Star Trek - New Frontier 14: Neue Zeiten - DAVID PETER - E-Book

Star Trek - New Frontier 14: Neue Zeiten E-Book

DAVID PETER

4,7

Beschreibung

Drei Jahre sind seit den Ereignissen vergangen, die im Roman Stein und Amboss geschildert wurden und die Leben der früheren und er aktuellen Besatzung der U.S.S. Excalibur haben einige überraschende Wendungen durchgemacht. Captain Elizabeth Shelby wurde zum Admiral befördert und leitet nun Sternenbasis Bravo … während ihr früheres Schiff, die U.S.S. Trident, einen neuen Captain hat. Soleta hat die Sternenflotte verlassen, um die Gefahren ihrer romulanischen Abstammung zu ergründen. Zak Kebron dient auf der Excalibur als Counselor und als Sicherheitschef. Und Mackenzie Calhoun? Nun, Mackenzie Calhoun ist noch immer ganz der Alte. Si Cwan, Premierminister des Neuen Thallonianischen Protektorats bereitet sich darauf vor, seine Schwester Kalinda in einer politischen Zweckehe zu verheiraten, die sein erst kürzlich wiederhergestelltes Imperium stärken soll. Kurz vor der Hochzeit wird die angehende Braut entführt, ein katastrophales Ereignis, das droht, den ganzen Sektor zu destabilisieren – besonders, da Kalindas Entführer jemand nur allzu vertrautes ist. Während die Excalibur, die Trident und die ganze thallonianische Flotte versuchen, wieder für Ordnung in ihrem Sektor des Weltraums zu sorgen, wäre niemand auf den Gedanken gekommen, dass auch eine geheimnisvolle fremde Macht eine Rolle in Kalindas Verschwinden spielen könnte – und dass die Galaxis bald einem Feind gegenüberstehen könnte, den man schon lange vergessen hatte.

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Neue Zeiten

PETER DAVID

Based onStar Trek created by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen von Helga Parmiter & Claudia Kern

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – NEW FRONTIER: NEUE ZEITEN wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Helga Parmiter und Claudia Kern; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei;

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – NEW FRONTIER: AFTER THE FALL

German translation copyright © 2016 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2004 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2016 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc.All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-95981-160-6 (November 2016) · E-Book ISBN 978-3-86425-258-0 (November 2016)

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Inhalt

ZUVOR …

I

II

DANACH …

NEU THALLON

I

II

III

IN DEN TIEFEN DES ALLS

RAUMSTATION BRAVO

NEU THALLON

I

II

U.S.S. TRIDENT

NEU THALLON

I

II

U.S.S. EXCALIBUR

I

II

DIE LYLA

U.S.S. EXCALIBUR

I

II

DIE LYLA

I

II

U.S.S. EXCALIBUR

I

II

NEU THALLON

GEFANGENSCHAFT

U.S.S. EXCALIBUR

NEU THALLON

I

II

U.S.S. EXCALIBUR / NEU THALLON

I

II

III

U.S.S. TRIDENT

I

II

III

NEU THALLON

I

II

NEU THALLON / U.S.S. TRIDENT

I

II

III

U.S.S. EXCALIBUR

NEU THALLON

I

II

III

U.S.S. EXCALIBUR

I

II

ANMERKUNG FÜR UNSERE LESER

Alles muss sich weiterentwickeln. Alles muss voranschreiten. Ohne Fortschritt gibt es Langeweile oder gar Rückschritt. NEW FRONTIER bildet da keine Ausnahme.

Außer dem ersten Kapitel spielt »Neue Zeiten« drei Jahre nach dem Ende des vorherigen NEW FRONTIER-Romans »Stein und Amboss« – nur wenige Tage vor den Ereignissen des Films STAR TREK – NEMESIS. Genau wie in der echten Welt ist in drei Jahren viel geschehen. Die Charaktere aus NEW FRONTIER sind keine Spielzeuge, die genau dort liegen bleiben, wo man sie nach dem letzten Gebrauch hingeworfen hat. Viele Mannschaftsmitglieder der Excalibur und der Trident haben unerwartete Wege eingeschlagen, und wohin es sie verschlagen hat, sorgt für einige Überraschungen.

Wir hier in der Kommandozentrale von NEW FRONTIER wollten das nur im Vorfeld deutlich gesagt haben, damit niemand beim Lesen des Buchs nach dem Resetknopf sucht. Es wird keine Reise zu einer entscheidenden Stelle in der Vergangenheit geben, um den Status quo wiederherzustellen. Es wird keine schockierenden Enthüllungen geben, dass wir uns in einem Paralleluniversum befinden. Es ist kein Schwindel, kein Traum und auch keine Fantasiegeschichte … nun, nicht fantastischer als die anderen. Was Sie in Händen halten, ist die »Jetztzeit« von NEW FRONTIER. Wir gehen davon aus, dass Sie genauso damit zurechtkommen, wie unsere Helden es tun.

Kommen Sie mit und sehen Sie, wer sich getrennt hat, wer immer noch zusammen ist, wer wo ist und wer wer ist im Universum von NEW FRONTIER.

– Die Geschäftsleitung

ZUVOR …

 

I

An dem Tag, als Soleta überzeugt war, dass sie sterben würde, war sie gleichermaßen überrascht und auch nicht überrascht, Botschafter Spock am anderen Ende ihrer Zelle stehen zu sehen.

Jedes Gelenk, jeder Muskel, jede Nervenzelle ihres Körpers schien vor Schmerz zu brennen, und doch schaffte sie es, sich aufzusetzen. Sie wollte aufstehen und dem Anlass angemessen formell aussehen. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte nicht genug Kraft dafür aufbringen. Und so begnügte sie sich damit, auf dem feuchtkalten Boden zu sitzen und den großen, schlanken Vulkanier anzustarren. Im Gegenzug starrte er sie ebenfalls an. Eine ganze Weile wurde kein Wort gewechselt.

Schließlich brach Soleta das Schweigen. »Nun?«, fragte sie. »Wollen Sie es nicht aussprechen?«

Er zog eine Augenbraue hoch. Sie hatte gewusst, dass er das tun würde. »Was genau erwarten Sie von mir zu hören?«

»Ich glaube, der angemessene Satz wäre: ›Wie sind die Helden gefallen.‹«

Er dachte kurz darüber nach und informierte sie dann: »Das wäre unlogisch.«

»Wieso?«

»Sie waren eigentlich nie eine Heldin.«

»Nein.« Sie lehnte ihren Kopf gegen die Zellenwand. »Nein, ich nehme an, das war ich nicht.«

Beide verharrten einige Zeit, dann gestattete Soleta sich ein schwaches Lächeln.

»Finden Sie Ihre momentane Situation komisch?«, fragte Spock.

»Nicht besonders. Ich denke nur über die Tatsache nach, dass ich, als wir uns das erste Mal begegneten, ebenfalls in einer Zelle war. Auf Thallon. Wissen Sie noch?«

»Selbstverständlich«, sagte Spock in einem Tonfall, der zum Ausdruck brachte, dass es absurd wäre, zu glauben, er könne vergessen – nicht nur dieses Ereignis, sondern irgendetwas, das ihm jemals während seiner Lebenszeit widerfahren war.

»Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wie die Dinge im Leben sich wiederholen«, sagte sie. »Sie und ich, gefangen in einem Verlies auf Thallon, Gefangene der königlichen Familie. Dann entkommen wir, und einige Jahre später tauchen einige Mitglieder genau dieser königlichen Familie ausgerechnet auf dem Föderationsschiff auf, auf dem ich diene, nachdem ihre Familie die Macht verloren hat. Und jetzt sind sie nicht länger Teil meines Lebens, oder ich von ihrem, und ich sitze wieder in einem Verlies … während sie, nach allem, was mir zu Ohren gekommen ist …«

»Sie sind gerade dabei, die Macht wieder zu übernehmen«, erwiderte Spock. »Ja. Das stimmt. Offenbar ist ein neues thallonianisches Regime im Aufstieg begriffen. Ich schätze, dass es in etwa zwei Komma drei Jahren die Herrschaft vollständig übernommen haben wird. Es wird allerdings mit ziemlicher Sicherheit ausgeprägte Unterschiede zwischen der früheren Monarchie und dem neuen Herrschaftssystem geben. Ich denke, dass die wahrscheinlichste Struktur bestehen wird aus …«

»Mr. Spock.«

Die Gemütsregungen auf seinem Gesicht waren natürlich minimal, doch es war offensichtlich, dass er angesichts dieser Unterbrechung überrascht war.

