Star Wars: Solo - Joe Schreiber - E-Book

Star Wars: Solo E-Book

Joe Schreiber

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Beschreibung

Auf diese Geschichte warteten Star Wars-Fans seit vielen Jahren. Ein junger Han Solo und sein treuer Freund Chewbacca erleben ihre ersten gemeinsamen Abenteuer im legendären Millennium Falken. Der offizielle Jugendroman zum Kinohighlight des Jahres. Enthält exklusive Szenen und farbige Fotoseiten!

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AUSSERDEM VON PANINI ERHÄLTLICH:

Star Wars: Abenteuer im Wilden Raum – Die Rettung

Tom Huddleston – ISBN 978-3-8332-3625-9

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Greg Rucka – ISBN 978-3-8332-3258-9

Star Wars: Das Erwachen der Macht

Michael Kogge – ISBN 978-3-8332-3026-4

Nähere Infos und weitere Bände unter:

www.paninibooks.de

JUGENDROMAN ZUM FILM

Von Joe Schreiber

Basierend auf dem Drehbuch vonJonathan Kasdan & Lawrence Kasdan

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Deutsche Ausgabe 2018 Panini Verlags GmbH, Rotebühlstraße 87, 70178 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

© & TM 2018 LUCASFILM LTD.

Titel der Amerikanischen Originalausgabe: „SOLO – A Star Wars Story: A Junior Novel” by Joe Schreiber, based on the screenplay by Jonathan Kasdan & Lawrence Kasdan.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Andreas Kasprzak

Lektorat: Marc Winter

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDSOLO001E

ISBN 978-3-8332-9968-4

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, September 2018

ISBN 978-3-8332-3700-3

Findet uns im Netz:

www.paninicomics.de

PaniniComicsDE

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis …

Es herrschen gesetzlose Zeiten.VERBRECHERSYNDIKATE konkurrieren um Ressourcen, Nahrung, Medizin und HYPERTREIBSTOFF.Auf dem Schiffsbauplaneten CORELLIA zwingt die garstige LADY PROXIMA Ausreißer in ein kriminelles Leben im Tausch gegen Unterkunft und Schutz.Auf diesen gefährlichen Straßen kämpft ein junger Mann ums Überleben, sehnt sich jedoch danach, zu den Sternen zu fliegen …

1. Kapitel

Die Nacht hatte Augen. Irgendwo über dem Narro-Sienar-Boulevard scannte ein imperialer Patrouillengleiter die Schwärze und seine Scheinwerfer schnitten auf der Suche nach Aufrührern durch Wolken aus industriellen Abgasen. Der Junge wich der Patrouille mühelos aus, huschte links um eine Ecke und verschwand in den Schatten. Die Bande würde drei Blocks entfernt nach ihm Ausschau halten, bei der Unterführung, wo ihr Geschäft geplatzt war. Er musste nur eins tun: ihnen einen Schritt vorausbleiben – und er glaubte nicht, dass das ein Problem sein sollte. Schließlich trickste er solche zwielichtigen Gestalten schon aus, seit er denken konnte – es war schlicht eine Frage des Überlebens.

Sein Name war Han und Stehlen gehörte zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Hinter ihm erhoben sich Lagerhäuser und Wohnblocks in die Nacht. Ihre Umrisse wirkten wie dunkle Schatten vor der Stadtlandschaft. In der Ferne heulten Sirenen, aber Han achtete kaum darauf. Wer hier aufwuchs – auf der Straße, inmitten der Werften von Corellia –, der lernte schnell, sich an die Gerüche und Geräusche der Stadt zu gewöhnen. Dies war sein Zuhause.

Irgendwo über ihm ruckte der Scheinwerferstrahl herum, als der Patrouillengleiter für einen zweiten Überflug tiefer ging, aber das war schon nicht mehr wichtig – Han hatte bereits gefunden, wonach er gesucht hatte.

Der M-68-Landgleiter war genau, wo er ihn zuvor gesehen hatte, eine unwiderstehliche Verlockung, die nur darauf wartete, von den richtigen Händen gestartet und davongeflogen zu werden. Er huschte neben den Speeder, duckte sich und kroch darunter, alles in einer fließenden Bewegung, dann zückte er Handschuhe und Werkzeug. Die Stablampe zwischen den Zähnen, machte er sich daran, das Alarmsystem des Gleiters auszuschalten und seine Sicherheitsmechanismen zu überbrücken.

