Stadt der Verlorenen - Ben Rawlence - E-Book

Stadt der Verlorenen E-Book

Ben Rawlence

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Beschreibung

Mitten in Afrika zwischen Kenia und Somalia befindet sich das größte Flüchtlingslager der Welt – seit Jahrzehnten. Dadaab ist eine Großstadt. Viele der Bewohner sind hier geboren. Sie dürfen weder arbeiten noch das Lager verlassen. Insgesamt soll hier eine halbe Million Menschen leben, vor den Toren des Lagers kampieren weitere Zehntausende. Sie waren auf der Flucht vor grausamen Shabaab-Milizen, vor dem Hunger und dem Bürgerkrieg. Kenia möchte dieses Lager längst auflösen, aber wohin mit den Menschen? Ben Rawlence hat sechs von ihnen begleitet. Er erzählt von ihrer Herkunft, ihren Träumen, ihren Strategien. Eine packende Reportage und paradoxerweise ein Zeugnis von großer Lebenskraft.

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Seitenzahl: 574

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Über das Buch

Mitten in der Wüste, Hunderte Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt, liegt Dadaab. Es wurde vor vielen Jahren als Provisorium erbaut, heute ist es ein riesiger Lagerkomplex, eine immer noch notdürftige Stadt voller Flüchtlinge. Sie sind geflohen vor den grausamen Schab ab-Milizen, vor dem Hunger, vor dem Bürgerkrieg, aus dem Tschad, aus Sudan, die meisten aus Somalia. Kenia möchte das Lager längst auflösen, aber wohin mit den Menschen? Sie stecken hier fest und haben sich eigene Regeln geschaffen, Läden eröffnet, sie betreiben Schmuggel- und Transportrouten, die nirgends verzeichnet sind. Westler werden, wenn sie sich hineingetrauen, gern entführt – ein einträgliches Geschäft.

Ben Rawlence begleitete die Menschen auf ihren Wegen in die Tiefe der Stadt. Er erzählt von ihrer Herkunft, ihren Träumen, ihren Strategien. Es ist ein atemberaubender Bericht – und paradoxerweise ein Zeugnis von großer Lebenskraft.

N&K

Nagel & Kimche E-Book

Ben Rawlence

Stadt der Verlorenen

Leben im größtenFlüchtlingslager der Welt

Aus dem Englischen vonBettina Münch und Kathrin Razum

Nagel & Kimche

Titel der Originalausgabe:City of Thorns. Nine Lives in the World’s Largest Refugee Camp.Portobello Books Ltd, London 2016.

© Ben Rawlence 2016

Karten: © Vera Brice/Portobello Books 2016

© 2016 Nagel & Kimche

im Carl Hanser Verlag München

Umschlag: Hauptmann & Kompanie, Zürich, © Oli Scarff / Staff / Getty Images

Herstellung: Rainald Schwarz

Satz: Satz für Satz

ISBN 978-3-312-00700-4

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Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Für die Bewohner von Dadaab.Und für Louise.

PROLOG

Weißes Haus, Washington D. C., 31. Oktober 2014

Die Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrats (NSC) saßen um einen grauen Tisch in einem grauen, fensterlosen Raum. An den Wänden hingen Fotos, die einen sportlich aussehenden Präsidenten Obama in Wales zeigten, wo er Anfang September am Nato-Gipfel teilgenommen hatte. Das Afrikareferat wurde vertreten von einem Weißen mittleren Alters, der sich auf seinem Stuhl zurücklehnte, einem jüngeren Weißen in engem, neuem Anzug, der vorgebeugt auf einen Notizblock starrte, einer kleinen Blondine, die während der gesamten Sitzung mit den Händen im Schoß vollkommen reglos dasaß, so dass ihr ausdrucksloses Gesicht über der Tischplatte zu schweben schien, und schließlich der Referatsleiterin, einer gutgekleideten Frau in Tweedrock und farblich abgestimmten, offenkundig teuren hellbraunen Schuhen, die lächelte und nickte und wie die anderen wenig sagte.

Ich war hier, um den NSC über Dadaab zu informieren, ein Flüchtlingslager im Nordosten Kenias, nahe der somalischen Grenze. Seitdem al-Shabaab, eine militante Organisation mit Verbindungen zu al-Qaida, 2008 den größten Teil Somalias unter ihre Herrschaft gebracht hatte, war das Horn von Afrika gleichsam der Angelpunkt des von Politikern so bezeichneten «Bogens der Instabilität», der sich von Mali im Westen über Nigeria mit der terroristischen Gruppierung Boko Haram, dann Tschad, Sudan und Südäthiopien weiter bis Jemen, Saudi-Arabien, Pakistan und Afghanistan im Osten spannt. Mit der rapiden Zunahme von Terroranschlägen ist der afrikanische Extremismus auf den internationalen Agenden nach oben gerückt. Ein Jahr zuvor hatte al-Shabaab einen Anschlag auf das Einkaufszentrum Westgate in der kenianischen Hauptstadt Nairobi verübt. Sechs Monate später veranstaltete die Terrorgruppe an der Universität Garissa im Norden des Landes ein Gemetzel, dem einhundertachtundvierzig Menschen zum Opfer fielen. Nach beiden Anschlägen behauptete die kenianische Regierung, die Mörder kämen aus dem Flüchtlingslager Dadaab, und kündigte an, das Lager zu schließen, da es eine «Brutstätte des Terrorismus» sei. Ob das, so wollte man im NSC nun von mir wissen, meinen Erfahrungen entspreche?

Ich hatte die vergangenen drei Jahre mit Recherchen über das Leben der Lagerbewohner verbracht und insgesamt fünf Jahre über die Menschenrechtslage dort berichtet. Wie soll man Leuten, die nie dort gewesen sind, die vielen Gesichter dieser Stadt beschreiben? Der Begriff «Flüchtlingslager» ist irreführend. Die Lager rings um die Ortschaft Dadaab wurden 1992 errichtet, um Flüchtlinge aus dem somalischen Bürgerkrieg aufzunehmen. Anfang 2017 wird Dadaab 25 Jahre alt, ein Stadtgebiet so groß wie Atlanta, Bristol oder Zürich, das auf keiner offiziellen Karte verzeichnet ist. Ich versuchte, den Mitgliedern des NSC das Erstaunliche dieser von Menschen wimmelnden, chaotischen Großstadt mit ihren Kinos, Fußballligen, Hotels und Krankenhäusern zu vermitteln, und betonte, dass anders als vielleicht erwartet ein Großteil der Flüchtlinge extrem pro-amerikanisch eingestellt sei. Ich sagte, dass die kenianischen Sicherheitskräfte, die von den USA und Großbritannien durch Geld, Waffen und Ausbildung unterstützt werden, die Sache verkehrt angingen: Sie nähmen Flüchtlinge auf dem Weg nach Dadaab fest, vergewaltigten und erpressten sie und schickten sie ins kriegszerrüttete Somalia zurück. Aber ich spürte, dass die Beamten des NSC nicht richtig zuhörten. Ich verlangte von ihnen, ihr lebenslanges Denken in Stereotypen aufzugeben und alles zu ignorieren, was sie in früheren Briefings und in den Medien gehört hatten.

Meine Freunde in Dadaab waren so begeistert gewesen, als sie von meinem bevorstehenden Besuch im Weißen Haus erfuhren! Doch hier saß ich nun, in einem der höchsten Gremien der amerikanischen Politik, bereit, meinen ganzen Einfluss geltend zu machen, und trat auf der Stelle. Die Flüchtlinge, die von den kärglichen Rationen der Uno lebten und von NGOs geschult wurden, die Workshops über Demokratie und Geschlechtergleichstellung ausrichteten und Kampagnen gegen Genitalverstümmelung bei Frauen durchführten, gaben sich Illusionen hinsichtlich der Großzügigkeit der internationalen Gemeinschaft hin. Sie durften das Lager nicht verlassen und nicht regulär arbeiten, aber sie glaubten, die Welt müsse nur von ihrer Misere erfahren, dann werde man sogleich Maßnahmen ergreifen, um diesen unerfreulichen Dauerzustand zu beenden, der bedeutete, dass sie über Generationen in Lagern festgehalten wurden und ihre Kinder und Enkel in einem offenen Gefängnis in der Wüste zur Welt kamen. Aber die Beamten in dem grauen Raum sahen diese Angelegenheit nur aus einem Blickwinkel.

«Wenn es stimmt, was Sie erzählen», sagte der Mann im engen Anzug, «wie erklärt sich dann die Resilienz von Dadaab?» Was er meinte, war: Warum hatten sich nicht alle jungen Männer im Lager al-Shabaab angeschlossen? Ich musste an Nisho denken, den jungen Mann, der auf dem Markt als Träger arbeitete – wie sein Gesicht sich verfinstert hatte und er mitten im Interview davongestürmt war, als ich ihn fragte, warum er sich nicht der Miliz angeschlossen habe, schließlich sei die Bezahlung gut und er sei arm. Allein die Frage war eine Beleidigung. Für ihn und alle Flüchtlinge, die er kannte, war die al-Shabaab eine Gruppe von Verrückten, Mördern und Verbrechern. Ich musste an den ehemaligen Kindersoldaten Guled und viele andere wie ihn denken, die ins Lager geflohen waren, um den Extremisten zu entkommen – nicht um sich ihnen anzuschließen.

Aber der junge Beamte ließ nicht locker: «Dieses Bild, das Sie uns entwerfen: Verlust der Identität, Arbeitslosigkeit, feindliche politische Umgebung, prekäre Zustände – das klingt nach den perfekten Voraussetzungen für eine Radikalisierung …» In diesem Gespräch schien es nur zwei Sorten von jungen Leuten zu geben: Terroristen und potentielle Terroristen.