Soleta seufzte. »Es ist mir eigentlich egal.«

»Ah. Denn so, wie die Dinge stehen, werden Sie ohnehin nicht lange genug leben, um es mit eigenen Augen zu sehen.«

»Man könnte sagen, dass der Tag sich in diese Richtung entwickelt, ja.« Sie starrte mit getrübtem Blick zu ihm hinauf. »Sie werden mir nicht helfen, oder?«

»Verzeihung?«

»Ich sagte, dass Sie mir nicht helfen werden. Nicht versuchen werden, einen Weg zu finden, um mich hier herauszuholen.«

»Ich bedaure, aber das liegt nicht in meiner Macht.«

Sie schnaubte verächtlich. »Das glaube ich keine Sekunde lang.«

»Dass es etwas gibt, das außerhalb meiner Macht liegt?«

»Nein. Dass Sie etwas bedauern.« Sie legte den Kopf in den Nacken. Das kalte Metall der Zelle an ihrem Hinterkopf fühlte sich merkwürdig tröstlich an. »Sie nicht. Sie bedauern nie etwas. Niemals.«

»Und was lässt Sie zu dieser Schlussfolgerung gelangen?« »

Nun«, sie stotterte beinahe, als wäre die Antwort vollkommen offensichtlich, »weil Sie bei allem, was Sie tun, der Logik folgen.«

»Und?«

»Und?!« Soleta verstand nicht, wovon er sprach. »Und wenn Sie immer dem Weg der Logik folgen, wie können Sie dann jemals etwas bedauern?«

Er überdachte die Frage eine Weile. »Ganz offensichtlich«, sagte er schließlich, »verwechseln Sie den Weg der Logik mit dem richtigen Weg.«

»Ist das nicht dasselbe?«

»Nein, Soleta. Ganz und gar nicht.« Er drehte eine langsame Runde durch die Zelle. Die Hände hielt er hinter seinem Rücken gefaltet und seine lange Robe umspielte seine Füße. »›Richtig‹ und ›falsch‹ sind rein subjektive Begriffe, die man Theologen und Gesetzeshütern überlassen sollte. Es gab einige Anlässe im Laufe meines Lebens – ich würde sogar wagen zu behaupten in jedermanns Leben –, zu denen ich mich nicht dem richtigen oder falschen Weg gegenübersah, sondern stattdessen einer Vielzahl von Wegen, die alle wenig erstrebenswert waren. Wenn zum Beispiel eine Person oder eine Gruppe von Personen anstelle einer oder mehrerer anderer Personen leiden musste. In solchen Fällen habe ich die logische Entscheidung getroffen und getan, was getan werden musste. Unter exakt denselben Umständen würde ich wieder exakt dieselben Entscheidungen treffen.«

»Also wo kommt das Bedauern her?«

»Das Bedauern, Soleta«, erklärte er wehmütig, »entspringt meiner Unfähigkeit, einen anderen Weg wahrzunehmen, der alle Probleme auf eine Weise lösen würde, bei der niemand leiden müsste.«

Sie kicherte tief in ihrer Kehle. »Das, Mr. Spock, ist unlogisch.«

»Das, Soleta«, gab er zurück, »ist genau das, was ich zum Ausdruck bringen wollte.«

Bevor sie noch etwas anderes sagen konnte, war zu hören, wie das Hochsicherheitsschloss an der Tür in ihrer Nähe geöffnet wurde.

Einige Romulaner traten ein. Sie trugen volle Panzerung, wie es für Wachen üblich war. Es erschien Soleta lächerlich, denn sie stellte wohl kaum eine Bedrohung für sie dar.

»Mit wem hast du da gesprochen?«, wollte der erste Wachmann wissen. Er sah sich misstrauisch in der Zelle um.

»Mit niemandem.« Sie erkannte in dem Moment, als sie den Mund öffnete, dass ihre Stimme viel trockener und angestrengter wirkte, als sie gedacht hatte. Sie klang ganz anders als während ihrer Unterhaltung mit Spock.

Außerdem erkannte sie, dass sie weit mehr Schmerzen hatte, als ihr bewusst gewesen war. Die körperliche Gewalt, der sie ausgesetzt gewesen war, hatte überall Spuren hinterlassen. Seltsam. Seltsam, dass sie dies nicht früher gespürt oder bemerkt hatte. Es war, als hätte ihr Geist sich aus irgendeinem merkwürdigen Grund gespalten …

Nun, vielleicht war es gar nicht so merkwürdig.

»Bemerkenswert, nicht wahr?«, sagte sie mit belegter Stimme. Ihre Lippen waren ebenfalls geschwollen. Auch das hatte sie vorher nicht bemerkt. »Was der Geist nicht alles tut, um sich vor dem zu schützen, was der Körper durchmachen muss.«

»Wovon redest du?«, wollte er wissen.

»Biologie. Und Sie?«

Die Wache, die hinter der ersten hereingekommen war, suchte die Zelle mit finsteren Blicken ab. »Mit wem hat sie gesprochen?«

»Das hat sie nicht beantwortet«, erwiderte der erste Mann. »Mit wem haben Sie gesprochen?«

»Das ist eine ziemlich große Waffe«, stellte sie fest. »Verwenden Sie sie, um damit Unzulänglichkeiten auf anderen Gebieten auszugleichen?«

»Ich verwende sie gegen dich, du mörderisches Halbblut!« Seine Hand glitt hinab zum Griff.

»Na, das nenne ich mal eine Drohung.«

»Das ist keine Drohung.«

»Und doch«, sagte Soleta, »sehe ich nicht, dass Sie es tun.«

Er begann, seinen Disruptor herauszuziehen. Soleta war unbeeindruckt. Doch dann legte die zweite Wache eine Hand auf den Arm seines Kollegen und verhinderte die überstürzte Handlung. Der erste Wachmann nahm die Hand von der Waffe, doch dann riss er plötzlich den Fuß hoch, wirbelte herum und rammte ihn in Soletas Gesicht.

Sie spürte es nicht einmal. Der Aufprall genügte, um sie rückwärts zu schleudern, doch ansonsten nahm sie nichts wahr. So abgestumpft war sie.

Sie krachte zu Boden und lag einfach mit ausgestreckten Armen und Beinen da. Ihr Mund bewegte sich kurz, dann spuckte sie einen Klumpen grünes Blut zur Seite.

»Mit wem«, wiederholte der Wachmann, »hast du gespr…?«

»Mit mir selbst«, erwiderte sie.

»Du hast Selbstgespräche geführt?«

»Sehen Sie hier sonst noch jemanden?«, wollte sie wissen und klang bemerkenswert ruhig, wenn man bedachte, dass ihre Kleidung zerfetzt und ihr Körper mit Blutergüssen und offenen Wunden übersät war.

Offensichtlich nicht. Sie hatten bereits mehrfach nachgesehen.

Mit verärgerten Blicken gingen sie vorwärts und packten Soleta an den Armen. Es gab noch einige andere Wachen in Sichtweite, und diese hatten bereits ihre Waffen gezogen.

Einen vergnüglichen Moment lang überlegte Soleta, beide Wachen mit dem vulkanischen Nervengriff außer Gefecht zu setzen. Während ihre Körper dann schlaff zu Boden sanken, konnte sie die beiden für einige Sekunden als Schilde nutzen, bis sie ihnen die Waffen aus den Holstern gerissen hatte, um auf die anderen Wachen zu feuern. Sobald sie alle niedergestreckt hatte, würde sie ihre ganze Sternenflottenausbildung und ihre Tarntechniken zusammennehmen, um sich zu einem Flughafen zu begeben, an dem sie irgendein Fluggerät finden würde, mit dem sie dann die romulanische Heimatwelt schnellstmöglich verlassen konnte.

»Woran denkst du?«, wollte eine der Wachen wissen.

