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"Ich geh mal schnell Brötchen holen!" Für einen blinden Menschen bedeutet dieser Satz etwas anderes als für einen sehenden. Haben Sie schon einmal einen Blinden beobachtet, der mit Hilfe seines Stocks verblüffend schnell unterwegs war? Am Anfang dieser Fähigkeit steht meist ein Mobilitätstraining, bei dem der oder die Betroffene auf kleinen, ausgewählten Wegabschnitten den Umgang mit dem Blindenlangstock einüben kann. Aber: Wie sieht das im wirklichen Leben aus? Kommt man als Blinder tatsächlich allein dorthin, wohin man will? Worauf muss man achten, wenn man in einer völlig fremden Umgebung unterwegs ist? Geht das überhaupt? Auf diese und andere Fragen gibt das Handbuch "Stockdunkel" echte, manchmal herausfordernde Antworten, die nicht aus der Theorie, sondern aus der Erfahrung des selbst betroffenen Autors kommen. Ein Buch, das blinden Menschen Lust aufs Unterwegs-Sein machen will und dem außenstehenden Leser einen spannenden Einblick in eine unbekannte Welt geben kann.
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Seitenzahl: 41
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Stefan Debus
Stockdunkel
Ein Handbuch für Blinde zum Thema Mobilität
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Einleitung
Vorbemerkungen zum Thema Sicherheit
1. Zeit
2. Der Stock
3. Fragestrategien
4. Bühne Bürgersteig
5. Menschlicher Führ-Wauwau
6. Körpergefühl, Stand, Gleichgewicht
7. Stockkünstler
8. Energiehaushalt
9. Der Plan
Impressum neobooks
Da stand ich an der Straßenbahnhaltestelle Roßplatz in der Leipziger Innenstadt, um kurz nach drei an einem ungewöhnlich milden, sonnigen Märznachmittag mit der Straßenbahn zu fahren. Neben mir, höchstens zwei Meter entfernt, war das Geraschel einer Tüte zu hören. „Entschuldigung, fährt hier die 9 Richtung Goerdeler Ring?“, fragte ich in Richtung des Geräuschs. „Ja, die kommt in … warten Sie, ich schau mal nach“, antwortete eine ausgesprochen angenehme, gut gelaunte Frauenstimme. Kurze Pause, Schritte, dann: „Die kommt in fünf Minuten. Sie stehen hier richtig, ich fahre auch mit der Neun.“ „Okay, danke“, sagte ich, und nach einer kurzen Pause: „Waren Sie einkaufen?“ „Ach so, nein, ich komme gerade von der Arbeit, habe mir einen Kaffee geholt und eine Packung von meinen Lieblingskeksen. Ich werde mich jetzt in den Park setzen, den Kaffee trinken und dazu Kekse essen.“ „Und da haben Sie den frischen Kaffee und die leckeren Kekse in der Hand und müssen auf die Bahn warten.“ „Ja, und ich habe große Lust, schon einen zu essen“, sagte die Schöne lachend, und kurz darauf: „Ah, da kommt die Bahn.“ „Dann wird Ihr Kaffee ja nicht allzu kalt“, meinte ich. Sie erwiderte: „Tschüss, einen schönen Tag noch. Man sieht sich immer zweimal im Leben“, und wir stiegen ein.
Nichts zu sehen erschwert die Fortbewegung zu Fuß außerhalb der Wohnung erheblich. „Ich geh mal schnell zum Bäcker Brötchen holen“ wird für einen blinden Menschen immer etwas anderes bedeuten als für einen sehenden. Dennoch ist es im Prinzip gut möglich, Wege nichts sehend zu bewältigen, ohne völlig erschöpft oder verschrammt anzukommen. Darüber hinaus kann man es sogar in völlig fremden Umgebungen schaffen, wohlbehalten zum Ziel zu gelangen.
Dies kann ich nach den fünfzehn Jahren, die ich als Vollblinder verlebt habe und in denen ich viele Wege mit dem Stock gegangen bin, ohne Übertreibung sagen.
Gleichwohl sind in dieser Zeit immer wieder neue Erfahrungen zum Thema „Mobilität“ hinzugekommen und immer wieder waren es unterwegs erlebte Stresssituationen, die mich zum Nachdenken darüber zwangen, wie ich es beim nächsten Mal besser machen könnte. Nicht selten war die Ursache für den Stress eine ganz einfache, die Wirkung in der Situation unterwegs selbst aber eine ungeheure. So entwickelt sich im Laufe der Zeit ein elementarer Grundstock an Prioritäten, deren Beachtung sich in der Praxis als ausgesprochen günstig erweist.
In diesem Buch habe ich eine überschaubare Anzahl von elementaren Grundbausteinen zusammengetragen. Damit möchte ich den interessierten blinden Leserinnen und Lesern einen komprimierten Ratgeber an die Hand geben. Mit Hilfe des vorliegenden Handbuches können sie lernen, Wege mit mehr Spaß und mit weniger Stress zu bewältigen und so dauerhaft gerne mit dem Stock alleine unterwegs zu sein. Die Lektüre soll Lust darauf machen, hinauszugehen und im Unterwegssein sich selbst zu erleben.
Darüber hinaus kann das Buch für Mobilitätstrainer, aber auch für bislang mit dem Thema überhaupt nicht befasste Zeitgenossen eine interessante Einsicht in die Perspektive blinder Menschen bieten und so vielleicht ganz neue Anregungen geben. Um einem verbreiteten Missverständnis vorzubeugen: „Blind“ ist hier im Sinne von „vollblind“ zu verstehen, es wird sich im Folgenden also nicht um Erfahrungen und Techniken mehr oder weniger stark sehbehinderter Menschen handeln, das wäre ein ganz anderes Buch.
Blind mit dem Stock alleine draußen zu Fuß unterwegs zu sein: Darum geht es hier.
Das Verhältnis eines Blinden zum unbegleiteten Fortbewegen mit dem Stock hängt von der Summe der Erfahrungen ab, die sie oder er unterwegs gemacht hat. Ich vermute, dass viele Blinde, die nie oder kaum mehr einen Weg mit dem Stock machen, nach einem oder vielen „Horrorwegen“ zu dem Entschluss gelangt sind, sich „diesen Stress nicht mehr zu geben“. Leider kann es gut sein, dass die- oder derjenige auf solchen extrem stressigen Wegen einen oder mehrere grobe Fehler hinsichtlich der Stock- oder Orientierungstechnik gemacht hat, vielleicht sogar, ohne es zu wissen. Ich selbst bin auch schon stark erschöpft und entnervt oder sogar mit einer Blessur angekommen.
Um es gleich vorweg zu sagen: Man bezieht jedes Mal, wenn man einen Weg mit dem Stock macht, zwangsläufig eine Reihe von Wahrscheinlichkeiten, Vermutungen und Erwartungen ins aktuelle Agieren und Entscheiden mit ein, sei es, was die Interpretation der Signale oder was das Einholen von Informationen von Passanten angeht. Das kann gut, weniger gut, aber auch mal ausgesprochen schlecht laufen. „Shit Happens“, wie es in einem Kinofilm mit Tom Hanks heißt. Das gilt auch für den Blinden, der mit dem Stock unterwegs ist.