Dreißig Sekunden später sprang Han auf den Fahrersitz, wo er die Verschalung der Steuersäule löste, um an die Zünd- und Batteriekabel heranzukommen. Funken flogen, als er die Isolierung ablöste, die Drähte kurzschloss und den Startknopf drückte.

Einen Moment lang saß er einfach nur da und lauschte dem zum Leben erwachenden Repulsorliftantrieb des Gleiters. Sein Gesicht war mit Ruß und Asche verschmiert, die Nase blutete stark und das linke Auge war etwas geschwollen – sie hatten ihn bei den Docks ziemlich übel zugerichtet. Aber diese Verletzungen waren bereits vergessen. Hinter dem Steuer fühlte er sich wie neugeboren, wacher und lebendiger als in seinem ganzen Leben.

Ein schiefes Lächeln umspielte Hans Lippen. Er griff in die Tasche, zog zwei goldene Würfel mit Aurodiumauflage heraus und hängte sie an der daran befestigten Kette über den Rückspiegel des Gleiters. In den Augen des Jungen passten sie perfekt dorthin – sie verhießen eine bessere Zukunft, die gleich hinter der nächsten Ecke wartete. Glück … Reichtum und Ruhm … Was immer es ist, dachte er, ich werde es mir nehmen.

Ein Junge wie Han, der mit seinen knapp achtzehn Jahren hinter jedem Traum herjagte, der ihn von dieser Kloake von einem Planeten fortbringen könnte, der sah in einem gestohlenen Gleiter und einem Paar billiger Goldwürfel den ersten Schritt auf dem Weg zum Ziel.

Sekunden später raste Han bereits den Narro-Sienar-Boulevard hinunter, mit einem Tempo, das nur knapp unter Lichtgeschwindigkeit lag – nun, zumindest fühlte es sich so an. Seine Brust zog sich zusammen und eine vertraute Anspannung baute sich in ihm auf: das Gefühl der winkenden Freiheit. Direkt voraus gabelte sich die Straße und links konnte er das verheißungsvolle Schillern des Raumhafens Coronet sehen, wo gewaltige Passagierkreuzer darauf warteten, in ferne Systeme aufzubrechen. Rechts führte die Straße in das dichte, industrielle Dickicht der corellianischen Slums, wo verzweifelte und geknechtete Wesen in zerfallenden Wohnblöcken hausten – Leute wie, nun ja, wie er.

Hin und her gerissen blickte Han erst die goldenen Würfel an, dann den leeren Beifahrersitz. Qi’ra gehörte auf diesen Sitz, das wussten sie beide. Er würde sie nicht hier zurücklassen. Da diese Entscheidung also getroffen war, zog er quer über die Straße und raste bei der Gabelung nach rechts, auf die Slums zu – sein Zuhause, ob es ihm nun gefiel oder nicht.

Für die verlorenen Seelen, die dort aufgewachsen waren, stellte die Höhle der Weißwürmer eine versiffte Zuflucht vor einer verkommenen Welt dar. Zumindest war es ein Ort, wo sie ein wenig sicherer vor ihren Feinden waren – sofern ihre Freunde sie nicht zuerst umbrachten. Han war kaum aus dem Gleiter gestiegen, da hörte er auch schon das Fauchen der corellianischen Hunde auf der anderen Seite der Tür. Diese spezielle Rasse, die Sibianer, wogen bis zu hundert Kilo, der Großteil davon Zähne, Kiefer und Muskeln. Die Wühlratten – so wurden die Straßenkinder genannt, die in der Höhle lebten – konnten darauf zählen, dass diese Hunde ihr Gebiet gegen Fremde verteidigten. Ob sie Han am Leben lassen würden, nachdem er mit Lady Proxima gesprochen hatte – das war eine andere Frage.

„Han!“, rief jemand.

Als der Junge den Kopf hob, sah er zwei der älteren Bandenmitglieder der Weißwürmer, Cosdra und LeKelf, die nahe dem Eingang der Höhle auf einem Dach standen. Proxima belohnte sie für ihre Loyalität, indem sie sie als Wachposten einsetzte. So konnten sie ein wenig frische Luft genießen – oder zumindest Luft, die etwas frischer war als unter der Oberfläche –, während sie im Auge behielten, wer kam und ging.

