwig der Deutsche, das Wahlprivileg der Mönche abermals beiseite schiebend, seinen Erzkaplan Grimald zum Abt erheben. Die selbstherrliche Verfügung, der man in St. Gallen mit einem Mißtrauen begegnete, das noch bei Ekkehard nachklingt, schlug zuletzt zum Besten des Klosters aus. Nie hätte das Los einer freien Wahl so glücklich fallen können, wie das Los des Königs fiel. Denn in Grimald erhielt St. Gallen einen hochherzigen Freund und Förderer. Mit ihm gewann es einen Gönner, der es dank seines großen Einflusses zuwege brachte, daß die St. Galler auch die letzte formelle, in einer symbolischen Zinsleistung bestehende Abhängigkeit von Konstanz abschütteln durften. Der von ihm angestrebte und eingefädelte, vom König endlich gutgeheißene Ulmer Vertrag von 854 verhalf ihnen zur endgültigen Freiheit.
Also wurde Grimald zum Vollender des von Otmar begonnenen Werkes. Wobei es ihm über die rein politisch-juristische Lösung hinaus gelang, das Kloster an der fernen Steinach in den eigentlichen Bereich karolingischer Kultur hineinzuziehen und zu integrieren. Lag die Zelle des Gallus ursprünglich noch in einer Einöde, lag Otmars Zönobium in einem bloßen alemannisch-rätischen Zwischenbezirk und lag Gozberts Konvent lediglich in einer fränkischen Randzone, so begann jetzt Grimalds Abtei sich zu einem Schwerpunkt des Reiches auszubilden. St. Gallens Beziehungen, die sich vorher im wesentlichen auf Konstanz und Reichenau beschränkt hatten, weiteten sich über die Person seines Abtes, weiteten sich über Grimalds Verbindungen zum Hof. Zu wichtigen Bildungszentren wurden nun engere Kontakte hergestellt, zu Weißenburg etwa, zu Murbach und insbesondere zu dem ruhmvollen Fulda. Durch Vermittlung Grimalds kamen auch viele neue Bücher herein, und zwar nicht nur Theologica, sondern auch juristische, historische, poetische Werke. Rundherum öffnete sich der Horizont. Zur äußeren politischen und wirtschaftlichen Freiheit gesellte sich eine innere geistige Freiheit, die die besten Voraussetzungen schuf zu schöpferischem Tun, zu gelehrsamer und musischer Arbeit. Über dieser Freiheit kamen die religiösen Belange keineswegs zu kurz. Dafür war Grimald, der selber bloß Weltgeistlicher war, in der Weise besorgt, daß er einen Mönch zur geistlichen Aufsicht bestellte. Er nahm sich einen Stellvertreter und nominierte zum proabbas (wie er bei Ekkehard heißt) den hochgebildeten Dekan Hartmut, welcher sodann nach Grimalds Tod (872) wie selbstverständlich dessen Nachfolge antrat.
Bis hierher, d.h. bis in die Zeiten Grimalds und Hartmuts, lassen sich die res gestae der Äbte von St. Gallen anhand der Klosterchronik des Ratpert verfolgen6. Die Ereignisse des nächsten Jahrhunderts gehören bereits zu Ekkehards eigenem Stoff, weshalb wir uns mit einem raschen Ausblick begnügen dürfen. Den glücklichen Jahren unter Grimald und Hartmut reihte sich – nach kurzem, unersprießlichem Zwischenspiel – mit der Regierung Salomos III. (890 bis 919) nochmals eine Blütezeit an, in deren Schilderung, wie die Kapitel 1 bis 46 der ›Casus‹ zeigen, Ekkehard recht eigentlich schwelgt. Den denkbar schärfsten Kontrast dazu bilden die Katastrophen des Ungarneinfalls (zur Zeit des Abtes Engilbert, 926) und der verheerenden Feuersbrunst von 937 (unter Abt Thieto), die das Kloster in Asche legte. Es bedurfte langwieriger und mühseliger Arbeit, St. Gallen aus dem Elend herauszubringen, geschweige es wieder neuem Glanz entgegenzuführen. Wenn dies – seit etwa der Mitte des Jahrhunderts – gelang, so lag das Verdienst hieran zum einen bei den Äbten: bei Purchard I. (958–971), Notker (971–975) und Ymmo (975–984). Zum andern und wohl zum erheblicheren Teil lag es bei den hervorragenden Patres, über die man verfügte: bei Gerald, Ekkehard I., Ekkehard II., Notker Medicus und andern, die der Schule von St. Gallen von neuem Ehre und Ansehen verschafften. An dieser zweiten ruhmvollen Epoche hatte Ekkehard IV., wie uns sein Werk spüren läßt, womöglich noch die hellere Freude, noch den größeren Stolz. Unmittelbar miterlebt hat er sie freilich nicht mehr, aber nach seiner Bildung und Geistigkeit wurzelt er ganz in ihr.
