Star Trek - New Frontier 07: Excalibur - Requiem - Peter David - E-Book

Star Trek - New Frontier 07: Excalibur - Requiem E-Book

DAVID PETER

4,2

Beschreibung

Das Schiff ist Geschichte, doch das Abenteuer geht weiter ... Als die U.S.S. Excalibur plötzlich und gnadenlos zerstört wurde, verlor die Sternenflotte eines ihrer besten Raumschiffe. Doch die Besatzungsmitglieder der Excalibur verloren ihren Captain ... und ihr Zuhause. Noch während sie um ihr Schiff und Captain Mackenzie Calhoun trauern, erwarten der Erste Offizier Elizabeth Shelby und die übrige Mannschaft ihre neuen Aufgaben. Im Fall Lieutenant Soletas bedeutet dies eine schmerzvolle Wiedervereinigung mit ihrem romulanischen Vater, während Zak Kebron und Mark McHenry auf eine Undercover-Mission gesandt werden, um eine mysteriöse Serie von Entführungen auf einer Welt mit wenig entwickelter Technologie zu untersuchen. Während die Überlebenden der Excalibur im ganzen Alpha-Quadranten getrennte Wege gehen, müssen sie sich alle unterschiedlichsten Herausforderungen und Gefahren stellen.

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STAR TREK

NEW FRONTIER™

Excalibur:Requiem

PETER DAVID

Based onStar Trekcreated by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen vonBernhard Kempen

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – NEW FRONTIER: EXCALIBUR – REQUIEM wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Bernhard Kempen; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – NEW FRONTIER: EXCALIBUR – REQUIEM

German translation copyright © 2013 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2000 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2013 CBS Studios Inc. STAR TREK and all related marks and logos are marks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-942649-07-0 (April 2013) · E-Book ISBN 978-3-86425-181-8 (April 2013)

WWW.CROSS-CULT.DE · WWW.STARTREKROMANE.DE · WWW.STARTREK.COM

ZUVOR IN STAR TREK –NEW FRONTIER …

Der normale Geräuschpegel der leise geführten Gespräche auf der Brücke verstummte, als Captain Calhoun aus dem Turbolift trat.

Er hatte eine komplette Schicht versäumt, was er sich noch nie zuvor erlaubt hatte. Doch alle hatten dafür Verständnis, und niemand wusste etwas zu sagen, als er nun wieder auftauchte.

Er ging zu seinem Kommandosessel und setzte sich. Als er den Blick über die respektvoll schweigende Besatzung schweifen ließ, stahl sich ein Lächeln in sein Gesicht. Es war ein trauriges Lächeln, aber immerhin ein Lächeln.

»Captain«, wagte sich Shelby vor.

»Commander … sagen Sie nichts«, kam er ihr zuvor. »Ihnen allen möchte ich sagen … dass Sie sich keine Sorgen machen müssen … wirklich. Das Wichtigste … das, was ich nicht aus den Augen verlieren will … ist die Tatsache, dass er wie ein wahrer Krieger in den Kampf gezogen ist.«

Überall wurde genickt.

»Das war sehr … xenexianisch von ihm, ob Sie es glauben oder nicht. Die Vorstellung, im Bett zu sterben, ist meinem Volk zuwider. Doch im Kampf zu sterben, ist etwas sehr Erstrebenswertes … und im Kampf zu sterben, während man andere rettet, ist die höchste und edelste Form des Todes, die man sich wünschen kann. Ich werde ihn vermissen … und bedauern, dass wir nicht mehr Zeit miteinander verbracht haben … aber letztlich zählt nur, dass er als Held gestorben ist. Wir alle … sollten uns glücklich schätzen, wenn wir eine solche Gelegenheit erhalten«, sagte Mackenzie Calhoun – fünf Minuten, bevor die Excalibur explodierte …

POST MORTEMS …

»Ich kann immer noch nicht glauben, dass das Schiff explodiert ist.«

Mark McHenry war exakt zum verabredeten Zeitpunkt eingetroffen, was für Elizabeth Paula Shelby recht überraschend war. Sie wäre jede Wette eingegangen, dass, wenn irgendjemand zu spät käme, es McHenry sein würde. Der ehemalige Navigator des ehemaligen Raumschiffs Excalibur machte auf Shelby trotz seiner nahezu übernatürlichen Fähigkeit, jederzeit genau zu wissen, wo er sich in der Galaxis befand (ob nun mit oder ohne Instrumente), immer noch den Eindruck einer recht labilen Persönlichkeit. Sie hatte sich mit der Zeit vielleicht an ihn gewöhnt, aber sie fühlte sich in seiner Gegenwart nicht recht wohl. Wenn es irgendein Mitglied ihrer Mannschaft gab, von dem sie erwartete, dass es sie irgendwann »hängenlassen« würde, dann war es McHenry.

Ihre Mannschaft.

Sie korrigierte sich in Gedanken. Nein, es war nicht mehr ihre Mannschaft, nicht wahr? Es waren einfach nur … Leute. Leute, die sich in einer Bar in San Francisco trafen, die ein beliebtes Stammlokal für Sternenflottenpersonal war. Die Bar – die augenzwinkernd nach dem Eid der Sternenflotte »Fremde Welten« benannt worden war und deren Slogan lautete: »Erkunden Sie uns!« – gab es schon viel länger, als sich irgendwer erinnern konnte. Das einzige Lokal mit längerer Tradition als das Fremde Welten war das The Captain’s Table, das jedoch mehr als weit verbreiteter Mythos galt. Das »Welten«, wie es kurz genannt wurde, war mit allerlei Utensilien der Sternenflotte geschmückt. Es gab Widmungsplaketten von Schiffen, die außer Dienst gestellt oder zerstört worden waren, und Kunstgegenstände von allen möglichen Welten der Föderation. An einer faszinierenden Wand hingen ausschließlich Klingenwaffen von Dutzenden primitiven Welten, die hinter Glas schimmerten, ohne dass die Zeit ihr tödliches Potenzial beeinträchtigt hätte. Es gab Porträts von verschiedenen Captains der Sternenflotte und anderen Prominenten, und viele waren persönlich signiert. Kurz gesagt, das Fremde Welten strahlte eine Aura jahrelanger, jahrzehntelanger Tradition aus.

Doch Shelby beachtete das alles überhaupt nicht.

Die Brückenmannschaft (die ehemalige, verdammt!) hatte vereinbart, dass sie alle noch einmal zu einem Post Mortem zusammenkommen wollten. Erwartungsgemäß hatte Robin Lefler das Ganze organisiert. Niemand entwickelte diesbezüglich mehr Initiative als Ensign Lefler. Shelby hatte als Letzte zugesagt, und selbst dann hatte sie es nur zögernd getan. Während sie McHenry gegenüber am Tisch saß und auf die anderen wartete, entschied sie im Nachhinein, dass sie sich unangemessen verhalten hatte. Sie hätte sich um das Wiedersehen der Mannschaft kümmern müssen, statt sich davor zu drücken. Sie hätte eine fröhlichere Miene aufsetzen müssen, sie hätte hilfsbereiter sein müssen, sie hätte … sie hätte anders sein sollen, als sie war.