„Was ist denn mit deinem Gesicht passiert?“, wollte Cosdra wissen und klang dabei eher misstrauisch als besorgt.

Han winkte ab. „Nur ein kleines Missverständnis.“ Er huschte durch den schmutzigen Eingang und an den Hunden vorbei. Rings um sich konnte er nun das Gemurmel der Wühlratten hören, die sich gegenseitig ihre Beute des Tages zeigten. Schmuck, Credits, Kleidungsstücke, Seidenschals, Taschen – was immer sie ihren arglosen Opfern abgenommen hatten. Nichts war zu groß oder zu klein, um gestohlen und hierhergebracht zu werden, damit Lady Proxima es persönlich in Augenschein nehmen konnte.

Han atmete tief ein und wartete, bis die Augen sich an das schummrige Licht gewöhnt hatten. Wie oft musste er noch in dieses Höllenloch zurückkehren, bevor er es endlich für immer hinter sich lassen konnte? Er bahnte sich einen Weg durch das Labyrinth aus von Ungeziefer wimmelnden Tunneln und Korridoren und drängte sich an Wühlratten vorbei, die dort über ihr Diebesgut gebeugt saßen oder mit Würfeln und Gyrobällen darum spielten. Andere wiederum spielten mit dem Feuer – und zwar nicht nur sprichwörtlich: Sie gossen Treibstoff in brennende Fässer und lachten hysterisch, während das Licht der Flammen auf ihren Gesichtern flackerte.

Die Weißwürmer waren nicht wirklich Freunde, eher so etwas wie verbündete Soldaten im immerwährenden Krieg von Armut und Ausbeutung. Den Behörden aus dem Weg gehen, tun, was immer nötig war, um am Leben zu bleiben … Auf dieser Welt, wo niemanden interessierte, ob man lebte oder starb, hatten sie die Kunst der Selbsterhaltung perfektioniert.

Die Bandenmitglieder hatten die unterschiedlichsten Lebensgeschichten, aber sie alle wurden durch Not und Leid geeint und sie taten alles, um am Leben zu bleiben. Junge Diebe wie Hallon und Tunnel-Toli hatten entweder ihre Eltern verloren oder sie nie kennengelernt und die Gemeinschaft, die sie hier aufgebaut hatten, war das einzige Zuhause, das sie kannten. Dann war da noch Bansee, ein gemeines und humorloses älteres Mädchen, das Lady Proximas Aufmerksamkeit erregt hatte, weil sie so gut mit ihrer Waffe umgehen konnte, einem Rohr, das sie den „Rattenhammer“ nannte. Sie setzte ihn ohne Zögern ein, wenn jemand ihr Missfallen erregte. Der Dieb namens Chates war Sohn eines Farmers gewesen. Als er seinen Vater eines Tages nach Coronet begleitet hatte, war sein alter Herr beim Besuch einer Bank von Dieben getötet worden, und Chates war als Waise allein in der Stadt zurückgeblieben, wo er schließlich bei den Wühlratten landete.

Han drang tiefer in das Tunnelsystem vor. Gerüchten zufolge war die Höhle einmal eine Produktionsanlage gewesen und ein Teil der alten Maschinen stand noch in dunklen Ecken herum, verrostet, schweigend und unheilvoll. Auf die Elektrizität konnte man sich nicht verlassen und viele Lampen funktionierten ohnehin nicht mehr, aber dass es hier unten überhaupt etwas Strom und Licht gab, verdankte die Höhle ihrem hiesigen Genie, Hans inzwischen verstorbenem Freund Tsuulo. Vor seinem Tod hatte Tsuulo es geschafft, die Energieversorgung einer benachbarten Fabrik anzuzapfen, sodass sie einen Teil des Stroms für sich abzwacken konnten – manchmal jedenfalls.

Han ging zügig, aber vorsichtig weiter, wie immer, wenn er hier war. Er wusste, dass es in der Dunkelheit ringsum nur so kreuchte und fleuchte. Es wimmelte in der Höhle nur so von Vervikks, Schuttratten und anderem widerlichem Getier. Es war kein Zufall, dass Bansees Fähigkeiten als Rattenjägerin ihr die Position als Drittes Mädchen eingebracht hatten und sie und die anderen Wühlratten waren angehalten, das Ungeziefer zu jagen und zu Proximas Becken zu bringen, wo die Lady es zerkaute und an ihre kleinen Babywürmer verfütterte.

