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Stillen – die natürlichste Sache der Welt. Und das größte Missverständnis über Mutterschaft.
Stillen oder Flasche? Keine Frage wird nach der Geburt heißer diskutiert. Aber Achtung: Dies ist weder ein Stillbuch noch ein Anti-Stillbuch. Sondern eines über eine vermeintliche Selbstverständlichkeit: Stillen als natürlichster Akt der Welt. Lisa Kreuzmann dekonstruiert diese Erzählung – und zeigt, welche Machtverhältnisse sich dahinter verbergen. Am Ende geht es nicht um Milch. Sondern darum, wessen Zeit weniger zählt, wessen Karriere warten kann, wessen Erschöpfung normal ist.
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Seitenzahl: 451
Veröffentlichungsjahr: 2026
Fünfundneunzig Prozent aller Stillprobleme entstehen durch falsches Anlegen. Das lernt Lisa Kreuzmann in ihrem Stillvorbereitungskurs. Sie lernt dort auch: Stillberaterinnen werden ausgebildet, Probleme beim Stillen bewusst nicht anzusprechen. Warum? Damit Frauen nicht abgeschreckt werden. Damit sie stillen.
Kreuzmann hat zwei Kinder gestillt. Sie kennt offene Wunden, wochenlange Schmerzen, verzweifelte Nächte auf dem Sofa mit einem Ratgeber in der Hand, der nichts erklärt. Sie kennt den Satz »Du machst etwas falsch« und die Scham, die folgt. Und sie kennt die Frage, die niemand stellt: Warum müssen Stillschmerzen unsichtbar bleiben?
Dieses Buch ist keine Stillberatung. Es ist eine radikale Abrechnung mit einer Erzählung, die seit siebzig Jahren dominiert. Es geht um Machtverhältnisse, die sich hinter vermeintlicher Natürlichkeit verstecken. Um patriarchale Strukturen in Mutterschaftsidealen. Und um die Frage: Kann man als Feministin überhaupt fürs Stillen sein?
Stillen. Eine radikale Neubetrachtung ist persönlich, analytisch, wütend – und überfällig.
Lisa Kreuzmann, geboren 1989 in Wiesbaden, studierte Sozialwissenschaften, BWL und European Studies. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Köln und Bonn. Für Zeit Online schreibt sie über Familienpolitik, Popkultur und Arbeitsstrukturen, für den WDR erstellt sie Multimedia-Reportagen und Radiobeiträge. Sie ist Mutter von zwei Kindern und engagiert sich für das Recht, frei und selbstbestimmt über den eigenen Körper zu entscheiden.
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Lisa Kreuzmann
Stillen
Eine radikale Neubetrachtung
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
Newsletter
Widmung
Prolog — Das Stillbuch
Kapitel 1: Wachgeküsst im Patriarchat
Die Moderne
Moderne Mütter haben das Stillen verlernt
Maria, die Stillmutter
Die Gründung der La Leche Liga
Wandel im Stillen
Modernen Frauen wird ihr Stillwissen abgesprochen
Stillen nach Takt
Aufwind im Stillen
Moderne Familien werden von der Flasche verführt
Milch und Mord
Der Babyernährungs-Urknall
Auflehnung im Stillen
Breast is best
Frauen verfehlen die Zielvorgaben
Kapitel 2: Selber Mutti
Was ist eine Mutter? Und wer darf darüber entscheiden?
Mutter Natur und Feminismus
Jede Mutter kann stillen
Stillen ist natürlich
Stillen ist normal
Stillen ist optimal
Stillen ist Bindung
Stillen ist Liebe
Von natürlichen Kämpfen …
… zu kultürlichen Machtstrukturen
Der Kosmos diffamiert Mütter, die nicht stillen
Der Kosmos schließt Mütter aus
Der Kosmos befeuert die Mommy-Wars
Eine Feministin für das Stillen?
Kapitel 3: Suck it
Geschlechtskörper und Feminismus
Stillen darf nicht wehtun
Schmerzen sind sehr individuell
Frauen und Babys sind zum Stillen gemacht
Der Körper: »?«
Auf die Technik kommt es an
Der Geist: »?«
Von verkörperten Befreiungskämpfen …
… zu unbefreiten Geschlechtskörpern
Der Kosmos überträgt Frauen und Queers die Verantwortung
Der Kosmos macht Stillprobleme zur Ausnahme
Der Kosmos grenzt Stillende aus
Der Kosmos reduziert Mütter auf die biologische Reproduktion
Der Kosmos etabliert ein neues Machtverhältnis
Eine Feministin für das Stillen?
Kapitel 4: Stillarbeit
Die Gratis-Mentalität des Patriarchats
Stillen ist kostenlos
Wer unerschöpflich ist, ist auch schnell erschöpft
Wer super ist, ist auch superoft zuständig
Ist Stillen Arbeit?
Geteilte Emotionsarbeit
Geteilte Konsumarbeit
Geteilte mentale Arbeit
Geteilte Orientierungsarbeit
Geteilte Vereinbarkeitsarbeit
Geteilte Identitätsarbeit
Geteilte Beziehungsarbeit
Wer keinen Preis nennt, wird auch nicht bezahlt
60 000 Euro für ein Jahr Stillen – Mindestlohn
Eine Feministin für das Stillen?
Kapitel 5: Nippelbekenntnisse
Warum Brusternährung keine Selbstverständlichkeit mehr ist
Silencing und der Kampf ums Stillwissen
Zeit für eine radikale Neubetrachtung
Mütter nähren
Frauen und Queers versorgen
Familien ernähren
Danke
Anmerkungen
PROLOG: Das Stillbuch
KAPITEL 1: Wachgeküsst im Patriarchat
KAPITEL 2: Selber Mutti
KAPITEL 3: Suck it
KAPITEL 4: Stillarbeit
KAPITEL 5: Nippelbekenntnisse
Weiterführende Literatur
Podcasts
Impressum
Bussi Babys
Das Stillbuch
Sie ist schon Mutter. Ich nicht. »Hannah wer?«, frage ich und öffne die Notizen-App. Lothrop. »Darüber gibt es ein ganzes Buch?«. Ja! Irre.
Der Gedanke, dass jemand mehr übers Stillen schreiben könnte als Baby-seitlich-vor-die-Brüste-halten, erscheint mir so absurd wie die Vorstellung, dass aus meinen Brüsten eines Tages Milch fließen soll. Meine Kollegin lächelt, wie jemand lächelt, der das nächste Level zwar bereits gespielt hat, sich die Überheblichkeit aber nicht anmerken lassen will. Weil möglicherweise gar nicht das Level selbst schwierig ist, sondern die eigene Unzulänglichkeit es schwierig gemacht hat. Ich besorge den Stillratgeber von Hannah Lothrop und lege ihn wie die 300-seitige Gebrauchsanweisung zum Fernseher beiseite – in tiefem Urvertrauen, dass ich es auch ohne Lektüre zum Fernsehschauen bringen werde. Ich hatte ja keine Ahnung. Natürlich hatte ich die nicht.
Wenige Wochen später sitze ich auf meinem Sofa, nicht um fernzusehen, sondern um zu stillen. Das Stillbuch halte ich in der Hand. Das Baby liegt auf meinem Bauch, der jetzt so weich ist wie – ja, keine Ahnung wie was. In so etwas Weiches habe ich noch nie reingedrückt. Neuer Planet, neue Zeitrechnung, neue Maßstäbe. Ich kenne mich hier nicht mehr aus. Bestimmt haben sich die Himmelsrichtungen ebenfalls geändert. (Habe ich jetzt abends Sonne auf den Balkon?) Den Oberkörper frei, medizinischer Honig auf dem einen Nippel, Schwarztee-Kompresse auf dem anderen, nicht zu viel durcheinander machen, rät meine Hebamme und sagt gleichzeitig, dass ich selbst ausprobieren müsse, was mir hilft.
Das Baby schläft, ich bin hellwach. Wieder und wieder gehe ich mit dem Zeigefinger das Stichwortverzeichnis dieses Buches durch. Irgendwo muss er doch sein, dieser eine Hinweis, der mich aufs nächste Level bringen wird. Daaas Stillbuch, lese ich langezogen, wie in der ersten Klasse. Das ist es doch, DAS Buch, das auf fast religiöse Weise Erlösung verspricht. Wo ist sie denn nun, die Lösung? In dem Ratgeberklassiker – von dessen Cover mich dieses Baby anstrahlt, den intakten Nippel der Mutter im Mund, sein zu ihr aufgerichteter Blick sagend: Danke, du Mama, dass ich deine süße, fette Milch trinken darf, voller Vitamine und bioaktiver Stoffe – finde ich sie jedenfalls nicht. Wie ich auch blättere, ich sehe nichts, was mich zufrieden macht und meine dezimierten Nippel wieder herstellt.