Sie ließ ihren Kopf herumrollen, bis sie ihn mit ihrem Blick fixieren konnte. »Was für eine komische Frage.«

»Beantworte sie.«

»Ich habe über einen gerissenen Fluchtplan nachgedacht«, sagte sie.

»Ach, wirklich? Und hast du vor, diesen in die Tat umzusetzen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Bin zu müde …«

Das waren die letzten Worte, die sie hervorbrachte, bevor ihr Kopf nach vorn sackte.

II

Hiren, der romulanische Praetor, hatte schon viel über das weibliche Halbblut gehört, das man ohne Zwischenfälle bei der Ankunft auf der Heimatwelt festgenommen hatte. Persönlich war er ihr noch nicht begegnet. Eine derartige Interaktion im frühen Stadium eines Verhörs wäre höchst unschicklich. Er hatte seine Leute, deren Aufgabe es war, sich mit ihr zu beschäftigen, und er hatte vollstes Vertrauen, dass sie dies mit der gewohnten Effizienz tun würden.

Insofern wuchs seine Verwunderung angesichts der immer neuen Berichte, die ihm weit weniger als erwartet mitteilten. Sie wuchs so sehr, dass er entschied, es sei an der Zeit, einzugreifen und diese Kreatur höchstpersönlich zu begutachten.

Als man sie hereinschleifte, war er wenig beeindruckt. Zwei seiner Wachleute schleppten sie vorwärts. Der Praetor saß in seinem großen Sessel am gegenüberliegenden Ende des Ratszimmers. Keiner seiner Berater war anwesend. Er hatte sich für eine private Zusammenkunft entschieden.

Es gab einen großen, runden Tisch mit einer Lücke, durch die man jemanden in die Mitte des großen Runds bringen konnte, und genau das wurde mit der Frau gemacht. Die Wachen mussten sie nicht einmal zu Boden werfen. Sie gingen nur in entgegengesetzte Richtungen auseinander und sie brach ohne einen Laut des Protests zusammen. Die Wachen zogen sich aus dem Tischrund zurück und ließen sie wie ein Häufchen Elend auf dem Boden liegen.

»Steh auf«, sagte der Praetor.

Sie schien ihn zunächst nicht zu hören. Doch dann krümmte sie den Rücken und stützte sich mit Händen und Füßen ab. Ihr Kinn war vorgestreckt und sie drückte ihren Rücken durch. Sie schwankte etwas, als hätte sie Schwierigkeiten, stehen zu bleiben, aber sie schien nicht hinfallen zu wollen. Ihre Augen waren geschwollen, ihre Nase mehrere Male gebrochen. Sie war offensichtlich in keiner guten Verfassung.

Hirens Blick schweifte von der Frau zu den Wachen. »Ich kann mich nicht daran erinnern«, sagte er langsam, »körperliche Gewalt angeordnet zu haben, um ihr Informationen zu entlocken.« Er sprach mit tiefer, grollender Stimme, die seiner Brust zu entstammen schien. Er trug einen Helm. Seine Haare darunter waren grau und seine schwarzgrauen Augenbrauen buschig. Der Ausdruck seiner Augen entbehrte jeder Milde.

»Die physischen Verletzungen sind nicht das Ergebnis des Verhörs, Sir«, sagte einer der Wachmänner. »In den vergangenen Tagen war sie bei allem, das sie gesagt und getan hat, respektlos. Ihre Verletzungen hat sie bei unseren Bemühungen, ihr angemessenen Respekt beizubringen, erlitten.«

»Ich verstehe.« Er dachte darüber nach und nickte dann. »Also schön. Ja, ist in Ordnung. Und du«, er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Frau zu. »Soleta. Ist das nicht der Name, den du trägst?«

Sie sah so aus, als wollte sie sprechen, doch dann zuckte sie schmerzerfüllt zusammen und verlegte sich stattdessen aufs Nicken.

»Ich habe viel von dir gehört.«

Immer noch keine Antwort. Sie starrte ihn einfach an.

»Ich dachte«, sagte er nach einigem Nachdenken, »du wärest größer.«

»Das bin ich«, erklärte sie ihm, »wenn ich Wert auf Etikette lege.«

Dies führte zu einem wütenden Knurren eines Wachmanns, der mit der klaren Absicht, sie für ihre Unverschämtheit zu bestrafen, auf sie losgehen wollte. Der Praetor allerdings lachte und streckte eine Hand aus. Die Wache blieb wie angewurzelt stehen und machte dann widerwillig einen Schritt rückwärts.

»Sollte das ein Scherz sein?«, fragte Hiren höflicher, als angebracht gewesen wäre.

»Das war der Plan.«

»Ich erkenne, warum meine Wachen dich verprügelt haben.«

»Und bestimmt auch, wo.«

Er musterte sie eine ganze Weile und versuchte, sich ein Bild von ihr zu machen. Es konnte sich nur schwer entscheiden, ob sie bemerkenswert tapfer war oder einfach zu weit entrückt von dem, was mit ihr geschah, um Angst zu haben. Derartige Dinge waren bei Vulkaniern immer sehr schwer zu unterscheiden.

»Doch du bist eigentlich keine Vulkanierin, nicht wahr?«, sagte er und beendete damit seinen Gedankengang laut.

Sie sagte nichts.

Eine der Wachen knurrte: »Der Praetor hat dich etwas gefragt, Weib.«

»Der Praetor hat mir eine Frage gestellt, auf die er die Antwort bereits kennt«, antwortete Soleta. »Ich muss ihm nicht sagen, was er schon weiß.«

»Du hast recht«, bestätigte der Praetor und beugte sich neugierig vor. »Du trägst romulanisches Blut in dir. Doch deine Sternenflotte wusste das nicht.«

»Nein. Sie wussten es nicht.«

»Narren«, sagte er wegwerfend. »Ich kann es an dir riechen. Es entweicht aus jeder deiner Poren. Wie konnten sie es nicht wissen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Das war etwas, das bei Routineuntersuchungen nicht deutlich wurde.«

»Doch sie haben es schließlich herausgefunden.«

»Ja.«

»Weil etwas mit dir geschehen ist, das traumatischer war als eine Routineuntersuchung.«

»Ich wurde sehr schwer verletzt«, sagte sie. »Während eines Bodenkampfs im Krieg.«

»Der Krieg. Der Krieg, bei dem die Selelvianer und die Tholianer auf einer Seite stehen und deine teure Föderation auf der anderen.«

»Es tut mir leid, wenn wir Lärm gemacht und Sie geweckt haben«, sagte Soleta.

Empört über ihren Tonfall näherte sich ihr einer der Wachmänner von hinten, und dieses Mal unternahm der Praetor keine Anstrengungen, ihn aufzuhalten. Der Mann schwang eine Faust in Richtung ihres Hinterkopfs.

Soleta wirbelte schneller herum, als Hiren für möglich gehalten hätte. Ihre Hand legte sich über das Gesicht der Wache und umklammerte es. Dadurch wurde der Mann abrupt gestoppt. Ihre Finger drückten immer fester zu. Seine Hände fielen an seinen Seiten herab und sein Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei. Als die anderen Wachleute sich ihnen schnell näherten, stieß sie ihn fort. Er taumelte rückwärts, fiel zu Boden und starrte ausdruckslos zur Decke.

Ohne Zögern drehte Soleta sich zum Praetor um. Die Wachen brachten ihre Waffen in Anschlag und zielten aus allen Richtungen auf sie. Nur ein Fingerzucken trennte sie von ausreichend Feuerkraft, um sie zehnfach zu töten.

Hiren war aufgesprungen, hob seine Hand und sagte: »Niemand bewegt sich!« Seine Stimme donnerte durch den Raum und gebot absoluten und sofortigen Gehorsam. Er wurde nicht enttäuscht.

Soleta wirkte wie aus Eis geschnitzt. Sie sah wirklich so aus, als sei es ihr vollkommen egal, ob sie in ein paar Minuten noch lebte oder tot war.

»Was hast du mit ihm gemacht?«, wollte Hiren wissen.

»Ich habe den vulkanischen Todesgriff angewendet.«

»So etwas wie einen vulkanischen Todesgriff gibt es nicht.«

Sie sah den Praetor an, dann zu dem Wachmann, dessen Gesicht aus vielen grünen Flecken bestand, und dann wieder zurück zum Praetor.

