Stadt der Lügen - Ramita Navai - E-Book

Stadt der Lügen E-Book

Ramita Navai

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Beschreibung

Um in Teheran zu überleben, muss man lügen. Denn im »Gottesstaat« Iran spielt sich das Leben im Verborgenen ab. Schulmädchen tragen unter dem Tschador Jeans und Turnschuhe, untreue Ehemänner pilgern nicht nach Mekka, sondern nach Thailand, brave Hausfrauen drehen Pornofilme, Mul- lahs sagen per Handy die Zukunft voraus, und beim Schönheitschirurgen werden nicht nur Nasen gerichtet, sondern auch Jungfernhäutchen wiederhergestellt. Ramita Navai erzählt von den abenteuerlichen Doppelleben der Menschen und entwirft ein faszinierendes Porträt einer Stadt, die ihren Schleier nur ungern lüftet.

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INHALT

» Über die Autorin

» Über das Buch

» Buch lesen

» Impressum

» Weitere eBooks von Kein & Aber

» www.keinundaber.ch

ÜBER DIE AUTORIN

Ramita Navai, geboren 1971, war von 2003 bis 2006 Times-Korrespondentin in Teheran, jener Stadt, aus der sie als Achtjährige mit ihren Eltern vor der islamischen Revolution geflüchtet war. Während dieser Zeit entstanden die Interviews, die Stadt der Lügen zugrunde liegen. Das Buch hat den Royal Society of Literature Jerwood Award für Non-fiction und den Debut Political Book of the Year Award 2015 gewonnen. Für ihre Undercover-Reportage aus Syrien wurde Navai ein Emmy verliehen. Heute lebt die Autorin in London.

ÜBER DAS BUCH

Um in Teheran zu überleben, muss man lügen. Denn im »Gottesstaat« Iran spielt sich das Leben im Verborgenen ab. Untreue Ehemänner pilgern nicht nach Mekka, sondern nach Thailand, brave Hausfrauen drehen Pornofilme, und beim Schönheitschirurgen werden nicht nur Nasen gerichtet, sondern auch Jungfernhäutchen wiederhergestellt.

Ramita Navai erzählt von den abenteuerlichen Doppelleben der Menschen und entwirft ein faszinierendes Porträt einer Stadt, die ihren Schleier nur ungern lüftet.

»Navai hat aufgedeckt, was jeder weiß, aber niemand sagt.«

Times Literary Supplement

Für alle Teheraner, wo immer ihr auch sein mögt.

Für meinen Ehemann Gabriel,

Teheraner ehrenhalber und die Liebe meines Lebens.

Und vor allem für meine Eltern: meine Mutter Laya,

weil sie mich inspiriert hat, und meinen Vater Kouroush, der alles verkörpert, was gut und großartig an Teheran ist.

Besser ist die wohlgemeinte Lüge,

als dass Wahrheit böse Wunden schlüge

Saadi Shirazi, Der Rosengarten

VORWORT

Eines möchte ich von vornherein klarstellen: Wenn man in Teheran leben will, muss man lügen. Das hat nichts mit Moral zu tun; in Teheran lügt man, um zu überleben. Die Notwendigkeit, sich zu verstellen, ist überraschend egalitär verteilt – sie existiert über alle Klassenschranken hinweg, und es gibt keine religiösen Unterschiede, wenn es um Lug und Trug geht. Einige der frömmsten, rechtschaffensten Teheraner sind am begabtesten und raffiniertesten in der Kunst der Täuschung. Wir Teheraner sind meisterhaft darin, die Wahrheit zu manipulieren. Kleinkinder werden dazu angehalten, zu leugnen, dass ihr Vater Alkohol im Haus hat; Teenager schwören feierlich, dass sie noch unberührt sind; Ladeninhaber gestatten ihren Kunden, während der Fastenzeit im Hinterzimmer heimlich zu essen, zu trinken und zu rauchen, und junge Männer, die sich anlässlich des religiösen Feiertags Aschura selbst geißeln, behaupten, dass jeder Peitschenhieb für Imam Hussein sei, während es in Wahrheit ein Machogehabe ist, das junge Mädchen beeindrucken soll, die wiederum vorgeben, sie seien nur dabei, um Gott zu dienen. All diese Lügen bringen neue Lügen hervor, die in jeder Nische der Gesellschaft wuchern wie die Pilze.

