Stoische Philosophie - Anna Schriefl - E-Book

Stoische Philosophie E-Book

Anna Schriefl

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Beschreibung

Die Stoa war eine der bedeutendsten Philosophenschulen der Antike. Neuerdings greifen Philosophen wieder vermehrt Elemente der antiken Stoa auf, aber auch Psychologen und Therapeuten orientieren sich an stoischen Grundsätzen: Die Stoa wird nicht nur als philosophisches System, sondern auch als Lebenskunst ernstgenommen. Anna Schriefls Einführung liefert einen Überblick über die gesamte Lehre der antiken Stoa (Logik, Physik, Ethik) und ihren Einfluss bis heute. Für die Neuauflage wurde der Band komplett überarbeitet und ergänzt (Modern Stoics, Stoizismus und Tiere).

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Anna Schriefl

Stoische Philosophie

Eine Einführung

Reclam

RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 962253

2019, 2024 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Durchgesehene und aktualisierte Ausgabe 2024

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2024

RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN978-3-15-962253-8

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-014470-1

www.reclam.de

Inhalt

Vorwort

Zeittafel

Einleitung: Stoische Philosophie – ein erster Überblick

Geschichtlicher Überblick

Die Hauptvertreter der Stoa

Zenon, Kleanthes, Chrysipp, Ariston

Panaitios und Poseidonios

Die römische Stoa

Gibt es ›die Stoiker‹?

Der Verlust der stoischen Schriften

Überlieferung

Ausgaben und Übersetzungen

Logik

Die erkenntnistheoretische Wende im Hellenismus

Vorstellung (phantasia)

Zustimmung (synkatathesis)

Erfassende Vorstellung (phantasia katalêptikê)

Die Einwände der Skeptiker

Meinung, Erkenntnis, Wissen

Stoischer und moderner Wissensbegriff

Sind die Stoiker Empiristen?

Formale Logik – der aristotelische und der stoische Ansatz

Das Sagbare (lekton)

Modalität

Argumente und Syllogismen

Logische Paradoxien

Physik

Sind die Stoiker Materialisten?

Nur Körper existieren: Die Stoiker und die Erdensöhne aus Platons Sophistes

Was ist ein Körper?

Die zwei Prinzipien: Vernunft und Materie

Mischung

Kritik an der stoischen Theorie der Mischung

Kausalität: Ursachen sind aktive Körper

Unkörperliche Entitäten: Leere, Ort, Zeit, Sagbares

Die stoischen ›Kategorien‹

Das Wachstumsargument

Nominalismus

Theologie

Fatum, Determinismus, Freiheit

Ethik

Die Frage nach dem glücklichen Leben

Die oikeiôsis-Lehre: Selbsterhaltung und Streben nach Tugend

Die stoische Gleichsetzung von Tugend und Wissen

Güterlehre: Gut ist nur die Tugend

Werttheorie

Das Verhältnis von Tugend und glücklichem Leben

Das Ziel: ein Leben in Einklang mit der Natur

Der Weise und der Dummkopf

Theorie der Emotionen: Emotionen sind Meinungen

Das Ideal der Affektfreiheit (apatheia) und die guten Gefühle des Weisen

Sozialtheorie: Fürsorge für andere und politisches Engagement

Zenons Politeia und die stoische Kosmopolis

Nachwirkung

Spätantike

Mittelalter

15.–17. Jahrhundert

Mitte 17. – Mitte 18. Jahrhundert

Ende 18. Jahrhundert – 19. Jahrhundert

20. Jahrhundert

21. Jahrhundert

Stoizismus und Buddhismus

Literaturhinweise

Siglen und Abkürzungen

Quellensammlungen

Literaturempfehlungen

Forschungsliteratur

Danksagung

Zur Autorin

Personenregister

[9]Vorwort

Im Herzen des Financial District in Manhattan steht an der Wallstreet Nr. 60 ein Wolkenkratzer, in dem derzeit die Deutsche Bank residiert. Im Erdgeschoss befindet sich ein neoklassizistisches Atrium, das der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Zwischen Palmen und Säulen sieht man dort Bauarbeiter bei der Pause, schlafende Obdachlose, Geschäftsleute, Touristen oder Straßenkünstler, die sich zum Üben ihrer Tricks verabreden. Seit etlichen Jahren sitzen dort einmal im Monat die ›New York City Stoics‹ an einem Tisch und besprechen Bücher zur stoischen Philosophie. Die Teilnahme steht allen offen.

Etwa 300 v. Chr. trafen sich die ersten antiken Stoiker auf dem Marktplatz von Athen. Ihre Treffen waren ebenfalls öffentlich, und sie verliefen möglicherweise recht ähnlich wie die der New York City Stoics. Die antiken Stoiker verbrachten vermutlich viel Zeit damit, Texte zu besprechen, etwa Platons Dialoge, Traktate des Schulleiters Zenon oder Schriften der konkurrierenden Philosophenschulen. Die Stoa hatte 500 Jahre lang Bestand, bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. Nach allem, was wir wissen, gab es danach keine aktiven Vertreter der Schule mehr. Dennoch war die Schule bis zum Ende der Antike und weit über sie hinaus enorm einflussreich. Viele zentrale Figuren der Philosophiegeschichte nahmen stoische Positionen auf oder setzten sich kritisch mit ihnen auseinander.

