Star Trek - New Frontier 15: Vermisst - DAVID PETER - E-Book

Star Trek - New Frontier 15: Vermisst E-Book

DAVID PETER

0,0

Beschreibung

Nach den dramatischen Ereignissen in "Neue Zeiten" finden sich Captain Mackenzie Calhoun und die Besatzung der U.S.S. Excalibur in einem anderen Universum wieder, weit entfernt vom Protektorat Neu Thallon und Sektor 221-G … Calhoun befindet sich an einem Ort, an dem sich seit Ewigkeiten zwei mächtige fremde Spezies bekämpfen. Aber Calhoun hat nicht vor, lange hier zu bleiben. Der alten Maxime "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" folgend, macht er sich daran, eine der beiden Seiten irgendwie (und mit allen notwendigen Mitteln) dazu zu bringen, ihm und seiner Besatzung dabei zu helfen, wieder nach Hause zu kommen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 457

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Vermisst

PETER DAVID

Based on

Star Trek

created by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen vonHelga Parmiter

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – NEW FRONTIER: VERMISST wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Helga Parmiter; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – NEW FRONTIER: MISSING IN ACTION

German translation copyright © 2017 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2006 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2017 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-95981-200-9 (August 2017) · E-Book ISBN 978-3-95981-201-6 (August 2017)

WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.STARTREKROMANE.DE · WWW.STARTREK.COM

INHALT

VERGANGENHEIT

ZUKUNFT

SPECTRE

Kapitel I

Kapitel II

RAUMSTATION BRAVO

Kapitel I

Kapitel II

U.S.S. EXCALIBUR

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

SPECTRE

NEU THALLON

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

U.S.S. EXCALIBUR

SPECTRE

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

U.S.S. EXCALIBUR

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

NEU THALLON

U.S.S. EXCALIBUR

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

RAUMSTATION BRAVO

SPECTRE

U.S.S. EXCALIBUR

Kapitel I

Kapitel II

RAUMSTATION BRAVO

Kapitel I

Kapitel II

NEU THALLON

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

SPECTRE

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

U.S.S. EXCALIBUR

Kapitel I

Kapitel II

PRIATIA

U.S.S. TRIDENT

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

U.S.S. EXCALIBUR

NEU THALLON

SPECTRE

Kapitel I.

U.S.S. EXCALIBUR

NEU THALLON

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

U.S.S. TRIDENT

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

PRIATIA

SPECTRE

Kapitel I

Kapitel II

U.S.S. TRIDENT

SPECTRE

U.S.S. EXCALIBUR

PRIATIA

U.S.S. EXCALIBUR

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

NEU THALLON

IRGENDWO …

VERGANGENHEIT

Wir sind Borg.

Unsere aktuelle Position ist unbekannt.

Theorie: Der Feind versucht, uns zu desorientieren.

Wir können nicht desorientiert werden.

Wir sind Borg.

Wir sind eins. Einer, der viele ist, und viele, die eins sind. Wir können weder zerschlagen noch getrennt werden. Was versucht, Widerstand zu leisten, versucht ausnahmslos, unsere Einheit zu zerstören. Solche Versuche werden immer scheitern, denn man kann sich uns nicht widersetzen. Widerstand ist zwecklos.

Zwecklos. Dies fasst die Hoffnungslosigkeit der Situation derjenigen zusammen, die bestrebt sind, sich uns entgegenzustellen.

Wir sehen uns momentan einer Situation gegenüber.

Wir haben assimiliert …

Die Königin wird einen vollständigen Bericht verlangen und wir müssen ihrem Wunsch entsprechen, denn wir sind Borg.

Assimiliert …

Neue Technologie.

Tunnel.

Zusammenfassung folgt: Wir haben neue Technologie von einem Volk assimiliert, das wir als Spezies B221 bezeichnen. Es wurde festgestellt, dass es sich bei dieser Technologie um eine Spule handelt. Ein Mittel der Fortbewegung durch den Weltraum, dessen Effizienz und Geschwindigkeit simple Lichtgeschwindigkeit bei Weitem übertrifft. Es ist eine Technologie, die wir im Moment noch nicht besitzen. Sie wurde jetzt assimiliert.

Die Technologie, die jetzt als »Transwarpspule« bezeichnet wird, war noch nicht fertiggestellt. Noch in der Entwicklung.

Hätten wir das gewusst, wäre die Assimilation nicht vorgenommen worden. Wir hätten ihnen erlauben können, die Entwicklung der Transwarpspule voranzutreiben, damit wir die fertiggestellte Technologie assimilieren können. Stattdessen ist das, was wir absorbiert haben, unfertig. Es mangelt an vollständiger Funktionsfähigkeit.

Aber wir sind Borg.

Wir sind in uns vollkommen. Deshalb gilt, wenn wir die Technologie für die Transwarpspule assimiliert haben, dann müssen wir in der Lage sein, sie alleine zu vervollständigen. So sind die Borg. Wir vervollständigen, was wir finden, und verbessern es, bis es sogar die Vorstellungskraft seiner Schöpfer übersteigt.

Dieses Borg-Schiff – das Schiff, das diesen Bericht anfertigt – wurde vom Kollektiv damit beauftragt, die Transwarpspule zu testen, da sie durch den Geist und den Willen unseres Kollektivs weiterentwickelt, neu ausgerüstet, umgestaltet und vervollständigt wurde. Ganz gleich, wie dieser erste Test ausgeht, und wie immer das Schicksal dieses Segments des Kollektivs aussieht, alle Informationen und Ergebnisse werden Teil des Borg-Kerns. Wenn wir zerstört werden, wird die Entwicklung weitergeführt. Die Transwarpspule wird eine Waffe im Arsenal der Borg werden. Die Technologie wird uns ihre Geheimnisse offenbaren. Dieser Ausgang ist unvermeidlich und nichts kann das ändern.

Widerstand ist zwecklos.

Wir sind … Borg.

Wir aktivierten die Transwarpspule um exakt zwei-ein-undzwanzig-eins-zwei. Die Mechanismen innerhalb unseres Schiffs arbeiteten einwandfrei, zumindest glaubten wir das. Der Kanal erschien im Raum auf Kurs eins acht eins Komma fünf. Wir näherten uns der Öffnung und sammelten Messdaten über die Energiefreisetzung im Kanal. Mehr wollten wir bei diesem ersten Experiment nicht erreichen. Die Spule arbeitete allerdings über die erwarteten Parameter hinaus. Wir wurden hineingezogen. Während des Durchflugs wurde dieses Schiff mit Energien unbekannten Ursprungs bombardiert. Wir glauben, dass sie verschiedene Wirkungen auf uns hatten, aber wir wissen nicht exakt, wie diese ausgesehen haben. Wir verarbeiten immer noch die Informationen und beabsichtigen, die Spezifikationen bald vorliegen zu haben.

Obwohl wir nicht erwartet hatten, in den Transwarpkanal hineingezogen zu werden, hatten wir diese Möglichkeit erwogen. Wir hatten mögliche Szenarien vorausberechnet, in denen unser Schiff an einem anderen Punkt unserer Galaxie wieder austreten würde, oder vielleicht in einer ganz anderen Galaxie. Diese vorausschauenden Szenarien wurden aufgrund der Tatsache entwickelt, dass die ursprünglichen Entwickler der Spule noch keine Möglichkeiten gefunden hatten, das Potenzial der Technologie einzudämmen und zu kanalisieren. Da wir nicht vollkommen sicher waren, ob wir unser Ziel erreicht hatten, die Technologie an unsere Bedürfnisse anzupassen, wussten wir nicht, was beim Aktivieren der Spule passieren würde.

Unsere augenblickliche Situation liegt außerhalb auch der am weitesten gefassten von uns entwickelten Parameter.

Wir glauben nicht, dass wir uns in unserer Galaxie befinden.

Wir glauben nicht, dass wir uns in einer anderen Galaxie befinden.

Wir sind nicht einmal sicher, ob wir uns in dem uns bekannten Universum befinden.

Unsere Umgebung ist ganz anders als alles, was wir bisher gesehen haben. Wir befinden uns nicht im Weltraum. Wir sind in einer Umgebung, die gänzlich zähflüssig ist. Zunächst dachten wir, es sei der flüssige Raum, in dem der Ursprung der problembehafteten Spezies 8472 liegt. Doch das scheint nicht der Fall zu sein, denn die Flüssigkeit enthält fundamentale Spurenelemente, die in keiner bei dieser Spezies durchgeführten biochemischen Analyse zu finden waren. Wenn überhaupt, ist die Umgebung noch viel zähflüssiger als die Umwelt von Spezies 8472. Wir können uns darin fortbewegen, aber es kostet große Anstrengung. Die Flüssigkeit widersteht unseren Versuchen, sie zu scannen. Obwohl es schwer ist, sicher zu sein, glauben wir, dass sich biogenetische Spuren überall um uns herum befinden. Dennoch ist es wegen des augenblicklichen Zustands unserer Scanner so gut wie unmöglich, festzustellen, wo es sich befindet und wie problemlos wir es für unsere Zwecke assimilieren können. Außerdem durchsetzen Spuren von Sauerstoff und Wasserstoff die immer dicker werdenden Schichten um uns herum.

