St.Galler Klostergeschichten - Ekkehard IV. - E-Book

St.Galler Klostergeschichten E-Book

Ekkehard IV.

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Beschreibung

Ekkehard IV. schildert die Geschichte des Klosters St. Gallen aus der Zeit von ca. 883 bis 972. Er verfasste dieses Werk etwa um die Mitte des 11. Jahrhunderts. Seine Erzählungen, die meist auf der mündlichen Überlieferung der Mönchsgemeinschaft beruhen, sind außerordentlich lebendig und einprägsam und vermitteln einen vorzüglichen Einblick in das Klosterleben und die allgemeinen Lebensverhältnisse des 10. Jahrhunderts. Die Ausgabe bietet einen verbesserten Text in der hervorragenden Übersetzung durch Hans Haefele.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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EKKEHARD IV.

ST. GALLER KLOSTERGESCHICHTEN

 

 

Übersetzt vonHANS F. HAEFELEmit einem Nachtrag vonSTEFFEN PATZOLD

 

 

 

Impressum

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

©2013 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt5., bibliographisch aktualisierte und um einen Nachtrag erweiterte Auflage 20131. Auflage 1980Covergestaltung: Neil McBeathDie Herausgabe des Werkes wurde durchdie Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-26033-1

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-534-73757-4eBook (epub): 978-3-534-73758-1

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Inhaltsverzeichnis

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INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. St. Gallens Vergangenheit

2. Ekkehards Leben und Werk

3. Überlieferung, Textgestaltung, Übersetzung

Abbildung Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. 176

Text und Übersetzung

Namenverzeichnis

Nachtrag von Steffen Patzold

Literatur

EINLEITUNG

1. St. Gallens Vergangenheit

Unter all den bedeutenden und bedeutenderen Köpfen, die das mittelalterliche St. Gallen hervorgebracht hat, erscheint keiner so tief vom Geiste seines Klosters geprägt wie gerade Ekkehard IV. Nun war er freilich der Letzte in einer ganzen Reihe von Koryphäen, und so, gleichsam in die Tradition hineingeboren, wurde er wohl unwillkürlich und fast notwendigerweise zu ihrem Erben. Andererseits wurde er dies aber auch nicht ohne sein eigenes Zutun. Mit wachem Bewußtsein und vor allem mit wacher Liebe pflegte er das Gedächtnis an St. Gallens Vergangenheit. Immer wieder versenkte er sich in die Gründungsgeschichte, in die karolingische Epoche, in die große Zeit der Ottonen. Und immer wieder vergegenwärtigte er sich aufs neue die Personen und Persönlichkeiten von damals, die Stifter und Gründer, die Äbte, die Lehrer, Schreiber und Dichter. Für Ekkehard IV. wurde die Geschichte seines Klosters augenscheinlich zum Maßstab der eigenen Existenz, ein Umstand, der es nahelegt, eben diese Geschichte hier kurz zu skizzieren.

Nach der hagiographischen Tradition wäre St. Gallen um 612 im Zuge der iroschottischen Mission entstanden, eine kleine Zelle in der Einöde, erbaut von Gallus, der seinem weiter nach Italien ziehenden Lehrer Kolumban nicht mehr folgen mochte. Zunächst war diese Zelle gewiß nur die Stätte eines Einzelgängers und nach dem Tode des Heiligen dann wohl auch in Gefahr, dem Zerfall und der Vergessenheit anheimzufallen. Die eigentliche Klostergründung erfolgte gut ein Jahrhundert später, als der Priester Otmar dort am Gallusgrab ein richtiggehendes Zönobium einrichtete. Otmar selbst wurde der erste Abt des Ortes (um 720) und führte einige zwanzig Jahre danach die Benediktinerregel ein. Unter ihm begann in St. Gallen auch jene Schreibertätigkeit, die dem Kloster dereinst zum besonderen Ruhme gereichen sollte. Die ersten Urkunden wurden geschrieben, die ersten Bücherexemplare verfertigt. Ob man dabei auf ein schon bestehendes irisches Scriptorium aufbauen konnte, scheint einigermaßen zweifelhaft. Die systematische Organisation des Schreibbetriebes geht jedenfalls allein auf Otmar zurück, der damit für die weitere kulturelle Entwicklung seines Klosters den Grund gelegt hat.

Mit Otmar setzt aber auch die politische Geschichte St. Gallens ein. Der heilige Gallus hatte seine Zelle in die Wildnis gebaut. Sie stand dazumal und noch geraume Zeit danach in einem sozusagen geschichtslosen Bezirk. Zumindest lag der abgeschiedene Winkel einstweilen noch außerhalb stärkerer Machtinteressen. Bedeutung und Anreiz gewann das Gebiet erst, seitdem es die Mönche zu erschließen begannen und das Monasterium selbst dank Pilgerspenden und ersten Schenkungen zu wachsendem Besitz gelangte. Zum Spannungsfeld jedoch wurde der St. Galler Raum in dem Moment, da die karolingischen Hausmeier, im Bestreben, ihren Einfluß auf Alemannien auszudehnen, das Bistum Konstanz zu einem Hauptstützpunkt ihrer Politik ausbauten. Denn dadurch geriet St. Gallen unmittelbar zwischen die Einflußsphären von Konstanz und Chur. Otmar selbst war gebürtiger Alemanne, kam aber aus Chur, wo er seine Ausbildung erhalten hatte. Von dort brachte er auch eine Schar von Confratres mit, die dem rätischen Element in St. Gallen erheblichen Auftrieb verlieh. Die ersten uns bekannten Schreiber sind Räter, und es steht ja wohl fest, daß sie an der Ausbildung der charakteristischen St. Galler Minuskel maßgeblich beteiligt waren. Soviel aber ihr Einfluß im Kulturellen bedeutete, sowenig kam er politisch zur Geltung. Nie hat man in Otmars Abtei daran gedacht, sich an Churrätien anzuschließen oder auch nur anzulehnen.

Das politische Ziel, das Otmar verfolgte, lag offenbar darin, die Unabhängigkeit seines Klosters mit allen Mitteln zu behaupten oder zu erringen. Zu behaupten oder zu erringen: damit berühren wir die vieldiskutierte Streitfrage, ob St. Gallen zu Anfang tatsächlich frei und eigenständig gewesen sei. Die ältere Forschung hat die Frage noch entschieden verneint und eine ursprünglich direkte Abhängigkeit vom Bistum Konstanz postuliert. Heute neigt man eher dazu, der hauseigenen St. Galler Tradition, die von ursprünglicher Freiheit spricht, grundsätzlich beizupflichten. Sicher sind die Dinge in den St. Galler Quellen einseitig und zum Teil verzerrt dargestellt; aber im Kern dürften sie doch das Richtige enthalten. Otmar seinerseits scheint sich im vollsten Recht gefühlt zu haben, als er sich sowohl gegen den Praeses von Rätien als auch gegen den Bischof von Konstanz zur Wehr setzte. Während er aber jenem zu widerstehen vermochte, hatte er im Kampf gegen diesen kein Glück. Auf dem Wege zu König Pippin wurde er von den Verbündeten des Bischofs, den Grafen Warin und Ruthard (in denen Ekkehard IV. später Welfen sah), überfallen, entführt und eingekerkert. Durch eine Verleumdungsaktion gegen Otmar ließ man den flagranten Rechtsbruch im nachhinein kaschieren, und da der Sieg des Bistums im Interesse der Reichspolitik lag, blieb die Tat ungeahndet. Otmar starb als Gefangener (759). Zu seinem Nachfolger wurde Johannes bestimmt, Mönch der Reichenau und Favorit des Konstanzer Bischofs. Sidonius. Als Sidonius im folgenden Jahr starb, übernahm Johannes auch die Führung des Bistums. Mit dieser Personalunion war die Unterwerfung St. Gallens vorerst, für an die sechzig Jahre, besiegelt. Der inneren Entfaltung des Klosters konnte sie freilich keinen Abbruch tun. So wuchs in der Bibliothek der Schatz an Texten und Büchern, wobei die Schrift ihren rätischen Charakter allmählich verlor, um sich unter Einmischung oberdeutscher und westfränkischer Elemente zu einer eleganten Minuskel eigenen Gepräges zu entwickeln. In ebendiese Zeit, da St. Gallen so wenig äußeres Ansehen genießt, fällt auch der erste größere literarische Versuch: eine Gallus-Biographie1, aus teilweise schon älteren Berichten im späteren achten Jahrhundert zusammengestellt. Obgleich nur in Bruchstücken erhalten, ist diese anonym überlieferte ›Vita vetustissima‹ bedeutsam als das erste greifbare Glied in der Kette der Gallus-Hagiographie, die nach Wetti und Walahfrid, nach Ratpert und Notker Balbulus der vierte Ekkehard selber weiter verlängert hat2.