»Jetzt schon«, sagte sie ruhig.

»Das romulanische Blut in dir hat dich zweifellos inspiriert.«

»Zweifellos.«

»Praetor!«, rief einer der Wachmänner. Sein Disruptor zielte immer noch auf Soleta, genau wie die Waffen aller anderen Wachen. Offensichtlich wollte er die Erlaubnis, diesen Halbblut-Emporkömmling zu vernichten.

»Senken Sie Ihre Waffen, Centurion«, sagte der Praetor ruhig.

»Aber Praetor …«

Hirens Mine verfinsterte sich. »›Aber‹ und ›Praetor‹ sind zwei Worte, die der Sprecher auf eigene Gefahr zusammen verwendet, Centurion.«

Langsam senkte der Wachmann seine Waffe. Die anderen Wachen taten es ihm gleich. Soleta ihrerseits reagierte überhaupt nicht. Ihr Tod hätte in der nächsten Sekunde bevorstehen können und sie hätte sich auch nicht anders verhalten. Die von ihr an den Tag gelegte lässige Gewalt brodelte in ihrem romulanischen Blut, doch ihre vollkommene Unergründlichkeit entstammte mit Sicherheit ihrer vulkanischen Seite.

»Du wurdest schwer verletzt.« Er sprach, als sei in der Zeit zwischen seinen letzten an sie gerichteten Worten und jetzt nichts geschehen.

»Ja.«

»Während einer Bodenschlacht.«

»Ja.«

»Und als man dich wieder zusammenflickte, zeigten die detaillierten Tests, die man bei dir durchführte, dass du von den Romulanern abstammst.«

»Ja.«

»Eine Abstammung, die dadurch entstand, dass ein Romulaner sich mit deiner vulkanischen Mutter eingelassen hat.«

»Nein.« Sie presste ihre Lippen aufeinander. »Dadurch, dass ein Romulaner namens Rajari meine vulkanische Mutter vergewaltigt hat.«

»Du kannst dich nur auf das Wort deiner Mutter stützen, was die Vergewaltigung angeht.«

»›Nur‹ und ›die Worte deiner Mutter‹ sind fünf Worte, die der Sprecher auf eigene Gefahr zusammen verwendet, Praetor.«

Im Rund war zu hören, wie alle nach Luft schnappten, und einen Moment lang schien es erneut, als wollten die Wachen das Feuer auf sie eröffnen. Ein strenger Blick von Hiren genügte, um sie an Ort und Stelle verharren zu lassen – wenn auch widerwillig.

»Dir, Weib, scheint es nicht wichtig zu sein, was mit dir aufgrund deines großen Mundwerks geschieht.«

»Sie können mich nur einmal töten, Praetor.«

»Sei dir da nicht so sicher«, sagte er zu ihr. »Wir sind sehr erfinderisch.«

Sie neigte ihren Kopf leicht, um anzudeuten, dass sie diese Möglichkeit zur Kenntnis nahm, schwieg aber weiterhin.

»Also die Sternenflotte hat dich mit deiner Herkunft konfrontiert. Und du hast zugegeben, davon gewusst und es ihnen absichtlich verschwiegen zu haben.« Sie nickte und er fuhr fort: »Und wie sah ihre Reaktion darauf aus?«

»Das Büro des obersten Counselors entschied, dass ich degradiert und mit einer neuen Aufgabe mit niedrigerer Sicherheitsfreigabe betraut werden solle.«

»Und deine Reaktion darauf?«

»Ich bin gegangen.«

»Ich verstehe.« Er machte eine Pause. »Dein kommandierender Offizier. Wie stand er dazu?«

»Er hat gegen die Entscheidung der Sternenflotte angekämpft. Er war bereit, deswegen aus dem Dienst auszuscheiden. Er hat es nur auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin nicht getan.«

»Also hat er nichts unternommen?«

»Doch, er hat etwas unternommen.«

»Was denn?«

»Er hat den obersten Counselor der Sternenflotte ins Krankenhaus verfrachtet.«

Diese Antwort erwischte Hiren so unerwartet, dass er in schallendes Gelächter ausbrach. Soleta blieb wie immer ungerührt. Der Praetor beruhigte sich wieder und bemerkte, dass seine Wachen unsichere Blicke auf die Leiche des getöteten Wachmanns am Boden warfen. Er tat nichts dagegen. Auf gewisse Weise gefiel es ihm, dass sie verunsichert waren.

»Es hört sich an, als wäre dein kommandierender Offizier eine bemerkenswerte Persönlichkeit.«

»Das war er.«

»Wie kam es, dass du in einem Feuergefecht so schwer verletzt wurdest?«

»Ich rettete das Leben der Ehefrau meines kommandierenden Offiziers.«

»Ich verstehe. Sehr gut. Und du hast nach all dem entschieden, es sei das Beste für dich, hierherzukommen, in die Heimat des Vergewaltigers deiner Mutter.«

»Ja.«

»Warum?«

»Weil«, antwortete sie gleichmütig, »ich jemand bin, der sich als Teil von etwas fühlen muss. Früher war das die Sternenflotte. Sie ist es nicht mehr. Ich kann nicht Teil des vulkanischen Volks sein, da ich nicht zu ihnen gehöre. Also kam ich zu dem Schluss, dass die beste Lösung der Versuch wäre, Teil des romulanischen Volks zu werden.«

»Und du dachtest, wir würden dich einfach so akzeptieren?« »

Ich wusste nicht, wie Sie reagieren würden. Ich habe mich Ihren Amtsträgern vorgestellt.«

»Du hast dich vorgestellt«, sagte Hiren und ein verärgerter Unterton schlich sich in seine Stimme, »als Mitverantwortliche für eine Bombardierung, die viele romulanische Würdenträger ihr Leben gekostet hat.«

»Das ist korrekt.«

»Ein Bombenangriff, von dem du behauptest …« Er warf einen Blick in den Bericht, der vor ihm lag. Bisher hatte er eher verstohlen hin und wieder hineingesehen, aber jetzt machte er großes Aufhebens darum. »… dass dein Vater Rajari der Drahtzieher gewesen sei, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits tot war.«

»Ich war sein Handlanger, ja. Ich kannte die wahre Natur des Mechanismus nicht, bevor ich ihn in Gang gesetzt hatte.«

»Nun«, sagte der Praetor gleichmütig, »so eine blinde Vertrauensseligkeit spricht nicht gerade für dich, nicht wahr?«

»Das tut sie nicht, Praetor.«

»Und ich frage mich, wie du reagierst, wenn du erfährst, dass mein Bruder sich in dem Gebäude befand, als es explodierte.«

»Ich würde mein Beileid bekunden.«

»Dein Beileid wird ihn nicht zurückbringen«, ließ Hiren sie wissen.

»Nein Praetor. Eine Zeitmaschine oder ein Zauberspruch wären die einzigen Dinge, die das bewirken könnten, und mir steht beides nicht zur Verfügung. Mein Beileid ist alles, was ich anbieten kann.«

»Du könntest dein Leben anbieten.«

Soletas Blick hielt seinem stand.

»Das kann ich nicht tun, Praetor.«

»Weil du Angst hast«, triumphierte er.