Die Wahrheit ist zu einem Geheimnis geworden, einem seltenen und gefährlichen Handelsgut, das äußerst wertvoll ist und mit großer Vorsicht behandelt werden muss. Wenn man in Teheran jemandem die Wahrheit sagt, ist es entweder ein Akt des absoluten Vertrauens oder der äußersten Verzweiflung. Lügen, um zu überleben, hat in der iranischen Kultur eine lange Geschichte; in den ersten Jahren unter islamischer Herrschaft wurden die Schiiten dazu angehalten, ihren Glauben zu verleugnen, um der Verfolgung zu entgehen, ein Brauch, der als Taqiya bekannt ist. Der Koran besagt ebenfalls, dass es in bestimmten Fällen erlaubt sei, für einen höheren Zweck zu lügen. Und auch wenn diese pathologische Sucht nach Ausflüchten sich von der Stadt aus bis in die Dörfer und Gemeinden im ganzen Land verbreitet hat, ist ihr Ursprung doch in Teheran zu suchen.

Doch die Sache hat auch einen Haken: Die Iraner sind geradezu besessen davon, sich selbst treu zu bleiben; das gehört zu unserer Kultur. Der persische Dichter Hafis beschwört uns, nach der Wahrheit zu suchen, um den Sinn des Lebens zu entdecken:

Die Liebe zur Wahrheit, die du heute hegst,

wird dich niemals verlassen.

Deine Freuden und Leiden auf diesem beschwerlichen Pfad

werden deinen verschlissenen Schleier lüften

wie einen Vorhang, der sich von einer Bühne hebt.

Und gewiss dein herrliches Ich enthüllen.

Die Protagonisten in iranischen Seifenopern sind fast immer auf der Suche nach ihrem wahren Selbst, und so manche Fatwa behandelt die Diskrepanz zwischen der Bürde religiöser Pflichten und realen menschlichen Bedürfnissen. Also leben die meisten Teheraner in einem ständigen Konflikt, denn wie soll man sich selbst treu bleiben innerhalb eines Gesellschaftssystems, in dem man zum Lügen gezwungen ist, wenn man überleben will?

Abschließend möchte ich noch eines ganz deutlich sagen. Ich behaupte nicht etwa, dass wir Iraner als Lügner geboren werden. Das Lügen ist notwendig, um in einem repressiven Staat zu überleben, dessen Regierung der Ansicht ist, dass sie sich in die intimsten Angelegenheiten seiner Bürger einmischen soll und darf.

Während ich in Teheran lebte (und log), erfuhr ich die Geschichten der Teheraner, die der Leser auf diesen Seiten kennenlernen wird. Nicht alle sind typische Teheraner, manche von ihnen existieren an den äußersten Rändern der iranischen Gesellschaft. Dennoch hoffe ich, dass auch die dramatischeren Geschichten in diesem Buch dazu beitragen werden, einem Außenstehenden verständlich zu machen, wie der Alltag in dieser Stadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern aussieht. Meiner Erfahrung nach ist die hervorstechendste Eigenschaft der Teheraner ihre Freundlichkeit, denn ungeachtet dessen, wie schwierig das Leben sein mag oder welchen Druck das Regime ausübt, sind sie von einer unerschütterlichen Herzlichkeit, mit der mir sowohl überzeugte Anhänger des Regimes, leidenschaftliche Dissidenten als auch alle anderen Menschen dort begegnet sind.

Ich habe alle Namen sowie einige Details, Zeit- und Ortsangaben geändert, um die betreffenden Personen zu schützen, doch alles, was ich beschrieben habe, hat sich genau so ereignet oder tut es noch heute. Es sind wahre Geschichten aus der Stadt der Lügen.

PROLOG

VALIASR-STRASSE

Von oben gesehen ist Teheran von einem überirdischen Glanz umgeben. Über der Stadt hängt ein oranger Nebel, in dem sich die Sonnenstrahlen brechen: ein dichter, giftiger Dunst, der beharrlich bis in jede Ecke vordringt, in der Nase brennt und in den Augen beißt. In den Straßen stauen sich die Autos, sie spucken schwarze Wolken aus, die gemächlich aufsteigen und regungslos am Himmel verharren. Die Abgase kriechen sogar hinauf bis in das karamellfarbene Elburs-Gebirge im Norden. Von hier aus blicken Ansammlungen von Hochhäusern auf die Stadt herab wie Imame, die über eine Gruppe von betenden Gläubigen wachen. Massen von Menschen bevölkern das Tal unter ihnen. Jeder Zentimeter ist bebaut, ohne dass sich ein bestimmter Stil oder eine sinnvolle Struktur ausmachen ließe. Alte Stadtviertel werden brutal von Autobahnkreuzen durchschnitten, und hässliche postmoderne Bauten ragen über herrschaftlichen Villen empor.