»Commander?«

McHenry warf ihr einen seltsamen Blick zu und schnippte mit den Fingern vor ihrem Gesicht.

Sie blinzelte überrascht und konzentrierte sich auf ihn.

»Commander?«, wiederholte er.

»Was gibt es für ein Problem, McHenry?«

»Nun ja«, sagte er ruhig, »es ist so, dass ich jetzt schon seit einiger Zeit rede und mir aufgefallen ist, dass Sie kaum etwas zum Gespräch beitragen. Dann kam mir in den Sinn, dass ich vielleicht zu viel geschwatzt habe, sodass ich beschloss, die Klappe zu halten, um Sie zu Wort kommen zu lassen. Nur dass da erstaunlicherweise nichts kam. Sie haben kein Wort gesagt. Sie saßen einfach nur da und starrten irgendwie ins …«

»Ins Leere?«, fragte sie, während sich ihre Lippen zu einem humorlosen Lächeln verzogen. »Mit der Leere, mit dem Weltraum habe ich beruflich sehr viel zu tun.«

»Wirklich?«, entgegnete McHenry.

Es kam Shelby merkwürdig vor, dass er so etwas sagte, und sie wollte genauer darauf eingehen, doch dann näherte sich eine weitere Person dem Tisch. Es war Robin Lefler – die ohne ihre Mutter Morgan auftauchte. Darüber war Shelby ein wenig erleichtert, weil Morgan sie nervös machte. Sie gab es nur ungern zu, selbst vor sich selbst (und auf gar keinen Fall würde sie es anderen gegenüber laut aussprechen). Aber es war nun einmal so, dass Morgan Primus eine Frau war, mit der Shelby einfach nicht warm wurde. Sie hatte exotische Züge und eine Art an sich, die den Anschein erweckte, als ob sie nicht in die Zeit gehörte, in der sie lebte.

Was Robin betraf, hätte sie kaum einen größeren Kontrast zu ihrer Mutter darstellen können. Ihr Gesicht war stets offen, und sie schien überhaupt nicht zu irgendeiner Hinterlist fähig zu sein. Kein Wunder, dass sie mit Abstand die schlechteste Pokerspielerin an Bord des Schiffs ist …

Nicht ist, verdammt. An Bord des Schiffs war sie die schlechteste Pokerspielerin.

Der unerwartet heftige, reflexartige mentale Tadel veranlasste Shelby, in ihren Überlegungen innezuhalten, bevor sie diesen Gedanken weiterverfolgte. Ja, Robin war in der Tat eine miserable Kartenspielerin. Sie konnte niemals ihre Freude über ein gutes Blatt verhehlen, und genauso offensichtlich war ihre Enttäuschung, wenn sie schlechte Karten erhalten hatte. Morgan war ein wandelndes Fragezeichen, Robin ein wandelndes Ausrufezeichen.

»Hallo, Ensign«, sagte sie. »Wo ist Ihre Mutter? Ich dachte, Sie beide wären in letzter Zeit unzertrennlich wie siamesische Zwillinge.«

Doch Robin lächelte, als hätte Shelby gar nichts gesagt. »Ich fürchte, darauf reagiere ich nicht mehr.«

»Worauf reagieren Sie nicht …?«, fragte Shelby verwirrt, bis sie das zusätzliche Abzeichen an ihrem Kragen bemerkte. »Lieutenant! Können wir uns diesmal ganz sicher sein?«

»Seit Sonntag habe ich es mir ungefähr ein dutzendmal bestätigen lassen«, erwiderte Lefler. Zwischen McHenry und Shelby gab es einen freien Stuhl, auf dem Lefler sich abstützte. »Ich wollte mich dieser Peinlichkeit kein zweites Mal aussetzen.«

Es gab einen guten Grund, warum Lefler diese Sache peinlich war. Durch einen Computerfehler war die Falschmeldung verbreitet worden, Lefler wäre zum Lieutenant befördert worden, und sie war sehr glücklich über diese Beförderung gewesen, bis der Irrtum bemerkt und ihr Dienstgrad korrigiert worden war. Lefler war gar nicht begeistert gewesen, wieder zum Ensign degradiert zu werden, weshalb sie zu Recht stolz darauf war, dass es diesmal hundertprozentig rechtmäßig war. »Man sagte mir, dass Sie zum Teil für meine Beförderung verantwortlich waren, Commander.«

Shelby zuckte mit den Schultern, schaffte es aber nicht ganz, ihr Lächeln zu unterdrücken. »Sie haben es sich verdient, Lieutenant.«

»Ich liebe es«, strahlte Lefler. »Jetzt muss ich mich nicht mehr mit den blöden Pflichten der niederen Ränge herumärgern. Als Lieutenant habe ich jetzt …«

»… die völlig neuen blöden Pflichten der höheren Ränge am Hals«, fiel McHenry ihr ins Wort. Sein Tonfall klang deutlich amüsierter, als er hatte durchblicken lassen wollen.

»Sie können mich mal, McHenry«, konterte Lefler ohne Verärgerung. »Sie machen sich doch nur Sorgen, dass ich von jetzt an ein Auge auf Sie haben werde.«

»Wenn Sie ein Auge auf mich werfen, wäre das das Aufregendste, was passiert ist, seit Burgy und ich uns getrennt haben«, seufzte McHenry.

Lefler zog den Stuhl zurück und wollte soeben Platz nehmen, als Shelby plötzlich eine Hand auf die Sitzfläche legte und leise sagte: »Nein, das ist Macs Stuhl.«

McHenry und Lefler tauschten einen Blick aus, dann erwiderte Lefler genauso leise: »Natürlich. Tut mir leid.« Sie ging um den Tisch herum und setzte sich auf einen anderen Stuhl, der von niemandem beansprucht wurde.

»Um auf meine Frage zurückzukommen … Wo ist Ihre Mutter?«, wollte Shelby wissen. Kurz war eine leichte Besorgnis aufgeflackert, als sie Lefler den Platz verwehrt hatte, der für Captain Mackenzie Calhoun reserviert war, doch als der Moment vorübergegangen war, hatten sich auch Shelbys Bedenken verflüchtigt.

»Sie erkundet verschiedene Urlaubsorte. Es wird einige Zeit dauern, bis wir neue Posten zugewiesen bekommen, und sie schlug vor, dass es vielleicht netter ist, wenn wir gemeinsam irgendwohin reisen würden, nur Mutter und Tochter. Um ohne den Alltagsstress der Sternenflotte an unserer Beziehung arbeiten zu können.«

»Dann ist es ja gut, dass das Schiff in die Luft geflogen ist. Dadurch ersparen Sie sich eine Menge Stress.«

McHenry hatte auf Lacher gehofft, doch stattdessen erntete er nur fassungslose Blicke. Shelbys Miene verdüsterte sich, als würde eine Wolke darüber hinwegziehen.

»Das sollte nur ein Witz sein«, sagte er.

»Oh. Sollte es das? In diesem Fall hat er sich bestens getarnt«, bemerkte Shelby ohne einen Funken Humor.

McHenry murmelte etwas, das wie »Entschuldigung« klang. Shelby zögerte, doch dann entschied sie, dass es das Klügste wäre, nicht weiter darauf einzugehen.