Wir bemühen uns, die Transwarpspule erneut zu aktivieren, damit wir umgehend in unseren eigenen Raum zurückkehren können, obwohl wir nicht mit Sicherheit wissen, ob derartige Versuche erfolgreich sein können oder werden. Aktuell werden wir …

Moment.

Etwas kommt auf uns zu.

Unsere Scanner sind nach wie vor nicht in der Lage, Einzelheiten zu bestimmen. Es scheint sich um ein anderes Schiff zu handeln. Es ist nicht Borg. Wir kennen die Natur oder den Hintergrund des herannahenden Schiffs nicht. Es ist viel größer als dieses Schiff. Es hat uns bemerkt und nähert sich uns auf eine Weise, die auf eine aggressive Haltung schließen lässt.

Wir sind nicht besorgt. Wir lassen uns nicht beirren.

Wir sind Borg.

Wir werden erobern. Wir werden alles assimilieren, das es wagt, sich uns in den Weg zu stellen.

Das Schiff ist beinahe bei uns.

Es setzt sich mit uns in Verbindung.

Es wünscht, mit uns zu kommunizieren.

Vielleicht hat es die Absicht, sich zu ergeben, damit …

Nein.

Es hat die Absicht, uns anzugreifen.

Wir setzen es davon in Kenntnis, dass es von einer falschen Voraussetzung ausgeht. Es kann uns nicht erobern. Wir sind es, die es assimilieren werden, und nicht umgekehrt.

Ihm ist nicht klar, dass seine Zeit der Dominanz in dieser Sphäre vorüber ist.

Es schwebt jetzt bedrohlich vor uns und ist fünfmal so groß wie wir. Seine übermäßige Größe verleiht ihm ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Es versteht nicht, dass es unserer Gnade unterworfen ist.

Und wir kennen keine Gnade.

Wir sind Borg.

Wir werden es darüber in Kenntnis setzen.

»Wir sind Borg. Sie werden assimiliert. Widerstand ist zwecklos.«

Wir warten.

Es antwortet.

Verarbeite Einschätzung von Tonfall und Absicht.

Einschätzung abgeschlossen.

Es bringt Belustigung zum Ausdruck.

Offensichtlich schätzt es den Ernst der Lage falsch ein. Es scheint sich darauf vorzubereiten, auf uns zu feuern.

Wir werden es zerstören und seine Überreste assimilieren.

»Sie werden assimiliert. Widerstand ist zw

ZUKUNFT

SPECTRE

I

Commander Soleta, ehemals Föderation, jetzt Agentin in Diensten des romulanischen Praetors, saß in ihrem Quartier an Bord ihres Tarnschiffs und betrachtete nachdenklich den Datenchip, den sie vorsichtig zwischen ihren Fingern hielt.

»Ich frage mich, wer dafür gestorben ist«, sagte sie laut.

Sie wusste, dass jemand gestorben war. Xyon, der fröhliche Weltraumpirat, der ihn für sie besorgt hatte, hatte mehr oder weniger zugegeben, dass er jemanden hatte töten müssen, um in seinen Besitz zu gelangen. Sie fragte sich, wer es wohl gewesen sein mochte. Dabei kümmerte die Moralität sie eigentlich nicht. Man hatte ihr eine ganz bestimmte Aufgabe übertragen: Informationen über das neue Waffensystem zu beschaffen, das von den Orionern entwickelt wurde. Daraufhin hatte sie sich Xyons einzigartige Talente zunutze gemacht, und er hatte die Arbeit erledigt. Nun hielt sie den Chip in Händen, und Xyon hatte dafür über eine Leiche gehen müssen.

War derjenige ein Unschuldiger gewesen? War es jemand Unwichtiges gewesen? War es vielleicht ein orionischer Spion gewesen, der versucht hatte, sich Xyon in den Weg zu stellen? Und was war mit dem Spion? So wie sie Xyon kannte, hatte er wahrscheinlich keine Spuren der Leiche – oder der Leichen – übrig gelassen, also würde das für immer ein Geheimnis bleiben.

Waffensysteme. Manchmal hatte sie das Gefühl, als sei das Universum ein riesiges Schachspiel, bei dem eine Seite sich eine Waffe einfallen ließ, die dann von einer anderen in Schach gehalten wurde. Und dann entwickelte die andere Seite einfach eine neue Waffe, um die erste zu übertrumpfen. Und so weiter, und so weiter … immer größere Waffen, immer beeindruckendere Mittel, um Völker, Planeten und Sternensysteme auszulöschen. Sie musste sich fragen, ob eines Tages jemand eine Waffe entwickeln würde, die so mächtig war, dass man sie nicht mehr in Schach halten konnte. Stattdessen hieß es dann »schachmatt« und »game over«.

»Wer ist bei dem Versuch gestorben«, wiederholte sie, starrte auf den Chip und drehte ihn weiter in ihrer Hand, »uns diese Information vorzuenthalten? Damit wir sie nicht nutzen, die Waffen nicht selbst bauen und nicht herausfinden, wie wir die Pläne der Orioner vereiteln können … bis sie uns dann natürlich übertrumpfen. Vielleicht …«, sie legte ihn vorsichtig auf ihren Schreibtisch. »Vielleicht sollten wir ausnahmsweise versuchen, diesen endlosen Kreislauf zu durchbrechen.«

Ein kleines Modell eines Borg-Würfels stand auf ihrem Tisch. Elizabeth Shelby – die so etwas wie eine Borg-Expertin war – hatte ihn ihr geschenkt. Er war ihr einziges Besitzstück aus ihrem früheren »Leben«. Sie hob ihn auf und wog ihn in der Hand. Er hatte ein zufriedenstellendes Gewicht. Sie hob ihn noch höher und hielt ihn über den Chip. Es bedurfte nur sehr wenig Anstrengung, ihn auf den Chip hinunterkrachen zu lassen und diesen damit bis zur Unbrauchbarkeit zu zermalmen. Dann wäre der namenlose Orioner, der versucht hatte, ein Geheimnis zu bewahren, wenigstens nicht umsonst gestorben.

Ihre Hand zitterte nicht im Geringsten und verriet nichts von dem Zwiespalt in ihrem Inneren. Dann senkte sie das Modell des Borg-Schiffs ganz langsam und vorsichtig, damit sie nicht Gefahr lief, den Chip zu beschädigen, und stellte es sanft neben ihm ab.

Eine nutzlose Anwandlung aus einer Zeit, als ich noch ein Gewissen hatte.

Ein Summen ertönte an der Tür. Sie rief: »Herein.«

Ihr Tribun – das romulanische Gegenstück zum Ersten Offizier der Sternenflotte – stand im Türrahmen. Sein Name war Lucius. Und so lange er auch schon unter ihr diente, hatte Soleta absolut keine Ahnung, wie loyal er ihr gegenüber eigentlich war. Er trug immer ein undurchdringliches Pokerface zur Schau, wenn er mit ihr zu tun hatte, und blieb immer steif und förmlich. Er schien sich niemals zu entspannen oder in ihrer Gegenwart unachtsam zu werden. Andererseits war er – soweit sie das feststellen konnte – bei niemandem unachtsam. Möglicherweise interpretierte sie zu viel hinein … oder vielleicht unterschätzte sie einfach die Weisheit, immer wachsam zu sein.

Für einen Romulaner hatte Lucius eine ungewöhnlich blasse Haut, die in scharfem Kontrast zu seinem dunklen Haar stand. Sein Gesicht war beinahe dreieckig und seine Augenbrauen waren so perfekt geschwungen, dass Soleta den Verdacht hegte, er stutze sie, damit sie so aussahen. Seine spitz zulaufenden Ohren waren lang und elegant. Er war nur ein oder zwei Jahre älter als Soleta, aber er hatte eine beinahe majestätische Haltung, durch die er älter wirkte. Als Halbvulkanierin und Halbromulanerin beneidete Soleta ihn irgendwie. Schließlich wusste Lucius sehr genau, was er wollte – und wer er war –, und er wusste, wie er es erreichen konnte.

Soleta hingegen … nun, es gab Tage, da wusste Soleta nicht einmal ansatzweise, was sie wollte oder wer sie war.

Heute schien einer dieser Tage zu werden.

»Heil, Tribun«, sagte sie gleichmütig.

