Statt Psychiatrie 2 - Peter Lehmann (Hg.) - E-Book

Statt Psychiatrie 2 E-Book

Peter Lehmann (Hg.)

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Beschreibung

Das große Buch über Alternativen zur Psychiatrie in aller Welt, über die aktuellen Ansätze von Selbsthilfe und nichtpsychiatrischen Alternativen im Falle akuter psychischer Probleme sowie Wege zu einer Behandlung, die die Menschenrechte respektiert. Psychiatriebetroffene, Therapeuten, Juristen, Sozialwissenschaftler, Psychiater und Angehörige von allen Kontinenten informieren über ihre alternative Arbeit, ihre Ziele, Erfahrungen und Erfolge und gehen auf folgende Fragen ein: Was kann ich tun, wenn ich verrückt oder depressiv werde? / Wo finde ich vertrauenswürdige Hilfe für eine Angehörige oder Freundin in Not? / Wie schütze ich mich vor Zwangsbehandlung? / Wie kann ich als Familienangehöriger oder Freund aktiv werden? / Was soll ich tun, wenn ich es nicht mehr ertrage, in der Psychiatrie weiterzuarbeiten? / Welche Alternativen zur Psychiatrie gibt es, wie kann ich mich an deren Aufbau beteiligen? / Angenommen, die Psychiatrie soll abgeschafft werden: Was schlagt ihr vor ... statt Psychiatrie?

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Seitenzahl: 674

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Peter Lehmann (Hg.), Peter Stastny (Hg.)

Statt Psychiatrie 2

Das große Buch der Alternativen zur Psychiatrie in aller Welt

(Neuausgabe)

Vorwort von Robert Whitaker

Mit Beiträgen von Volkmar Aderhold, Laurie Ahern, Birgitta Alakare (†), Karyn Baker, Ulrich Bartmann, Agnes Beier, Regina Bellion, Wilma Boevink, Pat Bracken, Stefan Bräunling, Ludger Bruckmann (†), Giuseppe Bucalo, Dorothea S. Buck-Zerchin (†), Sarah Carr, Tina Coldham, Bhargavi Davar, Anne Marie DiGiacomo, Constance Dollwet (†), Jeanne Dumont, Merinda Epstein, Sandra Escher, James B. Gottstein, Chris Hansen, Geoff Hardy, Petra Hartmann, Alfred Hausotter, Michael Herrick, Guy Holmes, Andrew Hughes, Theodor Itten, Maths Jesperson, Kristine Jones, Hannelore Klafki (†), Miriam Krücke, Peter Lehmann, Bruce E. Levine, Harold A. Maio, Rufus May, Shery Mead, Kate Millett (†), Maryse Mitchell-Brody, David W. Oaks, Peter Rippmann (†), Marius Romme, Marc Rufer, Gisela Sartori, Erich Schützendorf, Jaakko Seikkula, Andy Smith, Zoran Solomun, Peter Stastny, Chris Stevenson, Dan Taylor, Philip Thomas, Jan Wallcraft (†), David Webb, Uta Wehde, Scott Welsch, Salma Yasmeen, Laura Ziegler und Ursula Zingler (†)

Übersetzungen von Jonas-Philipp Dallmann, Edgar Hagen, Pia Kempker, Rainer Kolenda, Branislav Popadic, Ulrike Stamp und Peter Stastny

Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag

»Statt Psychiatrie 2« erschien 2007 original als gedrucktes Buch in deutscher und englischer Sprache, 2012 in griechischer Übersetzung, 2019 in Marathi. Die erste E-Book-Ausgabe erschien 2013 in deutscher und englischer Sprache. Informationen zu allen Ausgaben finden Sie im Internet unter www.peter-lehmann-publishing.com/alternatives.

Die Erklärungen in kursiven Klammern stammen von den Herausgebern.

Der Verleger, die Herausgeber, Autorinnen und Autoren sind nicht verantwortlich für die Gültig- und Korrektheit von Postadressen sowie externen Websites, die in diesem Buch genannt werden. Sie können auch keine Garantie dafür übernehmen, dass deren Inhalte korrekt sind und bleiben.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Gebrauchs- und Handelsnamen in diesem Buch berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- oder Markenschutzgesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen.

© 2024 Peter Lehmann. Alle Rechte vorbehalten. 

Die Rechte für die einzelnen namentlich gezeichneten Originalbeiträge liegen bei den Autorinnen und Autoren. Kein Teil dieser Publikation darf ohne schriftliche Zustimmung der Rechteinhaber und -inhaberinnen in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln, elektronisch oder mechanisch, vervielfältigt oder übertragen werden.

Covergestaltung: Reinhard Wojke (†)

Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag, Berlin & Lancaster 2024

www.antipsychiatrieverlag.de · www.peter-lehmann-publishing.com

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-98510-483-3 (eBook) · ISBN 978-3-925931-38-3 (Printausgabe)

Inhalt

Vorwort
Einführung
Weshalb uns die Psychiatrie nicht glücklich macht
Einleitung
Dorothea S. Buck-Zerchin: Siebzig Jahre Zwang in deutschen Psychiatrien – Erlebt und miterlebt
Kate Millett: Psychische Krankheit – ein Phantom
Uta Wehde: Antipsychiatrische Angehörigenarbeit – Von der unbändigen Wut zum anhaltenden Engagement für Alternativprojekte
Konkrete Alternativen
A. Individuelle Strategien ohne und mit professioneller Hilfe
Peter Lehmann / Peter Stastny: Was hilft mir, wenn ich verrückt werde?
Regina Bellion: Wie wir das Soteria-Prinzip entdeckten
Bhargavi Davar: Depressionen und die Anwendung natürlicher Heilmethoden
Ulrich Bartmann: Laufend aus der Krise
Miriam Krücke: Vorausverfügungen – ein Schritt zur Selbsthilfe
B. Organisierte Selbsthilfe
Wilma Boevink: Überleben, Lebenskunst und Wissen zum Weitergeben – Recovery, Empowerment und Erfahrungswissen
Rufus May: Zur Wiederaneignung verrückter Erfahrungen – Gruppen für Menschen mit außergewöhnlichen Überzeugungen
Hannelore Klafki: Die Stimmen begleiten mein Leben
Marius Romme / Sandra Escher: Intervoice – Stimmenhören akzeptieren und verstehen
Maryse Mitchell-Brody: Das Ikarus-Projekt – Gefährliche Begabungen, schillernde Visionen und eine Gemeinschaft von Verrückten
C. Modelle professioneller Unterstützung
Volkmar Aderhold / Peter Stastny / Peter Lehmann: Soteria – Eine alternative psychosoziale Reformbewegung
Maths Jesperson: Hotel Magnus Stenbock – Ein nutzerkontrolliertes Haus in Helsingborg / Schweden
Michael Herrick / Anne Marie DiGiacomo / Scott Welsch: Windhorse
Jeanne Dumont / Kristine Jones: Die Krisenherberge – Ergebnisse einer betroffenendefinierten Alternative zur stationären Psychiatrie
Petra Hartmann / Stefan Bräunling: Gemeinsam(e) Stärke finden – Das Berliner Weglaufhaus
Gisela Sartori: Second Opinion Society – Verein für alternative Sichtweisen. Ohne Psychiatrie im Yukon
Shery Mead: Von Trauma-Erfahrenen geleitete Krisenzentren
Giuseppe Bucalo: La Cura – Der sizilianische Weg zur Antipsychiatrie
Jaakko Seikkula / Birgitta Alakare: Offene Dialoge
Theodor Itten: Psychotherapie statt Psychiatrie? Keine Qual der Wahl
Allgemeine und spezielle AdressatInnen der Alternativen
Einleitung
Karyn Baker: Psychiatriebetroffene Familien – Hilfen oder Hindernisse beim Recovery-Prozess?
Philip Thomas / Salma Yasmeen: Wahlmöglichkeiten und Vielfalt – Entwicklung von Alternativen für Menschen aus nicht-westlichen (und westlichen) Kulturen
Bruce E. Levine: Gestörte Kinder und Teenager – Sinnvolle Lösungen ohne Psychopharmaka und sonstige Manipulationen
Erich Schützendorf: Wenn die Wurst zum Brillentuch wird – Menschen mit Demenz respektieren und begleiten
Guy Holmes / Geoff Hardy: Die Schande, kein »richtiger Mann« zu sein – Erfahrungen schwuler, hetero- und bisexueller Männer
Strategien zur Durchsetzung von Alternativen und menschlicher Behandlung
Einleitung
Maths Jesperson: Der Personenbezogene Ombudsmann in Skåne – Eine nutzerkontrollierte Dienstleistung mit persönlichen Agenten
Peter Rippmann: PSYCHEX – Ein schweizerisches Experiment
James B. Gottstein: Geld, Rechte und Alternativen – Einforderung gesetzlicher Rechte als Mittel zur Verbreitung von nichtmedizinischen Alternativen
Laura Ziegler: Vorausverfügungen für den Fall der Psychiatrisierung – »Die Rechte eines Flohs«
David W. Oaks: MindFreedom International – Engagement für Menschenrechte als Grundlage einer gewaltfreien Revolution im psychosozialen System
Dan Taylor: MindFreedom Ghana – Unser Kampf um humane Lebensbedingungen für Psychiatriebetroffene
Jan Wallcraft: Betroffenenkontrollierte Forschung zur Untermauerung alternativer Ansätze – Die Rolle von Forschung im psychosozialen System
Andrew Hughes: Schulung von Psychiatriebetroffenen
Laurie Ahern / Peter Stastny / Chris Stevenson: INTAR – Das internationale Netzwerk für Alternativen und Recovery
Peter Lehmann / Maths Jesperson: Psychiatrie, Käfighaltung und Internet Selbsthilfe
Weshalb wir Alternativen brauchen
Einleitung
Marc Rufer: Psychiatrie – ihre Diagnostik, ihre Therapien, ihre Macht
Pat Bracken: Jenseits von Modellen und Paradigmen – Eine radikale Interpretation von Recovery
Peter Lehmann / Peter Stastny: Reformen oder Alternativen? Eine bessere Psychiatrie oder besser Alternativen?
Anhang
Über die Autorinnen und Autoren

Vorwort

Die erste Frage, die ein Buch mit dem Titel »Statt Psychiatrie« aufwirft, lautet: Wozu brauchen wir eigentlich Alternativen? Was ist falsch an der Behandlung, welche die Mainstream-Psychiatrie anbietet? Da es auf diese Frage zahlreiche Antworten gibt, wollen wir zunächst einen Blick auf eine Statistik werfen, nämlich den Anstieg jener Zahl von Menschen, die in den letzten fünfzig Jahren als psychisch krank und behindert gelten.

