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Mein Sohn stotterte stark. Er und ich, wir litten beide sehr darunter. Ich fragte den Kinderarzt: "Kann man da garnichts machen?" Antwort: "Ich kann Ihnen Logopädie verschreiben." Ich fragte: "Hilft das?" Antwort: "In der Regel nicht." Wir fanden keine Hilfe. Literatur war verwirrend. Als Teenager brachte mein Sohn sich autodidaktisch das flüssige Sprechen bei. Seit er 17 ist, stottert er nicht mehr. Von Beruf bin ich Hebamme. Mit 40 studierte ich Soziale Vehaltenswissenschaften, Schwerpunkt Psychotherapie, integrativ. Danach lernte ich den Stottertherapeuten kennen. Er war selbst ein sehr starker Stotterer gewesen, konnte sich aber jetzt in jeder Gesprächssituation sicher bewegen. Erst mit 30 Jahren hatte er angefangen, sich konsequent aus dem Stottern heraus zu arbeiten. Vor dieser Leistung hatte ich größten Respekt! Er eröffnete sein eigenes Stottertherapie-Institut, um seine Methode weiter zu geben. Ich hospitierte. Ich dachte: „Nur ein Stotterer kann wissen, welche Elemente aus den Therapien wirksam sind. Später arbeitete ich als Praktikantin mit. Ich habe viel von ihm gelernt, auch von den vielen stotternden KlientInnen. So wurde ich zur Sprachtherapeutin. Mit der Zeit entwickelte ich ein schlüssiges Gesamtkonzept. Nun möchte ich mein Wissen weiter geben. Ich hoffe, dass es vielen Stotternden Menschen nützt, auch ihrem sozialen Umfeld und ebenso den Berufsgruppen, die mit stotternden Menschen arbeiten.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Annie Stopper …
... ist mein Pseudonym.
Annie Stopper ist erreichbar unter:
https://fluessig-sprechen-lernen.jimdofree.com/kontakt/
oder per E-Mail: AnnieStopper(at)posteo.de
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Zum Schutz der Personen, die in diesem Buch vorkommen, sind die Namen aller Personen, Orte und Jahreszahlen
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Impressum
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
ISBN 978-3-947934-57-7
Umschlag: Annie Stopper
Alle Rechte bei der Autorin
Copyright (2021)
Hergestellt in Oranienbaum-Wörlitz
Kontakt & Bestellung:
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Dieses Buch ist auch als Printversion erhältlich mit der
ISBN 978-3-947934-02-7
WIDMUNG
allen stotternden Menschen
groß und klein
und ihren Angehörigen
die mit ihnen leiden -
- möge dies Buch weiter helfen!
Vorwort
Stotternde Menschen leiden unter ihrem Stottern. Stotternde Kinder leiden unter ihrem Stottern, und die Eltern leiden mit. Die Not ist groß. Nur wenig Hilfe ist in Sicht. Möge dies Buch neue Perspektiven bringen!
ich stelle mich vor
Mein Name ist Annie Stopper. Ich bin 1960 geboren und mein Sohn ist erwachsen. Im Kindergartenalter hat er angefangen, sehr stark zu stottern, und litt darunter. Ich litt mit. Selbstverständlich versuchte ich zu helfen, so gut ich konnte. Ich hörte ihm interessiert, konzentriert und geduldig zu. Doch letztlich war ich hilflos, ratlos. Literatur und andere Informationen waren nicht hilfreich, sondern verwirrend.
Der Arzt bot Logopädie an. „Hilft das?“, fragte ich. „In der Regel nicht“, lautete die Antwort. Dann können wir uns das ja sparen, entschieden wir.
Im Alter von 17 Jahren hat mein Sohn gar nicht mehr gestottert. Heute weiß ich, dass das keine Spontanheilung war. Im Alter von 13 Jahren fing er an, sich autodidaktisch flüssiges Sprechen beizubringen. Ich nahm eine hohe Konzentration nach innen wahr, ein Ausprobieren und Suchen: „Wie schaff' ich's flüssig?“ Gleichzeitig begann Musikunterricht: Ein kräftiges Blasinstrument stärkte Zwerchfell und Atemmuskulatur. Mit 16 gab es nur noch vereinzelte Stotter-Elemente, die bei mir noch große Ängste auslösten: „Fängt es wieder an?!“ Doch mit 17 war sein Sprechen sicher und beständig flüssig! Welche Erleichterung! Vor allem aber eine große Leistung!
Das kann ich allerdings erst in der Rückschau verstehen. Denn von Beruf war ich nicht Sprachtherapeutin, sondern Hebamme. Mit 40 studierte ich soziale Verhaltenswissenschaften mit Schwerpunkt Psychotherapie, integrativ. Individual-, Gruppen- und Massenpychologie gehörten dazu sowie tiefenpsychologische, Verhaltens- und systemische Therapie. Wir lernten unterschiedlichen Störungen kennen und wo welche Therapieformen Sinn machen.
Einige Jahre später lernte ich den Stottertherapeuten kennen. Gerade, als mein Sohn sicher flüssig sprach. Er war aus einer Großstadt zugezogen und lebte nun im gleichen Dorf wie ich.
der Stottertherapeut
Wir lernten uns zufällig kennen. Er war ein sehr starker Stotterer gewesen, bis er 35 Jahre alt war. Bis dahin brachte er niemals auch nur ein einziges Wort flüssig und stotterfrei heraus. Mehrere Stottertherapien und -selbsthilfegruppen hatte er von Kindheit an besucht - erfolglos. Manche waren rein psychologischer Ausrichtung, andere legten ihren Schwerpunkt auf Techniken. In seinem Bücherregal stand eine Videokassette, aufgenommen in einem der renommiertesten Stottertherapie-Institute Europas. Auf dem Video stotterte er als 10jähriger bei Kursbeginn sehr stark und sprach am Kursende flüssig. Doch zurück zu Hause stotterte er wie zuvor. Daran änderte auch die Videokassette nichts. Leider.
Als er 35 Jahre alt war, wurde es ihm ernst: „Jetzt mache ich die Übungen, regelmäßig und konsequent!“ Er setzte sein Vorhaben in die Tat um, täglich, konzentriert. „Und wenn die Welt untergeht - ich mache meine Übungen!“ Als ich ihn 10 Jahre später kennen lernte, konnte er sich in jeder Gesprächssituation sicher bewegen.
Ich erkannte die beeindruckende Leistung, die darin steckte. „Wenn überhaupt jemand weiß, welche Elemente in den Therapien wirksam sind, dann ein Stotterer, der sich selbst aus dem Stottern heraus gearbeitet hat“, das war mir klar. Und als ich hörte, dass er seine Methode nun „auf den Markt bringen“ wollte, indem er sein eigenes Institut eröffnete, fand ich dieses Vorhaben spannend und blieb dran.
So war ich von Anfang an dabei. Zuerst hospitierte ich, später arbeitete ich als Praktikantin mit. Ich lernte viel von ihm. Ein wenig auch aus den Lehrbüchern, die er mir gab, da er mir half, die Inhalte sinnvoll zu selektieren. Über die Jahre setzte ich mich mit stark oder schwächer stotternden KlientInnen auseinander. Ich analysierte, was der Stottertherapeut tat, und erkannte den Wert für die Stotternden KlientInnen. Auch manche Lücken und Schwachstellen entdeckte ich und optimierte. Nach und nach wurde ich zur Spezialistin. Ich entwickelte didaktisches Material, um die Inhalte auf einfache Weise vermitteln zu können. Mit der Zeit wurde daraus ein schlüssiges Gesamtkonzept für Erwachsene und auch für Kinder in ihren Familien. Dies ist inzwischen gut ausgereift. Nun möchte ich es der Öffentlichkeit vorstellen.
der Stottertherapeut
Wir lernten uns zufällig kennen. Er war ein sehr starker Stotterer gewesen, bis er 35 Jahre alt war. Bis dahin brachte er niemals auch nur ein einziges Wort flüssig und stotterfrei heraus. Mehrere Stottertherapien und -selbsthilfegruppen hatte er von Kindheit an besucht - erfolglos. Manche waren rein psychologischer Ausrichtung, andere legten ihren Schwerpunkt auf Techniken. In seinem Bücherregal stand eine Videokassette, aufgenommen in einem der renommiertesten Stottertherapie-Institute Europas. Auf dem Video stotterte er als 10jähriger bei Kursbeginn sehr stark und sprach am Kursende flüssig. Doch zurück zu Hause stotterte er wie zuvor. Daran änderte auch die Videokassette nichts. Leider.
Als er 35 Jahre alt war, wurde es ihm ernst: „Jetzt mache ich die Übungen, regelmäßig und konsequent!“ Er setzte sein Vorhaben in die Tat um, täglich, konzentriert. „Und wenn die Welt untergeht - ich mache meine Übungen!“ Als ich ihn 10 Jahre später kennen lernte, konnte er sich in jeder Gesprächssituation sicher bewegen.
Ich erkannte die beeindruckende Leistung, die darin steckte. „Wenn überhaupt jemand weiß, welche Elemente in den Therapien wirksam sind, dann ein Stotterer, der sich selbst aus dem Stottern heraus gearbeitet hat“, das war mir klar. Und als ich hörte, dass er seine Methode nun „auf den Markt bringen“ wollte, indem er sein eigenes Institut eröffnete, fand ich dieses Vorhaben spannend und blieb dran.
So war ich von Anfang an dabei. Zuerst hospitierte ich, später arbeitete ich als Praktikantin mit. Ich lernte viel von ihm. Ein wenig auch aus den Lehrbüchern, die er mir gab, da er mir half, die Inhalte sinnvoll zu selektieren. Über die Jahre setzte ich mich mit stark oder schwächer stotternden KlientInnen auseinander. Ich analysierte, was der Stottertherapeut tat, und erkannte den Wert für die Stotternden KlientInnen. Auch manche Lücken und Schwachstellen entdeckte ich und optimierte. Nach und nach wurde ich zur Spezialistin. Ich entwickelte didaktisches Material, um die Inhalte auf einfache Weise vermitteln zu können. Mit der Zeit wurde daraus ein schlüssiges Gesamtkonzept für Erwachsene und auch für Kinder in ihren Familien. Dies ist inzwischen gut ausgereift. Nun möchte ich es der Öffentlichkeit vorstellen.
mein persönliches Forschen
Nach der Statistik stottern 80 von 100 stotternden Kindern im Alter von 18 Jahren nicht mehr. Diese 80 % werden als „Spontanheilungen“ bezeichnet. Diese Theorie stelle ich seit geraumer Zeit in Frage, und zwar aus meinen eigenen Erlebnissen mit stotternden Menschen. Am meisten lernte ich von den vielen KlientInnen in den Kursen.