Eine neue Blüte erlebte die Stoa in der jüngsten Vergangenheit. Einerseits entsteht seit Ende des 20. Jahrhunderts mehr akademische Forschung zur antiken Stoa als jemals zuvor. Andererseits entdecken immer mehr Menschen [10]jenseits der akademischen Forschung die stoische Philosophie für sich und versuchen, das eigene Leben nach ihr auszurichten. Einige englischsprachige Internetforen, in denen die stoische Philosophie diskutiert wird, haben zehntausende Mitglieder.

Das vorliegende Buch ist eine Einführung in die Philosophie der antiken Stoa. Es versteht sich als philosophische Einführung, die zentrale Positionen sowie einige ihrer Vorzüge und Probleme möglichst verständlich erläutern will. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem System, das in der frühen, hellenistischen Phase der Schule entwickelt wurde. Hinweise auf Forschungsliteratur sollen eine weiterführende Auseinandersetzung mit den Stoikern erleichtern.

Die Verweise auf die Primärquellen sind, soweit möglich, mit Angaben zur Quellensammlung von Anthony Long und David Sedley ergänzt, die 1987 erschien (The Hellenistic Philosophers). Diese Quellensammlung liegt auch in einer deutschen Übersetzung vor, die Karlheinz Hülser erstellt hat (Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare, 1999). Die Angabe »LS 45A« bezieht sich beispielsweise auf die Sammlung Long/Sedley, Kap. 45, Fragment A. Die deutschen Übersetzungen im vorliegenden Band stammen fast ausnahmslos von Karlheinz Hülser – entweder aus seiner Übersetzung von Long/Sedley oder aus seiner eigenen Quellensammlung (Die Fragmente zur Dialektik der Stoiker, 1987–1988).

[11]Zeittafel

399 v. Chr.: Sokrates wird vom Athener Volksgericht zum Tod verurteilt.

 

Platon (428/427–348/347 v. Chr.)

Aristoteles (384–322 v. Chr.)

 

300 v. Chr.: Die ersten Stoiker treffen sich auf dem Athener Marktplatz.

 

Zenon (um 334/333 – um 262/261 v. Chr.)

Kleanthes (um 331/330 – um 230/229 v. Chr.)

Ariston (um 320 – um 240 v. Chr.)

Chrysipp (um 281 – um 204 v. Chr.)

 

Panaitios (um 180 – um 110 v. Chr.)

Poseidonios (um 135 – um 50 v. Chr.)

 

Cicero (106–43 v. Chr.), älteste Sekundärquelle zur antiken Stoa

 

Seneca (um 4 v. Chr. – 65 n. Chr.)

Epiktet (um 50 – um 138 n. Chr.)

Marc Aurel (121–180 n. Chr.)

 

2.–3. Jh. n. Chr.: Die Schriften der stoischen Gründerväter sind noch weit verbreitet und einflussreich. Sie werden von Sextus Empiricus, Alexander von Aphrodisias und Plotin kritisiert.

 

[12]4. Jh. n. Chr.: Themistios berichtet, dass die letzten verfügbaren Bücher der stoischen Schulgründer in Konstantinopel kopiert werden.

 

6. Jh. n. Chr.: Simplikios schreibt, die meisten Bücher der Stoiker seien verloren.

[13]Einleitung: Stoische Philosophie – ein erster Überblick

Um das Jahr 300 v. Chr. begannen in Athen die ersten regelmäßigen Treffen der Philosophen, die später als die Gründerväter der stoischen Philosophie bezeichnet wurden. Zu dieser Zeit waren in dieser antiken Metropole viele weitere namhafte Philosophenschulen ansässig. Unter anderem in Platons Akademie und Aristoteles’ Lykeion herrschte noch reger Betrieb, und Epikur hatte gerade begonnen, in seinem Garten vor den Stadtmauern zu unterrichten. Im Unterschied zu diesen Schulen besaßen die Stoiker kein eigenes Gebäude. Sie trafen sich auf dem Marktplatz in der Säulenhalle (gr. stoa), von der sie später ihren Namen erhielten. Auf demselben Marktplatz hatte Sokrates noch etwa 100 Jahre vorher mit seinen Schülern diskutiert. Die Stoiker begriffen sich in vielen Hinsichten als seine Nachfolger.

Die Stoiker werden häufig den Epikureern gegenübergestellt. Die Stoiker werden dabei als strenge Asketen, die Epikureer als sinnliche Genussmenschen charakterisiert. Dieses Vorurteil wird jedoch beiden Schulen nicht gerecht. Das lustvolle Leben, das Epikur vorschwebt, besteht in einer Seelenruhe, die man einerseits durch die Beschränkung seiner Bedürfnisse erreicht, andererseits durch philosophische Studien, durch die man irrationale Ängste bekämpft. Der epikureische Hedonismus empfiehlt also keinesfalls ein Leben der sinnlichen Ausschweifungen, sondern Bedürfnisbeschränkung und philosophische Reflexion. Und auch die Ethik der Stoiker ist weniger körperfeindlich, als dies [14]auf den ersten Blick scheinen mag. Die Stoiker halten einen tugendhaften Charakter für die einzige Voraussetzung des glücklichen Lebens. Daher ist es ihrer Theorie zufolge möglich, auch in widrigen Umständen glücklich zu sein. Doch die Stoiker leugnen nicht, dass körperliches Wohl und materielle Dinge wertvoll sein können. Die Tugend im Sinn der Stoiker ist also nicht als eine Art Vergeistigung oder Erleuchtung zu verstehen, durch welche man alles Körperliche und Weltliche hinter sich lassen kann. Vielmehr besteht Tugend in der Fähigkeit, den Wert aller Dinge richtig einzuschätzen und daher angemessen mit ihnen umzugehen.