Immer mehr Mannschaftsmitglieder kamen hereingeschlendert. Soleta, der ehemalige Wissenschaftsoffizier, selbstbewusst und elegant, wie es ihr vulkanisches Erbe diktierte. Burgoyne 172, der/die Hermat, der/die geholfen hatte, das Kind zu zeugen, das von Chefärztin Selar in den Armen gehalten wurde. Es hatte beinahe etwas Amüsantes, sie zu beobachten. Die vulkanische Ärztin bemühte sich, ihren neugeborenen Sprössling so zu halten, dass es den Eindruck erweckte, das Kind wäre nur von beiläufigem Interesse für sie. Doch die Blicke, die sie dem Kind zuwarf, und die schnellen Reaktionen auf die leisesten Anzeichen, dass sich das Baby unwohl fühlen könnte, ließen keinen Zweifel daran, wer bei diesen beiden das Sagen hatte. Nein, es war nicht die Mutter. Es war eindeutig das Kind …

Das Kind …

Und was war es nun genau?

Als Shelby das erste Mal nachgefragt hatte, war es einfach nur die übliche Frage gewesen, die jeder in einer solchen Situation stellte: Junge oder Mädchen? Doch wenn man es mit einem Kind zu tun hatte, dessen Mutter eine Vulkanierin und dessen Vater ein zweigeschlechtlicher Hermat namens Burgoyne war, wurde aus der eigentlich harmlosen Frage plötzlich eine komplizierte Angelegenheit. Selar hatte »Junge« gesagt und erklärt, dass sie ihm den Namen »Xyon« gegeben hatten, nach dem verstorbenen Sohn von Mackenzie Calhoun. Allerdings hatte Selar die Frage auf eigenartige Weise beantwortet. Shelby hatte den Eindruck, dass Selar nicht so sachlich geantwortet hatte wie gewohnt. Stattdessen hatte sie sehr hastig gesprochen, als wollte sie das Gespräch so schnell wie möglich beenden. Als wäre … als wäre ihr ein solches Gespräch irgendwie unangenehm.

Burgoyne wollte den leeren Stuhl neben Shelby nehmen, doch sie legte wieder eine Hand darauf. »Das ist Macs Stuhl«, erklärte sie.

Selar warf Burgoyne einen leicht verwirrten Blick zu, doch dann wimmerte der kleine Xyon leise und beanspruchte Selars ganze Aufmerksamkeit. »Natürlich. Wie dumm von mir«, sagte Burgoyne nur, bevor er/sie zu einem Stuhl auf der anderen Seite des Tisches ging.

Eine Kellnerin nahm die Getränkebestellungen entgegen, und die Offiziere ergingen sich in Smalltalk. Shelby kam alles sehr seltsam vor, sehr bemüht. Auf der Excalibur hatte es immer irgendetwas zu besprechen gegeben. Ob es irgendwelche Angelegenheiten waren, die das Schiff betrafen, ein Problem mit ihrer Mission oder hundert verschiedene große und kleine Zerstreuungen, die die Basis für die Gespräche, die Beziehungen und den gesellschaftlichen Umgang bildeten. Alles schien sich aus der Gemeinschaft zu entwickeln, die das nicht mehr existierende Schiff ihnen aufgezwungen hatte.

Leichte rhythmische Vibrationen im Boden unter ihren Füßen verrieten Shelby, dass Zak Kebron sich näherte. Die anderen spürten es ebenfalls, ließen sich dadurch jedoch nicht von ihren Gesprächsthemen ablenken. Soleta schien sich nur noch für den kleinen Xyon zu interessieren. Nach außen hin behandelte sie das Kind fast wie ein wissenschaftliches Experiment, aber Shelby hatte den Verdacht, dass Soleta sich fragte, wie und wann das Pon Farr, der vulkanische Paarungsdrang, von ihr Besitz ergreifen würde. Burgoyne war in eine angeregte Unterhaltung mit McHenry vertieft. Das war allerdings eine erstaunliche Entwicklung. McHenry und Burgoyne hatten eine Affäre gehabt, bevor gewisse Umstände Burgy und Selar zusammengeführt hatten. Shelby bildete sich gern ein, dass sie sehr viel von dem gesehen hatte, was die Galaxis zu bieten hatte, und dass sie nichts mehr aus der Fassung bringen konnte … aber eine Beziehung, die sowohl Spezies- als auch Geschlechtergrenzen überwand, war sogar für jemanden mit ihrer Erfahrung etwas Neues.

»Commander? Alles in Ordnung mit Ihnen?« Es war Lefler, die sich vorgebeugt hatte und Shelby ansprach. Ihr Tonfall war ruhig, doch es lag etwas darin, das sofort die Aufmerksamkeit aller anderen am Tisch erregte. Plötzlich waren sämtliche Augen auf Shelby gerichtet, und sie rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl herum, weil es ihr gar nicht gefiel, plötzlich im Mittelpunkt zu stehen.

»Mir geht es gut«, antwortete sie mit dem gereizten Unterton von jemandem, dessen Worte nicht recht zu seiner Haltung passen wollten.

»Gut«, brummte die tiefe Bassstimme Kebrons. Der massive Sicherheitsoffizier stand genau hinter Shelby und musterte die Versammelten mit ruhigem Blick. Er zeigte auf den leeren Stuhl neben Shelby. »Für den Captain reserviert?«, vermutete er.

»Ja.«

»Natürlich«, sagte er nur. Er ging ein Stück um den Tisch herum und betrachtete die schmalen Stühle mit missbilligender Miene. Dann stellte er zwei zusammen und nahm darauf Platz. Er schien alles andere als zufrieden mit dieser Lösung zu sein, aber er war offenbar fest entschlossen, sie mit dem ihm eigenen stoischen Gleichmut zu ertragen. Die Kellnerin kehrte zurück, als sie den neuen Gast bemerkte, was keine große Leistung war, denn Kebron war nur schwer zu übersehen. »Sie sind ein Brikar, nicht wahr?«, fragte sie. »Ich habe gehört, dass die Brikar so etwas wie Wesen aus Stein sind. Stimmt das?«

»Nein.«

Als er nichts weiter dazu sagte, zuckte die Kellnerin mit den Schultern und hob ihr Padd. »Was darf ich Ihnen bringen?«

»Magma.«

McHenry hielt sich eine Hand vor den Mund, um nicht zu lachen. Shelby verdrehte die Augen.

»Sie möchten Magma?« Die Kellnerin schien das ganz und gar nicht lustig zu finden. »Wir servieren hier kein Magma.«

»Aber das letzte Mal hat man mir welches gebracht.«

»Wann waren Sie das letzte Mal hier?«

»Im Mesozoikum.«

Jetzt lachte auch Burgoyne. Selar und Soleta sahen sich an – mit einem Ausdruck, der deutlich machte, dass sie keine Scherzkekse ertragen konnten.

Die Kellnerin schnaubte ungeduldig, legte den Kopf leicht schief und fragte: »Könnten wir einfach … Sie wissen schon … vergessen, was ich über ›Wesen aus Stein‹ gesagt habe?«

»Sehr gern. Ein Bier, bitte.«

»Im Steinkrug«, warf McHenry ein.