Im Laufe der Jahre habe ich sehr viele flüssig sprechende, ehemals stotternden Menschen interviewt und letztlich erzählten mir alle das gleiche. Manche hatten schon gründlicher reflektiert und konnten es sicher beschreiben, andere mussten nach Worten suchen. Intraspektive Personen konnten mir detailliertere Auskünfte geben als andere, denen die Intraspektion weniger liegt. Doch inhaltlich glichen sich die Schilderungen verblüffend.
Meine Frage war: Wie kommt es, dass sie jetzt nicht mehr stotterten? Die meisten waren mit ihrem Stottern ganz alleine gewesen. Sie hatten nie eine Stottertherapie gemacht und auch keine logopädischen Behandlungen bekommen. War das Stottern „eines Tages verschwunden“, „ganz von selbst“, „einfach so“? Nein, das war nicht der Fall. Nur zwei oder drei Mal habe ich das gehört, als seltene Ausnahme. In der Regel hörte ich etwas ganz anders.
Mit drei Personengruppen sprach ich:
I - Erwachsene, die im Erstgespräch eines Kurses gar nicht stotterten
II - Eltern stotternder Kinder, die früher selbst gestottert haben
III - Ehemals stotternde Personen, die ich außerhalb der Stottertherapie kenne
I - Erwachsene, die im Erstgespräch nicht stottern
Als erstes ist die Gruppe erwachsener TeilnehmerInnen einer Stottertherapie zu nennen, die im Erstgespräch gar nicht stotterten. Ich fragte sie: „Warum besuchst du einen Kurs, obwohl du jetzt flüssig sprichst?“ Sie berichteten, dass sie irgendwann selbst heraus gefunden hatten, wie sie in eine flüssige Sprechweise hinein kommen. Es hatte etwas mit „Ruhe“ zu tun, mit “ruhig werden“, „innerlich zur Ruhe kommen“, mit „ruhig atmen“. Auch das Element „langsam“ spielte eine Rolle. Doch es waren „Stotter-Reste“ und Unsicherheiten geblieben. In bestimmten Situationen trat das Stottern nach wie vor auf. Davor hatten sie Angst. Darum nahmen sie am Kurs teil.
II - Eltern, die früher selbst gestottert haben
Eine weitere Gruppe bestand aus den Eltern stotternder Kinder, überwiegend Mütter. Sie hatten früher selbst gestottert und stotterten im Alter von 16, 17 oder 18 Jahren gar nicht mehr. „Ist das Stottern damals verschwunden, einfach so, wie von selbst?“, fragte ich auch sie. Nein, war die regelmäßige Antwort. Sie beschrieben auf ähnlich Weise wie die erste Gruppe, dass sie sich aktiv aus dem Stottern heraus gearbeitet hatten, autodidaktisch. Auch in dieser Gruppe hörte ich fast nie, dass das Stottern irgendwann „einfach von selbst“ verschwunden war.
III - ehemals stotternde Personen von außerhalb
Als dritte Gruppe möchte ich einige ehemals stotternden Menschen erwähnen, die ich außerhalb der Stottertherapie kenne. Bei manchen war ich nicht sicher, ob ich Stotter-Rest-Elemente in der Sprache definierte, und fragte vorsichtig nach: Ja, sie hatten als Kinder und Jugendliche stark gestottert und irgendwann herausgefunden, wie sie es überwinden können.
Wieder andere erzählten mir freimütig von sich aus: „Ich war auch starker Stotterer!“, wenn sie hörten, dass ich Stottertherapie mache. Auch bei ihnen war das Stottern nicht irgendwann „einfach so weg“ gewesen. Alle hatten sich selbst beobachtet und den Weg aus dem Stottern heraus gefunden. Sie hatten autodidaktisch gelernt und über lange Zeit trainiert.
Im Prinzip erklärten mir alle das gleiche, was wir lehrten. Sie fanden dafür ihre eigenen Worte, ihre individuelle Ausdrucksweise. Sie konzentrierten sich nach innen, achteten auf ihren Atem und auf ein gleichmäßiges ruhiges Sprechen auf der Ausatmung. Sie hatten es autodidaktisch durch Selbstbeobachtung gelernt und aus Eigenmotivation trainiert.
So wurden mir diese Gespräche immer wieder neu zur Bestätigung, dass wir mit unserer Stottertherapie auf dem richtigen Weg sind.
Stotter-Behandlungen in Europa
Für die meisten unserer KlientInnen war es nicht die erste Behandlung, wenn sie zu uns kamen. Das kam zwar vor, aber eher seltener. Die meisten hatten schon einen langen Weg hinter sich. Mindestens zwei Drittel hatten sich schon viele Jahre erfolglos mit Logopädie gemüht. Ebenso viele hatten schon eine oder mehrere Stottertherapien absolviert.
Es war ihnen ein tiefes Bedürfnis, über diese Erfahrungen zu sprechen. Dem kam ich immer gerne entgegen. Zum einen konnte ich mit ihnen sortieren: Was war hilfreich gewesen, was war überflüssig, war war womöglich kontraproduktiv? Wo waren Lücken oder Irrtümer? In diesen Gesprächen konnten wir viele verunsichernde Unklarheiten beseitigen und damit neue Perspektiven und realistisch begründet Hoffnungen wecken, die sich motivierend auswirkten. In der Therapie konnte ich dann die positiven Elemente aus früheren Therapien verstärken und arbeitete gezielt daran, die Lücken zu füllen.
Gleichzeitig bekam ich tiefe Einblicke in die Behandlungsangebote für stotternde Menschen in Europa, überwiegend in Deutschland, aber auch weit über die deutschen Grenzen hinaus, von den Niederlanden über die Schweiz bis nach Kroatien und sogar aus der Türkei!
Dadurch konnte ich viel lernen. Beispielsweise war eine reine Atemtherapie schon sehr, sehr hilfreich gewesen. ATEMÜBUNGEN und NEUE SPRECHWEISE kamen fast überall vor. Doch auch die psychologischen Aspekte waren von großer Bedeutung, wobei ich hier die meisten Unsicherheiten erlebte.
Manchmal saßen allerdings Menschen vor mir, die nicht nur stotterten, sondern zusätzlich massive psychische oder soziale Probleme mitbrachten. Es hätte den Rahmen der Stottertherapie gesprengt, diese Problematik anzugehen. Da habe ich dann in Einzelgesprächen eine weiterführende Vorgehensweise vorgeschlagen, beispielsweise eine Traumatherapie, einen Schulwechsel oder einen Umzug.
eine Methode nur für Erwachsene?
Der Stottertherapeut war überzeugt, dass seine Methode nur für Erwachsene taugt, im besten Fall auch für größere Teenager. „Eigenmotivation!“ betonte er immer wieder, „Eigenmotivation ist alles! Und die haben Kinder nicht.“
Damit hatte er recht. Einerseits. Dennoch konnte ich mich nicht damit abfinden. Ein Kind soll also stottern, diese Hirnstrukturen sollen sich verfestigen - und erst im Erwachsenenalter soll Hilfe angeboten werden? Das widersprach meinem Verständnis von Hirnentwicklung. Es entsprach auch nicht meiner Vorstellung von einfacher Heilung im frühen Stadium und ebenso wenig meiner Vorstellung von Kindererziehung.
„Was für Erwachsene die Eigenmotivation, das sind für Kinder die Eltern“, sagte ich zu dem Stottertherapeuten. Aber können Kinder ATEMÜBUNGEN lernen? Und können Eltern ihre Kinder zum regelmäßigen Trainieren motivieren? Er war skeptisch. „Also, ich mach' das nicht. Ich werde nicht mit Kindern arbeiten.“
Das war sicher besser so, denn mit Kindern konnte er wirklich nichts anfangen.
eine Methode auch für Kinder!
Ich hatte mit Kindern zu tun, seit ich selbst ein kleines Kind bin. Kleine Geschwister, kleine Cousinen und Cousins, kleine Nachbarjungen und -mädchen. Als Teenager war ich als Babysitter bei Eltern beliebt und gab Grundschulkindern Nachhilfe.
Mit 17 hatte ich meinen ersten Pädagogikunterricht in der Schule. Die Bücherregale in meiner Familie waren voller Erziehungs- und Pädagogikbücher mit unterschiedlichen Ansätzen. Ich verschlang sie, und später war ich selbst Mutter. Mutter eines stotternden Kindes. Ich musste einfach weiter darüber nachdenken! Die Methode des Stottertherapeuten war gut. Sie musste nur kindertauglich gemacht werden, familientauglich.
→ Einfach – einfacher – am einfachsten: So mussten die Übungen sein.
→ Aber nichts Wichtiges durfte fehlen! Das Essentielle musste enthalten bleiben.
→ Das wiederum müsste ich auf einfache Weise vermitteln.
Ich versuchte es. Es gelang. Das freute mich! Und die Eltern und Kinder ebenfalls. Logisch! Dies Buch soll dazu dienen, mein Wissen und meine Erfahrungen mit anderen zu teilen.
Lücken
Einmal hatte der Stottertherapeut Kontakt zu einer Logopädin mit eigener Praxis aufgenommen. Ich ging mit und wir unterhielten uns mit ihr. Sie war sehr skeptisch und ablehnend unserer Stottertherapie gegenüber. „Wir haben gelernt, dass ATEMÜBUNGEN nichts nützen“, sagte sie, „gerade vor kurzem hörte ich das wieder in einem Fachvortrag, ebenso wie damals in der Ausbildung.“
Ich fragte sie: „Bekommen Sie manchmal stotternde Kinder von den Kinderärzten, von der Krankenkassen geschickt?“ Ja, das war der Fall. Aktuell hätte sie einen 8-jährigen Jungen. „Was machen Sie mit ihm?“ Das interessierte mich natürlich.
Doch als ich ihre Antwort hörte, war ich sprachlos - es bedrückte und schockierte mich. Sie sagte: „Ich gehe mit ihm in den Laden und ermutige ihn, mit der Verkäuferin zu sprechen und sein Stottern nicht schlimm zu finden“. Sie wolle an der Sekundärproblematik arbeiten. Mehr wäre sowieso nicht möglich.