Die Positionen der Epikureer und Stoiker widersprechen sich jedoch tatsächlich in vielen Hinsichten, etwa mit Blick auf ihre Erkenntnistheorie und die Bewertung von Emotionen.1 Vor allem aber weichen ihre physikalischen Theorien und die damit verbundenen allgemeinen Weltanschauungen erheblich voneinander ab. Die Epikureer sind Materialisten. Ihrer Ansicht nach sind alle Dinge zufällige Zusammenfügungen von Atomen im leeren Raum. Im Gegensatz dazu verstehen die Stoiker den Kosmos als ein sinnvolles Ganzes, das von einer göttlichen Vernunft optimal für uns eingerichtet wird. Wir sind angehalten, uns an dieser vernünftigen Ordnung zu orientieren und ein Leben im Einklang mit der Natur zu führen. Wenn wir erkennen, dass die Gesetze des Kosmos – und nur diese – für uns verbindlich sind, dann sind wir nicht mehr nur Bewohner des Kosmos, sondern werden seine Bürger und somit im stoischen Sinn Kosmopoliten.2

Die Stoiker setzen sich in vielen Hinsichten mit den Epikureern auseinander. Die wichtigeren Gesprächspartner [15]sind für sie jedoch möglicherweise die Skeptiker. Die akademischen Skeptiker kritisieren die – aus ihrer Sicht zu optimistische – stoische Erkenntnistheorie. Es ist, so die Skeptiker, nie auszuschließen, dass man sich täuscht. Selbst die klarsten Sinneseindrücke könnten auf Einbildungen beruhen. Im Gegensatz dazu sind die Stoiker der Ansicht, dass es möglich ist, im Alltag verlässliche Erkenntnisse zu bilden und davon ausgehend zu Wissen zu gelangen. Der stoische Weise wird sogar als unfehlbar beschrieben: Er irrt sich nie. Den Stoikern schwebt dabei allerdings keine allwissende Person vor. Man muss sich vielmehr klarmachen, dass ausgerechnet Sokrates für viele Stoiker als Verkörperung des stoischen Weisen galt. Sokrates beansprucht dabei nirgendwo, besonders viel zu wissen. Er ist aus Perspektive der Stoiker vielmehr deswegen weise, weil er, anders als die meisten anderen Menschen, seine eigenen Kenntnisse nicht überschätzt. Er erteilt seine Zustimmung niemals leichtfertig und hängt keinen ungeprüften Meinungen an.

In Abgrenzung zu den Skeptikern bezeichnet man die Stoiker häufig als ›Dogmatiker‹.3 Damit ist gemeint, dass die Gründerväter der Stoa ein System an Lehrmeinungen entwickelten, das von den nachfolgenden Schulgenerationen als autoritativ anerkannt wurde. Doch die Stoiker sind nicht Dogmatiker in dem Sinn, dass sie die Lehrmeinungen der Gründerväter für unhinterfragbar hielten. Uns sind zahlreiche Kontroversen innerhalb der Stoa bekannt. Die stoische Lehre wurde, soweit wir das heute beurteilen können, stetig weiterentwickelt und immer wieder neu akzentuiert. Die Auseinandersetzung mit den Lehren der Gründerväter war also durchaus kreativ. Seneca sieht in der Eigenständigkeit jedes Stoikers ein wichtiges Merkmal der [16]Schule, das sie insbesondere von den Epikureern unterscheide: »Wir Stoiker werden von keinem König regiert: Jeder steht für sich selbst ein« (Seneca, Ep. 33.4).4

Die antiken Stoiker halten also ihre Schulleiter nicht für stoische Weise, die makellose, fehlerfreie Theorien aufstellen. Doch sie sind im Gegensatz zu den Skeptikern überzeugt, dass Wissen möglich ist, dass sich die Ordnung der Welt und unser Platz in ihr ergründen lässt. Dieses Wissen (und nicht bereits die Suche nach diesem Wissen) ist ihrer Ansicht nach die Voraussetzung für ein vollkommen glückliches Leben.

Dies bringt uns zu einem wichtigen Merkmal der stoischen Philosophie: Sie ist keine rein akademische Angelegenheit, sondern eine Lebensform. Ein antiker Stoiker ist also nicht unbedingt Autor philosophischer Werke. In erster Linie bemüht er sich, die Grundsätze des Stoizismus zu verinnerlichen und nach ihnen zu leben. In dieser Ausrichtung auf ein philosophisches Leben liegt ein maßgeblicher Unterschied zur heutigen universitären Philosophie. Die antiken Stoiker unterscheiden daher bisweilen die Philosophie (d. h. das philosophische Leben) vom philosophischen Diskurs oder von der philosophischen Theorie.5 Ein Studium stoischer Theorien ist eine unverzichtbare Grundlage für das philosophische Leben, doch das philosophische Leben geht darüber hinaus.6