Die Wiederherstellung der Freiheit erlebten die St. Galler erst zur Zeit Ludwigs des Frommen unter ihrem 816 neu ernannten Abt Gozbert. Bereits zwei Jahre nach dessen Wahl erfolgte mit dem kaiserlichen Immunitätserlaß die Loslösung des Klosters aus der bischöflichen Oberherrschaft. Und damit begann auch schon die erste Phase seines Aufschwungs. Unter Gozberts Ägide kamen die Verhältnisse innen und außen wieder ins Lot. Unter seiner Anleitung vollzog sich der Ausbau der berühmten Bibliothek. Unter seiner Aufsicht entstand der prachtvolle Neubau der Gallusbasilika. Mit diesem Neubau wiederum hängt ein einzigartiges Dokument zusammen. Es ist dies der uns erhaltene Bauplan, der auf der Reichenau verfertigt wurde und die Adresse Gozberts trägt3. Dem gleichen Gozbert ist auch die ›Vita s. Galli‹ des Wetti gewidmet. Und auf sein Betreiben hat schließlich Walahfrid Strabo die dritte Gallus-Biographie in Angriff genommen. Seine Neufassung, geschrieben um 833/34, bezeichnet in der Literaturgeschichte St. Gallens einen entscheidenden Ansatzpunkt. Bildet sie doch gleichsam den Vorspann zu den Werken, die wenige Dezennien später ein Notker, ein Ratpert, ein Hartmann und andere entworfen haben. Für die heranwachsende St. Galler Dichterschule, wie man sie genannt hat4, ist Walahfrid wegweisend geworden. An seinem Muster übte man sich, schulte man sich, bildete man Sprache und Stil – ein Phänomen, worüber sich zu seiner Zeit Ekkehard IV. eigene Gedanken machen wird5.

Den steilen Aufstieg im mittleren Drittel des neunten Jahrhunderts verdankt St. Gallen den vielseitigen Aktivitäten des Gozbert. Mit seiner baulichen Tätigkeit, mit seinem bücherliebenden Interesse, mit den literarischen Anregungen, die er zu geben wußte, hat dieser Abt das Fundament geschaffen, worauf die Kultur der folgenden Generationen beruht. 837 legte er die Abtswürde nieder. Nun brachen einige schwierige Jahre an, da das Kloster in die Kämpfe geriet, die unter den Söhnen Ludwigs des Frommen ausgetragen wurden. Es kam zu willkürlichen Einsetzungen und Absetzungen. 841 ließ Ludwig der Deutsche, das Wahlprivileg der Mönche abermals beiseite schiebend, seinen Erzkaplan Grimald zum Abt erheben. Die selbstherrliche Verfügung, der man in St. Gallen mit einem Mißtrauen begegnete, das noch bei Ekkehard nachklingt, schlug zuletzt zum Besten des Klosters aus. Nie hätte das Los einer freien Wahl so glücklich fallen können, wie das Los des Königs fiel. Denn in Grimald erhielt St. Gallen einen hochherzigen Freund und Förderer. Mit ihm gewann es einen Gönner, der es dank seines großen Einflusses zuwege brachte, daß die St. Galler auch die letzte formelle, in einer symbolischen Zinsleistung bestehende Abhängigkeit von Konstanz abschütteln durften. Der von ihm angestrebte und eingefädelte, vom König endlich gutgeheißene Ulmer Vertrag von 854 verhalf ihnen zur endgültigen Freiheit.

Also wurde Grimald zum Vollender des von Otmar begonnenen Werkes. Wobei es ihm über die rein politisch-juristische Lösung hinaus gelang, das Kloster an der fernen Steinach in den eigentlichen Bereich karolingischer Kultur hineinzuziehen und zu integrieren. Lag die Zelle des Gallus ursprünglich noch in einer Einöde, lag Otmars Zönobium in einem bloßen alemannisch-rätischen Zwischenbezirk und lag Gozberts Konvent lediglich in einer fränkischen Randzone, so begann jetzt Grimalds Abtei sich zu einem Schwerpunkt des Reiches auszubilden. St. Gallens Beziehungen, die sich vorher im wesentlichen auf Konstanz und Reichenau beschränkt hatten, weiteten sich über die Person seines Abtes, weiteten sich über Grimalds Verbindungen zum Hof. Zu wichtigen Bildungszentren wurden nun engere Kontakte hergestellt, zu Weißenburg etwa, zu Murbach und insbesondere zu dem ruhmvollen Fulda. Durch Vermittlung Grimalds kamen auch viele neue Bücher herein, und zwar nicht nur Theologica, sondern auch juristische, historische, poetische Werke. Rundherum öffnete sich der Horizont. Zur äußeren politischen und wirtschaftlichen Freiheit gesellte sich eine innere geistige Freiheit, die die besten Voraussetzungen schuf zu schöpferischem Tun, zu gelehrsamer und musischer Arbeit. Über dieser Freiheit kamen die religiösen Belange keineswegs zu kurz. Dafür war Grimald, der selber bloß Weltgeistlicher war, in der Weise besorgt, daß er einen Mönch zur geistlichen Aufsicht bestellte. Er nahm sich einen Stellvertreter und nominierte zum proabbas (wie er bei Ekkehard heißt) den hochgebildeten Dekan Hartmut, welcher sodann nach Grimalds Tod (872) wie selbstverständlich dessen Nachfolge antrat.

Bis hierher, d.h. bis in die Zeiten Grimalds und Hartmuts, lassen sich die res gestae der Äbte von St. Gallen anhand der Klosterchronik des Ratpert verfolgen6. Die Ereignisse des nächsten Jahrhunderts gehören bereits zu Ekkehards eigenem Stoff, weshalb wir uns mit einem raschen Ausblick begnügen dürfen. Den glücklichen Jahren unter Grimald und Hartmut reihte sich – nach kurzem, unersprießlichem Zwischenspiel – mit der Regierung Salomos III. (890 bis 919) nochmals eine Blütezeit an, in deren Schilderung, wie die Kapitel 1 bis 46 der ›Casus‹ zeigen, Ekkehard recht eigentlich schwelgt. Den denkbar schärfsten Kontrast dazu bilden die Katastrophen des Ungarneinfalls (zur Zeit des Abtes Engilbert, 926) und der verheerenden Feuersbrunst von 937 (unter Abt Thieto), die das Kloster in Asche legte. Es bedurfte langwieriger und mühseliger Arbeit, St. Gallen aus dem Elend herauszubringen, geschweige es wieder neuem Glanz entgegenzuführen. Wenn dies – seit etwa der Mitte des Jahrhunderts – gelang, so lag das Verdienst hieran zum einen bei den Äbten: bei Purchard I. (958–971), Notker (971–975) und Ymmo (975–984). Zum andern und wohl zum erheblicheren Teil lag es bei den hervorragenden Patres, über die man verfügte: bei Gerald, Ekkehard I., Ekkehard II., Notker Medicus und andern, die der Schule von St. Gallen von neuem Ehre und Ansehen verschafften. An dieser zweiten ruhmvollen Epoche hatte Ekkehard IV., wie uns sein Werk spüren läßt, womöglich noch die hellere Freude, noch den größeren Stolz. Unmittelbar miterlebt hat er sie freilich nicht mehr, aber nach seiner Bildung und Geistigkeit wurzelt er ganz in ihr.

2. Ekkehards Leben und Werk

Über die Person Ekkehards IV. liegen uns nur spärliche und undeutliche Nachrichten vor. Schon sein Geburtsjahr läßt sich höchstens annähernd bestimmen. Daß es noch vor das Jahr 1000 fallen muß, geht aus Kap. 21 der ›Casus‹ hervor, wo der Tod des Welfen Heinrich mit einer persönlichen Erinnerung des Chronisten verknüpft erscheint. Rechnet man danach weiter zurück, wird man auf ein Datum etwa aus den frühen achtziger Jahren des zehnten Jahrhunderts geführt. Ekkehard war also rund eine Generation jünger als Notker der Deutsche, der nachmals sein Lehrer wurde und dessen er selber stets mit Verehrung gedenkt (z.B. Casus, Kap. 80). Nach Notkers Tod (im Pestjahr 1022) finden wir Ekkehard ziemlich unvermittelt in Mainz, in der Umgebung von Erzbischof Aribo. Die Chronologie dieses Aufenthaltes ist durchaus unsicher; einen festeren Anhaltspunkt bietet lediglich die bekannte Ingelheimer Szene von Ostern 1030, dargestellt in Kap. 66 der ›Casus‹ und mit deutlich autobiographischen Reflexen erfüllt. Ekkehards Rückkehr nach St. Gallen, woer wieder wie zuvor als Magister wirkte, dürfte ein oder zwei Jahre später, jedenfalls nach Aribos Tod (1031) erfolgt sein. Zu seinem ferneren Leben besitzen wir außer der Angabe seines Sterbetages (21. Oktober7) keine direkten Daten mehr. Doch läßt sich einem Hinweis auf Wiboradas Kanonisation (1047) in den ›Casus‹ und einer Anspielung auf den Tod Papst Victors II. (1057) in einer seiner Orosius-Glossen entnehmen8, daß Ekkehard noch nach der Jahrhundertmitte mit Schreiben befaßt war und allem Anschein nach ein beträchtliches Alter erreichte.

Sucht man diesen biographischen Abriß mit einem Werkkatalog zu ergänzen, so sind auch hier genauere chronologische Angaben nicht möglich. Immerhin lassen sich drei verschiedene Schaffensperioden einigermaßen klar voneinander abgrenzen. Zu Ekkehards ersten, noch vor 1025 zu datierenden Versuchen zählen, neben einer Reihe von Schulübungen und Gelegenheitsgedichten, vor allem die Tituli zum Gallus-Bilderzyklus9 sowie die Umsetzung von Ratperts deutschem Galluslied ins Lateinische10. Bereits den Mainzer Jahren gehören seine bedeutendsten Versdichtungen an, nämlich die Tituli zu Gemälden der Mainzer Domkirche11, die poetischen Tischsegnungen12 und die Verssegen zu den Lesungen während des Kirchenjahres13. Einem dritten und letzten Abschnitt endlich entstammen die ›Casus sancti Galli‹. Das Werk – Alterswerk wie es scheint – entstand im Anschluß an Ratpert und sollte dessen Chronik bis in die Zeiten Norperts (1034–1072) heraufführen. Aber so weit ist die Fortsetzung Ekkehards nicht mehr gediehen. Mitten im Bericht über das Regiment Abt Notkers (971–975) bricht sie ab – warum, ist nicht überliefert14; doch wird man am ehesten an Krankheit und Tod denken müssen, die dem Autor die Feder aus der Hand genommen.