Über die Person Ekkehards IV. liegen uns nur spärliche und undeutliche Nachrichten vor. Schon sein Geburtsjahr läßt sich höchstens annähernd bestimmen. Daß es noch vor das Jahr 1000 fallen muß, geht aus Kap. 21 der ›Casus‹ hervor, wo der Tod des Welfen Heinrich mit einer persönlichen Erinnerung des Chronisten verknüpft erscheint. Rechnet man danach weiter zurück, wird man auf ein Datum etwa aus den frühen achtziger Jahren des zehnten Jahrhunderts geführt. Ekkehard war also rund eine Generation jünger als Notker der Deutsche, der nachmals sein Lehrer wurde und dessen er selber stets mit Verehrung gedenkt (z.B. Casus, Kap. 80). Nach Notkers Tod (im Pestjahr 1022) finden wir Ekkehard ziemlich unvermittelt in Mainz, in der Umgebung von Erzbischof Aribo. Die Chronologie dieses Aufenthaltes ist durchaus unsicher; einen festeren Anhaltspunkt bietet lediglich die bekannte Ingelheimer Szene von Ostern 1030, dargestellt in Kap. 66 der ›Casus‹ und mit deutlich autobiographischen Reflexen erfüllt. Ekkehards Rückkehr nach St. Gallen, woer wieder wie zuvor als Magister wirkte, dürfte ein oder zwei Jahre später, jedenfalls nach Aribos Tod (1031) erfolgt sein. Zu seinem ferneren Leben besitzen wir außer der Angabe seines Sterbetages (21. Oktober7) keine direkten Daten mehr. Doch läßt sich einem Hinweis auf Wiboradas Kanonisation (1047) in den ›Casus‹ und einer Anspielung auf den Tod Papst Victors II. (1057) in einer seiner Orosius-Glossen entnehmen8, daß Ekkehard noch nach der Jahrhundertmitte mit Schreiben befaßt war und allem Anschein nach ein beträchtliches Alter erreichte.
Sucht man diesen biographischen Abriß mit einem Werkkatalog zu ergänzen, so sind auch hier genauere chronologische Angaben nicht möglich. Immerhin lassen sich drei verschiedene Schaffensperioden einigermaßen klar voneinander abgrenzen. Zu Ekkehards ersten, noch vor 1025 zu datierenden Versuchen zählen, neben einer Reihe von Schulübungen und Gelegenheitsgedichten, vor allem die Tituli zum Gallus-Bilderzyklus9 sowie die Umsetzung von Ratperts deutschem Galluslied ins Lateinische10. Bereits den Mainzer Jahren gehören seine bedeutendsten Versdichtungen an, nämlich die Tituli zu Gemälden der Mainzer Domkirche11, die poetischen Tischsegnungen12 und die Verssegen zu den Lesungen während des Kirchenjahres13. Einem dritten und letzten Abschnitt endlich entstammen die ›Casus sancti Galli‹. Das Werk – Alterswerk wie es scheint – entstand im Anschluß an Ratpert und sollte dessen Chronik bis in die Zeiten Norperts (1034–1072) heraufführen. Aber so weit ist die Fortsetzung Ekkehards nicht mehr gediehen. Mitten im Bericht über das Regiment Abt Notkers (971–975) bricht sie ab – warum, ist nicht überliefert14; doch wird man am ehesten an Krankheit und Tod denken müssen, die dem Autor die Feder aus der Hand genommen.