Die Stoiker teilen die Philosophie (bzw. genauer ausgedrückt: die philosophische Theorie) in drei Gebiete ein, die sie ›Physik‹, ›Logik‹ und ›Ethik‹ nennen. In der Logik beschäftigen sie sich mit den Regeln unseres Denkens und Sprechens. Daher gehören zu dieser Disziplin neben der formalen Logik auch Themen der Rhetorik, [17]Sprachphilosophie, Grammatik und Erkenntnistheorie. Ein Hauptanliegen der stoischen Logik besteht darin, gegen die Skeptiker aufzuzeigen, dass wir auf der Basis unserer Sinneswahrnehmung verlässlich zu Erkenntnissen und zu Wissen gelangen können. Einzelne Erkenntnisse haben gewöhnliche Menschen recht häufig, doch Wissen im stoischen Sinn ist ein idealer Zustand, der nur vom Weisen erreicht wird.

In der Physik entwickeln die Stoiker eine Theorie über den gesamten Kosmos und unseren Platz in ihm. Dabei geht es im Wesentlichen darum zu verstehen, wie die göttliche Vernunft alle Dinge zusammenhält, ordnet und miteinander verbindet, und in welcher Weise sie auch in uns tätig ist. Diese Vernunft ist allerdings kein transzendentes Prinzip, das die physikalische Wirklichkeit übersteigt, sondern eine körperliche Kraft. Die Physik ist zudem die einzige Disziplin, die notwendig ist, um die Wirklichkeit zu verstehen. Daher kann die im Hellenismus vorherrschende Dreiteilung der Philosophie in Logik, Physik und Ethik an sich selbst bereits als radikale philosophische Position verstanden werden. Dieser Position zufolge gibt es keine Wissenschaft, die hierarchisch über der Physik steht, etwa Theologie, Ontologie oder Metaphysik. Diese Disziplinen fallen entweder völlig weg oder sind ganz und gar Teil der Physik (auf diesen Punkt werden wir im Kapitel zur stoischen Physik zurückkommen).

In ihrer Ethik vertreten die Stoiker eine besonders konsequente Version der Tugendethik: Ausschließlich Tugend ist nötig, um glücklich zu leben. Tugend wird dabei von den Stoikern mit Wissen gleichgesetzt, einem Zustand höchster innerer Kohärenz, bei dem man frei ist von Irrtümern, widersprüchlichen Annahmen und irrationalen [18]Emotionen. Dieses Wissen, das ein tiefes Verständnis von Logik und Physik beinhaltet, erreicht nur der stoische Weise.

Die Dreiteilung der Philosophie in Logik, Physik und Ethik ist charakteristisch für die gesamte hellenistische Ära. Auch die Epikureer folgen diesem Schema. Doch insbesondere in der Stoa wird die Philosophie als ein Gesamtsystem verstanden, in dem die drei Gebiete eng miteinander verwoben sind. Logik, Physik und Ethik wurden von den Stoikern also nicht als autonome Disziplinen aufgefasst, die unverbunden nebeneinanderstehen, sondern als Teile einer organischen Einheit. Dies wird an den Bildern deutlich, mit denen die Stoiker den inneren Zusammenhang der drei Disziplinen illustrieren. So heißt es etwa, die Philosophie sei wie ein Tier: Die Knochen und Sehnen entsprächen der Logik, das Fleisch der Ethik und die Seele der Physik. Einem anderen Bild zufolge ist die Philosophie wie ein Ei: Die Logik stellt die Eierschale, die Ethik das Eiweiß und die Physik den Dotter dar (Diog. Laert. 7.39–41 = LS 26 B).

Unklar ist, wie der Philosophieunterricht aufgebaut war und ob man mit einer bestimmten Disziplin beginnen solle. In manchen Quellen heißt es, dass die Logik an erster, die Physik an zweiter und die Ethik an dritter Stelle zu unterrichten sei, doch es finden sich auch andere Reihenfolgen. Von Chrysipp etwa heißt es, er habe die Physik erst nach der Ethik unterrichtet, und von Poseidonios, er habe nicht mit der Logik, sondern mit der Physik begonnen (Plutarch, Stoic. rep. 9, 1035a–b = LS 26 C).

Die innere Einheit der drei Disziplinen wird bisweilen darauf zurückgeführt, dass alle drei Fächer sich mit der Vernunft (logos) aus unterschiedlichen Perspektiven befassen.7[19]Die Physik untersucht sie als kosmologisches Prinzip, das für den Bestand und die Ordnung der Welt verantwortlich ist. Die Logik konzentriert sich auf die menschliche Vernunft, auf Sprache und Denken, und untersucht deren Ausdrucksformen und Gesetzlichkeiten. Die Ethik bestimmt als Ziel das naturgemäße Leben, das darin besteht, die eigene Vernunft in Einklang mit der kosmischen Vernunft zu bringen.

[20]Geschichtlicher Überblick

Als Alexander der Große 323 v. Chr. in Babylon starb, hatte er Griechenland zu einem Weltreich ausgedehnt. In seinen Feldzügen hatte er die Perser besiegt, Ägypten eingenommen und war im Osten bis zum Indus gelangt. Nach seinem frühen Tod – Alexander starb mit 32 Jahren – bestand das Weltreich, letztlich geteilt in drei Großreiche und mehrere kleinere Reiche, für noch etwa drei Jahrhunderte fort. Es reichte von Sizilien über Ägypten bis zum Hindukusch. Seit dem 19. Jahrhundert nennt man diese historische Epoche ›Hellenismus‹. Ihr endgültiges Ende liegt im Jahr 30 v. Chr. In diesem Jahr wurde Ägypten, damals unter der Herrschaft Kleopatras, als letzte griechische Provinz dem Römischen Reich einverleibt.