Ich muss tiefer suchen. In mir selbst? Habe ich mich nicht genügend auf das Stillen vorbereitet? Weiß ich zu wenig darüber? Hätte ich mehr Frauen beim Stillen auf die Brüste glotzen müssen? Wieso ist das Stillen hier, bei mir, auf meinem muttermilchfarbenen Sofa so unglaublich beschissen? Menschen, die mir nahestehen, raten – vorsichtig, ganz vorsichtig, sachte, behutsam, mit einer Stimme so weich wie mein Bauch – es doch einfach bleiben zu lassen mit diesem Stillen. In der Retrospektive finde ich, dass sie mir damit eine wahrlich gute Lösung präsentiert haben. Warum habe ich das nicht einfach so gemacht? War ich stur oder brainwashed?
Ich gehe in diesem Buch auf die Suche nach den Gründen für mein Unbehagen, was mich zu der Frage führt: Kann man als Feminist:in eigentlich für das Stillen sein? Auf dieser Suche tauche ich in zweifelhafte Erzählungen, pseudowissenschaftliche Glaubenssätze und patriarchale Narrative ab. Um Babyernährung geht es dann nur noch am Rande, dafür um mächtige Brüste, ohnmächtige Körper, viel Arbeit, wenig Geld, gleiche Mütter, ungleiche Wertschätzung und die Sehnsucht nach dem Fortschritt von gestern.
Der zweite Akt meiner Suche beginnt viele Monate später. Aus meinem Stillbaby ist ein Apfelschorlen-Kind geworden und mein Bauch ist neu vermietet. Ich stimme mich darauf ein, einem weiteren kleinen Menschen aus der Schwerelosigkeit herauszuhelfen, während ich selbst immer schwerer werde. Ich kenne das Wunderliche, das Sonderbare, die Kraft und die Leichtigkeit, die Wahrscheinlichkeit und meine Weiblichkeit. In der Statistik bin ich eine Mehrgebärende und offiziell erfahren. Nur meine Nippel, die kenne ich nicht wieder, intern bleibe ich ahnungslos. Werden meine Nippel eine weitere Stillbeziehung überstehen? Vorbereitung ist alles. Aber wie soll ich mich auf die vielen ratlosen Stunden, die wochenlangen Schmerzen und die offenen Wunden vorbereiten? Ich hatte das Stillbuch zu diesem Zeitpunkt nicht nur gelesen, ich hatte es mir einverleibt. Kurz entschlossen melde ich mich zu einem Stillvorbereitungskurs an. Das ist so etwas wie eine Stunde in der Fahrschule.
Es ist ein Donnerstagabend, mein inzwischen abgestilltes Kind versteht, dass ich zum »Stinkkurs« gehe, ich kichere mit, nehme mir eine Milchschnitte und gehe. Als ich dort ankomme, überrascht es mich, dass dort gleichermaßen Männer wie Frauen sitzen, eine Handvoll Paare und ich. Was haben diese Männer mit meinen bald wieder laktierenden Brüsten zu tun? Aber gut, gleichberechtigte Elternschaft. Klasse. Ich genieße die Atmosphäre, in der Menschen zusammensitzen, die der Überzeugung sind, dass man Geburtshilfe in Deutschland besser machen kann und muss.
Unsere Kursleiterin ist eine zertifizierte Stillberaterin, Doula, selbst Mutter, Anfang-Mitte vierzig, offen, freundlich, Hallo zusammen. Ganz selbstverständlich spricht sie vom C-Griff, vom asymmetrischen Anlegen und der Layed Back-Position. Als handle es sich dabei um bekannte Kulturtechniken der jüngeren Menschheitsgeschichte wie etwa Reifenaufpumpen oder Spaghettikochen. Viele nicken zustimmend. Als hätten sie das alles schon mal gemacht. C-Griff, den ganzen Mund voll Brust. Haben sie gar nicht. Sie alle bekommen ihr erstes Kind. Ich mein zweites. Und trotzdem scheine ich die Einzige in diesem Raum zu sein, die wie schon bei meiner ersten Bildungsreise entlang der Milchstraße beim Gedanken an asymmetrisches Anlegen Geodreieck, Millimeterpapier und die drei Fragezeichen assoziiert. Vielleicht geht es den anderen in Wahrheit auch so. Falls ja, spielen sie ihre Rolle als Eingeweihte ziemlich gut. Mich überzeugen sie. Ich scheine die einzige Frau auf der ganzen weiten Welt zu sein, für die diese Erklärungen nicht erklärend sind.
Zur Veranschaulichung, wie man nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch richtig stillt, bemalen wir unsere Lippen mit einem Lippenstift, den wir zum Kurs mitbringen sollten. Dann knutschen wir einen aufgeblasenen Luftballon. Ich glaube, daran soll man jetzt erkennen, wie ein Baby an der Brust saugt, und der Abdruck der Lippen soll irgendwie Aufschluss darüber geben, ob man selbst oder das Baby keine Ahnung hat. Mein Aha-Moment bleibt aus. Ich denke an die vielen Stunden, die ich in dieser verzweifelten Ahnungslosigkeit bereits auf meinem Sofa verbracht habe und werde ganz müde. Ich weiß bereits, dass Stillhütchen – dünne Silikonaufsätze, die bei wunden Brustwarzen oder weiteren Schwierigkeiten helfen sollen – des Teufels sind. Ich kenne das Mantra, dass Busen und Baby schon zueinander finden werden und dass die Milchmenge immer reicht. Ich habe den Naturstoff drauf und kann ihn runterbeten. Ich kenne das YouTube-Video »Breastcrawl«, in dem man sieht, wie ein neugeborenes Baby völlig eigenständig den Weg zur Brust findet.1 Ich kenne den Clip »Attaching Your Baby at the Breast« der Non-Profit-Organisation Global Health Media Project, in dem es um die korrekte Anlegetechnik geht.2 Den Clip hatte ich mir schon bei meiner ersten Stillerfahrung reingezogen wie jede Folge »Sex and the City« mit Anfang zwanzig. Darin wird erklärt, dass Babys nicht bloß an den Nippeln saugen sollen, sondern eine windbeutelgroße Menge Brust in den Mund nehmen müssen, um das Drüsengewebe zu entleeren, und eben nicht die Nippel. Asymmetrisch angelegt sind Babys, die von unten leicht versetzt an die Brust herangenommen werden, sodass der Nippel im Kind des Mundes leicht nach oben in Richtung Gaumen zeigt und das Baby mehr Brust mit seinem Unterkiefer als mit seinem Oberkiefer einsaugt. Dazu muss ein Baby seinen Kopf leicht nach oben strecken. Leichter soll das alles in einer zurückgelehnten Stillposition gehen, im Liegen oder nur leicht aufgerichtet. Für den C-Griff stelle man sich schließlich vor, einen Döner im Kopfstand zu essen. Das ist die Handhaltung, mit der man sein eigenes Busensandwich dem Baby anbieten kann. Mehr zu wissen gibt es wohl nicht. Bereit zur Prüfung; Stillexpertin bin ich selbst.
Feedbackrunde. Prima, danke, sagen die Paare. Ich habe Fragen. Das soll alles gewesen sein? Was ist denn mit diesem Geheimwissen, das man braucht, damit Stillen funktioniert? So wie in dem Video? Wie auf den Ratgebercovern? Wie auf Instagram? Bis hierhin habe ich das Level bereits gespielt. Bis hierhin habe ich die Ratschläge verstanden. Und dann? Was kommt danach? Was kommt danach?! Hallo? Universum? Die Lösung, die dazu beitragen wird, dass meine Nippel nicht bluten, meine Brüste nicht vor Schmerzen schreien, mein Körper nicht vor Kummer verkrampft und mein Ich nicht von der nächsten Stillmahlzeit verschluckt wird.
Ähm, sage ich, zögerlich, ganz weich, ganz sanft, so weich wie mein Bauch nach der Geburt, ich will niemanden vor den Kopf stoßen bei einem solch sensiblen und hoch emotionalen Thema, während alle ihre Babys im Bauch und Watte ums Herz tragen, ich fasse mir das meine und frage etwas wie: Was, wenn das alles nicht funktioniert? Wenn es Probleme gibt? Wenn es wehtut? Wenn es scheiße wehtut? Stille.
