Star Trek - New Frontier 08: Excalibur - Renaissance - DAVID PETER - E-Book

Star Trek - New Frontier 08: Excalibur - Renaissance E-Book

DAVID PETER

3,8

Beschreibung

Das Schiff ist Geschichte, doch das Abenteuer geht weiter ... Als die U.S.S. Excalibur plötzlich und gnadenlos zerstört wurde, verlor die Sternenflotte eines ihrer besten Raumschiffe. Doch die Besatzungsmitglieder der Excalibur verloren ihren Captain ... und ihr Zuhause. Noch während sie um ihr Schiff und Captain Mackenzie Calhoun trauern, erwarten der Erste Offizier Elizabeth Shelby und die übrige Mannschaft ihre neuen Aufgaben. Im Fall Lieutenant Soletas bedeutet dies eine schmerzvolle Wiedervereinigung mit ihrem romulanischen Vater, während Zak Kebron und Mark McHenry auf eine Undercover-Mission gesandt werden, um eine mysteriöse Serie von Entführungen auf einer Welt mit wenig entwickelter Technologie zu untersuchen. Während die Überlebenden der Excalibur im ganzen Alpha-Quadranten getrennte Wege gehen, müssen sie sich alle unterschiedlichsten Herausforderungen und Gefahren stellen.

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STAR TREK

NEW FRONTIER™

Excalibur: Renaissance

PETER DAVID

Based onStar Trekcreated by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen vonClaudia Kern

Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – NEW FRONTIER: EXCALIBUR – RENAISSANCE wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Claudia Kern; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust und Gisela Schell; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Cover Artwork: Martin Frei; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Morvia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – NEW FRONTIER: EXCALIBUR – RENAISSANCE

German translation copyright © 2013 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © 2000 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

™ & © 2013 CBS Studios Inc. STAR TREK and all related marks and logos are marks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-86425-179-5 (Juli 2013) · E-Book ISBN 978-3-86425-182-5 (Juli 2013)

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Liebe ’Xana!

Es ist schon eine Ewigkeit her, seit du ein Kommuniqué von deiner Lieblings»tante« bekommen hast, und ich fand, dass es Zeit wird, dieses Versäumnis nachzuholen.

Du hast natürlich von der Explosion der Excalibur gehört. Ich muss dich nicht mit allen Einzelheiten hinsichtlich der Vernichtung des Schiffs langweilen, dem unerwarteten Notfall im Maschinenraum, dem unglaublich heroischen Opfer, das Captain Mackenzie Calhoun gebracht hat … All diese Dinge wurden vor so vielen Gremien ad nauseam erörtert. Also gibt es für mich wirklich keinen Grund, auf Ereignisse einzugehen, die anderswo so gründlich untersucht wurden. Warum sich mit alten Geschichten aufhalten? Man muss in die Zukunft blicken, das habe ich schon immer gesagt.

Es gab so etwas wie ein Post Mortem mit der Brückenbesatzung. Wie du sicher weißt, verlangt die Sternenflotte eine »Abkühlphase« nach einer traumatischen Erfahrung wie dem Verlust eines kompletten Schiffs. Insbesondere, wenn eine solche Katastrophe den Tod des Captains einschließt.

Calhoun. Ich wusste nie, was ich von ihm halten sollte. Er war äußerst unorthodox und ganz anders als die anderen Captains, mit und neben denen ich das Vergnügen hatte, dienen zu dürfen. Dieser Mann mit dem Zartgefühl eines Cowboys und dem unterschwelligen Ungestüm eines Kriegers hat auch einen großen Teil der Besatzung angeregt und geprägt. Er war ihr Zentrum, und ohne dieses Zentrum hatten sie keinen Zusammenhalt mehr. Ich weiß nicht, ob das eine Stärke ist oder nicht. Ich bin schon lange genug dabei, um zu wissen, dass keine Besatzung, kein Schiff von einer einzigen Person abhängig sein sollte. Das Vakuum des Weltraums verzeiht keine Fehler, und wenn der Anführer in einer Krisensituation verlorengeht, kann es sich die Besatzung nicht leisten, zu verzweifeln oder auch nur für einen kurzen Moment den Überblick zu verlieren. Schließlich kann ein solcher Moment dazu führen, dass die gesamte Besatzung ihr Leben verliert. Die Kommandohierarchie sollte über allem stehen. Der neue Captain sollte in der Lage sein, ohne zu zögern einzuspringen. Ich weiß nicht, ob die Besatzung der Excalibur wirklich dazu in der Lage gewesen wäre. Es gab eine Zeit, als alle glaubten, ihr Captain sei tot. Damals haben sie sich recht tapfer gehalten. Doch in dieser Situation waren sie davon überzeugt, dass Calhoun irgendwie überlebt hatte, und die Entschlossenheit, diese Überzeugung zu beweisen, trieb sie zu ihren weiteren Taten an.

Andererseits könnte es sein, dass ich sie unterschätze. Immerhin habe ich bereits mit einigen wirklich großartigen Mannschaften zusammengearbeitet. Also muss ich fairerweise sagen, dass ich vielleicht zu hohe Maßstäbe an sie anlege. Das Traurige daran ist, dass ich nie die Gelegenheit hatte, mich davon zu überzeugen. Das Schiff ist nicht mehr. Der Captain ist nicht mehr. Die Besatzung zerstreut sich allmählich. Einige der Besatzungsmitglieder und Unteroffiziere haben die Erlaubnis erhalten, auf die »Abkühlphase« zu verzichten.

Die Brückenbesatzung ist jedoch eine ganz andere Geschichte.

Commander Shelby hat sich tatsächlich als die Widerstandsfähigste von allen erwiesen. Wer hätte das gedacht? Wenn man bedenkt, dass sie Calhoun am nächsten stand – sie waren sogar zeitweise miteinander verlobt –, sollte man meinen, dass sie die Letzte wäre, die sich schnell wieder fängt. Es könnte allerdings sein, dass sie sich einfach nicht die Chance entgehen lassen wollte, ein eigenes Kommando zu übernehmen, als sich ihr endlich die Chance bot. Offensichtlich wurde ihr vom Sternenflotten-Sanitätsdienst die nötige psychische Stabilität bescheinigt, weil man ihr andernfalls niemals das Kommando über die Exeter anvertraut hätte, als der Posten des Captains frei wurde. Ich war beeindruckt, als meine Bekannten in der Sternenflotte mir mitteilten, dass sie tatsächlich den Kommandoposten bekommen sollte, nach dem sie so lange gestrebt hatte.