Das musste ich erst einmal verarbeiten. Der Junge tat mir leid. Es wäre doch viel mehr möglich gewesen! Ich dachte: „Ihr Fach ist die Sprache, doch sie arbeitet psychotherapeutisch - also fachfremd - und noch dazu kontraproduktiv!“ Nun verstand ich besser, warum so viele stotternde Kinder, Teenager und auch Erwachsene nichts von Logopädie hielten. Sie hatten jahrelange Behandlungen hinter sich und es hatte nichts genützt.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Was die Logopädin anzubieten hatte, war nicht „nichts“. Sie ermutigte den 8-jährigen und baute ihn seelisch auf. Das ist gut! Doch es fehlte vieles, was dem Jungen noch viel, viel weiter geholfen hätte.
Vielleicht schenke ich ihr dieses Buch. Vielleicht liest sie es. Vielleicht bietet sie ihren stotternden KlientInnen dann noch mehr hilfreiche Elemente an, wer weiß. Ich wünsche es ihnen - und ihr. Denn je besser wir weiter helfen können, desto zufriedener sind wir auch selbst.
Fortbildungen
Inzwischen durfte ich schon einige Logopädinnen fortbilden. Sie haben Fortbildung gesucht, weil sie mit stotternden Kindern überfordert waren und dazu lernen wollten. Sie alle haben bei mir gelernt, „ihre“ Stotterkinder flüssiges Sprechen zu lehren.
Einmal kam eine Logopädin auf mich zu mit dem Anliegen, ich solle sie mit den stotternden Kindern coachen, welche von Kinderärzten und Krankenkasse zu ihr überwiesen wurden. Sie lebte und praktizierte einige hundert Kilometer entfernt. Ich war sehr skeptisch: „Also, ich weiß nicht, nur übers Telefon, ob ich da vermitteln kann, worum es geht?“ Doch es gelang! „Ihre Stotterkinder“ erlernten flüssiges Sprechen. Sie wussten auch, dass sie noch lange weiter trainieren müssen. Die Logopädin war sehr zufrieden mit mir!
Das ermutigte mich! Als nächstes kam eine Logopädin aus der Nähe meines Wohnortes auf mich zu. Wir vereinbarten einen Termin für einen Kinder-Intensivkurs. Ein 5 - jähriger Junge kam mit seinen Eltern, und seine Logopädin kam mit. Für sie war es eine Fortbildung. Ich bat sie, skeptische Rückfragen nicht vor der Familie, sondern in den Pausen zu stellen. Doch anstelle der erwarteten Skepsis brachte sie mir Dankbarkeit entgegen: „Ich habe sehr viel dazu gelernt! Jetzt habe ich es verstanden! Ich werde mit ihm weiter trainieren!“ Auch das ermutigte mich.
Einmal wurde ich sogar von einer ganzen Logopädie - Praxis eingeladen. 6 Stunden verbrachte ich mit 6 LogopädInnen jeden Alters, alle mit reicher Berufserfahrung. Auch deren anfängliche Skepsis wich nach und nach und es war ein seltsames Erleben, dass meine Zuhörerinnen mitschrieben, was ich sagte. Zum Abschied ermutigten sie mich: „Annie, bilde bitte noch viele, viele LogopädInnen fort!“
Ich will mich nicht aufdrängen. Nun schreibe ich erst einmal alles auf.
Struktur
Die Informationen zum Thema sind in diesem Buch strukturiert aufgebaut. In der Therapie dagegen ist es besser, Theorie und Praxis nach individuellen Kriterien zu mischen. Manche KlientInnen lieben ausführliche theoretische Beratungsgespräche, andere bevorzugen praktische Übungen. Das merke ich im individuellen Kontakt während der Therapie. Lässt die Konzentration nach, ist eine Veränderung des Settings angesagt. Das gilt für theoretische wie praktische Sequenzen gleichermaßen. Dann geht es von der Theorie zur nächsten praktischen Übung, oder von der Praxis zur feed-back-Runde, und weiter zur nächsten theoretischen Einheit … auch Pausen müssen sein!
Denn die Inhalte, die zu vermitteln sind, müssen beim Gegenüber ankommen! Gute Didaktik ist hier besonders wichtig. Der Lehrplan darf nicht „durchgepeitscht“ werden. Statt dessen müssen die Inhalte komplett, aber individuell feinfühlig vermittelt werden. Auf keinen Fall darf geschehen, was wir alle aus langweiligen Schulstunden kennen: körperlich anwesend – innerlich ganz weit weg.
Zielgruppen
Mit diesem Buch möchte ich alle erreichen, die mit Stottern zu tun haben: die stotternden Personen selbst, ihr familiäres Umfeld und womöglich auch ihr weiteres soziales Umfeld wie LehrerInnen, FreundInnen oder KollegInnen stotternder Personen. Weiter möchte ich all diejenigen erreichen, die wegen des Stotterns gefragt werden, beispielsweise Kinderärzte. Und selbstverständlich diejenigen, die das Stottern in irgend einer Form behandeln, also LogopädInnen, SprachtherapeutInnen und StottertherapeutInnen.
Ich lerne immer gerne dazu. Andere Menschen auch. Mit ihnen möchte ich mein Wissen teilen - zum Wohl der stotternden Menschen!
Beginnen wir mit einem wunderbar ermutigenden Beispiel: Christian!
Beispiel: Christian
Christian, 22 Jahre alt. Er stotterte stark, seit er in den Kindergarten ging. Aktuell arbeitete er als Lagerist, um Geld zu verdienen. Sein Abitur lag nun fast ein Jahr zurück. Eigentlich wollte er studieren, doch das war mit seinem extrem starken Stottern Utopie, das wusste er. Aus diesem Grund war er bei uns.
Christian war Teilnehmer eines größeren 9-Tage-Kurses in den Osterferien. Als 19-jähriger hatte er schon einmal eine Stottertherapie in einem der renommiertesten Institute Europas besucht. Daher stand ein Video in seinem Bücherschrank, in dem er flüssige Sätze sprach. Doch leider nur im Video. Zu Hause stotterte er ebenso stark wie immer.
Er stotterte wirklich sehr, sehr stark. Am vierten Tag bekam er noch immer kein einziges Wort in der NEUEN SPRECHWEISE heraus. Das hatte ich in all den Jahren noch nie erlebt und war ratlos: „Bei ihm sind wir wohl an unserer Grenze angelangt“, sagte ich betrübt zu dem Stottertherapeuten. Doch der blieb cool: „Den knacken wir auch noch, warte ab!“ Er übernahm den fünften Tag.
Als ich am sechsten Tag wieder kam, strahlte Christian! Tags zuvor war er tatsächlich zum ersten Mal in die NEUE SPRECHWEISE hinein gekommen! Von nun an ging es rasant aufwärts. Bevor er anfing zu sprechen, legte er immer den ganzen rechten Oberarm nah an den Brustkorb, während der Unterarm mit der Hand in Tuchfühlung ging mit Brustkorb und Bauchdecke. Gegen Ende des Kurses wusste ich: „Jetzt schafft er es!“, sobald er diese Haltung einnahm. Überglücklich verabschiedeten wir uns, als der Kurs zu Ende war.
Ein gutes halbes Jahr später, im Herbst, kam er noch einmal, zum Auffrischen. Ich bat ihn zu erzählen, wie es ihm ergangen war.
Nach Kursende konnte er in fast allen Sprechsituationen die NEUE SPRECHWEISE anwenden. Doch nach 3 Wochen ging plötzlich garnichts mehr und er stotterte wie zuvor. Zudem meldete sich auch seine alte resignative Grundüberzeugung zurück, dass es für ihn eben doch keinerlei Hilfe gibt.
In diesem Moment mischte sich das SCHICKSAL ein, in diesem Falle hilfreich, in Form der Sandkastenfreundin von nebenan. Während des Kurses hatte Christian ihr jeden Abend ausführlich alles erzählt, was er bei uns lernte und erlebte. Nun erinnerte sie ihn an meine Worte: „Nach Kursende geht es gewöhnlich aufwärts - aber der Rückfall ins alte Stottermuster kommt fast immer! Das kann nach 3 Monaten sein, oder nach 3 Wochen ... dann heißt es: weiter machen mit den Übungen! Dran bleiben!“ Um ihn aus seiner Resignation heraus zu holen und ihn zu ermutigen, kaufte sie ein lustiges Spiel, bei dem viel gesprochen und gelacht wird. Sie motivierte Christian oft, es mit ihr zu spielen und dabei die ATEMTECHNIK und die NEUE SPRECHWEISE anzuwenden. So gelang es ihr, ihn aus der lähmenden Resignation heraus zu holen. Nun machte er wieder aktiv weiter mit seinen Übungen.
Während seiner Mittagspausen ging Christian dann regelmäßig in verschiedene Geschäfte, um das Anwenden der NEUEN SPRECHWEISE in der Realität zu trainieren. So hatten wir es im Kurs besprochen und eingeübt. Mal kaufte er nur ein belegtes Brötchen, andere Male ließ er sich ausführlich über einen bestimmten Fotoapparat oder einen Handyvertrag beraten. Nach und nach wurde er sicherer und auch seine Zuversicht wuchs: er wollte doch so gerne studieren! Das erschien ihm jetzt tatsächlich möglich!
All dies erzählte er in einer wunderbar flüssigen NEUEN SPRECHWEISE, sicher, fröhlich und auch stolz. Zu recht, denn das hatte er sich konsequent und hart erarbeitet! Damit gab er den „Neuen“ im Kurs ein leuchtendes Vorbild ab. Und ich, ich erlebte ihn beinahe wie ein Wunder, hatte ich doch geglaubt, dass wir mit ihm an unserer Grenze angelangt wären! Ich habe mich so sehr gefreut!
Als er fertig erzählt hatte, sagte ich es ihm: „Christian, das freut mich wirklich sehr, dich so zu erleben! Aber warum bist du hier? Du kannst es jetzt doch!“ Etwas unsicher kam die Antwort: „Ja, also, aber eins geht noch nicht: das Telefonieren.“ Ich musste lachen: „Christian, nach allem, was du uns eben erzählt hast, weißt du selbst die Antwort darauf!“ Er überlegte und fragte, noch immer unsicher: „Trainieren?“ „Na klar!“ antwortete ich, „so wie du täglich in irgend einem Geschäft die NEUE SPRECHWEISE übst, genauso übst du sie von nun an täglich auch am Telefon!“ Dann stiegen wir im Kurs gleich mit Telefon-Übungen ein.
