Stabil im Bus - Ahne - E-Book

Stabil im Bus E-Book

Ahne

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Beschreibung

Ahne bleibt stabil. Seit dreißig Jahren steht er als Vorleser auf den Lesebühnen Berlins und spricht regelmäßig mit Gott in der Choriner Straße 61. »Stabil im Bus« versammelt die skurrilsten, schillerndsten und stabilsten Texte, Satiren und Zwiegespräche, die Ahne in den letzten zehn Jahren aufgeschrieben und im In- und Ausland vorgelesen hat. Seine Fans dürfen sich auf ein Wiedersehen freuen mit Supermann, Bernde, Taylor Swift und natürlich Gott, der immer noch genug zu sagen hat – vor allem zu Ahne. Es darf gelacht und geweint werden, einige Texte sind auf Berliner Mundart geschrieben, man kann auch gerne dazu tanzen. Und wer sich nach der Lektüre schlauer wähnt, sollte sich besser noch einmal woanders informieren. »Einmal die Welt mit Ahnes Augen sehen!« Bov Bjerg »Unter all den Lesebühnenvetera­nen, die längst mit selbst vollgeschriebe­nen Büchern im Literatur­betrieb mitspielen, ist Ahne derjenige, dessen unverwechselbare Komik genau daraus schöpft: aus dem scheinbar zusammen­hanglosen Draufloserzählen, das allerdings nie lange braucht, um auch auf die brennenden Themen der Gegenwart zu sprechen zu kommen.« Martin Hatzius, Neues Deutschland »Mit Gott als Gegenüber stellt sich der Lesebühnenautor Ahne den gro­ßen und kleinen Fragen des Lebens. [...] Schnoddrig, schlagfertig und philosophisch.« Elmar Krämer, DLF Kultur, über Ahnes »Zwiegespräche mit Gott«

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2026

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AHNE

Stabil im Bus

Erlebtes, Betrachtetes,Ausgedachtes

AHNE wurde 1968 in Berlin-Buch geboren. Er lernte Offsetdrucker und Kastanienmännchen-Basteln.

Seit 1995 liest er bei der Reformbühne Heim & Welt, zwischenzeitlich auch bei den Surfpoeten, lange hörte man ihn auch auf radioeins.

Veröffentlichte Bücher: fünfzehn, darunter fünf Bände »Zwiegespräche mit Gott« (Voland & Quist).

Ahne lebt in Berlin, putzt regelmäßig Zähne (wenn er es nicht vergisst) und trägt Kleidung aus seinem Schrank.

E-Book-Ausgabe März 2026

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2026

Auerstr. 23-25, 10249 Berlin

www.satyr-verlag.de | [email protected]

Covermotiv: Jussi Jääskeläinen, kobaia-design.com

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de

Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.