Über seine schriftstellerischen Absichten hat sich Ekkehard in einer Vorrede etwas näher ausgelassen. Wobei er nun freilich mit einer beiläufigen Bemerkung über Abt Norpert sich dem Mißverständnis aussetzte, als habe er seine Klostergeschichten mehr nur zum Protest wider die Reformideen seiner Zeit geschrieben. Indessen, weit entfernt von Tadel und Vorwurf, will jene Zwischenbemerkung, die formal an ein Wort des Terenz erinnert, nicht anders denn als Devise mönchischer Selbstbescheidung genommen werden15. Das Praeloquium der ›Casus‹ skizziert kein polemisches, wohl aber ein literarisches Programm. Wie er dort deutlich zu verstehen gibt16, suchte Ekkehard seinen Stoff – über das Schema reiner Annalistik hinaus – nach einem besonderen erzählerischen Prinzip zu gestalten. Er wollte die Geschichte des Klosters unter dem Aspekt der fortunia et infortunia aufrollen und darstellen. Glück und Unglück sollten die beiden bestimmenden Pole sein, um die sich die casus varii historischen Geschehens und Geschicks in mehr oder weniger scharfer Kontrastierung gruppieren ließen. Dieser sein Leitgedanke stempelt Ekkehard geradezu zu einem Kronzeugen für die von Pickering so angelegentlich vertretene These, daß alle Geschichtsschreibung des Mittelalters, wofern sie nicht der heilsgeschichtlichen Konzeption Augustins anhange, der Fortuna-Ideologie des Boethius verpflichtet sei17 – und tatsächlich gehörte, wie wir wissen, die ›Consolatio philosophiae‹ zu der in St. Gallen gepflegten Schullektüre18.
Auf alle Fälle aber hat Ekkehard IV. seine Aufgabe anders verstanden und anders angepackt als sein Vorgänger Ratpert, auch wenn er selber vielleicht wähnen mochte, durchaus im gleichen Sinn und im gleichen Stil weiterzufahren. Allein, die Unterschiede sind spürbar groß. Bei Ratpert steht die juristisch-politische Entwicklung des Monasteriums entschieden im Vordergrund, wobei er als tüchtiger Chronist, der er ist, sich von Mal zu Mal die Mühe macht, seine Darstellung dokumentarisch zu untermauern. Gewiß, auch Ekkehard läßt zum Beispiel verfassungsgeschichtliche Momente nicht gänzlich außer acht: wo es, wie in der Auseinandersetzung mit den Ottonen (Kap. 128ff.), um Rechte und Freiheiten des Klosters ging, war er schließlich gezwungen, darauf einzugehen. Doch tut er dies nie mit fachmännischer Einläßlichkeit. Er berührt die betreffenden Punkte und berührt sie summarisch genug, aber entsprechende Akten und Urkunden heranzuziehen, fällt ihm kaum jemals ein. Die Perspektive des Archivars sagt ihm nichts; wie fremd sie ihm ist, zeigt er unverstellt und in schönster Treuherzigkeit in Kap. 25, wo er auf die Aufzählung bestimmter Güter und Orte nur deshalb verzichtete, weil er ihre Namen hätte in den Papieren des Archivs suchen müssen. Auch sonst ist Ekkehard mit Ausflüchten rasch bei der Hand, wenn es sich darum handelt, schriftliche Quellen um der Bequemlichkeit willen zu übergehen und auszuklammern (z.B. Kap. 109). Für ihn gründet Geschichte zuvorderst in der mündlichen Überlieferung. Worauf er sich am liebsten und bedenkenlos stützt, das sind die Aussagen der Väter und Lehrer, die Mitteilungen der im Kloster alt gewordenen Insassen, über deren Gedächtnis und Erinnerung sich zweifellos weit zurück in die Vergangenheit greifen ließ – ob freilich mit hinreichender Zuverlässigkeit, scheint Ekkehard nicht sehr gekümmert zu haben. Wie es ihm denn überhaupt nicht liegt, sein Material lange zu prüfen, sorgsam zu sichten und gründlich zu ordnen. Systematik ist nicht sein Fach. Geschichte lebt für ihn im Einzelzug, im Anekdotischen, und darum auch ist sein Interesse viel weniger sach- als personenbezogen. Damit wieder hängt zusammen, daß ganze Kapitelfolgen der ›Casus‹ sich wie Romanpartien lesen, indem der Zuschnitt auf das Biographische immer wieder eindeutig dominiert. Kein Wunder, daß Josef Victor von Scheffel daraus so leicht seinen eigenen ›Ekkehard‹ (1854) destillieren konnte.