Kebron warf ihm einen tadelnden Seitenblick zu. »Übertreiben Sie es nicht.«

Als die Kellnerin sich kopfschüttelnd entfernte, wandte sich Lefler wieder Shelby zu. »Commander … vielleicht sollten Sie darüber reden. Vielleicht …« Sie blickte zu den anderen. »Vielleicht sollten wir alle darüber reden. Über die Vernichtung der Excalibur. Wie es geschehen ist. Wie …«

»Sie haben Ihren Beruf verfehlt«, bemerkte Burgoyne trocken. »Sie hätten Schiffscounselor werden sollen.«

»Das hat auch meine Mutter gesagt«, gestand Lefler lachend. »Sie sagte mir, sie wäre sehr stolz, wenn sie einen Schiffscounselor als Tochter hätte.«

»Lieutenant … Robin«, sagte Shelby und legte ihre Hand beschwichtigend auf Leflers. »Ich weiß, dass Sie nur helfen wollen. Und vielleicht hat Ihr Vorschlag sogar etwas für sich. Aber die simple Wahrheit ist, dass wir alle das Ganze in den vergangenen Wochen immer wieder durchlebt haben. Ein Untersuchungsausschuss nach dem anderen, in dem jedes Detail immer wieder durchgekaut wurde. Jede Sekunde der letzten fünf Minuten des Schiffs, jede kleinste Handlung sämtlicher Besatzungsmitglieder. Und die endlosen Fragen, die andere uns gestellt haben und die wir uns selbst gestellt haben, ob wir irgendetwas hätten tun können, ob wir irgendetwas hätten verhindern können. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich …« Sie trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. »Ich habe genug davon. Ich habe es satt, mich selbst immer wieder zu hinterfragen. Denn genau das machen diese ständigen Befragungen mit einem. Die Ausschüsse suchen nicht nur nach Antworten auf ihre eigenen Fragen. Sie bringen uns auch dazu, uns selbst Fragen zu stellen, bis man gar nicht mehr weiß, wo oben oder unten ist, was richtig oder falsch ist.«

»Sie haben nichts falsch gemacht.«

Es war ein Neuankömmling, der diese Worte sprach. Alle blickten auf und sahen, dass Botschafter Si Cwan hinter sie getreten war. Sein Erscheinen war das Gegenteil der Ankunft Kebrons. Während Kebron seine Annäherung mit jedem Schritt hörbar verkündet hatte, war der Thallonianer von der ehemaligen Besatzung der Excalibur erst bemerkt worden, als er genau hinter ihnen stand. Ob es daran lag, dass sie so sehr ins Gespräch vertieft waren, oder ob Si Cwan einfach nur die übernatürliche Fähigkeit besaß, unauffällig einen Raum zu betreten, konnte Shelby nicht genau sagen. Neben ihm stand seine jüngere Schwester Kallinda. Die Veränderung, die sie durchgemacht hatte, war in Shelbys Augen höchst erstaunlich. Unmittelbar nach ihrer Ankunft an Bord der Excalibur war sie verwirrt, desorientiert und sich nicht einmal einer so elementaren Sache wie ihrer Identität sicher gewesen. Doch nun trat sie aristokratisch und selbstbewusst auf, fast genauso wie ihr Bruder. Dennoch funkelte in ihren Augen eine leichte Verschmitzheit, die Shelby amüsant und reizvoll fand.

»Danke für dieses Vertrauensvotum, Botschafter«, sagte sie. »Bitte setzen Sie sich.«

Er warf einen kurzen Blick auf den Stuhl neben Shelby, sagte aber nichts, als hätte er intuitiv erkannt, was es damit auf sich hatte. Stattdessen nahmen er und Kallinda am anderen Ende des Tisches Platz.

»Ich wollte soeben sagen«, fuhr Shelby fort, »dass wir alle diese letzten deprimierenden Minuten so viele Male durchgegangen sind … dass ich, offen gesagt, weitere Post-Mortem-Analysen satt habe. Und ich vermute, das gilt für uns alle.« Rund um den Tisch wurde beipflichtend genickt, mit Ausnahme Kebrons, der keinen richtigen Hals hatte, der ihm ein Nicken erlaubt hätte. Stattdessen beugte er seinen Oberkörper leicht vor.

»Deshalb schlage ich vor, dass wir eine Vereinbarung treffen. Um uns gegenseitig psychisch zu schonen, wird keiner von uns je wieder über die Vernichtung der Excalibur sprechen. Wir alle wissen, was geschehen ist. Es gibt keinen Grund, weiter auf diesem Thema herumzureiten. Also reden wir einfach nicht mehr darüber. Keine Schuldzuweisungen, keine Kritik, keiner zeigt mit dem Finger auf den anderen … denn genau dazu würden alle Gespräche unweigerlich führen. Und ich kenne diese Gruppe. Wir alle würden uns gegenseitig die Schuld zuschieben.«

»Nein. Wir würden uns selbst die Schuld geben«, widersprach Lefler. Wieder wurde genickt.

»Also sind wir uns einig?«

Die Anwesenden stimmten unisono zu, und Shelby stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Gut. Sehr gut. Das freut mich. Und ich glaube, dass es eine Entscheidung ist, die Mac gutheißen würde …«

»Gutgeheißen hätte«, korrigierte Selar.

Alle sahen sie mit gerunzelter Stirn an, doch sie erwiderte die Blicke. »So ist es grammatisch korrekt«, erklärte sie gelassen. »Es ist korrekt, in der Vergangenheitsform von jemandem zu sprechen, wenn diese Person …«

»Selar«, wurde sie behutsam von Burgoyne gestoppt. »Nicht jetzt.«

In diesem Moment kam jemand von einem Nachbartisch herüber und legte eine Hand auf die Lehne des leeren Stuhls neben Shelby. »Entschuldigung, wir brauchen einen weiteren Stuhl … ist der hier frei?«

»Ja«, sagte Shelby.

»Oh, sehr gut«, sagte er und wollte den Stuhl fortziehen.

Es war Kebron, der sich grollend zu Wort meldete. »Wenn Sie diesen Stuhl wegnehmen, werden Sie einen Arm verlieren.«

Der Offizier erstarrte mitten in der Bewegung und blickte in die versteinerten Mienen rund um den Tisch. Er ließ den Stuhl los und sagte mit offenkundiger Verärgerung: »Mann, ihr seid vielleicht empfindlich!« Dann machte er sich auf die Suche nach einem anderen Stuhl, während Shelby den Stuhl vorsichtig wieder an den Tisch rückte.

»Das hätten Sie nicht tun müssen, Zak«, sagte Shelby.

»Ich weiß.«

»Aber ich bin froh, dass Sie es getan haben.«

»Ich weiß.«

Sie starrten noch eine Weile auf den leeren Stuhl, bis Shelby ihr Glas hob. »Auf Mackenzie Calhoun … den besten verdammten Captain der ganzen Flotte.«

»Kurz und knapp. Auf den Punkt gebracht. Unbestritten. Ich stimme zu«, kommentierte Si Cwan und hob sein Glas. Die anderen taten es ihm nach. Sie stießen an und tranken schweigend.

»Und … was jetzt?«

Es war Lefler, die gesprochen hatte, aber in Wirklichkeit hatte allen Anwesenden die gleiche Frage auf der Zunge gelegen.