«Armut führt nicht zwangsläufig zu Extremismus», sagte ich. Im Geiste sah ich die stolzen Imame vor mir, die ihre Traditionen gegen mörderische und verderbliche Einflüsse verteidigten; den entschlossenen Jugendvertreter Tawane, der sein Leben aufs Spiel setzte, um verschiedenste Angebote für Flüchtlinge aufrechtzuerhalten, nachdem Hilfsorganisationen aus Angst vor Entführungen Reißaus genommen hatten; Kheyro, die für einen Hungerlohn die Kinder im Lager unterrichtete; Professor White Eyes, der im Lagerradio seine Berichte sendete. Wie konnte ich einen Eindruck von der enormen Würde, dem Mut und unabhängigen Geist dieser Menschen vermitteln, wenn sie in der Vorstellung der Politiker nur als potentielle Terroristen existierten?

«Sicher, sicher», sagte die Referatsleiterin. Es gab keine weiteren Fragen, und die Sitzung wurde frühzeitig beendet. Ich war in die klassische Falle des liberalen Lobbyisten getappt: Wenn keine Gefahr bestand, dass sich die Jugendlichen radikalisierten, dann musste sich der NSC vielleicht gar keine Gedanken um Dadaab machen, und seine Bewohner konnten bedenkenlos vergessen werden. Diese in der Politik verbreitete Einstellung hat eine falsche Debatte aufkommen lassen: Sowohl Befürworter als auch Gegner des «Kriegs gegen den Terrorismus» argumentieren zwangsläufig mit der Radikalisierungsthese – als hätten junge, mittellose Muslime nur eine Option.

Draußen war es bitterkalt. Auf der Rückseite des Weißen Hauses waren die Treppengeländer mit schwarzem Stoff behängt und ein riesiger aufblasbarer Kürbis schwebte über der sanft geschwungenen Rasenfläche. Die First Lady bereitete eine Party vor. Über uns brummte ein Hubschrauber, in dem ihr Mann saß. Ich war einmal sein Schüler gewesen, wir hatten uns bei einem Weihnachtsessen gegenübergesessen und uns Geschichten erzählt. Doch als ich jetzt vom Bürgersteig der Pennsylvania Avenue zu seinem Hubschrauber hochschaute, war er mir so fern wie der Sand von Dadaab. Die Menschen, die im Land seiner Vorfahren Zuflucht suchten, identifizierten sich mit seiner Geschichte, und doch konnte auch der mächtigste Mann der Welt ihnen nicht helfen. Sein Land war genauso wenig bereit, eine nennenswerte Anzahl somalischer Flüchtlinge aufzunehmen, wie irgendein anderes Land.

In einer Zeit, in der es mehr Flüchtlinge gibt denn je, kehrt die reiche Welt ihnen den Rücken. Unsere Mythen und Religionen sind durchdrungen von der Erfahrung des Exils, und doch behandeln wir deren lebenden Beispiele nicht als vollwertige Menschen. Stattdessen betrachten wir diejenigen, die vor den Religionskriegen des einundzwanzigsten Jahrhunderts in Syrien, Irak, Afghanistan, Somalia und anderswo fliehen, als potentielle fünfte Kolonne, als Bedrohung. Jedes Jahr wird nur eine Handvoll offiziell von der Uno transferiert und erhält Asyl in anderen Ländern. Tausende wählen deshalb den illegalen Weg, bezahlen Schleuser für einen Platz auf einem überfüllten Boot oder kriechen durch in Zäune geschnittene Löcher. Ich konnte den jungen Beamten hier im NSC verstehen, der sich so schwer damit tat, das Flüchtlingsdasein zu begreifen. Es ist erstaunlich, wie viele auf dem Meer sterben, weil sie sich nach einem anderen Leben und nicht etwa nach dem Märtyrertod sehnen. Tatsächlich sind das aber nur wenige. Mehrere Millionen, die große Mehrheit, leben weiter in Flüchtlingslagern. Über die Mitgliedsbeiträge an die Uno, die aus unseren Steuergeldern bestritten werden, sorgen wir alle mit Milliarden von Dollar dafür, dass diese Menschen auch dort bleiben. Im Falle Dadaabs bedeutet das, dass Schulen und Krankenhäuser vor Ort finanziert und jeden Monat 8000 Tonnen Lebensmittel in die glühend heiße Wüste transportiert werden, um die Menschen dort zu versorgen.

Dieses Buch bietet einen Einblick in den seltsamen Schwebezustand des Lagerlebens durch die Augen jener, die mir Einlass in ihre Welt gewährt und mir ihre Geschichten erzählt haben. Niemand will zugeben, dass die als Zwischenlösung gedachten Lager von Dadaab zu einer dauerhaften Einrichtung geworden sind: weder der kenianische Staat, in dessen Gebiet sie liegen, noch die Uno, die sie finanzieren muss, und schon gar nicht die Flüchtlinge, die dort leben. Es ist eine paradoxe Situation, und die Flüchtlinge bewegen sich dementsprechend auf unsicherem Boden. In der Zwickmühle zwischen dem anhaltenden Krieg in Somalia und einer Welt, die sie nicht aufnehmen will, können die Menschen im Flüchtlingslager nur überleben, indem sie sich ein Leben in einem anderen Land vorstellen. Ein verstörender Zustand: Weder Vergangenheit noch Gegenwart, noch Zukunft sind für sie Orte, an denen ihre Gedanken sicher verweilen können. In Dadaab, der Stadt der Verlorenen, zu leben bedeutet, in der Falle zu sitzen und im Geiste ständig zwischen den eigenen unerfüllbaren Träumen und der albtraumartigen Realität hin- und herzuspringen. Kurz: Um hier zu leben, muss man vollkommen verzweifelt sein.

KARTEN

DAS HORN VON AFRIKA

KENIANISCH-SOMALISCHE GRENZE

DIE FLÜCHTLINGSLAGER VON DADAAB (Stand: März 2012)

DAS FLÜCHTLINGSLAGER IFO (Stand: Januar 2012)

DAS FLÜCHTLINGSLAGER IFO 2 (Stand: Juni 2013)

DAS FLÜCHTLINGSLAGER HAGADERA (Stand: Januar 2012)

ERSTER TEIL MA’A LUL – HUNGERSNOT

1. DAS HORN VON AFRIKA

Im Gebiet der Somali hatte es zweieinhalb Jahre lang kaum geregnet. Vom Kap Guardafui, der äußersten Spitze des Horns von Afrika, die wie ein Dolch auf den Bauch von Jemen zeigt, bis zu den Hügeln Äthiopiens im Westen und den Hochebenen Kenias im Süden herrschte 2010 Trockenheit. Nomaden und Bauern sahen die Wolken vom Indischen Ozean über die roten Ebenen und gelben Hügel jagen, aber kein Regen fiel. Sie sahen, wie ihre Tiere schwächer wurden und ihr Getreide sich unter der Last des Staubes beugte, und begannen sich Sorgen zu machen.

Es gibt hier drei Jahreszeiten: hagar, jiilaal und gu. Hagar, von Mai bis September, ist die Jahreszeit des Windes, in der der Monsun über dem Indischen Ozean zunächst im Uhrzeigersinn bläst und das kühle Wasser des südlichen Meers die Küste Ostafrikas hinauftreibt, an Arabien, Iran und Pakistan vorbei bis nach Bombay – die alte Handelsroute der Suaheli. Seit mindestens 1000 v. Chr. sind die Dhauen im März nach Osten gesegelt und im September mit der nun gegen den Uhrzeigersinn verlaufenden Strömung, die das erwärmte Wasser wieder nach Süden bringt, zurückgekehrt. Wenn man mit dem Monsun segelt, braucht man nur drei Wochen von Somalia nach Indien. Gegen den Monsun kann die Fahrt drei Monate dauern und endet oft tödlich. Der Handel im Landesinnern des Horns von Afrika, Tausende Kilometer landeinwärts von den Hafenstädten Bosaso, Mogadischu und Kismayo, richtet sich bis heute nach diesen natürlichen Rhythmen.

Früher, als das Klima noch einigermaßen vorhersagbar war, endete hagar im Oktober mit den kurzen Regenfällen deyr, auf die dann die Trockenperiode jiilaal folgte, in der Hitze und Staub stetig zunahmen. So Gott wollte, steigerte sich die Hitze immer mehr, wurde allmählich feucht und ging schließlich in die ersehnte Regenzeit gu von März bis Mai über. Dann trieben die Bäume am Horn von Afrika leuchtend grün aus. Auf dem Sand erschien über Nacht ein Flaum von Gras. Die Kamele und Ziegen der Nomaden wurden fett.

Manchmal blieb die Regenzeit aus. Die Hitze, die sich immer weiter aufgebaut hatte, konnte nirgendwohin. Wenn dann hagar wiederkam, wurde der trockene Sand von Windhosen aufgewirbelt, die ein Eigenleben führten und überall hineingelangten. Die Tiere magerten ab, und die Nomaden beobachteten den Himmel voller Angst vor abaar, der Dürre. Blieb der Regen des gu mehr als ein Jahr aus, hatte das schlimme Folgen. In diesem Teil der Welt, wo der Überlebenskampf des Menschen so sehr von der Natur abhängt, waren Hunger und Krieg bisher immer Hand in Hand gegangen. Auch jetzt war die Regenzeit zwei Jahre hintereinander ausgeblieben, und die kurzen Regenfälle kamen gefährlich spät.

Unter dem bleiernen Himmel wurde den Menschen bang. Der Boden gab nichts mehr her, und so konnten sie keine Abgaben oder Steuern an die Machthaber, die al-Shabaab, zahlen. Diese benötigte so viel Geld wie nur irgend möglich zur Finanzierung ihres «massiven Kriegs» gegen die von der Uno gestützte und in ihren Augen aus Ungläubigen bestehende Regierung, die sie aus Mogadischu vertreiben wollte. Die Miliz zwangsrekrutierte ganze Lastwagen voller Männer, schickte sie in den Kampf und zog die magere Ernte als zakaht ein, als Beitrag zu ihrem Heiligen Krieg, sodass die Menschen hungern mussten.