»Heil, Legat«, antwortete er. Er zog diese romulanische Bezeichnung für den Captain dem Begriff »Commander« vor, den der Rest seiner Mannschaft favorisierte. Als sie ihn geradeheraus gefragt hatte, wieso er den archaischen Begriff benutzte, lautete seine unverblümte Antwort: »Weil Sie nur einen Bruchteil der Zeit beim romulanischen Militär gedient haben wie ich. ›Commander‹ ist für mich ein Titel, den man durch langjährige Dienste erwirbt. Er steht nicht aufgrund einer imperialen Laune einem Nachzügler zu, dessen Geschichte … zweifelhaft ist.« Dann straffte er seine Schultern und fuhr fort: »Sollten Sie allerdings Beschwerde beim Praetor einreichen wollen und dieser weist mich an, Sie auf diese Weise anzusprechen, dann werde ich dieser Anweisung selbstverständlich Folge leisten. Natürlich können Sie auch um einen anderen Stellvertreter ersuchen, einen, der … nachgiebiger ist.«

Das war sicherlich verlockend, nur hatte Lucius einen makellosen Ruf und er war sehr erfahren. Darüber hinaus genoss er unglaublichen Respekt bei seinen Untergebenen. Er könnte von unschätzbarem Wert für sie sein, wenn er nur kooperieren würde. »Und was wird der Rest der Mannschaft von mir halten, wenn mein Stellvertreter mich nicht mit dem angemessenen Titel anspricht?«

Er hatte darüber einen Moment nachgedacht und dann genickt. »Ich sehe, dass das möglicherweise Respektlosigkeit unter ihnen säen könnte. Also schön. Ich werde Sie in Anwesenheit anderer mit ›Commander‹ ansprechen und unter uns mit ›Legat‹. Wäre das für Sie akzeptabel?«

Sie hatte es erwägt und dann genickt. »Ich hoffe, Tribun, dass ich irgendwann Ihren Anforderungen für hervorragende Leistungen gerecht werde.«

»Das hoffe ich ebenfalls, Legat«, hatte er geantwortet.

Seitdem hatten sie und Lucius eine gelassene, herzliche Beziehung gepflegt. Aber er sprach sie immer noch mit der altmodischen Rangbezeichnung an. Zunächst hatte sie das geärgert, doch inzwischen belustigte es sie. Sie hatte ihn sogar schon gefragt, was sie tun müsste, damit er sie mit »Commander« ansprechen würde.

»Überzeugen Sie mich davon, dass Sie mich töten könnten«, hatte er geantwortet. »Dann hätten Sie meinen vollen Respekt.«

»Ich verstehe«, hatte sie ausdruckslos gesagt. »Nun, ich werde es mir merken.«

Nachdem sie den Borg-Würfel beiseitegelegt hatte, lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück, faltete die Hände und ließ sie in ihrem Schoß ruhen. »Bringen Sie mir Neuigkeiten, Tribun?«, fragte sie. »Mir wird allmählich etwas langweilig, wenn ich nur hier sitze und auf die nächsten Anweisungen des Praetors warte.«

»So geht es mir auch, Legat«, gestand er. »Unglücklicherweise hat sich die Situation nicht verbessert. Ich bin hier, um Sie darüber zu informieren, dass ein weiter Kommunikationszyklus verstrichen ist und wir immer noch keine Anweisungen vom Praetor oder seinen anerkannten Abgesandten erhalten haben, wie wir mit dem Informationschip verfahren sollen.«

Sie bedeutete ihm, im Sessel ihr gegenüber Platz zu nehmen. Natürlich tat er das nicht. Er machte allerdings ein Zugeständnis an ihr Angebot auf Ungezwungenheit, ging hinüber zu dem Sessel und legte eine Hand auf die Lehne. »Unsere Befehle waren unmissverständlich«, fuhr er fort. »Nach dem Treffen mit Xyon und der Übergabe des Datenchips sollten wir uns aus dem unmittelbaren Bereich zurückziehen und auf Informationen über einen Treffpunkt warten.«

»Der Praetor liebt seine Geheimnisse«, kommentierte Soleta bedauernd. Die Person, der sie den Chip übergeben sollten, sollte dann mit dem Schiff zu einer geheimen wissenschaftlichen Forschungsstation fliegen. Praetor Hiren zog es vor, Waffenkenntnisse, wann immer es möglich war, von seinen Untergebenen fernzuhalten. Er ging davon aus, dass man diese ohne Ermächtigung gegen Feinde des Imperiums nutzen könnte oder – was noch schlimmer wäre – gegen den Praetor selbst. Das war sicherlich eine paranoide Lebensweise. Andererseits lautete schon ein altes Sprichwort: Nur, weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass die Leute keine Intrigen gegen dich schmieden. Sie schüttelte ihren Kopf. »Wie dem auch sei … Ich habe mich an seine Vorsicht gewöhnt, aber das hier sprengt allmählich die Grenzen der Vernunft. Ich habe das Gefühl, dass wir hier draußen Zeit verschwenden … unsere und seine. Wozu befehligt man ein Tarnschiff, wenn man es sich nicht zunutze machen kann?«

»Das erscheint wenig sinnvoll«, räumte der Tribun ein. Er zögerte und sagte dann: »Darf ich eine ›Aktivität‹ vorschlagen, um uns zu beschäftigen, während wir darauf warten, etwas zu hören?«

»Wollen Sie etwa auf Sex hinaus, Tribun?«

Einen Moment lang sah er erschrocken aus, doch dann lächelte er tatsächlich. »Ich habe … vage Erinnerungen an derartige Aktivitäten. Äußerst vage …«

»Das kann ich nachvollziehen.« Soleta signalisierte ihm, fortzufahren.

»Sie haben einen Dauerbefehl, sich über die Bewegungen der Excalibur und Captain Calhoun auf dem Laufenden zu halten, ganz besonders, falls sie in unsere Interessensphäre vordringen.«

»Ja«, sagte sie vorsichtig. »Ist das der Fall?«

»Wenn man eine Entfernung von zehntausend Kilometern als ›in unserer Interessensphäre‹ bezeichnen kann, dann muss ich das bejahen.«

Sie machte große Augen. Wenn es um Entfernungen im Weltall ging, waren zehntausend Kilometer ganz und gar nicht viel. Die Gefahr eines Zusammenstoßes etwa bestand nicht, aber relativ gesehen war das nur ein Katzensprung. »Warum so nah?«, fragte sie. »Haben sie nach uns gesucht?«

»Ich glaube nicht«, erwiderte der Tribun. »Sie waren unterwegs in den thallonianischen Raum. Unsere Flugbahnberechnung lässt darauf schließen, dass sie, wenn sie nicht von ihrem momentanen Kurs abweichen, direkt zum Planeten Priatia fliegen.«

»Priatia?« Soleta runzelte die Stirn und versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, was sie über diese Welt wusste. Während ihrer Zeit auf der Excalibur hatte sie auf jeden Fall eine Weile im thallonianischen Raum verbracht. Sie hatte ihre wenige Freizeit dort auf produktive Weise genutzt und über jeden Planeten, den sie finden konnte, alles nachgelesen.

Sie kannte die Priatianer. Sie kannte ihre Legenden und ihren Glauben an ein Volk, das sie »die Wanderer« nannten und das angeblich einst über das thallonianische Gebiet geherrscht hatte. Dass neue und entstehende Zivilisationen im thallonianischen Raum – einschließlich natürlich der Thallonianer – die Welten übernommen hatten, die früher von den Vorfahren der heutigen Priatianer bewohnt gewesen waren. Dadurch hatten sie faktisch die Priatianer benachteiligt, weshalb die Abkömmlinge des einst planetenerschaffenden Volkes jetzt ihre Wunden leckten. Den Priatianern blieb nichts anderes übrig, als zu lamentieren, dass die Wanderer irgendwann auftauchen würden, um das tatsächliche Gleichgewicht im thallonianischen Raum wiederherzustellen. In mancher Hinsicht erinnerten sie Soleta ein wenig an die Erlöser … nur waren die Priatianer nicht sonderlich gefährlich. Nur … exzentrisch.

Dennoch, wenn sie etwas getan hatten, um die Aufmerksamkeit der Excalibur auf sich zu lenken, dann war es durchaus möglich, dass sie gefährlicher waren, als Soleta es ihnen bisher zugetraut hatte. Schließlich war es eine ganze Weile her, seit sie im thallonianischen Raum Dienst getan hatte, und außerdem hatte sie sich keine besondere Mühe gegeben, auf dem Laufenden zu bleiben.

»Ich frage mich, ob das irgendetwas mit dem Krieg zu tun hat«, überlegte sie. Obwohl sie ziemlich isoliert gewesen waren, hatten sie immer wieder zufällig ungesicherte Übertragungen aufgefangen, die es ihr ermöglicht hatten, die aktuellen Ereignisse im Auge zu behalten. Sie wusste, dass das Protektorat Neu Thallon ins Chaos gestürzt worden war, weil die Leute in dem alles verzehrenden Kampf zwischen den Häusern Cwan und Fhermus und ihren jeweiligen Verbündeten Partei ergriffen.