Als Han sich der Hitze des Ofens näherte, konnte er die Umrisse junger Leiber sehen, die auf dem Boden schliefen oder aneinandergedrängt in Hängematten und Betten lagen, erschöpft von Furcht und der schieren, hässlichen Brutalität des Lebens. Seine Augen hatten sich inzwischen an die Düsternis gewöhnt und er schlängelte sich mit einer Gewandtheit zwischen den Schlafenden hindurch, die aus jahrelanger Erfahrung geboren war. Gerade als er um die nächste Ecke biegen wollte, streckte sich ein Arm aus den Schatten und zog ihn zu sich hin.

„Qi’ra“, sagte Han und grinste, als sie ihre Lippen auf seine presste. Sie war achtzehn und Proximas Erstes Mädchen – selbstsicher, gedankenschnell und so ziemlich das Einzige in der Höhle, was Han mehr wert war als sein eigenes Leben. Ein heimlicher Kuss von ihr inmitten all dieses Schmutzes und Gestanks, das war wie ein kleines Wunder, und am liebsten hätte er die Zeit angehalten, zumindest für ein klein bisschen, um es länger zu genießen.

Qi’ra löste sich von ihm und betrachtete die Verletzungen in seinem Gesicht. „Du warst viel zu lange weg. Ich wusste, dass was schiefgelaufen ist.“

„Das? Das ist gar nichts! Du solltest die mal sehen.“ Han zog sie wieder an sich. „Na schön, keiner von denen hat einen Kratzer abbekommen.“

„Was ist passiert?“

„Ich war mitten bei der Übergabe, wollte das Coaxium aushändigen, da griffen seine Schläger mich an. Aber ich hab’s ihnen gezeigt.“

Qi’ra zog die Augenbrauen hoch. „Ach ja? Wie?“

„Ich bin abgehauen und hab ihren Speeder geklaut. Du wirst ihn lieben.“

„Was? Wollen wir irgendwohin?“

„Ja. Wohin auch immer wir möchten.“ Han griff in seine Tasche und zog einen kleinen Metallzylinder mit einer winzigen Menge Coaxium hervor.

Qi’ra starrte ihn an – sie erkannte sofort, was das bedeutete. „Du hast eine der Phiolen behalten! Die … die hat einen Wert von …“

„Fünf-, sechshundert Credits.“ Han nickte. „Das ist mehr, als wir deiner Meinung nach brauchen.“

„Um uns aus der Kontrollzone herauszukaufen und Corellia zu verlassen. Han, das könnte funktionieren!“

„Das wird funktionieren“, korrigierte er. „Qi’ra, du hast immer gesagt, eines Tages verschwinden wir von hier. Jetzt ist es so weit.“

„Worauf warten wir dann noch?“, entgegnete Qi’ra.

Han wollte gerade antworten, als er erneut von einer Hand gepackt wurde – diesmal von einer viel raueren, die ihn heftig nach hinten riss. Er wirbelte herum und fand sich Angesicht zu Angesicht einer vernarbten Fratze gegenüber, als der größere Junge ihn gegen die Wand donnerte. „Hallo, Rebolt …“, sagte Han, da erschien eine weitere, noch unheilvollere Gestalt vor ihm – ein von einer Kapuze umhülltes Albinogesicht wurde in der Dunkelheit sichtbar. „… und Moloch. Wie geht’s, wie steht’s? Wisst ihr, ich hatte eine harte Nacht … Du wirst es nicht glauben … Ich meine, du wirst es glauben, aber …“

Moloch starrte ihn finster an und sein abstoßendes, leichenblasses Gesicht strahlte kalten Hass aus. Er sprach kein Basic, sondern eine Sprache, die Han sich durch Jahre gebrüllter Befehle und gezischter Drohungen angeeignet hatte. „Du kommst spät. Lady Proxima wartet nicht gern.“

„Ich war gerade auf dem Weg zu ihr.“

„Dann werden wir sichergehen, dass du dich unterwegs nicht verläufst.“

Die Dunkelheit war erdrückend und der Abwassergeruch so stark, dass Han durch den Mund atmen musste, um nicht zu würgen. So oft er auch hier gewesen war, hatte er sich nie an diesen Gestank gewöhnt. Nur Schemen waren in der Dunkelheit auszumachen – andere Wühlratten, die in der Nähe auf dem Boden kauerten. Außerhalb der Höhle dämmerte inzwischen der Morgen und das erste Tageslicht kroch über die Wohnblocks, langsam und zögerlich, als hätte es Angst vor dem, was es vorfinden könnte. Hier drinnen hingegen war alles pechschwarz. Proxima brauchte Dunkelheit, um ihre Haut und die Haut ihrer Babys zu schützen.