Das derzeitige medikamentenbasierte Paradigma psychiatrischer Behandlung geht auf das Jahr 1954 zurück, als Chlorpromazin1 als erstes antipsychotisches Medikament eingeführt wurde. Damit, so möchte uns die Psychiatrie glauben lassen, machte die Gesellschaft einen großen Sprung nach vorn bei der Behandlung »psychisch Kranker«. Wie man hört, sollen psychiatrische Forscher bedeutende Fortschritte gemacht haben, was das Verständnis biologischer Ursachen psychischer Störungen angeht, und dies habe zur Entwicklung immer besserer Medikamente geführt.

Worin dieser »Fortschritt« wirklich besteht, sehen wir an den folgenden Zahlen: In den USA hat sich die Zahl »psychisch Behinderter« in den letzten fünfzig Jahren fast versechsfacht – von 0,34% der Einwohner im Jahr 1955 auf 1,97% im Jahr 2003. Seit der Einführung von Prozac2 im Jahr 1987 (dies war das erste Psychopharmakon der zweiten Generation, dem nachgesagt wurde, besser als seine Vorgänger zu sein) hat sich die Zahl der sogenannten psychisch Behinderten in den USA um 150.000 Menschen pro Jahr erhöht. Anders gesagt: Jeden Tag kommen 410 Menschen hinzu, die durch »psychische Krankheiten« behindert sind.

Andere Länder wie Großbritannien oder Australien, die das medikamentenbasierte psychiatrische Paradigma übernahmen, berichten ebenfalls von einer starken Zunahme der Zahl von Menschen, die in den letzten fünfzig Jahren durch psychische Störungen zu Behinderten wurden. Diese interessante Tatsache kann nur zu einem Schluss führen: Das Paradigma der herrschenden Psychiatrie ist gescheitert. Es hat sich gerade nicht als hilfreicher Ansatz erwiesen für Menschen, die an verschiedenen Formen psychischer Not (Depressionen, Angstzustände, Manien, Psychosen usw.) leiden, um zu gesunden und mit dem eigenen Leben klarzukommen. Vielmehr ist es ein Ansatz, der die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man chronisch krank wird.

Wir kommen also offenbar nicht darum herum, über Alternativen zu diesem gescheiterten Paradigma nachzudenken. Auch wenn dies eine große Herausforderung darstellt, weisen alle Beiträge in diesem aktuellen und dringend benötigten Buch auf einen gemeinsamen Ausgangspunkt: Wenn wir denen helfen wollen, die mit ihren psychischen Problemen kämpfen, können wir damit beginnen, sie als unsere Brüder und Schwestern zu sehen – ähnlich wie die Quäker, als diese sich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gegen die Psychiatrie ihrer Zeit auflehnten. Also nicht als Menschen mit »kaputten Gehirnen«, sondern als Leidende. Diese Perspektive bringt eine ganze Welt der »Sorge« mit sich: Was benötigt der einzelne Mensch für sein Wohlbefinden? Schutz, Nahrung, Freundschaft und eine sinnvolle Beschäftigung. Jede Gemeinschaft, die derartige Sorge und Unterstützung bereitstellt – zusammen mit einer Botschaft der Hoffnung, dass Menschen sich von psychischem Leid erholen können –, bildet einen guten Ansatz, Alternativen zur derzeitigen Psychiatrie zu entwickeln.

Die Beiträge in diesem Buch berichten von solchen Unterfangen. Zur Psychiatrie existieren heute nachweislich Alternativen – Programme, die Betroffenen erwiesenermaßen wirklich helfen, sich besser zu fühlen. Darüber hinaus führt dieses Buch Berichte über individuelle Formen der Bewältigung von Verrücktheit zusammen. Möge es dazu anregen, dass viele andere derartige Bemühungen Fuß fassen, gedeihen und sich verbreiten können.

Robert Whitaker Cambridge, Massachusetts

Fußnoten

1Derzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht im Handel

2Antidepressivum; Wirkstoff Fluoxetin; im Handel als Fluctine, Fluoxetin

Aus dem Amerikanischen von Jonas-Philipp Dallmann

Einführung

Was kann ich tun, wenn ich verrückt werde? Wo finde ich vertrauenswürdige Hilfe für einen Angehörigen oder eine Freundin in Not?

Wie schütze ich mich vor Zwangsbehandlung? Wo kann ich mich mit Gleichgesinnten über die eigene Psychiatrie- und Lebensgeschichte austauschen? Wie kann ich als Familienangehörige oder Freund aktiv werden? Was soll ich tun, wenn ich es nicht mehr ertrage, in der Psychiatrie weiterzuarbeiten? Welche Alternativen zur Psychiatrie gibt es? Wie kann ich mich an deren Aufbau beteiligen?

Angenommen, die Psychiatrie soll abgeschafft werden: Was schlagt ihr vor ... statt Psychiatrie? Auf diese zentralen Fragen antworten 61 Autorinnen und Autoren – Psychiatriebetroffene, Mediziner, Therapeuten, Juristen, Sozialwissenschaftler, Psychiater und Angehörige aus allen Kontinenten.

»Statt Psychiatrie« sammelt Berichte aus dem anti-, nicht- und postpsychiatrischen Alltag in verschiedenen Ländern und liefert eine Bestandsaufnahme von individuellen und institutionellen Alternativen sowie Maßnahmen, die in Richtung einer strukturellen Veränderung weisen. Es ist ein Praxis- und Ideenbuch, eher persönlich als verallgemeinernd, gibt Anregungen und benennt Widersprüche und Probleme, liefert positive Beispiele und Vorbilder, aber keine Patentrezepte.

»Antipsychiatrie – gibt es die denn noch? Ja, aber nicht mehr als universitären Ausfluss der 68er, auch nicht als reformerische Variante der Psychiatrie à la Italien, Sozialpsychiatrie oder gemeindenaher Anstaltsfortsätze. Sondern, und das ist das Neue, initiiert und getragen von kritischen Psychiatriebetroffenen, den eigentlichen ExpertInnen in Sachen Psychiatrie, und orientiert am Recht auf Selbstbestimmung, körperliche Unversehrtheit und soziale Unterstützung.«

So stand es in der Einleitung der 1993 erschienenen, von Kerstin Kempker und mir herausgegebenen ersten Ausgabe von »Statt Psychiatrie«. Wie mein neuer Mitherausgeber Peter Stastny fühle ich mich ungebrochen der Antipsychiatrie verpflichtet, und zwar als einer undogmatischen und humanistischen Bewegung. Das griechische »Anti« bedeutet mehr als einfach nur »gegen«. Es heißt auch »alternativ«, »gegenüber« oder »unabhängig«.

Die Texte dieses Buches sind von Widerspruchsgeist und der grundlegenden Erkenntnis erfüllt, dass (1) die Psychiatrie als naturwissenschaftliche Disziplin dem Anspruch, psychische Probleme überwiegend sozialer Natur zu lösen, nicht gerecht werden kann, (2) ihre Gewaltbereitschaft und -anwendung eine Bedrohung darstellt und (3) ihre Diagnostik den Blick auf die wirklichen Probleme des einzelnen Menschen in der Gesellschaft verstellt.

Und die Texte beschreiben das Engagement für (1) den Aufbau angemessener und wirksamer Hilfe für Menschen in psychosozialer Not, (2) die Sicherung ihrer gesellschaftlichen Teilhabe und ihre rechtliche Gleichstellung mit normalen Kranken, (3) ihre Organisierung und die Zusammenarbeit mit anderen Menschenrechts- oder Selbsthilfegruppen, (4) die Verwendung alternativer psychotroper (die Psyche beeinflussender) und weniger giftiger Substanzen und das Verbot des Elektroschocks, (5) neue – mehr oder weniger institutionsabhängige – Formen des Lebens mit Verrücktheit und Andersartigkeit sowie (6) Toleranz, Respekt und Wertschätzung von Vielfalt auf allen Ebenen des Lebens.

Was hat sich geändert seit der ersten Ausgabe von 1993 und der Printausgabe von 2007? Mitherausgeber ist der bereits genannte Peter Stastny, bis 2009 Associate Professor der Psychiatrie am Albert Einstein College of Medicine im New Yorker Stadtteil Bronx, wo er in Zusammenarbeit mit Menschen, die persönliche Krisen und psychiatrische Interventionen überstanden haben, mehrere staatlich geförderte Forschungsprojekte in den Bereichen Arbeitsplatzsicherung, soziale Unterstützung und Selbsthilfe leitete. Im Besonderen arbeitet er am Aufbau von Einrichtungen, die psychiatrische Maßnahmen vermeiden und autonome Alternativen anbieten. Durch diese Tätigkeit hat sich eine enge Zusammenarbeit zwischen ihm und der Betroffenenbewegung entwickelt, die in gemeinsamen Forschungsaufträgen, Publikationen, Öffentlichkeitsarbeit und Demonstrationsprojekten aufging.

Peter Stastny ist auch Gründungsmitglied des International Network Toward Alternatives and Recovery (INTAR; Internationales Netzwerk für Alternativen und Recovery). In diesem Netzwerk haben sich die weltweit bedeutsamsten Alternativprojekte zusammengeschlossen. Wie kein anderer konnte Peter Stastny damit zu einer beträchtlichen Erweiterung des Spektrums von »Statt Psychiatrie« und zu einer gelungenen Synthese von Schutz vor unerwünschten psychiatrischen Maßnahmen und Engagement für Alternativen zur Psychiatrie beitragen.

Mit Ausnahme der – teils aktualisierten, teils völlig neu geschriebenen – Artikel von Harold Maio, Kate Millett, Andy Smith, Zoran Solomun und Uta Wehde sind keine Texte der 1993er-Ausgabe nachgedruckt, immerhin sind seither 14 Jahre bzw. 20 vergangen. Die meisten der nicht erneut publizierten Artikel stehen unter www.antipsychiatrieverlag.de/sp-1993.htm im Internet.

Dieses Buch entstand ohne jegliche finanzielle Förderung durch Sponsoren. Auch im Namen meines Mitherausgebers Peter Stastny distanziere ich mich von der Pharmaindustrie und von ihr abhängigen Organisationen sowie von Scientology und anderen Sekten und Dogmatikern aller Couleur. Neben Gesundheit ist nichts wertvoller als Freiheit und Unabhängigkeit.

Auch in Peter Stastnys Namen bedanke ich mich herzlich bei den vielen Unterstützerinnen und Unterstützern, die wertvolle Anregungen geliefert, übersetzt, korrekturgelesen und grafische Arbeiten gemacht haben, insbesondere bei Craig Newnes, David W. Oaks, Edgar Hagen, Jonas-Philipp Dallmann, Kerstin Kempker, Martin Urban, Monika Bessert (†), Paula Kempker, Pia Kempker, Rainer Kolenda, Reinhard Wojke (†) und Wolfhart Sander.