Über seine schriftstellerischen Absichten hat sich Ekkehard in einer Vorrede etwas näher ausgelassen. Wobei er nun freilich mit einer beiläufigen Bemerkung über Abt Norpert sich dem Mißverständnis aussetzte, als habe er seine Klostergeschichten mehr nur zum Protest wider die Reformideen seiner Zeit geschrieben. Indessen, weit entfernt von Tadel und Vorwurf, will jene Zwischenbemerkung, die formal an ein Wort des Terenz erinnert, nicht anders denn als Devise mönchischer Selbstbescheidung genommen werden15. Das Praeloquium der ›Casus‹ skizziert kein polemisches, wohl aber ein literarisches Programm. Wie er dort deutlich zu verstehen gibt16, suchte Ekkehard seinen Stoff – über das Schema reiner Annalistik hinaus – nach einem besonderen erzählerischen Prinzip zu gestalten. Er wollte die Geschichte des Klosters unter dem Aspekt der fortunia et infortunia aufrollen und darstellen. Glück und Unglück sollten die beiden bestimmenden Pole sein, um die sich die casus varii historischen Geschehens und Geschicks in mehr oder weniger scharfer Kontrastierung gruppieren ließen. Dieser sein Leitgedanke stempelt Ekkehard geradezu zu einem Kronzeugen für die von Pickering so angelegentlich vertretene These, daß alle Geschichtsschreibung des Mittelalters, wofern sie nicht der heilsgeschichtlichen Konzeption Augustins anhange, der Fortuna-Ideologie des Boethius verpflichtet sei17 – und tatsächlich gehörte, wie wir wissen, die ›Consolatio philosophiae‹ zu der in St. Gallen gepflegten Schullektüre18.

Auf alle Fälle aber hat Ekkehard IV. seine Aufgabe anders verstanden und anders angepackt als sein Vorgänger Ratpert, auch wenn er selber vielleicht wähnen mochte, durchaus im gleichen Sinn und im gleichen Stil weiterzufahren. Allein, die Unterschiede sind spürbar groß. Bei Ratpert steht die juristisch-politische Entwicklung des Monasteriums entschieden im Vordergrund, wobei er als tüchtiger Chronist, der er ist, sich von Mal zu Mal die Mühe macht, seine Darstellung dokumentarisch zu untermauern. Gewiß, auch Ekkehard läßt zum Beispiel verfassungsgeschichtliche Momente nicht gänzlich außer acht: wo es, wie in der Auseinandersetzung mit den Ottonen (Kap. 128ff.), um Rechte und Freiheiten des Klosters ging, war er schließlich gezwungen, darauf einzugehen. Doch tut er dies nie mit fachmännischer Einläßlichkeit. Er berührt die betreffenden Punkte und berührt sie summarisch genug, aber entsprechende Akten und Urkunden heranzuziehen, fällt ihm kaum jemals ein. Die Perspektive des Archivars sagt ihm nichts; wie fremd sie ihm ist, zeigt er unverstellt und in schönster Treuherzigkeit in Kap. 25, wo er auf die Aufzählung bestimmter Güter und Orte nur deshalb verzichtete, weil er ihre Namen hätte in den Papieren des Archivs suchen müssen. Auch sonst ist Ekkehard mit Ausflüchten rasch bei der Hand, wenn es sich darum handelt, schriftliche Quellen um der Bequemlichkeit willen zu übergehen und auszuklammern (z.B. Kap. 109). Für ihn gründet Geschichte zuvorderst in der mündlichen Überlieferung. Worauf er sich am liebsten und bedenkenlos stützt, das sind die Aussagen der Väter und Lehrer, die Mitteilungen der im Kloster alt gewordenen Insassen, über deren Gedächtnis und Erinnerung sich zweifellos weit zurück in die Vergangenheit greifen ließ – ob freilich mit hinreichender Zuverlässigkeit, scheint Ekkehard nicht sehr gekümmert zu haben. Wie es ihm denn überhaupt nicht liegt, sein Material lange zu prüfen, sorgsam zu sichten und gründlich zu ordnen. Systematik ist nicht sein Fach. Geschichte lebt für ihn im Einzelzug, im Anekdotischen, und darum auch ist sein Interesse viel weniger sach- als personenbezogen. Damit wieder hängt zusammen, daß ganze Kapitelfolgen der ›Casus‹ sich wie Romanpartien lesen, indem der Zuschnitt auf das Biographische immer wieder eindeutig dominiert. Kein Wunder, daß Josef Victor von Scheffel daraus so leicht seinen eigenen ›Ekkehard‹ (1854) destillieren konnte.

Anders auch als Ratpert, der sich auf die Figuren allein der Äbte konzentrierte, ging Ekkehard darauf aus, die Geschichte aller irgend bedeutenderen Brüder miteinzubauen19, womit er seine Chronik von vorneherein auf eine viel breitere Grundlage stellte. In der Tat ist die Spannweite der Darstellung überraschend groß. Ekkehards Blick umfaßt vieles, und vieles zugleich. Dieser Blick geht auch mühelos über den engeren lokalen Bereich hinaus. Ekkehard bleibt nicht wie Ratpert starr an St. Gallen gebunden. Er vermag Blickpunkt und Blickwinkel ohne weiteres zu wechseln und läßt so eine gewisse Weitläufigkeit erkennen, wie man sie bei einem einfachen Mönch aus der Provinz nicht eben vermuten würde. Aber hier kamen ihm die in Mainz und am Rhein verbrachten Jahre offensichtlich zugute. Ohne sie hätte er die Szenen am Königshof und in den rheinischen Bischofsstädten, hätte er Tuotilos auswärtige Fahrten und Abenteuer wahrscheinlich nicht derart überzeugend kolorieren können. Aus manchem Detail spricht eigenes Erleben, und mit einer Gestalt wie Ekkehard dem Höfling, welcher zugleich in zwei Welten heimisch war, mochte der vierte Ekkehard am Ende, wer weiß, sich selber identifizieren.

Zu dem reichen und bewegten Inhalt des Werkes gesellt sich eine überaus lebendige Erzählform. So sorglos und unkritisch Ekkehard den Stoff gesammelt hat, so bewußt arrangiert er ihn und so überlegt bringt er ihn zu künstlerischer Wirkung. Natürlich darf man diese Kunst nicht an modernen Stilidealen messen. Was uns heute vielleicht ein Mangel, eine Schwäche dünkt, konnte damals durchaus als Vorzug, ja als besondere Finesse empfunden werden. Ein klarer, geradliniger Aufbau war so wenig gefordert wie eine exakte zeitliche Abfolge. Im Gegenteil fanden das Uneinheitliche und das Sprunghafte mehr Anklang, und eine Schilderung, die sich nicht in Exkursen und Digressionen erging, vermochte höheren Ansprüchen ohnehin nicht Genüge zu tun. Es ist daher ganz unbegründet, von Nachlässigkeit zu reden20, wenn Ekkehard beispielsweise die Beschreibung der Ungarnnot (Kap. 51–56 sowie 62–65) mit einer Serie von Ulrich-Geschichten unterbricht: hierin liegt vielmehr bewußte literarische Absicht, indem so, dem Grundprinzip der fortunia et infortunia gemäß, auch die dunkelste Zeit St. Gallens ihr tröstliches Licht erhält21.

Ekkehards Gestaltungskunst wird allgemein und mit Recht gerühmt. Sie ist vielseitig, wandlungsfähig, nuancenreich. Am meisten besticht sie mit ihren Dialogen, deren ausgefeilte Technik nicht minder fasziniert als die psychologisierende Funktion, die ihnen eignet und eignen soll. Nach Gregor von Tours ist Ekkehard von St. Gallen wohl der erste Geschichtsschreiber, der wieder so intensiv Gebrauch macht von diesem Mittel, Menschen und Taten in unmittelbarer Dramatik vorzuführen. Woher er es bezogen haben könnte, ob aus christlichem, ob aus römischem Stilerbe, ist nicht auszumachen. In seinem Werk treffen und vereinen sich ja beide Traditionen22. Was die klassischen Muster betrifft, so spielen sie wohl eine größere Rolle, als man bisher vermutete. Zitate aus antiken Autoren, namentlich aus Vergil und Terenz, finden sich gar nicht so selten eingestreut, wenngleich sie meist mehr wie unverbindlich rhetorische Zugaben wirken. Bei aller gelehrsamen Freude, die Ekkehard an ihnen bezeigt, wiegen sie letztlich doch leichter als die Parabeln, die aus dem christlichen Schrifttum geschöpft sind. Nicht umsonst kehrt Ekkehard neben dem Erzähler und neben dem Dichter so oft den Theologen hervor. Wirklich ist seine theologische Bildung fundiert und umfassend: umfassender vermutlich als seine (im übrigen nicht geringe) klassische Bildung. Persönlich jedenfalls hat er sie höhergestellt und stets auch nachdrücklicher ausgespielt23. Dieses Verhältnis möchte für Ekkehards Einstellung kennzeichnend sein. Es ist genau das Verhältnis, das die Bildungssphäre seines Klosters bestimmt. Es verkörpert sich darin der traditionelle Geist der St. Galler Schule, in der die alten heidnischen Autoren zwar nicht geächtet, aber eben doch nur mit Vorsicht empfohlen und nur mit Vorsicht studiert worden sind24.