ISBN: 978-3-910775-53-4

Inhalt

Höhepunkte meines Lebens – Geld

Stell dir vor, es gibt Arbeit und keiner geht hin

In Bereitschaft

Zwiegespräche mit Gott heute: Leben und leben lassen

Grüße aus dem Knast

Jemand sagt, wie es ist, und jemand anders auch

Zwiegespräche mit Gott heute: Chill-Out

Das Märchen von dem Mann

Ich hatte schon mal Sex

Höhepunkte meines Lebens – Disco

März 2020: Im Krisenmodus

Januar 2022: Im Kühlschrank brennt noch Licht

Corona-Tagebuch, Tag 1.494

Frontstadt Berlin: Supermann vs. Schattendoppelgänger

Beim nächsten Mal laufe ich wahrscheinlich auch wieder nicht

Frontstadt Berlin: Supermann vs. Monster der Monster

Was zu weit geht, geht zu weit

Komm und reih dich ein, lass die Sorgen Sorgen sein

Zitatenkritisches Gedicht

Tiefenentspannt

Punkte, die mich nerven

Höhepunkte meines Lebens – Die Show

Alle Stadien belegt

Zwiegespräche mit Gott heute: Prosim

Ein bisschen anstrengen muss man sich schon

Klartext

Draußen, das Leben

Punkte, die mich freuen

Frühling bei Vögels

Gut, dass es Tiere gibt

Silent Devotion – Im Auge des Sturms

Höhepunkte meines Lebens – Holz

Flieg nicht zu hoch

Zwiegespräche mit Gott heute: Wir schaffen das

Stillleben

Experte

Wie ich mal wieder nicht wirklich dabei gewesen bin

Postsatirisches Zeitalter

Mandy isst gern Quark

Schöne neue Welt

Idee

Der Muntermacher

Die Fabel von dem Hasen und der Schnecke

Wie ich mal noch was erleben durfte

Am Ende

Fehler macht jeder

Frontstadt Berlin: Supermann vs. Blitzfrollein

Heiliger Abend

Zwiegespräche mit Gott heute: Stabil im Bus

Weiterbildung

Porno Amore

Es gibt kein schlechtes Wetter

Die dreizehn witzigsten Möglichkeiten zu sterben

Am Ende (Die Fortsetzung)

Zwiegespräche mit Gott heute: Die Idee steht

Höhepunkte meines Lebens – Geld

Eigentlich hatte ich ja immer gesagt, ich mach das nicht. Auftreten bei Geburtstagen, Betriebsfeiern, Ähnliches. Das heißt, immer hatte ich das nicht gesagt. Erst nachdem ich es einige Male hinter mich gebracht und ein Desaster nach dem anderen erlebt hatte. Das heißt, Desaster, na ja, es ist niemand gestorben, ich wurde auch nicht ausgepeitscht oder vom Hof gejagt. Obwohl, einmal wäre das fast passiert. Erzähle ich ein andermal, in der Reihe »Tiefpunkte meines Lebens«.

Auf jeden Fall hatte ich, wie gesagt, immer gesagt, dass ich nie bei Geburtstagen, Betriebsfeiern, Ähnliches auftrete, es jedoch eine Ausnahme gebe, nämlich, wenn ich es dringend mal nötig hätte. Wenn die Kinder Hunger litten, oder ich einen neuen SUV bräuchte, das Geld aber bereits für Aktiengeschäfte ausgegeben hätte, dann sei das was anderes. So hatten es schließlich auch Brecht oder Ringelnatz gehalten. Oder Tucholsky. Oder noch früher Goethe oder Hildegard von Bingen, um auch mal eine Frau zu nennen.

Im April 2024 war ich dann, wie immer, knapp bei Kasse und da meldete sich plötzlich jemand, der meinte, ich könne bei einer Feier der Klempner-Innung auftreten. Eine halbe Stunde vorlesen, für 1.600 Euro. Ich wand mich am Telefon, jammerte, ich hätte überhaupt keine Zeit, viel zu tun, machte so was normalerweise gar nicht, bis er .., Quatsch, ich sagte direkt zu, fragte erst danach, wo das überhaupt stattfände, um welchen Termin es sich handelte. Ein Freitag, aha, da hätte ich Zeit. Und Siepe, den Ort Siepe? Nie gehört. Egal, ich wäre da, 16:30 Uhr vor Ort, 17:30 Uhr ginge es los? Oki doki!

Der Freitag rückte näher und am Donnerstag informierte ich mich im Netz, wo dieses Siepe sich befindet. Na bitte. Kein Problem. Mit dem Zug nach Neuruppin und dann mit dem Achthundertachter, dem Achthundertachter-Bus, über die Dörfer. Ist doch schön. Lernt man die Gegend mal kennen, kann die Landbevölkerung davon überzeugen, sich lieber für ein bedingungsloses Grundeinkommen einzusetzen, als AfD zu wählen.

Bisschen Bammel hatte ich allerdings schon. Klempner. Etwa hundert Klempner plus Familien säßen im Saal, hieß es. Können Klempner mit meinen Texten was anfangen? Die hatte ich doch hauptsächlich für Dachdecker geschrieben und für Frisöre. Beziehungsweise für Frisörinnen und Dachdeckerinnen. Ich müsste sicher an der ein oder anderen Betonung ...