August 2007 / November 2013Peter Lehmann

Weshalb uns die Psychiatrie nicht glücklich macht

Einleitung

1995, als ich (P.L.) Mitglied im Vorstand des deutschen Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) war, wurden wir von der Redaktion der Zeitschrift Sozialpsychiatrische Informationen gefragt, ob wir an einer Fragebogenaktion zum Thema Verbesserung der Qualität der psychiatrischen Behandlung teilnehmen wollen. Wir entschieden uns zur Teilnahme, änderten allerdings die vorgesehenen Fragen, da wir im Vorstand uneins waren, ob man bei psychiatrischer Behandlung von Qualität sprechen könne. Wir stellten also den damals 665 Verbandsmitgliedern – Betroffene, die der Psychiatrie teils mehr, teils weniger kritisch gegenüberstehen – unter anderem folgende Fragen:

»Wurde in der Psychiatrie auf die Probleme eingegangen, die zu Ihrer Anstaltsaufnahme geführt haben? Wurde Ihre Menschenwürde uneingeschränkt beachtet? Wurden Sie über Risiken und sogenannte Nebenwirkungen von Behandlungsmaßnahmen vollständig und verstehbar informiert? Wurden Sie über Behandlungsalternativen aufgeklärt? Was fehlt für die Durchführung einer qualitativ guten Psychiatrie?«

Über einhundert BPE-Mitglieder nahmen an der Umfrage teil. Ergebnis: Nur 10 Prozent der Antwortenden gaben an, in der Psychiatrie Hilfe zur Lösung der Probleme gefunden zu haben, die zur Psychiatrisierung geführt hatten. 90 Prozent gaben an, dass ihre Menschenwürde verletzt wurde. Auf die Frage, ob sie über Risiken und ›Nebenwirkungen‹ von Behandlungsmaßnahmen vollständig informiert waren, wurde nicht ein einziges Mal mit Ja geantwortet (Peeck et al., 1995).

Andere Studien jüngeren Datums, die von unabhängigen Betroffenen durchgeführt oder mitorganisiert wurden, wie zum Beispiel die europäische Studie »Diskriminierung von Psychiatriebetroffenen im Gesundheitswesen«, kamen zu ähnlichen Ergebnissen. In dieser multinationalen Studie befragten Verbände von Psychiatriebetroffenen, Psychiatrie- und Angehörigenverbände aus Großbritannien, Österreich, Deutschland, Spanien, den Niederlanden und Frankreich gemeinsam mit einem belgischen Forschungsinstitut im Auftrag der Europäischen Kommission psychiatrisch Tätige, Angehörige und Betroffene. Ergebnis war auch hier: Psychiatriebetroffene werden im medizinischen Bereich und in der Psychiatrie systematisch diskriminiert.1

Fazit: Die Betroffenen – und nicht nur die in Europa – wollen Veränderungen im psychosozialen Bereich, angefangen bei einer Psychiatrie, die die Menschenrechte respektiert, bis hin zu Alternativen zur Psychiatrie und einer psychiatriefreien Gesellschaft. Geld und Rechte, wirksame und angemessene Hilfe in psychosozialer Not, Wahlmöglichkeiten und Alternativen – dies sind die Losungen, mit denen sie den Bedarf und die Bedürfnisse auf den Punkt bringen.

Auch Angehörige suchen nach Alternativen, jedenfalls solche, die nicht zu den Angehörigenverbänden gehören wie NAMI (National Alliance for the Mentally Ill) oder EUFAMI (European Federation of Associations of Families of People with Mental Illness), welche von Pharmafirmen gesponsert und beeinflusst werden. Ob es wie bei Uta Wehde eher mit der eigenen Erfahrung begründet wird, wie bei Kate Millett eher theoretische Ausführungen oder bei Dorothea S. Buck-Zerchin eine Reflexion der Psychiatriegeschichte und Psychosentheorie auf Grundlage langjähriger persönlicher Erfahrungen sind, das Ergebnis bleibt dasselbe. Eingefordert werden Alternativen zur Psychiatrie und das Recht auf eine humane Hilfe für Menschen in psychosozialer Not.

Fußnote

1Näheres im Internet unter www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/enusp/schikane.htm.

Quelle

Peeck, Gisela / von Seckendorff, Christoph / Heinecke, Pierre: »Ergebnis der Umfrage unter den Mitgliedern des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener zur Qualität der psychiatrischen Versorgung«, in: Sozialpsychiatrische Informationen, 25. Jg. (1995), Nr. 4, S. 30-34; im Internet unter www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/reform/umfrage.htm – Zugriff am 29.7.2013

Dorothea S. Buck-Zerchin

Siebzig Jahre Zwang in deutschen Psychiatrien – Erlebt und miterlebt1

Ich bin Dorothea Buck und neunzig Jahre alt2, das, was man eine Zeitzeugin nennt. Das Thema meines Referats heißt: »Siebzig Jahre Zwang in deutschen Psychiatrien – erlebt und miterlebt«. Ich beginne mit den von mir vor 71 Jahren erlebten Zwangsbehandlungen und der Zwangssterilisation. Alexander Mitscherlich schrieb 1966 in »Krankheit als Konflikt – Studien zur psychosomatischen Medizin I« im Kapitel »Über die Vielschichtigkeit sozialer Einflüsse auf Entstehung und Behandlung von Psychosen und Neurosen« über die Behandlungsmaßnahmen:

»Es waren von den Kulturen der Primitiven bis zur Gegenwart immer Methoden des Quälens. Recht betrachtet, ein wahnwitziges Arsenal von Folterungen selbst ...«

Das gilt bis zu den heutigen Fesselungen und Zwangsmedikationen, obwohl so viel wirksamere und hilfreichere Schizophrenie-Therapien wie Soteria und die Bedürfnisangepasste Behandlung von Prof. Yrjö Alanen in Finnland sich seit vielen Jahrzehnten bewährten.

Vor 71 Jahren – 1936 – machte ich mit gerade 19 Jahren in der Psychiatrie die Erfahrung größter Menschenverachtung. Bis zum heutigen Tag widerfuhr mir nichts Schlimmeres, selbst eine schwere Verschüttung im Zweiten Weltkrieg war nicht so schrecklich für mich. Ich erlebte die Psychiatrie deshalb als so unmenschlich, weil nicht mit uns gesprochen wurde. Tiefer kann ein Mensch nicht entwertet werden, als ihn keines Gesprächs für wert oder fähig zu halten. Hinzu kam, dass es die sich als »christlich« verstehende »von Bodelschwinghsche Anstalt Bethel« in Bielefeld war. Bethel und sein Leiter, Pastor Fritz von Bodelschwingh, wurden in unserem Elternhaus, einem Pfarrhaus, auch von uns Kindern als Inbegriff der Nächstenliebe verehrt. Nun erlebte ich ein ganz anderes Bethel, als ich es aus dem Boten von Bethel kannte.

Auf der hellgrünen Wand meinem Bett gegenüber stand in großer Schrift das Jesuswort »Kommet her zu mir, Alle, die Ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken«. Und womit wurden wir erquickt? Mit Kaltwasserkopfgüssen, mit Dauerbädern unter einer über die Wanne gespannten Segeltuchplane, in deren steifem Stehkragen mein Hals 23 Stunden – von einer Visite zur nächsten – eingeschlossen war, mit den nassen Packungen und mit Paraldehyd-Betäubungsspritzen. Bei der »nassen Packung« wurde man in kalte, nasse Tücher so fest eingebunden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Die Tücher wurden durch die Körperwärme warm, dann heiß. Ich schrie vor Empörung über diese unsinnige Fesselung in den heißen Tüchern. Ich fand es unglaublich, dass die selbstverständliche Hilfe durch Gespräche und Beschäftigung durch diese quälenden »Beruhigungsmaßnahmen« ersetzt wurden. Denn natürlich wurden wir ohne eine Beschäftigung und Abwechslung, ohne ein einziges Gespräch – nicht einmal ein Aufnahmegespräch, nur in den Betten liegend, obwohl wir körperlich gesund waren – unruhig. Wie sollten wir dieses unsinnige Verhalten der Ärzte und Schwestern als »Hilfe« erkennen können.

Es waren die Methoden von Emil Kraepelin, der von 1856 bis 1926 lebte und unsere deutsche Psychiatrie bestimmte. Der Chefarzt unseres Betheler »Hauses für Nerven- und Gemütsleiden«, wie es damals hieß, war einer seiner letzten Schüler gewesen. Emil Kraepelin hatte die Gespräche, die seine Vorgänger, wie Wilhelm Griesinger von 1817 bis 1868 und Carl Wilhelm Ideler von 1795 bis 1860 noch mit ihren Patienten geführt hatten, durch die gesprächslose Beobachtung von Symptomen ersetzt, durch die »Krankheitsbilder-« oder »Nosologische« Psychiatrie. Darum konnte er seine Patientinnen und Patienten auch nicht mehr als Mitmenschen erkennen, wie es nur durch Gespräche möglich ist. Die beobachteten Symptome traten an die Stelle des Menschen mit seinen Erfahrungen. Kraepelin forderte:

»... ein rücksichtsloses Eingreifen gegen die erbliche Minderwertigkeit, das Unschädlichmachen der psychopathisch Entarteten mit Einschluss der Sterilisierung«.

So forderte Bethels Leiter, Pastor Fritz von Bodelschwingh, schon zwei Jahre vor dem NS-Regime bei der Evangelischen »Fachkonferenz für Eugenik« am 18.-20. Mai 1931 in Treysa die Sterilisierung. Laut Konferenz-Protokoll begründete er sie mit der

»... Zerstörung des Königreiches Gottes in diesem oder jenem Glied, dass dann die Möglichkeit oder Pflicht besteht, dass eine Eliminierung stattfindet. Deshalb würde es mich ängstlich stimmen, wenn die Sterilisierung nur aus einer Notlage heraus anerkannt würde. Ich möchte es als Pflicht und mit dem Willen Jesu konform ansehen ...« (Aus dem Protokoll)

Ein wahrhaft beängstigendes »Königreich Gottes«, das uns nur eine trostlose untätige bloße Verwahrung unter Bibelworten ohne ein einziges Gespräch zugestand.

Bethels Chefarzt von 1930 bis 1933, Dr. Carl Schneider, lehnte dagegen die Sterilisation ab:

»Er hält es für einen Irrtum zu glauben, das biologisch Wertvolle sei auch das geistig Wertvolle. So werde etwa bei Manisch-Depressiven ›ein so hohes Maß sozialer Tüchtigkeit vererbt‹, dass es unmöglich sei, ›aus rein medizinischen Gesichtspunkten zu sterilisieren‹. Schneiders Urteil: ›Wir wissen darüber nichts, folgern nur aus Versuchen mit Tieren und Pflanzen.‹« (Aus dem Protokoll)

Zwei Jahre vor den Nazis fordern evangelische Ärzte und Pfarrer die Sterilisierung:

»Träger erblicher Anlagen, die Ursache sozialer! Minderwertigkeit und Fürsorgebedürftigkeit sind, sollten tunlichst von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden.« (Aus dem Protokoll)

Als ich die Stationsschwester nach den Narben meiner jungen Mitpatientinnen in der Mitte über der Scheide fragte, erklärte sie mir diese als »Blinddarmnarben«. Hatte man uns auch darin zu Hause belogen, dass der Blinddarm seitlich säße? Dieses Verschweigen auch, dass die Operation, der ich unterzogen wurde, eine Sterilisation sei, war hier offenbar üblich, obwohl das Erbgesundheitsgesetz von 1933 vorschrieb, dass die Sterilisanden von den Ärzten aufgeklärt werden müssten.