Schließlich war es Shelby, die darauf antwortete. »Nun, Lieutenant … Lieutenant, wie ich wiederholen möchte, nur für den Fall, dass Sie es gar nicht oft genug hören können«, fügte sie mit einem leichten Lächeln hinzu, »Sie kennen die Vorschriften für einen solchen Fall genauso gut wie jeder andere.«

»Ja, tue ich«, entgegnete Lefler.

»Ich nicht«, warf Kallinda ein und blickte sich verwirrt um. »Ist vielleicht jemand bereit, sie mir zu erklären?«

»Wenn ein Schiff verloren gegangen ist – mit gelegentlichen Ausnahmen im Kriegsfall – ist eine ›Abkühlphase‹ für das Führungspersonal vorgeschrieben«, erklärte Soleta. »Man geht davon aus, dass der Verlust eines Schiffs ein traumatisches Ereignis darstellt. Also brauchen die Offiziere einige Zeit, um diesen zu verarbeiten.«

»Was für ein Unsinn«, bemerkte Si Cwan mit einem verächtlichen Schnaufen. »Wenn man einen Rückschlag erleidet, ist es das Beste, sich sogleich wieder in dieselbe Situation zu stürzen. Auf diese Weise wird man …«

»Schneller sterben?«, fragte Kebron.

Si Cwan ging nicht darauf ein. »Wenn jemand die Zeit findet, über die Umstände eines Unglücksfalls nachzugrübeln, kann das die Leistungsfähigkeit des Betreffenden beeinträchtigen. Je länger man darüber nachdenkt, desto mehr neigt man dazu, sich selbst in Frage zu stellen.«

»Da ist was dran«, räumte Shelby ein.

»Und aus diesem Grund«, schaltete sich Selar ein, »haben Sie die sofortige Versetzung auf einen neuen Posten und den Verzicht auf die Wartezeit beantragt.«

Shelby schaute sie mit offensichtlicher Überraschung an. »Woher wissen Sie das?«

»Ich wusste es nicht«, erwiderte Selar. »Das heißt, bis Sie es mir soeben bestätigt haben.«

»Vulkanier«, brummte Shelby.

Die anderen sahen sie interessiert an. »Sie haben einen Verzicht beantragt? Wirklich, Commander?«, fragte Lefler.

»In Anbetracht der besonderen Umstände …«

»Ein Schiff«, warf McHenry ein. »Sie hoffen auf ein eigenes Kommando. Das ist es, nicht wahr?«

»Nun …«

»Na los«, drängte Lefler. »Sie sind hier unter Freunden, Commander.«

Aus irgendeinem Grund hallte das Wort lange in Shelbys Kopf nach. Freunde. Waren sie das wirklich? Sie wollte sich ihnen öffnen, ihnen sagen, was ihr auf dem Herzen lag. Aber …

Aber …

»Die Wahrheit ist«, sagte sie und schob ihre Zweifel beiseite, »dass mir zu Ohren gekommen ist, dass Captain Hodgkiss von der Exeter auf der Karriereleiter der Sternenflotte nach oben klettert, was bedeutet, dass sein Kommandoposten frei wird. Ich bin gerade dabei, meine Bewerbung einzureichen, und soweit ich es beurteilen kann, bin ich die Spitzenkandidatin.«

»Das ist ja großartig!«, sagte Lefler. »Und Sie glauben wirklich, dass Sie eine Chance haben?«

Shelby nickte.

»Wenn Sie möchten«, bot McHenry ihr an, »kann ich ein gutes Wort für Sie einlegen.«

»Ich ebenfalls«, fügte Si Cwan hinzu.

Kebron gab ein Grunzen von sich. »Empfehlungen von Ihnen beiden? Dann würde man sie innerhalb einer Woche einen Dienstgrad herunterstufen.«

»Wissen Sie«, entgegnete Si Cwan, »Sie sind mir wesentlich sympathischer, wenn Sie so gut wie gar nichts sagen.«

McHenry beugte sich vor. »Was ist mit uns?«

Shelby hatte plötzlich ein sehr ungutes Gefühl in der Magengegend. »Mit Ihnen?«

»Nehmen Sie uns mit? Als Ihre neue Brückenbesatzung? Damit wir zusammenbleiben?«

Vor genau dieser Frage hatte sich Shelby gefürchtet, und sie hatte keine Antwort parat, weil es ihr immer noch nicht gelungen war, sich ihrer Gefühle in dieser Angelegenheit klar zu werden. Als sie sprach, hatte sie keine Ahnung, welche Worte aus ihrem Mund kommen würden, bis sie sie hörte. »So sehr ich Si Cwans Standpunkt verstehe, dass man so schnell wie möglich wieder aufs Pferd steigen sollte … muss ich sagen, dass vieles für die Abkühlphase spricht. Vor allem in Anbetracht der Umstände, in denen wir uns befinden. Die Erkundung eines Territoriums praktisch ohne Rückendeckung durch die Föderation, ein einziges Schiff, das Hilfe leisten und sich um einen kompletten Raumsektor kümmern soll? Es war eine Wahnsinnsmission, und offen gesagt, erstaunt es mich, dass wir …« Sie hielt inne, blickte auf den leeren Stuhl und räumte hastig ein: »… dass so viele von uns so lange überlebt haben. Da die Sternenflotte Ihren Urlaub verlängert hat, schlage ich vor, dass Sie diese Zeit für sich nutzen. Machen Sie es nicht wie ich, denn ich spekuliere gegen den Rat der Sternenflottencounselors auf ein Kommando. Außerdem bin ich …«

»Außerdem was?«, fragte Burgoyne. Er/Sie hatte eine elegant geschwungene Augenbraue hochgezogen. »Da gibt es noch etwas, das Sie uns sagen wollen, nicht wahr?«

»Vielleicht hasst sie uns«, mutmaßte McHenry.

»Nein! Nein, Mark, das ist Unsinn«, wehrte sie den Vorwurf ab. »Ich hoffe sehr, dass keiner von Ihnen so denkt. Aber das Problem ist, dass an Bord der Exeter bereits einige sehr fähige Offiziere dienen. Es wäre nicht fair, sie auszurangieren, auch wenn meine persönlichen Präferenzen anders gelagert sind. Wäre es Ihnen wirklich recht, wenn ich einfach dort hineinspaziere und kurzerhand die komplette Brückenbesatzung entlasse? Wollen Sie das?«

Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich am Tisch aus.

»Ich hätte damit kein Problem«, sagte McHenry.

»Ich auch nicht«, stimmte Lefler zu.

»Es wäre nur logisch«, meinte Soleta.

»An Ihrer Stelle würde ich es tun«, erklärte Si Cwan.

»Wir sollten sie einfach töten«, grollte Kebron, was ihm ein paar Lacher von den anderen einbrachte.