Krachend voll war der Zug nach Neuruppin. Eine beschwipste Frau, die feucht-fröhlich Junggesellinnenabschied feierte, sprach mich an und meinte, sie würde mich von irgendwoher kennen. Ich fragte: »Vielleicht von den Berliner Lesebühnen? Von der Reformbühne Heim & Welt zum Beispiel, jeden Sonntag, in der Baiz?« Sie: »Was?« Es stellte sich dann heraus, sie hatte mich verwechselt. Sie dachte, ich würde in einem Bioladen arbeiten. Ich empört: »Bioladen. Nee, nee! Bioprodukte kaufe ich grundsätzlich nicht. Das ist ein riesengroßer Betrug. Der Umwelt geht es gar nicht schlecht. Das wird uns nur vorgeschwindelt, damit sie uns das Geld aus der Tasche ziehen können. Gucken Sie mal hier aus dem Fenster, na? Alles grün.« War ja wirklich so, wenn man aus dem Zugfenster sah. Grüne Wiesen. Grüne Bäume. Die Frau wirkte ernüchtert und zeigte wenig später mit dem Finger auf mich, als sie ihren Freundinnen etwas zutuschelte.

Der Achthundertachter ist ein so genannter »Schlenki«, ein langer Bus, mit Gummi in der Mitte, zum Biegen. Ich war der einzige Fahrgast. »Fahren Sie nach Siepe?«, fragte ich den Fahrer. »Immer hereinspaziert«, antwortete dieser und lächelte. Seltsames Völkchen hier im Norden, dachte ich. Der würde als Busfahrer in Berlin nicht den Hauch einer Chance haben. Doch sie hatte was, diese Freundlichkeit. Passte in die Gegend. Wir fuhren durch Orte, die Wohlleben hießen, Schönewitz, Traumsdorf und Genesenwinkel. Hier müsste man wohnen. Aber, kann man sich eben nicht aussuchen.

Über drei Bushaltestellen verfügt Siepe, so viele wie der Stadtbezirk Neukölln hat. Bei der alten Post rief mein Fahrer: »Müssen sie hier nicht raus?« Ach ja, stimmt ja, ich musste ja auch wieder aussteigen. Ich bedankte mich und wir redeten noch etwas übers Wetter und Fußball. Er schien alle Zeit der Welt zu haben. Ob ich sein erster Fahrgast seit Jahren war?

Von der Haltestelle »Zur alten Post« ging es die Straße des Friedens hoch, dann musste ich rechts in die Ernst-Thälmann-Straße und links sollte dann die Festscheune am Gutshof 1 stehen. Und, siehe da, dort stand sie auch. Drinnen alles festlich gedeckt. Weiße Tischdecken auf sämtlichen Tischen. Die Männer trugen Anzug und Hemd, die Frauen Kleider und Frisuren. So groß hatte ich mir das gar nicht vorgestellt. Eine Kapelle baute ihre Anlage auf. Ich wurde in einen Backstage-Raum geführt, der das Ausmaß jener Auftrittsorte besaß, in denen ich sonst so auftrete. Auch hier wieder weiße Tischdecken und zwei Musiker, zu denen ich mich gesellte. Sie waren extra aus Leipzig angereist. Wir unterhielten uns, als von nebenan Musik erklang. »Das ist doch«, rief ich begeistert, »das ist doch ›Nights in white‹, nein! Das ist ›Perlenhaariges Mädchen‹ von OMEGA. Wie es auf Ungarisch heißt, weiß ich gerade nicht. Das hab ich früher immer aufgelegt. Eins der schönsten Lieder der Welt. Krasses Schlagzeug. Und der Sänger kreischt wie irre. Hat Frank Schöbel mal gecovert, auf Deutsch. ›Spuren im Sand‹ oder so ähnlich, hab ich die Single. Und im Westen sangen es die Scorpions, auf Englisch.«

Die Musiker am Tisch nickten. Klar, die waren Profis. Die kannten den Song, selbstverständlich. Denen konnte ich mit meinem Wissen nicht imponieren.