»Nein. Weil ich von bewaffneten Wachen umzingelt bin, die bereit sind, mich in dem Moment zu vernichten, wenn Sie die Erlaubnis dazu geben. Mein Leben und somit auch seine Beendigung entziehen sich meiner Kontrolle – und das ist der Fall, seit ich meinen Fuß auf diesen Planeten gesetzt habe. Ich kann nichts anbieten, über das ich nicht verfüge … obwohl es Ihnen offensichtlich zusteht, es mir zu nehmen.«

»Also gibst du zu, dass ich dir das Leben nehmen kann?«

»Wenn ich eine irgendwie bedrohliche Bewegung mache, Praetor, werden Ihre Leute mich zu einem Häufchen Gelatine reduzieren. Zu bestreiten, dass Sie mir das Leben nehmen können, wäre reiner Wahnsinn.«

Langsam ging er mit vor der Brust verschränkten Armen um den Tisch herum. »Du wusstest, dass du auf eine skeptische Reaktion stoßen würdest, und um deine Lage noch zu verschlimmern, hast du deine Beteiligung an dem Bombardement zugegeben. Wieso bei allen Sternen machst du so etwas?«

»Weil ich seit Jahren ein Geheimnis mit mir herumgetragen habe, von dem ich fürchten musste, dass es eines Tages herauskommt. Und genau das ist passiert und hat mir zum Nachteil gereicht. Wenn ich noch einmal neu anfange, wie ich es gerne tun würde, dann habe ich nicht vor, denselben Fehler noch einmal zu begehen. Ich will mit reinem Gewissen leben und nicht mit der Angst, was passiert, wenn die Wahrheit herauskommt und plötzlich zu Allgemeinwissen wird. Akzeptiert mich mit meinen Fehlern, oder …«

»Oder tötet mich?«

»Ich kann sonst nirgendwo hingehen, Praetor«, erklärte sie. »Wenn ich hier abgewiesen werde, werde ich mich vielleicht dazu entschließen, den Dingen selbst ein Ende zu bereiten, damit ich mich nicht mit der Realität herumschlagen muss, ganz allein in der Galaxis zu sein.«

»Wie rührselig.«

»Vielleicht. Aber so fühle ich nun mal.«

»Also gut«, sagte er, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. »Ich gebe zu, dass du gewisse … Möglichkeiten bietest. Allerdings haben wir schwerwiegende Zweifel an deiner Loyalität gegenüber dem Romulanischen Sternenimperium.«

»Zweifel?«

»Schwerwiegende«, sagte er und nickte. »Unsere Verhörspezialisten haben dir Fragen über die Sternenflotte gestellt. Du hast dich geweigert, zu antworten. Fragen über die Verteilung der Streitkräfte der Sternenflotte. Über Besatzungszahlen der Schiffe und eurer Raumstationen in den Tiefen des Alls. Mögliche Schwächen planetarer Verteidigungsanlagen …«

»Ich weigerte mich, das zu beantworten, ja.«

»Dann haben wir die Verhörmethoden verschärft. Und dennoch hast du dich geweigert, zu kooperieren.«

»Stimmt.«

»Bist du in Wirklichkeit ein Spion der Föderation?«

»Nein, das bin ich nicht.«

»Wenn du es wärest«, fragte Hiren provokant, »würdest du es dann zugeben?«

»Natürlich nicht.«

»Also warum sollte ich dir glauben?«

»Das sollten Sie nicht. Wenn Sie es tun, sind Sie ein Dummkopf. Sie wissen nichts über mich.«

»Eins weiß ich«, stellte der Praetor fest. »Meine äußerst tüchtigen Beschaffer von Informationen haben dich allen möglichen Anreizen ausgesetzt, um zu erfahren, was du über die Sternenflottenangelegenheiten weißt, nach denen ich dich gerade fragte.«

»Ja.«

»Und du hast ihnen nichts gesagt.«

»Ich weiß. Ich war dabei.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte er und beugte sich vor. Seine Hände ruhten auf der Tischkante. »Man hat dich aus der Sternenflotte hinausgeworfen. Du schuldest ihnen nichts. Es ist doch der Gipfel des Irrsinns, dass du dich diesen Verhörmethoden unterziehst und weiterhin eine Organisation schützt, die dich beiseitegeworfen hat.«

»Man hat mich nicht beiseitegeworfen«, sagte sie. »Ich war …«

Zum ersten Mal schien sie zu zögern. Ihre Haltung beinahe unendlicher Selbstsicherheit und Zungenfertigkeit verließ sie für einen Moment. Sie sah zu Boden, leckte über ihre geschwollenen Lippen und stellte sich dann wieder dem Blick des Praetors.

»Ich war ihnen gegenüber nicht aufrichtig, als ich von meiner … Herkunft erfuhr. Während der ganzen Zeit, die ich mit diesem Wissen diente, war ich ihnen gegenüber unehrlich. Sie hatten etwas Besseres verdient und ich war nicht … stark genug, es ihnen zu geben. Ihre Handlungen waren vollkommen angemessen.«

»Und doch haben ihre Handlungen dich nicht dazu veranlasst, bei ihnen zu bleiben.«

»Ich kannte die Freiheit der Galaxis an Bord eines Raumschiffs, Praetor. An einen Schreibtisch gefesselt zu sein und niemals wieder über die Decks eines … niemals wieder dienen …«

Ihre Stimme brach. Hiren war davon überzeugt, dass sie in Schluchzen ausbrechen würde. Er hätte es ihr nicht verübeln können. Er hatte schon weit stärkere Individuen als sie erlebt, die bereits nach viel kürzeren Verhörperioden zu heulenden Wracks geworden waren. Doch dann atmete sie tief durch und nahm sich wieder zusammen.

»Ich … konnte nicht bleiben«, sagte sie schlicht. »Aber ich kann sie jetzt auch nicht verraten.«

»Wenn wir dich weiterhin verhören, wie wir es bisher getan haben, dann wirst du irgendwann sterben, wenn du nicht mit uns zusammenarbeitest«, informierte er sie. »Dein Geist und dein Körper werden dem nicht gewachsen sein. Eins von beidem wird aufgeben. Wenn es dein Geist ist, wird dein Körper zu einer nutzlosen Hülle, also werden wir ihn zerstören. Wenn es dein Körper ist, wird der Geist natürlich überflüssig. Wieso willst du dich dem aussetzen? Sag uns, was wir wissen wollen.«

»Nein.«

»Du wagst es, zu mir Nein zu sagen?«

»Ich habe keine andere Wahl.«

»Doch, die hast du.«

»Schön wäre es«, sagte sie, offensichtlich traurig.

»Dann habe ich ebenfalls keine andere Wahl.«

Er zog seinen Disruptor, der größer war als die Waffen seiner Wachen. Sein Waffenmeister schwor, dass man damit ein Loch in ein Raumschiff schießen konnte, wenn man von der Planetenoberfläche feuerte. Hiren hatte nie die Gelegenheit gehabt, diese Behauptung zu verifizieren, doch die gewaltige Energie, die dieser Disruptor erzeugte, war unbestreitbar. Wenn er ihn auf Soleta abfeuerte, würden ihre Überreste im nächsten Raum enden.

»Eine brutale Lösung«, seufzte sie.

»Oder gnädig, je nach Blickwinkel.«

»Da mein Blick auf die Mündung Ihrer Waffe gerichtet ist …«

»Ja«, stimmte der Praetor zu, »und das wird das Letzte sein, was du siehst. Sag meinen Leuten, was sie wissen wollen. Sag uns alles, was du über die Sternenflotte weißt, und ich werde gnädig sein.«

»Das kann ich nicht tun.«

»Dann wirst du sterben.«

»Das kann ich.«

Er hielt die Waffe ruhig und zielte auf ihr Gesicht. Alle Wachen, die sich auch nur in der Nähe des Explosionsradius befanden, zogen sich zurück.

»Kooperiere«, drängte er.

»Nein.«

»Verdammt, Weib!«, donnerte er und die freundliche Haltung, die er so hervorragend zur Schau gestellt hatte, verflog. »Genug von deinen Spielchen! Genug gescherzt! Du kannst mir so oft erzählen, wie du willst, dass es dir egal ist, ob du lebst oder stirbst, aber sei dir darüber im Klaren, dass dein Tod unmittelbar bevorsteht! Er steht unmittelbar bevor und ist beklagenswert notwendig! Arbeite mit meinen Verhörspezialisten zusammen und man wird dir gestatten, am Leben zu bleiben. Nicht nur am Leben zu bleiben, sondern gut zu leben.« Sein Tonfall änderte sich ein wenig und wurde zu einer Mischung aus schmeichelnd und drohend. »Du möchtest dich auf dieser Welt niederlassen? Das lässt sich einrichten. Du wirst leben – nicht wie eine Königin, aber gut. Ziemlich gut. Und bequem. Ein geehrter Gast für den Rest deines langen Lebens, wenn du möchtest.« Dann wurde seine Stimme härter, und es war offensichtlich, dass es keinen Verhandlungsspielraum gab. »Doch dies ist die einzige Chance, dieses Angebot anzunehmen. Es ist genau zwanzig Sekunden lang gültig. Danach werde ich meinen Verhörspezialisten und dir weitere Zeitverschwendung ersparen. Zwanzig Sekunden, Weib. Neunzehn … acht…«

Sie hob eine Hand.