Shelby war der Verzweiflung nahe. Das würde schwieriger, als sie erwartet hatte. »Es ist nur so, dass … nun ja … wie kann ich es am besten formulieren?« Sie kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Unsere Besatzung – unsere Sensibilitäten, der Stil, die Mischung der Persönlichkeiten – war einzigartig. Ich habe schon auf verschiedenen Sternenflottenschiffen Dienst getan, aber so etwas habe ich noch nie zuvor erlebt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese besondere Charaktermischung nur wegen Mac so gut funktioniert hat.« Sie war erleichtert, als einige der anderen langsam nickten. »Mac hat an Bord der Excalibur etwas ganz Besonderes geschaffen. Etwas, das weder Ordnung noch Anarchie war, sondern irgendwas dazwischen. Und es war sein Verdienst, dass es funktioniert hat. Und ich … ich bin mir nicht sicher, ob es ohne ihn funktionieren würde. Verstehen Sie, was ich sagen will?«

»Sie wollen sagen, dass man einen preisgekrönten Kuchenteig nicht ohne Eier anrühren kann«, sagte Lefler.

»Ja!« Shelby schlug zur Bestätigung auf den Tisch. »Ja, genau das ist es. Wenn eine entscheidende Zutat fehlt, wird der Kuchenteig niemals aufgehen.«

»Genau genommen tragen Eier nichts zum Aufgehen eines Kuchens bei«, warf Soleta ein. »Das geschieht vielmehr, weil …«

»Wir schweifen vom Thema ab«, unterbrach Shelby hastig. »Es geht darum, dass Mackenzie Calhoun dafür gesorgt hat, dass es funktioniert. Und ich … bin nicht er. Das ist ein Eingeständnis, das mir keineswegs leichtfällt, denn um ganz ehrlich zu sein, gab es eine Zeit, als ich der Ansicht war, ich wäre ihm weit überlegen. Viel qualifizierter, eine wesentlich bessere Führungsperson. Aber während der Zeit, die ich mit ihm verbracht habe, musste ich allmählich anerkennen, dass er in Wirklichkeit ein großartiger Captain war. Würde ich versuchen, wie er zu sein … würde ich versagen. Und Sie alle würden darunter leiden. Das wäre nicht fair, weder für mich noch für Sie.«

Wieder lösten ihre Worte nachdenkliches Schweigen am Tisch aus. Shelby war davon überzeugt, hören zu können, wie ihr Herz gegen die Rippen schlug.

Es war Selar, die das Schweigen brach. »Sie hat recht.«

»Sie stimmen dem Commander zu, Selar?«, fragte Burgoyne.

»Das ist die implizite Aussage meiner Feststellung, dass sie recht hat«, erwiderte Selar mit beißendem Sarkasmus. »Um die bisherige Besatzung zusammenzuhalten, müssten wir kontinuierlich den Geist von Mackenzie Calhoun heraufbeschwören. Wir würden versuchen, etwas zu wiederholen, das sich nicht wiederholen lässt. Außerdem würden wir, ob bewusst oder unbewusst, ständig Vergleiche zwischen Commander Shelby und Captain Calhoun anstellen. Selbst wenn wir gar nicht diese Absicht hätten … selbst wenn wir kein Wort sagen würden, das auf einen solchen Vergleich abzielt … höchstwahrscheinlich würde sich der Commander trotzdem fragen, ob wir sie die ganze Zeit mit Captain Calhoun vergleichen.«

»Aber bestand diese Gefahr nicht schon, als sie noch Erster Offizier der Excalibur war?«, warf Soleta ein. Shelby verfolgte den Wortwechsel amüsiert. Sie taten, als würde sie selbst gar nicht mehr am Tisch sitzen. »Während der Phasen, in denen sie das Kommando übernahm, war ihr Führungsstil ein anderer, aber es gab trotzdem keine Probleme.«

»In dieser Zeit war sie immer nur ein vorübergehender Ersatz«, erwiderte Selar sofort. »Selbst wenn jemand von uns ein Problem mit einer ihrer Entscheidungen hatte, war allen bewusst, dass Captain Calhoun in Kürze zurückkehren würde. Aber jetzt …«

»Jetzt müssten wir uns mit ihr abfinden«, sagte McHenry. Dann wandte er sich plötzlich peinlich berührt an Shelby: »Entschuldigung. War nicht böse gemeint.«

»Kein Problem«, entgegnete Shelby, obwohl sie sich da nicht ganz sicher war.

»Trotzdem werden Sie alle mir sehr fehlen«, sagte Lefler.

»Leute kommen und gehen.« Burgoyne zuckte mit den Schultern. »Das ist ein Teilaspekt des Lebens, für das wir uns entschieden haben. Letztlich kann man nichts dagegen tun.«

»Wahrscheinlich«, seufzte Lefler.

»Ich persönlich habe kein Problem mit etwas Urlaub. So hätte ich die Gelegenheit, nach Vulkan zurückzukehren«, sagte Selar. Sie blickte auf Xyon, und ihr Gesicht zeigte so etwas wie distanzierte Faszination, als könnte sie es immer noch nicht fassen, ein Kind in den Armen zu halten. »Es sollten gewisse … Vorkehrungen getroffen werden, um Xyon auf seine Zukunft vorzubereiten, und ich muss …«

»Wir müssen.«

Burgoynes Richtigstellung war leise, aber entschieden, und Shelby spürte, wie sich sofort eine gewisse Gereiztheit ausbreitete. Sie hatte den Verdacht, dass sie gerade Zeugen einer Diskussion wurden, die Burgoyne und Selar bereits geführt hatten.

Und tatsächlich beugte sich Selar vor und sagte mit leiser Stimme, die dennoch von allen am Tisch gehört wurde: »Darüber hatten wir bereits diskutiert.«

»Nein, haben wir nicht. Weil eine wirkliche Diskussion nicht darin besteht, dass du mir sagst, was geschehen wird, und Punkt, Ende der Konversation.«

»Gibt es ein Problem?«, hakte Shelby vorsichtig nach.

»Nein«, antworteten Selar und Burgoyne unverzüglich.

Und ich dachte immer, Vulkanier lügen nicht, dachte Shelby, sprach es aber selbstverständlich nicht aus. »Ach so, gut. Außerdem bin ich mir sicher, dass Sie beide, wenn Sie ein Problem hätten, es gemeinsam lösen könnten, da Sie jetzt selbstverständlich Rücksicht auf das Kind nehmen müssen.«

»Ich versichere Ihnen, Commander«, entgegnete Selar mit einem ungewohnt gereizten Tonfall, »dass das Wohlergehen meines Kindes …«

»Unseres Kindes.«

»… für mich von allergrößter Wichtigkeit ist«, fuhr sie fort, ohne sich von Burgoynes Unterbrechung irritieren zu lassen.

»Und was ist mit Ihnen, Si Cwan?«, fragte Shelby, die plötzlich das Gefühl hatte, es wäre besser, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. »Mit Ihnen und Kallinda. Sie sind keine Angehörigen der Sternenflotte. Werden Sie in den Sektor 221-G zurückkehren?«

Kallinda blickte ihren Bruder verwirrt an. »Wohin zurückkehren …?«

Er sah Kallinda an und lächelte. Das war etwas, was der gebieterische Thallonianer, der so rothäutig wie die meisten Vertreter seines Volkes war, nicht allzu oft tat. Shelby bemerkte, dass er ein recht attraktives Lächeln hatte, und sie bemerkte ebenfalls, dass Robin Lefler darauf ein wenig verzückt zu reagieren schien. »Der Sektor 221-G ist die Sternenflottenbezeichnung für den thallonianischen Raumsektor. Du hast Sternkarten studiert, kleine Schwester. Also hätte ich gedacht, dass es dir aufgefallen wäre.«

»Verzeih mir den Fehler, Cwan«, erwiderte sie mit amüsiertem Sarkasmus. »Ich habe mich bemüht, in kurzer Zeit sehr viel zu assimilieren.«

»Könnten Sie vielleicht ein anderes Wort als ›assimilieren‹ benutzen?«, bat Shelby.