Die Kursleiterin verweist auf die Grenzen von Zeit und Raum. Da könne man nur das Nötigste ansprechen. Ich denke mir, dass man einige Minuten sicherlich hätte einsparen können, indem man die beiden YouTube-Videos später via Link verschickt und nicht gemeinsam im Kurs angesehen hätte, sage aber etwas anderes, weil ich schon in der sechsten Klasse gelernt habe, dass freche Mädchen abgestraft werden – so sage ich: dass ich der Meinung bin, dass Eltern, die einen solchen Stillvorbereitungskurs buchen, zumindest wissen sollten, dass ein Milchstau kein Dessert ist, und was dagegen hilft. Drei Teilnehmerinnen melden sich zu Wort. Ich sag es ja. Alle sind bereits gut informiert. »Kohlblätter?«, »Retterspitz?«. (Aus meiner Erfahrung weiß ich: Quark. Speisequark, in einem Küchentuch eingeschlagen wie in einen Strudel, halfen meinen gestauten, prallen, roten Milchbusen in Stillzeit Nummer eins wirklich sehr gut.) Eine weitere Frau berichtet von den Erfahrungen ihrer Mutter, ihrer Schwägerin und einer Freundin. Alle drei haben ihr von Schmerzen beim Stillen berichtet, ob das denn stimme, fragt sie halb verunsichert, halb besorgt. Nein, Stillen tut nicht weh, sagt unsere Kursleiterin und lächelt milde wie eine Mutter, die ihrem Kind zuflüstert, dass die Spritze gar nicht schlimm ist. »Fünfundneunzig Prozent der Probleme entstehen durch falsches Anlegen«, sagt sie. Die Teilnehmerin nickt, als hätte sie keine andere Antwort erwartet. Ja, es ist wirklich schwer vorstellbar, dass Stillen wehtun könnte. Dann würde es doch keiner machen, oder? Die Kursleiterin ergänzt noch, dass sie von Retterspitz persönlich nicht viel halte und will die Diskussion nun gerne beenden. Feierabend. Haben Mütter nicht. Und ich habe Fragen. Also muss ich es doch tun. Von meinen Problemen berichten. Vor all diesen Eltern, die zum ersten Mal Eltern werden. Ich zögere noch, weil Frauen nicht jammern und sich nicht hervortun und auch ein bisschen, weil man den anderen Menschen keine Angst machen will. Und dann gibt es ja noch die leise Möglichkeit, dass nicht das Stillen an sich so schwierig war, sondern die eigene Unzulänglichkeit es schwierig gemacht hat. Wir sind schließlich alle ein Einzelfall. Also gut, leicht ungeduldig fragt mich die Kursleiterin, was denn bei mir das Problem gewesen sei. Milde klingt sie nun nicht mehr. Da meine Aufzählung viele Punkte umfasst, rede ich besonders schnell, um nicht zu viel Zeit und Raum in Anspruch zu nehmen, die sind ja schließlich begrenzt. Ihre Antwort bleibt auf Linie. Da hätte ich wohl offensichtlich etwas falsch gemacht, sagt sie, hörbar bemüht, die sanfte und zugewandte Beraterin zu geben, als die sie ihr Geld verdient. Beim nächsten Mal solle ich mir doch einfach früher Hilfe suchen. Ich dürfe sie auch gerne anrufen! (Eine Leistung, die man übrigens selbst bezahlen muss, genau wie diesen Kurs.) »Ich hatte Hilfe«, sage ich. »Ja, aber vermutlich nicht früh genug«, sagt die Kursleiterin.
Einer der Männer aus der Runde klinkt sich ein. Wie gut, dass auch Männer anwesend sind. Er klingt, als wolle er vermitteln und sich selbst und seiner Partnerin Mut zusprechen. Oder vielleicht will er auch einfach schnell nach Hause. »Schmerzen sind doch sicherlich sehr individuell«, sagt er, die Zustimmung der Kursleiterin suchend. Sie nickt, ich verstumme. Ich habe verstanden. Stillschmerzen müssen unsichtbar bleiben. Versteckt unterm T-Shirt und hinter der Scham. Also besinne auch ich mich auf meine Rolle der zugewandten Kursteilnehmerin und sage einfach passiv-aggressiv »hm« und schmälere meine Lippen. Eigentlich hätte ich noch gerne etwas von einem Staubsaugerrohr und den Brustwarzen dieses Mannes gesagt, aber da ist der Gedanke daran, nicht vorlaut sein zu dürfen, und es ist auch nicht mehr nötig, Verunsicherung liegt bereits in der Luft. Ich habe es vermasselt. Das gute Gefühl, gut vorbereitet zu sein. Ich bin die Antiheldin, die den Unterricht stört.
Dann sagt die Kursleiterin etwas, das versöhnlich klingen soll, mir aber noch mehr Unbehagen bereitet. Sie wirbt noch einmal für unser aller Verständnis, dass diese Inhalte nicht zu ihrem Kurs gehören können. Crash-Kurs und so. Und ergänzt einen Satz, der mich aufhorchen lässt, weil er so klingt, als habe das Aussparen von Inhalten System. In ihrer Ausbildung zur Stillberaterin habe sie gelernt, Stillprobleme in den Kursen bewusst nicht anzusprechen. Warum? Weil man die Frauen nicht abschrecken wolle. Dann stillen sie ja nicht.
Wie bitte?! Würde man mit demselben Argument auch auf die Sicherheitshinweise im Flieger verzichten, weil Flugzeuge in der Regel sicher landen und die Passagiere auch den nächsten Urlaub wieder mit dieser Airline fliegen sollen? Worum geht es denn in einem Stillvorbereitungskurs? Darum, dass Frauen das Stillen für eine schöne Sache halten oder darum, dass Frauen später auch wirklich stillen? Wenn man sich für das Stillen einsetzt, ist man nicht automatisch auf der Seite der stillenden Person? Kann man Frauen und Queers nicht zutrauen, eine Entscheidung auf Grundlage aller verfügbaren Informationen zu treffen? Bedeutet fürs Stillen zu sein, nicht alles dafür zu tun, dass ein Mensch keine Schmerzen beim Stillen hat? Ich hatte ja keine Ahnung. Natürlich hatte ich die nicht.
Ich bin angezählt. Der besagte Vater wiederum scheint ein harmoniebedürftiger Typ zu sein. Oder einfach pragmatisch. Er schlägt vor, dass man in zukünftigen Kursen einen Onepager verteilen könne, in dem auf die gängigsten Stillprobleme verwiesen wird. Eine Seite Schmerzen und Kummer. Die Kursleiterin nickt. Ja, gute Idee. Und ich? Ich verstehe, dass entzündete Nippel nicht nur mein wunder Punkt sind, sondern auch all jener, die nicht auszusprechen wagen, dass Stillen an sich ein Problem sein kann. Und so beschließe ich über den Stoff zu schreiben, wenn ich darüber schon nicht sprechen soll. Stillen, ja. Still, nein.
Dritter Akt. Zwei Wochen nach meiner Weiterbildung durchbricht mein Baby die Schallmauer; so zeitgerecht wie die erste Brustentzündung. Während ich versuche meinen Säugling dieses Mal erfolgreich zu nähren, nährt mich ein diffuses Gefühl von: Hier stimmt was nicht, aber ich kann nicht greifen, was es ist.
Ich stille und spüre meinem Störgefühl nach. Ich spüre ihm so tief nach, dass mir dabei erst der Busen und dann der Kopf platzt. Weil ich feststellen werde, dass es noch viel komplizierter ist, als ich einst dachte. So kompliziert, dass manche oje sagen, als ich ihnen von meinem Störgefühl erzähle, oder gar nichts, oder heißes Eisen und andere ablehnen mit mir über meine Fragen zu sprechen.
Ist Stillen ein feministischer Akt? Oder ist es der Streit, der Stillen feministisch macht?
Feminismus verbinden wir in alltäglichen Debatten mit politischen Forderungen nach legalisierten Schwangerschaftsabbrüchen, gleicher Bezahlung für alle Geschlechter oder den Schutz vor Gewalt durch Männer. Aus der zweiten Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre heraus hat sich auch ein wissenschaftlicher Feminismus entwickelt, in dem Forscher:innen untersuchen, wie sich die Beziehungen zwischen Geschlechtern in einer Gesellschaft entwickeln und wie es dazu kommt, dass es ein Machtgefälle zwischen Geschlechtern gibt. Feministische Theoretiker:innen analysieren aus einer kritischen Perspektive heraus die bestehenden Geschlechterverhältnisse einer Gesellschaft.3 Ihre Kritik gilt dabei allen Formen von Macht und Herrschaft, die Frauen und Queers diskriminieren und deklassieren.4 Darüber hinaus untersucht die Geschlechterforschung die Bedeutung des Geschlechts für verschiedene wissenschaftliche Disziplinen wie Medizin, Biologie, Theologie, Wirtschaftswissenschaften, Geisteswissenschaften oder Jura.
Ein verbindender Kern für feministische Perspektiven in Politik und Forschung ist die Frage danach, ob es einen natürlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt oder nicht, was in Theoriesprache so etwas heißt wie: »naturhafte Ontologie der Geschlechterdifferenz«5. Nehmen wir die Brüste. Wenn wir sagen: Frauen haben nun mal im Gegensatz zu Männern milchbildende Brüste, das ist von der Natur so eingerichtet und deshalb müssen Frauen ihre Babys ernähren – klingt das für manche logisch, für andere schön und für mich spontan nach einer banalen Schlussfolgerung, die für Personen mit laktierenden Brüsten in einem Meer an systemischen Ungerechtigkeiten münden. So verstehe ich die Grundstimmung feministischer Aushandlungen. Die Grundstimmung, dass Frauen und Queers nicht anders behandelt werden und nicht anders dastehen wollen als andere Geschlechter, nur weil sie Frauen sind.