Auch nach der Operation erfuhr ich nicht von einem Arzt oder einer Schwester, sondern von einer Mitpatientin, was gemacht worden war. Ich war verzweifelt, denn Zwangssterilisierte durften keine höheren und weiterbildenden Schulen besuchen und keine nicht sterilisierten Partner heiraten. Meinen lang vorbereiteten Wunschberuf der Kindergärtnerin musste ich aufgeben. Von der lebenslangen Abstempelung als »minderwertig« ganz zu schweigen.

Im Deutschen Ärzteblatt vom Januar 2007 heißt es in einem Artikel über unsere bis heute fehlende Rehabilitierung als »Minderwertige«, dass der Betheler Chefarzt ab 1934, Prof. Werner Villinger, am 13. April 1961 im Bundestagsausschuss für Wiedergutmachung

»... sich zu der Behauptung verstieg, durch eine Entschädigung den Zwangssterilisierten erst recht zu schaden: ›Es ist die Frage, ob dann nicht neurotische Beschwerden und Leiden auftreten, die nicht nur das bisherige Wohlbefinden und (...) die Glücksfähigkeit dieser Menschen, sondern auch ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen‹.«

Pastor Fritz von Bodelschwinghs Neffe und Nachfolger, Pastor Friedrich von Bodelschwingh, argumentierte am 21. Januar 1965 als Experte vor dem Ausschuss für Wiedergutmachung in gleicher, unsere Realität völlig verkennender Weise:

»Gäbe man den Sterilisierten selbst einen Entschädigungsanspruch, so werde nur Unruhe und neues, schweres Leid über diese Menschen gebracht ...«

Bethel sterilisierte noch lange nach 1945 weiter. Im letzten Jahr, 2006, rief mich jemand an, den Bethel noch in den siebziger Jahren unter Druck setzte, sich sterilisieren zu lassen. Würden Theologen und Psychiater doch auch einmal ihren eigenen Wert für uns in Zweifel ziehen!

Als im Juli 1939 zum ersten Mal eine Unterrichtung von etwa sechzig Anstaltsleitern und Psychiatrie-Professoren in der Berliner Kanzlei von Adolf Hitler stattfand, denen das »Euthanasie«-Programm vom SS-Führer Viktor Brack vorgetragen wurde, erklärten alle ihre Bereitschaft, an der Tötung der Anstaltspatientinnen und -patienten mitzuarbeiten, mit Ausnahme des Göttinger Professors Gottfried Ewald. Er begründete seine Ablehnung ausführlich. Ein einziger seelisch und geistig intakter Mensch unter sechzig Psychiatrie-Professoren und Anstaltsleitern! Wo blieb ihr Gewissen, ihre Courage, ihr Mitgefühl? Werte, die den Menschen erst zum Mitmenschen machen.

Als Gutachter und Obergutachter fällten sie in der Berliner Tiergartenstraße 4 die Todesurteile nur nach den Fragebogen, die die Anstalten ausgefüllt hatten. In sechs psychiatrischen Tötungsanstalten wurden die zum Tode Verurteilten vergast. Als Hitler am 24. August 1941 nach der Protestpredigt des katholischen Bischofs Clemens August von Galen in Münster am 3. August 1941 die Vergasungen einstellen ließ, übernahmen die Anstalten selbst die Tötung durch überdosierte Medikamente und Nahrungsentzug.

Die letzten Forschungsergebnisse gehen nach dem Historiker Prof. Hans-Walter Schmuhl von insgesamt fast 300.000 vergasten, vergifteten, zu Tode gehungerten Anstaltspatientinnen und -patienten und Heimbewohnerinnen und -bewohnern aus. Davon fast 80.000 Patienten aus polnischen, französischen und sowjetischen Anstalten. Da unsere Politiker, Psychiater und Theologen diese rigoroseste Zwangsbehandlung als Tötung sogenannter »lebensunwerter« Menschen seither so gut wie ganz verdrängen, bleibt es uns Psychiatrie-Betroffenen allein überlassen, die in Psychiatrien Ermordeten im Gedächtnis und im Herzen zu behalten.

Psychiater, die sich als Gegner und von 1939 bis 1945 im wörtlichen Sinne sogar als »Todfeinde« ihrer Patienten erwiesen, vermittelten ihren Schülern und der Öffentlichkeit auch nach 1945 ein nur defizitäres Bild ihrer als »unheilbar« bestimmten Patientinnen und Patienten. Noch am 20. April 1979 – vierzig Jahre nach dem »Euthanasie«-Beginn 1939 – titelte Die Zeit auf der ersten Seite »Die Gesellschaft der harten Herzen – In den Schlangengruben der deutschen Psychiatrie«. Dort heißt es: »Und keine Minderheit wird so schändlich behandelt wie die psychisch Kranken.«

Dieser jahrzehntelange Rückstand einer immer noch gesprächsarmen, medikamentös auch unter Zwang und Fesseln nur Symptome bekämpfenden statt verstehenden Psychiatrie ließ sich trotz vieler Bemühungen in den letzten Jahren nicht aufholen.

Während Soteria und die »Bedürfnisangepasste Behandlung« des finnischen Professors Yrjö Alanen seit über dreißig Jahren die Erfahrungen und Bedürfnisse der Patienten erfragt und ernst nimmt und der sofort einsetzenden Psychotherapie der als »schizophren« Diagnostizierten absoluten Vorrang vor den nur Symptome verdrängenden Neuroleptika gibt, räumt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde gerade mal zehn von 140 Seiten in ihrem Entwurf für Schizophrenie-Behandlungsleitlinien dem Thema Psychotherapie ein.

Als einziges Verfahren lässt sie auch nur die kognitive Verhaltenstherapie gelten. Aber auch die ausdrücklich nur bei Versagen der medikamentösen Therapie. Unsere heutige deutsche Psychiatrie hat die erblich oder genetisch bedingte und darum sinnlose Gehirnkrankheit von Emil Kraepelin nur anders formuliert als Hirnstoffwechselstörung fast unverändert übernommen.

Seit 1953 gibt es Neuroleptika. Ihr sofortiger Einsatz ist seither das Mittel der Wahl. Der von seinem Psychoseerleben überwältigte Patient möchte natürlich mit seinem Erleben ernst genommen werden und es verstehen. Die sofortige Stilllegung durch starke Neuroleptika lässt sich nicht als ihm wohlgesonnene Hilfe erkennen. Er oder sie wehren sich. Um sie gefügig zu machen, werden sie womöglich an Händen, Bauch und Füßen ans Bett gefesselt, fixiert. Die Malerin Jutta Jentges zeigte beim ersten psychiatrischen Weltkongress in Deutschland nach dem II. Weltkrieg 1994 in Hamburg, den Dr. Thomas Bock mit unserem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie gemeinsam ausgerichtet hatte, ein großes ausdrucksstarkes Bild eines mit über dem Kopf ausgebreiteten Armen und an den Füßen ans Bett gefesselten Menschen mit der Frage »Why?« – Warum? Sie schilderte die Qual einer solchen auch über Nacht erlebten Fesselung. Dem Gefesselten wird eine Windel verpasst. Auch das wird als demütigende Entwürdigung erlebt. Für viele Gefesselte bleibt diese quälende Erfahrung ein womöglich lebenslanges Trauma.

Zu meinen fünf Psychiatriezeiten von 1936 bis 1959 gab es diese qualvolle Art der Fesselung an Händen, Bauch und Füßen ans Bett noch nicht, sondern ganz selten mal Leibgurte. Bis zu meinem vierten Schub 1946 wartete man erst einmal einige Wochen ab, ob sich unsere Psychosen von selbst wieder zurückbilden würden, bevor Cardiazol-, Insulin- oder Elektroschocks eingesetzt wurden. 1936 gab es auch diese Schockbehandlungen noch nicht. In meiner letzten Psychose 1959 erlebte ich zum ersten Mal, dass wir sofort alle im großen Saal unter hohe Neuroleptikadosierungen gesetzt wurden. Diese totale Diktatur, die uns nicht mehr denken und fühlen ließ und auch körperlich sehr schwächte, fand ich zutiefst abstoßend. Ich hatte das Glück, nach den beiden ersten Tagen mit einem Hautausschlag zu reagieren und von da an Pillen in den Mund geschoben zu bekommen. Jedes Mal behielt ich sie unter der Zunge und spülte sie ins Klo. In der gleichen Zeit wie meine Mitpatientinnen war ich psychosefrei. Um das heimliche Ausspucken zu verhindern, gibt es statt Pillen Flüssiges, das man schlucken muss.

Wie viel hilfreicher, respektvoller und kompetenter ist dagegen die trialogisch besetzte Berliner Krisenpension ohne Zwang. Hier wird der psychotische Patient mit seinem Erleben ernst genommen, statt auf seinen gestörten Hirnstoffwechsel reduziert. Wie viele suchen nach einem Psychose- und Selbstverständnis. Wer aber seine Schizophrenie verstehen will und sie wie ich nach fünf Schüben mit 42 Jahren verstanden hat und dadurch vor 48 Jahren von selbst los wurde, muss die dazu notwendigen Einsichten auch heute noch selber finden.

Auch dazu und gegen die gesprächsarme biologistische Psychiatrie gründeten wir mit Privatdozent Dr. Thomas Bock an der Hamburger Uni-Psychiatrie seit dem Wintersemester 1989/90 das »Psychose-Seminar« als Erfahrungsaustausch zwischen uns Psychiatrie-Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten, den sogenannten Trialog. Hier können die Psychoseerfahrenen über ihr tief beeindruckendes Erleben sprechen, ohne wie in den Psychiatrien noch mehr Medikamente schlucken zu müssen. Dieser gleichberechtigte Erfahrungsaustausch ermöglicht ein besseres gegenseitiges Verständnis. In den seither 17 Jahren ihres Bestehens verbreiteten sich die »Psychose-Seminare« auch in der Schweiz und in Österreich. Leider nehmen viel zu wenig Psychiater an ihnen teil.

Was ist eine Psychose? Von dieser Definition hängt das Zwangs- und Gewaltproblem in erster Linie ab. Das medizinische Konzept der sinnlosen, genetisch bedingten Hirnstoffwechselstörung entwertet den Patienten, ignoriert ihn als Menschen mit seinen Erfahrungen und provoziert geradezu seinen Widerstand.