Anders auch als Ratpert, der sich auf die Figuren allein der Äbte konzentrierte, ging Ekkehard darauf aus, die Geschichte aller irgend bedeutenderen Brüder miteinzubauen19, womit er seine Chronik von vorneherein auf eine viel breitere Grundlage stellte. In der Tat ist die Spannweite der Darstellung überraschend groß. Ekkehards Blick umfaßt vieles, und vieles zugleich. Dieser Blick geht auch mühelos über den engeren lokalen Bereich hinaus. Ekkehard bleibt nicht wie Ratpert starr an St. Gallen gebunden. Er vermag Blickpunkt und Blickwinkel ohne weiteres zu wechseln und läßt so eine gewisse Weitläufigkeit erkennen, wie man sie bei einem einfachen Mönch aus der Provinz nicht eben vermuten würde. Aber hier kamen ihm die in Mainz und am Rhein verbrachten Jahre offensichtlich zugute. Ohne sie hätte er die Szenen am Königshof und in den rheinischen Bischofsstädten, hätte er Tuotilos auswärtige Fahrten und Abenteuer wahrscheinlich nicht derart überzeugend kolorieren können. Aus manchem Detail spricht eigenes Erleben, und mit einer Gestalt wie Ekkehard dem Höfling, welcher zugleich in zwei Welten heimisch war, mochte der vierte Ekkehard am Ende, wer weiß, sich selber identifizieren.
Zu dem reichen und bewegten Inhalt des Werkes gesellt sich eine überaus lebendige Erzählform. So sorglos und unkritisch Ekkehard den Stoff gesammelt hat, so bewußt arrangiert er ihn und so überlegt bringt er ihn zu künstlerischer Wirkung. Natürlich darf man diese Kunst nicht an modernen Stilidealen messen. Was uns heute vielleicht ein Mangel, eine Schwäche dünkt, konnte damals durchaus als Vorzug, ja als besondere Finesse empfunden werden. Ein klarer, geradliniger Aufbau war so wenig gefordert wie eine exakte zeitliche Abfolge. Im Gegenteil fanden das Uneinheitliche und das Sprunghafte mehr Anklang, und eine Schilderung, die sich nicht in Exkursen und Digressionen erging, vermochte höheren Ansprüchen ohnehin nicht Genüge zu tun. Es ist daher ganz unbegründet, von Nachlässigkeit zu reden20, wenn Ekkehard beispielsweise die Beschreibung der Ungarnnot (Kap. 51–56 sowie 62–65) mit einer Serie von Ulrich-Geschichten unterbricht: hierin liegt vielmehr bewußte literarische Absicht, indem so, dem Grundprinzip der fortunia et infortunia gemäß, auch die dunkelste Zeit St. Gallens ihr tröstliches Licht erhält21.