Ich glaube, dass sich damit die allermeisten Frauen, Queers und weiblich gelesenen Person identifizieren können. Vermutlich auch die meisten Menschen, die in ihrem Leben Wertschätzung erfahren wollen und ein gewaltfreies und gutes Leben führen möchten. Einen Schritt davon entfernt liegt, Wirksamkeit, Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und Gewaltfreiheit nicht nur für sich selbst einzufordern, sondern auch für alle anderen Menschen. Das ist dann also Feminismus, fürs Erste jedenfalls. Ich sehe nicht, wie man kein:e Feminist:in sein kann.
Was danach kommt, ist etwas komplizierter: Streit, Konflikt, Debatte, Meinungsverschiedenheit und Unstimmigkeit. Diesem Buzz muss man sich aussetzen wollen, ihn aushalten und ihm standhalten können. Die Fragen nämlich, über die Feminist:innen streiten, sind: Was sind die Ursachen für ungleiche Geschlechterverhältnisse und was kann man folglich tun, um Ungleichheit und Hierarchien zu überwinden?
Die US-amerikanische feministische Theoretikerin bell hooks definiert Feminismus als »eine Bewegung, die Sexismus, sexistische Ausbeutung und Unterdrückung beenden will.«6 Sexismus bedeutet, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert und abgewertet werden. Eine weiter gefasste Definition des Feminismus lautet so: »Feminismus lässt sich als Ensemble von Debatten, kritischen Erkenntnissen, sozialen Kämpfen und emanzipatorischen Bewegungen fassen, das die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, die alle Menschen beschädigen, und die unterdrückerischen und ausbeuterischen gesellschaftlichen Mächte, die insbesondere Frauenleben formen, begreifen und verändern will.«7 Darin taucht eine mögliche Ursache für ungleiche Geschlechterverhältnisse auf: das Patriarchat. Aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Patriarchat die »Herrschaft des Vaters«. Es zeigt sich schon in der Tradition der Vaterfolge, was bedeutet, dass Frauen, wenn sie einen Mann heiraten, den Namen des Mannes annehmen und zu seiner Herkunftsfamilie ziehen.8 Historisch bedeutet diese Patrilinearität auch, dass zunächst der Vater die Rechte am Körper einer Frau innehat und sie mit der Hochzeit an den Ehemann übergibt.9 Patriarchat bedeutet also grob gesagt, dass es eine Kultur gibt, in der Männer über Frauen verfügen und Frauen weniger Macht und Selbstbestimmung haben als Männer.
Die Autorin Katharina Linnepe personalisiert in ihrem Buch »Wenn das Patriarchat in Therapie geht« das Patriarchat als Patienten. Sie kommt zu dem Schluss: Das Patriarchat sei ein lupenreiner Psychopath. Es zeige keine Reue, keine Verantwortung, sei größenwahnsinnig, impulsiv, leide an mangelnder Impulskontrolle und führe ein Leben auf Kosten anderer.10 Kurzum: irgendwie wenig konstruktiv, dieser Typ. Nun ist das Patriarchat aber keine abstrakte Person wie in diesem Gedankenspiel, sondern eine Umgebung, die gewachsen ist und sich etabliert hat, eine Gesellschaftsform oder eine Struktur. Das Patriarchat, wie es feministischer Kritik zugrunde liegt, beschreibt je nach Auslegung nicht nur oder nicht explizit eine Herrschaft von Männern, sondern vielmehr ein Gesellschaftssystem und eine Denkstruktur, in der alle gemeinsam leben. Heißt dann auch: Nicht nur Männer können sich patriarchal verhalten oder patriarchale Dinge denken, sondern alle Menschen, die durch dieses System geprägt werden, unabhängig von ihrem Geschlecht. Seit den 1980er Jahren beschäftigen sich feministische Denker:innen mit der Frage, inwiefern Frauen durch ihre Lebensentscheidungen und ihr Verhalten zu ihrer eigenen Unterdrückung beitragen und schließlich dafür sorgen, dass patriarchale Strukturen überleben. Die Philosophin und marxistische Feministin Frigga Haug provoziert in den 1980er Jahren mit der These, dass Frauen nicht nur Opfer, sondern auch Täter sind: »Frauen werden nicht nur unterdrückt, missbraucht und in schädigende Systeme verstrickt, sondern steigen auch eigentätig ein, gewinnen Privilegien, ernten fragwürdige Anerkennung (…)«, sagt sie in einem Vortrag an der Berliner Volksuni.11 Die österreichische Autorin Mareike Fallwickl schreibt in dem Sammelband »Heute ist ein guter Tag, das Patriarchat abzuschaffen«: Nein, das Patriarchat existiere nicht unabhängig von uns, sondern durch uns – »wir befeuern das Ganze, und deshalb hört es nicht auf«. Und: Das Patriarchat überlebe nicht im luftleeren Raum. »Wir alle tragen das Patriarchat in uns, sind zur Gänze davon durchdrungen.«12 Auch Frauen und Queers können Frauen und Queers aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren oder herabwürdigen. Unter »internalisierter Misogynie« verstehen Feminist:innen, dass Personen unabhängig von ihrem Geschlecht gelernt haben, frauenfeindlich zu denken.
Beim Stillen werden Überschneidungen zwischen feministischen Kämpfen und patriarchalen Denkmustern in der Tat höchst kompliziert. Frauen müssten ja nicht mehr heiraten, keine Kinder mehr bekommen und auch nicht stillen, schreibt Frigga Haug 1980. Sie prägt die Vorstellung, dass die Lage von Frauen in Teilen »selbstgewählt« und »selbstgewollt« ist. Heißt das jetzt, dass wenn Frauen sich immer wieder neu für das Stillen und somit für die Aufgabe der Ernährerin entscheiden, sie selbst dazu beitragen, dass sie sich hauptverantwortlich um Babys kümmern, meistens zu Hause bleiben, weniger Macht, weniger Geld und weniger Status haben als Menschen, die sich gegen das Stillen entscheiden?
Die jüngere gesellschaftliche Debatte übers Stillen spielt sich in etwa zwischen den Buzzwords Breast is best auf der einen Seite und Stillzwang auf der anderen Seite ab. Die einen sagen, dass Stillen und Muttermilch nun mal das Beste für Babys sind, und die anderen sagen, dass Stillverfechter:innen einen zu großen Druck auf Frauen und Queers ausüben, unbedingt stillen zu müssen. Die jüngere feministische Debatte übers Stillen dreht sich um die Frage, ob Stillen mit feministischen Zielen und Kämpfen vereinbar ist oder nicht. Nährt Stillen Ungleichheit und Hierarchien zwischen den Geschlechtern oder trägt Stillen dazu bei, Ungleichheit und Hierarchien zu überwinden?
In Tradition der feministischen Philosophin Simone de Beauvoir lehnen Feminist:innen seit den 1950er Jahren ab, aus einem natürlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern ungleiche Behandlungen von Menschen abzuleiten. Diese Haltung wird Anti-Biologismus genannt und unterstützt einen Gleichheitsfeminismus. Darunter werden Strömungen zusammengefasst, die unterm Strich etwas sagen, dass Menschen die Ungleichheit und Hierarchien zwischen den Geschlechtern überwinden können, wenn wir Frauen und Männer als gleich, und eben nicht verschieden, betrachten. Aus einer solchen Perspektive blickt die französische Philosophin Elisabeth Badinter 2010 in ihrem Buch »Der Konflikt« auf das Stillen. Für Elisabeth Badinter ist Stillen klar ein Rückschritt für die Gleichberechtigung, weil es Frauen zurück in ihre biologischen Fesseln dränge. Die Stilllobby degradiere Frauen nicht nur zu Naturwesen und tilge mit ihrer Verbissenheit die Ambivalenzen des mütterlichen Lebens, sondern mache auch gemeinsame Sache mit reaktionären Kräften. Dagegen verweist Elisabeth Badinter auf eine Zeit, in der es noch als fortschrittlich galt, dass junge Mütter das Stillen zugunsten der Flasche aufgaben, weil es ihnen erlaubte, weiterhin zu arbeiten – so wie Männer eben.13 Der »industriell hergestellte Muttermilchersatz« werde dagegen seit Jahrzehnten »undifferenziert kritisiert«14, schreibt Elisabeth Badinter.
Aus dieser Perspektive heraus, könnte ich mein Unbehagen beim Stillen also so erklären, dass mich Stillen davon abhält, Differenzen zu überwinden und alles zu tun und zu werden, was auch meinem Partner während dieser Zeit möglich ist, sich frei bewegen, erwerbsarbeiten, Geld verdienen, Karriere machen, sichtbar sein, am gesellschaftlichen Leben teilhaben, Cocktails trinken, sich verbünden, eine Stimme haben und so weiter. Mit einem Abstillmedikament hätte ich die natürliche Hackordnung des Patriarchats ja eigentlich untergraben können? Die Flasche hätte meine Lösung für mehr Selbstbestimmung und Gleichheit sein können? Ist sie das? Die Lösung?