Als Teilstück einer spezifischen Hauschronik haben Ekkehards Klostergeschichten verständlicherweise kein weittragendes Echo ausgelöst. So beschränkt sich ihr Nachleben auf die anonyme (früher einem fünften Ekkehard zugeschriebene) ›Vita Notkeri Balbuli‹, die ihren Grundstoff weitgehend und streckenweise sogar wörtlich bestimmten ›Casus‹-Partien (bes. der Kap. 33ff.) entnommen hat.

3. Überlieferung, Textgestaltung, Übersetzung

Während Ekkehards poetisches œuvre noch im Autograph greifbar ist, existieren von seinem historischen Erzählwerk nurmehr Kopien. Sie liegen alle in St. Gallen und bilden in den fraglichen Bänden stets die Fortsetzung zu Ratperts Chronik. Als Haupt- und Leithandschrift gilt seit Ildefons von Arx Cod. 615 der Stiftsbibliothek (B), aus der Zeit gegen oder um 1200 stammend. Die übrigen fünf Handschriften sind wesentlich jüngeren Datums (14.–16. Jahrhundert) und gehen ohne Ausnahme auf B zurück, sei es direkt wie Cod. 612 der Stiftsbibliothek (C) und Cod. 70 der Stadtbibliothek (D), sei es indirekt wie Cod. 611 und 610 der Stiftsbibliothek (C1 bzw. D1) sowie Cod. 69 der Stadtbibliothek (D2)25. Das Abhängigkeitsverhältnis der Manuskripte ist soweit eindeutig, und an sich wäre ein Rückgriff auf die jüngere Überlieferung auch kaum vonnöten, wäre bloß B intakt erhalten geblieben. Die Handschrift wurde aber irgendwann nach dem 15. Jahrhundert auf ein handlicheres Format zurechtgeschnitten, wobei vom Text selbst da und dort am Rand kleine Stücke verlorengingen: Verluste und Einbußen, die wenigstens teilweise nur mit Hilfe der Abschriften C und D (deren Schreiber offenbar noch das unversehrte Exemplar B vor sich hatten) wieder wettzumachen sind. Nicht ganz unerheblich ist auch die textkritische Bedeutung der ›Vita Notkeri Balbuli‹ (Cod. 556 der Stiftsbibliothek, aus dem beginnenden 13. Jahrhundert), die sich, wie oben festgestellt, zu einem guten Teil aus ›Casus‹-Exzerpten zusammensetzt.

Die erwähnten Schäden abgerechnet, besitzt der Text, wie ihn die Handschrift B, S. 51 bis 307 (mit Sprung in der Paginierung von S. 100 zu S. 111) bietet, unbestrittenen Vorrang. Ihm folgt die vorliegende Neuausgabe soweit wie möglich, und zwar auch und gerade hinsichtlich Orthographie, Interpunktion und Textorganisation26. Die von Meyer von Knonau eingeführte Kapiteleinteilung wurde aus praktischen Gründen beibehalten. Im Vergleich mit der Vorlage ist sie allerdings nicht ganz stimmig. Denn B gliederte den Gesamttext mittels roter Initialen in rund doppelt so viele Abschnitte, was der Dynamik der Ekkehardschen Erzählweise im Grunde viel besser entspricht. Um hier eine gewisse Modifizierung im Sinne der Überlieferung zu erreichen, sind die in B markierten Zäsuren, soweit sie sich nicht schon mit den Kapitel-Einschnitten decken, jeweils durch Absatz eigens kenntlich gemacht. Der Variantenapparat beschränkt sich auf das Allerwichtigste. Versehen der früheren Editoren sind stillschweigend berichtigt, notwendige Ergänzungen nach C und D ohne speziellen Hinweis vorgenommen worden27. Der Sachkommentar ist ebenfalls ganz knapp gefaßt; nur der Zitatennachweis wurde erweitert. Wie der zugrundeliegende lateinische Text erscheint schließlich auch die deutsche Übersetzung in neuer Gestalt.

St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 176, p.298

Die vorhergehende Abbildung zeigt eine Seite aus einem Werk des Eugippius, der im ersten Drittel des 6. Jahrhunderts als Abt des Klosters Castellum Lucullanum bei Neapel amtierte. Bei dem Werk handelt es sich um eine – im Mittelalter recht beliebte und häufig überlieferte – Sammlung von Exzerpten, die Eugippius aus Werken des Kirchenvaters Augustinus zusammengestellt hatte.

Die hier abgebildete Kopie des Werks gehört zu jenen Büchern, die die aufblühende Sankt Galler Bibliothek im 9. Jahrhundert dem Wirken des Abtes Grimalt verdankte. Der Codex liegt noch heute in der Stiftsbibliothek Sankt Gallen; er trägt die Signatur 176.

Ekkehard IV. hat diesen Codex im 11. Jahrhundert durchgearbeitet und mit Glossen versehen. Auf der hier gezeigten Seite 298 der Sammlung von Exzerpten fand der gealterte Klosterlehrer den Satz:

Ubi u[er]o sanus conectabat[ur], n[on] curat[ur], sed agnoscit[ur]; ne cu[m] sana curare uolum[us] potius uulneremus.

„Wo aber ein Gesunder [sc. der Kirche] hinzugereiht wurde, wird er nicht geheilt, sondern anerkannt – damit wir ihn nicht, da wir Gesundes heilen wollen, eher noch verletzen.“

Am Rand kommentierte Ekkehard diese Aussage wie folgt:

Nota . quod huiuscemodi et in alii(s) rebus . p[er]turbatio grassat[ur] . Sicut nouitas popponis. s[an]c[t]i galli cella[m] . in plerisq[ue] nobilit[er] sanam uulnerabat . scismatis sui uulnere sęuo et dolendo. (Zusätzlich vergrößert dargestellt.)

„Merke, daß eine solche Wirrnis auch in anderen Dingen wütet – so wie die Neuheit des Poppo mit der heftigen und schmerzlich zu beklagenden Wunde seines Schismas die Zelle des heiligen Gallus verletzt hat, die doch meistenteils auf edle Weise gesund gewesen war.“

Poppo von Stablo war ein bedeutender Klosterreformer des 11. Jahrhunderts und der Lehrer des St. Galler Abtes Nortpert. Ekkehards klagende Randnotiz erklärt Poppo (und damit indirekt auch seinen Schüler Nortpert) zum Schismatiker, dessen neuartige Lehren das Kloster St. Gallen zugrunde richteten. Die kleine Randglosse zeigt demnach, wie skeptisch und kritisch Ekkehard jener neuen monastischen Lebensform gegenüberstand, die Nortpert in St. Gallen eingeführt hatte.

 

    1 Neu ediert von I. Müller, Zs.f. Schweiz. Kirchengesch. 66 (1972) 212–221; neueste Untersuchung von W. Berschin, HJb 95 (1975) 257ff.

    2 Mit dem Gedichtzyklus ›Ad picturas claustri s. Galli‹, MG. Poet. 5, 541–546, und dem Gallusfest-Gedicht ›In natale s. Galli confessoris‹, ed. J. Egli, S. 192–203.

    3 Studien zum St. Galler Klosterplan, hrsg. von J. Duft, Mitt. z. Vaterl. Gesch. 42 (1962).

    4 P. v. Winterfeld, Neue Jahrbücher 1.5 (1900) 341ff.

    5 In der Einleitung zu Notkers ›Vita s. Galli‹, MG. Poet. 4, 1094–1097.

    6 Ratperti Casus s. Galli, ed. G. Meyer von Knonau, Mitt. z. Vaterl. Gesch. 13 (1872).

    7 MG. Necrol. 1,483.

    8 Vgl. Dümmler, Zs.f. dt. Altert. 14, 1f.

    9 Vgl. oben S. 3 Anm. 2.

   10 Carmen de laude s. Galli, MG. Poet. 5, 536–540.

   11 Versus ad picturas domus Domini Moguntinae, ed. Egli, S. 316–368.

   12 Benedictiones ad mensas, ed. Egli, S. 281–315.

   13 Benedictiones super lectores per circulum anni, ed. Egli, S. 11–280.

   14 Worüber sich schon der nächste (anonyme) Fortsetzer beklagte: Continuatio Casuum s. Galli, prol., ed. G. Meyer von Knonau, Mitt. z. Vaterl. Gesch. 17 (1879) 3.

   15 Vgl. Haefele, Festschrift J. Duft, S. 191ff. Im übrigen ist auch der Passus über das ‚Gewand der Kirche‘ (Kap. 87), oft als weiterer Beweis für jene angebliche Grundhaltung angeführt, lange nicht so tendenziös gestimmt, wie man glauben möchte. Das Nötige hierzu hat schon Albert Hauck bemerkt, allerdings an ziemlich versteckter Stelle (s. unten S. 179 mit Anm. 60).

   16 Zum folgenden vgl. Haefele, Festschrift M. Wehrli, S. 158ff.

   17 Frederik P. Pickering, Augustin oder Boethius? 2 Bde. (1969/76).

   18 Die Boethius-Schrift ist zusammen mit Notkers deutscher Übersetzung erhalten in Cod. 825 der Stiftsbibliothek.

   19 Vgl. die diesbezügliche, immer noch gültige Charakteristik der ›Casus‹ bei Dümmler, Zs.f. dt. Altert. 14,9: „Nicht Geschichte des Klosters schreibt er, sondern Geschichten von den berühmtesten Klosterbrüdern, die in dem engen Ringe einer geschlossenen Gemeinschaft sich mit treuer Verehrung fortgeerbt hatten.“

   20 Wie es Meyer von Knonau in der Einleitung zu seiner Ausgabe, S. XV, tut.

   21 Vgl. Haefele, Festschrift M. Wehrli, S. 162. Hier sei auch an Widukinds zweigeteilten Bericht von der Lechfeldschlacht erinnert (Res gestae Saxonicae 3, 44–46).