Was alles noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass al-Shabaab jegliche Lebensmittelhilfe aus den USA verboten und das Welternährungsprogramm aus ihrem Gebiet vertrieben hatte. Gleichzeitig hatte das US Office of Foreign Assets Control (Exportkontrollbehörde des amerikanischen Finanzministeriums) Sanktionen gegen al-Shabaab verhängt, was bedeutete, dass Hilfsorganisationen, die die Miliz bezahlten, um ungehindert humanitäre Hilfe leisten zu können, mit Gefängnisstrafen rechnen mussten. Machten sich Schiffe von Hilfsorganisationen dennoch auf den Weg, riskierten sie, Piraten in die Hände zu fallen. Die Not der somalischen Bevölkerung war daher groß.

In den Gefechten von Mogadischu wurde um jede Straße gekämpft, mit Gräben, Heckenschützen und planlosen Bombardierungen. Die Kriegsanstrengungen der Miliz erforderten sämtliche verfügbaren Ressourcen und Männer; selbst Kinder wurden eingezogen, während zugleich die Wirbelstürme des nicht enden wollenden jiilaal den Staub von dem völlig ausgedorrten Boden aufwirbelten und alles bräunlich einfärbten. Die bevorstehende Tragödie sollte in Sepia gegeben werden.

Der Tod war allgegenwärtig, und so erschien es wie ein Wunder, dass überhaupt jemand im Land blieb. Niemand kennt die genaue Einwohnerzahl Somalias, aber man nimmt an, dass in den letzten zwanzig Jahren zwischen einem Drittel und der Hälfte der sechs bis acht Millionen Einwohner geflohen sind. Über anderthalb Millionen Flüchtlinge wurden im Ausland gezählt, viele davon in den Lagern von Dadaab. Zurückgeblieben sind nur die, die nicht einmal genug Geld für eine Fahrt mit dem Bus hatten, ihr Eigentum schützen wollten oder einfach den Verstand verloren hatten. Viele hatten Angst vor dem Ungewissen und zogen das bekannte Übel dem unbekannten vor. Andere hatten sich an das Roulette des Kriegs gewöhnt – es war einfach zu ihrem Leben geworden. Einer von ihnen war Guled.

2. GULED

Das letzte Mal hatte die Weltöffentlichkeit sich mit Somalia befasst, als 1993 zwei amerikanische Militärhubschrauber, Black Hawks, die an der Operation Restore Hope teilgenommen hatten, über Wardiighleey, einem dichtbebauten Stadtteil Mogadischus, abgeschossen wurden. Eine jubelnde Menschenmenge hatte die Leichname mehrerer US Special Forces Rangers durch die Straßen geschleift. Die USA und die Vereinten Nationen zogen sich aus Somalia zurück, und die Welt sagte sich von jeder Verantwortung für das Land los.

Ungefähr um die Zeit, als die beiden schwarzen Stahlvögel vom Himmel fielen, gebar die Frau eines ehemaligen Militäroffiziers der gestürzten Regierung des Diktators Siad Barre ein Kind. Guled kam in einem bescheidenen Haus in der Nähe des Stadions zur Welt, nur ein paar Straßen vom Absturzort entfernt, und in seiner Kindheit spielte er zwischen den Wracks der beiden Helikopter. Die schönen Boulevards, die imposanten Moscheen und Kathedralen, das omamisch, portugiesisch und italienisch geprägte alte Hafenviertel und die schimmernden weißen Villen lagen damals längst in Trümmern. Guled wuchs in einem Land ohne Regierung auf, in dem dauerhaft Bürgerkrieg herrschte, und er lernte, mit dem Strom zu schwimmen.

Er war ein schmächtiger Junge mit schmalem Kopf und flinken dunklen Augen, denen nichts entging, aber denen auch nichts abzulesen war. Als er das Jugendalter erreicht hatte, waren seine Eltern gestorben, in der Stadt hatten die Machthaber öfter gewechselt, als er zählen konnte, und er hatte die Kunst, nicht aufzufallen, perfektioniert. Er wohnte immer noch in seinem Elternhaus, zusammen mit seiner Schwester und einer zusammengewürfelten Gruppe anderer Kinder, denen der Krieg nach und nach die Eltern genommen hatte. Sie lebten von dem wenigen Geld, das seine ältere Schwester durch den Verkauf von Gebäck, Süßigkeiten und – wenn sie welches bekam – Benzin verdiente.

Während eine Million Somalier in die riesigen Flüchtlingslager Kenias, über das Meer nach Jemen oder zu Fuß durch die Sahara nach Libyen und dann Italien flohen, blieben er und seine Schwester in Mogadischu. Für Guled bedeutete das vor allem, dass er keinerlei Ambitionen entwickelte. «Ich habe keine Träume», sagte er oft in dem Bewusstsein, dass die Wahlmöglichkeiten in seinem Leben bis dahin unter dem Motto «weder – noch» gestanden hatten. Guleds Prioritäten waren Fußballspielen und Überleben.

Unglücklicherweise wuchs der fußballbegeisterte Guled genau in der Zeit auf, als die Union Islamischer Gerichte erstarkte und mit ihr auch al-Shabaab, ihre mächtigste Fraktion, die Fußball, Rauchen und Filme anzuschauen als dekadente Hobbys betrachtete und verbot. Im Jahr 2006 hatte die Union zunächst Anlass zur Hoffnung gegeben. Nach fünfzehn Jahren des Konflikts schienen sich die Warlords in einen Stillstand gekämpft zu haben, und für einen kurzen Moment sah es so aus, als könnte es in Somalia unter dem Banner der Scharia zu einem strengen Frieden kommen. Aber die Vorstellung einer islamischen Regierung machte Äthiopien und die USA nervös, und so marschierte Äthiopien mit finanzieller Unterstützung der USA und einiger anderer Staaten in Somalia ein, um die Union Islamischer Gerichte zu entmachten. Das geschah 2007 mit erstaunlicher Geschwindigkeit, Gewalt und Grausamkeit: Die äthiopische Armee legte Mogadischu in Schutt und Asche und hinterließ im ganzen Land eine Schneise der Verwüstung – geplünderte Wohnhäuser, massakrierte Zivilisten, vergewaltigte Frauen –, während jene, die den Einmarsch finanziert hatten, einfach wegschauten.

Mit Unterstützung der Uno installierte Äthiopien eine Marionettenregierung, die sogenannte Übergangsregierung Somalias (Transitional Federal Government, TFG), und richtete einen Stützpunkt in dem Stadion nahe Guleds Haus ein. Wenn es ruhig war, spielte Guled nach der Schule dort in der Nähe Fußball, aber die Spiele wurden oft vorzeitig durch Explosionen beendet. Die Union Islamischer Gerichte war zwar besiegt worden, aber ihr radikaler Kern, al-Shabaab, hatte Auftrieb bekommen und wollte Rache. Die westlichen Regierungen, die nicht noch einmal ihre Streitkräfte in Gefahr bringen wollten, bezahlten eine afrikanische Friedenstruppe, Amisom, die die Übergangsregierung schützen sollte. Doch die ugandischen und burundischen Soldaten, die mit dieser Mission beauftragt wurden, hatten solche Angst vor al-Shabaab, dass sie einfach ein verzweifeltes, planloses Granatfeuer aufrechterhielten. Al-Shabaab wiederum schoss mit Raketen auf die Amisom-Basisstationen, ohne groß auf Zielgenauigkeit zu achten. In Guleds früher Jugend war schwerer Beschuss Alltag; die Gegenoffensive von al-Shabaab trieb Amisom allmählich Richtung Meer und die Äthiopier zurück nach Hause.

Guled erlebte Äthiopiens Kapitulation auf dem Fußballplatz: Eines Tages erschien eine Miliz auf dem Platz und beendete das Spiel. Die Strenggläubigen mit ihren schwarzen Uniformen und Kopfbedeckungen tadelten die Jungen, weil sie kurze Hosen trugen und während der Gebetszeit Fußball spielten. Al-Shabaab nahm das Stadion in Besitz und machte es zu dem Ort, an dem sie Verräter, Spione, Ungläubige und andere, die ihrer Meinung nach Fehler begangen hatten, zur Schau stellten. Die Milizionäre schnitten Menschen die Hände ab, steinigten oder köpften sie, alles gemäß ihrer Interpretation des islamischen Rechts. Man konnte dafür bestraft werden, dass man Musik hörte, seinen Bart abrasierte oder ein Kleid trug, das zu dünn oder nicht lang genug war. Manchmal filmten sie die Bestrafungen und stellten die Aufnahmen ins Internet, um die Dschihadisten im Ausland zu beeindrucken.

Harakat al-Shabaab al-Mujahideen – die Bewegung der Mudschaheddin-Jugend oder kurz Jugend – war schwer zu fassen: Sie herrschte mittels einer Mischung aus Charisma, Einschüchterung und blinder Zerstörungswut. Die Milizionäre drangen in Schulen ein, nahmen Schüler als Geiseln und versuchten sie dann mit ideologischen Vorträgen von ihrer Sache zu überzeugen. Teilweise schien die Propaganda durchaus schlüssig. Der Dschihad sei notwendig, hieß es, um Somalia von Eindringlingen wie Äthiopiern, Amerikanern und Christen zu befreien. Al-Shabaab gab einen auf Suaheli verfassten Newsletter mit dem Titel «Gaidi Mtaani – Terrorist auf der Straße» heraus. «Menschen auf der ganzen Welt», wurde darin verkündet, «haben von Somalia gehört und denken, man könne hier nicht leben.» Aber wir sind doch hier, sagten daraufhin die Jugendlichen. Und einen Moment lang sahen sie womöglich ein anderes Leben vor sich.