Anders argumentiert die Anthropologin Penelope van Esterik. Für sie ist Stillen sehr wohl ein feministischer Akt, der Frauen ermächtige und zur Gleichstellung der Geschlechter beitrage. Sie selbst begreift sich als Stillbefürworterin und Feministin. Stillen gebe Frauen die Möglichkeit, ihren Körper selbst zu kontrollieren und weise die Vorstellungen zurück, dass Brüste hauptsächlich Sexobjekte sind. Weiterhin erfordere Stillen die Solidarität der Gemeinschaften und schließlich mache Stillen offensichtlich, was Frauen leisten. Penelope van Esterik lehnt die Vorstellung, Stillen sei mit feministischen Zielen von Gleichberechtigung nicht vereinbar, also ab. Im Gegenteil schreibt sie, dass nicht stillende Frauen unterdrückt und ausgebeutet werden, sondern Frauen, die ihre Babys stillen möchten, es aber aufgrund unzureichender Unterstützung durch Familie, medizinisches Personal, Arbeitgeber oder aufgrund listiger Werbestrategien seitens der Babynahrungsindustrie nicht schaffen. Penelope van Esterik plädiert sogar dafür, Stillen aus einer feministischen Perspektive heraus als ein Grundrecht zu etablieren.15
Elisabeth Badinter dagegen bescheinigt Stillverfechter:innen eine »maternalistische Ideologie«, die, das stellt sie mit Bedauern fest, den ideologischen Kampf um die Babyernährung gewonnen haben. Maternalismus steht für eine weitere feministische Strömung, die in der theoretischen Debatte gleichheitsfeministischen Ansätzen beim Stillen oftmals konträr gegenüber gestellt wird. Maternalist:innen betonen gerade die Unterschiede zwischen Geschlechtern und sind grob gesagt der Überzeugung, dass Mütter der Boss sind. Mütter gelten ihnen als moralische Vorbilder, als machtvoll, erhaben, manchmal göttlich, werden also tendenziell überhöht und zelebriert, weil Mütterlichkeit darin vor allem für Fürsorge und Liebe steht, was ja tatsächlich etwas Schönes im Leben von Menschen ist. All das aber können in diesem Denken Mütter am besten, worin ihre besondere Stärke liegt. Die Schweizer Stillberaterin Sibylle Lüpold schreibt 2012 in ihrem Buch »Stillen ohne Zwang«: »Nun ist es aber so, dass das Gefühl ›nur ich kann meinem Kind geben, was es braucht‹ einer Mutter auch eine besondere Stellung und innere Stärke verleihen kann.« Und: »Für Mütter mag es motivierend sein zu wissen, dass sie nicht nur für ihr Kind, sondern auch für sich selbst stillen.« Damit rücke die ganze Diskussion um »den Stillzwang« in ein anderes Licht, schreibt Sibylle Lüpold. Es gehe nicht darum, dass eine Mutter sich für ihr Kind aufopfere und die angebliche Belastung nur ihm zuliebe auf sich nehmen müsse. Vielmehr könne eine stillende Mutter genauso vom Stillen, den damit verbundenen psychologischen und physiologischen Veränderungen profitieren.16
Irgendwo dazwischen kann ich mir also überlegen, ob ich es als feministisch empfinde, wenn ich auf das Stillen verzichte, um gleichermaßen am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilzunehmen und die Macht nicht jenen zu überlassen, die nicht stillen, oder ob ich es als feministisch empfinde, wenn Frauen ihre Babys stillen, eben weil sie solche genialen Menschen sind, die mit ihren Busen einen Zaubertrank produzieren können und überhaupt, weil Mütter der Boss sind, ich das Stillen lieben werde und sogar selbst davon profitiere.
Biologische Fessel oder selbst gewähltes Mutterglück? Brust oder Flasche? Emanzipatorischer Akt oder Motor fürs Patriarchat? Stillbuch oder Anti-Stillbuch?
In dieser jüngeren feministischen Debatte übers Stillen finde ich die Ursache für mein Unbehagen aber noch immer nicht. Ich muss weitersuchen. Ja – in mir selbst. Damit fängt es an. Mit meiner Erfahrung mit dem Stillen. Meine Suche führt mich aber auch in Debatte und Diskurs als Räume, in denen Stillen besprochen und ausgehandelt wird. Ich habe zahlreiche Ratgeber, Sachbücher, Fachbücher, Zeitungsartikel, Studien, politische Aktionspapiere und Schriftstücke gelesen. Ich habe Blogbeiträge, Social-Media-Postings und Kommentarspalten durchforstet, Podcasts gehört und Dokumentationen angeschaut. Ich habe mit meinen Freund:innen, Verwandten und Bekannten, Wissenschaftler:innen, Forscher:innen, Ärzt:innen und Hebammen gesprochen. Manche dieser Gespräche fließen direkt in dieses Buch ein, andere indirekt.
Aus dieser Analyse ziehe ich etwas, was mich meiner Frage, ob man als Feminist:in für das Stillen sein kann, näherbringt. Nämlich das, was ich die große Erzählung über das Stillen nenne. Groß ist sie, weil sie die Art und Weise, wie wir über das Stillen sprechen und denken, seit siebzig Jahren dominiert. Sie prägt Fachliteratur ebenso wie tagesaktuelle Postings und Meinungsstücke. Sie ist omnipräsent, hartnäckig und wird jeden Tag aufs Neue reproduziert. Die Frage ist, was diese große Erzählung so erfolgreich macht.
Aus dieser Analyse ziehe ich weiterhin etwas, was ich den Kosmos Stillen nenne. Stillen als Kosmos beschreibt eine Ideenwelt darüber, was Stillen ausmachen soll, was Stillen ist und welche Erwartungen und somit auch Zwänge damit für Mütter einhergehen. Der Kosmos Stillen ist jedoch kein reiner Schlagabtausch; er hat Anhänger:innen. Er ist identitätsstiftend und die Ausgangslage dafür, das eigene Weltbild so zu festigen, dass es immer schwieriger wird, einen gegenteiligen Weg bei der Babyernährung nicht als Ablehnung ebenjenes eigenen Weges zu verstehen.
In diesem Buch stecken mein Geist und mein Körper, meine Erfahrungen und fünfhundertvierundvierzig Liter Muttermilch. Was macht das mit euch? Unbehagen? Neugier? Abwehrhaltung? Ekel? Dann – Willkommen im Rabbit Hole zwischen Stillen als Kosmos und Stillen als Erfahrung. Diese hochprozentige Mischung vernebelt Stillen wie Absinth den Verstand. Ein heiliger Teufelsstoff, in dem sich Sorge, Wut, Hilflosigkeit, Scham, Trauer, Enttäuschung und Kampfgeist mit systemischen Widersprüchen vermischen. Die Sorge um das Wohlergehen des eigenen Babys. Die Wut darüber, dass sich andere Menschen herausnehmen, besser zu wissen, was das Beste für einen selbst und das eigene Baby ist. Die Hilflosigkeit, dieser Bewertung ausgeliefert und ihr gegenüber machtlos zu sein. Die Scham darüber, einen funktionierenden Körper in Abrede gestellt zu bekommen. Die Trauer darüber, von Anfang an nicht alles richtig gemacht zu haben. Die Enttäuschung darüber, dass einem ein unumkehrbares Unrecht zugefügt wurde. Der Kampfgeist, dass es doch hätte besser gehen müssen mit dem Stillen. Und der Widerspruch, dass der Rahmen für all jene Ambivalenzen ein System ist, das Frauen, Queers und Weiblichkeit noch immer abwertet.
Was daran soll jetzt also feministisch sein? Alles.
Wir gehen rein, in die vielen feministischen Zwischentöne, strukturellen Widersprüche und persönlichen Ambivalenzen, die das Stillen spürbar, streitbar und explosiv machen. Höchste Zeit, mit feministischen Kämpfen und patriarchalen Denkmustern aufzuräumen, um Platz zu schaffen für eine echte Gleichberechtigung bei der Babyernährung. Das ist mein Buch. Das ist Stillen. Eine radikale Neubetrachtung. Wie diese fürs Stillen ausgeht, wird sich zeigen.
Kapitel 1
Kommt, ich erzähle euch eine Geschichte. Die Geschichte darüber, warum Stillen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Sie handelt von Jesus Christus und Marias Brüsten, von Hausgeburten und Louis Pasteur. Diese Geschichte ist so gut, dass sie seit siebzig Jahren überdauert. Sie begegnet uns jeden Tag im Kosmos Stillen. In den Sozialen Medien, auf Blogs, in Zeitungsartikeln, den zugehörigen Kommentarspalten, in Podcasts und Elterngruppen, in Fachbüchern, Sachbüchern, Ratgebern, Berichten internationaler Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie dem Kinderhilfswerk Unicef, in Geburtsvorbereitungskursen und Krabbelgruppen. Zeit für eine radikale Neubetrachtung, könnte man meinen, aber so weit sind wir noch nicht.