Ach, meine Bekannten und Vertrauten in der Sternenflotte. Es sind viel mehr, als selbst Robin ahnt. Doch wenn man bedenkt, wie lange ich schon dabei bin, wäre es nachlässig, wenn ich keine Mittel und Wege gefunden hätte, an Informationen zu gelangen.

Dank dieser Mittel und Wege kann ich dich auch über die anderen schillernden Persönlichkeiten unserer kleinen Brückenbesatzung auf dem Laufenden halten.

Zak Kebron und Mark McHenry … also, ich hätte nie gedacht, dass ich diese beiden Namen jemals in einem Atemzug nennen würde. Aber wie es aussieht, haben unser ehemaliger Sicherheitsoffizier und der Navigator des Schiffs auf Geheiß gewisser Geheimdienstleute der Sternenflotte gemeinsam eine Expedition zu einer Welt unternommen, die heimgesucht wurde von … Wie kann man es am besten formulieren? Von Rabauken. Diese Rabauken kamen von einer interplanetaren Universität in der Nähe, und sie fanden es witzig, die ungebildeten Bewohner einer unterentwickelten Welt zu besuchen und zu terrorisieren. Also erklärten sich Kebron und McHenry einverstanden, ein bisschen »undercover« zu arbeiten und sich um das Problem zu kümmern.

Wissenschaftsoffizier Soleta nahm sich Zeit für einen Besuch auf Vulkan, um bei ihrem Vater zu sein. Doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund kam sie in Kontakt mit einem Romulaner, der in einem Gefängnis der Föderation gesessen hatte und aus der Haft entlassen worden war. Selbst meine Quellen konnten mir nur vage Informationen über diese Geschichte liefern. Aber ich bin mir sicher, dass sie weiß, was sie tut. Vielleicht stellt der Romulaner für sie ein interessantes wissenschaftliches Studienobjekt dar.

Soleta war für mich schon immer ein wenig rätselhaft. Dabei habe ich mehr als genug Vulkanier kennengelernt. Ich weiß, wie sie denken, wie sie sich verhalten. Aber Soleta hatte immer irgendetwas an sich, das mir ein wenig … anders vorkam. Nicht völlig anders, wohlgemerkt. Sie erinnert mich an einen anderen Vulkanier … einen Mischling. In jungen Jahren war er tatsächlich dafür bekannt, gelegentlich breit zu lächeln. Meines Wissens ist Soleta eine reinrassige Vulkanierin, sodass ich nicht weiß, worauf ich ihr ungewöhnliches Verhalten zurückführen könnte. Vielleicht hilft ihr der Umgang mit einem Romulaner, sich auf sich selbst zurückzubesinnen und zu verstehen, wie sich die Vulkanier entwickelt haben, wie sie die Mentalität des ethnischen Zweigs hinter sich lassen konnten, aus dem letztlich die Romulaner wurden. Schließlich ist sie selbst nicht romulanischer Abstammung. Ich meine … das würde zwar eine Menge erklären, doch das wäre einfach zu weit hergeholt. Aber du kennst mich ja, ’Xana. Ich komme immer wieder mit unausgegorenen, wilden Spekulationen daher, die keinerlei Bezug zur Realität haben.

Ich habe keine Ahnung, was Si Cwan und Kallinda machen. Sie sind keine Angehörigen der Sternenflotte, immerhin sind beide Mitglieder der ehemaligen thallonianischen Königsfamilie. Also war es mir nicht möglich, ihre derzeitigen Aktivitäten zu verfolgen. Eigentlich schade. Robin hegt offensichtlich gewisse Gefühle für Cwan, vielleicht ist es sogar Liebe. Aber sie hatte nie die Gelegenheit, ihm zu sagen, was sie für ihn empfindet. Das macht mir große Sorgen, weil Robin sich niemals entmutigen lassen sollte … vor allem, wenn es darum geht, jemandem ihre Gefühle zu offenbaren. Aber letzten Endes sind solche Überlegungen müßig. Si Cwan ist unterwegs und kümmert sich um seine Angelegenheiten, und Robin kümmert sich um ihre. Es ist durchaus möglich, dass sie sich nie wiedersehen. Tja, die Liebe …

Die Liebe. Eine flüchtige Emotion, ’Xana. Wir beide haben bereits darüber diskutiert, ich weiß. Du glaubst, sie ist ein großes, überwältigendes, unglaublich mächtiges Gefühl, aber ich weiß es besser. Was das betrifft, musst du mir vertrauen. Liebe macht durchaus Spaß und hat auf jeden Fall ihren Unterhaltungswert. Sie führte zur Geburt von Robin – unter anderem. Aber sie unterscheidet sich nicht von sonstigen menschlichen Regungen und ist sogar viel unzuverlässiger als die meisten. Zu diesem Zeitpunkt meines sehr langen Lebens bezweifle ich, dass ich – abgesehen von Mutterliebe – überhaupt noch imstande bin, romantische Zuneigung zu empfinden. Ich fühle mich in dieser Hinsicht etwas … erschöpft. Ich habe zu viele geliebt und zu viele verloren.

Wo wir gerade von der Liebe und ihren seltsamen Ausprägungen sprechen … es gibt kaum etwas Ungewöhnlicheres als die derzeitige Beziehung zwischen Chefingenieur Burgoyne und der Chefärztin Selar. In den Wirrungen des vulkanischen Paarungstriebes zeugten sie ein Kind, das vor Kurzem geboren und auf den Namen Xyon getauft wurde, nach dem verstorbenen Sohn des ebenfalls verstorbenen Captains. Aber Selar scheint etwas … gereizt auf diese Situation zu reagieren. Eine gereizte Vulkanierin ist in jeder Hinsicht eine recht erstaunliche Vorstellung. Und das Kind macht auf jeden Fall einen sehr vulkanischen Eindruck. Andererseits besitzen Hermats wie Burgoyne sowohl männliche als auch weibliche Attribute, also kann noch niemand sagen, wie sich der kleine Xyon biologisch entwickeln wird.

Und was Burgoyne selbst betrifft, bin ich mir nicht sicher, wie er/sie in diesem Moment zu Selar steht. Er/Sie hat das Kind nicht nur mit Selar gezeugt, sondern es zudem unter Umständen entbunden, die sich nur als äußerst widrig beschreiben lassen. Seine/Ihre Zuneigung zu Selar scheint aufrichtig und unerschütterlich zu sein, doch Selar weiß offenbar nicht genau, wie sie diese Gefühle erwidern soll. Ich hoffe für sie beide, dass sie zu irgendeiner Übereinstimmung finden. Schließlich haben sie ein Kind, um das sie sich kümmern müssen, und das sollte für sie das Wichtigste auf der Welt sein.