»Ich nehme an, das wäre möglich«, sagte der Tribun. Er musterte sie von der Seite. »Geben Sie sich immer noch die Schuld daran? Am Krieg?«

»Ich habe mir nie die Schuld gegeben«, berichtigte sie ihn. »Ich sagte nur an einer Stelle, dass ich mich fragte, ob ich nicht teilweise dafür verantwortlich sei. Nach allem, was wir wissen, hängt das ganze Durcheinander irgendwie mit Kallinda, Si Cwans Schwester, und ihrem Geliebten, Tiraud, Sohn des Fhermus, zusammen. Und ich war diejenige, die Xyon, Kallindas früherem Liebhaber, erzählt hat, dass sie und Tiraud bald heiraten würden. Xyon tat so, als ginge diese Nachricht ihn nichts an, aber jetzt frage ich mich, welche Folge von Ereignissen ich vielleicht losgetreten habe.«

»Wie ich hörte, Legat, ist Tiraud tot. Er wurde in seiner Hochzeitsnacht von Kallinda höchstpersönlich getötet.«

»Ja, das weiß ich, aber das glaube ich nicht«, erklärte Soleta und schüttelte nachdrücklich ihren Kopf. »Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Was für mich allerdings Sinn ergibt …«

»Ist, dass Xyon ihn getötet hat?«

Jetzt nickte Soleta. »Ja. Genau. Ich glaube, Xyon hat ihn getötet, Kallinda deckt ihn und Xyons Vater, Mackenzie Calhoun, eilt mit der Excalibur herbei, um die Situation zu retten.«

»Aber was hat das alles mit Priatia zu tun?«

Soleta öffnete den Mund, um zu antworten, und schloss ihn dann wieder. Nachdenklich kratzte sie sich am Kinn und sagte schließlich: »Ich habe absolut keine Ahnung.« Sie zögerte und sah Lucius schelmisch an. »Vielleicht sollten wir versuchen, es herauszufinden?«

»Schlagen Sie etwa vor, Legat, dass wir der Excalibur hinterherfliegen und nachsehen, was genau sie im Schilde führen?«

»Ich sehe nicht ein, hier herumzusitzen und nichts zu erreichen. Vielleicht ist die Excalibur in etwas verwickelt, das romulanische Interessen betrifft.«

Der Tribun antwortete nicht sofort. Sie wartete auf eine Reaktion, und als keine erfolgte, bohrte sie nach: »Haben Sie etwas auf dem Herzen, Tribun?«

»Sie haben zuletzt auf der Excalibur gedient, bevor Sie sich dem Romulanischen Imperium angeschlossen haben«, sagte Lucius. »Deshalb muss man sich natürlich fragen …«

»Ob meine Motivation weniger in meiner Loyalität dem Romulanischen Imperium gegenüber begründet ist, als darin, dass ich mich immer noch Captain Calhoun verpflichtet fühle?«

»Das ist mir in den Sinn gekommen«, gab er zu. »Ich sollte darauf hinweisen, Legat, dass das nur meine persönlichen Überlegungen sind – nicht mehr und nicht weniger. Sie werden meinen Gehorsam nicht im Mindesten beeinflussen.«

»Ah, aber werden sie Einfluss auf Ihre stets hochgeschätzte Meinung über mich haben?«

Er zuckte mit den Schultern und täuschte Gleichgültigkeit vor. Oder vielleicht täuschte er sie gar nicht vor und es war ihm schlicht egal.

»Der eigentliche Zweck dieses Schiffs, Tribun, ist, zu spionieren. Es ist kein Schiff, auf dem man ›herumsitzt und auf Befehle wartet‹. Also können wir uns genauso gut etwas suchen, das wir ausspionieren können. Und Captain Calhoun ist dafür genauso gut wie alles andere.«

»Sollen wir also Kurs auf Priatia setzen?«

»Ich glaube, das sollten wir.«

Er verbeugte sich und salutierte. »Wie Sie befehlen, Legat, so soll es geschehen.«

Sie beobachtete ihn, während er zur Tür ging. »Und Tribun … Sie wissen, dass das mit dem Sex nur ein Scherz war, oder?«

»Es ist wie bei Angelegenheiten des Respekts, Legat … Ich könnte nie eine Liebesbeziehung mit jemandem pflegen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass mein Gegenüber mich töten könnte.«

Sie starrte ihn an. »Sie haben eine äußerst verdrehte Persönlichkeit, Tribun.«

»Ich habe nur meine Prinzipien, Legat«, antwortete er und ging zur Brücke, um die Befehle seines kommandierenden Offiziers auszuführen.

II

(»Captain!«, rief Kebron. »Die Sensoren zeigen einen massiven Tachyonenanstieg direkt an unserer Steuerbordseite an!«

»Auf den Schirm!«

Deutlich erkannten sie etwas Gigantisches, das durchs All wirbelte wie ein riesiger mit Energie gefüllter Strudel. Energie knisterte, als der Äther selbst zum Leben erwachte, und dann stieß der Strudel ein Schiff aus, wie Calhoun noch nie eines gesehen hatte.

»Das ist es!«, schrie Xyon und zeigte auf den Bildschirm. »Das ist das Schiff, das mir gefolgt ist und Kallinda entführt hat!«

»Sieht nicht wie eine Fata Morgana aus«, sagte Calhoun. »Roter Alarm! Morgan, Schilde hoch! Kebron, Phaserbatterien laden!«

Der Neuankömmling schlug sie zur Seite.

So fühlte es sich zumindest an. Etwas, eine Art Energieschwall, krachte in das Schiff, als die Schilde gerade aktiviert wurden. Sie widerstanden dem Aufprall, der die Excalibur sonst zerfetzt hätte, konnten aber nicht verhindern, dass sie zur Seite geschleudert wurde und ins Trudeln geriet, als hätte das Schiff die Hand ausgestreckt und sie geschlagen.

Im ganzen Schiff wurden Besatzungsmitglieder umhergeschleudert, krachten gegen Wände und Decke. Niemand wusste mehr, wo oben und unten war.

Der Strudel aus Energie sammelte sich auf dem Bildschirm direkt vor ihnen. Tania Tobias schrie und Morgan rief: »Wir verlieren die Kontrolle über das Schiff!«, als würde das nicht jeder auch so merken. Xyon rief Kallindas Namen und dann prallte ein taumelnder Calhoun mit dem Kopf gegen ein Geländer. Der Aufprall schleuderte seine Welt in die Dunkelheit und das Letzte, was er hörte, bevor sie ihn umschloss, war Keesalas bedauernde Stimme, die durch die immer noch offene Verbindung sagte: »Bitte glauben Sie uns, dass wir Sie wirklich sehr respektieren. Doch leider scheinen Sie im Weg zu sein.« Und dann, im allerletzten Moment, schrie eine andere Stimme seinen Namen. Sie klang ausgerechnet wie Soleta, dabei war sie weg, längst weg, ein weiterer Fehlschlag in einer langen Reihe von Fehlschlägen, die in diesem, der vielleicht Calhouns letzter sein würde, gegipfelt hatten …

Und dann wurde die Welt schwarz und er war weg.

Wie Sekunden später auch die Excalibur …)

Soleta stand auf der Brücke der Spectre, als sie in Reichweite der Excalibur kamen. Das Raumschiff war in den Orbit um Priatia eingeschwenkt. Ihr Blick war fasziniert auf den Schirm gerichtet und sie spürte ein neugieriges Ziehen in ihrem Herzen, das nicht mit dem vereinbar war, was sie ihrer Meinung nach ihrem früheren Schiff gegenüber empfinden sollte. Die Brücke der Spectre war bemerkenswert beengt im Vergleich zur Brücke eines Föderationsraumschiffs. Der Kommandosessel war nicht in ihrem Zentrum, sondern stand auf einem erhöhten Podest im hinteren Bereich. Dadurch konnte sie ihren Blick über die gesamte Brücke unter sich schweifen lassen.

»Bleiben Sie auf Distanz, Centurion«, befahl sie ihrem Steuermann. Der äußerst fähige junge Pilot namens Aquila verfügte über eine Forschheit, die Soleta überraschend erfrischend fand.