Ekkehards Gestaltungskunst wird allgemein und mit Recht gerühmt. Sie ist vielseitig, wandlungsfähig, nuancenreich. Am meisten besticht sie mit ihren Dialogen, deren ausgefeilte Technik nicht minder fasziniert als die psychologisierende Funktion, die ihnen eignet und eignen soll. Nach Gregor von Tours ist Ekkehard von St. Gallen wohl der erste Geschichtsschreiber, der wieder so intensiv Gebrauch macht von diesem Mittel, Menschen und Taten in unmittelbarer Dramatik vorzuführen. Woher er es bezogen haben könnte, ob aus christlichem, ob aus römischem Stilerbe, ist nicht auszumachen. In seinem Werk treffen und vereinen sich ja beide Traditionen22. Was die klassischen Muster betrifft, so spielen sie wohl eine größere Rolle, als man bisher vermutete. Zitate aus antiken Autoren, namentlich aus Vergil und Terenz, finden sich gar nicht so selten eingestreut, wenngleich sie meist mehr wie unverbindlich rhetorische Zugaben wirken. Bei aller gelehrsamen Freude, die Ekkehard an ihnen bezeigt, wiegen sie letztlich doch leichter als die Parabeln, die aus dem christlichen Schrifttum geschöpft sind. Nicht umsonst kehrt Ekkehard neben dem Erzähler und neben dem Dichter so oft den Theologen hervor. Wirklich ist seine theologische Bildung fundiert und umfassend: umfassender vermutlich als seine (im übrigen nicht geringe) klassische Bildung. Persönlich jedenfalls hat er sie höhergestellt und stets auch nachdrücklicher ausgespielt23. Dieses Verhältnis möchte für Ekkehards Einstellung kennzeichnend sein. Es ist genau das Verhältnis, das die Bildungssphäre seines Klosters bestimmt. Es verkörpert sich darin der traditionelle Geist der St. Galler Schule, in der die alten heidnischen Autoren zwar nicht geächtet, aber eben doch nur mit Vorsicht empfohlen und nur mit Vorsicht studiert worden sind24.
Als Teilstück einer spezifischen Hauschronik haben Ekkehards Klostergeschichten verständlicherweise kein weittragendes Echo ausgelöst. So beschränkt sich ihr Nachleben auf die anonyme (früher einem fünften Ekkehard zugeschriebene) ›Vita Notkeri Balbuli‹, die ihren Grundstoff weitgehend und streckenweise sogar wörtlich bestimmten ›Casus‹-Partien (bes. der Kap. 33ff.) entnommen hat.
Während Ekkehards poetisches œuvre noch im Autograph greifbar ist, existieren von seinem historischen Erzählwerk nurmehr Kopien. Sie liegen alle in St. Gallen und bilden in den fraglichen Bänden stets die Fortsetzung zu Ratperts Chronik. Als Haupt- und Leithandschrift gilt seit Ildefons von Arx Cod. 615 der Stiftsbibliothek (B), aus der Zeit gegen oder um 1200 stammend. Die übrigen fünf Handschriften sind wesentlich jüngeren Datums (14.–16. Jahrhundert) und gehen ohne Ausnahme auf B zurück, sei es direkt wie Cod. 612 der Stiftsbibliothek (C) und Cod. 70 der Stadtbibliothek (D), sei es indirekt wie Cod. 611 und 610 der Stiftsbibliothek (C1 bzw. D1) sowie Cod. 69 der Stadtbibliothek (D2)25. Das Abhängigkeitsverhältnis der Manuskripte ist soweit eindeutig, und an sich wäre ein Rückgriff auf die jüngere Überlieferung auch kaum vonnöten, wäre bloß B intakt erhalten geblieben. Die Handschrift wurde aber irgendwann nach dem 15. Jahrhundert auf ein handlicheres Format zurechtgeschnitten, wobei vom Text selbst da und dort am Rand kleine Stücke verlorengingen: Verluste und Einbußen, die wenigstens teilweise nur mit Hilfe der Abschriften C und D (deren Schreiber offenbar noch das unversehrte Exemplar B vor sich hatten) wieder wettzumachen sind. Nicht ganz unerheblich ist auch die textkritische Bedeutung der ›Vita Notkeri Balbuli‹ (Cod. 556 der Stiftsbibliothek, aus dem beginnenden 13. Jahrhundert), die sich, wie oben festgestellt, zu einem guten Teil aus ›Casus‹-Exzerpten zusammensetzt.