Al-Shabaab schien in vielfacher Hinsicht recht zu haben. In dem Newsletter war zu lesen, die internationale Hilfe für Somalia verfolge den Zweck, die somalische Landwirtschaft zu ruinieren und eine Abhängigkeit von Nahrungsmitteln aus dem Ausland herbeizuführen; beides waren tatsächlich Nebeneffekte der Hilfsaktion gewesen. Es hieß, der Westen wolle die Somalier «wie Tiere in Lagern halten» – eine präzise Beschreibung von Dadaab. Die größte Wirkung auf Guleds traumatisierte Generation hatte allerdings die rhetorische Frage, die abschließend gestellt wurde: «Warum marschiert man in ein Land ein, das nach fünfzehn Jahren Bürgerkrieg soeben beschlossen hat, in Frieden zu leben?» Die Union Islamischer Gerichte hatte Frieden gebracht. Sie war äußerst populär gewesen, und die Somalier hatten den von den USA finanzierten Einmarsch Äthiopiens übelgenommen. «Die Vereinigten Staaten können sich nicht mit einer Situation abfinden, in der der Islam die Lösung ist», wurde behauptet. Und für viele schien das die Wahrheit zu sein.

Die Botschaft wurde von Werbern auf Spielfeldern und Spielplätzen verbreitet, ebenso von Lehrern, die al-Shabaab den Schulen aufgezwungen hatte. Aber es war nicht nur eine Frage der Ideologie. «Eine ganze Generation», klagte ein Lehrer, «schließt sich den Milizen an, um nicht zu verhungern.» Er ging sogar dazu über, seine Schüler zu bezahlen, damit sie die Schule besuchten, statt sich dem Kampf anzuschließen. Aber in einer gesetzlosen Stadt wie Mogadischu war Geld wenig wert, weil es einem jederzeit von Bewaffneten gestohlen werden konnte, und die Jungen hatten einen Sprechgesang entwickelt, der ihre Lage zusammenfasste: «Ohne Waffe kein Leben.» Al-Shabaabs Werber hatten es erschreckend leicht.

Guled war ein normaler Junge; er mochte Musik und den Fußballverein Manchester United, und er wollte mit al-Shabaab nichts zu tun haben. Aber man hatte nicht unbedingt die Wahl. Manchen Kindern, die sich verweigerten, wurden die Hände abgehackt. Ein Junge aus der Nachbarschaft hatte nein gesagt, als die Werber bei ihm anklopften. Sie nahmen ihn trotzdem mit. Am nächsten Tag fand seine dreizehnjährige Schwester seinen Kopf vor der Haustür: eine unmissverständliche Warnung.

Al-Shabaab war auch in Guleds Schule gekommen, die Shabelle-Volksschule, die in einem modernen Betonbau neben der alten Spaghettifabrik im Stadtteil Yaqshid untergebracht war. Im vorangegangenen Jahr war die Schule für kurze Zeit geschlossen worden, nachdem al-Shabaab eine Eltern-Lehrer-Versammlung abgehalten hatte, bei der die Eltern gezwungen wurden, eine Erklärung zu unterschreiben, in der sie ihren Kindern erlaubten, sich der Gruppe anzuschließen.

Später wurden auf dem Bakaara-Markt die Leichen zweier Väter gefunden, die nicht unterschrieben hatten; an ihre Kleidung war jeweils ein Zettel geheftet, auf dem stand, welche Folgen es hatte, wenn man seinen Kindern den Beitritt verbot. Die Männer waren erschossen worden.

Wenn die Kämpfe zu heftig wurden oder zu nah kamen, wenn man vor einem Granatwerfer hinter sich fortlief, nur um sogleich einen anderen vor sich zu sehen, flüchteten Guled, seine Schwester und ihre Freunde nach Warshadeh, einem ehemaligen Industriegebiet am Stadtrand. Sobald sich die Lage beruhigt hatte, schlichen sie wieder zurück, um zu schauen, ob ihr Haus noch stand. Man konnte nie vorhersehen, wann die Geschosse niederhageln würden. Nachts beobachteten sie den Himmel, um herauszufinden, in welche Richtung gerade gefeuert wurde. Die Katjuscha-Raketen, die foriya (Pfeifer) genannt wurden, kündigten sich durch ein typisches Geräusch an, so dass man rechtzeitig in Deckung gehen konnte. Aber die Granaten – hobiya – hörte man nicht kommen. Ihre Flammen waren so heiß, dass sie ein metallenes Bettgestell zum Schmelzen bringen konnten. Unzählige Male rannten die Kinder fort und kamen wieder zurück. Ende 2009, ungefähr zu der Zeit, als al-Shabaab in Guleds Schule auftauchte, schlug eine dieser stummen Granaten bei ihnen in der Straße ein, füllte die Straßen mit Verletzten und das Haus von Guled und seiner Schwester mit Granatsplittern.

Guled und seine Schwester entschlossen sich zu fliehen – über das Industriegebiet hinaus aufs Land, an einen Ort namens Debideh in der Nähe des zerstörten Arafat-Krankenhauses. Dort suchten sie sich einen Baum, spannten zum Schutz vor der sengenden Sonne ein Stück Stoff über die Dornen und schliefen auf dem Sand, so wie tausend andere auch. Niemand hielt sich die Kriegssituation vor Augen und erwog rational seine Möglichkeiten – man traf Entscheidungen wie ein Bergsteiger in einer tückischen Felswand, der sich immer nur auf die nächste Bewegung konzentriert, um am Leben zu bleiben. Die Kinder gehörten nun zu den 870.000 Menschen, die seit dem Einmarsch Äthiopiens 2007 aus ihren Häusern vertrieben worden waren.

Ein Jahr vor dem Einmarsch hatte das betriebsame Mogadischu noch eine 1,2 Millionen starke Bevölkerung gehabt. Jetzt war die Stadt ein Beleg dafür, was äthiopische Mi-24-Kampfhubschrauber, T-55-Panzer und Amisom-Granatwerfer anrichten konnten. Mogadischu war zur Geisterstadt geworden. Viele von denen, die noch dort waren, zwischen den Ruinen herumhuschten, durch die gespenstischen Straßen streiften, mit den Krähen um einen Bissen Nahrung kämpften, waren Kinder: Mogadischus Waisen, von ihren Eltern hinterlassen oder im Chaos von ihnen getrennt. Die Zahl der von Kindern geführten Haushalte schoss in die Höhe; alles Kinder, die irgendwie zu überleben versuchten. Einem gescheiten Jungen, der Auto fahren konnte, eröffnete das gewisse Möglichkeiten.

Und Guled hatte Glück. Erwachsene Männer waren rar, und so ergatterte er einen Job als Fahrer eines Kleinbusses. Morgens verließ er seinen Unterschlupf unter dem Baum, um in die Schule zu gehen, und abends fuhr er die Route am Stadtrand, die durch das von al-Shabaab kontrollierte Gebiet führte: Arafat – Warshadeh – Towfiq – Afgoye – El-Shabiye. Manchmal ging er in die Innenstadt, nach Hodan und Tarbuunka, und sah dort die Slums, wo die Leute in notdürftig aus Ästen, Stoff und Plastik errichteten Unterkünften zwischen den Ruinen hausten. Er sah sie im Stadion lagern, im Mittelschiff der zerbombten, dachlosen Kathedrale, auf Brachland neben dem Parlamentsgebäude, dem Hafen und in zahllosen kleinen Zeltlagern dazwischen, die auf handgeschriebenen Blechschildern ausgewiesen waren. Sie trugen schöne Namen, «Lager des Erlösers» oder «Lager der Barmherzigkeit», aber alle wussten, dass diese Namen Lügen waren. Die Wächter, die die Lager kontrollierten, nutzten die Anwesenheit von Binnenflüchtlingen als Vorwand, um Hilfsgüter zugeteilt zu bekommen, die sie dann unterschlugen.

Manchmal wenn Guled seinen Kleinbus über die Frontlinie in das Stadtgebiet an der Küste steuerte, in dem sich die Übergangsregierung Somalias noch mit letzter Kraft hielt, verlangten die ugandischen Soldaten, die an den Kontrollpunkten in ihren dicken Splitterschutzwesten schwitzten, Geld von ihm, einmal nahmen sie ihm auch sein Handy ab. Sie betrachteten alle Leute, die aus dem al-Shabaab-Territorium kamen, als Terroristen und behandelten sie entsprechend. Das ganze Gebiet war von beschusssicheren Schutzwällen umgeben, sandgefüllten Schanzkörben aus grünem Maschendraht, und die Straßen waren voller Männer, die Sonnenbrillen und verschiedenfarbige Uniformen trugen. Es gab Soldaten der Friedenstruppe, des Militärs, der Polizei und sogar spezielle Verkehrspolizisten, die den Verkehr auf dem K4-Kreisverkehr mit Schüssen regelten. Auf diesem Gebiet von etwas mehr als einem Quadratkilometer gab es ein Übermaß an Bewaffneten mit internationaler Besoldung.

Auf dem Rückweg in das von al-Shabaab kontrollierte Gebiet hielt Guled mit seinem Bus ein Stück hinter dem Kontrollpunkt an und bat alle weiblichen Passagiere, sich nach hinten zu setzen; al-Shabaab erlaubt nicht, dass Frauen und Männer zusammensitzen. Aber manchmal gab es gebrechliche alte Frauen, die sich nur schwer hinten hätten hineinzwängen können, und Guled wollte sie nicht nötigen. Für diese Freundlichkeit musste er dann nicht selten unterwegs anhalten, aussteigen und zwanzig Stockschläge über sich ergehen lassen. Er lernte, diese Bestrafung widerspruchs- und emotionslos hinzunehmen. Das Gleiche konnte passieren, wenn er versuchte, ein anderes Fahrzeug zu überholen. Auf al-Shabaabs Straßen wurde nicht überholt. Gott wollte, dass man wartete, bis man an der Reihe war.