   22 Vgl. Haefele, Festschrift J. Duft, S. 187ff.

   23 So insbesondere in seiner ›Confutatio Grammaticae‹, ed. Egli, S. 211–217.

   24 Vgl. die hierauf zielende Kritik in Gunzos ›Epistola ad Augienses‹.

   25 Zur Handschriften-Lage vgl. Haefele, DA 17, 145ff.

   26 Zu diesen Punkten Haefele, DA 17, 184ff. bzw. DA 18, 121ff., u. 131ff.

   27 Näheres dazu in DA 17, 159ff., u. 165ff.

TEXT UND ÜBERSETZUNG

 

PRELOQUIUM EKKEHARDI IUNIORISDE CASIBUS

Moniti a loci nostri fratribus id opere precium putantibus, quędam cenobii sanctorum Galli et Othmari cum infortuniis tradere fortunia, rem arduam aggressi sumus. Enimvero obloquiis patere non dubitamus: quoniam, ut nunc morum et temporum est, si quicquam asperum, et maxime quod disciplinę sit, tetigeris, si malorum libertates et impunitates non laudare videberis, velud impostor et calumniator apud eos,1 qui in levitate ambulant1, habeberis. At vero quoniam rerum loco nostro gestarum ętiam alii veritati nihil parcentes fortunia et infortunia, quomodolibet erant, edixerant, temptantes quidem et nos ea, quę a patribus audivimus, ea aviditate qua illi, quam verissime datum est stilo et atramento veritatem perstringere, fortunia et infortunia loci nostri veritati nihil parcentes edisserere.

De Salomone etenim abbate nostro, post episcopo, ingressi sumus. Quem per ordinem secuti rebus nostris potiti sunt Hartmannus, Engilpertus, Thieto, Cralo, cui interstitium regiminis frater suus fecerat Anno. Sequuntur Purchardus, Notkerus, Ymmo, Uodalricus, Kerhardus, Purchardus alter, Thiepaldus, Norpertus, cuius hodie sub regimine quidem non prout ipse et nos, ut inquiunt, volumus, sed prout possumus2, vivimus. Scripserat ante nos Radpertus, homo doctissimus, et ipse codicellum similis materię a sancto Gallo et Othmaro usque ad se ipsum, a quo nos incępisse videmur, Salomonem episcopum. Cuius nominis tarnen ęquivocatię sit, ut bene cerneret, praemonemus. Nam tres eius nominis cum Constantię praefuerint, secundum Rathpertus censum a loco nostro exegisse scripsit3. De tercio nos, prout Deo dante potuimus, sic incipiemus.

 

VORREDE EKKEHARDS DES JÜNGERENZU DEN GESCHICHTEN

Von den Brüdern unseres Klosters, die das der Mühe wert fanden, ließen wir uns dazu bewegen, etwas von dem Glück und dem Unglück im Hause der Heiligen Gallus und Otmar zu erzählen, womit wir uns auf eine höchst schwierige Sache eingelassen haben. Tatsächlich zweifeln wir nicht, angeprangert zu werden; denn wie ja jetzt Sitten und Zeiten sind: berührst du irgendeinen und zumal die Zucht betreffenden Mißstand, und du gibst dir nicht den Anschein, das freie Schalten und Walten der Bösen zu loben, dann wirst du bei denen, 1die da im Leichtsinn wandeln1, für einen Lügner und Lästerer gelten. Indessen haben auch andere über Glück und Unglück in unserer Geschichte berichtet, je wie es war und ohne dabei die Wahrheit zu vertuschen; und so nun versuchen wir gleichfalls – mit demselben Eifer wie sie und so getreulich als es überhaupt möglich ist, mit Feder und Tinte die Wahrheit zu streifen –, das was wir von den Vätern gehört haben, Glück und Unglück unseres Klosters, ausführlich und ohne Beschönigung der Wahrheit darzulegen.

Also haben wir denn bei Salomo, unserem Abt, nachmals Bischof, eingesetzt. Und auf ihn folgten in der Herrschaft über uns der Reihe nach: Hartmann, Engilbert, Thieto, Craloh, dessen Regierung sein Bruder Anno durch ein Zwischenspiel unterbrach. Dann weiter: Purchard, Notker, Ymmo, Ulrich, Gerhard, Purchard der Zweite, Thiepald, Norpert, unter dessen Leitung wir ja noch heute leben, nicht so wie er und wir – wie der Spruch geht – wollen, sondern so wie wir können2. Vor uns schrieb Ratpert, der große Gelehrte, seinerseits einen schmalen Band zu dem entsprechenden Thema von den Zeiten des heiligen Gallus und Otmar bis eben auf ihn, Bischof Salomo, mit dem wir den Anfang machen. Doch raten wir, wohl zu beachten, daß sein Name mehrdeutig ist. Denn drei dieses Namens waren Bischof zu Konstanz, und von dem zweiten schrieb Ratpert, er habe Zins von unserem Kloster erhoben3. Wir nun wollen gemäß dem Können, wie es Gott uns verlieh, von dem dritten wie folgt beginnen.

 

INCIPIUNT LIBRIDE CASIBUS MONASTERII

1. Salomonis tertii parentes cum essent clari et inlustres, ipsum Isoni sancti Galli monacho, tunc temporis doctori nominatissimo, tradunt erudiendum et clericatui initiandum. Quem adprime, ut aiunt, ipse erudierat; sed et Nokeri, Tuotilonis, Ratperti, Harthmanni commonachorum statui praetulerat et delicatius quasi canonicum edueaverat. Creverant tarnen inde clandestine inter summę indolis condiscipulos invidię; et cum conliberales genere essent et ingenio, ut ea ętas solet, ęquanimiter non ferebant alienum sibi, qui fratres essent, praeferri, et qui natalibus quidem essent pares, doctrinarum provectibus ab illo praeiri.

Defunguntur Salomonis adhuc pueri parentes, tandem autem et frater, et ipse rerum heres effectus ad maximas res animum intenderat. Scolisque ablatus4 Grimaldo abbate nostro, archicapellano eius, iuvante capellanus fit Ludowici5 regis, cuius singulari gratia in brevi potitus Elewangis adhuc canonicus primo praeficitur; post etiam Campidonensibus variis suimet et loci dampnis illum detrectantibus praeponitur. In processu autem Hattone archiepiscopo Magontino, sibi propter animi acutissimam sollertiam amicissimo, opitulante plurimis locis praeficitur, tandem et nobis. Postremo vero et Constantię pastor et episcopus efficitur. His partim per transgressum praelibatis6 ad ordinem incępti operis revertamur.

 

ES BEGINNEN DIE BÜCHER VONDEN KLOSTERGESCHICHTEN

1. Die Eltern Salomos des Dritten standen in Glanz und Ansehen, und darum übergaben sie den Sohn dem Sankt Galler Mönch Iso als dem damals berühmtesten Lehrer zur Ausbildung und zur Vorbereitung auf ein geistliches Amt. Und Iso unterrichtete ihn, wie es heißt, selber ganz vortrefflich; zugleich aber stellte er ihn rangmäßig über die Mitmönche Notker, Tuotilo, Ratpert und Hartmann und erzog ihn feiner, gleichwie einen Weltgeistlichen. Daraus jedoch erwuchs geheime Mißgunst unter den hochtalentierten Mitschülern; und da sie gemäß Geburt und Charakter gleich adelig waren, konnten sie es, wie es typisch ist für dieses Alter, nicht mit Gleichmut ertragen, daß ihnen, den Fratres, ein Auswärtiger vorgezogen wurde und sie, die ihm ja nach Stand ebenbürtig waren, mit seinen Fortschritten in der Wissenschaft überholte.

Es starben die Eltern Salomos, als er noch ein Knabe war, dann aber auch sein Bruder, und nun selber zum Erben des Vermögens geworden, richtete er seinen Sinn auf die höchsten Ziele. Und nachdem er von der Schule gegangen war4, wurde er Kaplan bei König Ludwig5, wozu ihm dessen Erzkaplan, unser Abt Grimald, verhalf. In kurzer Zeit erlangte Salomo des Königs besondere Gunst, und noch als Weltgeistlicher wurde er zuerst in Ellwangen eingesetzt, dann auch bei denen in Kempten, die ihn ablehnten zu ihrem und ihres Klosters vielfältigem Schaden. Im weitern aber übernahm er dank des Erzbischofs Hatto von Mainz, der ihm wegen seiner Verstandesschärfe und geistigen Beweglichkeit sehr zugetan war, das Regiment noch in vielen anderen Klöstern, schließlich auch bei uns. Zuletzt aber wurde er gar Hirte und Bischof in Konstanz. Nachdem wir dies zum Teil schon vorgreifend berührt haben6, wollen wir zur Ordnung des begonnenen Werkes zurückkehren.

 

2. Grimaldi temporibus canonici abbatis, Hartmuoto eius quasi proabbate, Marcus quidam Scotigena episcopus Gallum tamquam compatriotam suum Roma rediens visitat. Comitatur eum sororis filius Moengal, postea a nostris Marcellus diminutive a Marco avunculo sic nominatus. Hic erat in divinis et humanis eruditissimus. Rogatur episcopus loco nostro aliquandiu stare allecto nepote. Diu secum deliberantes vix tandem consenserant. Dieque condicto partitur Marcellus nummos avunculi sui multos per fenestram, 7timens, ne discerperetur ab eis7. 8Fremebant enim in ilium8, quasi ipsius suasu episcopus restaret. Equos autem et mulos, quibus ipse voluit, nominatim episcopus tradidit. Libros vero, aurum et pallia sibi et saneto Gallo retinuit. Stola tandem indutus abeuntes benedixit. Multis autem lacrimis utrimque discessum est.