Als ich mich beruhigt hatte, kam ein Mann in den Raum und klopfte zur Begrüßung auf unseren Tisch. Es war … Frank Schöbel. Ich guckte die Profimusiker an und sagte, als sich Herr Schöbel drei Tische weiter gesetzt hatte, ganz leise: »Das ist doch … das ist er doch, oder? Das ist doch Frank Schöbel.« Sie: »Ja, klar. Wir dachten, du wüsstest das. Er tritt nach dir auf. Vor dir der Zauberkünstler, nach dir Frank Schöbel.«

Nun muss man vielleicht für westdeutsch Sozialisierte oder Nachgeborene hinzufügen, dass Frank Schöbel im Osten, wie wir die DDR damals nannten, so etwas gewesen ist wie Roland Kaiser in Westdeutschland, oder Elvis Presley in den USA. Der bekannteste Schlagersänger der Welt. »Und der singt hier in der Festscheune von Siepe, bei einem Klempner-Treffen?«, konnte ich mein Erstaunen schlecht nur verbergen. »Ja«, sagte einer der beiden Profimusiker. »Du liest ja schließlich auch hier.«

»Stimmt«, musste ich gestehen. »Und der Zauberkünstler macht ja auch mit. Mann, hätte ich das gewusst, ich hätt glatt die Single mitgebracht und mir signieren lassen.«

Ich kam dann mit meinen Geschichten bei den Klempnern richtig gut an. Der Chef vom Dienst drückte mir anschließend sogar 200 Euro mehr noch in die Hand als abgemacht und verriet, er hätte zuvor ein wenig Schiss gehabt, weil »unter uns Handwerkern«, so er wörtlich, »da sind ja einige, die zum Beispiel auf dieses Gendern allergisch reagieren. Aber was du machst, große Klasse. – Basti!«, er holte den Organisator heran: »Basti, Ahne muss unbedingt 2025 beim Jahrestreffen der Dachdecker sein. Kriegt ihr das hin?« Ich nickte beseelt: »2025 hab ich Zeit und werde auch nicht gendern, versprochen. Sagt mir einfach, wie meine Texte politisch ausgerichtet sein sollen. Für Krieg oder Frieden, gegen Atomkraft oder Windräder, für oder gegen offene Grenzen, Tempolimit oder freie Fahrt für freie Bürger, ich bin flexibel. Nur nicht weitersagen, bitte, das zerstört sonst meinen Ruf.«

Auf der Busfahrt zurück zählte ich das Geld. Wieder und wieder. Warum, dachte ich mir, warum wird in Schlagern ständig nur die Liebe besungen? Als gebe es keine schöneren Gefühle.

Stell dir vor, es gibt Arbeit und keiner geht hin

Ich weiß jetzt, wo die sind, die ganzen Fachkräfte, die so dringend benötigt werden überall.

Wir haben doch unseren Telefonanbieter, ich glaub, es heißt Anbieter, oder? Dem haben wir gekündigt, weil der so teuer ist. Und kurz darauf schon wurde ich von sieben verschiedenen Menschen angerufen, innerhalb eines Tages. Es waren sieben verschiedene, wirklich! Sie hatten sieben verschiedene Stimmen. Und alle wollten, dass ich erkläre, warum ich den Anbieter wechseln möchte. Hab ich gesagt: »Ist zu teuer.« Haben sie gesagt: »Wir können doch was machen.« Hab ich gesagt: »Sie sollen Angebot schicken.« Wurde aufgelegt. Stunde später, nächste Person. Ruft an. Fragt, warum ich Anbieter wechseln will. Sage: »Habe ich Kollege schon erklärt.« Halbe Stunde später, Anruf. Wieder anderer Mensch. Von Telekom. »Sie haben Ihren Vertrag zum ersten Februar gekündigt, stimmt das?«