Was wäre, wenn nicht Sie, sondern wir die Definitionsmacht hätten, dass die Psychose ein Aufbruch des normalerweise Unbewussten ist, um eine vorausgegangene Lebenskrise zu lösen, die wir mit unseren bewussten Kräften nicht lösen konnten. Dass darum die Parallelen zwischen den bekannten schizophrenen Symptomen und dem, was in unseren Nachtträumen geschieht, so offensichtlich sind, weil beide aus derselben Quelle, unserem Unbewussten, kommen. Als schizophrenes Symptom ist zum Beispiel der Aufbruch von Symbolen bekannt, das Denken und Handeln in Symbolen. Unsere Nachtträume sind voller Symbole. Oder die häufigen Identifikationen zum Beispiel mit Jesus und anderen Personen in der Schizophrenie. Auch im Nachttraum identifizieren wir uns mit den im Traum auftretenden Personen, die uns häufig selbst meinen. Oder die in der Schizophrenie häufigen »Beziehungs- und Bedeutungsideen«. Verstehen lassen sie sich erst aus dem in der Psychose veränderten Weltgefühl sonst nicht gespürter Sinnzusammenhänge. Ähnliches gibt es im Traum. Sigmund Freud erwähnt im »Abriss der Psychoanalyse« beim Traum

»... eine auffällige Tendenz zur Verdichtung, eine Neigung, neue Einheiten zu bilden aus Elementen, die wir im Wachdenken gewiss auseinander gehalten hätten.«

Die Krankheit liegt also darin, dass wir unser Psychoseerleben für Realität halten. Würden wir es von vornherein auf der »Traumebene« erkennen, wären wir nicht krank. Es bedarf also der Verschiebung der Psychoseinhalte auf die »Traumebene«, um sich den Sinn der Psychose zu erhalten, nur ihre objektive Wirklichkeit nicht. Unsere Psychosen gehen meistens mit aufbrechenden Impulsen und Emotionen einher, die auch aus dem Unbewussten kommen. Damit sich gar keine Gefühle und Impulse stauen können, lebe ich immer aus diesen Impulsen oder der inneren, nicht gehörten Stimme. Manche hören sie ja auch. Diese Definition der Schizophrenie hat nichts Abwertendes und fordert dazu auf, sich mit den Psychose-Inhalten und der vorausgegangenen Lebenskrise zu befassen, um sich selbst besser zu verstehen und mit sich umzugehen.

Den Aufbruch des Unbewussten erleben und bewerten wir als von außen kommende »Eingebungen«. Darum konnte der englische Psychiater John K. Wing als »zentrales schizophrenes Syndrom« das »Erlebnis der Eingebung von Gedanken« bezeichnen. Aus diesem Erlebnis von außen eingegebener Gedanken resultiert wohl auch der Begriff der »Schizophrenie«. Sobald wir aber von einem aufgebrochenen Unbewussten wissen, das wir wegen der ganz anderen Art des Denkens und Vorstellens, des eher »Gedachtwerdens«, als nicht aus uns selbst kommend erleben und bewerten, kann gemeinsam ein Psychose- und Selbstverständnis erarbeitet werden. Denn dass unsere Psychosen durch vorausgegangene Lebenskrisen seelisch verursacht sind, wissen wir Betroffene fast alle.

Die Psychiatrie mit ihrer Zwangsmedikation ohne Hilfe zum Psychose- und Selbstverständnis wird von vielen gefürchtet. Die Psychiater sollten sich gleich in der ersten Begegnung mit ihren Patientinnen und Patienten als Helfende statt sie Bekämpfende erweisen. Ich stelle mir vor, dass die Betroffenen ihr verstörendes Erleben von vornherein in Gruppengesprächen aussprechen, aufschreiben, malen, zeichnen können. Dass sie mit ihrem Erleben ernst genommen werden, ohne Angst vor ungewollten psychiatrischen Eingriffen. Dabei wären Psychoseerfahrene, die ihre Psychosen verarbeitet haben und in ihrem Sinn für sich verstanden und in ihr normales Leben integrierten, von großem Wert.

Gerade werden an der Hamburger Uni-Psychiatrie im Rahmen von »Experienced Involvement« (EX-IN), einem Pilotprojekt, das aus dem europäischen Programm Leonardo da Vinci gefördert wird, ehemalige Psychoseerfahrene dazu ausgebildet. Im Eppendorfer vom Februar 2007 finden Sie unter dem Titel »Vom Patienten zum Profi – Ein europäisches Projekt qualifiziert Psychiatrie-Erfahrene für die Hilfe anderer Betroffener« Näheres.

Die von mir in fünf verschiedenen Psychiatrien von 1936 bis 1959 erlebten 23 Psychiatrieprofessoren, Chefärzte, Ober- und Assistenzärzte vertraten alle die erblich verursachte, sinnlose, unheilbare Schizophrenie. Darum erlebte ich auch kein Gespräch über meine Psychose-Inhalte und die sie auslösende Lebenskrise, geschweige denn über ihre Sinnzusammenhänge. Auch die heutigen Psychiatriepatienten beklagen diesen Gesprächsmangel.

Mich ermutigte der Publizist Hans Krieger. In engagierten Rezensionen psychiatrischer und psychologischer Literatur in Die Zeit hatte er sich in den sechziger und siebziger Jahren für eine verständnisvollere Behandlung psychotischer Patienten eingesetzt und uns mit den ausländischen Reformbewegungen, mit Kingsley Hall von Ronald Laing und anderen bekannt gemacht. Ihm danke ich, dass er mich zum Aufschreiben meiner Psychose- und Heilungserfahrungen drängte. Unter dem Titel »Auf der Spur des Morgensterns – Psychose als Selbstfindung« gab er sie 1990 im List Verlag heraus, später im Paranus Verlag, inzwischen im Psychiatrieverlag. Damit Sie bestätigt finden können, dass ich schizophren war. Denn nach Emil Kraepelin waren geheilte Schizophrenien keine gewesen.

Wie aber könnten wir einer Psychiatrie vertrauen, die Heilungen ablehnt, weil sie ihre Lehre der sinnlosen, unheilbaren Hirnstoffwechselstörung widerlegt? Wir alten Psychoseerfahrenen haben dieses erbliche Somatosen-Dogma mit unseren Zwangssterilisationen und ihren Folgen, die »Euthanasie«-Opfer mit ihrem Leben bezahlen müssen. Nun sollte die Psychiatrie eine auf den Patientenerfahrungen gründende empirische Wissenschaft werden.

Fußnoten

1Bei dem Text handelt es sich um den von Dorothea S. Buck-Zerchin korrigierten Hauptvortrag vom 7. Juni 2007 beim Kongress »Coercive Treatment in Psychiatry: A Comprehensive Review« (»Psychiatrische Zwangsbehandlung – Ein Überblick«), veranstaltet von der World Psychiatric Association in Dresden vom 6. bis 8. Juni 2007. Videodokumentation im Internet unter http://ki-art-multimedia.de/dresden/doro-english.htm (P.L. & P.St.)

2Dorothea Buck ist Jahrgang 1917. (P.L. & P.St.)

Kate Millett

Psychische Krankheit – ein Phantom1

Wie kann es so weit kommen, dass ein menschliches Wesen mit Ledermanschetten an einen Tisch geschnallt wird und diese Qual und Demütigung stundenlang ertragen muss? Welches Gesetz kann das jemals rechtfertigen? Wo gibt es in unserem hochgeschätzten System von bürgerlichen Rechten und Freiheiten etwas, das einen solchen Vorgang zulassen würde? Wie ist es möglich, dass Menschen durch ein Unterbringungsverfahren all ihre Rechte verlieren? Wieso werden sie durch Gerichtsverfahren unter Psychopharmaka gesetzt, wo für sie doch alles auf dem Spiel steht, sogar ihre Freiheit? Die Gesetzgebung hat kläglich versagt, Anwälte verraten ihre Klienten. Es sind PflichtverteidigerInnen; sie arbeiten – zumindest in den USA – für einen Hungerlohn, kennen ihre KlientInnen nicht und geleiten sie durch Scheinverfahren, in denen alles gegen die Opfer gerichtet ist. In solchen Verfahren beugt sich das Gesetz der Medizin; all das, wofür Rechtsprechung steht – verfassungsmäßige Garantien, Anzweiflung bloßer Behauptungen, Forderung nach Fakten und Beweisen –, wird den Ansprüchen der psychiatrischen Medizin preisgegeben. AnwältInnen verneigen sich vor den PsychiaterInnen, die einzelne Menschen »wahnsinnig« nennen. Der Verzicht auf die traditionelle gesetzliche Verpflichtung zum Beistand ist umfassend.

Bedenken Sie, wie lange Strafverfahren dauern, wie ausführlich dort Beweismaterial eingebracht wird. Denken Sie an die Schwurgerichtsbarkeit, daran, wie lange es gedauert hat, das Prinzip der zwei widerstreitenden Parteien zu etablieren, wie langsam und schrittweise verfassungsmäßige Garantien und Bürgerrechte im 18. und 19. Jahrhundert errungen wurden, die sich im 20. Jahrhundert über die ganze Welt verbreiteten. Alles wird in den paar unkontrollierten Augenblicken eines Unterbringungsverfahrens hinweggefegt.

Wie kommt es, dass der Staat über bestimmte Individuen eine solch außergewöhnliche Macht besitzt? Wo und weshalb hat unser Schutzsystem versagt? Es heißt, diese Personen seien von einer seltsamen, schrecklichen Krankheit befallen, weshalb sie gewaltsam zu behandeln seien. Daher müsse das Gesetz denen dienen, die sich mit dieser Krankheit auskennen. Gesetzliche Bestimmungen seien erforderlich, um Zwang ausüben zu können. Doch die Befugnis, diese Bestimmungen umzusetzen, liegt nicht beim Gesetz oder bei den JuristInnen, sondern bei einer anderen Gruppe von Fachleuten, denen das Gesetz zu dienen habe. Diese müssten ihre PatientInnen einsperren und ihrer Entscheidungsfreiheit berauben, was den ersten Schritt zu ihrer Heilung darstelle.

Lassen Sie uns den Begriff der Zwangsbehandlung einmal näher betrachten. Warum wird behandelt? Wegen merkwürdiger Handlungsweisen, zu lauten Redens, wegen Wut, Stress oder irrationalen Verhaltens, wegen Anstößigkeiten? Offensichtlich beziehen wir uns hier auf das Gesetz, nicht auf die Medizin. Hat diese Person einer anderen etwas zuleide getan, den Frieden gestört, jemanden gewaltsam angegriffen? Zuständig hierfür ist die Justiz. Wie kam die Medizin ins Spiel? Man sagt uns dann, es wurde zwar gegen kein Gesetz verstoßen, aber die Nachbarn beschwerten sich, die Familie sei aufgebracht. Es könnte ein Verbrechen geschehen. Unsere Gesetze erlauben es nicht, jemanden vorsorglich zu verhaften oder einzusperren. Es könnte ein Verbrechen geschehen ... aber tatsächlich wurde keines begangen. Stattdessen geht es um anstößiges Verhalten, lediglich allgemein beschrieben, nicht einmal mit eigenen Augen gesehen. Die Person ist nicht kriminell, sondern Opfer einer seltsamen Krankheit, die nur gegen den eigenen Willen geheilt werden kann. Welche Krankheit könnte es je mit sich bringen, dass die betroffene Person nicht selbst den Wunsch hat, behandelt zu werden? Im Bereich der somatischen Medizin ist Zwangsbehandlung nicht zulässig; das übliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient basiert auf Übereinkunft, Kooperation, Unterstützung und Trost. Wesentliches Merkmal einer solchen Behandlung ist die Freiwilligkeit. Die Idee der Zwangsbehandlung ist derart absurd, ist medizinisch, juristisch und moralisch derart schwer zu rechtfertigen, dass man sich auf geheimnisvolle Umstände berufen muss.