»Ich hoffe, Sie machen sich keine Sorgen, dass wir entdeckt werden könnten, Commander«, sagte Präfekt Vitus von der taktischen Station her. Er war ruppig und aggressiv und immer bereit, die Spectre allen möglichen Herausforderungen entgegenzuwerfen, weil er absolut davon überzeugt war, dass sein Schiff sich durchsetzen würde. »Die Tarnvorrichtung dieses Schiffs ist in der gesamten Galaxis beispiellos.«

»Das mag sein, Vitus«, antwortete Soleta. »Aber ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass Mackenzie Calhouns sechster Sinn in Bezug auf Gefahr ans Übernatürliche grenzt. Ich habe nicht die Absicht, irgendetwas zu tun, das ihn wecken könnte.« Sie wandte sich an den Kommunikationsoffizier. »Maurus, sprechen sie mit der Oberfläche des Planeten?«

»Ja, Commander«, antwortete Centurion Maurus. »Aber es ist verschlüsselt. Es wird einige Minuten dauern, bis ich da durchkomme und die Frequenz anzapfen kann.«

»Bleiben Sie dran«, befahl sie. »Ich will wissen, was da gesprochen wird.«

»Sie waren doch früher Wissenschaftsoffizier auf dem Schiff, Commander«, stellte Lucius fest. »Vielleicht verfügen Sie über Erkenntnisse, die diesen Prozess beschleunigen könnten …«

Soleta schüttelte den Kopf. »Die Frequenzen werden auf einer zufällig oszillierenden Variablen aufgesetzt«, erklärte sie ihm. »Das erschwert das Abhören. Und da die Variable zufällig ist, habe ich ehrlich gesagt genauso viel Ahnung wie Sie. Es wäre reines Glück, wenn es Maurus gelingen würde, sie abzuhören.«

»Ich brauche kein Glück«, sagte Maurus zuversichtlich. »Meine Fähigkeiten werden ausreichen.«

»Ihre Zuversicht weiß ich zu schätzen, Centurion«, antwortete sie. »Sorgen Sie dafür, dass …«

»Commander!« Es war Vitus, der gerufen hatte. Er war ein viel zu erfahrener Offizier, um Angst zu zeigen oder auch nur verunsichert zu wirken. Doch die Besorgnis in seiner Stimme war unverkennbar. »Ich stelle einen drastischen Tachyonenanstieg fest …«

Soleta sprang aus ihrem Sessel und an Vitus’ Seite. Sie trug noch zu viel ihrer alten Instinkte als Wissenschaftsoffizier in sich, um nur herumzusitzen, während jemand anderes die Analysen vornahm. Wenn ihr Verhalten Vitus irritierte, so ließ er es sich nicht anmerken. Sie studierte die Messungen und hatte nicht zum ersten Mal das Gefühl, dass die Ausrüstung der Sternenflotte dem überlegen war, was die Romulaner zu bieten hatten. Dennoch, das hier reichte aus.

»Da draußen nimmt etwas Gestalt an«, erkannte sie nach einer Weile. Sie sah hoch zum Schirm. »Etwas Großes. Steuermann, weichen Sie weitere fünftausend Kilometer zurück. Maurus, vergessen Sie die Abhöraktion. Öffnen Sie einen direkten Kanal zur Excalibur.«

Einen Moment lang fror alles auf der Brücke ein und aller Augen richteten sich auf Soleta. »Commander«, sprach Lucius langsam, »schlagen Sie vor, dass wir uns enttarnen?«

»Ich schlage gar nichts vor, Tribun. Ich befehle, einen direkten Kanal zur Excalibur zu öffnen. Centurion Maurus, wieso habe ich den noch nicht?«

»Rufe die Excalibur, Commander«, erwiderte Maurus steif.

Soleta drehte sich um und war überrascht zu sehen, dass Lucius direkt neben ihr stand, keine fünfzehn Zentimeter entfernt. Mit sehr leiser Stimme, in der Zorn und Misstrauen mitschwangen, sagte er: »Bei allem Respekt, Commander, das ist eine Verletzung des Proto…«

Sie schnitt ihm das Wort ab. »Wenn der Excalibur etwas zustößt, will ich herausfinden, mit wem zur Hölle sie gesprochen haben. Ich will wissen, was da vor sich geht, und wenn das bedeutet …«

In diesem Moment erklangen chaotische Geräusche aus den Lautsprechern. Maurus versuchte gar nicht erst, seine überraschte Reaktion zu verbergen, als eine Kakophonie aus kaum gefiltertem Getöse zur Spectre durchdrang.

Sie hörte eine kreischende Frau und Berichte, die überall auf der Brücke gerufen wurden. Sie kannte die Stimmen, doch es schien, als erkenne sie sie aus einem vergangenen Leben. Sie versuchte, herauszuhören, was die einzelnen Stimmen sagten. Doch bevor sie sich darauf konzentrieren konnte, rief Präfekt Vitus: »Commander, die Tachyonenwerte übersteigen die Messskala! Irgendetwas nimmt vor uns Gestalt an … etwas Großes. Es ist … ein Schiff, Commander!« Das Entsetzen in seiner Stimme passte zu dem, was sich auf der Brücke der Excalibur abspielte.

»Auf den Schirm!«, rief Soleta, doch es erschien bereits auf dem Bildschirm, während sie den Befehl aussprach. Sie riss die Augen weit auf und sagte: »Es ist zu groß. Bildgröße reduzieren, damit ich es deutlicher sehen kann!«

»Die Bildgröße ist bereits reduziert«, entgegnete Vitus. Aquila an der Navigationskonsole schluckte hörbar.

»Weichen Sie weitere zehntausend Kilometer zurück, Aquila«, befahl Soleta tonlos.

Die Spectre bewegte sich umgehend noch weiter weg von der Katastrophe, die sich vor ihren Augen abspielte. Endlich konnte Soleta besser erkennen, womit sie es zu tun hatten.

Die Bauweise des Schiffs war vollkommen asymmetrisch. Das verlieh ihm ein Aussehen, wie Soleta es noch nie zuvor gesehen hatte. Es wirkte beinahe, als seien die verschiedenen Teile nur halbherzig zusammengesteckt worden – eine Reihe Röhren, die an pulsierenden Kugeln befestigt worden waren. Es erinnerte sie an das Modell eines gigantischen Moleküls.

Drohend ragte es vor der Excalibur auf und wirkte zehnmal so groß wie sie. Energie knisterte um es herum. Plötzlich waberte es vor dem kampfbereiten Raumschiff und ein riesiger Wirbel entstand. Die Excalibur versuchte offensichtlich ihr Bestes, ihre Position zu halten, aber gewaltige Kräfte wirkten auf das Schiff ein und zerrten es trotz aller gegenteiligen Anstrengungen vorwärts.

»Calhoun!«, schrie Soleta. Der Name platzte beinahe unfreiwillig aus ihr heraus. Der Ausbruch trug ihr schiefe Blicke von ihrer Brückenmannschaft ein und sie sah Misstrauen in Vitus’ Augen. Sie ignorierte es.

Sie konnte nur schwer ausmachen, ob das, was sie sah, echt war oder ein bizarres Lichtspiel, eine Verzerrung, die nichts mit der Realität zu tun hatte. Doch es schien ihr, als falte sich die Excalibur tatsächlich rückwärts zusammen, sie bog sich, als sei sie aus Gummi. Unvorstellbare Energien hatten sie im Griff und wirbelten um das Schiff herum, wie eine Art kosmischer Trichter. Das alles hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Transwarpkanälen, wie die Borg sie benutzten. Aber es war anders – und die Energiemessungen, die sie auf Vitus’ Station sah, passten auch nicht ganz dazu. Dies war etwas vollkommen anderes und verfügte über die Fähigkeit, Moleküle zu verzerren. So etwas hatte sie noch nie gesehen.

Es war zweifellos ein perspektivischer Trick, doch die Excalibur schrumpfte scheinbar immer mehr. Obwohl nur wenige Sekunden vergingen, schien sich die Zeit unerträglich in die Länge zu ziehen. Dann fiel der Energiewirbel – denn danach sah es für Soleta aus – in sich zusammen und verschwand. Sie glaubte, für einen Moment einen winzigen Energieausstoß zu sehen, der möglicherweise von der Excalibur kurz vor ihrem Verschwinden stammte. Aber sie war sich nicht sicher.

Und dann war sie weg.

»Was im Namen des Praetors ist das für ein Ding?«, flüsterte Aquila.

»Ich habe keine Ahnung«, gestand Soleta. »Aber ich wäre äußerst dankbar für konkrete Informationen, Vitus, mit denen wir Aquilas durchaus berechtigte Frage beantworten können.«

»Es ist nicht da«, sagte Vitus.

»Wie bitte?« Sie wandte sich ihm zu, ihr Gesicht ein einziges Fragezeichen. »Wollen Sie damit sagen, es sei eine Fata Morgana?«

»Ich sage, dass das, was immer dort ist, nicht von unseren Sensoren erfasst wird«, erklärte Vitus ihr. »Ich habe nur Spuren der Tachyonenemissionen, aber die stammen wahrscheinlich von diesem Riss im Raum. Ich sage Ihnen, Commander, das Ding … Es ist beinahe, als ob es nur vorgetäuscht wäre. Eine Illusion.«

»Würden Sie unsere Leben darauf verwetten?«, fragte Soleta.

Er hielt ihrem Blick stand. »Absolut.«

»Also schön. Machen Sie die Waffen bereit. Tarnung aufheben. Bereit machen zum Feuern.«

»Aye, Commander.«

Lucius kam herbei und stellte sich dicht neben sie. »Bei allem Respekt, Commander, welchen Sinn soll das haben? Wir sind für Überwachungen ausgelegt, nicht zum Kämpfen …«

»Wenn das Ding wirklich das ist, wonach es aussieht, dann ist es eine Gefahr für das Romulanische Imperium – ganz zu schweigen von allen anderen, die mir einfallen«, sagte Soleta. »Die Natur möglicher Bedrohungen festzustellen, fällt sehr wohl in unseren Aufgabenbereich. Sind Sie nicht auch der Meinung, Tribun?«

Lucius nickte. »Ein durchaus berechtigtes Argument, Commander.«

»Danke. Vitus …?«

»Wir sind enttarnt und warten auf Ihren Feuerbefehl, Commander. Aber ohne Sensorerfassung habe ich kein bestätigtes Ziel.«

»Präfekt, es ist nur wenig kleiner als ein Planet. Soll ich zu Ihnen hinüberkommen und für Sie zielen?«

»Nein, Commander«, sagte er steif.