»Das ist unnötig.«

Ein dünnes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

»Du unterwirfst dich also?«

»Nein. Ich habe nur ein ziemlich genaues Zeitgefühl und werde wissen, wann die zwanzig Sekunden vorüber sind. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen einfach Bescheid sagen, wenn die Zeit abgelaufen ist.«

Er starrte sie ungläubig an. Dieses schmächtige Weib – unerschrocken, gleichgültig, einer Organisation gegenüber weiterhin loyal, die ihr keine Loyalität erwiesen hatte. Im Angesicht des sicheren Todes war ihre Haltung Wahnsinn … Selbstmord …

»Das wären dann zwanzig«, sagte sie sachlich. Ihr Blick war fest. Es wirkte, als fordere sie ihn heraus, sie zu erschießen. So verrückt war sie nicht. Sie hatte einfach nur einen Entschluss gefasst und war willens mit den Konsequenzen zu leben – oder für sie zu sterben.

»Du bist eine Närrin.«

»Dann werde ich sterben, wie ich gelebt habe.«

Eine ganze Weile passierte nichts. Es schien, als würde die Zeit dahinkriechen.

Dann senkte der Praetor plötzlich seine Waffe. Wenn die Wachen Überraschung, Entrüstung oder Missbilligung empfanden, waren sie klug genug, es nicht zu zeigen.

»Du bist nicht nur eine Närrin, Soleta, du bist auch ausgesprochen loyal.«

»Ja.«

»Hättest du mir alles erzählt, was du über die Sternenflotte weißt, hätte ich dich auf der Stelle getötet, nachdem du fertig gewesen wärst, weil du keinen weiteren Nutzen für mich gehabt hättest.«

»Ich hatte so etwas vermutet«, räumte sie ein. »Allerdings hatte meine Vermutung keinerlei Einfluss auf meine Handlungen.«

»Das dachte ich mir. Also sag mir, Soleta … wenn ich für dich Verwendung fände … würde ich dann dieselbe Loyalität erfahren?«

»Ganz gleich wie lange ich in Ihren Diensten stehe, ich werde niemals derartige Fragen über die Sternenflotte beantworten …«

»Zur Hölle mit der Sternenflotte«, sagte er verächtlich. »Glaubst du wirklich ernsthaft, dass die Sternenflotte irgendwelche Geheimnisse vor uns haben könnte? Wir wissen, was sie im Schilde führen, und sie wissen, was wir tun. Es gibt kein Wissen, dass ein früherer Lieutenant der Sternenflotte besitzen könnte, über das wir nicht bereits verfügen. Ich frage, ob ich von dir im umgekehrten Fall denselben Grad der Diskretion über mögliche … Aufgaben, die ich dir übertragen würde, erwarten könnte.«

»Ja, Praetor.«

»Auch, wenn diese Aufgaben den Interessen der Sternenflotte zuwiderlaufen?«

Sie stutzte. So unwahrscheinlich es schien, aber darüber hatte sie sich offensichtlich noch keine Gedanken gemacht. Sie dachte darüber nach. Hiren wartete. Schließlich sagte sie: »Meine Loyalität der Sternenflotte gegenüber erstreckt sich auf alles, das bisher geschehen ist … aber nicht auf das, was noch bevorsteht. Wenn ich Teil von etwas anderem bin … dann kann ich das nicht nur halbherzig sein. Ich werde mein altes Leben nicht verraten – aber mein neues Leben würde jetzt beginnen, wenn Sie mich haben wollen.«

»Spricht da die Romulanerin aus dir? Oder die Vulkanierin?«

»Die Vulkanierin, ohne jeden Zweifel.«

»Woher weißt du das?«

»Weil«, antwortete sie, »ich nicht weiß, ob es richtig oder falsch ist … aber es ist auf jeden Fall logisch.«

DANACH …

 

NEU THALLON

I

Premierminister Si Cwan spürte es in den Knochen: Heute war ein guter Tag.

Im Moment war er damit beschäftigt, nicht nur seine Knochen, sondern auch seine Muskeln zu strecken. Das war jeden Morgen das Erste, was er nach dem Aufwachen tat. Er war ein Gewohnheitstier und sehr methodisch. Zunächst lag er immer einen Moment einfach nur da und starrte hinauf zur Decke. Zu dem Zeitpunkt war er bereits hellwach. Wenn jemand mit einem Messer auf ihn losginge, würde er innerhalb eines Herzschlags aus dem Bett springen und wäre bereit, seinem Angreifer gegenüberzutreten und ihn zu vernichten. Solange diese außergewöhnliche Wendigkeit allerdings nicht vonnöten war, ließ er jeden neuen Tag lieber langsam heraufziehen, statt ihn mit beiden Händen zu ergreifen und zu erdrosseln.

Nachdem er schweigend eine Weile dagelegen hatte, ertüchtigte er seine Muskeln. Er begann an den Füßen, indem er sie von den Knöcheln her kreisen ließ, dann zog er die Beine an und streckte sie wieder, um seine Knie zu lockern. Schließlich arbeitete er sich bis zu den Armen vor. Er legte die Handflächen aneinander und drückte sie fest zusammen, bis er davon überzeugt war, dass seine Muskeln locker und bereit waren. Dann drehte er seinen Kopf und lockerte so seinen Nacken.

Danach liebte er seine Frau.

Nicht immer. Aber meistens.

Sie zu lieben war für ihn immer die erste Bestätigung, dass der jeweilige Tag so gut werden würde, wie er es sich erhoffte.

Vollkommen entspannt, mit kribbelnden, gut durchbluteten Muskeln, streckte er die Hand nach dem nackten Rücken seiner Frau aus. Er war immer wieder aufs Neue beeindruckt, wie klar definiert ihre Wirbelsäule war. Er konnte fast jeden Knochen deutlich sehen. Wahrscheinlich, weil sie so schlank war. Seine rote Hand stand in deutlichem Kontrast zur Blässe ihrer Haut. Er legte einen Finger oben an ihre Wirbelsäule, kurz unterhalb ihres Haaransatzes, und fuhr ihren Rücken entlang. Sie erschauderte leicht unter der Berührung und ließ damit zum ersten Mal erkennen, dass sie wach war. Seine Hand bewegte sich zur Oberseite ihrer entblößten Gesäßbacken.

An diesem Punkt streckte sie zu Si Cwans Überraschung ihre Hand nach hinten und schlug seine weg.

Er betrachtete überrascht seine eigene Hand, als hätte sie ihn irgendwie enttäuscht. Seine Frau kämpfte derweil damit, wach zu werden. Sie sah ihn mit verschwommenem Blick an, als versuchte sie, sich zu erinnern, wer sie war, wer er war und was zur Hölle sie gemeinsam in einem Bett taten.

»Oh«, sagte sie schließlich. »Richtig. Natürlich nicht.«

Er starrte sie an. »Wie bitte?«

»Es … tut mir leid.« Sie blinzelte wie eine Eule und hob dann einen Arm, um sich vor den Strahlen der Morgensonne zu schützen, die durch ein großes Fenster in der Nähe hereinfielen. »Ich … habe nur eine Unterhaltung beendet …«

»Was für eine Unterhaltung?«

»Die ich … im Traum geführt habe.«

»Das ergibt Sinn«, sagte Si Cwan. Er sah sie ein wenig anklagend an. »Du hast meine Hand beiseitegeschlagen.«

»Habe ich das?« Sie betrachtete seine Hand. »Tut mir leid. Ich … du hast mich nur erschreckt und aufgeweckt, das ist alles.«

»Normalerweise gefällt es dir, wenn ich …«

»Ich weiß, ich weiß. Es ist nur …« Sie streckte eine Hand aus und tätschelte tröstend seine Schulter. »Ich habe nicht besonders gut geschlafen. Ich hatte eine Menge schlechter Träume.«

»Worüber?«

»Das spielt keine Rolle.«

»Für mich schon, Robin.« Er stützte sich auf einem Ellenbogen auf. »Bei meinem Volk können Träume Anzeichen der Vorsehung sein. Man sollte sie gründlich nach dem kleinsten Hinweis darauf untersuchen, was sie über die Zukunft enthüllen könnten.«

»Cwan …« Robin Lefler schüttelte ihren Kopf. »Du überreagierst …«

»Ich reagiere genau angemessen. Jetzt erzähl mir deinen Traum.«

»Also schön«, antwortete sie. »Du hast mir erklärt, dass du von jetzt an viel lieber eine Frau sein möchtest, und dann hat Mackenzie Calhoun – adrett in einen schwarzen Smoking gekleidet, der hervorragend zu deiner Abendrobe aus Chiffon passte – dich durch einen Ballsaal gewirbelt, während sein verstorbener Sohn Xyon das Orchester dirigierte, das eine mitreißende Polka spielte.«

Si Cwan dachte kurz darüber nach und stellte dann fest: »Nun, manchmal ist es wohl besser, wenn man Träume einfach als die stummen Ergüsse eines verwirrten Geistes einordnet.«

»Das ist wahrscheinlich das Beste«, stimme sie zu.