Anfang 2010 zogen Guled und seine Schwester in eine größere Siedlung von Vertriebenen am Stadtrand, wo Hilfsorganisationen mit der Zustimmung von al-Shabaab Essen und Zelte ausgaben. Das Lager nannte sich El-Shabiye – «die Brunnen». Das Leben hatte hier zumindest eine gewisse Struktur, was im Krieg schon viel bedeutete. Guled erinnert sich beinahe gern an diese Zeit. Es gab genug zu essen, und er hatte Geld. Morgens ging er in die Schule, nachmittags fuhr er den Bus, und abends sah er zu, wie der Kampf um die Stadt den Himmel erleuchtete.

Im August 2010, als der Regen ausblieb, führte al-Shabaab die sogenannte Ramadan-Offensive durch, einen letzten Vorstoß gegen Amisom. Eine Weile sah es so aus, als würde Mogadischu zur ersten Hauptstadt, die in die Hände von Extremisten fiel, seit die Taliban 1996 Kabul eingenommen hatten. Aber die USA schickten private Sicherheitsfirmen, die bei Amisom Scharfschützen ausbildeten, und Waffen – womit sie gegen das UN-Waffenembargo verstießen –, und bereits im Oktober sah es nicht mehr gut aus für al-Shabaab, die immer unwilligere und unerfahrenere Rekruten aus den dürregeplagten ländlichen Regionen herankarrte. Innerhalb von drei Monaten hatte sie geschätzte 1300 Kämpfer verloren, und weitere 2300 Zivilisten waren umgekommen. Trotz alledem wollten Guled und seine Schwester nicht weg, denn sie hatten in El-Shabiye genug zu essen und ein Einkommen, und mit beidem konnten sie anderswo nicht rechnen.

«Nur die Armen sind jetzt noch in Mogadischu», sagte mir ein Mann, der vor den Kämpfen nach Kenia in das Lager von Dadaab geflohen war, aber das war nur die halbe Wahrheit. Um zu fliehen, brauchte man dreierlei: Geld, Mut und Phantasie. Geld, weil nichts in Somalia kostenlos und Transport bei großer Nachfrage teuer war. Mut, weil die Strecke nach Süden ein Spießrutenlauf zwischen Kontrollpunkten, gesetzlosen Milizen und Banditen war, die im Schnitt jedes dritte Fahrzeug auf dem Weg zur Grenze überfielen. Und Phantasie, denn für einen von den Kriegswirren geprägten Geist ist es nicht unbedingt naheliegend, dass es an einem anderen Ort ein besseres Leben geben könnte. Daher war es hilfreich, jemanden zu kennen, der woanders lebte. Guled kannte einen Jungen, Noor, der nach Kenia geflohen war, aber Guleds Schwester – seine unmittelbare Familie – war in Mogadischu, und Solidarität bedeutete in gewisser Hinsicht genauso viel wie das Überleben selbst.

Deshalb ging er an jenem Morgen im Oktober 2010 ganz normal zur Schule. Nachdem er das Klassenzimmer gefegt hatte, stellte sich Guled morgens um sieben mit den anderen verbliebenen Schülern im Hof in einer Reihe zum Appell auf, zur sogenannten Motivationsrunde. Wie üblich las dabei ein Schüler die Ergebnisse der Sportwettkämpfe zwischen den einzelnen Klassen vor, ein anderer rezitierte Verse aus dem Koran. Zwei Mädchen lasen Gedichte vor, eins auf Englisch und eins auf Somali. Ein Mädchen führte einen lustigen Sketch auf. Danach gab ihnen Abdirashid, der Lehrer, noch einen dringenden Rat. In den letzten Wochen habe al-Shabaab angefangen, Kinder aus anderen Schulen der Stadt zu entführen, deshalb: «Geht nach der Schule direkt nach Hause, und wenn ihr Männer von al-Shabaab seht, geht ihnen aus dem Weg.»

Es war bemerkenswert, dass überhaupt noch Kinder in die Schule gingen. In diesem Jahr war nur ein Viertel der in Somalia lebenden Kinder überhaupt in der Schule angemeldet, und von diesen kam in Mogadischu mittlerweile die Hälfte nicht mehr. Aber einige Schüler blieben dabei. Fegten die Klassenzimmer. Läuteten die Glocke. Nahmen den mühsamen Weg auf sich und erschienen zum Unterricht. Genau wie al-Shabaab hatten sich auch die Lehrer einer Idee verschrieben – sie versuchten mit aller Macht, eine ganze Generation vor Zynismus und Verzweiflung zu bewahren.

In der Pause kaufte Guled Samosas. In der Schuluniform aus gelbem Hemd und blauer Hose waren er und die anderen Kinder die einzigen Farbtupfer inmitten des weißen Schutts und der grauen zerklüfteten Ruinen der Stadt. Die Schüler schlängelten sich durch das Schultor hinaus und wieder hinein, drängten sich um den Essensstand, an den Geschützdonner in der Ferne längst gewöhnt.

Nach der Pause ging Guled ins Klassenzimmer zurück und stellte die Tische um, während ein anderer Junge die Tafel putzte. Disziplinierungsmaßnahmen waren an der Shabelle-Volksschule kaum je erforderlich. Guled erinnert sich noch genau daran, was als Nächstes geschah.

Abdirashid, der Lehrer, schrieb in die linke obere Tafelecke das Datum und das Fach: Geographie. Als er sich der Klasse zuwandte, sah sein Gesicht plötzlich angespannt aus, alarmiert. Hinten im Klassenzimmer erblickte Guled fünf Männer, ganz in Schwarz gehüllt, so dass nur ihre Augen zu sehen waren. Sie hatten Sturmgewehre geschultert und inspizierten ganz ruhig das Klassenzimmer. Zwei von ihnen gingen zum Lehrer, fassten ihn schweigend an den Armen und führten ihn hinaus. Drei andere Kämpfer schritten zwischen den Schulbänken hindurch und begannen, auf die größeren Jungs zu deuten, während die ganze Klasse wie erstarrt zusah. Das Deuten wurde von einer Stimme begleitet, die auf Somali sagte: «Aufstehen … Aufstehen … Aufstehen …» Ein Finger zeigte auf Guled. Seine Lippen begannen zu zittern. Ihm wurde flau im Magen. Stille erfüllte den Raum, zerbrechlich wie Glas.

«Aufstehen!», sagte der Mann. Guleds unmittelbarer Gedanke war, dass er sterben würde. Entweder im Kampf oder für ein Verbrechen, das er nicht als solches begriff: dass er Fußball spielte, kurze Hosen trug, Musik hörte, eine weltliche Schule besuchte – er hatte sich diverser Vergehen schuldig gemacht. Sein zweiter Gedanke war, dass er nie wieder nach Hause kommen würde.

Sechs Jungen standen jetzt. Der Rest der Klasse hielt den Atem an. Keiner rührte sich. Einer der Kämpfer sagte in unheilvollem Ton: «Ihr werdet gegen die Christen und die Regierung der Ungläubigen kämpfen. Heute war euer letzter Schultag.»

Mit diesen Worten trieben die bewaffneten Männer die Jungen durch den Flur hinaus, auf einen Pritschenwagen mit Segeltuchplane, der auf der Straße wartete. Zwei andere Pritschenwagen voller bewaffneter Männer standen dahinter. Guled sah noch, dass sein Lehrer Abdirashid bereits auf der Ladefläche war, dann wurden ihm die Augen verbunden. Er konnte hören, wie die anderen Kinder munter weiter ihre Lektionen aufsagten. In weniger als zwei Minuten war Guled zu einem der zweitausend Kinder geworden, die in jenem Jahr in Somalia entführt wurden. Sein Herz hämmerte wie verrückt. Es wunderte ihn, dass seine Hände nicht gefesselt waren, und er klammerte sich an der Bank fest, auf der er saß, während der Laster im Zickzack durch die Straßen von Mogadischu raste.

3. MARYAM

Als man ihm die Augenbinde abnahm, sah Guled, dass er unter einem Baum stand. Sie waren jetzt nur noch zu fünft. Abdirashid und einer der anderen Jungen waren fort. Dafür saßen einige Jungen auf dem Boden, die er nicht kannte. Ein hellhäutiger, schwarzgekleideter Mann mit üppigem Bart und nicht verhülltem Gesicht sagte mechanisch auf Somali zu ihnen: «Ihr müsst für den Islam arbeiten und sterben»; dann ließ er sie unter dem Baum sitzen und warten.

Der Baum stand auf einer weiten freien Fläche. Auf einer Seite sah man niedrige Gebäude, wo Bewaffnete ein und aus gingen. Das Lager war von einem Zaun aus dünnen Stöcken umgeben, über den man leicht hätte klettern können, doch nicht der Zaun machte das Lager zum Gefängnis, sondern die Angst. Die neuen Rekruten unterhielten sich aufgeregt darüber, ob sie wohl Selbstmordwesten würden anziehen müssen oder Essen an die Front bringen oder die Leichname gefallener Mudschaheddin bergen. Sie alle wussten, was mit denjenigen passieren konnte, die sich weigerten zu kämpfen, und schlimmer noch, was ihren Familien zustoßen konnte, wenn sie flohen. Guled hatte jetzt noch jemand anderen, an den er denken musste. Er drehte einen Ring mit farbigem Stein, den er am Mittelfinger trug. Es war ein Ehering. Und zu seiner Überraschung war trotz all seiner Ängste sein drängendstes Gefühl der Wunsch, seine neue Frau wissen zu lassen, dass er am Leben war.