Wenn mich innerhalb eines Tages sieben engagierte, junge Menschen anrufen, in der Absicht, mich zu überreden, lieber bei der töften Telekom zu bleiben und tags darauf noch mal sieben, dann sind das innerhalb eines Monats schon mal, na …, sagen wir hundert, werden ja auch ein paar krank, bleibt nicht aus bei dieser Art von Arbeit. Und ich bin ja nicht der Einzige, der seinen Telefon- und Internetvertrag kündigt, das tun in diesem Land Hunderttausende, täglich, und die Telekom, die ist ja nur ein Telefon- und Internetanbieter, es gibt ja außerdem noch Simplyfon, Direkt-Tel, Anachronisma und wie sie alle heißen; mindestens zwölf Millionen Telefon- und Internetanbieterfirmen gibt es allein in Berlin/Brandenburg, könnte ich mir vorstellen. Da muss sich wirklich keiner wundern, wenn woanders Fachkräftemangel herrscht. Die sorgen ja alleine schon dafür, dass …, zwölf Millionen mal 700.000, na, kann ich grad nicht ausrechnen, aber es dürfte fast die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung binden. Und dazu kommen noch die Influencerinnen, die Content unter die Leute bringen möchten, was auch immer »Content« heißt.

Puh! Mir ist direkt schwindelig geworden von der Rechnerei. Fuck! Fuck, fuck, fuck! Das schreibt man übrigens neuerdings, beziehungsweise seit vielen Jahren schon, »FCK«. Der 1. FC Kaiserslautern, der sich seit den Siebzigern, oder seit den Fünfzigern (?), »FCK« abkürzt, der hat damit ein richtiges Problem. Der hat voll den Scheiß. Die jungen Leute, die lesen ja »FCK« heutzutage nur noch als Fuck, voll der Fuck-Verein. Aber, kannste nüscht machen, hat sich so eingebürgert. »Fuck Putin« – »FCK PTN«. »Fuck Nazis« – »FCK NZS«.

Ich warte seit Jahren gespannt auf eine Gegenbewegung. Wenn bei Aufkleberparolen statt der Vokale dann die Konsonanten weggelassen werden. Noch kürzer, meist. »Fuck Putin« hieße »U UI« und »Fuck Nazis«: »U AI«. »U AI« könnte allerdings auch »Guck dahin« bedeuten. Oder: »Wurst Ami« – »Wurstfreund«. »Ami« heißt ja »Freund«, auf Französisch. Bei längeren Botschaften wäre es sicherlich eine Herausforderung. »AO A EI AE«? Na? Noch gut lösbar. »AO A EI AE« hieße »Atomkraft Nein Danke«. Aber »E I O E I AEI U EIE E I«? Schon deutlich schwerer. »Ich kaufe ein N«, kann man ja schlecht sagen, nützt einem zumindest nichts, da Aufkleber für gewöhnlich weder über Kartenlesegeräte verfügen, noch Wechselgeld dabeihaben. Aber kann natürlich sein, es wird dann wieder alles etwas langsamer, im Leben. Weil sich überall Menschentrauben bilden, die Laternenpfähle, Absperrgitter, Bushaltestellen umringen, um zu entschlüsseln, was welcher Aufkleber für eine Botschaft vermitteln möchte, wodurch sie dann zu spät zur Arbeit erscheinen, bei der Telekom, und ihren Job verlieren, als Abwanderungswillige-Kunden-Bequatscher. Gäbe wieder Potenzial dann, welches zur Fachkraft umgeschult werden könnte. Oder natürlich zur Influencerin. Content anpreisen. Lecker Content, namm, namm, namm!

Ach, ich hab völlig vergessen aufzulösen, was »E I O E I AEI U EIE E I« aussagen soll. Jemand ’ne Idee?

In Bereitschaft

Am Alexanderplatz warte ich auf den Bus. Ich bin wie immer viel zu früh. Je älter ich werde, desto früher komme ich. Zumindest zu Verabredungen. Und zum Bus. Manchmal stehe ich bereits eine Stunde vorher auf der Matte, klingele und dann ist die Person, mit der ich verabredet bin, noch beschäftigt mit einem anderen Besuch. Es gibt ja Leute, die mehrere Besuche haben an einem Tag. Deshalb bringe ich meist einen Strauß Blumen mit. Hortodendrien, Tantiemen. Angesagte Blumen der Saison. Zur Entschuldigung.