Dem Übeltäter bzw. der Übeltäterin soll ein Behandlungsplan aufgezwungen werden. Es gibt ›interessierte Parteien‹ und Angehörige, die ein persönliches Interesse an Kontrolle haben und die für ihr feindseliges Vorgehen gegen den einzelnen auffälligen Menschen sozialen Konsens sowie Billigung und Beistand anstreben. Sie brauchen nur zum Telefon zu greifen. Die Gesellschaft ist dafür gerüstet, einen Menschen zu ergreifen und einzusperren, zu bestrafen und all seiner Rechte zu berauben. Aber noch bedarf es einer ›vernünftigen‹ Erklärung, eines Etiketts, einer Anklage, die ins Gewicht fällt. Verrücktheit genügt all diesen Anforderungen, ebenso wie Ketzerei oder politische Subversion. Gedankenverbrechen.

Zuständig hierfür ist heutzutage die Psychiatrie; sie ist der ausführende Arm sozialer Gewalt, ausgestattet mit staatlichen und polizeilichen Machtmitteln, mit Schloss und Riegel, Psychopharmaka und Folterinstrumenten. Sie verkörpert eine bestimmte Vorstellung, nämlich die Annahme, das Individuum sei Träger einer unsichtbaren Krankheit oder erblichen Belastung, die zwar pathologisch nicht nachweisbar ist, aber von ExpertInnen aufgespürt und unter Anwendung von Zwang geheilt werden kann. Durch allgemeine Zustimmung, Werbung und Propaganda gewinnt diese Vorstellung Oberhand; das Ansehen der Wissenschaft lässt sie glaubwürdig erscheinen, und die Staatsgewalt mit der überwältigenden Fülle ihrer Zwangsmittel legitimiert sie.

Die Psychiatrie, die sich selbst als Teilbereich der Medizin bezeichnet, wird zwangsläufig zum Mittel außergesetzlicher sozialer Kontrolle und staatlicher Macht, mit Befugnissen, die das Recht und all seine Garantien für das Individuum außer Kraft setzen, vielleicht sogar dem Gesetz widersprechen. Die garantierten Rechte, Ergebnis einer Jahrhunderte währenden Entwicklung, werden in bestimmten Fällen aufgehoben. Der Staat erlaubt der Familie, ihr Objekt der Unterdrückung selbst zu wählen. Als Bevollmächtigte des Staates bedient sich die Familie wiederum der Psychiatrie, denn das letzte Wort hat der Psychiater. Wollen Sie eine Verwandte einsperren, so müssen Sie immer noch einen gefälligen Arzt finden – letztlich entscheidet er. Die Tatsache jedoch, dass Familien ein Opfer präsentieren können, ist allein schon erstaunlich, eine informelle soziale Kontrolle.

Wir alle glauben doch an diese geheimnisvolle Macht, diese Krankheit, diese psychische Störung. Es kann passieren, dass Ihr Verstand einfach aufgibt, Ihre Gefühle Sie überwältigen, Sie einer konstitutionellen Schwäche unterliegen. Unsichtbare Kräfte zwingen Sie in die Knie. Und der Glaube ist alles. Glaube versetzt Berge. Man muss ihn nur ausweiten und propagieren, institutionalisieren, finanzieren, bürokratisieren, in einen blühenden Industriezweig verwandeln – Spender von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen und ›Diensten‹.

Das System würde ohne Zwang nicht funktionieren. Wie jedes System sozialer Kontrolle basiert es letztlich auf roher Gewalt. Es gründet auch auf einer Ideologie. Hier ist die Ideologie – das medizinische Modell psychischer Krankheit – eine Perversion von Vernunft und Wissenschaft. Viele PsychologInnen und PsychoanalytikerInnen stimmen vermutlich der Auffassung zu, dass es sich beim medizinischen Krankheitsmodell um eine irreführende Analogie handelt, denn sie gehen davon aus, dass psychisches Leiden von Konflikten des Individuums mit seinem Umfeld herrührt, ob sie nun durch die persönliche Geschichte oder die gesellschaftlichen Verhältnisse bedingt sind. Mit anderen Worten, das Leben ist nicht leicht. Der Tod ist nur schwer zu verkraften, ebenso Trauerfälle, das Ende einer Liebe, vergebliche Liebesmüh, schwere wirtschaftliche Zeiten, Verlust des Arbeitsplatzes, verpasste Chancen, die verbitternde Anhäufung von Enttäuschungen aller Art. Dies ist ein Wirklichkeitsmodell, welches von Tatsachen ausgeht.

Das medizinische Modell dagegen hat keinerlei Bezug zu irgendeiner Realität, es ist nicht einmal medizinisch, obwohl es vom Ansehen der Körpermedizin profitiert und die Existenz physischen Leidens nutzt, um uns an der Nase herumzuführen und einen allgemeinen gesellschaftlichen Konsens zu erzwingen, legal oder am Gesetz vorbei. Letzten Endes handelt es sich um einen gesellschaftlichen Mythos, der über den Akt des Unterbringungsverfahrens sowohl dem Staat als auch der Psychiatrie enorme Macht überträgt.

Es gibt kaum Länder, in denen nicht formell oder informell, öffentlich oder privat die Vorstellung von der Existenz psychischer Krankheit und deren Pendant der psychischen Gesundheit Bausteine des Glaubenssystems geworden sind. Psychische Krankheit ist ein Haushaltstitel der Regierung, ein Ministerium, eine Verwaltungsabteilung, eine Unterabteilung jeder Bürokratie auf bundesstaatlicher, Länder-, Kreis- und kommunaler Ebene.

Einige Menschen stellen sich vor, dass psychische Krankheit wie eine Lungenentzündung diagnostiziert werden kann, epidemisch wie AIDS auftritt und wie Krebs potenziell erkennbar und irgendwann auch heilbar sein wird. Unsere gemeinsame Überzeugung von der Existenz psychischer Krankheit ist mysteriös und wunderlich. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts und nach mehreren Jahrhunderten wissenschaftlicher Entdeckungen und dem Triumph wissenschaftlicher Erkenntnisse bleibt sie durch und durch glaubensbedingt und unwissenschaftlich. Wir glauben einfach daran, ohne jeden Beweis für das, was wissenschaftlich unter Krankheit zu verstehen ist. Damit meine ich die Pathologie. In der Medizin gibt es keine Störung oder Erkrankung ohne Pathologie, und pathologische Veränderungen sind etwas, was beobachtet und nachgewiesen werden kann. Körpermedizin und Wissenschaft überhaupt beruhen größtenteils auf Beweisen. Es gibt Erreger, es gibt Bluttests, es gibt Antikörper, es gibt Schwellungen und Körperflüssigkeit, es gibt Ödeme und Zelldeformation. Es gibt Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems, deren Existenz nachgewiesen werden kann: Tumore, Lähmungen, Alzheimerkrankheit, Chorea Huntington. Dies sind wirkliche Krankheiten, tatsächlich nachweisbar.

Wenn wir jedoch von psychischer Krankheit sprechen, meinen wir eine Vielzahl sogenannter Krankheiten, für die keine pathologischen Vorgänge nachgewiesen sind, auch wenn man schon über hundert Jahre an sie glaubt. Schizophrenie ist die bedeutendste psychische Krankheit, gefolgt von manisch-depressivem Irresein. Gleichzeitig ist man sich selbst unter Psychiatern über deren eigentliche Existenz nicht immer einig. Und innerhalb der klassischen Psychologie fällt der Nachweis von Krankheiten oder Störungen auch nicht leichter, denn es gibt in der Psychologie kein Verfahren, mit dem man Krankheiten nachweisen kann. Es gibt nur das Verhalten.

Jemanden für psychisch krank zu erklären, weil er bzw. sie auf eine bestimmte Art handelt oder sich verhält, ist etwas völlig anderes, als eine Krankheit festzustellen, für die es physiologische Anhaltspunkte gibt. Verhalten als Indiz für eine Krankheit ist kein objektiver Tatbestand – es ist darüber hinaus auch deswegen subjektiv, weil Verhalten eine Sache von Beobachtung und Interpretation ist. Kurz gesagt, was für den einen Menschen verrückt ist, ist für den anderen erklärbar, ja sogar vernünftig. Was dem einen abscheulich ist, hält der andere lediglich für schlechte Manieren, und ein Dritter mag das Verhalten sogar witzig finden. Das Urteil hängt davon ab, wer beobachtet, mehr noch von der Haltung, die der Beobachtung zugrunde liegt: Eigennutz, Boshaftigkeit, ein Hang zur Zwangsausübung, Wut, Missbilligung, das Bedürfnis andere zu kontrollieren, zu strafen, zu erniedrigen.

Mit der Lungenentzündung ist es anders: Wir haben sie oder wir haben sie nicht. Und wenn wir sie haben, wollen wir eine Behandlung. Wenn wir beschuldigt werden, psychisch krank zu sein, stehen wir unter Anklage, sind Opfer einer Verleumdung, sind in Verteidigungsposition und unfähig, uns selbst zu verteidigen gegen einen Vorwurf, dessen pure Existenz unsere Schuld beweist. Anders bei der Lungenentzündung: niemand wird vorgeladen, um die Erkrankten vor Gericht anzuklagen und einen Richter davon zu überzeugen, dass die PatientInnen schuldig sind, da sie voller Keime stecken. Wir werden nicht isoliert und vor FreundInnen gedemütigt, verlieren nicht die Arbeit und das Sorgerecht für die Kinder. Lungenentzündung tut keinem Menschen so etwas an.

Die Vorstellung von psychischer Krankheit ist simpel: Man nehme psychisches Leid als Beweis für eine Krankheit, auf die nur eine hochspezialisierte und gutbezahlte Gruppe von Heilern – fast schon eine Priesterschaft – einwirken kann. Und man sei nicht sparsam mit drastischen Maßnahmen. Man benutze Psychopharmaka, Grausamkeit und Schrecken, Einkerkerung und elektrischen Strom für das Gehirn. Bloße Gesprächstherapie ist zu einfach, so wie auch Gespräche, Freundschaft oder Beratung zu primitiv sind, braucht man dazu doch weder Rezept noch Lizenz.