Auch in der Philosophie begann mit dem Hellenismus ein neues Zeitalter. Nicht mehr die Theorien von Platon und Aristoteles beherrschten die philosophischen Debatten. Im Mittelpunkt standen nun drei neue Schulen, nämlich die Stoiker, die Epikureer und die Skeptiker. Warum entstanden diese Schulen gerade zu jener Zeit? In der älteren Forschung wird meist eine Krise der griechischen Polis angeführt, die durch die Schlacht bei Chaironeia (338 v. Chr.) ausgelöst worden sei. Diese Schlacht besiegelte die Vorherrschaft der Makedonen in Griechenland, zunächst unter Philipp II. (um 382 – um 336 v. Chr.), dann unter seinem Sohn Alexander (356–323 v. Chr.). Vormals autonome Städte wie das stolze Athen wurden dabei Teil eines Großreichs, das bald immense Ausmaße annahm. Dieser Statusverlust der Polis, so die Sichtweise der älteren Forschung, habe gemeinsam mit dem vermehrten Einfluss fremder [21]Kulturen ein Bedürfnis nach ethischer Orientierung geweckt, auf das besonders die Stoiker und Epikureer mit ihren Angeboten zu einer philosophischen Lebensführung reagierten.

Die neuere Geschichtsforschung sieht keine Belege mehr für eine solche Krise der Polis. Inzwischen wird vielmehr ihre Vitalität im Hellenismus betont: Demokratische Institutionen bestanden fort, die außenpolitische Autonomie wurde in Teilen gewahrt, und die Kultur erlebte einen weiteren Aufschwung. Es liegt nahe, dass die Entstehung der hellenistischen Philosophenschulen eher durch die allgemeine kulturelle Blüte begünstigt wurde.

Eine zentrale Rolle spielten dabei die neuen Höfe, an denen sich bald Kultur- und Wissenschaftszentren erster Güte bildeten. Schon kurz nachdem Alexander im Jahr 331 v. Chr. die Stadt Alexandria in Ägypten gegründet hatte, entstand dort die größte Bibliothek der Welt. Eine weitere bedeutende Bibliothek eröffnete später in Pergamon, dem Reich der Attaliden. Die Bibliotheken wurden errichtet, um die Hellenisierung der neuen Gebiete voranzutreiben. Bald zogen sie Literaten und Gelehrte von überallher an. Insbesondere Alexandria wurde zum Zentrum von Literatur und Wissenschaft. Die Mathematik und die Astronomie erlebten dort mit Persönlichkeiten wie Euklid (um 300 v. Chr.), Aristarch (um 310 – um 230 v. Chr.) und Archimedes (um 287–212 v. Chr.) eine Glanzzeit.

Diese Entwicklung hatte Folgen für die Philosophie, deren unumstrittene Hauptstadt Athen blieb. Im 4. Jahrhundert waren dort die Schulen von Platon und Aristoteles sowie die Rhetorikschulen von Isokrates (436–338 v. Chr.) und Alkidamas (gest. um 375 v. Chr.) begründet worden. [22]Möglicherweise führte die Abwanderung von Literaten und insbesondere von Naturforschern nach Alexandria dazu, dass die Philosophie in Athen ihren Fokus eingrenzte und sich spezialisierte. Während vor allem Aristoteles sich noch mit Mathematik, Biologie und Astronomie beschäftigt hatte, konzentrieren sich die meisten hellenistischen Philosophen stärker auf Disziplinen, die noch heute zu den philosophischen Kernfächern gehören, nämlich auf die Ethik, Logik, Erkenntnistheorie und Ontologie. Diese Themen wurden mit einem zunehmend technischen Vokabular verhandelt und viel strenger systematisiert, als dies noch bei Platon oder bei Aristoteles der Fall gewesen war.

Zu den günstigen Bedingungen der Zeit zählt auch, dass Intellektuelle im Hellenismus von der breiteren Öffentlichkeit zunehmend geschätzt und respektiert wurden. Vormals standen die Athener den Philosophen, Rhetoren und Sophisten (zwischen denen die Bevölkerung nicht klar unterschied) zwiespältig gegenüber. Während einige begeistert waren von den Debatten und Lehrangeboten, reagierten andere ablehnend und sogar hasserfüllt. Tragischstes Beispiel hierfür ist der Gerichtsprozess gegen Sokrates im Jahr 399 v. Chr. Seine Ankläger, drei Athener Bürger, hatten ihm vorgeworfen, neue Götter einzuführen und die Jugend zu verderben. Das Volksgericht sprach Sokrates schuldig und verurteilte ihn zum Tod durch den Schierlingsbecher. Ähnliche Vorwürfe wie die, die zu Sokrates’ Hinrichtung führten, wurden in Athen immer wieder gegen Intellektuelle erhoben.