Begleitet von einem Plätschern tauchte die mächtige, weiße Wurmkreatur aus dem Becken vor Han auf. Stahlringe schmiegten sich wie eine Mischung aus Schmuck und Rüstung um ihren Leib und dazwischen glänzte feuchte Haut, während sie sich langsam zu voller Größe aufrichtete.

Proxima überragte Han deutlich und er versuchte zu lächeln, aber es wirkte längst nicht so überzeugend, wie er gehofft hatte.

„Nun denn?“, fragte die Lady. „Was ist passiert?“

„Die haben dich aufs Kreuz gelegt und versucht, mich umzunieten.“

Proxima musterte ihn einen Moment lang. „Das Geld?“

„Haben sie behalten.“

Die Anführerin der Bande beugte den Kopf weit genug vor, dass Han die Wärme ihres säuerlichen, nach Verwesung stinkenden Atems spüren konnte. „Und mein Coaxium?“

„Das haben sie auch behalten.“ Han richtete sich ein wenig auf und neigte den Kopf. „Aber, he, dafür haben wir immerhin eine wertvolle Lektion gelernt. Wir können diesen Kerlen nicht trauen!“

„Du erwartest also, dass ich glaube, dass du mit leeren Händen zurückgekommen bist?“, fragte Lady Proxima.

„Na ja, ähm, ich bin lebendig zurückgekommen. Ich denke, das ist doch was“, entgegnete Han.

Der mächtige Wurm musterte ihn. „Ich habe dir eine einfache Aufgabe anvertraut und alles, was ich höre, sind Ausreden!“

„He, ganz ruhig, ich hatte nicht …“

RUMMS! Han spürte eine Explosion von Schmerzen im Bauch. Er krümmte sich, schaffte es eben so, auf den Beinen zu bleiben, dann sah er aus tränenden Augen, wie Rebolt seinen ausklappbaren Schlagstock ein zweites Mal schwang und ihn Han noch einmal in den Magen donnerte, diesmal noch fester. Die Beine ließen ihn im Stich und Han ging zu Boden. Schwach hörte er Lady Proximas Stimme, als wäre sie weit, weit entfernt, während sie zu den anderen Wühlratten in dem großen Raum sprach.

„Passt gut auf, Kinder! Lernt von Hans Fehler. Ich gebe euch alles, was ich habe, all meine Liebe – und alles, was ich im Gegenzug verlange, sind Gehorsam und Loyalität. Aber es muss Konsequenzen für Ungehorsam geben. Ansonsten werdet ihr es … niemals … lernen.“

Han hob den Kopf. Sein Schädel dröhnte und warmes Blut tropfte ihm von der Lippe. Aber irgendwie schaffte er es, zu ihr hochzusehen, ihrem Blick zu begegnen, und zu sagen: „Weißt du was? Ich schätze, ich bin unbelehrbar.“

Lady Proximas Augen funkelten voll plötzlichem Zorn. „Was hast du gesagt?“

Rebolt holte erneut mit dem Schlagstock aus, aber diesmal fing Han die Waffe ab. Er riss sie Rebolt aus den Händen, wirbelte sie herum und richtete sie direkt auf das Gesicht des anderen Jungen. Einen Moment lang war der verdutzte Ausdruck auf seinem grausamen Gesicht das Schönste, was Han je gesehen hatte. Er musste wieder grinsen – er konnte einfach nicht anders. „Ich sagte, das nächste Mal, wenn mich jemand schlägt, schlag ich zurück.“

Die Wut in Lady Proximas Augen erreichte den Siedepunkt, als sie Hans trotzige Miene bemerkte. Dann richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf etwas neben ihm und er sah Moloch aus dem Schatten treten, einen Gegenstand in der erhobenen Hand. Han wusste, was es war: ein kurzläufiger Doppelblaster mit aufmontiertem Zielfernrohr – und beide Läufe zielten direkt auf seinen Kopf.