Mitten durch das Chaos der Stadt verläuft eine lange, breite Straße, die auf beiden Seiten von unzähligen Platanen gesäumt ist und Teheran in zwei Hälften teilt. Die Valiasr-Straße zieht sich vom Norden Teherans bis in den Süden, pumpt das Leben durch die Stadt und spuckt es in ihren entlegensten Ecken wieder aus. Die Valiasr ist die eine Straße, die für alle Einwohner der Inbegriff Teherans ist. Seit Jahrzehnten kommen die Iraner hierher, um zu feiern, zu protestieren, zu demonstrieren, zu gedenken und zu trauern. Eine meiner deutlichsten Kindheitserinnerungen an Teheran ist eine Autofahrt über diese Straße; ich erinnere mich noch immer daran, wie geborgen ich mich inmitten all der Bäume fühlte, die sich sanft voreinander verbeugten und uns unter ihrem grünen Blätterdach Schutz boten.

Entlang ihrer uralten überwachsenen Wurzeln, die sich aus dem rissigen Asphalt herauswinden, ziehen sich die Joobs, tiefe Gräben, die das eisige Wasser befördern, das in den Bergen im Norden entspringt. Je weiter südlich das Wasser gelangt, desto trüber und dunkler wird es. Etwa auf der Hälfte der Valiasr-Straße befindet sich das Stadtzentrum, ein brodelnder, dicht bevölkerter Ballungsraum, hier rasen Tausende von Motorrollern, Autos und Menschen die Straße entlang oder kreuzen sie. Hier und da kann man eingeklemmt zwischen den Wohnblöcken noch die verfallenden Überreste einiger alter Villen entdecken, die sich ans Überleben klammern. Weiter südlich werden die Gebäude immer kleiner und ärmlicher: Häuser aus Rohbeton und schadhaften Ziegeln mit zerbrochenen Fensterscheiben und verrosteten Wellblechhütten auf den Dächern. Von den Mauern hängen alte Gasleitungen und Klimaanlagen herunter wie herausquellendes metallenes Gedärm. Hier sind die Straßen all ihrer Farben beraubt und von Konservativismus und Armut überschattet. Schwarz verhüllte Frauen im Tschador mischen sich schweigend unter dunkle Anzüge und Kopftücher: Die tristen Variationen der Kleidung, die vom Islam gebilligt wird, stehen im Kontrast zu den grellbunten Wandmalereien, die Kriegshelden, religiöse Märtyrer und politische Propaganda abbilden. Im äußersten Süden mündet die Valiasr-Straße auf den Rah-Ahan-Platz, Teherans Hauptbahnhof, wo Reisende aus dem ganzen Land eintreffen: Luren, Kurden, Aserbaidschaner, Turkmenen, Tadschiken, Araber, Belutschen, Bachtiaren, Kaschkai und Afghanen.

Die Valiasr mit den unzähligen Straßen, die von ihr abzweigen, ist ein Mikrokosmos der Stadt. Sie ist insgesamt fast achtzehn Kilometer lang und verbindet die Reichen und die Armen, die Gläubigen und die Weltlichen, Tradition und Moderne. Doch die Leben der Menschen an ihren beiden Enden scheinen durch Jahrhunderte voneinander getrennt zu sein.

Die Straße wurde von Schah Reza erbaut, obwohl er 1921, als die Bauarbeiten begannen, noch nicht König war. Erst nach einem Militärputsch, mit dem Schah Ahmad, der letzte Herrscher der Kadscharen, abgesetzt wurde, nahm die Straße Formen an. Obsthaine und wunderschön gestaltete Gärten, die Aristokraten, Staatsmännern und Prinzen aus dem Haus der Kadscharen gehörten, wurden zerstört, um ihr Raum zu schaffen, wenngleich Schah Reza die besten Grundstücke für sich und seine Familie sicherte. Es dauerte noch weitere acht Jahre, bis die Straße fertiggestellt war, denn sie wurde nach Norden hin verlängert, um die Paläste des Schahs miteinander zu verbinden: die Winterresidenzen im wärmeren Süden der Stadt und die Sommerresidenzen, die in den kühleren Bergen im Norden lagen.

Die Straße war Teil von Schah Rezas umfassendem Reformprogramm, denn er wollte den Iran zu einem modernen Land umgestalten. Sie sollte zum Glanzstück des Mittleren Ostens werden: großartig und ehrfurchtgebietend, mit der Vornehmheit und Schönheit baumgesäumter französischer Boulevards und der Majestät einer breiten römischen Straße. Schah Reza beaufsichtigte persönlich die Pflanzung von etwa achtzehntausend Platanen. Er benannte die Straße nach sich selbst: Pahlevi.