Menschliches Elend, Ungewissheit, Lebenskrisen, die schmerzhaften Prozesse, durch die wir uns voneinander trennen, wachsen, Neues schaffen, uns verändern oder Entscheidungen treffen ... all das sind Zeiten der Verwundbarkeit. Von Seiten unserer Umwelt oder aus unserem Inneren regt sich Widerstand. Wir sind uns unserer selbst unsicher, als Mann oder als Frau, als Liebende, Bruder oder Schwester, Kinder oder Eltern; wir können verwirrt sein, überwältigt, beschämt, eingeschüchtert, geschwächt oder erniedrigt. Ganz besonders dann, wenn wir davon überzeugt wurden, die eigenen Gefühle, Reaktionen und Beweggründe nicht zu kennen, die eigene Urteilskraft unzuverlässig und unsere psychischen Prozesse falsch zu finden. Dann erkläre man das Menschsein an sich zum medizinischen Problem, definiere die Psyche als eine Abfolge von mysteriösen Unwägbarkeiten und behaupte, es handle sich um ein chemisches Konstrukt von unsicherem Gleichgewicht, um ein Rätsel, dem wir ausgeliefert sind. Nur die Psychiatrie kann diese instabile Mixtur in Ordnung bringen – mit Psychopharmaka, deren Wirkungsweise nicht einmal die Doktoren verstehen, von denen sie aber behaupten, dass sie uns nicht schaden.

Wir haben es hier mit Stigmatisierung und Zwang zu tun, mit Staatsgewalt und Kontrolle und mit multinationalen Pharmakonzernen, die bereitstehen, ihre Profite aus der Zwangsverabreichung psychiatrischer Psychopharmaka an die Opfer dieser mysteriösen Krankheiten zu ziehen, und zwar sowohl wenn diese gegen ihren Willen eingesperrt sind als auch nach deren Entlassung, die in Wahrheit nur vorübergehend und auf Probe ist. Freiheit, Leben, Nahrung, Obdach und Beschäftigung hängen allesamt davon ab, ob sich ein Mensch unterwirft und durch die Psychopharmaka stigmatisieren und zu einem Behinderten machen lässt.

Mit diesen Psychopharmaka ist weniger Medizin gemeint, eher Medikation. Diese stellt ruhig, stumpft ab, macht träge oder hektisch, vermindert oder erzeugt Stress, stört die Konzentrationsfähigkeit und verzerrt die Wahrnehmung, verhindert vernünftiges Denken. Sie tut das, was Psychopharmaka eben tun: sie entstellen, aber sie heilen nicht, wie auch, wenn gar keine Krankheit vorliegt. Psychische und emotionale Belastungen und Beschwerden sind nun mal natürliche Bestandteile des menschlichen Lebens und keine Krankheitssymptome.

Peter Breggin (1990) hat eine umfassende Darstellung von Forschungsarbeiten über Schädigungen publiziert, die durch Neuroleptika wie Haloperidol2, Chlorpromazin, Thioridazin3 oder Fluphenazin4 verursacht werden – Psychopharmaka, die PatientInnen ›freiwillig‹ nehmen sollen, wenn sie ihre Sozialunterstützung nicht verlieren wollen. Breggin beschäftigte sich mit den Auswirkungen solcher Substanzen auf die höheren Hirnfunktionen, außerdem fasste er Untersuchungen des Hirngewebes sowie Tierstudien zusammen. Er fand heraus, dass neuroleptikabedingte Hirnschäden häufig durch die Wirkung der Psychopharmaka selbst kaschiert werden und daher erst während des Entzugs, wenn der Schaden bereits irreversibel ist, zum Vorschein kommen. Das kann zu lebenslanger Neuroleptika-Einnahme führen. Breggin beschreibt auch, wie psychiatrische Psychopharmaka das Gehirn gewissermaßen schrumpfen lassen und über die kurzfristige Ruhigstellung und Behinderung intellektueller Prozesse hinaus bleibende kognitive (die Denkfähigkeit betreffende) Defizite verursachen. Er nennt die seuchenartige Ausbreitung der neuroleptikabedingten tardiven Dyskinesien (oft irreversible Bewegungsstörungen) eine physisch bedingte »iatrogene (vom Arzt verursachte) Tragödie« und appelliert an die Ärzteschaft, die Verantwortung für die Schädigungen zu übernehmen, die Millionen von Menschen in der ganzen Welt erleiden. Neben Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei neu entwickelten Clozapin5-artigen (›atypischen‹) Neuroleptika wie Zyprexa6 oder Serdolect7 insbesondere mit tardiven Psychosen zu rechnen: der Verschlechterung oder Chronifizierung von psychotischen Zuständen als Resultat behandlungsbedingter Rezeptorenveränderungen – ein Schaden, auf den Robert Whitaker (2002, S. 253-286) und Peter Lehmann (1996, S. 99-104; 2003) aufmerksam machen.

Im Gegensatz zum medizinischen Modell respektiert das humanistische und psychologische Modell die Menschenrechte, insbesondere im Hinblick auf Einweisung und Zwangsbehandlung. Aber dieses Modell ist in unserer Gesellschaft nicht gebräuchlich.

So gesehen wirkt das medizinische Modell sowohl niederträchtig als auch töricht. Es ist eine Laienreligion, aber auch eine massive Bedrohung unserer Rechte ebenso wie unserer Fähigkeit, mit Logik und Verstand solch komplizierte Dinge wie Medizin und Krankheit zu betrachten. Das medizinische Modell lehrt die ursächliche Vorbestimmtheit allen Geschehens: Freiheit und Verantwortung, gut und böse, Wahlmöglichkeit und Vernunft werden von ihm ausgelöscht. Das hat enorme politische Auswirkungen. Wir werden geführt und kontrolliert. Wir werden auf Linie gebracht, korrigiert und geleitet von Sozialbürokratien, der gewaltigen Kreatur der Staates, Anstalten, gemeindepsychiatrischen Einrichtungen oder privaten Kliniken.

Hinter den Vorstellungen von psychischer Gesundheit und psychischer Krankheit steckt eine gigantische Industrie mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen, mit Zuschüssen und Ausgaben, Doktoren, Krankenschwestern und -pflegern, ein totales Überwachungssystem mit geschlossenen Abteilungen und entsprechenden Hilfsmitteln, Sicherheitspersonal und technischen Vorrichtungen, Herstellerfirmen von Gerätschaften für Fixierung, Überwachung und Elektroschocks; schließlich ist da noch die Pharmaindustrie selbst, zusammen mit der Rüstungsindustrie weltweit der größte und ertragreichste Industriezweig. Im Umfeld gibt es Tausende von Zulieferfirmen, Zeitschriften und Bildungseinrichtungen, die Anerkennungs- und Beglaubigungsbürokratie, Aktenverwalter und andere Büroangestellte, Tagungsstätten und Ausbildungszentren, Bauunternehmer und Wartungspersonal, die ganzen Ausstattungsfirmen und Geldgeber, Versicherer und schließlich Rechtsberater und Buchhalter.

Ständig ertönt der Ruf nach mehr Geld, nach mehr Forschung zu psychiatrischen Krankheiten, nach mehr Einrichtungen zur Unterbringung und Absonderung, nach größerem Spielraum bei Einweisung und geschlossener Unterbringung. Gleichzeitig wird mit erbärmlicher Heuchelei die salbungsvolle Bitte vorgetragen, doch mehr Toleranz und Verständnis aufzubringen, wobei noch weitergehende Krankheitsvorstellungen gezimmert werden, dass wir alle mehr oder weniger Keime psychischer Krankheit in uns tragen und einer immer umfassenderen und tiefgreifenderen Behandlung bedürfen.

In all dem stecken so viel Geld und Macht, Arbeitsplätze und Karrieren, dass die Kirche mit ihren sozialen Normen als mächtigste Einrichtung zur Kontrolle der Gesellschaft in den Schatten gestellt wurde. Darüber hinaus sind die psychiatrischen Kriterien gesetzlich abgesichert und juristisch durchsetzbar; das heißt im Unterbringungsverfahren geht es um Freiheit und Gefangenschaft. Dies gilt auch für die Psychiatriegesetze und die Vormundschaft, heute ›Betreuung‹, die einem Individuum die Fähigkeit abspricht, selbstständig persönliche Entscheidungen zu treffen. Alles, was sein weiteres Schicksal betrifft, wird von Dritten entschieden. Eine Person, die der psychischen Krankheit überführt wurde, existiert rechtlich nicht mehr, ihr selbstständiger Status und ihre persönliche Identität sind ausgelöscht: Das betrifft alle Bereiche der Lebensgestaltung und des Selbst.

Der Glaube an eine eingebildete, trügerische Krankheit ist fest verankert. Die sozialen Kontrollmöglichkeiten sind – zufällig oder absichtlich – derart überwältigend, dass ihr Missbrauch nicht etwa ungewollt ist, sondern bewusster Bestandteil des Konzepts. Ergebnis und tatsächlicher Zweck ist die Schaffung zwanghafter sozialer Konformität. Sogar die Inquisition verblasst neben solchen Erfindungen. Es ist nicht leicht, an den Terror heranzureichen, der von elektroschockbedingten Krampfanfällen, von Vierpunktfixierungen und massiven Spritzen verstandestötender Psychopharmaka ausgeht. Dieses System ermöglicht die Anwendung totalen Zwangs und schafft völlige Hilflosigkeit.

Natürlich ummanteln soziale Institutionen im Allgemeinen solche Aktivitäten. Normalerweise sind sie in das Alltagsleben integriert, werden als gegeben hingenommen, als unvermeidbar oder nützlich akzeptiert, als allgemeiner Bestandteil unserer Zivilisation oder gar als Erlösung. Bedenken Sie die Macht und die Struktur der staatlichen Psychiatrie, einer Einrichtung, deren Geltungsbereich, Größe und Komplexität, Ausweitung und Effizienz von internationalem Zuschnitt ist. Bedenken Sie den Einfluss der Psychiatrie in Schulen und Universitäten, in unserem gesamten Beschäftigungssystem, ihren Einfluss auf alle Fragen unserer Gesundheitsversorgung, auf das Wohlfahrtssystem, auf öffentliche Hilfe, staatliche Subventionen, auf das private Miteinander. Vor allem aber bedenken Sie die kulturelle Akzeptanz und die gesellschaftliche Anerkennung der Psychiatrie, die hehren Ziele der ›helfenden Berufe‹, laut sozialem Konsens höchst ehrenwerte und von größter Nächstenliebe geprägte Ziele. Ist deren Mission nicht göttlich, nicht heilig, dann wenigstens vornehm und edel, eine Offenbarung wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit, unsere moderne weltliche Religion. Wenn es sich auch um eine Pseudowissenschaft handelt: der Wunsch, daran zu glauben, hat die Suche nach Fakten und Beweisen ersetzt. Behauptungen werden als Tatsachen akzeptiert.