Im Hellenismus flaute die Feindseligkeit offenbar ab. Zwar kam es 307/306 v. Chr. zu einem letzten für uns greifbaren Angriff auf die Philosophen. In diesem Jahr [23]verabschiedeten die Athener ein Gesetz, das zur vorübergehenden Schließung der Schulen führte und einige Philosophen ins Exil zwang, unter ihnen Aristoteles’ Nachfolger Theophrast (um 372 – um 286 v. Chr.). Das Gesetz hatte aber vermutlich rein politische Gründe. Es war nur für kurze Zeit in Kraft und drängte die Philosophie keineswegs zurück. Zu den Schulen, die zu der Zeit aktiv waren, gehörten Platons Akademie, Aristoteles’ Lykeion sowie Bewegungen, die sich direkt auf Sokrates beriefen, besonders die Kyniker, die Kyrenaiker und die Megariker. Die Schulen zogen Tausende von Schülern an, darunter zahlreiche Athener, aber auch Griechen aus anderen Gebieten sowie Sklaven und Frauen (Aristoteles’ Schule ist die einzige, für die keine Schülerinnen bezeugt sind). Allein Theophrast soll in seinem Leben zweitausend Schüler unterrichtet haben (Diog. Laert. 5.37).

Um das Jahr 300 v. Chr. herum bildeten sich inmitten dieses regen Philosophiebetriebs zwei neue Schulen: Epikur kaufte seinen Garten an den Stadtmauern Athens, und die ersten Stoiker trafen sich auf dem Marktplatz. Etwa 30 Jahre später etablierte sich in Platons Akademie unter dem Schulleiter Arkesilaos die sogenannte Akademische Skepsis. Die in Athen ansässigen Philosophen standen dabei in lebhaftem Austausch miteinander. Die Zeugnisse legen nahe, dass die Stoiker, Epikureer und Skeptiker viele ihrer Lehren in einer kritischen Diskussion miteinander entwickelten. Die Kritik, die sie aneinander übten, führte zur Schärfung der Argumente und Zuspitzung der Positionen. Einige Schulen verfügten über Bibliotheken, so dass sie sich nicht nur mit ihren Zeitgenossen, sondern auch mit vielen Vorgängern auseinandersetzen konnten. Hunderte von neuen Büchern wurden veröffentlicht und zirkulierten [24]in der Stadt. Leider wissen wir davon nur aus indirekten Zeugnissen. Die damals entstandenen Bücher gingen ausnahmslos verloren (s. dazu S. 38–41).

Die Hauptvertreter der Stoa

Einer traditionellen Einteilung zufolge unterscheidet man drei Phasen der antiken Stoa, nämlich erstens die ältere Stoa, zweitens die mittlere Stoa und drittens die jüngere bzw. römische Stoa. Zur älteren Stoa zählen Zenon, der Gründer der Schule, seine unmittelbaren Schüler sowie Chrysipp und seine Schüler. Die wichtigsten Vertreter der sogenannten mittleren Stoa sind Panaitios und Poseidonios. Die Rede von einer ›mittleren Stoa‹ hat sich im 19. Jahrhundert eingebürgert. Zu dieser Zeit herrschte die Sichtweise vor, dass Panaitios und Poseidonios die stoische Philosophie in wichtigen Hinsichten modifiziert hatten, insbesondere mit Blick auf Psychologie und Ethik. In neuerer Zeit wird demgegenüber betont, dass die Autoren der ›mittleren Stoa‹ sich doch weitgehend im Rahmen der alten Stoa bewegt haben.8 Die jüngere oder römische Stoa umfasst die Autoren, die nach dem Ende des Hellenismus aktiv waren. Von einigen dieser Autoren besitzen wir vollständige Texte, nämlich von Seneca, Epiktet und Marc Aurel. Daher steht die Forschung zu diesen Autoren auf einer völlig anderen Grundlage als die zur frühen, hellenistischen Phase der Schule.

[25]Zenon, Kleanthes, Chrysipp, Ariston

Die Gründerväter der Stoa sind Zenon, Kleanthes und Chrysipp. Ihre Ansichten genossen auch bei ihren Nachfolgern hohe Autorität. Über Zenon (um 334/333 – um 262/261 v. Chr.), den Gründer der Stoa, wird berichtet, dass er aus Kition in Zypern stammte und mit Anfang 20 nach Athen kam, also im Jahr 311/310. Den antiken Berichten zufolge las Zenon bereits in seiner Jugend Platons Dialoge, die ihm sein Vater von Geschäftsreisen aus Athen mitgebracht hatte. Nach seiner Ankunft in Athen schloss er sich den Berichten zufolge zunächst dem Kyniker Krates (um 365 – um 285 v. Chr.) an. (Die Kyniker sind eine Schule sokratischer Tradition, auf die wir noch häufiger zurückkommen werden.) Auch bei anderen Philosophen soll er studiert haben, darunter jahrelang in Platons Akademie. Wir können heute nicht mehr beurteilen, ob die antiken Berichte über Zenons philosophische Ausbildung der Wahrheit entsprechen. Sie gehören der sogenannten Sukzessionsliteratur an. Schriften dieses Typs teilen nicht nur einzelne Schulen, sondern die gesamte Philosophiegeschichte in Traditionslinien ein. Dabei wird die Stoa stets in die Nachfolge des Sokrates gestellt. Vor allem aus diesem Grund wird in den Quellen betont, dass Zenon bei Krates und anderen Sokratikern studiert hat. Tatsächlich sind in der stoischen Philosophie starke sokratische Einflüsse greifbar, insbesondere in der Ethik.9 Deutlich ist ebenfalls, dass die Stoiker sich eingehend mit Platons Philosophie auseinandergesetzt haben. Einige Details aus der stoischen Physik können als direkte Reaktion auf Platons Dialoge Sophistes und Timaios interpretiert werden.