„Und was, Junge“, schnaubte Moloch, „wirst du wohl tun, wenn ich dich erschieße?“

Es war eigentlich keine Frage, mehr ein Versprechen, und Han erkannte, dass Molochs Finger bereits am Abzug zuckte. Er schob die Hand in die Tasche und öffnete den Mund – doch die nächsten Worte, die durch den Raum hallten, stammten nicht von ihm.

„Moloch!“, rief Qi’ra. „Warte! Nicht!“

Han drehte sich um und sah, wie sie vortrat – direkt vor Molochs Blaster. Ihre Stimme klang sanft und vernünftig, aber sie musste wissen, welches Risiko sie einging, indem sie sich vor seine Waffe stellte. Dass sie es trotzdem tat, rang Han erneut ein Lächeln ab.

Das Mädchen warf Moloch einen warnenden Blick zu, aber der ließ seinen Blaster bereits sinken.

„Qi’ra“, sagte Lady Proxima, „du armes, fehlgeleitetes Ding! Erinnere dich an das Silo. Wir haben dich aus diesem Albtraum befreit, dir ein Zuhause gegeben … Schutz vor dem Sturm … Wirf das doch nicht alles für Han weg. Er ist es nicht wert.“

Qi’ra zuckte leicht mit den Schultern, als wollte sie sagen: Vielleicht, vielleicht auch nicht. „Aber er ist lebend mehr wert als tot. Was immer er bei dem Deal verloren hat, du kriegst es von uns zurück. Das Doppelte! Wir machen es wieder gut.“

„Und wo willst du zweiundzwanzigtausend Credits hernehmen?“

Qi’ra wich wie vor den Kopf gestoßen zurück. „Soll das ein Scherz sein? Zweiundzwanzigtausend?“

„Ich sagte doch, die Übergabe ist geplatzt“, erwiderte Han.

„Ich hätte ihn einfach schießen lassen sollen.“

„Fürs Feilschen ist es jetzt zu spät“, fuhr Proxima dazwischen. „Ich habe keine andere Wahl, als ihn zu töten. Dich kann ich vielleicht verkaufen. Ein paar Credits wirst du schon noch einbringen …“ Anschließend nickte sie Moloch beiläufig zu. „In Ordnung, tu es!“

Moloch hob erneut den Blaster, sein Blick auf Qi’ra gerichtet. „Du hast keine Ahnung, wie sehr es mich schmerzt, etwas so Schönes wie dich zu vernichten.“

„Alle zurück!“ Han zog ein kugelförmiges Objekt aus der Tasche und hielt es mit ausgestrecktem Arm in die Höhe.

Instinktiv wichen alle Anwesenden zurück, mit Ausnahme von Lady Proxima. Ihre Lippen verzogen sich zur hässlichen Parodie eines Grinsens. „Was soll das denn werden, wenn’s fertig ist?“

„Das ist ein Thermaldetonator!“ Han schloss die Finger fester um die Kugel und drückte mit dem Daumen dagegen. „Den ich gerade scharfgemacht habe.“

Lady Proxima wirkte weiterhin spöttisch. „Das ist ein Stein.“

„Nein, ist es nicht!“

„Ist es doch.“ Ihre Augen, die perfekt im Dunkeln sehen konnten, verengten sich leicht. „Und du hast eben nur ein Klickgeräusch mit deinem Mund gemacht.“

Qi’ra stieß ein leises Wispern aus, eine Aufforderung an Han, kaum lauter als ein Atemzug. „Bitte sag mir, dass das nicht dein Plan ist.“

„Nein“, sagte er. „Aber das!“ Mit diesen Worten warf Han den Stein durch das Fenster hinter ihnen. Das dunkle Glas zersplitterte in tausend Scherben, gleißend helle Lichtstrahlen fielen plötzlich herein – und dann begann das Gekreische.

2. Kapitel

„War das dein Plan?“

Sie rasten in dem gestohlenen M-68 durch die schmalen Gassen von Corellia, Han hinter dem Steuer des Flitzers und Qi’ra neben ihm. Sie hielt sich an der Konsole fest, während der Wind ihr Haar zerzauste – in Hans Augen hatte sie nie schöner und verwegener ausgesehen.