Maryam war ein ruhiges, entschlossenes Mädchen mit rundem Gesicht und makelloser Haut. Wie Guled war sie mit ihrer Familie in eine der Siedlungen im Afgoye-Korridor geflohen. Es war von der Stadt aus gesehen das erste Gebiet, in dem nicht mehr gekämpft wurde, und zugleich die erste Anlaufstation für alle, die vor der Dürre auf dem Land flohen. Ende 2010 war der Korridor, in dem sich mehr als eine halbe Million Vertriebene drängten, ein riesiger Slum, der von al-Shabaab kontrolliert wurde. Auch Maryam ging in der Stadt zur Schule und fuhr von El-Shabiye aus jeden Tag mit dem Bus, den auch Guled nahm.

In der Öffentlichkeit mit einem Jungen zu reden ist für ein somalisches Mädchen ein riskantes Unterfangen. In der dichtbevölkerten Flüchtlingssiedlung, die kaum mehr war als ein gigantisches Zeltlager, war man nie ungestört. Die beste Gelegenheit für ein Gespräch war die Busfahrt, während der sie viel Zeit hatten, sich zu unterhalten und, wie Guled es ausdrückte, «die Liebe wachsen zu lassen». Guled konnte nicht genau sagen, was er an ihr so mochte – «es ist einfach so ein Gefühl». Für Maryam war es seine Bedächtigkeit – er war nicht unbesonnen, kein Hitzkopf, sondern im Vergleich zu den anderen Jungen, die sie kannte, von seltener Gelassenheit.

Gemäß dem 1975 unter dem Diktator Siad Barre erlassenen Familiengesetz ist das Mindestalter für die Eheschließung in Somalia achtzehn Jahre. Wie effektiv das Gesetz vor dem Bürgerkrieg auch gewesen sein mochte, jetzt hatte es keinerlei Wirkung mehr. Fast die Hälfte der Mädchen in Somalia heiraten vor dem achtzehnten Lebensjahr. In einigen Landesteilen gilt ein Mädchen als heiratsfähig, sobald seine Brüste zu wachsen beginnen. Zwangsheiraten sind häufiger geworden – sie sind ein Weg für die Familie der Braut, an Geld zu kommen und ein hungriges Maul weniger stopfen zu müssen. Die Liebe eines mittellosen Mannes allerdings ernährt niemanden, weshalb Jugendliche, die nicht das nötige Geld für eine offizielle Verlobung haben, dem üblichen Prozedere oft vorgreifen und sich absichtlich entwerten, indem sie durchbrennen und heimlich heiraten.

Traditionsgemäß müssen sich Paare, die ohne Erlaubnis heiraten wollen, mindestens neunzig Kilometer von ihrem Heimatort entfernen, bevor sie den Bund fürs Leben schließen können. Aus diesem Grund ist die Stadt Woloweyne, die einundneunzig Kilometer von Mogadischu entfernt liegt, zum somalischen Las Vegas geworden, wo sich ein «rent-a-sheikh» an den anderen reiht. Vier Monate vor seiner Zwangsrekrutierung hatten Guled und Maryam in der sicheren Annahme, dass sie niemals das nötige Geld für eine offizielle Verlobung aufbringen würden, die Schule geschwänzt und den Bus nach Woloweyne genommen. Am Straßenrand stellten sie sich mit anderen Paaren bei einem schäbig aussehenden Imam an. Die Zeremonie kostete 40.000 somalische Schilling (etwa zwei Dollar) und dauerte zehn Minuten. Der Imam hob unter einem Baum ein Buch und eine Gebetsschnur hoch, murmelte ein paar Worte, und damit waren Guled und Maryam verheiratet; er war sechzehn, sie siebzehn.

Die Frischvermählten schafften es drei Monate lang, ihr Geheimnis zu wahren, dann erreichten Maryams Mutter Gerüchte. Nach beträchtlicher Aufregung gelang es Guled, seine Schwiegermutter so weit zu beruhigen, dass sie eine Delegation von Onkeln im Familienzelt empfing. Diese Onkel segneten seine ohne Erlaubnis erfolgte Heirat mit Maryam offiziell ab, und alle waren zufrieden, als zur Entschädigung eine Mitgift von zwei Millionen somalischen Schilling (ungefähr fünfzig Dollar) vereinbart wurde. Guled erklärte sich bereit, das Geld in Raten abzuzahlen, sobald er konnte. Außerdem hatte er sein Zelt mit den Attributen des Ehelebens ausgestattet, mit Kochutensilien und einem Bett. Sie waren jetzt ein Ehepaar – der Krieg ließ eine ganze Generation schneller erwachsen werden. Ihr Glück währte jedoch nicht lange.

Mittags kamen weitere Kämpfer. Die Sonne brannte durch das Laubdach des Baums, unter dem sich die neuen Rekruten nicht vom Fleck gerührt hatten. Die Kämpfer befahlen den Jungen, sich in einer Reihe aufzustellen, gaben ihnen Suppe und Brot und danach ihre Uniformen – schwarze Hosenanzüge, die bei den Somali futushari heißen. Später trennte der hellhäutige Kommandant die Freiwilligen von den Eingezogenen und teilte sie dann noch nach dem Alter auf. Die Älteren kämen «aufs Schlachtfeld», erklärte der Kommandant, die Jüngeren dagegen, so auch Guled, wurden mit Stöcken und Peitschen ausgerüstet und mussten in einen Transporter steigen. Die Sonne hatte den Zenit überschritten, und die Zeit für das Nachmittagsgebet, asad, nahte. Man befahl ihnen, zum Markt zu gehen und dafür zu sorgen, dass während des Gebets kein Laden geöffnet war. Guleds Schicksal war jetzt klar: Er würde zur hizbat gehören, der Polizei von al-Shabaab. Da die erwachsenen Männer an der Front gebraucht wurden, füllte al-Shabaab die Lücken bei der hizbat mit entführten Kindern.

Für die willigen Rekruten war es eine Enttäuschung, bei der hizbat eingesetzt zu werden; sie hatten davon geträumt, zur amniyat zu gehören, der gefürchteten geheimdienstlichen Abteilung von al-Shabaab, oder zur istishahadyin, der Einheit der Selbstmordattentäter. Für Letztere gab es eine Warteliste – wer sich im Namen Gottes in die Luft sprengen wollte, musste drei Jahre warten, und nur die besten Kämpfer wurden dafür ausgewählt. Für Guled war es jedoch das kleinere Übel, der hizbat zugewiesen zu werden.

Die Aufgaben der hizbat waren vergleichsweise banal. In den al-Shabaab-Gebieten waren sie für die Wahrung von Gesetz und Ordnung zuständig, was auch die Erfüllung der religiösen Pflichten und den Erhalt der kulturellen und nationalen Reinheit umfasste. Al-Shabaab hielt die somalischen Traditionen hoch, wie zum Beispiel, Hosen zu tragen, die über den Knöcheln endeten, und Sandalen statt Schuhen – eben alles, was ihnen als einheimischer Stil galt. Männer, so erinnert sich Guled, sollten keine «Balotelli»-Frisur haben (so benannt nach dem auffälligen Haarschnitt des Stürmers, der damals bei Manchester City spielte), keinen Irokesenschnitt, keinen Bürstenschnitt, keine Dauerwelle. Die Frauen dagegen wurden ermuntert, gemäß dem von al-Shabaab bevorzugten Kleidungsstil schwere, dicke Hidschabs aus Polyester zu tragen statt der luftigeren, farbenfrohen Baumwollstoffe, die das somalische Küstenland ein Jahrhundert zuvor reich und berühmt gemacht hatten, der Miliz aber zu transparent waren. Al-Shabaab hatte ein schizophrenes Verhältnis zur Moderne, was sich oft in Scheinheiligkeit äußerte. 2014 etwa verbot die Miliz die Nutzung des Internets und zwang die wichtigsten Telefongesellschaften in Somalia, das 3G-Signal in Mogadischu abzuschalten, während zugleich al-Shabaabs Medieneinheit einen aktiven Twitteraccount unterhielt und al-Shabaab-Kommandanten über ihre iPads Interviews gaben.

Nach einer kurzen Fahrt setzte der Transporter die hizbat-Patrouille auf dem Markt von El-Shabiye ab, und Guleds Herz fing wieder an zu hämmern. Das al-Shabaab-Lager war nur zehn Minuten von seinem Zelt entfernt, zehn Minuten von Maryam. Die fünfzehn Jungs der Patrouille schwärmten auf der Straße aus. Als die Geschäftsleute von El-Shabiye die Kindersoldaten kommen sahen, begannen sie von selbst, ihre Läden zu schließen; sie kannten die Gesetze, und sie kannten die Strafen für Gesetzesverstöße. Prügel waren Routine. Hatte man Musik oder anstößige Bilder auf seinem Handy, wurde man womöglich gezwungen, seine SIM-Card hinunterzuschlucken. Rauchern wurde oft mit ihrer eigenen Zigarette das Gesicht versengt. Ein Mann, der in El-Shabiye verprügelt worden war, weil er geraucht hatte, brach in Tränen aus, als er später davon erzählte – nicht wegen der erlittenen körperlichen Schmerzen, sondern weil es ihn so peinigte, dass ihn Kinder angegriffen hatten. Guled könnte durchaus dabei gewesen sein.

Zwei Wochen lang war der Ablauf gleich. Die Patrouille ging am Rand des Markts entlang, kontrollierte die Verfallsdaten auf abgepackten Lebensmitteln und Dosen und hielt Fahrzeuge an, die während der Gebetszeiten unterwegs waren. Die Jungen liefen Streife in der improvisierten Stadt, wo die Vertriebenen, darunter auch Guled, ihre Zelte und armseligen Hütten errichtet hatten. Und eines Tages trafen sie an einer Ecke auf zwei Mädchen und einen Jungen, die vor dem Tresen eines noch geöffneten Ladens standen. Eines der Mädchen hielt eine Tüte mit Gemüse in der Hand.