Remanserat episcopus cum nepote et paucis suę linguę apparitoribus. Traduntur post tempus Marcello scolę claustri cum Nokero, postea cognomine Balbulo, et cęteris monachici habitus pueris; exteriores autem, id est canonicę, Ysoni cum Salomone et eius comparibus. Iocundum est memorari, quantum cella sancti Galli his auspitiis crescere ceperit tandemque floruerit Hartmuoto eam, Crimaldi quidem vicario tandemque abbate, omnimodis augmentante.

 

2. Zu den Zeiten, da Grimald als Weltgeistlicher Abt war, indes Hartmut sozusagen als Abtstellvertreter fungierte, besuchte Marcus, ein Bischof aus irischem Land, auf der Rückreise von Rom Gallus gleichsam als seinen Landsmann. Ihn begleitete sein Schwestersohn Moengal, nachmals von den Unsrigen Marcellus – so in Verkleinerungsform nach seinem Oheim Marcus – genannt. Dieser Marcellus war hochgebildet in göttlicher und menschlicher Wissenschaft. Der Bischof wurde eingeladen, eine Zeitlang in unserem Kloster Station zu machen, zusammen mit seinem Neffen. Lange berieten sie untereinander; mit Mühe kamen sie endlich zur Einigung. Und am verabredeten Tage verteilte Marcellus viele Geldmünzen seines Onkels durchs Fenster, 7in der Furcht, er möchte von ihnen zerrissen werden7. 8Sie murrten nämlich über ihn8, weil der Bischof angeblich auf seinen Rat hin zurückblieb. Pferde und Maultiere aber schenkte der Bischof unter namentlicher Bezeichnung, wem er gerade wollte. Bücher jedoch, Gold und Gewänder behielt er für sich und den heiligen Gallus zurück. Endlich gab er, mit der Stola angetan, den Fortziehenden seinen Segen. Unter vielen Tränen aber auf beiden Seiten schied man voneinander.

Der Bischof blieb, und mit ihm der Neffe und etliche Diener von seiner Sprache. Später dann übertrug man dem Marcellus die Schule der Klausur mitsamt Notker, der nachher mit Beinamen „der Stammler“ hieß, und den übrigen Knaben mönchischer Tracht; die äußere aber, das heißt die Weltgeistlichen-Schule mit Salomo und seinen Gefährten, übergab man an Iso. Erhebend ist die Erinnerung daran, wie die Zelle des heiligen Gallus unter diesen Vorbildern anfing zu gedeihen und wie sie am Ende zum Blühen kam, indes Hartmut ja als Stellvertreter Grimalds und zuletzt als Abt sie auf jede Weise förderte.

 

3. Petiit tandem Salomon iam adolescens bene educatus, ut frater conscriptus nobis fieri mereretur. Quod Crimaldo iubente et Hartmoto iuvante a patribus est consecutus. Tradidit autem de praediis, quibus abundaverat, saneto Gallo locum, qui Colda dicitur, concambium sibi faciens, ut annonam monachi et locum hospitis in refectorio haberet, dum viveret, et collem quendam, qui ultra Iram amęnior sibi videbatur, cum pratis sibi et agellis adiacentibus possideret, ut mansione ibi parata crebro velud frater adveniens abbati non esset onerosus neque familię incommodus.

Talibus homini velud iam tum cum fortuna ludenti9 ad votum cedentibus, aulam regis Luodowici, ut diximus, adiit; capellanus factus eius fit intimus et praelibatis abbatiis10 proclive est praelatus. Locum autem nostrum sibi prae omnibus habitum subinde adiit. Claustrumque ille, quia potens erat, absque duce et, quod magnę confusionis tunc erat et est, lineus diatim introiit. Surgunt inde ab emulis illius murmuria ipso ignaro; comitantur, ut assolent, in absentem obloquia. Plurima fratribus velud dives opum commoda fecit. Quorum cum uni reverendo quidem, ut erant tunc plurimi, pelliceum traderet et sui eum apud Deum memorem fore rogaret: „Pellitium“, ait ille, „tuum, si volueris, tibi optime repretiabor. Nam duas cucullas ab abbate habeo, quarum unam tibi, ut claustrum decentius nobiscum in ea introeas, induendam contrado.“ Et ille: „Eia“, inquit, „hęc utique Tuotilo et Ratpert vel alii invidi mei in ore tuo posuerant. Nonne, queso, et abbas vester11 lineus claustrum tot annis ingreditur?“ „Claustra“, ait ille, „tuorum, qui te eius habitus abbatem susceperant aut pro peccatis aut aliquo Dei nutu, et tu quidem, etsi non licenter, intras tarnen potenter. Sed nos in fraternitatem interdum et laicos recipimus, quibus tarnen in laico habitu nequaquam“, inquit, „in claustro abutimur.“

 

3. Da er bereits ein junger Mann mit guter Bildung war, bat Salomo schließlich, daß er sich das Recht erwerbe, unser eingetragener Mitbruder zu werden. Was er auch auf Grimalds Weisung hin und mit Hilfe Hartmuts von den Vätern erlangte. Er übergab aber aus der Fülle seiner Güter dem heiligen Gallus den Ort, der Goldach heißt; dafür bedang er sich im Tausch den Jahresunterhalt eines Mönches aus und einen Gästeplatz auf Lebenszeit im Refektorium und einen Hügel jenseits der Ira, der ihm besonders lieblich schien, nebst den angrenzenden Wiesen und Ackerstücken; dort sollte eine Absteige eingerichtet werden, damit er bei seinen häufigen Besuchen als Bruder dem Abt nicht lästig und dem Gesinde nicht beschwerlich würde.

Während ihm, der schon damals gleichsam mit Fortuna spielte9, solcherlei nach Wunsch geriet, ging er, wie gesagt, an den Hof König Ludwigs; zum Kaplan erhoben, wurde er des Königs enger Vertrauter, und rasch gelangte er an die Spitze der vorgenannten Abteien10. Unser Kloster aber galt ihm mehr als alle, und immer wieder kam er zu Besuch. Und weil er ein hoher Herr war, betrat er die Klausur ohne Führer und – was damals wie heute große Verwirrung stiftete – Tag für Tag im Leinenhabit. Daher erhob sich denn Murren von seinen Rivalen, ohne daß er es merkte; dazu gesellten sich die üblichen Lästerreden gegen den Abwesenden. Als reicher Mann, der er war, schuf Salomo den Brüdern gar manche Annehmlichkeit. So überreichte er einem unter ihnen, einem fraglos ehrwürdigen Mann, wie damals die meisten waren, einen Pelzrock und bat den Bruder, für ihn bei Gott Fürbitte zu tun; und jener sprach: „Wenn du magst, werde ich dir deinen Pelz bestens vergüten. Ich besitze nämlich vom Abt zwei Kutten, und eine davon will ich dir zum Anziehen geben, damit du in ihr die Klausur anständiger, zusammen mit uns, betreten kannst.“ Und Salomo rief: „Ha, das legten dir bestimmt Tuotilo und Ratpert oder meine anderen Neider in den Mund! Geht denn, ich bitte dich, nicht auch euer Abt11 seit Jahr und Tag leinengekleidet in die Klausur?“ Jener erwiderte: „Die Klausurräume der Deinigen, die dich als Abt von seiner Tracht empfingen – entweder um ihrer Sünden willen oder auf Gottes Weisung hin –, die betrittst du wohl ebenso, und wenn nicht nach Willkür, so doch aufgrund deiner Macht. Wir indessen nehmen in die Bruderschaft zuweilen auch Laien auf, lassen uns aber“, so betonte er, „wenn sie im Laiengewand sind, doch nie in der Klausur mit ihnen ein.“

 

4. Recessit homo artificiosus ratione simplicis quasi devictus. Ibat autem secum reputans hominem tanti meriti non nisi in spiritu Dei sibi talia prolocutum. Abstinuit tandem absque aliquo patrum, ut moris est, praeduce claustrum introire. Sepius tarnen, ut diximus, loco sancti Galli, quantum a regibus et cęnobiis suis licuit, immoratus, fratribus, quę potuit, hilariter dedit, maxime Ysoni magistro. Caute ętiam Crimaldus iam senescens et Hartmotus cum illo egerant, ne animum et per se divitis et in regno potentis in aliquo lederent. Incipit igitur tandem in colle concambii sui ęcclesiam in honorem et modum sanctę crucis edificare, in quam ad unguem perductam sancti Magni brachium, Adalberone12 episcopo dante et prosequente, de Faucibus sumptum magnis hinc inde velud triumphi tripudiis intulit, et in honore eam sanctę crucis et eiusdem privati patroni nostri dedicavit et praediis suis, id est Tegerinowa, Bernhardiceila, Sitiruntorf, Coldaham ętiam, quam, ut diximus, concambians iam loco tradiderat, et aliis quibusdam eam dotaverat13. Hartmuoti, tunc quidem abbatis14, concessione, ut in die sancti ipsius fratres convivarent, constituerat; se ętiam, si Deo placeret, ibi sepeliri velle aiebat.