Erneut streckte er die Hand mit der klar erkennbaren Absicht nach ihr aus, ihre Brüste zu umfassen … und erneut entzog sie sich ihm.

»Robin!«

»Ich habe Kopfschmerzen, Cwan! Ich weiß, das klingt wie ein Klischee, aber es ist wirklich so. Das passiert, wenn ich nicht viel Schlaf bekomme. Ich … bin grade einfach nicht in der Stimmung. Okay? Es ist nicht, dass ich dich nicht liebe oder dass ich mich nicht zu dir hingezogen fühle. Du weißt, dass ich mich immer noch zu dir hingezogen fühle, oder?«

»Natürlich weiß ich das. Welche Frau bei klarem Verstand wäre das nicht?«, fragte er sachlich.

»Klar. Okay. Also … lass mich einfach in Ruhe, einverstanden?«

»Einverstanden«, stimmte er zu. Er zögerte und fügte dann hinzu: »Weißt du, du solltest dir vielleicht einfach einen Tag freinehmen.«

»Ach, wirklich? Und was würde ich an meinem freien Tag tun?«

»Ich habe doch diese Holosuite für dich bauen lassen. Du könntest tun, was immer du möchtest. Hingehen, wohin du möchtest.«

»Ich weiß, ich weiß«, seufzte sie. »Vielleicht tue ich das sogar. Ich weiß es nicht. Hör zu, hasse mich nicht, bloß, weil ich schlechte Laune habe …«

»Natürlich hasse ich dich nicht«, sagte er und klang überrascht. »Was für ein absurder Gedanke.«

»Danke. Das weiß ich zu schätzen.«

Er beobachtete, wie sie aus dem Bett glitt, und bewunderte ihren nackten Körper, bis sie ihren Morgenmantel angezogen hatte.

Er wollte sie gerade fragen, ob sie ihm beim Frühstück Gesellschaft leisten würde, doch sie hatte bereits viel zu schnell das geräumige Schlafzimmer durchquert und war im Bad verschwunden. Kurz darauf hörte er, wie die Hydrodusche anging.

Si Cwan ließ sich zurück aufs Bett fallen und gestattete seinem Kopf, im Kissen zu versinken.

So, wie es aussah, hatte dieser Tag, in den er so große Hoffnungen gesetzt hatte, weit weniger vielversprechend angefangen, als er gehofft hatte.

II

Die Neuigkeit von der Ankunft der Priatianer wurde zunächst Robin Lefler überbracht. Man wandte sich an sie, weil keiner von Si Cwans Angestellten sich mit der Aussicht auseinandersetzen wollte, Si Cwan diese Nachricht direkt zu überbringen.

Das wurde Robin sehr schnell deutlich, als sie von ihrer Arbeit aufsah, während Ankar die Nachricht übermittelte. Ankar war einer der dienstälteren Berater und achtete sorgsam darauf, nicht einfach in Robins kleines, aber wohlorganisiertes Büro zu platzen. Sie war Si Cwans Ehefrau und hätte das größte Büro im Protektoratsgebäude haben können. Doch in ihrer Position als Verbindung zur Sternenflotte stand ihr etwas weit Bescheideneres zu, und sie hatte sich dafür entschieden, etwas zurückhaltender aufzutreten und nicht zu protzen.

»Herein«, rief sie, nachdem die Türklingel ertönt war. Die Tür glitt beiseite und gab den Blick auf einen offensichtlich aufgeregten Ankar frei. An seinem Gesicht hätte man nie ablesen können, dass ihn etwas beunruhigte. Seine Unergründlichkeit war legendär. Doch Robin hatte gelernt, ihn zu deuten. Die Art und Weise, wie er unwillkürlich seine Hände bewegte, sagte ihr, dass etwas nicht stimmte.

»Gibt es ein Problem, Ankar?«, fragte sie und drehte den Computerbildschirm beiseite, auf dem sie die neuesten Informationen der Sternenflotte über bekannte feindliche Völker gelesen hatte.

»Man war der Meinung, Sie sollten wissen, dass eine Gruppe Priatianer eingetroffen ist«, sagte Ankar.

Sie starrte ihn verständnislos an. »Wirklich?«

»Ja.«

»Und Sie halten es für nötig, mir das mitzuteilen?«

»Ja.«

»Sollte ich wissen, wer die Priatianer sind?«, hakte sie nach.

»Nicht notwendigerweise, Ma’am«, versicherte Ankar ihr. »Sie haben weder mit Ihnen noch mit dem Premierminister direkten Kontakt gehabt, seit Sie beide vor mehr als einem Jahr intim miteinander verbunden wurden …«

Sie rieb sich den Nasenrücken. »Ich kann Ihnen gar nicht deutlich genug sagen, wie sehr ich den Begriff ›verheiratet‹ vorziehe.«

»›Verheiratet‹?«

»›Vermählt‹ würde auch genügen. ›In den heiligen Stand der Ehe erhoben‹ würde ebenfalls funktionieren. Aber ›intim miteinander verbunden‹ … Ich meine, Gott, das klingt wie etwas aus einem Liebesroman.«

»›Verheiratet‹.« Er rollte das Wort versuchsweise auf seiner Zunge umher, nickte dann sichtlich zufrieden und fuhr fort: »Man hat von den Priatianern eigentlich nichts mehr gehört, seit Sie und Si Cwan … verheiratet wurden. Es war so viel zu tun zwischen den Kriegen und mit der Umstrukturierung des Reichs in ein Protektorat – da kann man schon verstehen, dass sie Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sind. Dass Sie vielleicht nicht wissen, wer sie sind.«

»Okay«, sagte sie unbehaglich. »Ich weiß es zu schätzen, dass Sie mich in dieser Angelegenheit ungeschoren davonkommen lassen. Doch die Frage bleibt, warum Sie mir mitteilen, dass eine Delegation … Ich nehme doch an, es handelt sich um eine Delegation?« Er nickte. »Eine Delegation Priatianer eingetroffen ist. Ich meine, sind sie hier, um mich aufzusuchen?«

»Streng genommen nicht«, musste Ankar zugeben. »Das bedeutet, sie wollen Si Cwan sehen?«

»Ja.«

»Und nicht mich?«

»Das ist korrekt.«

»Aber Sie – und damit meine ich Sie und die anderen Angestellten – versuchen, sie mit mir abzuspeisen?«

»›Abspeisen‹ wäre nicht der Ausdruck, den ich verwenden würde«, berichtigte er vorsichtig.

»Na ja, ich will doch hoffen, dass Sie nicht mit ›intim miteinander verbunden‹ ankommen …« Sie brach ab und presste die Lippen aufeinander. Allmählich dämmerte es ihr. »Ich kenne die Priatianer zwar nicht, aber Si Cwan kennt sie.«

»So ist es«, sagte Ankar. Seine Schultern sackten scheinbar erleichtert herab.