Die Kurzfassung dieser Geschichte geht so: Das Stillen hatte ein langes und anstrengendes, wenngleich erfolgreiches Arbeitsleben hinter sich, das wahlweise zwischen vielen Tausenden oder einigen Millionen Jahren Menschheitsgeschichte überdauert hat, je nachdem, wen man fragt, wann die Menschheit ihren Ursprung nahm. Auf dem Weg in den wohlverdienten Ruhestand verläuft sich das Stillen. Die Natur zeigt dir den Weg, raunt es da aus heiterem Himmel. Es ist Maria lactans, die dort zum Stillen spricht. So spät noch allein unterwegs?, fragt ein Passant. Es ist der Mutter-Mythos. Trink doch ene mit!, lallt ein Dritter. Es ist die Unvernunft. In einer dunklen Ecke tuscheln eine Kuh und eine Ziege. Muss das hier sein?, motzen die beiden und verziehen angewidert das Gesicht. Das Stillen ist müde. Von Spökes hat es nun wirklich genug, da dröhnt ein Bass. Demonstrantinnen kreuzen den Weg. Es ist dein Körper!, skandieren sie. Nestlé tötet Babys!, schallt es von der Gegendemo. Don’t kill your baby!, brüllt jemand dem Stillen unmittelbar ins Gesicht. Es ist die Moral. Dem Stillen wird ganz schwindelig. Leute, murrt es, ehe es ins Taumeln gerät und zu Boden geht. Stille. Als es wieder zu sich kommt, blickt es in sorgenvolle Gesichter. So schlimm?, fragt das Stillen. Breast is best!, sagt eine graue Lady mit ernster Stimme und gibt dem Stillen einen sanften Kuss. Es ist das Patriarchat.
Die Langfassung dieser Geschichte beginnt so: Es ist ein heißer Tag im Juli 1956. Zwei Mütter sitzen beim Picknick unter einem Baum und stillen. Diese zwei Frauen sind die US-Amerikanerinnen Mary White und Marian Tompson aus einer Vorstadt von Chicago, die daran glauben, dass Frauen viele Kinder haben sollen und ihr Platz zu Hause bei ihren Kindern ist. Eine katholische Familiengruppe, das Christian Family Movement, hat eingeladen. Was Mary White und Marian Tompson als Mütter mit mir gemeinsam haben, ist, dass sie ihre Babys gerne stillen wollten. Was uns unterscheidet, sind unsere Gründe dafür. Mary White ist von den gesundheitlichen Vorteilen des Stillens für ihr Baby überzeugt. Sie hat gelesen, dass Flaschenbabys die Inhaltsstoffe der industriellen Milch nicht vertragen und Allergien bekommen können. Ihre Freundin Marian Tompson trägt eine tiefe innere Überzeugung in sich, ihren Babys genau das geben zu wollen, was die Natur für Babys vorgesehen hat, und das ist doch nun mal die Milch aus ihren Brüsten? Nature’s Finest.1
Was die Frauen damals noch nicht wissen, ist, dass sie wenig später eine der einflussreichsten transnationalen Stilllobbygruppen der Welt gründen werden – die heute La Leche League bzw. La Leche Liga heißt – und in deren millionenfach gelesenem Ratgeber steht: »Oft befand sich eine Mutter in den fünfziger Jahren in den Vereinigten Staaten in einer feindlichen Welt, wenn sie sich entschloss, ihr Kind zu stillen. Die Gesellschaft begegnete ihrem Wunsch, ihr Kind selbst zu nähren, im Allgemeinen mit Vorhersagen über ihr Scheitern.«2 An diese feindliche Welt knüpft nicht nur die La Leche Liga an, sondern auch die große Erzählung über das Stillen, die sich doch ganz wesentlich aus den Erfahrungen zweier Frauen beim Stillen nährt.
Was die beiden Frauen mit mir wieder gemeinsam haben, ist, dass Stillen für sie zunächst sehr frustrierend war. Ihre ersten Versuche ihre Babys zu stillen, scheiterten. Stillen funktionierte für sie nicht. Die große Frage ist, woran das lag.
Schnappt euch ein paar Snacks, Ladies und Ladieletten, und eine Flasche voll Milch. Es wird prickelig.
Die Moderne muss Menschen mit potenziell laktierenden Brüsten in dieser großen Erzählung höchst verdächtig erscheinen. Sie steht seit siebzig Jahren im Verdacht, irgendetwas mit dem Stillen gemacht zu haben. Die Frage ist, was genau, und ob das gut oder schlecht ist.
Dafür muss kurz klargezogen werden, wofür die Moderne in dieser Geschichte stehen soll. In den meisten westlichen Ländern gilt die Moderne als ein Epochenbruch im 18. und 19. Jahrhundert, in der das Leben von Menschen noch einmal völlig neu sortiert wurde. Politisch, wirtschaftlich, geistesgeschichtlich. Die Moderne beginnt etwa dort, wo Menschen von der Kutsche auf die Dampflok umstiegen oder ihre Waren in Fabriken statt in der Küche produzierten. Menschen zogen in Städte oder im Land umher auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück.
Von diesen Lebensweisen gab es selbstverständlich diverse Abweichungen. Entscheidend aber ist ein Zeitgeist, der darin besteht, sich selbst in die Lage versetzt zu haben, die Dinge anders machen zu können, als es Generationen vorher getan haben, und das, was immer gültig war, infrage stellen zu dürfen. So jedenfalls ist das Grundgefühl der Moderne, wie sie die große Erzählung über das Stillen zeitlich und denkgeschichtlich einrahmt. Die Moderne steht darin für einen frischen Wind, der manche höher fliegen lässt und andere umpustet. Dazu kommt die Überzeugung, dass Fortschritt immer währt, und das erlesene Gefühl, sich mit dem alten Gedöns der Menschheitsgeschichte nicht mehr abgeben zu müssen. Bis heute. Moderne Menschen müssen also vor allem eines sein: ganz schön bold.
Verknüpft ist modernes Denken auch mit den europäischen Aufklärern, Descartes, Kant, Rousseau & Co., zu deren Kernanliegen die Befreiung der Menschen von den Zwängen der Monarchie und der Kirchen gehört. Die Aufklärer sagten etwas wie: Einfach mal den Verstand bemühen, Leute! Das, was man euch jahrelang erzählt hat, ergibt gar keinen Sinn und hält euch klein! Zum Selbstverständnis der Aufklärer gehörte es, über Irrglauben, schwammige Mythen, Dogmen, Aberglaube und fälschlich überliefertes Wissen aufzuklären. Statt Glaube und Religion propagierten sie rationale Wissenschaft, Hirn, Verstand und Vernunft als seriöse Quelle von seriösem Wissen. Manche Menschen folgten ihnen und begannen zu studieren und sich dieses neue rationale Wissen anzueignen, andere nicht. Die glaubten weiterhin daran, dass An-etwas-zu-glauben eine legitime Form von Wissen ist und blieben hinter der Moderne zurück. Noch heute orientieren sich moderne Menschen an Leistungsprinzip, Selbstorganisation, Selbstbestimmung und Partizipation. Sie glauben an Demokratie, Vertragsfreiheit, Rechtsgleichheit, Marktwirtschaft und Wohlfahrtsstaat. Manche profitieren davon, andere nicht. Manche erlangen Status in Form von Bildung, Beruf, sozialer Lage oder Familienstand. Andere nicht.
Diese so verstandene Moderne als Denkepoche ist ein entscheidender Dealbreaker in der großen Geschichte über das Stillen. Diese Erzählung wäre nichts ohne die Moderne und die Sehnsucht nach einem ehrlichen Leben im Einklang mit sich selbst, der Natur und anderen Menschen. Sie wäre nichts ohne einen romantisierenden Rückbezug, der sich aus der Annahme speist, dass sich moderne Menschen übernommen haben und zurückkehren sollten zu ihren Wurzeln und Ursprüngen, wo auch immer sie liegen. Dieses Grundgefühl ist der Erfolgsfaktor dieser Erzählung, weil es Menschen teilen, die sich in anderen Fragen konträr gegenüberstehen können: Hippies, Ökos, Fundamentalist:innen, Feminist:innen, Gläubige, Geistliche, Wissenschaftler:innen, wissenschaftsgläubige Eltern, Yuppies, Hipster, Globalisierungsgegner:innen, Kirchen, Kinderärzt:innen, Hebammen, die Vereinten Nationen, Gynäkolog:innen und Ökonom:innen. Da wabert etwas.
Das, was die Moderne mit dem Stillen angerichtet hat, ist nämlich Folgendes: Die Moderne hat dafür gesorgt, dass Frauen wie ich – heute – nicht mehr wie selbstverständlich stillen können. Das allein klingt ja schon mal fies. Hat die Moderne sich das denn gut überlegt? Doch damit nicht genug. Der Nachschlag dieser Annahme wird noch sahniger. Er lautet nämlich, dass für diese Entwicklung Männer die Hauptverantwortung tragen. Der Kern dieser großen Erzählung über das Stillen liegt also in der Annahme, dass Männer dafür gesorgt haben, dass Frauen – heute – nicht mehr stillen können. A-ha! Irgendwelche bolden Männer vergangener Zeiten haben also dafür gesorgt, dass sich Stillen für mich auf meinem Sofa so unglaublich beschissen anfühlt? Ich lehne mich aus meiner zurückgelehnten Stillposition auf! In dieser Kernannahme zeichnet sich bereits eine solch große Ungerechtigkeit ab, die wütend machen kann.