«Halt!», schrie der Anführer der Patrouille. Die Kinder drehten sich um und erstarrten.

«Hinlegen!» Die Patrouille wusste, was sie zu tun hatte. Die beiden Jungen mit den Peitschen traten vor. Die anderen blieben stehen und sahen zu. Vom staubigen Boden schauten die verängstigten Mädchen zu den schwarzgekleideten Jugendlichen auf. Guled starrte das ältere Mädchen an und konnte den Blick nicht abwenden, obwohl nach dem Schock des Wiedererkennens alles in ihm darauf drang.

Es war Maryam. Ihre Blicke trafen sich. Er spürte, wie sein Körper in der schwarzen Uniform vor Scham und Angst glühte. Er sah, wie sich mit einem Schlag stummes Entsetzen auf ihrem Gesicht ausbreitete, ehe er sich schließlich abwandte und mit aller Macht gegen die Tränen ankämpfte, in der Hoffnung, dass keiner der anderen es bemerkte. Maryam wusste, dass ein einziges Wort sie beide ins Verderben stürzen konnte, also blieb sie stumm, während die Peitsche auf ihren Rücken und den ihrer Schwester und ihres Cousins niedersauste. Sie hatte von Freunden erfahren, dass Guled aus der Schule entführt worden war. Jetzt wusste sie, was das bedeutete.

Die Tage verstrichen, und die Zwangsrekrutierten rechneten ständig mit irgendeinem schrecklichen Befehl. Das Lager war ein Ort der Verdächtigungen. Schon ein kurzer Blick konnte folgenreich sein, und jede Unterhaltung hatte viele Bedeutungsebenen. Abends nach ihrem Rundgang aßen die Jungen von Guleds Gruppe gemeinsam, und dann saßen sie zusammen und erzählten sich Geschichten – sorgsam ausbalanciert, so dass sie interessant genug waren, aber nicht zu viel über ihre wahren Gedanken verrieten: Man wusste nicht, welcher Junge den Anführern Bericht erstattete, doch dass irgendeiner es tat, stand außer Frage. Nachts schliefen sie alle auf Matten unter den Bäumen.

Nach einem Monat hielt der Kommandant mit dem üppigen Bart eine Rede. Es war ein Freitag. «Da wir euch jetzt ausgebildet haben und ihr eure Sache gut macht, habt ihr heute frei. Nach dem Gebet könnt ihr eure normalen Kleider anziehen und das Lager verlassen, aber zum Abendgebet müsst ihr wieder da sein.»

Guled konnte es kaum glauben, aber in ihrer Hybris vertraute al-Shabaab tatsächlich darauf, dass die entführten Jungen zurückkommen würden.

Nach dem Gebet tauschte Guled die al-Shabaab-Uniform gegen seine Schuluniform und lief in die Stadt. Er wagte es nicht, zu Maryam zu gehen. Stattdessen begab er sich zum Zelt seiner Tante, die bei seinem Anblick völlig außer sich geriet.

«Mashallah, Mashallah, Gott sei gepriesen», sagte sie immer wieder. «Warum bist du so dünn geworden?»

Er erzählte ihr, was passiert war. Als er fertig war, erklangen schon überall in der Flüchtlingssiedlung die Stimmen der Muezzins, die die Gläubigen zum Gebet riefen – er war spät dran. Wie lange würde es wohl dauern, bis man anfing, nach ihm zu suchen? Er wusste es nicht.

«Soll ich dich zu deinem Zelt bringen?», fragte ihn seine Tante.

«Nein. Da werden sie mich suchen.»

«Wo willst du dann hin?»

«Nach Kenia», sagte er. «Zu den Flüchtlingslagern.» Es war der einzige Ort, glaubte Guled, wo al-Shabaab ihn nicht finden würde. In Mogadischu war das Wissen über die Flüchtlingslager lückenhaft und basierte oft nur auf Gerüchten. Aber instinktiv wusste Guled, dass jegliche Verzögerung seinen Tod bedeuten würde. Der Moment, den er so lang gefürchtet hatte, war gekommen. Selbst sich von Maryam zu verabschieden war zu riskant. Seine Tante gab ihm fünfzig Dollar, die sie für den Notfall gespart hatte, und mit dem Geld in der Faust versuchte er, ruhig durch die Straßen von El-Shabiye zur Busstation zu gehen.

Ohne sich auf Gespräche einzulassen, machte er ein Fahrzeug ausfindig, das direkt nach Dhobley fuhr, der Grenzstadt hundert Kilometer südlich von Mogadischu. Um dorthin zu gelangen, musste der Bus Dutzende von Kontrollpunkten passieren, die alle al-Shabaab unterstanden, und Guled konnte nur hoffen, dass die verschiedenen Wachtrupps nicht miteinander kommunizierten. Auch ohne das Damoklesschwert des «Verrats» über sich zu haben, reichte es in dieser Zeit der Dürre und des Kriegs aus, männlich und alt genug für den Militärdienst zu sein, um erneut zwangsrekrutiert zu werden. Guled brauchte dringend ein Alibi.

Als der Bus kurz nach der Stadtgrenze einen Platten hatte, kam Guled das vor wie eine göttliche Fügung. Er half dem Busfahrer beim Reifenwechsel, woraufhin dieser ihm, da er die Nachtfahrt gern vermeiden wollte, zwanzig Dollar vom Fahrpreis zurückgab und ihn bat, ihn am Steuer abzulösen. Die Ölflecken, die jetzt Guleds gelbe Schuluniform bedeckten, ließen es plausibler erscheinen, dass er der Hilfsfahrer war und somit nicht floh, sondern wieder nach Mogadischu zurückfahren würde. So kam Guled schwitzend, aber unangefochten durch sämtliche Kontrollen, die er so gefürchtet hatte. In Dhobley erwartete ihn allerdings eine weitere Prüfung.

Um zu den kenianischen Lagern zu gelangen, nimmt man – wenn man genug Geld hat – den Bus. Hat man kein Geld, läuft man. Die Lager liegen rund hundert Kilometer von der Grenze entfernt, und der Weg durch das karge Buschland ist gefährlich. Die kenianische Polizei nennt papierlose Somalier im Scherz «Geldautomaten», Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Dabei ist es das geringere Übel, überfallen zu werden, denn danach können die Flüchtlinge meist weiterziehen. Die Polizisten hingegen werden nach der Anzahl der verhafteten Flüchtlinge beurteilt, also füllen sie die heißen, stinkenden Zellen der Grenzstädte mit Asylsuchenden, die beschuldigt werden, «sich widerrechtlich außerhalb eines festgelegten Gebiets» aufzuhalten – gemäß dem Kenianischen Flüchtlingsgesetz ein Vergehen. Die Polizei kassiert bis zu 250 Dollar Lösegeld, bevor sie die gescheiterten, malträtierten Flüchtlinge mit einer Warnung wieder nach Somalia abschiebt: «Denkt nach, bevor ihr das nächste Mal nach Kenia kommt.»

Als Guleds Bus in Dhobley ankam, waren die Straßen von Sattelzügen gesäumt, die Schmuggelware nach Kenia brachten. Die meisten hatten Zucker geladen. Der Zuckerhandel hat in dieser Region eine lange Geschichte, er begann im großen Stil, als kenianische Politiker entdeckten, dass eine ineffiziente Zuckerindustrie im eigenen Land durchaus nützlich sein konnte: Sie rechtfertigte nämlich Einfuhrzölle in absurder Höhe, die in einem schwachen und korrupten Staat leicht umgangen werden und dabei gewaltigen Profit abwerfen konnten. Die Verlangsamung von Produktion und Vertrieb war innerhalb Kenias zur wirtschaftlichen Strategie geworden und schuf seltsame Bündnisse: Kartelle innerhalb der kenianischen Regierung knüpften Beziehungen zu Somaliern, die mit al-Shabaab in Verbindung standen, denn sie alle waren daran interessiert, dass die Laster mit ihrer süßen Ladung aus Pakistan und Brasilien unbehelligt vom Hafen von Kismayo nach Dadaab fahren konnten. Es war die dunkle Seite der Globalisierung. Der Zucker wurde deshalb auch scherzhaft als «Kenias Kokain» bezeichnet, und man nahm an, dass der Zuckerschmuggel ungefähr ein Drittel des kenianischen Marktes ausmachte. Der illegale Handel stand unter dem Schutz der wichtigsten kenianischen Politiker, und somit gehörten die Zuckerlaster zu den sichersten Transportmitteln über die Grenze.

Mit den zufällig wiedergewonnenen zwanzig Dollar bezahlte Guled für einen Platz auf einem der Laster und kletterte hinauf. Dort lagen auf Zuckersäcken Dutzende anderer Flüchtlinge flach auf dem Rücken und blickten in den Abendhimmel, an dem, hoch oben in der rosablauen Dämmerung, ein einzelner weißer Stern leuchtete. Es waren nur einige der zweitausend Flüchtlinge, die allein in diesem November heimlich die Grenze überqueren sollten. Im Dezember, als sich die Dürre wie auch der Krieg weiter verschlimmerten, verdreifachten sich die Zahlen. Und im Januar verdreifachten sie sich erneut.