Hinter ihnen hatten die Häscher der Weißwürmer bereits die Verfolgung aufgenommen und Molochs Lastgleiter kam immer näher, der vergitterte Frontbereich voll corellianischer Hunde. Aber dank des Überraschungsmoments – dieser Handvoll entscheidender Sekunden, die Han ihnen verschafft hatte, während Lady Proxima gekreischt und sich gekrümmt hatte, weil das Sonnenlicht ihre empfindliche Haut angriff – hatten sie genug Vorsprung, dass eine schier unvorstellbare Hoffnung in seinem Herzen aufkeimte. Vielleicht lag es nur daran, dass Qi’ra an seiner Seite war und optimistisch lächelte, oder an den lächerlichen, goldenen Würfeln, die vor ihm herumbaumelten, aber die versprochene Freiheit schien plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt.

„Da geht ein Sternenschiff vom Coronet-Raumhafen“, sagte er, „und wir werden drinsitzen.“

Qi’ra schob ihre Hand in Hans Tasche und förderte die Phiole mit dem Coaxium zutage. „Hoffentlich reicht das, um ohne ID-Chips durch den imperialen Kontrollposten zu kommen.“

„Machst du Witze?“ Han grinste. „Das ist erstklassiges, aufbereitetes Coaxium. Das ist mindestens siebenhundert Credits wert.“

„Vorhin meintest du, fünf oder sechs.“

„Egal …“ Er zuckte mit den Achseln. „Sobald wir durch sind, sind wir frei – und ich werde Pilot.“

„Wir könnten unser eigenes Schiff haben“, sagte Qi’ra.

„Und die Galaxis erkunden. Jede Ecke.“

„Wir können hingehen, wohin immer wir wollen. Wir müssen nicht mehr tun, was andere sagen, und werden von keinem herumgeschubst.“ Qi’ra blickte über die Schulter. „Aber erst müssen wir Moloch abschütteln.“

„Überlass das ganz mir“, erwiderte Han.

Sie rasten durch den Zugang zu einem Industriekomplex direkt am Meer, dicht an einem Sicherheitsdroiden vorbei. Ein imperialer Patrouillengleiter huschte als verschwommener Farbklecks vorbei, aber er wendete sofort und raste jaulend mit blinkenden Warnlichtern hinter ihnen her.

„Wir haben Gesellschaft“, erklärte Qi’ra. Einen Moment später stellte sie klar: „Mehr Gesellschaft.“

„Festhalten!“ Han ließ den Gleiter in eine Gasse schlittern und driftete zwischen übereinandergestapelten Frachtcontainern hindurch.

Ihr Verfolger war nicht wendig genug für diesen Slalom und als Qi’ra wieder nach hinten blickte, segelte der Patrouillentruppler auf spektakuläre Weise aus dem Sitz und rollte über den Boden. „Du bist ziemlich gut.“ Sie grinste. „Hast du so was schon mal gemacht?“

„Ein oder zwei Mal vielleicht …“

KLONK! Der Gleiter machte einen Satz nach vorne, als Molochs Laster sie von hinten rammte.

Han schüttelte ungläubig den Kopf. „Der Kerl hat null Talent, null Instinkt.“ Er hielt auf einen Abschnitt zu, wo die Gasse noch schmaler wurde. Rechts ragte eine Mauer auf, links die Aufbauten eines halb fertigen Sternenzerstörers. Die Lücke dazwischen wurde immer kleiner und ein Plan nahm in Hans Kopf Gestalt an.

„Oh nein!“ Qi’ra erkannte gleichzeitig, was er vorhatte und dass es unmöglich war. „Wir werden es nicht schaffen.“

Han griff zum Schubregler. „Hab ein bisschen Vertrauen, ja?“

„Ich sage dir, es ist zu eng!“

„Für Molochs Laster, ja. Aber nicht für uns.“

„Nein, ich bin ziemlich sicher, für uns ist es auch zu eng“, beharrte sie.