Ich sollte es wissen. Auch ich habe ein Kind, um das ich mich kümmern muss. Im Augenblick schmieden Robin und ich Pläne, wie wir unsere gemeinsame Zeit miteinander verbringen wollen. Nun gut, wir waren schon gemeinsam an Bord der Excalibur, aber dort hat uns der Schiffsbetrieb die ganze Zeit auf Trab gehalten. Zum ersten Mal seit langer Zeit haben wir tatsächlich die Gelegenheit, als Mutter und Tochter zusammen zu sein, und ich habe nicht die Absicht, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen. Vielleicht bin ich im Grunde nur eine alte, sentimentale Frau. Lass niemals zu, dass Töchter sich zu weit von dir entfernen, ’Xana. Sie könnten glauben, dass sie ihre Mütter nicht mehr brauchen. Wo kämen wir da hin? Wir wären plötzlich arbeitslos.

Das sollte eigentlich witzig klingen. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, aber Humor ist etwas, das ich nie richtig verstanden habe.

Also bist du jetzt auf dem Laufenden, was mich betrifft. Ich weiß, dass du ein erfülltes und aktives Leben hast. Nach meiner Zeit mit Robin werde ich versuchen, vorbeizuschauen und Hallo zu sagen, und dann können wir ein wenig über alte Zeiten plaudern. Bitte sag deiner reizenden Tochter, dass ich sie herzlichst grüße. Und für dich verbleibe ich …

Deine Lieblings»tante«

Morgan

BURGOYNE & SELAR

Selar starrte auf die Wüste in Burgoynes Wohnzimmer, dann wandte sie sich erstaunt zu dem Hermat um. Sie hielt ihr Kind locker in den Armen und machte den Eindruck, als wollte sie etwas sagen. Doch sie schwieg und blickte stattdessen wieder auf die Wüste.

»Zu viel?«, erkundigte sich Burgoyne besorgt.

Selar ging vorsichtig am Rand der roten Wüste entlang. Sie spürte die Wärme, die vom Sand abgestrahlt wurde. Eine Wärmelampe an der Decke bemühte sich, eine Wüstensonne zu imitieren. »Das«, brachte sie langsam hervor, »ist völlig verrückt.«

Burgoyne reagierte überrascht. »Ich weiß nicht, warum du so etwas sagst.«

»Warum ich so etwas sage?« Die vulkanische Ärztin war einmal um die Wüste herumgegangen und zu Burgoyne zurückgekehrt. Der kleine Xyon gurrte glückselig. »Burgoyne … im Wohnzimmer … ist eine Wüste. Warum ist eine Wüste im Wohnzimmer?«

»Im Hobbyraum ist nicht genug Platz dafür.«

»Das ist nicht der Punkt«, sagte Selar mit erzwungener Geduld.

»Ja, das ich habe mir schon gedacht«, räumte Burgoyne ein. »Gefällt sie dir nicht?«

»Auch das ist nicht der Punkt. Es hat nichts damit zu tun, ob sie gefällt oder nicht. Die Frage ist, warum du das Bedürfnis verspürt hast, die Nachbildung einer Wüste in einem Raum zu erschaffen, der normalerweise der Geselligkeit vorbehalten ist.«

»Für dich.«

»Ich erinnere mich nicht, dich gebeten zu haben, so etwas für mich tun.«

»Ja, ich weiß. Ich habe es getan, weil ich wollte, dass du dich wie zu Hause fühlst.«

Selar stieß einen langen, geduldigen und letztlich emotionslosen Seufzer aus. »Burgoyne«, sagte sie schließlich, »wir müssen reden.«

»Gern«, erwiderte Burgoyne ruhig. Er/Sie ging zu einer Kommode und zog einige große Decken aus einer Schublade. Diese Handlung verwirrte Selar ein wenig, aber sie verstand schnell, als Burgoyne die Decken auf dem Sand ausbreitete und sich auf einer von ihnen niederließ. Er/Sie klopfte leicht auf die andere und signalisierte Selar damit, sich neben ihn/sie zu setzen. Selar spielte ernsthaft mit dem Gedanken, stehen zu bleiben, beschloss aber dann, die Dinge zu vereinfachen, indem sie erst einmal auf den Hermat einging. Also setzte sie sich auf die einige Zentimeter von Burgoyne entfernt liegende zweite Decke.

Burgoyne schien gewillt, allem, was Selar vorzubringen hatte, zuzuhören. »Fang an«, forderte er/sie sie auf.

»Burgoyne«, begann sie langsam. »Als Erstes sollte ich dir für die Mühe danken, die du auf dich genommen hast. Dir ist offensichtlich klar, dass mein Heimatplanet Vulkan zu großen Teilen aus Wüstenregionen besteht. Die anderen Sternenflottenangehörigen, die sich entschieden haben, die Abkühlphase in Anspruch zu nehmen, verbringen sie in San Francisco, nahe der Akademie. Du hingegen hast dir dieses wunderschöne Domizil hier in Nevada ausgesucht, in einer Gegend, die Vulkan nicht unähnlich ist.«

»Ich wollte, dass du dich wohlfühlst.«

»Ich weiß. Die Aufmerksamkeit, die du meinen Bedürfnissen und den Wünschen, die ich habe oder deiner Meinung nach haben könnte, zukommen lässt, ist sehr …« Sie suchte nach dem richtigen Wort. »Schmeichelhaft«, entschied sie schließlich. »Und ich habe mich auf deine Unterfangen eingelassen, weil ich … ehrlich gesagt, keine funktionierende Strategie gefunden habe, sie zu unterbinden. Allerdings …«

»Was allerdings?«, drängte er/sie. »Du kannst mir alles sagen, Selar. Das weißt du.«

»Nein, das weiß ich nicht«, antwortete Selar. »Es gibt vieles, was ich dir nicht sagen kann, weil es nur Zeitverschwendung wäre. Es gibt einiges, das du nicht hören willst, deshalb neigst du dazu, es nicht zu hören.«

»Sag mir, was. Ich höre dir zu.«

»Burgoyne …« Sie holte tief Luft. »Ich liebe dich nicht.«

»Doch, das tust du«, beharrte Burgoyne fröhlich.