Wie kann eine Einbildung die Macht des Faktischen erlangen? Dadurch, dass die Beherrschten an sie glauben und sie billigen. Wie jeder Aberglaube hat auch dieses System aus Gedankenkonstrukten enorme Macht. Aber da es auf Panzerglas, Schlüsseln und Polizeigewalt beruht, wäre diese Macht auch existent, wenn wir nicht an sie glaubten. Trotzdem bekommt sie durch unseren Glauben noch größeren Einfluss. Gottgleiche Macht hat sie gehabt für uns, die wir physisch und psychisch ihre Gefangenen waren.

Wir sind Überlebende eines der übelsten Unterdrückungsapparate, die je entwickelt wurden, seine Opfer ebenso wie seine KritikerInnen. Wir müssen die Wahrheit erzählen und klarstellen, dass psychische Krankheit ein Phantom ist, sowohl intellektuell als auch wissenschaftlich, aber auch ein System zur sozialen Kontrolle von noch nie da gewesener Gründlichkeit und Allgegenwart. Es ist unsere Aufgabe, dieses Phantom als solches bloßzustellen und uns alle zu befreien – denn wir alle werden vom Phantom psychische Krankheit eingeschüchtert, eingeschränkt und unterdrückt. Wir setzen Vernunft gegen Irrtum und Aberglauben, Phantasie gegen Anpassung und Unterdrückung. Was für ein Glück, an einem solchen Kampf für Freiheit und Menschenrechte teilzuhaben.

Fußnoten

1Dieser Artikel basiert auf einer Vorlesung zum Thema Justiz und Medizin, die Kate Millett 1992 an der Juristischen Fakultät der Law of Queen’s University of Kingston, Ontario/Kanada, hielt. Kate Millett überarbeitete ihre Vorlesung und veröffentlichte sie unter dem Titel »Legal rights and the mental health system« im Queen’s Law Journal, Bd. 17 (1992), Nr. 1, S. 215-223. Diese Version ist eine gekürzte und aktualisierte Fassung. (P.L.)

2Im Handel als Haldol, Haloperidol (P.L.)

3Im Handel als Melleril, Thioridazin (P.L.)

4Im Handel als Fluphenazin (P.L.)

5Im Handel als Clopin, Clozapin, Leponex (P.L.)

6Wirkstoff Olanzapin; im Handel als Olanpax, Olanzapin, Zalasta, ZypAdhera, Zyprexa (P.L.)

7Wirkstoff Sertindol; im Handel als Serdolect (P.L.)

Quellen

Breggin, P. R.: »Brain damage, dementia and persistent cognitive dysfunction associated with neuroleptic drugs«, in: Journal of Mind and Behavior, Bd. 11 (1990), S. 425-463

Lehmann, P.: »Schöne neue Psychiatrie«, Bd. 1: »Wie Chemie und Strom auf Geist und Psyche wirken«, Berlin 1996 (E-Book-Ausgabe 2022)

Lehmann, P.: »›Atypische‹ Neuroleptika, typische Unwahrheiten«, in: Pro Mente Sana Aktuell, 2003, Nr. 1, S. 16-18; im Internet unter www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/atypische.htm – Zugriff am 3.3.2007

Whitaker, R.: »Mad in America«, Cambridge: Perseus Publishing 2002

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Stamp und Rainer Kolenda

Uta Wehde

Antipsychiatrische Angehörigenarbeit Von der unbändigen Wut zum anhaltenden Engagement für Alternativprojekte

Stellen Sie sich vor, es geht Ihnen sehr schlecht, Sie sind traurig, können nachts nicht schlafen, Sie haben Angst, und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereinen sich in den dunkelsten Bildern und Farben. Sie fühlen sich nicht erst seit einem Tag so, sondern seit längerer Zeit, und manchmal denken Sie daran, Ihrem Leben ein Ende zu setzen.

In dieser Situation steckte mein Bruder im Sommer 1979. Nicht zum ersten Mal ging er zum Psychiater – eher unwillig, auf Bitten meiner Eltern, die damals keine andere Möglichkeit sahen. Mein Bruder war 22 und studierte.

An jenem Tag teilte der Psychiater ihm, der hoffnungslos und schweigend vor ihm saß, sinngemäß Folgendes mit: Sie werden Ihr Studium nie abschließen können! Sie sind unheilbar krank und gehören in eine psychiatrische Anstalt!

Einen Tag danach hängte mein Bruder sich auf. Der Psychiater, der meinen Bruder als sehr suizidal eingeschätzt hatte, begründete später sein ›therapeutisches‹ Vorgehen ›Wie mache ich einen Menschen noch depressiver, als er sowieso schon ist?‹, es solle beim Depressiven Widerstände und Gegenreaktionen provozieren, ihn wachrütteln.

Mein Bruder hat bestimmt viele Gründe gehabt, sich selbst zu töten. Er stand am Abgrund, bereit zu springen, und dieser Psychiater hat nichts getan, ihn davon abzuhalten – im Gegenteil, er hat ihm den letzten Stoß gegeben.

In dieser Erfahrung liegt der Grund für mein antipsychiatrisches Engagement. Als Sechzehnjähriger offenbarten sich mir auf sehr schmerzliche Weise Brutalität und Zynismus des psychiatrischen Systems, dessen Behandlungsmethoden schon viele Identitäten ausgelöscht haben. Ich brauchte sie nicht zu durchschauen, sie nicht zu analysieren, die Logik psychiatrischen Denkens und Handelns, ich erfuhr ihre Unmenschlichkeit!

Seitdem trug ich einen tiefen Hass in mir, eine unbändige Wut, aber zusätzlich Gefühle von Ohnmacht. Als ich 1987 begann, in einem antipsychiatrischen Verein mitzuarbeiten, konnte ich mich von meinem Hass befreien, ihm eine andere Gestalt verleihen, ihn konstruktiv umwandeln. Und nicht nur das, durch diese Arbeit habe ich Fundamentales gelernt – über mich und über die Gesellschaft, in der wir leben. Einer Gesellschaft, in der die psychiatrische Logik das alltägliche Denken tief durchdrungen hat. Bei Veranstaltungen oder persönlichen Gesprächen stellte ich immer wieder fest, wie stark die Abwehr ist, dieser Logik den Laufpass zu geben.

Insbesondere sogenannte ExpertInnen, zu denen ich als Psychologin auch gehöre, sind eine stark gefährdete Gruppe; entsprechend sozialisiert durch ihr Studium, geraten sie schnell in die Einbahnstraße des diagnostischen Blicks und merken oft nicht, welche Mauern sie um andere, aber auch um sich selbst bauen. Im Rucksack das Krankheitsmodell, den Diagnoseschlüssel und die passende Begrifflichkeit – damit lässt es sich gut leben, oder? Ich bin gesund und die anderen sind krank, ich bin normal und sie sind schizophren, ich bin der Experte und sie sind die Patienten, ich bin wissend und sie sind Deppen. Es ist wie im Märchen »Des Kaisers neue Kleider«: Das psychiatrische System schmückt sich mit vielerlei Begriffen und Theorien und stolziert aufgeplustert als Wissenschaft durch die Welt. Und wenn wir genauer hinschauen, wenn wir seine Theorien, Begriffe und Behandlungsmethoden hinterfragen? – Dann bleibt nichts übrig als seine erbärmliche Nacktheit. Aber das System ist mächtig wie ein Kaiser, ermächtigt, hofiert und getragen von der herrschenden Normalität. Antipsychiatrie stellt im Kern diese Normalität infrage, diesen Gradmesser, den wir alle in uns tragen, der auch uns diszipliniert. Antipsychiatrie geht letztlich uns alle an, genauso wie die Normalität, in der wir leben.

Vor diesem Hintergrund sind mir – als engagierter Angehöriger – eine andere Normalität und eine auf den Erfahrungen und Kenntnissen von Betroffenen basierende Wissenschaft ebenso wichtig wie der Aufbau von konkreten Alternativen für Psychiatriebetroffene. So war es nur folgerichtig, dass ich mich im Lauf meines antipsychiatrischen Engagements für den Aufbau des Weglaufhauses in Berlin engagierte; und nachdem wir es in fünfzehnjährigem Kampf durchsetzt haben, bin ich jetzt im Für alle Fälle e.V. aktiv, einem Verein, der sich Fortbildung aus der Sicht von unabhängigen Betroffenen und nutzerkontrollierte Forschung auf seine Fahnen geschrieben hat.

Konkrete Alternativen

Einleitung

Wenn Menschen mit Psychiatrieerfahrung ihr Leben in die Hand nehmen, um einen Beitrag zur eigenen Gesundung zu leisten – vorausgesetzt sie waren je in einem als »krank« bezeichneten Zustand –, soll man das als »Non-Compliance« und »Doktorspielen« bezeichnen oder als autonomes Verhalten? Als Mediziner will man von Haus aus nicht, dass die PatientInnen ihre Krebse, Magengeschwüre und Infektionen selbst behandeln; oder dass sie irgendwo in ihren Speisekammern eine Kräuter- und Säftesammlung horten, mit der sie ihren alltäglichen und besonderen Wahnsinn austreiben wollen. Und trotzdem melden sich in den folgenden Kapiteln – neben professionell Tätigen, die von Ansätzen angemessener und wirksamer Hilfe für Menschen in psychosozialer Not berichten – Psychiatriebetroffene zu Wort, die aus vielen Gründen eben zu »Hausmitteln« gegriffen haben, teils aus Verzweiflung an der Psychiatrie und ihren oft erfolglosen oder gar schädigenden Methoden, teils aus Umsicht, Neugier oder Eigeninitiative. Selbstheilungsmechanismen waren schon lange vor der sogenannten psychopharmakologischen Revolution bekannt, sogar unter Psychiatern.

Viele recht einfache und einsichtige Methoden wurden von Psychiatriebetroffenen immer wieder neu entdeckt, vor allem wenn sie in der Haltung unterstützt wurden, dass solches Experimentieren gerade im psychosozialen Bereich besonders wünschenswert sei. Psychiater sind üblicherweise diejenigen Ärzte, die sich am meisten nach erfolgreichen Therapien sehnen und deshalb zwanghaft sogar an unbewährten festklammern. Wenn aber PatientInnen ermutigt werden, im persönlichen Bereich einen Heilungsweg zu finden, dann geschieht dies auch in zunehmendem Maße. Leider verbringen viele oft Jahre unnötigen Leidens, bis sie zu einer Erkenntnis gelangen, wie sie der in Deutschland lebende Bert Gölden beispielhaft schildert, als er nach dem Absetzen der Psychopharmaka erkannte:

»Heute, wo ich keine Psychopharmaka mehr einnehme, wird mein Dasein wieder von Angst begleitet, das heißt, ich habe 21 wertvolle Jahre meines Lebens verschenkt und vergeblich auf Besserung oder Heilung gehofft. Ich befinde mich wieder am Anfang und muss einen neuen Weg der Behandlung suchen (...). Erkenne dein Leiden und sei dein eigener Therapeut – hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.« (2019, S. 100 / 103)