Aber heute, am Bus, da habe ich keine Blumen dabei. Was soll die Busfahrerin mit Blumen? Sie würden auf der Fahrt sowieso verwelken. Es gibt an Bord schließlich keine Vase. Ich hätte natürlich eine Vase mitbringen können. Einen bereits fertig in die Vase verpackten Strauß Tantiemen. Solch eine Idee aber ist mir nicht gekommen, bevor ich mich auf den Weg machte.

Die Sonne scheint. Es ist ein herrlicher Sommertag. Im Frühling. Gemein. Also nicht, dass die Sonne scheint, sondern dass das weibliche Gegenstück zu »herrlicher Sommertag« »dämlicher Sommertag« hieße. Das heißt, eigentlich ist ja nur die heutige Bedeutung des Wortes »dämlich« gemein und gemein an sich ist ja auch nichts Schlimmes. Es heißt ja lediglich: einfach, natürlich, ursprünglich. Wir müssten den Charakter des Wortes wieder verändern, uns die Wörter zurückerobern. Wunderschöne Geschehnisse »dämlich« nennen. Das wäre gemein. Also einfach, natürlich, ursprünglich.

Links von mir wartet ein Mann, der sich eine Zigarette dreht. Er beginnt plötzlich, die Frau, die rechts von mir wartet, mit diesen kleinen, runden, weißen Filtern zu bewerfen. Kurz denke ich, vielleicht sind sie ineinander verliebt? Getreu dem alten Motto »Was sich neckt, das liebt sich«? Doch die Frau guckt genervt weg und jetzt fängt der Mann auch noch an, sie zu beschimpfen: »Du blöde Schlampe! Ja du, mit der blauen Sonnenbrille, du Bitch!« Die Frau trägt nämlich eine blaue Sonnenbrille, wie ich bemerke, als ich mich interessiert zu ihr umdrehe. Falls die beiden tatsächlich ineinander verliebt sind, so handelt es sich entweder um eine S/M-Beziehung oder sie machen gerade eine Krise durch. Eine Krise, die den Mann überfordert? Weshalb er sich in sinnlose Aggressivität flüchtet? Der Ärmste. Ich tippe mal auf keins von beiden, da er extra die blaue Sonnenbrille erwähnte. Das würde er ja nicht tun, wenn die beiden sich kennen. Dann hätte er höchstens gesagt: »Melanie, hörst du mir überhaupt zu?« Oder: »Jaqueline, ich meine dich.« So etwas in der Art. Hat er aber nicht. Er hat: »Du, mit der blauen Sonnenbrille, du Bitch« gerufen. Wenn es sich also um kein Rollenspiel handelt, kennen sich die beiden nicht. Ich drehe mich zum Schreihals um. Er ist größer als ich, kräftiger, trägt einen Schnauzbart und Tarnhosen. Vermutlich zieht er in den Krieg. »Du blöde V...!« Er sagt das V-Wort. Vielleicht ist er schon angekommen in seinem Krieg? Ein Krieg gegen die Frau? Ein Krieg gegen Frauen im Allgemeinen? Ist das jene berühmt berüchtigte toxische Männlichkeit, von der überall gesprochen wird? Das neue Ding nach Corona? Männer können nicht zugeben, dass sie sich schwach fühlen, dass sie Kuscheleinheiten benötigen, dass sie dringend mal zum Arzt müssten, und überspielen das durch lautstarkes Rülpsen, breitbeinige Gangart, Gewalt? Au weia, au weia. Ich kriege ein bisschen Angst. Eigentlich müsste ich der Frau jetzt beistehen, mich demonstrativ zu ihr gesellen, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine sei. Ich müsste dem kranken Manne sagen: »Bitte, lassen Sie die Frau in Ruhe.« Aber ich traue mich nicht. Was, wenn er sich dann auf mich stürzt? Mich zu Mus kloppt? Mir sämtliche Knochen bricht? Oder noch schlimmer, wenn er mich ansteckt? Mit toxischer Männlichkeit? Dann würde ich auch ständig so rummotzen. Das muss die Hölle sein.