Selar stieß den angehaltenen Atem aus und schüttelte den Kopf. »Siehst du?«

»Ja. Ich sehe, dass du Angst hast.«

»Nein, ich habe keine Angst.« Sie stand auf, ging um die Zimmerwüste herum und schüttelte dabei ebenso frustriert wie amüsiert den Kopf. »Ich bin Vulkanierin. Ich handele logisch. Ich bin in der Lage, die vernunftbezogenen Aspekte einer Beziehung über alberne emotionale Wirrungen zu stellen. Logisch betrachtet ist die Annahme, dass eine langfristige Beziehung zwischen uns funktionieren könnte, völlig unvernünftig.«

»Entschuldige, Selar«, sagte Burgoyne mit einem Blick auf das Kind, das auf der Decke fröhlich vor sich hin brabbelte, »aber wir haben bereits durch ihn eine langfristige Bindung. Er ist ebenso mein Kind wie deines.«

Selar schwieg.

»Ich sagte: Er ist ebenso …«

»Ich habe dich verstanden, Burgoyne«, entgegnete sie leise. »Mein Gehör ist recht gut, wie du sicherlich weißt.«

Burgoyne lehnte sich gegen die Wand und sah Selar verwirrt an. »Widersprichst du mir?«, fragte er/sie. In seinem/ihrem Tonfall schwang eine vage Drohung mit.

»Das Kind hat vulkanische Ohren und ein vulkanisch erscheinendes Gesicht. Sein Fortpflanzungssystem …«

»… ist eindeutig männlich. Ja, das weiß ich.«

Sie hob eine Augenbraue. »Du sagst das mit leichtem Bedauern.«

Burgoynes Lippen wurden schmal. »Du erklärst mir ständig, dass du nichts von Gefühlen verstehst, Selar. Dass du über ihnen stehst. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dich bitten, keine Gefühle in meinen Tonfall hineinzuinterpretieren, da du ja angeblich mit ihnen nicht vertraut bist.«

»Gut«, sagte sie. »Ich will nur darauf hinaus, dass dein … genetischer Beitrag minimal bis nicht existent zu sein scheint.«

»Ich bin trotzdem sein Vater!«

»Und dafür werde ich dir stets dankbar sein. Aber …«

»Dankbar?« Burgoyne unterbrach sie und schnaubte verächtlich. »So langsam frage ich mich, ob du die Bedeutung dieses Wortes überhaupt verstehst, Selar.«

»Dankbarkeit. Nomen. Anerkennung oder …«

»Das meine ich nicht, und das weißt du ganz genau!« Burgoynes sorgfältig aufgebaute Beherrschung schien zu bröckeln. Selar fragte sich, ob er/sie versuchte, mit ihrer Selbstbeherrschung mitzuhalten. Wenn ja, dann hatte er/sie keine Chance. Er/Sie ging bereits wütend auf und ab.

Das erregte Xyons Aufmerksamkeit. Er beobachtete ihn/sie von seinem Platz auf der Decke aus.

»Wie oft muss ich noch für dich da sein? Ich war für dich da, als dich das Pon Farr übermannte. Ich war während der Schwangerschaft für dich da, um dich moralisch zu unterstützen. Ich habe dir das Leben gerettet …«

»Burgoyne, das weiß ich …«

»Das Leben gerettet!«, schrie er/sie. »Ich war so stark mit deinem Geist verbunden, dass ich gegen Monster kämpfte und dich am Leben erhielt, damit du unseren Sohn in einer feindlichen Umgebung …«

»Genau genommen war es nur ein Monster. Der Plural ist falsch.«

»Wen interessiert das?«

»Mich. Präzision ist wichtig.«

Burgoyne bedeckte sein/ihr Gesicht mit den Händen. »Selar … spielt es wirklich eine Rolle, ob da ein Monster war, zwei oder zwanzig? Es geht darum, dass du mir dein Leben schuldest und meinen Teil von Xyon.«

»Das ist mir durchaus bewusst«, entgegnete Selar ruhig. »Aber was hast du von mir erwartet, Burgoyne? Dachtest du, ich würde mich wegen dieser Dinge in dich verlieben?«

»Ich dachte, dass du mich deswegen zumindest nicht von vornherein ablehnen würdest.«

»Es war nicht von vornherein. Es …«

»Was? Was ist es sonst?«

Selar sah zur Seite. »Burgoyne … du willst, dass ich dir etwas gebe, zu dem ich nicht in der Lage bin.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Burgoyne fest. »Ich glaube nicht, dass du unfähig bist, zu lieben. Du weigerst dich nur, dich dieser Möglichkeit zu öffnen, das ist alles.« Er/Sie schüttelte frustriert den Kopf. »Weißt du, was? Ich frage mich langsam, warum ich nicht einfach aufgebe.«

»Ich mich auch«, erwiderte Selar ruhig. »Was hast du dir von dem hier versprochen, Burgoyne?« Sie atmete tief durch. »Es ist meine Schuld. Ob du es glaubst oder nicht, Burgoyne, ich bin aus Dankbarkeit mit dir gekommen«, fügte sie trocken hinzu.

»Sagen wir es so: Ich bin skeptisch.« Burgoyne klang unsicher.

»Ich habe zugestimmt, mit dir in diesem Domizil zu wohnen, weil ich dachte, das … stünde dir in gewisser Weise zu. Das, nach allem, was du wegen mir und dem Kind …«

»Xyon.«

»Ja. Xyon.« Sie runzelte die Stirn. »Ich kenne seinen Namen.«

»Aber du benutzt ihn nie. Du sagst immer nur das Kind. Du solltest ihn bei seinem Namen nennen. Es wirkt auf mich, als wolltest du dich immer noch von ihm distanzieren.«

»Das will ich selbstverständlich nicht. Es geht darum, dass du sehr viel Mühe auf dich genommen hast, um eine sichere und stimulierende Umgebung für mein Kind und …«

»Unser Kind«, korrigierte Burgoyne sofort.