Die erwähnten Schäden abgerechnet, besitzt der Text, wie ihn die Handschrift B, S. 51 bis 307 (mit Sprung in der Paginierung von S. 100 zu S. 111) bietet, unbestrittenen Vorrang. Ihm folgt die vorliegende Neuausgabe soweit wie möglich, und zwar auch und gerade hinsichtlich Orthographie, Interpunktion und Textorganisation26. Die von Meyer von Knonau eingeführte Kapiteleinteilung wurde aus praktischen Gründen beibehalten. Im Vergleich mit der Vorlage ist sie allerdings nicht ganz stimmig. Denn B gliederte den Gesamttext mittels roter Initialen in rund doppelt so viele Abschnitte, was der Dynamik der Ekkehardschen Erzählweise im Grunde viel besser entspricht. Um hier eine gewisse Modifizierung im Sinne der Überlieferung zu erreichen, sind die in B markierten Zäsuren, soweit sie sich nicht schon mit den Kapitel-Einschnitten decken, jeweils durch Absatz eigens kenntlich gemacht. Der Variantenapparat beschränkt sich auf das Allerwichtigste. Versehen der früheren Editoren sind stillschweigend berichtigt, notwendige Ergänzungen nach C und D ohne speziellen Hinweis vorgenommen worden27. Der Sachkommentar ist ebenfalls ganz knapp gefaßt; nur der Zitatennachweis wurde erweitert. Wie der zugrundeliegende lateinische Text erscheint schließlich auch die deutsche Übersetzung in neuer Gestalt.
St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 176, p.298
Die vorhergehende Abbildung zeigt eine Seite aus einem Werk des Eugippius, der im ersten Drittel des 6. Jahrhunderts als Abt des Klosters Castellum Lucullanum bei Neapel amtierte. Bei dem Werk handelt es sich um eine – im Mittelalter recht beliebte und häufig überlieferte – Sammlung von Exzerpten, die Eugippius aus Werken des Kirchenvaters Augustinus zusammengestellt hatte.
Die hier abgebildete Kopie des Werks gehört zu jenen Büchern, die die aufblühende Sankt Galler Bibliothek im 9. Jahrhundert dem Wirken des Abtes Grimalt verdankte. Der Codex liegt noch heute in der Stiftsbibliothek Sankt Gallen; er trägt die Signatur 176.
Ekkehard IV. hat diesen Codex im 11. Jahrhundert durchgearbeitet und mit Glossen versehen. Auf der hier gezeigten Seite 298 der Sammlung von Exzerpten fand der gealterte Klosterlehrer den Satz:
Ubi u[er]o sanus conectabat[ur], n[on] curat[ur], sed agnoscit[ur]; ne cu[m] sana curare uolum[us] potius uulneremus.
„Wo aber ein Gesunder [sc. der Kirche] hinzugereiht wurde, wird er nicht geheilt, sondern anerkannt – damit wir ihn nicht, da wir Gesundes heilen wollen, eher noch verletzen.“
Am Rand kommentierte Ekkehard diese Aussage wie folgt:
Nota . quod huiuscemodi et in alii(s) rebus . p[er]turbatio grassat[ur] . Sicut nouitas popponis. s[an]c[t]i galli cella[m] . in plerisq[ue] nobilit[er] sanam uulnerabat . scismatis sui uulnere sęuo et dolendo. (Zusätzlich vergrößert dargestellt.)
„Merke, daß eine solche Wirrnis auch in anderen Dingen wütet – so wie die Neuheit des Poppo mit der heftigen und schmerzlich zu beklagenden Wunde seines Schismas die Zelle des heiligen Gallus verletzt hat, die doch meistenteils auf edle Weise gesund gewesen war.“
Poppo von Stablo war ein bedeutender Klosterreformer des 11. Jahrhunderts und der Lehrer des St. Galler Abtes Nortpert. Ekkehards klagende Randnotiz erklärt Poppo (und damit indirekt auch seinen Schüler Nortpert) zum Schismatiker, dessen neuartige Lehren das Kloster St. Gallen zugrunde richteten. Die kleine Randglosse zeigt demnach, wie skeptisch und kritisch Ekkehard jener neuen monastischen Lebensform gegenüberstand, die Nortpert in St. Gallen eingeführt hatte.