 

4. Da wich der gewitzte Mann und gab sich durch die Beweisführung des einfachen Bruders geschlagen. Er ging aber und bedachte bei sich, daß ein so hochwürdiger Mann ihm solches nur aus dem Geiste Gottes heraus habe sagen können. Am Ende stand er davon ab, in die Klausur zu treten, ohne sich von einem der Väter führen zu lassen, wie es Brauch ist. Dessenungeachtet verweilte er, wie gesagt, sehr oft in St. Gallen, soweit es eben seiner Könige und Klöster wegen anging, und gab was er konnte, fröhlich an die Brüder, am meisten an seinen Lehrer Iso. Behutsam auch verfuhren Grimald, der nun schon alterte, und Hartmut mit ihm, um den Mann, der einerseits so reich und andererseits im Reich so mächtig war, in nichts zu kränken. So begann er denn schließlich auf dem Hügel, den er sich eingetauscht, eine Kirche zu Ehren und nach Gestalt des heiligen Kreuzes zu bauen, und ließ nach ihrer gänzlichen Vollendung einen Arm des heiligen Magnus dahin überführen; während Bischof Adalbero12 die Reliquie übergab und geleitete, holte er sie unter großem Frohlocken von hier und von dort gleichwie im Siegesjubel von Füssen ein; und er weihte die Kirche zum Ruhme des heiligen Kreuzes und eben dieses unseres besonderen Schutzpatrons und stattete sie aus mit seinen Gütern, das heißt mit Degenau, Bernhardzell, Sitterdorf, ferner Goldach, das er dem Kloster, wie gesagt, bereits durch Tauschvertrag vermacht hatte, und mit einigen anderen13. Hartmut, nunmehr ja Abt14, erlaubte ihm zu verfügen, daß am Tage eben dieses Heiligen die Brüder ein Gastmahl haben sollten; auch wolle er, wenn es Gott gefalle, da begraben werden, sagte er.

 

5. Accidit autem post aliquantum temporis, ut a palatio veniens quadragesimam loco nostro ei tempori aptissimo viso agere eligeret. Ingrediturque clam penetralia claustri nostri bonus 15fur noctibus15, nudipes, cappa quidem, uti fratrum unus putaretur, indutus. Senserat illum Notker, Ratpreth, Tuotilo, et aliquandiu sanctam fraudem texerant. Nimis tarnen, ut iam diximus, insolens semper erat et est praeter monachici nostri habitus quemquam introire intima nostra, maxime noctibus. Initur consilium, ut, quoniam moris est duos nobis fratres claustri vigilias agere, intranti illi ipsi vigiles cum lumine, quia solis loqui licuit, occurrerent et, quis esset, silentio quererent. Verebantur enim hominem palatinum, qui iam quasdam abbatias canonicus habebat, ne aliquid irregulare, ut forte fit, videns sibi viam apud regem occasione hac ętiam ad nostram aperire temptaret, quibus nunc post canonicos abbates monachus pater domesticus praeerat Hartmuotus, homo amantissimus.

   16Ingreditur iterum ut heri et nudius tercius16 fur ille vitabundus; Ratpert et Tuotilo sunt vigiles: unus illorum circuibat, alter ad introitum clandestini illius servabat. Progreditur interea 17praeventor maturitatis17 ad sepulchra cimiterii oraturus pater, eius temporis nostrorum apud Deum potentissimus, Ruodkerus. Cuius gravitatem reveriti vigiles loco paulisper cedunt. Senserat ille pater post modicum pedetemptivum nesciens quem. Signo vocis et strepitu pedum notat quasi furem. Vigiles cum lumine confestim approperant. Agnitus est. Atque ilico pater ille: „Per sancti Galli“, inquid, „meritum“ – sic enim patres iurabant – „hunc in claustro eius his horis non patimur habitum.“ Vigiles illi pro tempore siluerunt, qui tantum interpretem rupto habuere silentio. Tremefactus autem ille ab non ignari hominis verbis tali tempore sibi inusitatis: „Patere me“, ait, „pater reverende, vel oratorium sancti Petri, quod proximum est, ingredi! Ibi postquam oravero, nunquam isto habitu nisi ductu alicuius primorum, ut lex loci habet, claustrum intrabo. Te autem iuvante et fratribus ad hoc idoneis, cras abbatem precari est animo, ut monachico habitu mihi liceat claustrum ingredi, vobiscum in eo versari ut monachum et egredi; deforis autem coram militibus meis et cęteris canonico, ut soleo, vestimento versari.“ „Immo“, ait ille, „sanctus Gallus tibi in cor mittat, ut, si semel eo induaris, nunquam, quoad vixeris, nisi solito monachis tempore exuaris!“

 

5. Es geschah aber, daß er, von Hofe kommend, sich dafür entschied, die Fasten in unserem Kloster abzuhalten, da es ihm für diese Zeit der passendste Ort schien. Und er betrat heimlicherweise unsere innersten Räume, ein guter 15Dieb in der Nacht15, barfuß, aber mit der Kapuze angetan, um als einer der Brüder zu gelten. Notker, Ratpert und Tuotilo wurden seiner gewahr, und geraume Zeit deckten sie den frommen Betrug. Nun war es jedoch, wie schon gesagt, immer ganz wider die Gewohnheit und ist es noch, daß jemand, der nicht von unserer mönchischen Tracht ist, unser Innerstes betritt, zumal bei Nacht. Da es üblich ist, zwei Brüder über unsere Klausur wachen zu lassen, faßte man den Plan, daß eben diese Wächter, da nur sie sprechen durften, ihm bei seinem Eintreten mit dem Licht entgegentreten und ihn leise fragen sollten, wer er sei. Sie fürchteten nämlich, der Hofmann [Salomo], der bereits einige Abteien als Weltgeistlicher besaß, könne, wie das etwa geschieht, irgendeine Unregelmäßigkeit sehen und versuchen, dies beim König auszunutzen und sich den Weg auch zu uns freizulegen: zu uns, denen jetzt nach weltgeistlichen Äbten ein Mönch als Hausvater vorstand, Hartmut, der hochgeliebte Mann.

   16Und wiederum kam, wie gestern und vorgestern16, jener Dieb hereingeschlichen; Ratpert und Tuotilo waren auf Wache: einer von ihnen ging auf und ab, der andere lauerte auf den Eintritt jenes Verstohlenen. Derweilen schritt Vater Ruodker weit 17vor der gesetzten Stunde17 zu den Gräbern im Kirchhof hinaus, um zu beten; er galt seinerzeit unter den Unsrigen als der mächtigste bei Gott. Aus Scheu vor seiner würdigen Person zogen sich die Wächter ein wenig zurück. Nicht lange, und Vater Ruodker hatte den behutsam Schreitenden bemerkt, ohne zu ahnen, wer es sei. Mit Rufen und Stampfen tat er ihn kund als einen Dieb. Unverzüglich stürzten die Wächter mit dem Licht herbei. Da war er erkannt. Und sogleich sagte jener Vater: „Bei des heiligen Gallus Verdienst“ – so nämlich schworen die Väter –, „solche Kleidung lassen wir uns in seiner Klausur zu diesen Stunden nicht gefallen!“ Jene Wächter blieben stumm, den Umständen gemäß, da sie nun nach Bruch des Stillschweigens einen so bedeutenden Wortführer hatten. Salomo aber erschrak vor den Worten, die der wohlbekannte Mann zu so ungewohnter Stunde sprach, und entgegnete: „Ehrwürdiger Vater, laß mich wenigstens hier nebenan in die Kapelle von St. Peter gehen! Habe ich dort mein Gebet verrichtet, werde ich nachher niemals wieder in dieser Tracht die Klausur betreten, es sei denn unter Führung eines der Oberen, so wie es die Klostersatzung bestimmt. Mit deiner Hilfe aber und der Hilfe der hierzu geeigneten Brüder will ich morgen den Abt bitten, daß es mir erlaubt sei, im Mönchsgewand in die Klausur einzutreten, mit euch wie ein Mönch in ihr zu leben und sie wieder zu verlassen, draußen aber vor meinen Rittern und den anderen wie sonst im Kleide des Weltgeistlichen mich zu bewegen.“ „Möge dir vielmehr“, sagte der andere, „der heilige Gallus eingeben, daß du das Mönchskleid, ziehst du es einmal an, deiner Lebtage nicht wieder ablegst, außer zu der den Mönchen gewohnten Stunde!“

 

6. Panditur abbati animus hominis et peticio Ruodkero astipulante et cęteris aliquibus, enimvero non omnibus. Erat senatus reipublicę nostrę tunc quidem sanctissimus. Consuluntur Hartmannus consilio magnus, ille18 quidem qui „Humili prece“ melodiam fecerat, Notkerus qui sequentias, Ratpert qui „Ardua spes mundi“, Tuotilo qui „Hodie cantandus est“, et pleraque alia dictaverant. Qui denique, ut diximus, in condiscipulatu animum eius didicerant et in rebus, quas vellet, patrandis artificia.