»Ausgezeichnet. Schätzen Sie, so gut Sie können. Und … Feuer!«

Die Waffensysteme der Spectre schlugen los, Torpedos schossen durchs All direkt auf das Schiff zu. Soleta beobachtete sie angespannt und wartete, ob sie wirklich harmlos durch das Schiff hindurchfliegen würden, wie man es bei einer riesigen Illusion erwarten würde.

Die Torpedos prallten mit voller Wucht gegen das Schiff und lösten sich dann einfach auf.

»Also schön. Wir haben ein Problem«, bemerkte Soleta.

»Commander«, sagte Aquila, der sich offensichtlich große Mühe gab, die Besorgnis in seiner Stimme unter Kontrolle zu halten. »Ich … glaube, wir haben ihre Aufmerksamkeit erregt.«

»Und jetzt haben wir ein noch größeres Problem.«

Aquila hatte recht. Das gigantische Schiff hatte einfach bewegungslos im All geschwebt, doch jetzt drehte es sich auf einer riesigen unsichtbaren Achse und flog langsam, aber entschlossen direkt auf die Spectre zu.

»Navigation, berechnen Sie einen Kurs zur Neutralen Zone. Vitus, fahren Sie die Tarnung hoch«, sagte Soleta, die der Meinung war, dass jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt war, um Vitus seine unangebrachte Selbstsicherheit um die Ohren zu schlagen. »Lassen Sie uns geräuschlos fliegen.«

Vitus nickte, tarnte das Schiff und schaltete den Ionengleiter ein, damit die Spectre wie die geisterhafte Erscheinung, der sie ihren Namen verdankte, selbst für die modernsten wissenschaftlichen Methoden unauffindbar blieb.

Sekunden später drehte die Spectre ab, getarnt durch Unsichtbarkeit und Lautlosigkeit. Das riesige Schiff verschwand aus ihrem Sichtfeld und dann …

»Commander! Sie eröffnen das Feuer auf uns!«, rief Vitus.

Er hatte kaum Zeit, die Warnung auszurufen, da wurde das Schiff auch schon von zwei Energiestößen getroffen, die von der Unterseite des viel größeren Schiffs abgefeuert worden waren. Soleta konnte sich nicht erinnern, wann sie jemals auf einem Schiff gewesen war, das so hart getroffen wurde – und das schloss die Angriffe der Borg mit ein. Die Spectre wirbelte herum und war völlig außer Kontrolle. Sie taumelte durchs All. Soletas Füße verloren den Halt, sie segelte durch die Luft und prallte mit voller Wucht gegen den Kommandosessel. Diejenigen, die gesessen hatten, schafften es, an Ort und Stelle zu bleiben, aber nur mit Mühe und Not. Etwas prallte gegen Soleta und es dauerte einen Moment, bevor ihr klar wurde, dass es sich um Lucius handelte. Er murmelte eine Entschuldigung und zog sich von ihr weg.

Alarmsirenen heulten überall im Schiff und die Schadensberichte strömten von allen Sektionen herein. »Vitus! Schilde?«, rief Soleta.

»Halten, gerade noch!«

»Maschinen?«

»Immer noch bereit!«

»Volle Warpgeschwindigkeit!«

»Commander, wenn wir den Ionengleiter jetzt abschalten und auf volle Warpgeschwindigkeit gehen, werden sie uns aufspüren können …«

»Benutzen Sie Ihre Augen, Präfekt! Sie haben uns sogar trotz des lautlosen Antriebs problemlos gefunden! Jetzt tun Sie, was ich sage!«

»Jawohl, Commander!«

Der Warpantrieb der Spectre wurde im Schutz der Tarnung eingeschaltet. Zeit und Raum bogen sich um sie herum, als sie in dem verzweifelten Versuch, Entfernung zwischen sich und den bedrohlichen Angreifer zu legen, in den Warp sprang.

»Da kommt es«, sagte Aquila düster.

Er hatte recht. Das Schiff bewegte sich und verfolgte die Spectre. Nicht nur hielt es ohne sichtbare Anstrengung Schritt, es holte sogar auf. »Wir brauchen mehr Geschwindigkeit«, bellte Lucius Aquila an.

»Wir sind bereits am Maximum!«

»Verschieben Sie die gesamte Energie der Deflektoren auf die hinteren Schilde«, befahl Soleta, »und die restliche verfügbare Energie in die Maschinen leiten.«

»Das wird nicht reichen«, rief Vitus aus. »Wir könnten uns stellen und kämpfen …«

»Und abgeschlachtet werden«, unterbrach Soleta ihn mit voller Überzeugung. »Geschwindigkeit beibehalten.«

Danach wurde eine ganze Zeit lang nicht gesprochen. Die Brückenbesatzung der Spectre beobachtete mit angespannter Faszination, wie das größere Schiff sie verfolgte. Es kam unerbittlich näher.

»Ich frage mich, wieso sie nicht auf uns feuern?«, sagte Lucius.

»Ich weiß es nicht«, gab Soleta zurück. »Aber wir sind nicht gerade in der Position, unser Glück zu hinterfragen.«

Es kam näher und noch näher. Soleta bildete sich ein, sie könne quasi seinen Atem im Nacken spüren. Sie spielte mit dem Gedanken, versuchsweise eine Grußfrequenz zu öffnen, um vielleicht Kapitulationsbedingungen zu besprechen. Doch sie schob die Idee beiseite, noch bevor sie sich festsetzen konnte. Eine Gefangennahme der Spectre stand nicht zur Debatte. Sie würde den Praetor enttäuschen, ihre Mannschaft und sich selbst. Mackenzie Calhoun hätte niemals eine Kapitulation erwogen, und sie würde auch nicht damit anfangen.

Das Verfolgerschiff füllte den gesamten Bildschirm aus. Soleta hatte das Gefühl, als sei das gesamte Universum auf dieses Schiff reduziert worden, als existiere nichts mehr, außer diesem Schiff und ihnen. »Aquila«, sagte sie sehr leise. Das Schiff hing bedrohlich hinter ihnen und sie wappnete sich gegen die unausweichliche Entladung seiner Waffen. »Wie weit bis zur Neutralen Zone?«

»Drei Stunden und siebenundzwanzig Minuten«, antwortete er und brachte eine gewisse Resignation zum Ausdruck, da sie beide genau wussten, dass es hoffnungslos war. Sie würden niemals nah genug an ihre Heimat kommen, um darauf zu hoffen, andere romulanische Schiffe zu treffen, die ihnen vielleicht zur Hilfe kommen könnten. Das war wahrscheinlich auch gut so. Wenn man bedachte, wie außerordentlich stark ihr Verfolger war, standen die Chancen gut, dass jeder, der versuchte, ihnen zu helfen, ihr Schicksal teilen würde.

»Also schön. Bereiten Sie sich auf den Abwurf meines Logbuchs beim ersten Anzeichen von …«

»Sie drehen ab.«

Vitus hatte gesprochen und klang angemessen ungläubig. Auch Soleta hatte ihre Zweifel. Sie ging zu ihm und stützte sich auf der taktischen Konsole ab. »Sind Sie sicher?«

»Sie werden langsamer«, sagte er. »So viel ist sicher. Und ich glaube, sie ändern ihren Kurs.«

»Stellen Sie irgendwelche Waffenaktivität fest?«

»Nein.«

Sie sahen verblüfft und ungläubig zu und konnten ihr Glück kaum fassen. Vitus hatte recht. Auf dem Bildschirm war immer deutlicher sichtbar, dass das Verfolgerschiff langsamer wurde und abdrehte. Es ließ das romulanische Schiff weiterfliegen, ohne dass ein weiterer Schuss abgefeuert wurde.

»Aber … Das verstehe ich nicht«, sagte Maurus. »Sie hatten uns. Wieso haben sie uns nicht erledigt?«

»Ist das nicht offensichtlich?«, ergriff Vitus das Wort mit Stolz erfüllter Stimme.

»Erleuchten Sie uns, Vitus«, forderte Soleta.