[26]Um 300 v. Chr. begann Zenon, als Philosoph und Lehrer aufzutreten. Sein Unterricht fand öffentlich und im Zentrum Athens statt, nämlich in der bunt bemalten Säulenhalle am nordwestlichen Ende der Athener Agora. Anfangs hießen seine Anhänger Zenonier (gr. Zênôneioi). Später nannte man sie nach ihrem Treffpunkt: Sie waren die Philosophen der Säulenhalle (stoa). In der Antike war Zenons bekanntestes Werk seine Politeia. Soviel wir wissen, vertrat er darin eine radikale kosmopolitische Theorie, die mit der Zurückweisung vieler gesellschaftlicher Konventionen einherging. Den Zeugnissen zufolge sprach er sich darin für die Abschaffung von Geld, Ehe, Tempeln und der geschlechterspezifischen Kleiderordnung aus. Insgesamt werden Zenon 20 Buchtitel zugeschrieben, darunter Werke zur Ethik, Logik und Physik. Die Athener haben Zenon hochgeschätzt. Diogenes Laertius zufolge haben sie ihm die Schlüssel der Stadtmauern anvertraut, eine Bronzestatue sowie eine goldene Krone gestiftet und nach seinem Tod ein Ehrendekret für ihn erlassen (Diog. Laert. 7.6–12). Wenn der Bericht stimmt, ist Zenon der erste Philosoph, dem diese Ehre zuteilwurde.

Zenon hatte zahlreiche Schüler, unter ihnen Kleanthes (um 331/330 – um 230/229 v. Chr.), der nach Zenons Tod die Schulleitung übernahm und für 30 Jahre innehatte. Kleanthes stammte aus Assos, einem Küstenort in Kleinasien in der heutigen Türkei, der gegenüber der Insel Lesbos liegt. Über sein Leben ist wenig Verlässliches überliefert. Er soll ursprünglich Boxer gewesen sein und in Athen seinen Lebensunterhalt durch nächtliche handwerkliche Dienste, etwa die Bewässerung von Gärten, verdient haben. Während von den anderen frühen Stoikern nur kurze Fragmente [27]erhalten sind, wurde von Kleanthes ein längerer Text überliefert: eine Hymne an Zeus, die 33 Verse umfasst. Außerdem werden Kleanthes vier Bücher über den frühen griechischen Philosophen Heraklit (um 520 – um 460 v. Chr.) zugeschrieben, der daher als einflussreiche Quelle des Stoizismus gilt.

Der dritte Vertreter der alten Stoa ist Chrysipp (um 281 – um 208 v. Chr.), der häufig als zweiter Schulgründer bezeichnet wird. Er war ebenfalls kein gebürtiger Athener, sondern stammte aus Soloi, einer Hafenstadt in der Provinz Kilikien in Kleinasien, im Süden der heutigen Türkei. Etwa 232 v. Chr. wurde er Leiter der stoischen Schule. Er verfasste ebenfalls eine Politeia, in der er Inzest und Kannibalismus befürwortet haben soll (ich werde im Kapitel zur stoischen Ethik darauf zurückkommen). Ansonsten entwickelte er maßgeblich die stoische Logik, trug zur Systematisierung der Lehre bei und entschied einige inhaltliche Auseinandersetzungen innerhalb der Schule. Unsere heutigen Versuche, die Philosophie der älteren Stoa zu rekonstruieren, beruhen im Wesentlichen auf Zeugnissen aus seinen Texten.

Eine weitere wichtige Figur aus der Anfangszeit der Stoa ist Ariston (um 320 – um 240 v. Chr.). Er widersprach der ›stoischen Orthodoxie‹ in vielen Punkten. Beispielsweise soll er die Beschäftigung mit Logik und Physik rundheraus abgelehnt und allein die Ethik für relevant gehalten haben. Zudem vertrat er gegen die stoische Mehrheitsmeinung die Ansicht, es gebe nur eine Tugend. Die Rede von unterschiedlichen Tugenden wie Gerechtigkeit oder Besonnenheit sei daher irreführend. Besonders bekannt ist er dafür, dass er mit Zenon über einen wichtigen Aspekt der [28]stoischen Werttheorie uneins war. Zenon war der Auffassung, dass es innerhalb der indifferenten Dinge – das sind Dinge, die nach stoischer Auffassung für das glückliche Leben nicht entscheidend sind – eine weitere Abstufung gibt; einige seien vorzuziehen, andere zu vermeiden. Dieser Auffassung zufolge ist beispielsweise die Gesundheit etwas Indifferentes, jedoch gegenüber Krankheit vorzuziehen. Ariston vertrat dagegen die radikalere Position, der zufolge alle indifferenten Dinge als gleichwertig zu betrachten sind, Gesundheit und Krankheit sich also in ihrer Wertlosigkeit nicht voneinander unterscheiden. Möglicherweise entwickelten die Stoiker ihre Werttheorie sogar in Auseinandersetzung mit Aristons Position.