Von Christian habe ich seither nichts mehr gehört.
Nun müssen wir uns der Theorie zuwenden. Auf Christian werden wir hier und da zurück kommen.
1. Basis - Infos
Stotternde Menschen sind meist unsicher, was ihr Stottern anbetrifft. Besonders Eltern stotternder Kinder erlebe ich fast immer extrem verunsichert: „Was haben wir falsch gemacht? Wie können wir es richtig machen?“ Ihre Ratgeber sind meist Nachbarn, Verwandte, Lehrkräfte und Kinderärzte. Diese Personen sind in der Regel schlecht informiert, weswegen sie zur allgemeinen Verunsicherung beitragen.
Doch Sicherheit ist die Grundlage für Motivation und damit für Erfolg. Und obwohl das Stottern noch längst nicht in allen Details erforscht ist, hier ein paar belegte Fakten als Basis-Wissen:
- Stottern ist genetisch, es ist Veranlagung.
- Stress ist eine auslösende, aufrechterhaltende und verstärkende Komponente. Normaler Alltagsstress reicht, es muss nicht „Das Schwere Trauma“ sein.
- Von 4 Personen, die stottern, sind 3 männlich und nur eine weiblich.
- Stottern tritt familiär gehäuft auf mit Neurodermitis und Asthma.
- Das Sprachzentrum ist anders gestaltet als bei flüssig-sprechenden Menschen.
- Auch Gebärdensprache wird übers Sprachzentrum gesteuert, aber da gibt es kein Stottern. Es hat also auch mit dem Sprechapparat zu tun.
- Die meisten stotternden Menschen erleben ihr Stottern bedrückend bis deprimierend. Manche können das kompensieren, andere resignieren.
- Die Auswirkungen der Pubertät aufs Stottern sind unvorhersehbar. Das Stottern kann leichter verschwinden – oder stärker werden.
- Es werden mehrere Arten des Stotterns unterschieden, insbesondere „tonisches“ und „klonisches“ Stottern. Die Therapie ist für alle Arten gleich.
- Stottern tritt in unterschiedlichen Schweregraden auf, von leicht bis sehr stark.
- Grimassieren bezeichnet das Verkrampfen weiterer Körperteile bei sehr starkem Stottern.
- Sekundärsymptomatik bezeichnet das Vermeidungsverhalten. Bestimmte Anfangsbuchstaben/ Wörter/ Satzstellungen werden vermieden nach dem Motto: „Lieber nichts sagen als zu stottern!“ oder gar: „Am besten mit niemandem reden!“
- Das kommt von negativen Erfahrungen: das Stottern selbst wird belastend erlebt. Dazu kommt die Reaktion des Gegenübers. Sprachliches Verbessern, Unterbrechen, Ungeduld, nicht Zuhören - selbst, wenn es gut gemeint ist.
- Darum ist das Stottern mit Gefühlen von Angst und Peinlichkeit verbunden.
- Diese Gefühle verstärken den inneren Druck: ein „Teufelskreislauf“.
- Eltern sind in der Regel nicht „schuld“ am Stottern ihrer Kinder. Im Gegenteil, meist unterstützen sie ihre stotternden Kinder liebevoll und oftmals aufwändig!
- Von 100 Personen, die als Kinder stotterten, stottern 80 Personen im Alter von 18 Jahren nicht mehr.
- Je früher Kinder lernen, ATEMÜBUNGEN und die NEUE SPRECHWEISE in ihren Alltag zu integrieren, desto sicherer gehören sie zu diesen 80%.
Stottern – was ist das?
Wer dies Buch zur Hand nimmt, weiß sicher, was Stottern ist. Dennoch einige kurze Erklärungen vorab.
Beim Stottern bezeichnet man das Wiederholen von Lauten und Silben, die Dehnung und das Blockieren von Sprechbewegungen als Primärsymptome. Von Sekundärsymptome spricht man auf weiteren Ebenen:
- Sprechtechnik: verändertes Sprechatmen, Veränderung der Sprechweise
- Sprache: Vermeiden problematischer Worte und Satzumstellungen
Versuchen wir, uns vorzustellen, was in solch einem Menschen vorgeht. Übertragen wir das Problem von den Sprachwerkzeugen auf die Hände. Stellen Sie sich vor, Sie wollen Ihre Hände nutzen wie immer, wie alle anderen Menschen auch. Doch plötzlich sind Daumen und Zeigefinger der rechten Hand gefesselt. Sie können Sie nicht benutzen, nicht gebrauchen. Dadurch werden Ihre Bewegungen ungeschickt und Sie müssen auf die anderen Finger, auf die linke Hand ausweichen. Vielleicht kommen Sie damit zurecht, aber womöglich sind auch an der linken Hand einige Finger gefesselt und somit unbrauchbar. Das stört Sie! Das ärgert Sie!
Ebenso ergeht es Menschen, die Ihre Sprechwerkzeuge benutzen wollen, wie immer, wie alle anderen auch - doch die machen plötzlich einfach nicht mehr mit.
Emotional werden Sie also in Stress versetzt. Unwillkürlich macht sich das motorisch bemerkbar. Die hohe physische Anspannung kann am ganzen Körper sichtbar werden durch Mitbewegungen von Armen, Beinen, vor allem im Gesicht am mimischen Grimassieren. Gleichzeitig erleben Sie auf vegetativer Ebene, dass Sie erröten, weil Sie sich schämen. Der Blutdruck kann zu hoch werden, auch Schweißausbrüche können dazu gehören. Ihre erhöhte psychische Anspannung erzeugt eine Angst vor dem Sprechen, die den Stress verstärkt - ein Negativkreislauf.
Darunter leiden Sie. Darunter würde jeder Mensch leiden. Das ist doch normal, oder? Wenn Ihnen nun jemand sagt: „Ach, finden Sie es einfach nicht so schlimm …“, dann ist das für Sie nicht wirklich hilfreich.
So wird verständlich, dass Stottern in der Regel auch auf sozialer Ebene Folgen nach sich zieht. Das Vermeiden von Sprechsituationen ist eine häufige Folge, ebenso ein Abbruch des Blickkontaktes.
Das sind bekannte Zeichen einer Traumatisierung. Und bei vielen stotternden Menschen finden sich in der Tat Anzeichen von Traumatisierung. Bei manchen einzig durch das Stottern verursacht. Das ist verständlich.
Kommt dann noch ein Mobbing hinzu, wie es leider vielfach der Fall ist, kann die innere Not wachsen und zu einer massiven Verzweiflung werden.
Doch es gibt Möglichkeiten, das Stottern zu bewältigen und flüssiges Sprechen zu erlernen! Davon handelt dieses Buch.
ein Lernprozess
Wenn stotternde Menschen flüssiges Sprechen erlernen, geht das nicht mit einem „Fingerschnipsen“, nicht „von heut' auf morgen“, und „die Wunderpille“ gibt es auch nicht. Wer das verspricht, lügt.
(Sollte doch jemand einen Wunderheiler kennen, der das Stottern „ganz einfach weg bekommen“ hat, bitte ich dringend um Nachricht! Dann werde ich gerne auf diese Person verweisen!)
Wenn stotternde Menschen flüssiges Sprechen erlernen, ist dies ein Lernprozess, vergleichbar mit dem Erlernen einer Fremdsprache, oder dem Erlernen eines Musikinstruments, oder dem Erlernen einer neuen Sportart, oder dem Führerschein-Machen. Das braucht Zeit, in der regelmäßig etwas dafür getan wird. Und es braucht gute Lehrer.
Die Lehrer lehren multiple Einzelelemente, aus denen sich schlussendlich ein „Großes Ganzes“ ergibt. Zum besseren Verständnis in der Folge einige Vergleiche aus unterschiedlichen Lebensbereichen. Es genügt, zu einem der Vergleiche Zugang zu finden. Von dort aus wird klarer, worum es in der Stottertherapie geht.
Vergleich: Führerschein
Wir alle können laufen. Aber können wir auch beschreiben, was wir eigentlich tun, wenn wir laufen? Welche Muskeln aktivieren wir, in welchem Ablauf? Welche Gelenke bewegen wir, in welchem Ablauf, in welche Richtung? Nein, das können wir nicht beschreiben. Wir laufen einfach. Wir tun es, ohne zu wissen, wie.
Wir alle haben als kleine Kinder eigenständig Laufen gelernt. Das hat uns niemand beigebracht. Wir haben unseren Körper ausprobiert, haben uns aufgerichtet, und irgendwann konnten wir frei laufen. Ich schaue immer wieder fasziniert zu, wie kleine Kinder lernen, sich aufzurichten, sich fortzubewegen und schließlich frei zu laufen. Sie alle lernen es auf ihre eigene Art und Weise, doch wenn sie dann sicher auf ihren zwei Beinchen laufen können, sieht es bei allen sehr ähnlich aus.
Die meisten Erwachsenen können Auto fahren, ebenso selbstverständlich wie sie laufen. Doch das Autofahren haben wir anders gelernt als das Laufen. Ein Fahrlehrer hat uns die Pedale erklärt: rechter Fuß - Gas und Bremse, linker Fuß: Kuppeln. Kuppeln, was um alles in der Welt ist das? Na, damit die Gangschaltung betätigt werden kann, und die geht so ähnlich wie beim Fahrrad. Aha. Die ersten Fahr-Übungen waren für manche nicht so einfach: Gas-Kupplungsspiel, wie oft ist der Motor wieder abgesoffen oder es hat ziemlich geruckelt. Dann kamen die Blinker hinzu und die Scheinwerfer im Dunkeln und die Scheibenwischer bei Regen. Und die Theoriestunden mit ihren vielen Straßenverkehrsregeln! Danach wieder die Praxis, Fahrstunde im Wohnviertel, „Zone 30“, wo der Riesenlaster von links kam. Der Fahrlehrer bremste scharf auf seiner Seite. „Aber ich habe Vorfahrt, ich komm' doch von rechts?!“ Und was nützt Ihnen das, wenn Sie platt sind, sagte er, im Straßenverkehr gelten die Gesetze des Dschungels: Elefant hat Vorfahrt.