»Es ist doch klar – sie haben natürlich Angst vor uns«, verkündete er. »Sie kennen unser Leistungsvermögen nicht mit letzter Sicherheit und haben beschlossen, dass eine weitere Verfolgung möglicherweise zu ihrer Zerstörung führen könnte.«

»Ein interessanter Gedanke«, sagte sie, »und ich wäre geneigt, dem zuzustimmen, wenn sich keine andere Erklärung finden ließe. Leider gibt es aber eine.«

»Und die wäre?«

Sie beobachtete finster den Bildschirm, während das bizarre Schiff seitlich abdrehte, eine weiträumige, gemächliche Kehrtwende vollführte und dann in die Richtung zurückflog, aus der es gekommen war. »Sie haben uns vom Haken gelassen, weil sie überhaupt keine Angst vor uns haben. Wir sind für sie absolut keine Bedrohung. Diese Verfolgungsjagd war eine Warnung, dass wir uns fernhalten sollen. Und sie haben uns nicht ausgelöscht, weil wir der Mühe einfach nicht wert waren.«

Eine ganze Weile herrschte Schweigen auf der Brücke, während die Bedeutung ihrer Worte allen bewusst wurde. Sie wusste, dass die Romulaner ein stolzes Volk waren. Ihre Mannschaft wäre wahrscheinlich lieber von einem überlegenen Feind in Stücke geschossen worden, als sich der Erkenntnis zu stellen, dass sie nicht einmal bedrohlich genug waren, um sich ihrer zu entledigen.

»Commander«, sagte Lucius, »wenn das, was Sie da sagen, der Wahrheit entspricht … dann ist dieses neue Volk … dieses Schiff … eine große Gefahr für das Romulanische Imperium, wenn es irgendwann beschließt, seine Interessen in unsere Richtung auszuweiten.«

»Dem würde ich nicht widersprechen, Tribun.«

»Wir müssen einen Weg finden, sie zu bekämpfen.«

»Nicht unbedingt«, widersprach Soleta. Sie setzte sich auf ihren Kommandosessel und trommelte nachdenklich mit den Fingern auf der Armlehne.

»Wir können uns nicht der Verantwortung für die Sicherheit des Imperiums entziehen!«

»Ich habe auch nicht gesagt, dass wir das tun sollten, Tribun. Dennoch, es kann im Krieg manchmal nützlich sein, wenn man jemand anderen vorschiebt und ihn kämpfen lässt – zumindest am Anfang. Dann kann man dessen Erfolge mit denen des Gegners messen, Erfolge und Misserfolge analysieren und daraus lernen, ohne auch nur einen Tropfen des eigenen Bluts zu vergießen.«

»Sie wollen also sagen«, folgerte Lucius, »wir sollten dafür sorgen, dass jemand anderes gegen sie kämpft?«

»Ja.«

»Wer?«

»Ich dachte da … an die Sternenflotte.«

»Und wie wollen Sie das in die Wege leiten?«, fragte er.

»Das wäre nicht weiter schwierig«, sagte sie. »Maurus – ich nehme an, Sie haben eine Aufzeichnung vom augenscheinlichen Untergang der Excalibur?«

»Selbstverständlich, Commander.«

»Gut. Bearbeiten Sie diese, um sie einer Blindnachricht beizufügen. Wenn der Empfänger weiß, dass diese von uns stammt, wird das großen Argwohn bezüglich ihrer Glaubwürdigkeit erregen. Doch senden wir sie anonym über Subraumkanäle, wird man sie allein aufgrund ihres Inhalts beurteilen. Können Sie das für mich erledigen, Maurus?«

»Selbstverständlich, Commander. Und der Empfänger wäre …?«

»Admiral Elizabeth Paula Shelby«, sagte sie. »Kommandierender Offizier der Raumstation Bravo – und, soweit wir wissen, die frischgebackene Witwe von Captain Mackenzie Calhoun.«

RAUMSTATION BRAVO

I

Die nächtlichen Schweißausbrüche in letzter Zeit waren beängstigend.

Elizabeth Shelby träumte, dass sie fiel. Sie hatte keine Ahnung, wovon sie herabgestürzt war oder wo sie wahrscheinlich landen würde. Es fühlte sich nicht einmal so an, als würde Luft an ihr vorbeirauschen. Stattdessen stürzte sie durch eine Leere aus reinem, schwarzem Nichts. Nicht einmal Sterne warfen ein Licht in ihre Richtung, an dem sie sich hätte orientieren können. Sie streckte ihre Hände aus und versuchte verzweifelt, etwas zu finden, das ihr Halt geben könnte. Diese Geste aus ihrem Traum setzte sich in einer identischen Bewegung in der wachen Welt fort. Die plötzliche Bewegung riss sie zurück in den Wachzustand. Sie hatte ihren Arm so kräftig herumgeschwungen, dass jemand, der neben ihr geschlafen hätte, einen gewaltigen Schlag gegen den Kopf oder den Oberkörper bekommen hätte. Sie setzte sich abrupt auf und holte tief Luft. Die Bettlaken waren schweißdurchtränkt. Ihr Haar, das normalerweise lockig war, hing ihr ins Gesicht. Sie strich es zurück, blinzelte in die Dunkelheit und schloss dann die Augen in dem vergeblichen Versuch, die entsetzlichen Bilder abzuschütteln, die ihre Fantasie heraufbeschworen hatte.

Es war jedenfalls ein beunruhigender Traum gewesen. Er hatte keine zusammenhängende »Geschichte« – und wenn es eine gegeben hatte, war sie nicht in der Lage, sich daran zu erinnern. Sie konnte beim Aufwachen nur Bildfetzen bewahren und das Gefühl, dass Gefahr drohte.

Etwas war eigenartig. Obwohl sie wusste, dass sie diejenige war, die stürzte, hatte sie dennoch das äußerst merkwürdige Gefühl, dass tatsächlich ihrem Ehemann Gefahr drohte. Vielleicht – überlegte sie – symbolisierte das Gefühl des freien Falls ihren Gemütszustand, sollte es Calhoun einmal nicht mehr in ihrer Welt geben.

Sie hatte ihn schon einmal verloren. Nachdem das vorherige Modell der Excalibur in tausend Stücke zerschossen worden war, hatte Mackenzie Calhoun als vermisst gegolten und es war angenommen worden, dass er tot sei. Sie hatte um ihn getrauert, sie hatte gelernt, damit umzugehen, und sie hatte es hinter sich gelassen … nur, damit er dann doch auf wundersame Weise dem Tod von der Schippe gesprungen war. Die Erkenntnis, welch riesige Lücke Calhoun in ihrem Leben hinterlassen hatte, war zum Teil der Grund gewesen, weshalb sie ihn überhaupt geheiratet hatte.

Obwohl sie also wusste, dass sie in der Lage war, seinen Verlust zu überleben – schließlich hatte sie das bereits einmal geschafft –, war sie nicht sonderlich darauf erpicht, diese Anstrengung ein zweites Mal unternehmen zu müssen. Insbesondere, da sie nicht vollkommen davon überzeugt war, dass es ihr ein zweites Mal gelingen würde. Einmal im Leben war vollkommen ausreichend. Niemand sollte zweimal um denselben Mann trauern müssen.

Ihr fiel ein, wie oft sie Geschichten gelesen hatte, in denen Brüder, Schwestern oder Ehegatten behauptet hatten, dass sie irgendein übersinnliches Gespür dafür hatten, wenn ihren geliebten Menschen etwas zugestoßen war. Shelby war immer geneigt gewesen, diese unwissenschaftliche, unbeweisbare Intuition als reinen Unsinn abzutun.

Trotzdem saß sie hier in ihrem Schlafzimmer und wappnete sich. Sie wartete geradezu darauf, irgendeine unerwartete Nachricht zu erhalten, dass der Excalibur etwas Schreckliches zugestoßen war. Das wäre schließlich höchst dramatisch, nicht wahr? Man träumt von Gefahr und Verlust und kurz darauf kommt der Adjutant herein und bringt irgendwelche furchtbaren Nachrichten …

Das geschah allerdings nicht. Niemand klopfte an ihre Tür oder betätigte den Summer oder meldete sich über eine Notfallfrequenz, um ihr grauenhafte Nachrichten zu überbringen. Shelby ließ sich wieder auf ihr Bett zurückfallen und obwohl sie nicht mehr in den Tiefschlaf sank, verfiel sie in einen unruhigen Schlummer, der immerhin verhinderte, dass sie am nächsten Morgen müde durch die Raumstation schlurfte.

Die Übertragung traf zwei Tage später in der Raumstation Bravo ein. Shelby hatte ihren schrecklichen Traum bereits in die hinterste Ecke ihres Gehirns verdrängt, wo nutzlose Informationen normalerweise einen einsamen Tod starben. Sie arbeitete in ihrem Büro, als ihr Adjutant, Lieutenant Kassir, hereinkam. Er hatte einen rundes Kinn und lockige Haare. Jetzt hatte er eine ungewöhnlich düstere Miene aufgesetzt. In dem Moment, als sie ihn sah, schoss ihr der Traum wieder ins Gedächtnis.

Seine Inhaltsbeschreibung der Übertragung war oberflächlich, beinahe unverbindlich. Sie war im Kommunikationsbüro eingetroffen und er hatte sie umgehend auf einen Datenchip aufgezeichnet und sie ihr persönlich überbracht, anstatt sie einfach an sie weiterzuleiten. Sie lud den Inhalt herunter und sah sich die Aufzeichnung an. Dann spielte sie sie ein zweites Mal ab, ohne irgendeine sichtbare Reaktion zu zeigen.