Innerschulische Auseinandersetzungen wie die zwischen Zenon und Ariston werfen eine Frage auf: Inwiefern sind wir überhaupt dazu berechtigt, von der ›Stoa‹ und ›stoischer Philosophie‹ zu sprechen, wenn es sich offenbar um eigenständige Philosophen handelte, deren Positionen voneinander abwichen und sich sogar teilweise widersprachen? Auf diese Frage werde ich weiter unten zurückkommen (S. 36–38).

Panaitios und Poseidonios

Panaitios (um 180 – um 110 v. Chr.) stammte aus Rhodos. Er studierte zunächst in Pergamon beim dortigen Leiter der Bibliothek, einem Grammatiker und Stoiker namens Krates von Mallos (gest. um 145 v. Chr.). In Athen setzte er sein Studium bei Diogenes von Babylon (um 240 – um 150 v. Chr.) fort, der Schüler von Chrysipp war. Er wurde 128 [29]v. Chr. Leiter der stoischen Schule. Panaitios soll sich intensiv mit Platon befasst und sogar philologische Studien zu seinen Dialogen publiziert haben. Dies hat man häufig als Indiz dafür gewertet, dass die Stoiker dieser Generation Platon und Aristoteles nicht mehr nur als Gegner wahrnahmen, sondern zunehmend als philosophische Autoritäten anerkannten. Eine intensive Auseinandersetzung mit Platon und Aristoteles ist jedoch bereits für die ältere Stoa nachweisbar. Ob Panaitios tatsächlich als Erster platonische oder aristotelische Elemente in die Ethik integriert hat, ist daher strittig.

Poseidonios (um 135 – um 50 v. Chr.) kam aus Apameia, einer Stadt im heutigen Syrien. Er studierte in Athen bei Panaitios und ging anschließend nach Rhodos, wo er die längste Zeit seines Lebens verbrachte. Dort wurden ihm Bürgerrechte verliehen, so dass er auch politische Ämter übernehmen konnte. In den antiken biographischen Berichten wird häufig betont, dass er sich in der Tradition des Aristoteles auch für Themen der Astronomie, Biologie und Meteorologie interessierte und zudem zu Studienzwecken den gesamten Mittelmeerraum bereiste. Laut einem Bericht von Galen, einem antiken Arzt und Gelehrten (um 129 – um 200/216 n. Chr.), folgte Poseidonios zudem der platonischen Lehre einer dreigeteilten Seele. Dieser Lehre zufolge weist die menschliche Seele neben einem vernünftigen Teil zwei unvernünftige Teile auf. Die ältere Stoa hatte dagegen die Seele als Einheit aufgefasst, die keine nicht-rationalen Teile enthält. Ob es wirklich nennenswerte Diskrepanzen zwischen der sogenannten älteren und mittleren Stoa gegeben hat, ist aufgrund der Quellenlage nicht leicht zu beurteilen. In der neueren Forschung [30]wird eher die Kontinuität der stoischen Lehre hervorgehoben.10

Die beiden erwähnten Vertreter der mittleren Stoa sind allein schon deswegen bedeutsam, weil sie großen Einfluss auf Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) ausübten, der seinerseits eine unserer wichtigsten Quellen für die stoische Philosophie ist. Panaitios’ Schrift Über die Pflichten (Peri kathêkonta) diente Cicero als Vorlage für seinen Traktat De officiis. Mit Poseidonios stand Cicero sogar in direktem Kontakt. Er besuchte eine seiner Vorlesungen in Rhodos, sandte ihm ein (griechisches) Manuskript zu, in welchem er über seine Tätigkeit als Konsul berichtete, und bezeichnete ihn wiederholt als Lehrer und Freund.11Cicero verstand sich selbst nicht als Stoiker, sondern am ehesten als Vertreter der akademischen Skepsis. Er stand der Stoa jedoch positiv gegenüber und hielt viele ihrer Positionen für bedenkenswert. Seine Darstellungen der stoischen Philosophie sind daher von unschätzbarem Wert: Erstens stand er den hellenistischen Stoikern sehr nahe; er hatte Zugang zu ihren Texten und Einblick in stoischen Philosophieunterricht. Zweitens diskutiert er stoische Positionen aus einem eigenen philosophischen Interesse heraus. Daher fasst er nicht nur Lehrsätze zusammen, sondern bietet auch Kontexte und Argumente. Und drittens geht es ihm nicht darum, die Position der Stoiker zurückzuweisen. Er kritisiert zwar einzelne Aspekte der stoischen Philosophie, doch sein Ziel besteht nicht darin, sie insgesamt zu diskreditieren. Viele andere Berichte zur stoischen Philosophie, auf die wir uns wegen der schlechten Quellenlage verlassen müssen, verfolgen demgegenüber das Ziel, die stoische Philosophie in ein schlechtes Licht zu rücken, Mängel [31]aufzuzeigen oder auf ihre Absurdität hinzuweisen. Es liegt auf der Hand, dass sie wenig Wert darauf legten, die stoischen Theorien möglichst akkurat zusammenzufassen oder die überzeugendsten Argumente für ihre Position zu berücksichtigen.

Die römische Stoa

Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. wurde die Stoa in Rom bekannt, und seit dem späten 1. Jahrhundert v. Chr. waren dort Stoiker aktiv. Zu diesen gehörte Cato der Jüngere