»Für unser Kind … und mich zu erschaffen«, fuhr Selar fort. »Und ich lebe hier seit elf Tagen, dreizehn Stunden und siebenundfünfzig Minuten. In dieser Zeit konntest du dein Kind kennen…«

»Unser Kind.«

Dieses Mal dauerte es etwas länger, bis Selar die Korrektur annahm. Ein Beobachter hätte daraus vielleicht geschlossen, dass die stoische Vulkanierin nun doch ein klein wenig genervt war. »Unser Kind kennenlernen«, sagte sie langsam. »Ich glaube jedoch, dass ich dir fälschlicherweise den Eindruck vermittelt habe, dieses Arrangement habe einen langfristigen Status. Das ist nicht der Fall.«

»Möchtest du wissen«, fragte Burgoyne, »was auch nicht der Fall ist?«

»Ich vermute, dass du es mir mitteilen wirst, ob ich es zu hören wünsche oder nicht.«

»Absolut richtig.« Burgoyne sammelte sich. »Ich dachte, ich könnte mich einfach abwenden, Selar. Ich dachte, ich könnte dein biologisches Bedürfnis erfüllen, dir ein Kind geben und ihn oder sie dir allein überlassen. Und ich nehme an, dass ich auch glaubte, wir würden die Zeit finden, um alles zu klären. Schließlich würden wir ja weiterhin auf demselben Schiff dienen. Weder du noch ich wollten es verlassen. Ein falsches Gefühl der Sicherheit schlich sich ein. Na ja, wir sind nicht mehr zusammen auf einem Schiff und wenn wir dieses Kind als Paar großziehen wollen …«

»Burgoyne.« Sogar Selars scheinbar endlose Geduld hatte ihre Grenzen. »Wir sind kein Paar. Wir werden dieses Kind nicht gemeinsam großziehen. Ich bin seine Mutter.«

»Und ich bin sein Vater.«

»Doch laut vulkanischer Gesetzgebung ist mein Interesse an dem Kind maßgeblich.«

»Ah«, sagte Burgoyne. Er/Sie blieb stehen und wandte sich Selar herausfordernd zu. »Jetzt kommen wir endlich zum Thema.«

»Zu welchem Thema?«

»Du glaubst, dass du für Xyons Zukunft wichtiger bist als ich. Du willst mich an seiner Entwicklung und seinem Wachstum nicht mehr teilhaben lassen.«

»Nicht mehr?« Selar hielt ihren Einwand für sehr vernünftig. »Ich wollte dich nie daran teilhaben lassen. Ich hatte von Anfang an vor, der primäre Elternteil dieses Kindes zu sein.«

»Warum?«

»Warum?« Selar blinzelte, als sie die Frage hörte.

»Ja. Warum?« Er/Sie zeigte auf Xyon, der – so erschien es zumindest Selar – ein wenig besorgt wirkte, als erkenne er, dass zwischen seinen Eltern eine Auseinandersetzung stattfand. »Du sagst ständig, dass du unfähig bist, zu lieben. Was für eine Mutter wirst du sein, wenn du dein Kind nicht lieben kannst?«

»Eine vulkanische Mutter. Eine, die Xyon seine Herkunft lehren und ihn auf vulkanische Weise aufziehen wird, so wie es die Gesetze Vulkans vorschreiben.«

»Weißt du, was?«, wandte Burgoyne ein. »Wir Hermats haben auch ein paar Gesetze. Dieses Kind ist ebenso Hermat wie Vulkanier, auch wenn biologische Tests momentan vielleicht etwas anderes ergeben würden.«

»Wenn du«, argumentierte sie, »dieses Thema ernsthaft studieren würdest, anstatt dich auf Gefühlsausbrüche zu beschränken, würdest du erkennen, dass das nicht stimmt. Vulkanische Gene dominieren normalerweise. Das ist so bei Verpaarungen zwischen Menschen und Vulkaniern und ebenso bei dieser Vereinigung. Du solltest wirklich vernünftiger sein, Burgoyne.«

»Ich bin vernünftig. Xyon hat das Recht, etwas über seine Herkunft als Hermat zu erfahren.«

»Aber er muss als Vulkanier aufgezogen werden.«

Burgoyne wirkte ernsthaft besorgt. »Was sagst du da?«

»Ich sage, dass ich plane, mit Xyon nach Vulkan zurückzukehren und ihn dort als Vulkanier aufzuziehen. Er wird die Disziplin der Logik erlernen, er wird …«

»Er wird mein Sohn sein, aber sein Erbe niemals wirklich verstehen.«

»Sein Erbe?« Sie schüttelte den Kopf und wirkte so amüsiert, wie es ihr möglich war. »Burgoyne, das ist albern. Die Tatsache, dass er dein Sohn ist, widerspricht diesem angeblichen Erbe. Hermats haben weder Söhne noch Töchter. Ihr seid gemischt-geschlechtlich.«

»Wir ziehen den Begriff vermischt vor.«

»Also vermischt, wenn du es so nennen willst. Es geht aber darum, dass allein die Tatsache, dass du ihn deinen Sohn nennst, sein hermatisches Erbe, auf das du dich so versteifst, negiert. Wenn er überhaupt ein Erbe hat, dann das, kein Hermat zu sein.«

»Du verstehst sein Potenzial nicht.«

»Potenzial? Worauf beziehst du dich?«

Burgoyne warf einen Blick nach rechts und links, als wolle er/sie ein lang gehütetes Geheimnis preisgeben. Leise sagte er/sie: »Es gibt eine Prophezeiung bei den Hermats, die … Jahrhunderte alt ist. In dieser Prophezeiung heißt es, dass ein Kind kommen wird, das Hermat, aber auch nicht Hermat ist. Ein Kind mit … spitzen Ohren und einem fremdartigen Kopf, aber mit dem Herz eines Hermat. Einer, der die zersplitterte Bevölkerung Hermats einen und uns in ein goldenes Zeitalter führen wird. Und dieses prophezeite Kind … könnte sehr wohl unser Sohn sein.«

Selar war sprachlos. Sie warf einen Blick auf den Säugling und dann auf Burgoyne. »Stimmt irgendetwas davon?«, fragte sie.

Burgoyne öffnete den Mund, um seine/ihre Behauptungen fortzusetzen, seufzte aber dann und sackte in sich zusammen wie ein Ballon, aus dem man die Luft herausgelassen hatte. »Nein, das ist alles gelogen«, gab er/sie zu. »Aber es klang gut, oder?«

Selars Lippen zuckten kaum merklich. »Manchmal weiß ich nicht, was ich über dich denken soll.«

»Denk mal an Folgendes«, erwiderte Burgoyne. »Du wolltest, dass ich in diesen elf Tagen das Kind kennenlerne. Elf Tage? Elf Tage, Selar? Die meisten versuchen ihr ganzes Leben lang, ihre Kinder kennenzulernen, doch am Ende sind sie meistens noch so rätselhaft wie am Anfang. Es ist traurig, dass du das nicht verstehst, aber es ist gut, dass ich es tue. Das Kind braucht uns beide, Selar. Uns beide. Das ist nur … logisch.«

»Aber ich liebe dich nicht, Burgoyne«, stellte sie klar. »Ich fühle mich dir so nahe wie …«

»Du es dir erlaubst?«

Sie hob die Augenbrauen. »Das bringt doch nichts, Burgoyne.«

Er/Sie schien erneut widersprechen zu wollen, seufzte dann jedoch nur müde. »Ich gebe zu, dass du … wahrscheinlich recht hast. Doch ich werde das nur eingestehen, wenn du zugibst, dass wir nicht weiterkommen, weil wir uns ständig im Kreis drehen. Und dass ein neuer Tag uns vielleicht neue Einsichten und Ideen gewähren wird.«

»Ich weiß nicht, ob ich dem zustimme«, wandte Selar ein, »aber ich gebe zu, dass es möglich wäre. Du möchtest, dass wir die Sache überschlafen, wie man sagt.«

»Wie man sagt«, stimmte Burgoyne rasch zu.