»Oh. Ähm … gut«, sagte Kallinda unsicher, die Shelbys Reaktion offenbar nicht verstand, aber natürlich darauf Rücksicht nehmen wollte. »Ich habe mich bemüht, viel zu … absorbieren?«

Shelby nickte zustimmend.

Si Cwan machte keine Anstalten, seiner Schwester das Problem zu erklären, und sagte stattdessen zu Shelby: »Um ehrlich zu sein – ich bin mir nicht sicher. Ohne die Unterstützung eines Sternenflottenschiffs oder eines ähnlich beeindruckenden Raumschiffs wären meine Anstrengungen, die zersplitterten Welten unseres ehemaligen Imperiums wieder zusammenzuführen, zum Scheitern verurteilt. Der zweite große Anreiz, in meinen heimatlichen Raumsektor zurückzukehren, wäre die Suche nach Kally gewesen … aber sie ist schon hier bei mir.« Er deutete auf seine Schwester. »Also stehe ich vor der Frage, was ich dort tun könnte. Welche Ziele könnte sich ein ehemaliger Herrscher setzen, dessen Imperium auseinandergebrochen ist und dessen Heimatwelt von innen heraus durch einen gigantischen legendären Feuervogel zerrissen wurde?«

»Sie müssen es von der positiven Seite betrachten«, sagte McHenry fröhlich. »Wenn irgendwo ein ehemaliger Herrscher, dessen Imperium auseinandergebrochen ist und dessen Heimatwelt von innen heraus durch einen gigantischen legendären Feuervogel zerrissen wurde, gebraucht wird, sind Sie der perfekte Mann für den Job.«

»Damit werde ich mich trösten, McHenry. Dieser Gedanke wird mich in kalten Nächten warm halten.«

»Sie haben das Talent, Situationen zu entschärfen«, erklärte Shelby. »Die Leute neigen dazu, Ihnen zuzuhören. Sie haben sehr viel …«

»Charisma?«, schlug Lefler vor, die ihren Blick nicht von Si Cwan abwenden konnte.

»Ich wollte ›Präsenz‹ sagen, aber auch diese Charakterisierung ist zutreffend«, erwiderte Shelby. »Die Sache ist die, dass Ihnen der Titel eines ›Botschafters‹ aus reiner Höflichkeit verliehen wurde. Irgendetwas, das beschrieb, was Sie eigentlich an Bord des Schiffs gemacht haben. Aber wenn Sie tatsächlich dem diplomatischen Korps der Föderation beitreten würden, könnten Sie erheblich mehr bewirken.«

Kallinda lachte in einem Tonfall, der sofort Shelbys Aufmerksamkeit weckte, aber keinesfalls auf positive Weise. »Sie scheinen das witzig zu finden, Kallinda.«

Sie beugte sich vor. »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, schlagen Sie vor, dass Si Cwan auf verschiedenen Welten die Ansichten und Interessen der Föderation vertreten soll.«

»Ja, im Wesentlichen würde es darauf hinauslaufen.«

Darüber lachte sie erneut. »Si Cwan kann nur Si Cwan vertreten. Ich fürchte, Ihr Vorschlag hätte nicht viel Gutes zur Folge.«

»Ist das so, Si Cwan?«, fragte Lefler.

Si Cwan lächelte. »Anscheinend kennt meine Schwester mich viel zu gut. Ich hatte keine Schwierigkeiten, thallonianische Interessen zu vertreten, weil es meine eigenen waren. Doch wenn ich einen Posten bei der Föderation annehmen sollte, würde das bedeuten, dass ich mich für Dinge einsetzen müsste, an die ich nicht unbedingt glaube. Ich wäre nicht nur ein Hindernis, sondern in bestimmten Situationen könnte ich mich sogar als Gefahr erweisen. Nein … nein, ich fürchte, ich muss anderswo in der Galaxis nach einer neuen Aufgabe für mich suchen.«

Kebron blickte sich mit leichter Ungeduld um, da er sein Glas schon vor einigen Minuten ausgetrunken und die Kellnerin seitdem nicht wiedergesehen hatte. »Vielleicht könnten Sie hier arbeiten. Im Lokal herrscht offensichtlich Personalknappheit.«

»Danke für Ihren Vorschlag, Kebron«, sagte Si Cwan mit entspannter Heiterkeit. »Und was werden Sie während ihrer ›Auszeit‹ machen? Es ist schade, dass Briefe in Ihrer Gesellschaft schon lange keine Rolle mehr spielen. Ansonsten könnten Sie als Briefbeschwerer für ganze Poststapel arbeiten.«

»Ich habe meine Pläne«, erwiderte er unbestimmt.

»Und was für Pläne sind das?«

»Meine.«

Alle verstanden, dass es besser wäre, nicht weiter auf diesen Punkt einzugehen. »Ich kann Ihnen sagen, dass meine Mutter begeistert sein wird«, meldete sich Lefler wieder zu Wort. »Sie sagte, sie hätte nichts dagegen, ein bisschen Urlaub zu machen. Außerdem findet sie, dass es eine gute Gelegenheit sein wird, unsere Mutter-Tochter-Beziehung zu festigen. Damit wir uns wirklich richtig kennenlernen können.«

»Sehen Sie das genauso?«, erkundigte sich Shelby.

Lefler zuckte mit den Schultern. »Wer versteht schon, was im Kopf dieser Frau vor sich geht?« Sie wandte sich an McHenry. »Was ist mit Ihnen, Mark?«

»Ich verstehe auch nicht, was im Kopf Ihrer Mutter vor sich geht.«

»Nein, ich meine, was sie tun wollen. Während Ihrer Auszeit.«

»Oh.« Er breitete die Hände aus. »Ich werde einfach nur faulenzen. Nichts Besonderes tun. An nichts denken.«

»Sind Sie dazu wirklich in der Lage?«, fragte Soleta. »Ihr Geist scheint ständig in Bewegung zu sein, ob Sie es nun wollen oder nicht. Ich kenne Sie jetzt seit fast zwei Jahrzehnten, und ich glaube nicht, dass Sie dazu fähig sind, an gar nichts zu denken.«

»Vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt … denke ich. Vielleicht«, sagte er nachdenklich, »werde ich mir ein paar Zeichentrickfilme ansehen.«

»Was?« Soleta sah ihn verständnislos an. Und auch die anderen reagierten verdutzt.