Was genau moderne, bolde Männer getan haben, lässt sich in den folgenden beiden Zitaten vorwegnehmen, ehe wir uns genau anschauen, was dran ist und dahintersteckt. Das erste Zitat stammt aus dem Fachbuch »Stillen – einst und heute« aus dem Jahr 1997. Zu dieser Zeit ist die erste systematische Untersuchung über das Stillverhalten in Deutschland zwar gerade erst in Arbeit, international wird die Debatte darüber, warum Stillen leider keine Selbstverständlichkeit mehr in westlichen Ländern ist, aber seit Jahrzehnten ausgefochten. Beteiligt: vor allem Menschen aus den USA, Australien, Großbritannien, der Schweiz, Österreich und Deutschland.
Im besagten Fachbuch liefern die beiden Autorinnen, Elizabeth Hormann, die erste Stillberaterin mit höchster Auszeichnung IBCLC3, und Erika Nehlsen, Gründerin des Ausbildungszentrums »Laktation und Stillen«, eine umfassende Begründung dafür, warum Stillen von der Bildfläche verschwunden ist. Sie lautet: »Dafür ist die Flasche als Norm viel zu stark eingeprägt. Zweifel an der Stillfähigkeit sind unter Müttern und deren medizinischen Begleitern viel zu verbreitet, die Bedeutung des Stillens und der Muttermilch noch sehr unterbewertet und die Bestrebungen der Industrie für künstliche Babynahrung, ihre Produkte zu verkaufen, noch viel zu erfolgreich.«4 In dieser Anamnese der beiden Frauen, die sich für das Stillen starkmachen, stecken bereits all jene Annahmen, die wir in diesem Kapitel besser verstehen wollen, weil sie so präsent sind. Sie tauchen so ähnlich in zahlreichen weiteren Fachbüchern, Ratgebern und Positionspapieren auf.
Im Geleit des Ratgebers »Einfach Stillen« aus dem Jahr 2005 schreibt etwa der Gynäkologe Michael Abou-Dakn, damals als Vorsitzender der WHO-Unicef Initiative »Stillfreundliches Krankenhaus« und Mitglied der Nationalen Stillkommission: »Da in unserer Gesellschaft die häufigste Familienform die Kleinfamilie, also Vater, Mutter und Kind, ist, fehlen jungen Müttern die Vorbilder.« Und auch: »durch viele Fehlinformationen – bewusst oder unbewusst – werden Eltern schon zu Beginn der Stillbeziehung verunsichert.« Eltern seien so »fälschlicherweise« der Auffassung, in der »künstlichen« Babynahrung« den »Schlüssel zu ihren Problemen« in den Händen zu halten.5 Diese Lösung nämlich soll in einer industriell gefertigten Babymilch liegen. Das wussten ja schon Gleichheitsfeminist:innen.
Ich will diese Diagnosen jetzt genauer verstehen. Mein Grundgefühl ist nämlich, dass sie mich nicht überzeugen. Ich werde umreißen, woher diese Annahmen kommen. Dabei konzentriere ich mich zunächst auf die dominanten historischen Ereignisse und Debatten. Einige Abweichungen und Gegenbewegungen müssen vorerst ausgeblendet bleiben. Die beiden Frauen, die 1956 beim katholischen Familienpicknick zusammensaßen, erhalten viel Raum, weil sie in dieser großen Erzählung eine zentrale Rolle spielen.
Die erste Annahme, die erklären soll, warum Stillen für Mütter keine Selbstverständlichkeit mehr ist, hat mit Familienleben, Gleichberechtigung und einem modernen Leben in der Stadt zu tun. Es ist die Erzählung davon, dass es in der Menschheitsgeschichte eine Zeit gegeben hat, zu der Frauen problemlos stillen konnten, ehe die Stilltradition aus den Familien verschwunden und die Stillkultur der Gesellschaft verloren gegangen ist. Im Fachbuch »Stillen und Muttermilchernährung« der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus den 1980er Jahren steht, dass Stillkenntnisse »aufgrund soziologischer Veränderungen nicht mehr im Laufe des normalen Familienlebens erworben werden können.« Viele Frauen hätten ja nicht bei der eigenen Mutter oder Verwandten sehen können, wie eine Frau praktisch mit dem Kind an der Brust umgeht.6 Auf Instagram fragt sich eine Nutzerin noch heute, warum Stillen eigentlich nicht mehr so intuitiv sei, wie es mal war: »Vielleicht, weil wir keine Stillvorbilder (mehr) haben. Weil wir alleine in unserer 2-Erwachsenen-Familie statt im Clan leben? Vielleicht, weil wir erst wieder lernen, wie das mit dem Stillen eigentlich mal gedacht war? Ich glaub schon.«7
Ich glaube nicht. Aus diesem Teil der großen Erzählung über das Stillen werden wir trotzdem mit dem Störgefühl herausgehen, dass unser modernes Leben nicht stillfreundlich ist. Und der Handlungsaufforderung, dass sich Mütter auf ihre ursprünglichen Stärken besinnen müssen, worin auch immer diese bestehen. Jede Mutter kann stillen!
Es stimmt. Stillen hat eine lange Tradition. Muttermilch ist kulturübergreifend symbolträchtig und stillende Mütter für Menschen ermächtigend bis heilig. Erzählungen und Darstellungen über Stillen und Ernährung mit Muttermilch durchziehen Mythologie, Kunstgeschichte, Weltanschauungen und Weltreligionen. Kunsthistorische Abbildungen zeigen die ägyptische Muttergöttin Isis beim Stillen ihres Sohnes Horus. Der Hindu-Gott Krishna wird in einer Abbildung von seiner Ziehmutter Yashoda gestillt. Die hinduistische Muttergöttin Parvati stillt auf Bildern ihren Sohn Ganesha, den Gott der Weisheit.8 In der hebräischen Bibel ist das Wort Säugling elfmal belegt. Demnach stillt Sara ihren Sohn Isaak und Hanna ihren Sohn Samuel.9 Das Buch Genesis erzählt je nach Übersetzung von Segnungen der Brüste und des Mutterleibes sowie vom Überfluss aus Mutterbrüsten.10 Aus den Büchern Makkabäer und Chronik geht eine Stilldauer von drei Jahren hervor.11 Die griechische Mythologie erzählt von Göttervater Zeus, der eigentlich mit Hera verheiratet ist und gerne mal fremdgeht. Mit der sterblichen Alkmene bekommt er einen Sohn, Herakles, auch bekannt als Herkules. Diesen starken Herkules will Zeus seiner betrogenen Hera heimlich zum Stillen unterjubeln. Das geht jedoch nicht ganz auf. Herkules soll seine Stärke schon als Baby demonstriert und so fest an Heras Brüsten gesaugt haben, dass Hera ihrerseits Stärke beweist und Baby Herkules vor Wut über diese Schmerzen wegschleudert. Dabei spritzt ihre kostbare Milch heiter durch die Galaxie. Tada! Milchstraße. Herkules wiederum ist dank ihres göttlichen Einflusses mit übermenschlichen Kräften gesegnet. Prominente Stillkinder gibt es noch mehr. Auch der indische Prinz Siddharta Gautama (Buddha) soll laut einzelner Überlieferungen gestillt worden sein. In islamischer Tradition gilt Stillen als Ausdruck von Liebe einer Mutter für ihr Kind. Aus Koranübersetzungen geht eine Stilldauer von zwei Jahren hervor12, wobei nicht nur die leibliche Mutter ihr Kind stillt. Die islamische Rechtslehre kennt drei Arten von Verwandtschaft: Blut, Ehe und Milch. Auch mit einer Milchverwandtschaft, wenn Kinder von derselben Amme bzw. einer Milchmutter gestillt wurden, gehen diverse Heiratsverbote einher.13 Als zentral für die große Geschichte über das Stillen und die Frage, warum Stillen nicht mehr selbstverständlich ist, erweist sich aber eine andere Stillbeziehung. »Glückselig der Leib, der dich getragen, und die Brüste, die du gesogen hast!«, heißt es im Lukasevangelium.14 Genau, Maria und ihr Stillbaby Jesus Christus.