Bis zur Führerscheinprüfung mussten wir viele, viele Einzelelemente lernen. Ob wir die Fahrprüfung gleich beim ersten Mal oder erst im dritten Anlauf bestanden haben - anschließend mussten wir fahren, fahren und nochmals fahren, bis aus diesen vielen Einzelelementen innerlich wirklich „ein Großes Ganzes“ wurde und automatisierte, sich im Unterbewussten fest setzte. (Wenn ich auch manche Personen kenne, die nie wirklich sicher gefahren sind. Auch nach 30 Jahren regelmäßigen Fahrens ging das Auto noch an der Ampel aus oder ruckte, und manche haben es dann doch wieder aufgegeben. Aber das ist selten.) Mit der Zeit entwickeln alle AutofahrerInnen den eigenen, individuellen Fahrstil. Und kaum ein routinierter Autofahrer kann erklären, was er auf dem Fahrersitz eigentlich macht, ebenso wenig wie wir erklären können, was wir beim Laufen eigentlich machen.
Stotternde Menschen lernen flüssig sprechen wie das Autofahren. Sie lernen mehrere unterschiedliche Einzelelemente und dazu Theorie. Dann trainieren sie und trainieren und trainieren. Und irgendwann automatisiert es und setzt sich als „Großes Ganzes“ im Unterbewussten fest. Und wenn es doch noch nach Jahren ein wenig „ruckt“, was solls - das ist auf jeden Fall besser als überhaupt nicht voran zu kommen!
Vergleich: Fußball
Beim Fußball zeigt ein Trainer, wie's geht. Regelmäßiges Training ist selbstverständlich. Wer nicht zum Training kommt, darf am Wochenende nicht mit zum Turnier. Und beim Turnier geben alle ihr Bestes! Trotzdem gewinnen sie nicht immer. Das kommt auf die Tagesform an, und natürlich auf die Gegner, und ob es ein Heimspiel ist oder nicht. Wer ein paar Spiele verliert, gibt nicht auf – sondern lernt daraus! Und trainiert weiter!
Ähnliches gilt für die Stottertherapie. Wie der Fußballtrainer lehrt, so lehren SprachtherapeutInnen die KlientInnen ATEMÜBUNGEN und NEUE SPRECHWEISE. Die KlientInnen werden korrigiert, bis sie es richtig machen. Sie werden motiviert, regelmäßig zu trainieren. Was beim Fußball das Turnier ist, entspricht der realen Sprechsituation bei stotternden Menschen. Da klappt es manchmal gut mit der trainierten NEUEN SPRECHWEISE – und manchmal geht’s daneben. Dann heißt es wie beim Fußball: „Weitermachen mit dem Training! Wir lernen daraus!“
Vergleich: Klavier spielen
Klavierlehrer lehren den richtigen Anschlag der Finger auf die Tasten, das Notenlesen und den Quintenzirkel, korrigieren die Fehler und motivieren zum regelmäßigen Klavierspielen. „Einen Tag nicht geübt - wirft dich zwei Tage zurück!“ heißt es. Wer das Stück in der Klavierstunde gut kann, kommt womöglich in der Konzertsituation ins Schleudern, denn vor Zuhörern spielen, das ist noch schwerer. Darum wird auch die Konzertsituation regelmäßig durch Vorspiele geübt.
Ähnliches gilt für die Stottertherapie. Wie der Klavierlehrer lehrt, so lehren SpachtherapeutInnen die ATEMÜBUNGEN und die NEUE SPRECHWEISE. Sie korrigieren ihre KlientInnen, bis sie es richtig machen. Motivation zum regelmäßigen Training ist unerlässlich: „Einen Tag nicht trainiert wirft dich zwei Tage zurück!“, das gilt auch für ATEMÜBUNGEN und die NEUE SPRECHWEISE. Wer in den Übungen während der Therapie flüssig sprechen kann, kommt in Realsituationen womöglich doch ins Schleudern. Darum müssen auch Realsituationen regelmäßigen trainiert werden. Zu hohe Erfolgserwartungen sind hinderlich - wir ermutigen zum Würdigen kleiner Erfolge!
Vergleich: Englisch lernen
Im Englischunterricht lernen wir die ungewohnte Aussprache der Buchstaben, insbesondere die Aussprache des korrekten „th“, und die Grundzüge der Grammatik. Wir werden zum täglichen Vokabel-Lernen motiviert, und unsere Sprechversuche werden korrigiert. Wer gut mit macht, kann sich nach einiger Zeit ein wenig auf Englisch verständigen. Doch bis wir uns im englischsprachigen Raum sicher bewegen können, müssen wir uns intensiver mit der Sprache beschäftigen. Letztlich können manche absolut fließendes Englisch, während andere dauerhaft einen Akzent und kleine grammatische Fehler beibehalten.
Ähnliches gilt für die Stottertherapie. Wie im Englischunterricht, so lehren auch SprachtherapeutInnen die ATEMÜBUNGEN und die NEUE SPRECHWEISE und korrigieren sie. Motivation, alles regelmäßig zu trainieren, gehört dazu. Bis das Sprechen in jeder Situation fließend gelingt, wird einige Zeit des Lernens und Trainierens vergehen. Letztlich können manche völlig fließend sprechen (Prozess des Automatisierens), während andere dauerhaft bewusst, aber sicher die NEUE SPRECHWEISE nutzen werden.
Hirnforschung
Es gibt einige hoch interessante Forschungsergebnisse bezüglich des Stotterns aus der modernen Hirnforschung. Wer sich dafür interessiert, findet viele links im Internet. An dieser Stelle möchte ich jedoch einen Teilaspekt thematisieren, und zwar als Vergleich.
Im Gehirn gibt es sozusagen „Autobahnen“. Das sind die neuronalen Verbindungen, die sehr stark ausgeprägt sind, weil sie von Gewohnheiten gebildet wurden. Das Autofahren gehört dazu, auch das Zähne-Putzen und viele weitere gewohnte Abläufe. Im Abschnitt über das Führerschein-Machen wurde dieser Aspekt schon einmal thematisiert. Auch das Stottern gehört bei stotternden Menschen dazu. Sie haben sozusagen eine „Stotter-Autobahn“.
Wenn stotternde Menschen die ATEMÜBUNGEN lernen und auch die NEUE SPRECHWEISE, sind sie meist am ersten Tag glücklich, erleichtert oder gar euphorisch, weil sie damit flüssig sprechen konnten. Es ist wichtig, dass sie das genießen! Gleichzeitig müssen sie wissen: „Das ist jetzt so, als ob wir ein einziges Mal durch eine Wiese gelaufen sind, wo eigentlich nie ein Weg war. Da sind jetzt noch nicht einmal Spuren zu sehen. Dieser Weg muss jetzt öfter gelaufen werden, sehr oft, regelmäßig und über längere Zeit! Dann sieht man irgendwann einen kleinen Trampelpfad. Wird dieser Trampelpfad weiter regelmäßig benutzt, wird daraus ein Feldweg, später eine kleine Straße - und irgendwann wird dann eine Autobahn daraus! Dann kann die alte Stotter-Autobahn sogar verschwinden. Aber selbst wenn die alte Stotter-Autobahn so breit ist, dass sie nicht verschwindet, gibt es zumindest diese Alternativ-Straße, die benutzt werden kann!“
Beispiel: der Bruder der Zahnärztin
Eines Samstag morgens bereitete ich mich vor, Stottertherapie zu halten. Beim Zähne-Putzen fiel mir eine große Plombe aus meinem Schneidezahn. Zu dumm! So konnte ich nicht richtig essen, nicht einmal unbeschwert trinken. Ich ging und hielt meinen Kurs. In der Mittagspause rief ich den Zahnärztlichen Notdienst an. Ob ich gleich kommen könne? Nein, leider nicht - und nachher um 16.30 Uhr ist es zu spät. Ich bettelte ein wenig: „Ich halte Stottertherapie - die Leute kommen von weit her aus ganz Deutschland, ich kann sie nicht hängen lassen ...“ Nein, lautete die Antwort, ab 15 Uhr ist Feierabend, morgen ist auch noch ein Tag.
Sonntag war ich endlich beim Zahnärztlichen Notdienst. Die Zahnärztin war Mitte 50. Sie erinnerte sich an meinen Anruf am Vortag und sprach mich interessiert auf die Stottertherapie an, denn das fand sie gut! „Mein Bruder hat immer so stark gestottert und wir wussten alle nicht, wie wir ihm helfen konnten!“, erzählte sie. „Als er 40 war, hat er eine Stottertherapie gemacht! Seither sitzt er bei Familienfeiern nicht mehr alleine an der Seite, sondern unterhält sich mit allen. Manchmal macht er eine Pause, dann wendet er seine Techniken an - und die anderen halten es für eine Gedankenpause!“
Er war nicht bei uns gewesen, der Bruder der Zahnärztin. Seine Therapie war vor „unserer Zeit“ gewesen. Ich weiß nicht, wo er war. Es war mir gleichgültig. Ich freute mich zusammen mit der Zahnärztin, dass ihr Bruder Hilfe zur Selbsthilfe gefunden hatte! Es war mir eine weitere Bestätigung von anderer Seite, wie hilfreich Stottertherapien sein können. Und obwohl die NEUE SPRECHWEISE bei diesem Herrn aufgrund seines Alters nicht mehr automatisierte, konnte er sich mit ihrer Hilfe doch in allen Sprechsituationen sicher bewegen!
Das erste Kapitel hat deutlich gemacht, dass es sich in der Stottertherapie um einen Lernprozess handelt. Welches sind nun die wesentlichen Komponenten in diesem Lernprozess? Aus welchen Elementen setzt sich ihr Konzept zusammen? Damit beschäftigt sich das zweite Kapitel.
2. Multiple Erfolgskomponenten
Wir alle wollen den 100%-igen Erfolg! Und viele Stotterherapien versprechen den 100%-igen Erfolg. Wenn's dann doch nicht klappt, woran liegt es?
Stottertherapien haben ihre Erfolge - und ihre Misserfolge. Was ist nötig für den Erfolg - und woran liegt ein Misserfolg? Rätselhaft wirkt dies manchmal, doch bei genauem Hinschauen löst sich das Rätsel meist auf.
