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Manchmal braucht man etwas Glück und ein bisschen Zufall. Detailverliebt und emotional führen leise Töne durch den Alltag einer besonderen Zeit. Eine kurze Begegnung auf dem Amt hat ein überraschendes Ende. Die alte Nachbarin, die scheinbar immer Gift spritzt, hat tatsächlich ganz andere Qualitäten. Ein einziges Wort kann die Beziehungswelt verändern, wenn es nur endlich ausgesprochen wird.
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Seitenzahl: 40
Veröffentlichungsjahr: 2025
Lebendige Geschichten
Kerstin Dresing
Für Moritz und Elizaveta
© 2025 Kerstin Dresing
Kerstin Dresing Bayernstr. 1 A-5411 Oberalm [email protected]
Korrektorat: Frauke Hansen, Manuskriptliebe
Covergestaltung / Satz: © Catrin Sommer, rauschgold coverdesign
Alle Rechte vorbehalten.
Kerstin Dresing, 1958 in Deutschland geboren, lebt seit vierzig Jahren in Salzburg. Durch ihre Kurzgeschichten und
zeitgenössischen Frauenromane zieht sich als roter Faden das Motto:
Wer mit Worten fesselt, macht sich nicht strafbar.
»Name?«
»Santer.«
»Vorname?«
»Klaus.«
Er kannte diesen Gesichtsausdruck. Diesen Moment des Zögerns. Wie das Augenpaar hin und her huschte. Dann war es abhängig von der Persönlichkeit des Empfängers, wie sich der Vorgang weiterentwickelte.
Er schätzte die Dame auf Mitte dreißig, hatte ihr gut geschnittenes Gesicht nur kurz betrachtet, bevor sie sich dem Formular zuwandte.
Ihr Mundwinkel zuckte kaum merklich.
»Also Santa Claus«, wiederholte und schrieb sie.
Er zog unwillkürlich die Luft ein und korrigierte schärfer als beabsichtigt.
»Nein! Santer Klaus!«
Sie blickte fragend auf.
»Santer mit er und Klaus mit k.«
Sie starrte auf das Formular, schluckte, leckte sich kurz über die Lippen und sagte: »Klar.«
»Genau: mit k wie klar.«
Sie grinste, ohne aufzublicken.
»Sonst würde man es ja auch Zlaus aussprechen.« Nun musste sie die Lippen zusammenpressen.
Er fand sie sympathisch.
»Und Santer mit er«, korrigierte sie laut.
»Sonst könnten Sie auch Knecht Ruprecht sagen.«
Sie schaute ihn erschrocken an.
»Statt: Santa Claus«, ergänzte er.
Sie runzelte die Stirn, senkte den Kopf wieder über das Formular und fragte beiläufig: »Passiert Ihnen wohl öfter?«
»Dass mich jemand Knecht Ruprecht nennt?«
Ihr Grinsen erkannte er nur am Klang der Stimme.
»Nein, dass man Sie falsch schreibt.«
»Nicht so oft wie den Meiers dieser Welt.«
Sie nickte gedankenverloren, ohne ihn anzusehen.
»Was ist mit Ihrem PC?«
»Netzwerkprobleme.«
»Hm.« Er hätte jetzt gerne gesagt: »Nichts weiter? Darf ich mir das mal anschauen?« Aber er war nicht Santa Claus und bei einem Blick in das Innere eines PC schrumpfte die virtuelle Welt für ihn auf die überschaubare Größe eines Atoms.
Sie blickte noch immer etwas gedankenverloren auf das Formular, klopfte dann kaum hörbar zweimal mit dem Fineliner auf die Schreibtischunterlage und fragte mechanisch: »Worum geht’s denn?«
Er antwortete nicht sofort, und sie sah fragend auf.
»Schneeräumung«, murmelte er.
Sie wirkte, als würde sie ihren Ohren nicht trauen, als sie fragte: »Was?« Dabei hatte sie das Wort akustisch wirklich nicht verstanden.
Er holte Luft und stieß nochmals aus: »Schneeräumung.«
Sie starrte ihn an.
Er zuckte mit den Schultern, wie man es tut, wenn ein Umstand einfach nicht mehr zu ändern ist.
Der Fineliner war in ihrer angehobenen Hand erstarrt, während ihre Augen von ihm zum Formular und zurück wanderten, bis sie mit ruhiger Stimme wiederholte: »Santer, Klaus – Schneeräumung.«
Der Fineliner bewegte sich in der entsprechenden Zeile, während sie die Lippen zusammenpresste. Sie schaute kurz, wie zur Bestätigung, aus dem Fenster, wo ein blitzblauer Himmel die letzten Strahlen des Spätsommers über eine grüne Landschaft verstreute.
Diesmal holte sie Luft, und er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, als würde er sie Nerven kosten.
»Ich fürchte, damit müssen Sie noch etwas warten«, sagte sie freundlich. »Weihnachten steht noch nicht unmittelbar vor der Tür. Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen?«
»Sie halten mich vielleicht für bescheuert«, räumte er ein und beobachtete, dass sie eine symbolische Schneeflocke neben das Wort Schneeräumung kritzelte.
Sie schüttelte den Kopf ohne aufzusehen, aber das war kein Gegenbeweis.
»Ich meine natürlich nicht jetzt.«
Sie nickte und malte eine zweite Schneeflocke.
»Ich meine: Irgendwann schneit es, und dann bin ich nicht da.«
Jetzt schaute sie ihn offen an.
»Ich will damit sagen: Mein Vater ist steinalt. Er lebt in dem kleinen Hexenhäuschen am Ende des Loiblweges. Das kennen Sie sicher?«
Sie rührte sich nicht.
»Na, jedenfalls bin ich ein paar Wochen im Ausland und möchte sicherstellen, dass er geräumt wird. Der Weg. Der Loiblweg. Mein Vater ist versorgt, aber die Haushälterin so alt. Wissen Sie.«
Sie zuckte mit den Achseln. »Nein. Woher denn?«
»Ja. Nein. Schon klar.« Er fühlte den Schweiß, der ihm auf die Stirn trat.
»Ich dachte, vielleicht gibt es eine Möglichkeit? Vielleicht könnten Sie …« Er überlegte kurz eine Formulierung für sein Anliegen, als er sie hörte.
»Ich? Soll die Schneeräumung bei Ihrem Vater übernehmen? Dem Herrn Santer senior?«
»Ja. Nein. Natürlich nicht Sie! Nicht Sie persönlich, aber vielleicht könnte der Gemeinde-Schneepflug einen Abstecher machen?«
»Der Loiblweg ist eine Privatstraße.«
»Ja. Eben.«
»Privatwege werden privat geräumt.«
»Eben nicht. Theoretisch schon, aber praktisch.« Er seufzte auf. »Herrgott noch mal! Wo soll ich denn Ende Oktober eine Schneeräumung bis Weihnachten organisieren? Können Sie nicht …«
Sie unterbrach ihn: »Das darf ich nicht.«
»Was?«
»Sie an den Wirtschaftshof verweisen, damit die Räumung des Loiblweges von der Gemeinde übernommen wird.«
Er ließ die Schultern hängen.
»Und sonst?« Er schaute sie Hilfe suchend an.