»Und aus irgendeinem Grund wird er nicht besonders erfreut sein, sie zu sehen.«

»Genau.«

»Und Sie wollten sich nicht mit seiner Reaktion auseinandersetzen müssen, also dachten Sie, wenn ich Si Cwan die Nachricht überbringe, würde seine Reaktion eventuell etwas gemäßigter ausfallen.«

Er kreuzte seine Arme und verbeugte sich vor ihr. »Madames Weisheit übersteigt ihr Geschlecht und ihr Alter.«

»Und Ihre Feigheit übersteigt Ihr Alter.«

»Danke, Madame.« Erneut verbeugte er sich. »Soll ich …?«

»Sie hereinbringen?« Robin lehnte sich in ihrem Sessel zurück und machte eine ausladende Geste. »Warum zur Hölle nicht?«

Zum dritten Mal verbeugte er sich und zog sich rückwärts aus dem Zimmer zurück. Minuten später ertöne erneut die Türklingel. Die Tür glitt auf und dahinter kam die priatianische Delegation zum Vorschein.

Sie waren zu dritt. Auf den ersten Blick wirkten sie nicht sonderlich beeindruckend. Auch bei näherem Hinsehen wollte dieser erste Eindruck nicht weichen.

Um genau zu sein, erinnerten sie Robin ein wenig an Tintenfische.

Ihre Köpfe waren weich, fleischig und lang gezogen. Zwei silbrig glänzende, schwarze Augen starrten sie an. Aus ihren pompösen Gewändern ragte zu beiden Seiten jeweils ein Tentakel und zwar in etwa dort, wo sich beim Menschen die Taille befunden hätte. Wenn sie sich vorwärtsbewegten, war ein leises Geräusch zu hören, das wie eine Mischung aus Ploppen und Saugen klang. Es war kaum wahrnehmbar, aber beständig. Es brachte sie zu der Frage, wie genau sie sich vorwärtsbewegten, und sie entschied, dass sie es lieber nicht so genau wissen wollte.

Als der vorangehende Priatianer sprach, schien er nichts zu öffnen, das ein Mund hätte sein können. Sie erkannte schnell, dass die Winkel seines Kopfs eine bemerkenswert dünne Kieferlinie verbargen und dass sich irgendwo darunter tatsächlich ein Mund befand. Sie versuchte erst gar nicht, herauszufinden, wo die Riech- und Hörorgane lagen, da die Antwort darauf sie vermutlich nur wenig begeistern würde.

»Seien Sie gegrüßt, Botschafterin Cwan-Gefährtin«, sagte der Priatianer mit Zwitscherstimme. »Ich bin Keesala. Dies sind meine Mitarbeiter, Pembark und Marzan.«

»Streng genommen bin ich keine Botschafterin, sondern gehöre immer noch zur Abteilung für Interplanetare Angelegenheiten der Sternenflotte. Angesichts meiner Ausnahmesituation und der unbeständigen Geschichte dieser Region bin ich in einer beratenden Tätigkeit hier und vertrete die Interessen der Sternenflotte. Insofern wäre die beste Anrede für mich Lieutenant Commander Lefler.«

»Oh«, machte Keesala. »Also schön. Lieutenant Commander Lefler, ich überbringe Ihnen Grüße von …«

Aus reiner Neugier und da sie ahnte, dass die Vorstellung eine Weile dauern würde, murmelte sie ein einzigartiges Codewort, das den Universalübersetzer in ihrem Ohr für vier Sekunden abschaltete. Genau wie sie vermutet hatte, war das Ergebnis eine Reihe von Klick- und Schlürflauten, die aus dem Mund des Priatianers drangen. Kurz darauf sprang der Universalübersetzer wieder an.

»… und unsere Vorfahren bis zu sechs Generationen in die Vergangenheit«, beendete Keesala seinen Vortrag. Sein Gesicht konnte man nicht unbedingt ausdrucksvoll nennen, doch er schien zufrieden mit der Vollendung seiner Vorstellung zu sein. Sie bedeutete ihm, Platz zu nehmen. Wenig überraschend blieben er und die anderen stehen.

»Wir sind hergekommen, um eine Audienz bei Premierminister Cwan und dem Ratskonzil des Protektorats Neu Thallon zu erbitten.«

»Ich verstehe.« Obwohl bisher noch nichts besprochen worden war, beschlich Robin das äußerst merkwürdige Gefühl, dass sie kurz davorstand, mitten in ein gewaltiges Hornissennest zu stechen. Wenn Ankar so sehr darauf bedacht war, Si Cwans Reaktion aus dem Weg zu gehen, dann konnte das hier nichts Gutes bedeuten. »Und würden sie wissen, worum es dabei geht?«

»Ich nehme an, das werden sie, ja«, sagte Keesala mit Grabesstimme.

»Würden Sie es mir freundlicherweise mitteilen?«, bat sie.

»Wäre das für uns von Vorteil?«

Sie dachte einen Moment darüber nach. »Ich wüsste nicht, wie es schaden könnte«, erwiderte sie. »Ich meine, allmählich habe ich das deutliche Gefühl – nur so eine Ahnung, wissen Sie –, dass Sie der Meinung sind, man würde Sie nicht fair behandeln.«

»Ihre Ahnung«, äußerte Pembark sich zum ersten Mal, »ist äußerst klug.« Marzan warf Pembark einen Blick zu, schwieg aber.

»Wenn das also der Fall ist«, erklärte Robin, »wäre es auf jeden Fall zu Ihrem Vorteil, mich auf Ihrer Seite zu wissen. Ich kann dafür sorgen, dass man Sie anhört, auch wenn das unter anderen Umständen nicht der Fall wäre.«

»Also schön«, sagte Keesala, der – wenn man es genau nahm – recht leicht zu überzeugen gewesen war. »Wir sind wegen einer Territorialangelegenheit hier.«

»Ich verstehe. Wessen Territorium?«

»Unseres.«

»In Ordnung.« Bis hierher konnte Lefler ihnen folgen. »Und wo befindet sich dieses Territorium?«

»Unter Ihren Füßen.«

Robin runzelte die Stirn und starrte nach unten. »Sie meinen, es ist unterirdisch?«

»Nein. Es handelt sich um den Planeten, auf dem Sie gerade verweilen.«

Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und legte die Fingerspitzen aneinander.

»Sie wollen damit sagen, dass diese Welt, die jetzt ›Neu Thallon‹ heißt, einst Ihre Welt war?«

»Das ist inkorrekt.«

»Ist es?«

»Wir wollen sagen«, meldete sich Pembark zu Wort, »dass alle Planeten uns gehören. Alle.«

»In der Milchstraßengalaxie?« So, wie sich die Sache entwickelte, fiel es ihr zunehmend schwer, zu glauben, was sie hörte.

»Natürlich nicht«, sagte Keesala.

»Nun, da bin ich aber er…«

»Nur alle Planeten im thallonianischen Raum.«

»…leichtert«, beendete Robin ihren Satz und fühlte sich plötzlich um Jahre gealtert. Unbehaglich rutschte sie auf ihrem Sessel herum. »Also, was genau wollen Sie sagen? Dass Sie vorhaben, den thallonianischen Raum zu erobern? Geht es darum? Um eine Drohung?«

»Ganz und gar nicht«, versicherte Keesala ihr. Pembark und der immer noch schweigende Marzan vollführten eine seltsame Geste, die wie zustimmendes Nicken anmutete, obwohl Robin sich da nicht hundertprozentig sicher war.

»Also bedrohen Sie uns nicht?«

»Nein.«

»Dann verstehe ich gar nichts.«

Obwohl Keesalas Gesicht weiterhin beinahe ausdruckslos blieb, war sie sich sicher, dass er sie mitleidig musterte.

»Wie tragisch, ein Appell an Mitleid, Gerechtigkeit, an das Richtige … diese Dinge sind für Sie unverständlich. Alles, was Sie verstehen, sind Drohungen.«

»Das ist nicht fair!«, protestierte Robin. »Niemand hat etwas von Mitleid oder das Richtige tun erwähnt. Ich habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – besten Dank auch. Und die Vereinigte Föderation der Planeten, die ich repräsentiere, teilt diesen. Das Problem ist, Sie haben mir den Grund für Ihre Beschwerde immer noch nicht deutlich gemacht.«

»Den haben wir Ihnen mitgeteilt. Wir verlangen die Rückgabe unserer Planeten.«