Das Konzept, das ich hier vorstelle, beinhaltet all die Komponenten, die zum Erfolg führen - beinahe. Denn nicht alle wichtigen Elemente können in einem Kurs vermittelt werden. Doch wir können sie benennen, differenziert erläutern und damit Klarheit schaffen. Beginnen wir also mit den Komponenten, die zum Erfolg beitragen.
Die folgende Grafik zeigt, aus welchen Elementen sich der 100%ige Erfolg zusammen setzt. Den gibt es tatsächlich. Sie zeigt auch, woran es liegen kann, wenn der 100%ige Erfolg ausbleibt. Das muss dann kein „endgültiges Todesurteil“ sein. Manchmal braucht es einfach noch etwas mehr Zeit.
Die Grafik ist sozusagen die visualisierte Überschrift über dies Kapitel. Alle folgenden Abschnitte nehmen Bezug darauf; sie begleitet das gesamte Buch. Weil sie so wichtig ist, steht sie ganz am Anfang.
Erfolgskomponente ATEMÜBUNGEN
Die ATEMÜBUNGEN machen mehr als die Hälfte des Erfolgs aus.
Die ATEMÜBUNGEN sind nicht alles, aber ohne ATEMÜBUNGEN ist alles andere nichts.
Die ATEMÜBUNGEN sind die Basis, die Grundlage.
Alles weitere baut auf die ATEMÜBUNGEN auf, knüpft an die ATEMÜBUNGEN an.
Die ATEMÜBUNGEN sind nicht das einzige Element im Geschehen, aber sie sind das wichtigste.
„Wir haben gelernt, dass ATEMÜBUNGEN nichts nützen“, sagte mir eine Logopädin. Das ist falsch. Nur die ATEMÜBUNGEN allein können den Sprachfluss schon deutlich verbessern. Auf jeden Fall aber sind sie das „Fundament“ für alles weitere hilfreiche Geschehen.
Wer ein Haus bauen will, braucht als erstes ein Fundament. Ohne Fundament kann niemand ein Haus bauen. Später sind Fundamente meist unsichtbar. Ebenso ist es mit den ATEMÜBUNGEN. Sie sind das Fundament in der Stottertherapie. Alles andere baut darauf auf.
Erfolgskomponente NEUE SPRECHWEISE
Die NEUE SPRECHWEISE baut auf die ATEMÜBUNGEN auf, knüpft direkt an die ATEMÜBUNGEN an. Ohne die ATEMÜBUNGEN ist es unmöglich, die NEUE SPRECHWEISE zu lernen. Das Lernen und Trainieren der NEUEN SPRECHWEISE ist der nächst größte Teil des Erfolgs.
ATEMÜBUNGEN und NEUE SPRECHWEISE müssen also gelernt und trainiert werden. Das Lernen und Trainieren der ATEMÜBUNGEN und der NEUEN SPRECHWEISE ist die Basis für das Erlernen flüssigen Sprechens.
Das Lernen und das regelmäßige Trainieren der ATEMÜBUNGEN und der NEUEN SPRECHWEISE ist also die Basis dafür, dass flüssiges Sprechen gelingen kann. Das ist absolut unerlässlich und bringt voran! Im besten Fall ist ein Kind, das regelmäßig trainiert, nach einiger Zeit absolut stotterfrei, denn: „Je früher, desto besser“. Dann „automatisiert“ das Gehirn flüssiges Sprechen.
Aber selbst wenn es nicht automatisiert, was oftmals bei erwachsenen Person der Fall ist, helfen die Techniken. Denn wer sich mit der NEUEN SPRECHWEISE in allen alltäglichen Sprechsituationen sicher bewegen kann, ist weitaus besser dran, als hilflos in starkem Stottern gefangen zu bleiben!
Doch effektives Lernen und konsequentes Training garantieren noch keinen 100%-igen Erfolg. Hat eine stotternde Person die ATEMÜBUNGEN und die NEUE SPRECHWEISE gelernt und trainiert sie auch regelmäßig, gibt es noch weitere Elemente, die den Erfolg fördern - oder stören können.
Erfolgskomponente SELBST
SELSBSTwahrnehmung und SELBSTmanagement sind überaus wichtige Elemente in der Stottertherapie, an denen wir arbeiten.
Wie aufmerksam nimmt eine stotternde Person sich SELBST wahr? Das ist die eine wichtige Frage, die Frage nach der SELBSTwahrnehmung. Manche merken schon im Voraus: „Gleich kommt das Stottern!“ Andere bemerken das Stottern erst, wenn sie mitten drin stecken, hängen bleiben, total blockiert sind.
Die andere wesentliche Frage ist die nach dem SELBSTmanagement. Im Lauf der Zeit soll erlernt werden, innerlich „den Hebel umzulegen“. Wenn das Stottern kommt, ist dies das innere Signal: „Jetzt die NEUE SPRECHWEISE anwenden!“
Doch wir gehen noch tiefer: Wie geht eine stotternde Person allgemein mit sich SELBST um? Gehört die eigene Abwertung zur selbstverständlichen Grundhaltung? Dies wird dann jeden Erfolg zunichte machen.
- Es ist wichtig, jeden kleinen Erfolg zu würdigen!
- Jeder noch so geringe Fortschritt ist ein Erfolg!
An diesen beiden Elementen arbeiten wir. SELBSTwahrnehmung und SELBSTmanagement (Coping) können wir optimieren.
In Kinderkursen müssen wir an dieser Stelle auch der familiären Interaktion Aufmerksamkeit widmen. Denn Eltern, Großeltern und Geschwister werden im Kindesalter prägend als Teil des SELBST erlebt.
Erfolgskomponente SCHICKSAL
Das Leben hält auch Elemente bereit, auf die wir keinen Einfluss haben. Das können stützende, hilfreiche Elemente sein - oder störende, hinderliche. Ich nenne das ganz pragmatisch SCHICKSAL.
Im positiven Sinne verdanken wir dem SCHICKSAL beispielsweise die Sandkastenfreundin, die Christian aus der Resignation heraus holte und ihn zum Weitermachen ermutigte. Die Sandkastenfreundin war nicht Bestandteil der Therapie. Wir können sie nicht „machen“. Sie ist im Einzelfall ein unerlässlich wichtiges Element im Geschehen - doch darauf haben wir keinen Einfluss.
Auch im negativen Sinne mischst das SCHICKSAL mit. Auch darauf haben wir keinen Einfluss. Dafür haben wir die ernste Verpflichtung, überaus respektvoll mit schweren SCHICKSALen unserer KlientInnen umzugehen. Im folgenden Beispiel müssen wir dem SCHICKSAL die Krebserkrankung der großen Schwester anlasten.
Beispiel: Aurel
Aurel, 14 Jahre alt. Er war das dritte von 4 Kindern und stotterte, seit er sprechen konnte. Einige Jahre lang ging er regelmäßig zur Logopädie, doch es half ihm nicht. Im Alter von 10 Jahren nahm er an einer Stottertherapie in einem der renommiertesten Institute Europas teil. Danach war für seine Eltern und Geschwister klar: Wir werden ihn motivierend begleiten, damit er seine Übungen macht!
Doch kurz darauf erkrankte seine ältere Schwester an Krebs. Über ein Jahr lang war sie mehrfach im Krankenhaus. Zum Glück wurde sie wieder gesund, doch in diesem Jahr drehte sich alles in der Familie um die todkranke Schwester. Dies verhinderte, dass die Familie den kleinen Aurel beim Trainieren seiner Übungen unterstützte. Logisch. Natürlich waren alle damit beschäftigt, sich um das Überleben der großen Schwester zu kümmern. Also stotterte der kleine Bruder Aurel trotz Stottertherapie weiter wie zuvor. Und daran war kein Mensch „schuld“. Es war einfach SCHICKSAL.
4 Jahre später, als Aurel 14 Jahre alt war, lief das Familienleben wieder in geordneten Bahnen. Nun kam er zu uns. Im Kurs machte er gute Fortschritte. Doch er war ein Teenager, der zu Depressionen neigte, die er vor seiner leistungsstarken Familie verbarg. So hatte er noch wenig Eigenmotivation. Gleichzeitig verloren die Eltern alterstypisch an Einfluss. Ich sagte ihm: „Wenn du oft keine Lust hast, ATEMÜBUNGEN zu machen, kann ich das gut verstehen. Dann erwartest du für diese Zeit besser keine Fortschritte. Aber du wirst älter, und irgendwann wird es dir besser gehen! Dann wirst du motiviert sein, wirst deine Übungen machen und dich über deine Fortschritte freuen - denn jetzt weißt du ja, wie es geht!“
3. Konzept
Das Gesamtkonzept ist in der folgenden Grafik anschaulich dargestellt. Sie macht vorstellbar, worum es geht und was zu erwarten ist.
der therapeutische Raum
Unten links sehen wir den therapeutischen Raum. Es ist ein geschützter Raum. Hier fühlen sich stotternden Menschen wohl und sicher. Hier gibt es für sie neue, ermutigende Perspektiven. Der therapeutische Raum ist weit vom Alltag entfernt, weit weg von der alltäglichen Gesprächssituation.
die alltägliche Gesprächssituation
Die alltägliche Gesprächssituation sehen wir oben rechts, weit entfernt vom geschützten therapeutischen Raum. Darauf kommt es letztlich an: Auf das Sprechen im Alltag. Mit FreundInnen und am Arbeitsplatz, in der Schule und zu Hause, beim Einkaufen, im Restaurant und am Telefon: Überall stört das Stottern. Dort soll flüssiges Sprechen möglich werden!
Die Grafik macht deutlich, dass wir im Therapeutischen Raum etwas Neues lernen. Doch dies Neue ist damit noch nicht automatisch in die alltägliche Gesprächssituation integriert. Wie kann es gelingen, das Neu-Gelernte in die alltägliche Gesprächssituation hinein zu transportieren?
Zwischen dem Lernen im therapeutischen Raum und der alltäglichen Gesprächssituation ist kein leerer, unüberbrückbarer Raum. Es gibt eine Verbindung. Diese ist als Treppe mit mehreren Stufen dargestellt.
Betrachten wir die Grafik im Detail.
lernen
Im therapeutischen Raum nimmt das Lernen einen großen Raum ein. Hier lernen stotternde KlientInnen etwas Neues.