»Also gut, Burgoyne. Ich schulde dir viel, das gestehe ich ein. Und du hast es sicherlich verdient, dass ich das alles eine Nacht lang überdenke. Lass uns morgen weiterreden.«

Burgoyne neigte den Kopf und streckte dann Selar seine/ihre rechte Hand entgegen. Zeigefinger und Mittelfinger hatte er/sie ausgestreckt. Selar war ein wenig überrascht, verbarg es aber mit antrainierter Leichtigkeit. Sie zögerte einen Moment, bevor sie die Finger ihrer rechten Hand ausstreckte. Ihre Finger berührten sich, eine zärtliche Geste, mit der Vulkanier ihre Zuneigung ausdrückten.

»Na also.« Burgoyne lächelte und zeigte seine/ihre spitzen Zähne. »Das war doch nicht so schlimm, oder? Die Welt dreht sich immer noch. Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für uns, Selar. Was meinst du?«

»Es gibt immer … Möglichkeiten«, sagte Selar diplomatisch.

Träume taumelten durch Burgoynes Kopf, Bilder, die er/sie nicht erkennen konnte und auch nicht wollte. Sie waren zu verstörend. Er/Sie würde sich ihnen ein anderes Mal widmen.

Burgoyne wachte auf und setzte sich im Bett auf, dann warf er/sie einen Blick auf das Chronometer. Doch das bestätigte nur, was er/sie instinktiv bereits gewusst hatte: Es war mitten in der Nacht. Er/Sie konnte nicht sagen, weshalb, aber auf einmal wollte er/sie Selar. Das war ebenso unvernünftig wie unlogisch, denn Selar würde wohl kaum Interesse zeigen. Und selbst wenn: durch einen Akt der Leidenschaft mitten in der Nacht würden sie ihre Differenzen nicht beilegen können.

»Aber es wäre ein Anfang«, murmelte Burgoyne. Der Gedanke begleitete ihn/sie aus dem Schlafzimmer hinaus und durch den Gang, an dessen Ende Selar wohnte. Es freute ihn/sie, dass die Tür zu ihrem Schlafzimmer unverschlossen war. Das konnte man als sehr gutes Zeichen werten.

Er/Sie betrat leise das Zimmer und wartete, bis sich seine/ihre katzenartigen Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann tappte er/sie zum Bett. Er/Sie kniete sich darauf und bemerkte anhand der fehlenden Wärme sofort, dass es leer war.

Das bereitete Burgoyne noch keine Sorgen. Er/Sie ging davon aus, dass das Baby geweint hatte, um die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu erregen. Hermat-Eltern schliefen anfangs im gleichen Zimmer wie ihre Kinder. Selar hielt das für unnötig, denn dank ihres beeindruckend guten Gehörs konnte sie das Kind auch im Nebenraum problemlos hören, sollte es sich regen. Zweifellos hielt sich Selar nun dort auf und kümmerte sich um die Bedürfnisse des kleinen Xyon.

Das sagte sich Burgoyne, bis er/sie das Zimmer des Kindes betrat und auch dieses leer fand.

Sie sind in einem anderen Zimmer. Sie gehen draußen spazieren. Diese und andere Erklärungen spukten durch Burgoynes Kopf, während er/sie von einem Zimmer zum nächsten ging und versuchte, sich nicht von einer Mischung aus Ärger und Panik übermannen zu lassen. Immer schneller ging er/sie durch das Haus, und als er/sie schließlich nach draußen kam und sich mit rasch schwindender Hoffnung nach Selar und Xyon umsah, rannte er/sie beinahe.

Kurz blieb er/sie draußen stehen. Die Luft stach erstaunlich scharf in seinen/ihren Lungen. Er/Sie lief auf allen vieren an der Außenseite des Hauses entlang. Die Sprünge seiner/ihrer kräftigen Hinterläufe glich er/sie mit den Fingerknöcheln aus. Er/Sie entfernte sich vom Haus und blähte die Nasenflügel, um die Gerüche, die in der Luft hingen, aufzunehmen. Er/Sie fand einen. Nein, nicht einen … drei. Den von Selar, den von Xyon … und den verwehenden, brennenden Geruch nach Ozon, der ihm/ihr verriet, dass ein kleines Schiff gelandet war.

Gelandet und gestartet.

Gestartet … mit Selar und ihrem/seinem Sohn.

Burgoyne hockte sich hin und starrte den blutroten Vollmond an, der am Himmel hing. Dann warf er/sie den Kopf in den Nacken und stieß einen Schrei aus, vor dem kleinere Tiere erschrocken flohen. Es war ein Schrei, der durch die Einsamkeit der friedlichen nächtlichen Wüste hallte und bis zum Morgen anzudauern schien.

ROBIN & MORGAN

Robin Lefler starrte ihre Mutter an und schüttelte den Kopf. »Nein. Definitiv nicht.«

Durch das Fenster des Apartments in San Francisco, das Robin mit ihrer Mutter Morgan Primus bewohnte, drang kein Sonnenlicht. Es sollte ein wolkiger Tag werden, für den Nachmittag hatte man ein wenig Regen vorgesehen. In diesem Moment dachte Robin jedoch an andere Dinge als das Wetter.

»Du wirst deine Meinung ändern, Robin«, sagte Morgan zuversichtlich. Sie ging zügig durch das Apartment, während sie eine Tasche packte.