»Das ist irgendein Trick«, sagte sie schließlich. Sogar Kassir musste zugeben, dass dies eine logische Annahme war. Die Quelle der Übertragung war verschlüsselt und anonym. Allein die Tatsache ihrer Anonymität machte sie verdächtig und gab Anlass zur Skepsis.

Darüber hinaus war das, was sie scheinbar zeigte, einfach … lächerlich. Angeblich sah man dort, wie die Excalibur von einem riesigen Schiff überwältigt und dann in eine Art wirbelndes Energieportal geschleudert wurde, das sie verschluckte. Jede vernünftige Interpretation dessen, was sie dort sah, ließ darauf schließen, dass die Excalibur mit allen Besatzungsmitgliedern an Bord verloren war – einschließlich ihres Mannes, Captain Mackenzie Calhoun.

»Welcher Planet ist das?«, fragte sie und tippte mit dem Finger auf die kleine Welt, die auf dem Computerbildschirm zu sehen war.

»Wir haben ihn als eine Welt in Sektor 221-G identifiziert, die Priatia heißt. Sie ist eine …«

»Pri… Priatia …?«

»Ja, Admiral«, bestätigte Kassir.

Shelby regte sich nicht. Sie saß wie festgefroren auf ihrem Platz. Kassir sah besorgt aus. »Admiral«, fragte er vorsichtig, »hat dieser Planet irgendeine … Bedeutung?«

Sie war überrascht, wie fest ihre Stimme klang. Sie nahm an, dass sie gar nicht so sehr überrascht sein sollte. Schließlich war sie ein Profi. »Die Trident«, sagte sie, »war im Sektor 221-G, der auch als thallonianischer Raum bekannt ist, im Einsatz, um die Möglichkeit zu untersuchen, dass irgendeine Technologie, die den Transwarpkanälen der Borg ähnelte, entwickelt oder sogar eingesetzt wurde. Obwohl man kein derartiges Gerät in aktiver Benutzung entdeckte, fand man in der Nähe des Planeten Priatia Spuren eines … nun, man könnte es ›Trichter‹ nennen.«

»Und Sie glauben, dieser Trichter könnte der Transwarpkanal sein, nach dem man gesucht hat … und das Schiff ist …«

»Im Moment denke ich nur eins, Lieutenant«, entgegnete sie, »dass ich das hier so schnell wie möglich zum Sternenflottenkommando weiterleiten möchte. Nichts gegen unsere eigenen Leute, aber dort gibt es Experten, die das hier bis hin zu den Quellbefehlen auseinandernehmen und uns sagen können, ob das, was wir sehen, echt ist oder die Erfindung eines kranken Witzbolds, der holografische Programme herstellen kann und zu viel Zeit hat. Darüber hinaus werde ich überhaupt nichts denken, bis ich es muss.«

»Ja, Admiral.«

Sie gab ihm den Chip, er drehte sich um und ging zur Tür. Dort zögerte er und wandte sich wieder zu ihr um. »Admiral …«, begann er, aber dann fehlten ihm die Worte.

Shelby konnte es ihm nicht verübeln. Was sollte man dazu auch sagen? Dass er hoffte, dass ihr Mann nicht tot war? Sie hob eine Hand und sagte: »Sparen Sie es sich, Lieutenant. Das hier ist alles sehr … dubios. Also ist es wahrscheinlich das Beste, wenn wir uns alle guten Wünsche oder Beileidsbekundungen aufsparen, bis wir wissen, worum es sich hier handelt. Einverstanden?«

»Ja, Admiral«, erwiderte Kassir, der nach ihren Worten erleichtert aussah und hinausging, um seine Befehle auszuführen.

Trotz ihrer gegenteiligen besten Vorsätze brachte Shelby den Rest des Tages absolut gar nichts zustande. Ganz egal worauf sie sich zu konzentrieren versuchte, ihre Gedanken kehrten immer wieder zu den Bildern zurück, die sie auf dem Bildschirm gesehen hatte. Am liebsten hätte sie sich mit der Trident in Verbindung gesetzt und diese nach Priatia geschickt, um die Gegend zu untersuchen und herauszufinden, was zur Hölle eigentlich vor sich ging. Doch dazu fehlte ihr die Befehlsgewalt, sie konnte keine Raumschiffeinsätze befehlen. Und wenn es eins gab, wovor Elizabeth Paula Shelby Respekt hatte, dann war das die Kommandokette. Sie hatte weiß Gott genug Streitgespräche mit Calhoun über genau dieses Thema geführt.

Also würde sie abwarten. Sie würde warten, bis sie von der Sternenflotte hörte, würde ihre Empfehlungen abgeben, wie man am besten vorginge, und alles würde seinen geordneten Lauf nehmen.

Wenn sie schlief, wartete sie darauf, dass Träume, in denen sie fiel oder in denen Mackenzie Calhoun in einer Notlage war, ihren Schlaf störten. Das wäre ebenfalls dramatisch, nicht wahr? Wiederkehrende Visionen ihres Mannes, der sie aus einer namenlosen Leere rief und entweder um ihre Hilfe flehte – oder ihr versicherte, dass er irgendwo an einem besseren Ort war, jenseits eines großen Grabens.

Stattdessen schlief sie tief und traumlos … und das machte ihr mehr Sorgen als alle Albträume.

II

Admiral Edward Jellico betrachtete das Bild von Elizabeth Shelby auf seinem Bildschirm und wünschte, dass er einfach die Hand ausstrecken und der armen Frau auf die Schulter klopfen könnte.

Er hatte den Überblick verloren, wie oft er Ehefrauen, Ehemänner und Kinder über den Verlust geliebter Menschen hatte informieren müssen. Es wurde niemals leichter, weshalb er heutzutage dankbar war, dass er Untergebene hatte, die diese Aufgabe für ihn übernahmen. In diesem Fall allerdings empfand er es als seine Pflicht, Shelby höchstpersönlich die schlechte Nachricht zu überbringen.

Es war nicht so, dass er dem Verlust der zahllosen anderen Familien gegenüber unsensibel war. Schließlich befanden sich tausend Personen auf der Excalibur und höchstwahrscheinlich hatte jeder einzelne von ihnen Familienmitglieder, mit denen man sich in Verbindung setzen und ihnen die furchtbare Nachricht überbringen musste:

Im Einsatz vermisst.

Soweit es Jellico anging, war das schlimmer, als geradeheraus gesagt zu bekommen, dass jemand, den man liebte, verstorben war. Immerhin wusste man in diesem Fall, woran man war. Wenn es um Vermisste ging, verdammte das die Hinterbliebenen zu einer irgendwie nebulösen Existenz. Man verlangte von ihnen, unglaublich viel Hoffnung auf eine eventuelle Wiederkehr aufzubringen – und in der Zwischenzeit konnten sie mit ihrem Leben in keinerlei Richtung weitermachen. Sie konnten nicht trauern, sie konnten nicht neu heiraten. Ein großer Teil ihrer Existenz wurde zu einem klaffenden Loch, das alles zum Stillstand brachte.

Das war nicht fair. Es war richtig, jeder der in die Sternenflotte eintrat, kannte die Risiken. Das macht es aber auch nicht fairer.

Immerhin konnte Jellico Shelby gegenüber bei der Einschätzung der Situation brutalere Ehrlichkeit walten lassen, als er das bei einem Zivilisten konnte. »Es tut mir wirklich leid, Elizabeth.« Er faltete seine Hände und ließ sie auf dem Tisch ruhen. »Aber wie ich Ihnen schon sagte, haben wir die Übertragung gründlich analysiert.«

»Er ist nicht tot«, entgegnete Shelby. Sie klang überraschend leidenschaftslos. Jellico wusste nicht, ob er das dem Schock oder übermäßiger Selbstbeherrschung zuschreiben sollte.

»Ich sagte Ihnen bereits«, erinnerte er sie, »wir werden weder Mac noch jemand anderen offiziell für tot erklären. Ich muss Ihnen allerdings mitteilen: Die Chancen, dass sie dieses … Phänomen … überlebt haben, sind sehr gering.«

»Wir wissen nicht mit Sicherheit, was dieses Phänomen ist. Sie sagten, Ihre Untersuchungen der visuellen Aufzeichnung seien nicht eindeutig.«

»Nicht eindeutig, ja, aber die Tatsache bleibt, dass die Excalibur Kräften ausgesetzt war, für die wir nicht einmal einen Namen haben. Die Art der Energien, die dort entfesselt wurden, geht über das von uns Messbare hinaus.«

»Sie hatten keine Sensoren vor Ort, Admiral«, widersprach sie. »Das sind alles Mutmaßungen, die Sie aufgrund dessen, was Sie auf dem Bildschirm gesehen haben, anstellen. All das wurde uns von einer anonymen Quelle geschickt. Haben Sie wenigstens irgendeine Vermutung, wer diese Aufzeichnung gemacht hat?«

Er schüttelte müde den Kopf. »Glauben Sie mir, ich wünschte, das hätten wir. Dann hätten wir wenigstens … etwas in der Hand. Jedenfalls mehr, als wir jetzt haben. Tatsache ist, die Excalibur