Sie lernen ATEMÜBUNGEN und eine NEUE SPRECHWEISE, praktisch und theoretisch. Doch das Lernen ist noch nicht alles.
trainieren
Nach dem Lernen kommt das Trainieren. ATEMÜBUNGEN und die NEUE SPRECHWEISE müssen zu Hause regelmäßig trainiert werden.
Die Grafik zeigt zwei Treppenstufen mit der Aufschrift „Trainieren“. Es könnten auch 3 oder 5 Stufen sein. Das konsequente Training gehört auf jeden Fall dazu! Ohne Training fehlt die Verbindung vom Lernen im therapeutischen Raum zur alltäglichen Gesprächssituation. Das Training ist die Verbindung vom therapeutischen Geschehen → hin zum Erfolg in der alltäglichen Gesprächssituation. Im besten Fall wird regelmäßig und konsequent trainiert. Geht es dann schon „wie von selbst“, das flüssige Sprechen in der alltäglichen Gesprächssituation?
transportieren
Garantiert konzentriertes Lernen und anschließend konsequentes Training das flüssige Sprechen immer und überall? Bei manchen klappt das! Aber leider nicht immer. Der Transport des Trainierten in die reale Gesprächssituation ist oft ein eigener Lernprozess. Die Grafik weist diesem Lernschritt eine eigene Treppenstufe zu. Diese oberste Treppenstufe führt direkt in die alltägliche Gesprächssituation hinein.
Betrachten wir die alltägliche Gesprächssituation genauer. Sie ist ein sehr komplexes Geschehen. Sie wird von multiplen Elementen beeinflusst. Die meisten sind uns nicht bewusst. Dennoch hängt es von vielerlei Elementen ab, ob wir innerlich angespannt - oder locker sind.
„Cool spielen“ - das funktioniert bei stotternden Menschen nicht. Darum lautet im geschützten therapeutischen Raum die Devise: „Was ist, darf sein - muss sein dürfen!“ Hier schauen wir offen hin. Die Grafik benennt einige Elemente:
- Innere Anspannung: wie hoch ist sie? Bin ich im Stress - oder echt locker, entspannt? Hohe Anspannung kann unterschiedliche Ursachen haben: Freudige, positive wie die Geburtstagsfeier - oder negative wie Angst …
- Angst: Angst blockiert und wo Angst im Spiel ist, bleibt Stottern kaum aus. Kenne ich meine Ängste? Wie gehe ich mit meinen Ängsten um?
- Die gesamte Lebenssituation. Bin ich ein Kind - oder erwachsen? Lebe ich in sicheren Verhältnissen - oder bin ich ohne Einkommen, gar auf der Flucht? Wohne ich weit draußen auf dem Land - oder in einer engen Großstadtwohnung? Habe ich nette Nachbarn - oder tun sie alles nur Erdenkliche, um mich zu ärgern?
- Gegenüber / Beziehung: Mit wem spreche ich? Ist es die beste Freundin - oder ein Prüfer, der mich nicht leiden kann?
- Erinnerungen, Assoziationen: Die Bedienung im Restaurant sieht meiner ehemaligen Lieblingslehrerin ähnlich - oder meinem verhassten Sportlehrer. Die Lampe im Raum ist ähnlich wie bei meiner Oma, und die war immer sehr lieb und warm - oder hartherzig und gefühlskalt …
- Motivation: Will ich jetzt sprechen? Oder muss ich - gegen meinen Willen? Will ich über dieses Thema sprechen? Oder will ich eigentlich nicht, bin aber verpflichtet?
Diese Liste ist selbstverständlich nicht vollständig. Im Gegenteil, sie beinhaltet nur sehr wenige Elemente, beispielhaft, oberflächlich benannt. Sie dient nicht zu einer individuellen Analyse. Sie soll nur verdeutlichen, dass die reale Gesprächssituation ein überaus komplexes Geschehen ist und von sehr vielen Elementen beeinflusst wird.
Auf welche Weise kann nun das Erlernte und Trainierte in die Komplexität des individuellen Alltags hinein transportiert werden? Was beinhaltet diese oberste Treppenstufe konkret?
Zu diesem Thema vermittelt die Therapie vielfache Impulse. Im Kapitel 5 „SELBSTwahrnehmung / SELBSTmanagement“ geht es schwerpunktmäßig um den Transport in die alltägliche Gesprächssituation, um's Üben, um's autodidaktische Weiter–Trainieren im Alltag. Wir thematisieren,
- in welchen Situationen es bald oder erst nach längerer Zeit klappen kann
- was zu erwarten ist und was nicht und in welchen Zeiträumen
- den Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen während der Trainingszeit
Nun haben Sie einen Überblick, worum es geht. Wenden wir uns also konkret den einzelnen Elementen zu. Wir beginnen mit den Methoden.
4. Methoden
Im vorigen Kapitel wurde das Konzept einer erfolgreichen Stottertherapie thematisiert. Wie sieht nun die konkrete Umsetzung des Konzeptes aus? Darauf geht dies Kapitel ein. Es geht um die Methoden: Auf welche Art und Weise ist das Ziel „flüssig Sprechen“ zu erreichen?
Als erstes steht das Lernen der Techniken auf dem Programm. Die wichtige Bedeutung der ATEMÜBUNGEN und der NEUEN SPRECHWEISE muss erfasst werden, und sie müssen gelernt werden.
Dies Kapitel ist etwas trocken, vielleicht langweilig. Nicht alle müssen sich durch jeden Abschnitt quälen. Manche dürfen dies Kapitel getrost „schnell überfliegen“ oder ungelesen lassen.
Doch für diejenigen, die es genau nehmen, ist es unerlässlich. Beispielsweise bietet es Fachleuten, die ihre Anleitung reflektieren und optimieren möchten, wertvolle Informationen bis ins Detail. Auch soll es stotternden Menschen, die schon Logopädie oder eine Stottertherapie gemacht haben, ermöglichen, zu überprüfen, welche Elemente sie schon kennen und was ihnen noch fehlt.
das praktische Training
Um die ATEMÜBUNGEN und die NEUE SPRECHWEISE zu lehren, muss ich die KlientInnen sehen und miterleben. Ich kann sie nicht aus der Ferne lehren und nicht über dieses Buch. Selbst über Internet-Video ist es schwierig. Nur, wenn wir im gleichen Raum sind, kann ich sehen und spüren, was sie richtig machen und wo ich freundliches Korrektiv sein muss, bis alles Wichtige bei meinem Gegenüber wirklich stimmt!
Bevor wir uns den Techniken ausführlich als Teil der Kurspraxis zuwenden, flechten wir noch die feed-back-Runde ein.
die feed-back-Runde
Im Anschluss an die praktische Übung gehört in der Regel eine feed-back-Runde. Da geht die Frage an jede einzelne Person: „Wie war es für dich? Wie fandest du es?“ Wir nehmen uns Zeit, das persönliche Erleben der Übungen intensiv zu reflektieren und zu artikulieren.
Dadurch wird das positiv Erlebte innerlich verstärkt. Innere Vorbehalte und Blockaden können überwunden werden. Indem wir jedes Detail besprechen, betonen wir auch die Wichtigkeit. Wir erkennen, was gut gelaufen ist und überlegen gemeinsam, wie wir an den Schwachstellen optimieren können.
Dies ist zu Beginn ebenso wichtig wie gegen Ende. Damit der Lernprozess eine Zukunft hat, müssen alle innerlich ganz nah dran sein am Geschehen. Auf keinen Fall darf geschehen, was wir von unbeliebten Schulstunden kennen: körperlich anwesend - innerlich ganz weit weg! Ich wiederhole mich, ich weiß - weil es so wichtig ist!
Nun zu wenden wir uns konkret den Techniken zu. Wir beginnen mit den ATEMÜBUNGEN.
Missverständnis
Der Begriff „ATEMÜBUNGEN“ ist eigentlich etwas unglücklich gewählt. Ich nutze ihn, weil es der gängige Begriff ist. Doch „Übung“ drückt aus, dass eine Person etwas nicht kann. Können die Menschen etwa nicht atmen? Oder können sie nicht richtig atmen?
Doch, wir alle können atmen. Wir alle atmen richtig. Nachts im Schlaf werden unsere Lungen ganz von selbst komplett leer beim Ausatmen, und dann füllen sie sich wieder ganz von selbst komplett beim Einatmen.
Niemand muss also das Atmen erlernen!
Bei den ATEMÜBUNGEN geht nicht darum, Atmen zu lernen. Es geht ums Fühlen. Wir lernen, den ruhigen Atem bewusst zu fühlen.
Dies Missverständnis wollte ich doch ausräumen, bevor es richtig los geht mit den ATEMÜBUNGEN.
4.1 die ATEMÜBUNGEN
Die ATEMÜBUNGEN sind super wichtig. Sie sind die Basis für alles weitere. Darum fangen wir mit den ATEMÜBUNGEN an, sowohl im Kurs als auch in diesem Kapitel „Methoden“.
Die Theorie der ATEMÜBUNGEN beinhaltet umfassendes Wissen, das vermittelt werden muss. Doch zu viel Theorie kann ermüden. Darum werden Theorie und Praxis im Kurs gemischt. Lässt die Aufmerksamkeit der KlientInnen nach, kommt die nächste praktische Übung dran. Danach geht es weiter mit der Theorie.
Hier im Buch mache ich es anders. Hier bekommt die Theorie der ATEM-ÜBUNGEN ihr eigenes zusammenhängendes Kapitel. Wird es beim Lesen langweilig - bitte selbst hin- und herblättern!
Theorie der ATEMÜBUNGEN
Wie können wir verständlich machen, dass mithilfe von ATEMÜBUNGEN flüssiges Sprechen erlernt wird?
Zu Beginn frage ich mein Gegenüber: „Kennst du das - du wachst morgens auf, an einem freien Tag, du musst nicht aufstehen - du bleibst noch eine Weile im Bett liegen, weil es so gemütlich ist …?“
Die meisten Kinder und die meisten Erwachsenen kennen das! Sie lächeln breit bei dieser Vorstellung. Sie nicken und wissen sofort, was ich meine.
Wenige andere dagegen kennen das nicht. Sie schütteln befremdet den Kopf. Ihnen empfehle ich, das einmal zu probieren, denn das ist Lebensqualität. Die Erinnerung an diesem Moment gehört grundsätzlich zur Anleitung.