Loquique iussi sunt: „Regula nostra“, Hartmannus ait, „non similitudinem monachi, sed monachum ipsum querit.“ Notker: „Mihi pretexta hec, qua superindui,“ inquit, „desiderat, si togam praetenderet, non utique displiceret.“ Ratpert: „19Aut hęc in nostros fabricata est machina muros, aut aliquis latet hic error19“, ait. Tuotilo: „Fraternitatem illi“, inquit, „integre ante concessimus. Hanc ei, quantum in me est, abba mi, ego non denego. Si autem lupum ovino vellere querit induere, per alius quam mei consensum perficiat.“

Audiens abbas, quod suspicarentur in homine, videlicet ne hoc scemate indutus proximior esset dominatui abbatię, cuius per ipsum tunc tercio20 quidem recepimus Privilegium: „Scio“, inquit, „fratres et filii, quid ab illo vereamini; sed hoc et mihi quoque quiddam subolet. Existimo tarnen melius nobiscum actum fore, si sic apud nos initiatus monachum se aliquando nostrum faciat, ne iterum canonico subdamur ut antea. Placet igitur, ut agamus cum illo, quo re vera habitum sumat a sancto Gallo, ut, si arte sua acciderit, quod veremur, noster tarnen sit frater et monachus.“

Mittitur ad ilium Ruotkerus cum aliis quibusdam rem suasurus. In processu temporis Deo dante pollicetur facere, quod petitur; tantum interim propter claustri reverentiam talis habitus sibimet, rogat, sit licitus. Variis fratrum hinc inde tractatibus vix tandem conceditur. Designaturque ei locus, quem hodie quadris lapidibus notatum videmus, quibus intrans habitum indueret, exiens exueret. Ingrediturque claustrum noster praemonachus nocte et die, de talis consortii permisso lętissimus. Parat autem pro hoc beneficio insignem crucem sancto Gallo, quam argento partim deaurato vestitam analogio nocturnali superposuit. Hanc nostris temporibus Norpertus noster columnę deargentatę infixam confessionis superposuit altario.

 

6. Salomos Ansinnen und Bitte wurden dem Abt kundgetan; Ruodker und einige andere gaben ihre Zustimmung, aber freilich nicht alle. Der Senat unseres Gemeinwesens war damals ja von unvergleichlicher Ehrwürdigkeit. Befragt wurden als Senatoren: Hartmann, groß von Rat, der nämliche18, der das Lied ›Humili prece‹ schuf, Notker, der die Sequenzen, Ratpert, der ›Ardua spes mundi‹, Tuotilo, der ›Hodie cantandus est‹, und die manches andere gedichtet haben. Sie nun kannten ja, wie wir gesagt haben, aufgrund ihrer Erfahrung als Mitschüler Salomos seine Gesinnung und die Kniffe, die er zur Verwirklichung seiner Ziele gebrauchte.

Also wurden sie geheißen, sich zu äußern, und Hartmann sagte: „Unsere Regel fragt nicht nach Ähnlichkeit mit dem Mönch, sondern nach dem Mönch selbst.“ Notker sprach: „Mir würde diese Praetexta, die er sich überziehen möchte, nicht unbedingt mißfallen, wenn sie die echte Toga erkennen ließe.“ Ratpert sagte: „19Entweder ward dies Werk gegen unsere Mauern ersonnen, oder es steckt hier irgendein Trug19.“ Tuotilo sprach: „Die Bruderschaft haben wir ihm ungeschmälert schon früher eingeräumt. Diese, mein Vater, verweigere ich ihm nicht, soviel an mir liegt. Sucht er aber den Wolf ins Schaffell zu hüllen, dann mag er das mit eines anderen als mit meiner Zustimmung tun.“

Der Abt vernahm, was sie an Salomo beargwöhnten, nämlich daß er in diese Tracht gekleidet der Herrschaft über die Abtei noch näher sei – für die wir ja durch Hartmut selber, nunmehr zum dritten Male20, ein Sonderrecht erlangten –; da sprach er: „Ich weiß, Brüder und Söhne, was ihr von jenem befürchtet; aber auch mir schwant etwas dergleichen. Trotzdem wird es meines Erachtens besser mit uns stehen, wenn er auf diese Weise bei uns eingeführt wird und sich dann irgendeinmal zu unserem Mönch erklärt: nicht daß wir wieder, wie früher, einem Weltgeistlichen Untertan werden. Ich meine also, wir sollten mit ihm übereinkommen, daß er sein Kleid vom heiligen Gallus zum echten Gebrauch empfange, damit er doch unser Bruder und unser Mönch sei, wenn zufolge seiner Geschicklichkeit jener Fall eintritt, den wir befürchten müssen.“

Sie schickten Ruodker mit einigen anderen zu ihm, um ihn für die Sache zu gewinnen. Da versprach er, in absehbarer Zeit mit Gottes Willen zu tun, worum man ihn ersuchte; bloß sollte ihm aus Ehrfurcht vor der Klausur eine solche Tracht unterdessen schon erlaubt sein, so bat er. Nach verschiedenem Hin- und Herberaten ließen sich die Brüder endlich mit Mühe zu dem Zugeständnis herbei. Und man bezeichnete ihm eine Stelle, die wir noch heute mit Quadersteinen markiert finden, und bei ihnen sollte er das Mönchskleid anziehen, wenn er eintrat, und wieder ausziehen, wenn er hinausging. Und so trat unser Praemonachus in die Klausur bei Tag und bei Nacht, und der Zulaß zu solcher Gemeinschaft erfüllte ihn mit größter Freude. Er ließ aber für diese Begünstigung dem heiligen Gallus ein besonders schönes Kreuz anfertigen, ließ es zum Teil mit vergoldetem Silber auslegen und auf dem Lesepult für die Nacht aufstellen. In unseren Tagen dann hat es unser Norpert auf eine silberne Säule montiert und auf den Hochaltar gestellt.

 

7. Convivia fratribus duodecim diebus in anno, id est in Kalendis, praetextatus noster, quamdiu seculariter vixit, hilariter facere suevit. In quibus et ipse, si aderat, minister procedebat. Solebant id ipsum autem ętiam quidam alii fratres conscripti nostratibus caritatis signum exhibere: prę omnibus quidem Karolus rex ipse, qui sancti Otmari epdomada ipse propositor et pincerna per triduum de vico Stamhem servivit21 volatiliaque nos edere fecit; sed et Adalbero, qui supra22, Augustensis multo tempore antistes. Qui signa et virtutes sancti Galli a plurimis audiens, locum in die sancti Galli orandi gratia adiit et praesens plura conspiciens: „23Maior est23“, inquit, „23gratia loci huius quam rumor, quem audivi23.“ Devovit autem benedictione fratribus data, anno altero vita comite se rediturum et uti tunc quidem nequaquam venire nudimanum. Domum rediit. Interrogatusque inter cętera aliquando a suis, essetne nobiscum, ut fama vulgavit, religio cum doctrina, severitas cum diseiplina: „Quid cęteri“, inquit, „sentiant, nescio; quod mihi animo est, pronuntio. Unum egomet sanctum et hunc defunctum quęsivi; vivos autem sanctissimos, ut vere fatear, fratres inveni. Doctrinam autem illorum et disciplinam in virtutum eorum operibus videre est. Delectat enim me talium memorari, quos quidem ut iterum videam, vix exspecto. Oportet autem, ut omnibus meis me iuvantibus me praeparem, quatinus, uti me et meos decet, ad proximum sancti Galli diem viros Dei visitem, frater illorum conscriptus fiam et, quantum mihi copię est, caritatem illorum regratier.“ Venerat Dei electus die dicto, ut spoponderat. Quantus autem venerit24 et qualis in donis sancto Gallo, fratribus et familię fuerit, capitulum, quod in memoriam eius regulę nostrę codici ascriptum est, plenius pandit25.

 

7. An zwölf Tagen im Jahr, das heißt an den Monatsersten, richtete unser Praetextatus regelmäßig, solange er in der Welt lebte, den Brüdern fröhlich Gastmahle aus. Wobei er sogar selbst als Diener auftrat, wenn er zugegen war. Dasselbe Liebeszeichen aber pflegten auch andere eingetragene Mitbrüder den Unsrigen zu erweisen, allen voran nun ja wohl König Karl, der uns in der Woche des heiligen Otmar, in eigener Person als Vorleger und Mundschenk waltend, während drei Tagen aus dem Dorf Stammheim verköstigte21 und uns Geflügel essen ließ; desgleichen tat aber auch Adalbero, der oben erwähnt wurde22 und der während langer Zeit Bischof von Augsburg war. Weil er von gar vielen die Zeichen und Wunder des heiligen Gallus rühmen hörte, kam er an einem Gallustage zum Gebet zu uns; und da er nun vieles mit eigenen Augen schauen konnte, sagte er: „23Die Gnade dieses Klosters übertrifft das Gerücht, das ich gehört habe23.“ Nachdem er aber den Brüdern den Segen erteilt hatte, gelobte er, im andern Jahr, wenn er noch am Leben sei, wiederzukommen und dann auf alle Fälle nicht mit leeren Händen. So kehrte er nach Hause zurück. Und eines Tages von seinen Leuten unter anderem danach befragt, ob bei uns, wie die Sage melde, die Frömmigkeit wohne und die Gelehrsamkeit, die Strenge und die Zucht, gab er zur Antwort: „Was andere denken, weiß ich nicht; wie es mir um den Sinn ist, tu ich offen kund. Einen einzigen Heiligen, einen toten Heiligen habe ich gesucht, und fand dabei, um die Wahrheit zu gestehen, lebendige heiligste Brüder. Ihre Wissenschaft aber und ihre Zucht kann man in ihren Tugendwerken erkennen. Ja, der Gedanke an sie tut mir wohl, und kaum kann ich es erwarten, sie wiederzusehen. Es ist aber vonnöten, daß ich mich rüste und alle meine Leute mir beistehen, damit ich, wie es mir und den Meinigen ziemt, zum nächsten Gallustag die Gottesmänner besuche, ihr eingetragener Mitbruder werde und ihre Liebe wiedervergelte, soweit es in meiner Macht liegt.“ Es kam der Erwählte Gottes am genannten Tag, wie er gelobt hatte. Wie großartig er aber gekommen ist24 und wie reich er den heiligen Gallus, die Brüder und das Gesinde mit Geschenken bedacht hat, davon gibt der Abschnitt, der zu seinem Gedächtnis in den Band unserer Regel eingetragen ist, ausführlicher Bericht25.