Also tue ich, als hätte ich nichts gehört. Als ginge mich das alles nichts an. Die anderen scheinen es genauso zu halten. Der böse Mann sagt zur Frau: »Guck mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede, du Schlampe!« Dann muss er los. Sein Bus ist da. Er fährt glücklicherweise nicht nach Greifswald oder nach Stralsund, wie die Frau und wie ich. Er fährt nach Dresden. Ein Sachse, klar. Das war ja klar. Ich atme auf. Die Frau bestimmt ebenso. Ein anderer Mann ist bereits zu ihr getreten, fragt, warum sie so beschimpft worden sei. Die Frau antwortet, sie habe nur nicht neben ihm stehen wollen, weil er geraucht hätte, deswegen sei sie weggegangen. Der liebe Mann versichert, er hätte eingegriffen, falls etwas passiert wäre. Auch ich möchte ihr das sagen, muss mich allerdings hinten anstellen. Zwei andere Männer drängeln vor, mit demselben Begehr. Wie gut, denke ich, dass man nie alleine ist. Zumindest, wenn man selbst nicht das Opfer ist.

Zwiegespräche mit Gott heute: Leben und leben lassen

A: Na Gott.

G: Na.

A: Na, ick bin bein Schwahzfahn awüscht worn, Gott.

G: Haste nich so ’n Deutschland-Ticket?

A: Icke?! Ick bin doch keen Nazi. Deutschland-Ticket, Alta! Jeht’s noch? Ick fah doch nich mit ’n Deutschland-Ticket durch de Jegend. Deutschland muss sterben, Gott, damit wir leben können.

G: Ach so. Na, musste ehmd uffpassen, wa, ditte nich inne Kontrolle jerätst.

A: Habick doch jemacht. Ick hab jeden einzilnen Fahgast inne Straßenbahn jenau unta de Lupe jenommen. Bin extra an alle vorbeijeschlendat, hab sie fest inne Oogen jekiekt. Keena von die musste lachen. Die wahn sauba, Gott.

G: Awüscht worn biste trotzdem.

A: Ja. Weilick mit die Faschomentalität der Thüringa nich jerechnit hab.

G: Mit … ick fürchte, ick kann dir grad nich folgen.

A: Na, ick wah doch in Gera jewesen, in die Hauptstadt von Thüringen.

G: Die Hauptstadt von Thüringen is Erfurt.

A: Die Hauptstadt von Thüringen is und bleibt Gera, Gott. Erfurt ham erst die Nazis zur Hauptstadt jemacht, so wat werde ick als Antifaschist nie und nimma akzeptiern.

G: … Okee. Wat haste denn in Gera jemacht?

A: Sagick nich. Ick wah da, dit muss reichen. Na jut, weil du’t bist. Ick wah in Gera, weil meene Kusine fuffzichsten Jeburtstach jefeiat hat und deshalb hatte se Katen besorgt, für ein Abend inne Stadthalle Gera mit die Helene-Füscha-Riweiwel-Bend.

G: Helene-Füscha-Riweiwel? Singt Helene Füscha nich noch selba?

A: Weeß ick doch nich. Ey, dit wah so furchtbah, Gott, ick möchte dit so schnell wie möglich vajessen.

G: Traumata sollte man lieba uffabeiten, Sportsfreund. Villeicht ’ne Therapie machen? Mit Joga? Oda fasten?

A: Ürgendwann, Gott, ürgendwann machick dit, möglichaweise. Ey, die Kontrollöre, die ham anne Haltestelle in Gera draußen jestanden und jeroocht. Icke rin, hab mir, nachdem ick die andan Fahrgäste mir einziln vorjeknöppt hatte, habick ..., ick hatte ja ’ne Fahrkate bei, weeßte, für alle Fälle, aba, die habick natühlich nich abjestempilt, ick bin ja nich doof, habick mir also hinjepflanzt und dabei jewissenhaft die Kontrollettis in Ooge behalten. Die machten keenalei Anstalten einzusteigen. Die Türen schlossen sich, die Bahn fuhr an, ick atmete uff und entspannte mir.

G: … Und die Poente?