Als Schah Rezas Sohn, Schah Mohammed Reza, 1979 durch die Islamische Revolution gestürzt wurde, benannten die gegnerischen Nationalisten die Straße um in Mossadegh-Straße, zu Ehren des ehemaligen iranischen Premierministers Dr. Mohammed Mossadegh, einem exzentrischen, in Europa ausgebildeten Rechtsanwalt, der durch einen von der CIA unterstützten Staatsstreich abgesetzt wurde, als er versuchte, das iranische Öl zu verstaatlichen, was ihn zu einem Volkshelden machte. Dieser Name hielt sich beinahe ebenso lange wie seine Amtszeit – etwas über ein Jahr. Der Pate der Revolution, Ajatollah Ruhollah Chomeini, wollte es unter keinen Umständen zulassen, dass die berühmteste Straße des Landes nach einem Mann benannt blieb, der vielmehr für den persischen Nationalismus als für den Islam stand und den er um seine Popularität beneidete. Chomeini ordnete an, die Straße solle Valiasr heißen, was auf Arabisch so viel bedeutet wie »Prinz der Zeit« und sich auf den ehrwürdigen Imam Mahdi bezieht, auch bekannt als Imam Zaman, den letzten der zwölf schiitischen Imame, von dem viele Schiiten glauben, er verkörpere den letzten Erlöser der Welt. Die Wiederkehr dieses Messias werde eine neue Ära des Friedens und des wahren Islams ankündigen, doch bis dahin würde der letzte Erlöser im Verborgenen bleiben. Ein passender Name für eine Straße, die das Symbol für eine Stadt ist, die unter der Herrschaft des Islams so viel von ihrer ursprünglichen Lebenskraft eingebüßt hat.

Es geschieht mitten in der Nacht. Keiner weiß genau, um welche Zeit oder wie viele Männer daran beteiligt sind. Doch am nächsten Morgen spricht jeder darüber. Die Beweise sind entlang der Valiasr-Straße verstreut: Dutzende von Baumstümpfen ragen aus dem Asphalt. Städtische Arbeiter mit Kettensägen haben über vierzig Platanen abgesägt. Die Teheraner beschweren sich. Sie schreiben Briefe, rufen im Büro des Bürgermeisters an, machen Fotos. Sie twittern und legen eine Webseite bei Facebook an. Die Story macht Schlagzeilen. Eine bekannte Gruppe von Menschenrechtlern behauptet, es seien noch weitaus mehr Bäume gefällt worden. Eine Gruppe, die sich für den Schutz von Kulturgütern einsetzt, bezeichnet das Abschlachten der »unschuldigen« Bäume als Akt der Verwüstung. Radio Farhang, ein landesweiter Radiosender, wird während einer Livesendung mit Anrufen überschwemmt. »Jeder einzelne Baum bedeutet eine Erinnerung für mich. Wenn die Bäume gefällt werden, werden meine Erinnerungen sterben. Es ist, als würden sie meine eigene Seele beschneiden«, sagt eine weinende Frau mit der Leidenschaft und Dramatik, die typisch für den Iran ist. Die Teheraner sind aufgebracht.

Ein Kriegsveteran, der seine Beine verloren hat, nimmt seinen üblichen Platz auf dem Bürgersteig in der Nähe des Mellat-Parks im Norden der Valiasr-Straße ein. Er legt seine schmutzigen Krücken neben sich und breitet seine Waren auf dem Boden aus: Batterien unterschiedlicher Größe und Farbe. Eine riesige Ratte huscht hinter ihm über den Rinnstein. Ein Musikstudent, der seine Geige über der Schulter trägt, hat von den gefällten Bäumen gehört und ist gekommen, um sich das Ganze anzusehen.

»Ich bin zumindest in den Krieg gezogen, aber was hat der arme Baum getan, dass er dasselbe Schicksal verdient hat wie ich?«, scherzt der Veteran. Der junge Mann lächelt und wendet sich nach Norden, in Richtung von Bagh Ferdows, einem öffentlichen Park, der sich vor einem eleganten Kadscharen-Palast befindet. Hier will er nachdenken und das Treiben auf der Valiasr-Straße betrachten. Er setzt sich auf eine Bank, öffnet seinen Laptop und spielt eine Liveaufnahme von Mozarts »Requiem« ab. Ein alter Mann in einem dreiteiligen Anzug kommt dazu, er setzt sich ans andere Ende der Bank, um die wunderbare Musik hören zu können, die sich über die Geräusche der Stadt legt.