Warum? Weil die Basis der ATEMÜBUNGEN ein tief entspannter Zustand ist. Manche KlientInnen oder ihre Angehörigen haben Erfahrungen mit Entspannungstechniken wie Yoga, Autogenes Training, Muskelrelaxation nach Jacobsen oder ähnliches. Danach frage ich, und wenn ich höre: „Ja, ich hab schon … dies und das … gemacht“, kann ich sie bestätigen: „Prima, damit hast du eine gute Grundlage!“ Wer bisher noch keinen Zugang zu Entspannungstechniken hatte, soll ihn bei dieser Gelegenheit bekommen.
Weiter frage ich: „Kannst du atmen?“ Zur Antwort bekomme ich in der Regel ein „Ja“. Das klingt manchmal sicherer, oder andere Male leicht verunsichert. Dies „Ja“ bekräftige ich: „Jawohl, du kannst atmen! Sonst wärst du ja nicht am Leben! Aber - kannst du auch RICHTIG atmen?“ Anschließend entwickeln wir im Dialog, dass alle Menschen RICHTIG atmen, wenn sie nachts tief schlafen. Diesen ruhigen, entspannten Atem aus dem Nachtschlaf brauchen wir für die ATEMÜBUNGEN. Dieser Atem ist in der Regel noch da, wenn wir morgens aufwachen und im Halbschlaf noch ein wenig liegen bleiben.
Ich sage nie: „Du kannst nicht richtig atmen!“ oder: „Du atmest völlig falsch und ICH zeige dir jetzt, wie es geht!“ Eine solch grundlegende Verunsicherung ist kontraproduktiv. Allerdings sprechen wir darüber, dass unser Atem im Alltagsstress oft anders wird, angespannter, verkrampfter. Das ist nicht nur bei stotternden Menschen der Fall, aber bei ihnen ist es ein Hauptelement, das zum Stottern beiträgt. Der ruhige Atem „aus dem Nachtschlaf“ dagegen wird „dein bester Freund auf dem Weg zum flüssigen Sprechen!“ Darum lernen wir ihn kennen und freunden uns mit ihm an.
Bei den ATEMÜBUNGEN geht es darum, den unbewussten Vorgang des Atmens ins Bewusstsein zu transportieren.
Der ruhige Atem aus dem Nachtschlaf ist individuell verschieden. Jeder Mensch hat einen eigenen Atemrhythmus, die ganz persönliche Art zu atmen. Der Atem ist vergleichbar mit dem Fingerabdruck. Alle sind ähnlich - keiner ist gleich. Darum wird in der Stottertherapie auch nie eine Zeit vorgegeben, wie lange ein Atemzug zu sein hat. Es wird nie gezählt, beim Ausatmen nicht und auch nicht bei Einatmen.
Zeit zum Ein- oder Ausatmen vorgeben oder Atemzüge zählen, das macht in anderen Zusammenhängen Sinn, doch nicht in der Stottertherapie. Hier benötigen wir den Zugang zum eigenen, individuellen entspannten Atem. Denn er soll ins Bewusstsein transportiert werden, in den Alltag.
Die Atmung wird nicht über das Großhirn, das Bewusstsein gesteuert. Der Atem ist ein unbewusster Vorgang. Er wird übers Stammhirn gesteuert, wie auch Herzschlag und Darmtätigkeit. Wir Atmen „wie von selbst“, unbewusst, tagsüber wach wie nachts im Schlaf.
viele Wege, starke Wirkung
Auf je mehr Wegen etwas ins Großhirn gelangt, desto fester und sicherer wird es dort gespeichert. Das kennen wir vom Vokabellernen. Schauen wir sie nur mit den Augen an, bleibt in der Regel wenig hängen. Denn die Augen sind nur ein Weg ins Gehirn. Sprechen wir die Vokabeln zusätzlich laut aus, können wir sie uns viel besser merken, denn wir nutzen drei Wege: Die Augen sehen, der Mund spricht aus, die Ohren hören zu. Nutzen wir sogar fünf Wege, gelangen die Vokabeln am sichersten ins Gehirn und sitzen dort richtig fest:
1. Augen sehen
2. Mund spricht laut aus
3. Ohren hören zu
4. Hand schreibt
5. Augen schauen der schreibenden Hand zu.
Dies lerntheoretische Wissen nutzen wir auch in der Stottertherapie bei den ATEMÜBUNGEN. Hier geht es darum, den unbewussten Vorgang des Atmens ins Bewusstsein zu transportieren. Je mehr Wege wir dazu nutzen, desto besser gelingt es. Wir nutzen fünf Wege:
I - die Hände fühlen den Atem
II - Geräusche begleiten den Atem, deutlich hörbar
III - die Ohren hören den Atemgeräuschen zu
IV - Spüren der Atemluft in den Atemwegen
V - die Bewegung des Zwerchfells vorstellen
Dies verdeutlicht die folgende Grafik.
Nun zu den fünf Wegen im Einzelnen.
I - die Händen fühlen den Atem
Legen wir die Hände an den Brustkorb oder auf die Bauchdecke, spüren wir die Atembewegung. Bei der klassischen Haltung liegt die flache Hand seitlich am untersten Rippenbogen, der Daumen von den übrigen Fingern abgespreizt und nach hinten gerichtet, zum Rücken. So ist jede Atembewegung intensiv spürbar.
Doch manchen Menschen schmerzt nach kurzer Zeit das Daumengelenk oder die Schulterpartie. Schmerz ist immer kontraproduktiv. Darum probieren wir auch Alternativen aus. „Schmerz wahrnehmen - und vermeiden! Wenn's weh tut, sucht die Hand einen anderen Ort!“ Beispielsweise kann der Daumen flach neben die übrigen Finger gelegt werden. Oder eine Hand liegt auf der Bauchdecke, die andere vorne auf dem Brustkorb. Auch hier ist der Atem intensiv spürbar. Anfangs wird das ausgiebig ausprobiert. So finden alle die individuell optimalen Haltungen.
II - Geräusche begleiten den Atem
Nun wird’s schwieriger. Denn es geht darum, beim Atmen Geräusche zu machen. Das sind wir nicht gewohnt. Im Gegenteil! Wir verhalten uns ruhig und unauffällig, wenn andere Menschen in der Nähe sind.
Wir müssen uns also umstellen, wenn wir die ATEMÜBUNGEN lernen. Hilfreich ist, wenn wir uns vergegenwärtigen: Wir sind im geschützten Raum! Niemand ist in der Nähe! Wir sind nicht peinlich und wir stören niemanden, und niemand wird uns etwas tun! Hier gehören Atemgeräusche hin! Hier sind sie willkommen! Wirklich wichtig!
Wir üben also, Geräusche zu machen, beim Ausatmen und beim Einatmen. Das Ausatmen steht immer am Anfang, so auch hier. Außerdem geht’s leichter. Darum machen wir deutlich hörbare Geräusche beim Ausatmen. Der Mund ist leicht geöffnet, die Lippen sind locker, ein wenig gespitzt. Ich mache es vor und ermutige zum Mitmachen.
Wenn's einigermaßen klappt mit den Geräuschen beim Ausatmen, üben wir das deutlich hörbare Einatmen durch die Nase. Hier passiert's anfangs leicht, dass zu tief eingeatmet wird, oder verkrampft. Doch das sind Anfangsprobleme. Das gibt sich bald. Damit keine Panik ausbricht, wird ein mögliches Schwindel-Problem thematisiert: „Wenn Euch schwindelig wird, dann atmet etwas länger aus. Denn der Schwindel kommt von zu viel Einatmen und zu wenig Ausatmen. Das kann anfangs vorkommen, wenn alles noch ungewohnt ist. Das verändert den Blutgashaushalt. Wenn jemandem schwindelig wird, einfach hinsetzen, ein paar mal etwas länger ausatmen, dann geht’s vorbei.“
III - die Ohren hören den Atemgeräuschen zu
Weiter geht’s: unsere Ohren hören unseren Atemgeräuschen zu. Die ganze Konzentration, die gesamte innere Aufmerksamkeit ist auf das eigene Atemgeräusch gerichtet: „Wie klingt mein ruhiger Atem?“
Natürlich atme ich deutlich geräuschvoll, als gutes Vorbild. Beispielsweise sage ich einer Familie mit beiden Eltern und zwei Geschwisterkindern: „Unsere Ohren hören 6 verschiedene Atemgeräusche im Raum! Eure 5 und meine.“ Weiter benenne ich die Alltagsgeräusche aus der Umgebung: „Unsere Ohren hören auch draußen die Autos auf der Straße und das Türenklappern in der unteren Etage - aber unsere Aufmerksamkeit konzentriert sich auf ein einziges Geräusch: den eigenen Atem! Jetzt ist unser einziges Interesse: Wie klingt MEIN Atem? Wie klingt MEIN ruhiger, entspannter Atem? SO klingt MEIN ruhiger, entspannter Atem!“
Dabei geht es in erster Linie um die Wahrnehmung des eigenen Atems - und gleichzeitig weist diese Form der Anleitung schon viel, viel weiter. Sie reicht hinein bis in die zukünftige reale Gesprächssituation. Dort soll eine stotternde Person zur eigenen Präsenz stehen, auf Augenhöhe mit den anderen Anwesenden. Menschen mit dem Stotter-Problem haben es damit nämlich in der Regel schwerer als andere.
Eine häufige Folge des Stotterns ist, dass sich stotternde Personen innerlich aus dem Kontakt mit anderen Menschen heraus ziehen. Aus diesem Rückzugsverhalten sollen sie wieder heraus wachsen. Da ist das Element: „Ich nehme mich positiv wahr - in der Gegenwart anderer Personen“ sehr wichtig. All dies beinhaltet die Anleitung: „Ich mache deutlich hörbare Geräusche beim Atmen und ich höre meinem Atemgeräusch zu!“
IV - Spüren der Luft in den Atemwegen
Als nächstes richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das Spüren der Atemluft in den Atemwegen. „Atme mal aus und sag' mir, wie sich das anfühlt!“, fordere ich ein Kind auf. Das Kind antwortet vielleicht „heiß“ oder „garnichts“. Wir reden ein wenig darüber. Gerne putze ich bei dieser Gelegenheit meine Brille. Ich hauche sie an und wische die beschlagene Brille sauber. Schließlich einigen wir uns darauf, dass sich die Ausatemluft im Mund „warm“ anfühlt und „etwas feucht“.