Marias Brüste sind für die westliche Stillgeschichte besonders nährreich. In religiösen Abbildungen haben sie einen Sonderstatus, weil sie als unschuldig und frei von Sünde gelten. Sie werden klein, knackig, jugendlich und rund dargestellt. (Man wusste wohl noch nicht, dass die Busenform nichts damit zu tun hat, wie und wann eine Frau Sex hat.) Vor allem aber dürfen Marias Brüste nackt sein, weil sie keine Sexobjekte sind, sondern die jungfräulichen Nahrungsutensilien einer Heiligen. (Die Brüste anderer Frauen werden im biblischen Kontext nämlich sehr wohl als sündig dargestellt.) Im Land Salzburg in Österreich gibt es solch eine Abbildung der »Maria lactans« als Brunnen. Aus Marias blanken Brüste spritzt zwar keine Milch, aber Wasser. Kunsthistorische Darstellungen zeigen auch Heilige, also erwachsene Männer, die direkt an Marias Brüsten saugen, wodurch sie Gnade und Erleuchtung empfangen. Noch heute gilt die stillende Maria vielen Christ:innen als Inbegriff einer liebevollen und sanften Mütterlichkeit. So auch den beiden Frauen, die 1956 beim katholischen Familienpicknick zusammensaßen.
Für die meisten Frauen im Westen ist die stillende Maria in den 1950er Jahren kein Vorbild mehr. Moderne Mütter kaufen industriell hergestellte Babynahrung, um sie ihren Babys durch eine Flasche zu verfüttern, statt ihre Brüste einzusetzen. 1956 beginnen nur 32 Prozent der Amerikanerinnen mit dem Stillen.15 Dagegen trinken Ende der 1950er Jahre 75 Prozent aller Babys in den USA in ihrem ersten Lebensjahr auch industriell hergestellte Babynahrung aus einer Flasche.16 Diese Babynahrung ist inzwischen so ausgereift, dass sie von Kinderärzten empfohlen wird. In der Nachkriegsära sieht alles danach aus, als verdrängten die rasant weiterentwickelten Produkte das Stillen aus den Familien.
Wie es so weit kommen konnte, erzählt uns ein kurzer Sprung in die vorletzte Jahrhundertwende. An der richtigen Rezeptur für industriell hergestellte Babymilch tüftelten Chemiker und Industrielle nämlich bereits seit dem 19. Jahrhundert. Ihre ersten Analysen hatten ergeben, dass verdünnte Kuhmilch für menschliche Babys nicht die richtige Nährstoffzusammensetzung enthält und angereichert werden muss. Wie genau, und wie die entsprechend angereicherte Milch haltbar gemacht werden kann, hatten Forscher und Industrielle gleichermaßen versucht herauszufinden. Der deutsche Chemiker Justus von Liebig entwickelte eine erste Fertignahrung auf der Basis von Kuhmilch. Der Chemiker Louis Pasteur wiederum entwickelte ein Verfahren, um Milch haltbar zu machen. Schließlich ging 1866 in Cham in der Schweiz die erste Anlage zur Kondensierung von Milch in Betrieb.
Für Babymilchen gab es da bereits etwa siebzig verschiedene Rezepturen, die die inzwischen bekannten Nährstoffdefizite von verdünnter Kuhmilch ausgleichen sollten. Manche Rezepte optimierten die tierische Milch in ihrem Fettanteil, andere in ihrem Kohlenhydratanteil, wieder andere in ihrem Eiweißgehalt. Um den Fettgehalt der Fertigprodukte zu erhöhen, gaben einige Menschen Sahne oder gezuckerte Kondensmilch dazu, die in anderen Ländern auch als alleinige Nahrung an Babys verfüttert wurde. Auf dem Markt wurden die neuen Produkte als Kindernährmittel oder Kindermehle verkauft, denen die Mütter verdünnte Tiermilch beimischen sollten. 1867 begann auch ein gewisser Frankfurter in Vevey in der Schweiz ein sehr berühmtes Kindermehl herzustellen. Dieser Frankfurter war Henri Nestlé. Für sein »Farine lactée Nestlé« oder »Nestlesches Kindermehl« tränkte er Zwieback mit kondensierter Milch, trocknete das Gemisch und mahlte es erneut zu Mehl. Der Vorteil seines Produkts bestand darin, dass diesem Pulver keine Milch mehr zugemischt werden musste, sondern nur Wasser. Ab 1923 wurde in Europa auch die »Marriottmilch« verfüttert, eine durch Zitronen- oder Ascorbinsäure angesäuerte Kuhmilch, die als besonders verträglich galt.17 In den USA setzten Eltern in den 1920er Jahren auf eine Babynahrung auf Wasserbasis, die den Fett-, Protein- und Kohlenhydratgehalt der Muttermilch exakt reproduzierte.18
Zurück in den 1950er und 1960er Jahren sind die Technologien so weit ausgereift, dass die Alternativen für die Flasche der menschlichen Muttermilch immer ähnlicher werden, etwa was den Kohlenhydratgehalt oder den Anteil ungesättigter Fettsäuren betrifft. Sie gelten als »humanisiert« oder »adaptiert«, Muttermilch hingegen als überholt.19 Der Trend erreicht zunächst Nordamerika, bald Europa.
Für Deutschland gibt es aus den 1950er und 1960er Jahren zwar wenig Untersuchungen, die Aufschluss über das Stillverhalten von Frauen geben, aus einem umfassenden Zeitzeugenbericht, in dem rückwirkend mehrere hundert Frauen, ausschließlich Nicht-Akademikerinnen, nach ihren persönlichen Stillerfahrungen in den Jahren 1950 bis 1990 befragt werden, geht jedoch hervor, dass Nahrung für die Flasche auch im Westen Deutschlands vielen Menschen als fortschrittlicher angepriesen wurde.20 Von den befragten Frauen geben zwar immerhin noch 84 Prozent an, ihre neugeborenen Babys zunächst gestillt zu haben. (»1952 war eine schlechte Zeit. Da gab es noch gar nicht so viel anderes für kleine Kinder«, erklärt eine Teilnehmerin in der Studie.) Wenn die Babys sechs Monate alt waren, sind es laut Bericht allerdings nur noch 36 Prozent der Mütter, die ihre Babys stillen.
Diese Tendenz verstärkt sich in den 1960er Jahren. Laut Kohortenstudie gibt mit 80 Prozent der befragten Westmütter zwar noch immer eine große Mehrheit an, ihre neugeborenen Babys zu stillen, wenn die Babys sechs Monate alt sind, stillen sie aber gerade noch 12 Prozent der Mütter. Die Kohortenstudie findet Erklärungen im Zeitgeist: »Das war ja auch damals so eine Zeit, da sagte man, jedes Fläschchen ist besser als Muttermilch«, berichtet eine Studienteilnehmerin. »Das Stillen war früher eine Belastung. Die Kinder waren auch alle dick, es war nicht wichtig länger zu stillen«, sagt eine weitere. Eine andere: »Ich habe dreizehn Monate gestillt. Da kam der Kinderarzt und sagte, du bist doch keine Kuh.«
Ja, das dachte ich auch mal.
Die Flaschenfütterung erscheint vielen Müttern zeitgemäßer und auch professioneller als menschliche Milch aus weiblichen Brüsten. Stillen ist in den 1950er und 1960er Jahren Steinzeit-oll. Säugetier-oll. Vorvorgestern. Dagegen sehnen sich die Menschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Leichtigkeit, Konsum, einem schicken, modernen und schillernden Leben. Babys mit Brüsten zu ernähren, gehört nicht dazu.
Mit eben jenem modernen Lebensgefühl sehen sich in den 1950er Jahren auch die beiden gläubigen Christinnen Mary White und Marian Tompson aus der Nähe von Chicago konfrontiert. Zurück zum katholischen Familienpicknick. Die US-Autorin Jule DeJager Ward zeichnet die Szene, in der die große Erzählung über das Stillen ihren Anfang nimmt, umfassend nach: Wie sie da so sitzen, im Sommer, unter einem Baum – ich stelle es mir vor wie eine Szene irgendwo zwischen »Bridgerton« und »Grease« –, sollen immer mehr Mütter zu ihnen gekommen und ihrerseits von ihren missglückten Stillversuchen berichtet haben. Ach, haben die anderen Mütter gesagt, ich hätte meine Babys ja auch so gerne gestillt! Konnten sie aber nicht. Die beiden Freundinnen stimmt das nachdenklich. Warum nur fällt das Stillen so vielen Frauen ihrer Generation und ihnen selbst so schwer? Wo es sich doch um eine ganz normale und natürliche Ernährungsweise handelt?21
Fest entschlossen, den Frauen in ihrem Umfeld zu helfen, gründen Mary White und Marian Tompson einen Club. Eine weitere Freundin, Edwina Froehlich kommt dazu, die hatte zwar selbst keine Probleme beim Stillen ihrer Babys – schließlich sei es in ihrer Familie selbstverständlich gewesen, Kinder zu stillen –, kommt aber in einem Gespräch mit einem italienischen Priester zu dem Schluss, dass die Ursache wohl kaum in einer mangelnden Moral der US-Amerikaner:innen liegen kann, sondern erwägt, den Frauen ihrer Generation könne ihr Lebensstil das Stillen erschweren: das moderne, schicke, laute und schillernde Leben in der Stadt, voller Arbeit, Werbung, Konsum und Versuchungen. Waren amerikanische Mütter in den Fifties zu busy zum Stillen?