1 Neu ediert von I. Müller, Zs.f. Schweiz. Kirchengesch. 66 (1972) 212–221; neueste Untersuchung von W. Berschin, HJb 95 (1975) 257ff.
2 Mit dem Gedichtzyklus ›Ad picturas claustri s. Galli‹, MG. Poet. 5, 541–546, und dem Gallusfest-Gedicht ›In natale s. Galli confessoris‹, ed. J. Egli, S. 192–203.
3 Studien zum St. Galler Klosterplan, hrsg. von J. Duft, Mitt. z. Vaterl. Gesch. 42 (1962).
4 P. v. Winterfeld, Neue Jahrbücher 1.5 (1900) 341ff.
5 In der Einleitung zu Notkers ›Vita s. Galli‹, MG. Poet. 4, 1094–1097.
6 Ratperti Casus s. Galli, ed. G. Meyer von Knonau, Mitt. z. Vaterl. Gesch. 13 (1872).
7 MG. Necrol. 1,483.
8 Vgl. Dümmler, Zs.f. dt. Altert. 14, 1f.
9 Vgl. oben S. 3 Anm. 2.
10 Carmen de laude s. Galli, MG. Poet. 5, 536–540.
11 Versus ad picturas domus Domini Moguntinae, ed. Egli, S. 316–368.
12 Benedictiones ad mensas, ed. Egli, S. 281–315.
13 Benedictiones super lectores per circulum anni, ed. Egli, S. 11–280.
14 Worüber sich schon der nächste (anonyme) Fortsetzer beklagte: Continuatio Casuum s. Galli, prol., ed. G. Meyer von Knonau, Mitt. z. Vaterl. Gesch. 17 (1879) 3.
15 Vgl. Haefele, Festschrift J. Duft, S. 191ff. Im übrigen ist auch der Passus über das ‚Gewand der Kirche‘ (Kap. 87), oft als weiterer Beweis für jene angebliche Grundhaltung angeführt, lange nicht so tendenziös gestimmt, wie man glauben möchte. Das Nötige hierzu hat schon Albert Hauck bemerkt, allerdings an ziemlich versteckter Stelle (s. unten S. 179 mit Anm. 60).
16 Zum folgenden vgl. Haefele, Festschrift M. Wehrli, S. 158ff.
17 Frederik P. Pickering, Augustin oder Boethius? 2 Bde. (1969/76).
18 Die Boethius-Schrift ist zusammen mit Notkers deutscher Übersetzung erhalten in Cod. 825 der Stiftsbibliothek.
19 Vgl. die diesbezügliche, immer noch gültige Charakteristik der ›Casus‹ bei Dümmler, Zs.f. dt. Altert. 14,9: „Nicht Geschichte des Klosters schreibt er, sondern Geschichten von den berühmtesten Klosterbrüdern, die in dem engen Ringe einer geschlossenen Gemeinschaft sich mit treuer Verehrung fortgeerbt hatten.“
20 Wie es Meyer von Knonau in der Einleitung zu seiner Ausgabe, S. XV, tut.
21 Vgl. Haefele, Festschrift M. Wehrli, S. 162. Hier sei auch an Widukinds zweigeteilten Bericht von der Lechfeldschlacht erinnert (Res gestae Saxonicae 3, 44–46).