Robins Augen weiteten sich, als sie erkannte, was ihre Mutter da einpackte. »Mutter! Das sind meine Sachen!«

»Ja, ich weiß«, erklärte Morgan nüchtern. »Ich nahm an, dass du sie nicht packen würdest.«

»Das stimmt!«

»Siehst du? Deine Mutter weiß Bescheid.« Sie hielt einige Blusen hoch und schüttelte den Kopf. »Du hast den Kleidungsstil deines Vaters geerbt. Ich habe ihn wirklich geliebt, aber mein Gott, der Mann wusste nicht, wie man sich anzieht. Zum Glück gibt es Sternenflottenuniformen. Du musst nie darüber nachdenken, was du zur Arbeit anziehen willst.«

Robin trat rasch einige Schritte vor und riss ihrer Mutter die Blusen aus der Hand. Morgan wirkte ein wenig überrascht, als Robin sie wieder in die Schublade der Kommode warf. Dann wandte sie sich ihrer Mutter zu. Ihre Arme hingen herunter, ihre Fäuste waren geballt. Es sah nicht so aus, als wolle sie Morgan schlagen, vielmehr schien sie um Fassung zu ringen.

»Risa, Mutter? Risa?«

»Ja«, sagte Morgan. »Risa.«

»Ich kann nicht glauben, dass du einen Urlaub für uns auf Risa gebucht hast.«

»Warum das denn nicht?«

»Da ist es so … so …« Sie machte eine hilflose Geste. »Also … es war da mal ganz okay. Es gab die unterschiedlichsten Anlagen und ihre Ansichten über … Romantik waren recht freizügig. Aber mittlerweile ist es da so … so …«

»So was?«

»So massentauglich!«, stieß Robin schließlich hervor. »Alles ist künstlich.«

»Eine merkwürdige Aussage für jemanden, der die letzten Jahre seines Lebens auf einem Raumschiff verbracht hat. Da ist doch alles künstlich.«

»Wir benutzen Raumschiffe, um zu Orten zu gelangen. Realen Orten.«

»Du tust so, als sei Risa nicht real. Als wäre es … eine Holodeck-Simulation oder so.«

»Es ist nicht weit davon entfernt.« Robin setzte sich auf die Bettkante. »Hast du denn nicht die Werbung gesehen, Mutter?«

»Natürlich habe ich das. Man kann keine zwanzig Minuten im Netz verbringen, ohne darüber zu stolpern.«

»›Kommt nach Risa, ganz schön heiß da‹?« Robin sah aus, als würde ihr übel. »Das ist ja wohl so ziemlich der schrecklichste Slogan, den man sich denken kann!«

»Ich finde ihn recht effektiv.«

»Effektiv? Mich bringt er nicht auf die Idee, dort hinzufliegen.«

»Nein, aber du merkst dir den Namen des Planeten. Und darum geht es.«

»Alles da ist bequem und luxuriös!«

Morgan hob eine Augenbraue. »Was soll daran schlimm sein?«

»Nichts, aber … es gibt dort keine Abenteuer!«

»Dass wir beide Zeit zusammen verbringen, ohne Ablenkung zu haben, dürfte abenteuerlich genug werden, meinst du nicht auch?«

»Mom … auf Risa gibt es nichts außer riesigen Hotelanlagen. All die Strände und die natürliche Schönheit des Planeten sind kommerzialisiert worden.«

»Natürliche Schönheit?« Es klang so, als wolle Morgan lachen. »Robin, du scheinst da etwas zu vergessen. Risa war in seinem ›natürlichen‹ Zustand alles andere als schön. Es regnete neunzig Prozent der Zeit und der Planet war geologisch instabil. Erst das Wetterkontrollsystem hat das planetare Klima zu dem gemacht, was es heute ist. Die Bewohner Risas begrüßten diese Veränderungen und den daraus resultierenden Tourismus.«

»Einige taten das«, sagte Robin säuerlich. »Andere dachten, dass die Götter Risa bereits als ›Paradies‹ erschaffen hätten, wenn es eines hätte werden sollen. Stattdessen wurde alles, was die Kultur Risas einzigartig machte – mit Ausnahme ihrer enthusiastischen Haltung, was … Romantik betrifft – zu einer Touristenattraktion subsumiert.«

»Das kann ich nicht glauben«, staunte Morgan.

»Es ist wahr! Genau das ist passiert!«

»Nein, ich kann nicht glauben, dass du tatsächlich ›subsumiert‹ in einem Satz verwendet hast.«

Robin stieß ungeduldig den Atem aus und verzichtete darauf, die Bemerkung zu kommentieren. »Aber am schlimmsten ist dieses neue Hotel, das du für uns buchen willst … wie heißt es noch? Ah ja, richtig – ›El Dorado‹. Was für ein dämlicher Name!«

»Abgesehen von dem literarischen Bezug würde ich davon ausgehen, dass der Besitzer des Hotels Laurence Dorado … L. Dorado … den Namen nicht für dämlich hielt.«

Robin beschloss, einen anderen Ansatz zu versuchen. Sie stand auf, legte einen Arm um die Schulter ihrer Mutter und flötete: »Mutter … wie wäre es mit Bergsteigen? Das wäre ein richtiges Abenteuer! Es gibt eine Bergkette auf Qontosia, von der man einen fantastischen Ausblick auf …«

»Ich würde mir nur die Nägel abbrechen«, entgegnete Morgan trocken. »Wäre das entspannend? Oder stimulierend?«

»Stimulierend?« Robin sah sie verständnislos an. »Was meinst du da…?« Sie verstand es plötzlich. »Ah! Jetzt kapiere ich.«

»Was kapierst du?«

»Na klar! Du willst eine Romanze.«

Morgan verzog das Gesicht. »Robin …«

»Ich habe genau den richtigen Planeten für dich! Argelius III. So hedonistisch, dass Risa dagegen wie ein Kindergarten wirkt. Um ehrlich zu sein – und ich kann kaum glauben, dass ich mit meiner eigenen Mutter über so etwas rede …« Sie senkte die Stimme und klang auf einmal verschwörerisch. »Ich kenne einen Ort auf Argelius III, an dem die Männer soooo…«

»Ich kenne den Ort.«

Robin blinzelte. »Wirklich?«

»Robin, ich bin in meinem langen Leben schon ganz schön viel herumgekommen, wie du weißt. Es würde dich überraschen, wie wenig ich noch nicht gesehen habe. Und ob du es glaubst oder nicht, Risa gehört dazu. Außerdem urteilst du über den Planeten nur anhand der Werbung. Es gibt dort noch andere Dinge.«

»Was zum Beispiel?«

»Archäologische Ausgrabungsstätten. Ich habe gehört, dass manche ihren ganzen Urlaub damit verbringen, in alten Ruinen herumzustochern.«

»Wirklich?« Robin spürte einen Hauch von Neugier.