A: Poente, Poente. Ick sag dir, Gott, die Faschomentalität der Thüringa. Die Bahn fuhr zwah, allahdings bloß drei Meta, denn stoppte sie abrupt, die Kontrollöre rin wie nüscht Jutit und alsick uffsprang und zun Entwerta hechten wollte, hatte sich so ’n Nazibüttel vor den schon postiert und brüllte mich an: »Ihren Fahschein, bitte.«

G: Na, immahin hatta »bitte« jesacht.

A: »Immahin« für ’n Ahsch. Icke zu ihn: »Ick besitze einen gültijen Fahschein und möchte diesen entwerten, wir befinden uns noch an die Haltestelle, wo ick gerade einjestiegen bin.«

G: Wat er sicha einjesehn hat.

A: Ebend nich, Gott! Jeda Mensch mit Herz in sein Leib hätte dit, nich aba diese Marionette der AfD-Diktatur.

G: Is die AfD schon anne Macht in Thüringen?

A: Garantiert, Gott. Und der Bürga kiekt ma wieda weg, weeßte? Dit heißt, nich ma. Wenn se wenichstens wegjekiekt hätten. Aba nee, die ham sich alle noch jefreut, dit eena awüscht worn is. So ’n Vollpfosten mit tüpisch thüringa Inzest-Wisajje musste sein Senf noch dazu jeben: »Bezahln sie lieba die sechzich Euro. Die haben doch recht. Sie hatten sich ja bereits hingesetzt«. Ey, der hat gradezu um Schläge jebettelt, Gott. Aba die Kontrollknalla wahn zu dritt und icke leida nich in Bestform, wat meene Kampftechniken betrifft.

G: Kampftechniken? Habick wat vapasst?

A: Inne Schule hatten wa Judo, Gott.

G: Du hast also bezahlt?

A: Sonst hätten se die Bullen jeholt, klah.

G: Und dit Konzert? Wie wah dit Konzert?

A: Habick doch schon jesacht. Sehr … jut. Tschüss, Gott.

G: Tschüss, du.

A: Ach, Gott?

G: Ja?

A: Findste dit einklich ooch so schrecklich, wenn Leute satirisch jemeinte Stelln mit lustije Smeilis kennzeichnen?

G: Sei nich imma so streng. Nimm dir ’n Beispiel an mir. Ick hätt die Macht, allit zu vaändan und wat tuick? Leben und leben lassen.

Grüße aus dem Knast

Wenn du ein Berliner bist und ich bin ein Berliner, dann fährst du im Sommer an den Weißen See. Der Berliner muss nicht irgendwo rausfahren, nach Ostsee oder Mallorca, der Berliner hat alles in seiner Stadt mit drin. Er nimmt die Einkaufstasche, knüllt Decke rein und Handtuch und Badehose und schmiert paar Stullen. Am besten Butterstulle. Einfach Stulle abschneiden vom Brot. Noch ’ne Stulle abschneiden, vom Brot. Beide Stullen von einer Seite her mit Butter beschmieren, Salz rauf streuseln und dann, aufgepasst, das ist der Clou an jeder Butterstulle, die beiden beschmierten Stullen mit ihrer Butterseite aufeinander pappen und die Klappstulle in der Mitte durchschneiden. Fertig. Wenn man reich ist, kann man auch die Butterstulle verfeinern mit, zum Beispiel, Schnittlauch. Aber muss man nicht, schmeckt auch so. Außerdem Trinken einpacken und Sonnencreme. Aber nur, wenn die Sonne scheint. Wenn die Sonne nicht scheint, brauchst du keine Sonnencreme. Aber die Sonne scheint immer, zum Beispiel hinter den Wolken. Ich habe mir mal vorgestellt, wie das wäre, wenn jetzt, zum Beispiel in der Nacht, die Sonne nicht scheinen würde. Was das für ein Wechselbad wäre, im Weltall. Ehrlich gesagt, ich konnte es mir nicht vorstellen. Es hat meine Vorstellungskraft ü-ber-trof-fen! Und dabei kann sich ein Berliner unwahrscheinlich viel vorstellen. Ein gewöhnlicher Berliner kann sich sehr viel mehr vor