»Zeichentrickfilme. Ensign Janos hat mir einige gezeigt. Er hat ein paar alte Holovideos gefunden. Es sind Zeichnungen, die der Wirklichkeit ähneln und durch leichte Abwandlungen …«

»Grundsätzlich weiß ich, was Zeichentrickfilme sind«, unterbrach Shelby. »Ich bin mir nur nicht sicher, wie und warum Sie sich dafür interessieren.«

»Ich denke gern über das Universum nach, Commander«, erwiderte McHenry mit einem trockenen Grinsen. »Wie alles miteinander zusammenhängt. Doch ein Zeichentrick-Universum bildet eine ganz neue Welt voller Möglichkeiten. Die Gesetze der Physik scheinen keine allzu große Rolle zu spielen. Liegt es daran, dass alles in einer Welt des Chaos existiert … oder ist es eher so, dass es durchaus Gesetze gibt, nur dass es ganz andere sind? Und wenn man an diese Gesetze glaubt, lassen Sie sich dann auch auf die reale Welt anwenden? Haben physikalische Gesetze und Regeln absolute Gültigkeit … oder existieren sie nur in unserem Geist? Es ist hochinteressant, solche Überlegungen anzustellen, finden Sie nicht auch?« Als Shelby ihn verständnislos anstarrte, wandte er sich an Soleta. »Finden Sie nicht auch, Soleta?«

»Nein«, sagte sie.

Er sah sie mitleidig an. »Und Sie bezeichnen sich als Wissenschaftlerin? Wie sehen Ihre wunderbaren Urlaubspläne aus?«

»Ich werde nach Hause zurückkehren«, antwortete Soleta. »Zum fünften Todestag meiner Mutter. Ich denke, es wäre das Beste, wenn ich in dieser Zeit bei meinem Vater bin.«

Von den Anwesenden kam mitfühlendes Gemurmel. Soleta neigte leicht den Kopf. »Ich danke Ihnen für Ihre Anteilnahme, aber sie ist letztlich nicht notwendig. Ich habe ihren Tod schon vor langer Zeit verarbeitet. Es ist lediglich eine Aufmerksamkeit gegenüber meinem Vater, dass ich ihn besuche.«

»Vulkanier können sich glücklich schätzen«, sagte Shelby. »Dass Sie in der Lage sind, solche Dinge einfach zu den Akten zu legen. Dass Sie einfach … entscheiden können, Ihr Leben weiterzuführen. Menschen sind nicht ganz so ordentlich. Wir können nicht kontrollieren, wie lange wir trauern.«

»Doch, das können Sie. Aber Sie beschließen, es nicht zu tun«, entgegnete Soleta.

Shelby sah sie verwirrt an. »Sie wollen mir sagen, dass ich einfach … entscheiden kann, wann ich jemanden nicht mehr vermisse? Kann ich dann auch entscheiden, dass ich … ihn nicht mehr vermisse?« Sie deutete mit einem Kopfnicken auf den leeren Stuhl. »Heute trauere ich, und morgen nicht mehr? Das kann nicht Ihr Ernst sein.«

»Sie scheinen überrascht zu sein, Commander«, schaltete sich Selar ein. »Sie müssen verstehen, wie relativ solche Dinge wahrgenommen werden. Für uns ist diese Fähigkeit nicht schwer zu verstehen. Schwer zu verstehen ist, warum Sie nicht dasselbe tun können. Schließlich ist Trauer keine Krankheit, die behandelt werden muss, und sie hat auch kein Eigenleben. Man tut es einfach, bis man beschließt, es nicht mehr zu tun, und dann führt man sein Leben weiter.«

»Ganz so einfach ist es nicht«, sagte Shelby leise.

»Doch, das ist es.«

Plötzlich spürte Shelby heiße Wut in sich aufsteigen, als sie den zufriedenen Gesichtsausdruck der vulkanischen Ärztin sah. Ihr Kind war in ihren Armen eingeschlafen und machte einen gelassenen und friedlichen Eindruck. Aus irgendeinem Grund ärgerte sich Shelby maßlos über diesen Anblick.

»Dann sagen Sie mir, Doktor, wie lange genau Sie um Ihren verstorbenen Ehemann trauern wollten? War es eine bewusste, genau vorgeschriebene Trauerzeit? Oder haben Sie ihn einfach vergessen, ein paar Sekunden oder Minuten nachdem er gestorben war, oder was …?«

»Okay, jetzt läuft es aus dem Ruder«, schaltete sich Burgoyne schnell ein, und auch den anderen war das Unbehagen deutlich anzusehen.

»Nein«, sagte Selar zu Burgoyne und in die Runde. »Nein … das ist eine berechtigte Frage. Die Antwort, Commander, lautet: exakt acht Monate, zwei Wochen und einen Tag.«

Shelby starrte sie nur an. Selars vulkanische Maske war absolut undurchschaubar.

Und Shelby musste trotz allem lachen. Die anderen waren nicht sicher, wie sie reagieren sollten. Dann schüttelte Selar den Kopf, doch ihre Mundwinkel schienen sich für einen winzigen Moment – und nur ein winziges bisschen – zur Andeutung einer amüsierten Regung zu verziehen. Unverzüglich folgte ein kollektiver Seufzer der Erleichterung von allen anderen, als Shelby sagte: »Tut mir leid. Das war unangemessen von mir.«

»Sie verspürten die Notwendigkeit, es zu sagen. Demzufolge war es durchaus angemessen.« Selar schien nicht im Geringsten irritiert zu sein. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass sie eine Vulkanierin war, überraschte das niemanden.

»Ich vermute, ich sollte Sie beneiden.«

»Neid ist unlogisch. Aber ich verstehe den Hintergrund Ihrer Überlegung«, erklärte Selar.

Von da an verlief der Abend etwas ruhiger. Es gab keine weiteren Wutanfälle oder Gefühlsausbrüche. Sie waren nur eine Gruppe von Leuten, die über dies und jenes redeten, gelegentlich lachten oder sich gegenseitig aufzogen. Es fühlte sich gut an, gut und entspannt. Eine Weile hatte Shelby sogar das Gefühl, mit ihrer Familie zusammen zu sein. Das beunruhigte sie sehr, und sie verdrängte diese Empfindung, weil sie etwas repräsentierte, womit sie sich nicht auseinandersetzen wollte.

Nach einiger Zeit kreisten die Gespräche wieder um Captain Calhoun. Sie tauschten Geschichten und Erinnerungen aus, hin und wieder korrigierten sie sich gegenseitig oder schmückten die Tatsachen aus. Mehrmals wurden Geschichten »verbessert«, die bereits bestens bekannt waren, und alle wussten ganz genau, welche Punkte ergänzt worden waren. Aber niemand erhob Einwände. Stattdessen blickten alle voller Ehrfurcht auf den leeren Stuhl.

Schließlich gab Selar bekannt, dass es Zeit für sie war, zu gehen, weil sie sich erschöpft fühlte. Burgoyne begleitete sie selbstverständlich, obwohl Shelby hätte schwören können, dass es Selar nicht unbedingt recht war. Nachdem sie aufgebrochen waren, schien es, als wäre der Stöpsel aus einem Abfluss herausgezogen worden. Auch die anderen gingen einer nach dem anderen oder paarweise. Niemand erwähnte, dass dies wahrscheinlich das letzte Mal war, dass sie alle zusammen waren. Es machte fast den Eindruck, als wollte keiner darüber nachdenken. Stattdessen wurden Sätze wie »Bis später« oder »Wir sehen uns« oder »Wir bleiben in Verbindung« gemurmelt.