Guled machte es sich auf den harten Säcken einigermaßen bequem und redete mit niemandem. Das war eine der Folgen des Kriegs: Man konnte niemandem mehr trauen. In seiner Vorstellung trug er jetzt den Makel der Miliz, und er konnte nicht anders, als jede Begegnung voller Angst zu hinterfragen. Der Laster rumpelte durch die Nacht. Einmal hielt er kurz an, man sah Lichter, hörte Gemurmel – der Fahrer bezahlte die Polizei. Nach der Grenzschließung 2007 hatte der illegale Handel nicht nachgelassen, die Polizei war einfach nur reicher geworden. Guled atmete die kühle, frische Luft der Wüste ein, drehte den Ring mit dem roten Stein an seinem Finger, schaute zu den kalt schimmernden Sternen hinauf und dachte an Maryam. Als der Laster schließlich polternd anhielt, durften die von der Fahrt ganz steifen Passagiere von der Ladefläche herunterkommen. Die Flüchtlinge schauten sich um, sahen die niedrigen Gebäude aus Wellblech und den hohen Dornenzaun rings um die Tankstelle und legten sich in den fremden Sand, um zu schlafen, bis der Tag anbrach. In die saubere Wüstenluft mischten sich dörfliche Gerüche – der säuerliche Geruch von Menschen und der süßliche von Ziegenkot. Doch selbst die gedämpften nächtlichen Geräusche des riesigen Slums ließen ahnen, welch gigantische Stadt dort hinter dem Zaun lag.

Einige Stunden später dröhnten die Rufe der Muezzins über die Blechdächer des Lagers, und rund dreihunderttausend Menschen begannen sich unter dem heller werdenden Himmel zu regen. 1992 hatte das Lager neunzigtausend somalischen Bürgerkriegsflüchtlingen Zuflucht geboten. Sie hatten Kinder bekommen. Es folgten weitere Flüchtlinge: neue Wellen von Somaliern, aber auch asylsuchende Sudanesen, Kongolesen, Äthiopier, Ugander und Ruander, die von den Kenianern an den Rand ihres Landes verfrachtet wurden. Diese neuen Flüchtlinge bekamen ebenfalls Nachwuchs. Mittlerweile nannten drei Generationen die riesige Stadt aus Lehm, Zelten und Dornen ihre Heimat. An diesem Morgen, dem 10. Dezember 2010, war Guled einer der Neuankömmlinge im größten Flüchtlingslager der Welt.

4. IFO

Als er bei Tagesanbruch auf dem harten, ölverschmierten Sandboden der Tankstelle aufwachte, hatte Guled zwei Gedanken im Kopf: Er musste seinen Freund Noor finden, der, wie er gehört hatte, irgendwo hier in einem Lager namens Ifo lebte, und er musste zu Hause anrufen, um sich zu vergewissern, dass bei seiner Frau und seiner Schwester alles in Ordnung war und al-Shabaab sie nicht in El-Shabiye aufgespürt hatte. Für beides brauchte er Bargeld, das er nicht besaß. Aber zuallererst musste er herausfinden, wo er war.

Als die Sonne die Nacht vertrieb, erhaschte Guled hinter den kamoor – den hohen Zäunen aus zusammengebundenen Dornenästen, die so typisch für die Lager sind – einen ersten Blick auf seine neue Welt. Die Tankstelle lag an einem quadratischen Platz, der von primitiven Gebäuden aus glänzendem neuem Wellblech gesäumt war. Aus deren dunklem Inneren kamen Männer mit zerbeulten, glanzlosen Tabletts und angeschlagenen Teetassen heraus. Geschäftsmänner mit prallgefüllten Taschen steckten die Köpfe zusammen und unterhielten sich, und junge Männer hockten am Straßenrand oder stolzierten in ihren europäischen Fußballtrikots, frisch gewaschenen Jeans, unfassbar weißen Sportschuhen und mit Handy-Headsets herum und beobachteten das Geschehen. Es wimmelte nur so von Menschen.

Der Zuckerlaster hatte Guled nach Hagadera gebracht, dem südlichsten der drei Lager, die es damals gab. 1991 geplant, um 30.000 Menschen aufzunehmen, war Hagadera zu einer mittelgroßen Stadt von über 100.000 Bewohnern angewachsen. Dagahaley und Ifo, die anderen beiden Lager, so erfuhr Guled von seinen Mitfahrern, lagen über zwanzig Kilometer weiter nördlich, auf der anderen Seite der kleinen Stadt Dadaab. Die Leute gaben ihm ein paar Münzen und deuteten auf die Minibusse draußen auf der Straße. Er würde einen Bus nach Dadaab nehmen müssen und von dort aus einen anderen Bus Richtung Norden nach Ifo. Einen Anruf nach Somalia bot ihm keiner an, bei einem Preis von einem Dollar pro Minute wäre das mehr als eine kleine Gefälligkeit.

Guled ging auf einen schiefen Mast zu, der mit selbstgemachten Stromkabeln überladen war, die gefährlich tief über der Straße hingen. In der Mitte der Straße stand eine Schlange von Lastwagen, bereit zur Fahrt nach Nairobi, Somalia oder Äthiopien; um sie herum mehrere ramponierte Kleinbusse, die auf der sandigen Straße zu den nördlichen Lagern verkehrten. Guled stieg in den ersten Kleinbus der Reihe. Als der Bus voll war, rumpelte er dreizehn Kilometer durch den dicken Staub, bis er auf die vom Süden kommende Hauptstraße traf und kurz vor dem morgendlichen Stoßverkehr in Dadaab einfuhr.

Der eigentliche Ort Dadaab liegt knapp oberhalb des Äquators. Zähes Dornengestrüpp erstreckt sich über Hunderte Kilometer in alle Richtungen. Die Fernstraße von Nairobi nach Mogadischu macht hier einen kleinen Knick und verläuft durch jene einst verschlafene Ortschaft, die 1954 an einem Wasserbohrloch der Briten entstand. Im örtlichen Dialekt heißt Dadaab «harter, steiniger Ort», denn fünf Zentimeter unter dem roten Sand liegen diamantharte Gesteinsschichten. Die ersten Siedler hatten keine Ahnung, wie treffend dieser Name einmal sein würde.

Fahrzeuge, die von Süden kommen, aus Hagadera oder aus «down Kenya», wie man in der Nordost-Provinz gern sagte, werden auf der bröckeligen ockerfarbenen Straße durch ein etwas kläglich wirkendes Hindernis aus verbogenen, spitzen Eisenstäben aufgehalten, das sich in Sichtweite einer kleinen Hütte befindet, aus der gelangweilte Polizisten finster auf die glühend heiße Straße starren. Guleds Herzschlag beschleunigte sich, aber einer der Beamten winkte den Kleinbus einfach durch. Links hinter dem Kontrollpunkt sah Guled das Polizeicamp mit seinen Holzschuppen, ein paar kümmerlichen Bäumen und einem schadhaften Maschendrahtzaun. Rechts sah er drei Reihen Nato-Draht, auf die in regelmäßigen Abständen Scheinwerfer montiert waren. Ein Stück abseits, hinter einem Splitterschutzwall, lag das fast fünf Quadratkilometer große, massiv befestigte Gelände, auf dem die Vertretungen des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR), des Welternährungsprogramms (WFP) und der sonstigen Hilfsorganisationen untergebracht waren, die die Lager versorgten. In Blickrichtung geradeaus drängte sich am Straßenrand eine Ansammlung flacher Gebäude aus Blech, Rundhölzern und manchmal auch Beton.

Gegenüber den schweren weißen Stahltoren des UN-Geländes stieg Guled aus dem Kleinbus aus und wurde zu einem anderen geschickt. Kurz umwirbelte ihn Staub und juckte in seinen Augen, dann saß er in dem anderen Bus, und es ging weiter auf der von Läden gesäumten Straße, durch die der Wind stetig Sand jagte wie durch einen Kanal. Guled sah die Verwaltungsgebäude mit ihrem Stacheldraht, dem Polizeiwachtposten und dem zurückgelassenen gepanzerten Bus des entmachteten Diktators Siad Barre, den dieser vor zwanzig Jahren dort hatte stehenlassen und der seither unter einem lila blühenden Jacaranda-Baum vor sich hin rostete, die kugelsicheren Scheiben eingebrochen wie Eis auf einer Pfütze, im Geschützturm Vogelnester. Die Straße führte in einem Bogen an der Müllhalde vorbei, wo stinkende Marabus in dem Abfall herumpickten, den der Wind in das Dornengestrüpp ringsum geweht hatte. Außerhalb des Orts folgte, wie auf das vielfältige Braun des endlosen, unwirtlichen Buschlands gemalt, ein einzelner Streifen schwarzen Asphalts, die Start- und Landebahn Dadaabs.

Die meisten Besucher aus dem Ausland kommen mit dem Flugzeug hierher, und aus der Luft kann man die Dimensionen des ganzen Lagerkomplexes auch am besten erfassen. Über eine Fläche von fast siebenundsiebzig Quadratkilometern verteilt, sehen die Lager aus wie große silberschwarze, von einem Geflecht aus roten Adern durchzogene Monde, die die Stadt Dadaab umkreisen. Rot sind die unbefestigten Straßen, silbern die in der unbarmherzigen Sonne schimmernden Blechdächer, und schwarz ist das allgegenwärtige Baumaterial der Wüste, die Schirmakazie. Aber diesen Blickwinkel können nur wenige Flüchtlinge je einnehmen, und für die Bewohner ist es weit schwieriger, die Größenverhältnisse der Lager zu erfassen. Von Hagadera, dem südlichen Lager, nach Dagahaley im Norden zu gelangen bedeutet für jemanden, der kein Geld für die Busfahrt hat, einen mehrtägigen Fußmarsch. Soweit Guled feststellen konnte, gab es keine Zäune um diese improvisierte Stadt – man hätte schlichtweg nirgendwo hingehen können. In alle Richtungen brannte über Hunderte von Kilometern die Wüste. Im Norden und Osten herrschte Krieg, im Westen und Süden lag Kenia: verbotenes Gebiet. Die Straße nach Süden war voller Straßensperren mit gierigen Polizisten. In und zwischen den Lagern aber herrschte Bewegungsfreiheit.