Dort, wo die Valiasr-Straße sich dem Stadtzentrum nähert, in der Nähe der Jomhuri-Straße, bearbeitet ein bärtiger Mann in grünen Turnschuhen und einem roten Hemd sein Akkordeon, er spielt traurige persische Weisen für die Pendler, die in ihren Autos festsitzen. Wenn jemand ihm einen Geldschein gibt, fischt er einen Streifen Papier aus seiner Gürteltasche, auf dem seine Internetseite notiert ist – ein Blog über die Schlechtigkeiten der Welt: den Teufel, Materialismus und unsere Sexbesessenheit.

Nahe dem südlichsten Ende der Valiasr-Straße ist der Verkehr zum Erliegen gekommen. Doch das liegt nicht etwa an der Rushhour. Tausende haben sich in der Kälte vor einer Moschee versammelt, auf dem Bürgersteig und auf der Straße; innen ist kein Platz mehr. Ein Begräbnis. Männer tragen zwei Meter hohe Gestecke aus weißen Gladiolen, die von schwarzen Bändern zusammengehalten werden. Im Inneren der Moschee rezitiert ein Ghaari, ein religiöser Vorleser, aus dem Koran. Danach liest er die Trauerrede für die tote Frau: »Sie stammte aus einer Generation, die die wahre Bedeutung der Ehre kannte. Sie wandte sich Gott zu und blickte nie zurück«, sagt er. »Sie war eine rechtschaffene Frau.«

1DARIUSH

MEHRABAD-FLUGHAFEN, TEHERAN, MÄRZ 2001

Sie sind lange weg gewesen.« Der junge Offizier blickte nicht auf, während er den Reisepass durchblätterte. »Und jetzt haben Sie sich dazu entschlossen, zurückzukehren.« Weiteres Blättern. »Nach all den Jahren.« Er pulte an der mit Plastik verschweißten Ecke des Umschlags.

Dariush konnte sich nicht erinnern, jemals so viel Angst gehabt zu haben, nicht, seit er ein kleiner Junge gewesen war. Er fuhr mit der Zunge an der harten Plastikumhüllung der Zyanidkapsel entlang, die in seiner Backentasche klemmte. Man hatte ihm gesagt, dass das Regime eine Liste mit all ihren Namen besaß, eine schwarze Liste mit Dissidenten, die vom Staat gesucht wurden. Man hatte ihm gesagt, ins Gefängnis zu kommen würde Folter und langsamen Tod bedeuten.

Der Offizier starrte ihn an. »Warum sind Sie weggegangen?«

»Meine Eltern haben das Land verlassen, weil Krieg war. Ich wäre gerne geblieben, aber sie haben mich mitgenommen.« Er hatte zu schnell geantwortet.

»Warum sind Sie zurückgekommen?« Der Mann untersuchte seinen Reisepass. Dariush hatte einem militanten Schiiten in Bagdad, der bereits einige namhafte Persönlichkeiten mit Papieren versorgt hatte, zwanzigtausend US-Dollar dafür bezahlt. Der Pass war ein Kunstwerk; man konnte keine bessere Fälschung kaufen.

»Ich möchte einige Verwandte besuchen, ich– ich vermisse meine Heimat.« Seine Stimme zitterte. Der Offizier lehnte sich über den Schalter und presste seine Hand auf Dariushs Brust.

»Ihr Herz rast wie das von einem kleinen Spatzen«, sagte er. Dann brach er in Gelächter aus und warf Dariushs Reisepass über den Schalter.

»Ihr Neuen seid immer so ängstlich. Glaub nicht alles, was du liest, Kumpel, wir werden dich schon nicht fressen. Du wirst sehen, dass das Leben für Leute wie dich hier besser ist. Du wirst nie wieder wegwollen.«

So einfach war es also, in das Land zurückzukehren, dass ihn jeden Tag seines Lebens verfolgt hatte, seit er mit seiner Mutter vor über zwanzig Jahren vor der Revolution geflüchtet war. Es schien fast zu einfach zu sein. Er sollte vorsichtig sein, falls sie immer noch hinter ihm her waren. Dariush wusste, dass die Iraner den doppelten Bluff meisterhaft beherrschten.

Die Gruppe hatte ihn vorgewarnt, dass sein Gepäck durchleuchtet werden würde, bevor er gehen durfte. Die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen waren nicht nur der Paranoia des Regimes oder der Angst vor der Separatistenbewegung geschuldet. Sondern auch der Angst vor Leuten wie ihm, der Angst vor der MEK, der Mojahedin-e Khalq, den »Kriegern des Volkes«.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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