»Wirklich.«

»Das … äh … klingt schon interessant.« Robin strich sich nachdenklich über ihr Kinn. »Wir könnten zelten gehen.«

»Das könnten wir natürlich.«

»Primitiv leben.«

»Primitiv leben könnte interessant sein«, stimmte Morgan zu.

»Nur wir beide mitten zwischen Ruinen. Wir würden dort graben und dabei vielleicht irgendein Geheimnis einer uralten Zivilisation entdecken.« Robins Enthusiasmus nahm zu. Sie ging nicht nur im Zimmer auf und ab, sondern lief dabei sogar über das Bett. »Und nachts würden wir im Zelt liegen und uns über alles Mögliche unterhalten. Nichts würde uns ablenken. Keine Menschenmengen, keine lauten Geräusche, keine Alarmsirenen. Wir würden nicht herumhetzen, als hinge unser Leben davon ab.«

»All das könnten wir tun«, erklärte Morgan.

»Mutter, ich bin einverstanden«, sagte Robin. Sie begann, in einer Kommode Kleidung zusammenzusuchen. »Ich muss Sachen mitnehmen, die einiges aushalten, wenn wir Ausgrabungen unternehmen. In dem anderen Zimmer bewahre ich ein paar Grabwerkzeuge auf, die nützlich sein könnten.«

»Vergiss nicht, ein oder zwei hübsche Kleider mitzunehmen.«

Robin erstarrte. »Hübsche Kleider? Für eine Ausgrabung?«

»Man sollte stets so gut wie möglich gekleidet sein.«

Robin sah langsam auf. Der Blick, den sie auf ihre Mutter richtete, war alles andere als freundlich. »Du hast schon ein Zimmer für uns im El Dorado gebucht, oder?«

»Hast du gesehen, was es dort alles gibt?«, rechtfertigte sich Morgan. »Swimmingpools, Strände …«

»Mutter!«

»Neun Restaurants, in denen Spezialitäten aus der ganzen Galaxis angeboten werden – mit echten Küchen. Alles wird frisch zubereitet, nichts kommt aus dem Replikator.«

Robin bemerkte, dass ihre Mutter ihre Sachen wieder in den Koffer packte. Sie zog sie erneut heraus. »Mutter, was ist mit Zelten? Mit der Ausgrabungsstätte? Du sagtest, wir würden …«

»Nein, nein«, korrigierte sie Morgan. »Ich sagte, wir könnten. Ich habe nie gesagt, wir würden. Wir könnten mit den Armen wedeln und zur Venus fliegen, aber ich würde nicht darauf wetten.«

»Mutter!«, stieß Robin genervt hervor. »Sei doch mal vernünftig!«

»Sei du doch vernünftig! Es gibt ein Kunstmuseum auf Risa, Attraktionen und Fahrgeschäfte …«

»Fahrgeschäfte!« Robin verdrehte die Augen. »›Steig in ein Shuttle und erlebe eine Simulation, die dich direkt in ein schwarzes Loch befördert oder ins Herz einer Sonne.‹ Als ob irgendwer solche Erfahrungen überleben könnte.«

»Natürlich nicht, Robin. Das ist ja der Sinn der Sache.«

»Mutter … ich war an Bord eines Raumschiffs, das auf eine Sonne zuraste, um ein Erlöser-Schiff abzuschütteln, das uns aus dem All blasen wollte. Wie soll ein Fahrgeschäft bei so etwas mithalten?«

»Es soll Spaß machen, Robin! Es macht keinen Spaß, um sein Leben zu kämpfen, aber Gefahren zu erleben, die eigentlich ungefährlich sind, kann Spaß machen.«

Sie sah den missmutigen Gesichtsausdruck ihrer Tochter und seufzte schwer. »Robin … sieh es mal so. Spielt es eine Rolle, wohin wir fliegen, solange wir dort Zeit zusammen verbringen können? Glaubst du das wirklich?«

»Wahrscheinlich nicht«, gab Robin zu.

»Warum dann also nicht ein Ort, der extravagant ist? Ein Ort, an dem ich mich richtig wohlfühlen werde?«

»Was ist mit mir? Ist es nicht auch wichtig, ob ich mich dort wohlfühle?«

»Das wirst du, wenn du dich mal so lange entspannst, dass du dir den Stock aus dem …«

»Aber …!«

»Kein Aber.«

»Du willst mich einfach nicht verstehen. Du hörst mir überhaupt nicht zu.«

»Ich glaube eher, dass ich dem, was du nicht sagst, nicht zuhöre.«

Robin konnte der Unterhaltung nicht mehr folgen. »Ich verstehe nicht, was du meinst«, gestand sie ein.

»Es geht um Si Cwan.«

»Was?«

»Du machst dir Sorgen, weil Risa als sehr romantischer Planet gilt. Du widersetzt dich der Vorstellung, dass du dich mit jemand anderem einlassen könntest.«

»Moment, ich habe Argelius III vorgeschlagen!«

»Hedonismus und Romantik sind zwei völlig unterschiedliche Konzepte.«

Robin presste sich die Hände auf die Ohren. »Mutter, ich werde diese Unterhaltung nicht mit dir führen.«

»Eine von uns führt sie schon. Die andere hört nur nicht zu.«

»Ich wehre mich nicht gegen die Idee, nach Risa zu fliegen, weil ich Angst vor einer Affäre habe. Und ich muss auch nicht über Si Cwan hinwegkommen, weil nie etwas passiert ist! Vor was genau sollte ich denn Angst haben? Dass ich einem anderen Mann begegne und wieder nichts passiert?«

»Ich weiß nicht, wovor du Angst hast, Robin.«

»Ich habe vor nichts Angst!«

»Dann lass uns nach Risa fliegen.«

»Na gut!« Robin explodierte förmlich. »Wir fliegen nach Risa, okay? Wir fliegen zum verdammten Risa!« Sie zog Kleidungsstücke aus der Kommode und stopfte sie in den Koffer. Sie machte sich nicht die Mühe, sie zu falten, sondern quetschte sie, ohne einen Gedanken an Falten zu verschwenden, in die entstehenden Lücken. »Wir fliegen dahin und bleiben in der verdammten Hotelanlage und essen in den verdammten Restaurants. Und ich werde versuchen, mich in jeden verdammten Mann auf dem Planeten zu verlieben. Bist du jetzt glücklich?«

»Um ehrlich zu sein, wäre ich glücklicher, wenn du nicht ständig verdammt sagen würdest.«