„Dann pass mal auf!“ Im letzten Augenblick riss er den Gleiter auf die Seite hoch, sodass sie, auf beiden Seiten gegen den Stahl schleifend, durch die schmale Lücke passten. Beinahe hätte es geklappt – beinahe. Doch dann kam der Flitzer begleitet vom Kreischen malträtierten Metalls zum Stillstand, schräg zwischen beiden Wänden eingeklemmt. Die Repulsorlifts erstarben und der Gleiter sackte auf den Boden hinab. „Komm schon“, sagte er, während sie ihre Sicherheitsgurte lösten und auf den Boden hinabsprangen. Schnell schnappte er sich noch die Würfel vom Rückspiegel. „Ab hier gehen wir zu Fuß.“

Drei Minuten später rannten sie in entgegengesetzter Richtung durch den Komplex und Qi’ra blickte immer wieder über die Schulter. „Moloch wird die Hunde auf uns hetzen, falls er es nicht schon getan hat“, keuchte sie. „Wir müssen sie von unserer Fährte abbringen.“

„Hast du einen Plan?“, fragte Han und rümpfte die Nase. „Und was ist das für ein Gestank?“

„Genau das ist der Plan.“ Qi’ra deutete auf ein geschäftiges Verladedock voller Netze, Kisten und Fässer, wo Arbeiter mit Gummistiefeln und Schürzen exotische Meerestiere wogen und ausnahmen. Sie beugte sich vor und riss den Deckel von einem unbeobachteten Fass.

Han warf einen Blick ins Innere, wo er dunkle, abstoßend wirkende Schemen sah, die sich in trübem Wasser wanden und schlängelten. Verdammt viele dunkle, abstoßende Schemen. „Das …“ Er hielt inne und musste schlucken. „Sind das Aale?“

„Rein da!“, drängte Qi’ra. „Vertrau mir.“

Han zögerte, aber dann hörte er in der Ferne Bellen und Fauchen, das schnell lauter wurde. Aale waren übel, aber die Hunde waren schlimmer. Widerwillig, mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der seine Optionen abgewogen hatte und das kleinere von zwei Übeln wählte, kletterte er in das Fass. „Mmm“, machte er. „Aale … sind nicht gerade meine Lieblingstiere.“

„Keine Sorge, du bist nicht allein.“

„Du meinst, du magst Aale auch nicht?“

„Nein, ich meine, du wirst nicht allein in dem Fass sein.“ Qi’ra kletterte zu ihm und kauerte sich so zusammen, dass sie bis zum Hals im Wasser verschwand, dann schob sie den Deckel über ihren Köpfen an seinen Platz zurück.

Einen Augenblick später spürte Han bereits, wie sich ihm etwas gegen den Schenkel presste. „Hast du mir gerade ans Bein getatscht?“

Qi’ra schüttelte den Kopf. „Das war ich nicht.“

„Wundervoll … Weißt du was, vielleicht …“

„Schhhht!“

Die beiden hörten das Knurren und Schnuppern der Hunde direkt vor dem Fass und anschließend auch einen angewidert klingenden Rebolt.

„Stinkt nach Fleekaal und Schuppenflosslern – das überlagert ihre Fährte.“

Moloch gab ein Grollen von sich, ehe er in seiner eigenen Sprache erklärte: „Sie sind nicht hier. Weiter!“

Während die Geräusche der Hunde allmählich leiser wurden, sah Han zu Qi’ra hinüber. Es war stockdunkel in dem Fass, aber sie war nahe genug, um das schwache Glänzen ihrer Augen zu erkennen, die seinen Blick erwiderten. Er grinste.

„Was?“, fragte sie.

„Du siehst wunderschön aus“, erwiderte er, wobei er sich zu ihr hinüberbeugte. „Sogar, wenn du von lebenden Aalen umgeben bist.“

Qi’ra zog den Kopf zurück. „Warte, du hast in dieser Situation nichts Besseres zu tun, als mich zu küssen?“

„Ich nutze nur den Moment.“

„Das ist nicht der Moment dafür!“ Qi’ra drückte ihn von sich fort, stieß den Deckel vom Fass und sprang heraus.

Han seinerseits folgte ihr rasch und nahm die Abfuhr ebenso gelassen hin, wie er sich lässig das Aalwasser abschüttelte. Es war einen Versuch wert gewesen.

Die diversen Terminals und Gänge des Raumhafens quollen schier über vor Reisenden aller nur erdenklichen Spezies – Emigranten, die dem immer stärker werdenden Griff des Imperiums entgehen wollten, solange sie es noch konnten. Han arbeitete sich Hand in Hand mit Qi’ra im Gedränge vor und hatte das Gefühl, dass sie in dem Gewirr hierhin und dorthin hastender Passagiere vollkommen untergingen. Es wird funktionieren, sagte er sich selbst ein wenig überrascht. Es funktioniert bereits.