22 Vgl. Haefele, Festschrift J. Duft, S. 187ff.
23 So insbesondere in seiner ›Confutatio Grammaticae‹, ed. Egli, S. 211–217.
24 Vgl. die hierauf zielende Kritik in Gunzos ›Epistola ad Augienses‹.
25 Zur Handschriften-Lage vgl. Haefele, DA 17, 145ff.
26 Zu diesen Punkten Haefele, DA 17, 184ff. bzw. DA 18, 121ff., u. 131ff.
27 Näheres dazu in DA 17, 159ff., u. 165ff.
Moniti a loci nostri fratribus id opere precium putantibus, quędam cenobii sanctorum Galli et Othmari cum infortuniis tradere fortunia, rem arduam aggressi sumus. Enimvero obloquiis patere non dubitamus: quoniam, ut nunc morum et temporum est, si quicquam asperum, et maxime quod disciplinę sit, tetigeris, si malorum libertates et impunitates non laudare videberis, velud impostor et calumniator apud eos,1 qui in levitate ambulant1, habeberis. At vero quoniam rerum loco nostro gestarum ętiam alii veritati nihil parcentes fortunia et infortunia, quomodolibet erant, edixerant, temptantes quidem et nos ea, quę a patribus audivimus, ea aviditate qua illi, quam verissime datum est stilo et atramento veritatem perstringere, fortunia et infortunia loci nostri veritati nihil parcentes edisserere.
De Salomone etenim abbate nostro, post episcopo, ingressi sumus. Quem per ordinem secuti rebus nostris potiti sunt Hartmannus, Engilpertus, Thieto, Cralo, cui interstitium regiminis frater suus fecerat Anno. Sequuntur Purchardus, Notkerus, Ymmo, Uodalricus, Kerhardus, Purchardus alter, Thiepaldus, Norpertus, cuius hodie sub regimine quidem non prout ipse et nos, ut inquiunt, volumus, sed prout possumus2, vivimus. Scripserat ante nos Radpertus, homo doctissimus, et ipse codicellum similis materię a sancto Gallo et Othmaro usque ad se ipsum, a quo nos incępisse videmur, Salomonem episcopum. Cuius nominis tarnen ęquivocatię sit, ut bene cerneret, praemonemus. Nam tres eius nominis cum Constantię praefuerint, secundum Rathpertus censum a loco nostro exegisse scripsit3. De tercio nos, prout Deo dante potuimus, sic incipiemus.
Von den Brüdern unseres Klosters, die das der Mühe wert fanden, ließen wir uns dazu bewegen, etwas von dem Glück und dem Unglück im Hause der Heiligen Gallus und Otmar zu erzählen, womit wir uns auf eine höchst schwierige Sache eingelassen haben. Tatsächlich zweifeln wir nicht, angeprangert zu werden; denn wie ja jetzt Sitten und Zeiten sind: berührst du irgendeinen und zumal die Zucht betreffenden Mißstand, und du gibst dir nicht den Anschein, das freie Schalten und Walten der Bösen zu loben, dann wirst du bei denen, 1die da im Leichtsinn wandeln1, für einen Lügner und Lästerer gelten. Indessen haben auch andere über Glück und Unglück in unserer Geschichte berichtet, je wie es war und ohne dabei die Wahrheit zu vertuschen; und so nun versuchen wir gleichfalls – mit demselben Eifer wie sie und so getreulich als es überhaupt möglich ist, mit Feder und Tinte die Wahrheit zu streifen –, das was wir von den Vätern gehört haben, Glück und Unglück unseres Klosters, ausführlich und ohne Beschönigung der Wahrheit darzulegen.
Also haben wir denn bei Salomo, unserem Abt, nachmals Bischof, eingesetzt. Und auf ihn folgten in der Herrschaft über uns der Reihe nach: Hartmann, Engilbert, Thieto, Craloh, dessen Regierung sein Bruder Anno durch ein Zwischenspiel unterbrach. Dann weiter: Purchard, Notker, Ymmo, Ulrich, Gerhard, Purchard der Zweite, Thiepald, Norpert, unter dessen Leitung wir ja noch heute leben, nicht so wie er und wir – wie der Spruch geht – wollen, sondern so wie wir können. Vor uns schrieb Ratpert, der große Gelehrte, seinerseits einen schmalen Band zu dem entsprechenden Thema von den Zeiten des heiligen Gallus und Otmar bis eben auf ihn, Bischof Salomo, mit dem wir den Anfang machen. Doch raten wir, wohl zu beachten, daß sein Name mehrdeutig ist. Denn drei dieses Namens waren Bischof zu Konstanz, und von dem zweiten schrieb Ratpert, er habe Zins von unserem Kloster erhoben. Wir nun wollen gemäß dem Können, wie es Gott uns verlieh, von dem dritten wie folgt beginnen.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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