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Magazine wie «Landlust» oder «Landliebe», mit Bildern von üppigen Gärten und heimeligen Bauernhäusern, sind beliebt. Aber sieht so der bäuerliche Alltag aus? Rico Kessler und seine Frau Claudia Staubli sind Kleinbauern. Als Historiker und gelernte Landwirtin starteten sie 1998 voller Enthusiasmus ihr Abenteuer: auf dem kleinen Hof Berg im Baselbiet biologische Landwirtschaft betreiben. Was sie dabei in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt haben, erzählt Rico Kessler anschaulich. Er berichtet von Eiern, die es niemals in die Regale der Grossverteiler schaffen würden, von üppigen Direktzahlungen und ökologischen Zweifeln. Manches klingt romantisch, doch dieses Buch feiert nicht die ländliche Idylle. Der Autor bettet seine persönliche Geschichte ein in den grösseren Zusammenhang der Schweizer Agrarpolitik und der ländlichen Entwicklung. Ein unterhaltsames, engagiertes Buch, in dem selbstkritisch erzählt wird, was es im Jahr 2021 bedeutet, ein Schweizer Kleinbauer mit einem grossen Herz für die Natur zu sein.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Winterliche Hofzufahrt, vom Waldrand her gesehen. Das Hofschild hat uns ein guter Freund aus Tessiner Kastanienholz geschnitzt.
Die morsche Dachpappe auf der Holzwerkstatt wird ersetzt.
Claudia mit Julian (links), Linus und Kalb Stella. Es erleichtert in der Mutterkuhhaltung die Arbeit mit den Tieren, wenn sie zutraulich sind.
Claudia sät Brotweizen mit dem Säsack. Die Nachbarsrinder finden es spannend.
Abbruch des seit Jahrzehnten defekten Kachelofens im alten Wohnhausteil. Der Hof Berg wurde im 19. Jahrhundert erbaut.
Unsere erste Kuh Pipi brachte zehn gesunde Kälber zur Welt. Die Fleckviehkuh wurde 17 Jahre alt, bis wir sie wegen eines Klauenabszesses schlachten mussten.
Getreidepuppen wie anno dazumal: In den ersten Jahren steckten wir viel Zeit in eine traditionelle Form der Getreideernte. Mit dem Ertrag deckten wir unseren eigenen Brotbedarf und belieferten einige Kundinnen und Kunden.
Linus führt die Minischweine Jack und Petite aus.
Rico schneidet im Winter einen alten Boskop-Hochstammbaum. Regelmässige Pflege kann das Leben der Bäume verlängern.
Claudia kontrolliert und schmiert den Mistzetter. Unser Maschinenpark besteht aus leichten Geräten, die mehrheitlich einige Jahrzehnte auf dem Buckel haben.
Üppig: der «Pflanzblätz» im Hochsommer. Die Erträge dienen der Selbstversorgung und dem Direktverkauf.
Eigener Kuhmist ist neben (dünner) Gülle der einzige Dünger, den wir einsetzen. Einen Teil des Mistes kompostieren wir, um Anzucht- und Gartenerde zu gewinnen.
Pflanzung eines Zwetschgenbaums in einer Weide. Ein Gitter schützt die Wurzeln des Jungbaums vor Mäusefrass.
Die Kirschen sind reif! Die Siloballe im Hintergrund ist aus der Not eines regnerischen Sommers entstanden. Unser Rindvieh lebt in der Regel von Weidegras, Heu und Emd.
Einleitung oder: Essen ist fertig!
Wie uns der Hof Berg in den Schoss fiel
Glücklicher Fehlschlag: Woher wir kamen
Aller Anfang ist nicht schwer
Watschelnde Einfalt und bohrende Gartensorgen
Die Rinder kommen!
Eigene Mutterkühe (nebst Ausreden dafür)
Ein neuer Stall muss her
Wie wir den Hof Berg bezahlten
Wir sind klein – na und?
Ungeliebt und unentbehrlich: Direktzahlungen
Posamenter 2.0 mit Buchhaltungsproblemen
Traktor, Sense, Messerbalken: Fluch und Segen der Technik
Mähdrescher und Maschinenliebe
«Dann seid ihr also fast Selbstversorger, oder?»
Planet Eltern
Dornenhecke sucht Neuntöter
Bäche, Blumen oder Bio-Brot?
Viel Lärm um die Natur
Bolzenschuss und Hackfleisch: Die Sache mit dem Schlachten
Paradox: Schlachten sichert Zukunft
«Gülle und Mist sind des Bauern List»
Holzen, Heizen, Wasser holen
Die Klimakrise mischt alles auf
Erste Oliven neben glühenden Kühen
Gretchenfrage Pflanzenschutz
Der Hof ist auch eine Baustelle
Abschied vom Federvieh (fast)
Hunde, Katzen und Minischweine
Agrikultur: Menschen kommen und gehen
Dank
Autor
Die rührigsten Fans kleinbäuerlicher, handwerklicher Lebensweise sitzen in den Werbebüros der Grossverteiler und der landwirtschaftlichen Labelorganisationen. Noch und noch lassen sie adrette Bauerntöchter mit Weidenkörbchen am Arm und sehnige Jungbauern mit Heugabeln in der Faust über die Bildschirme flimmern. Da werden Rüebli von Hand gezupft, und die Eier im Regal sind so individuell wie die Hühner, die sie gelegt haben. Das Verkaufspersonal des Supermarkts hebt die erdverklebten Kartoffeln direkt vom knarrenden Holzwagen in die Regale. Im Hintergrund wühlen ein paar Schweine glücklich in der duftenden Erde, beobachtet von zufriedenen Kühen, die stolz ihre Hörner tragen.
Die folgenden Seiten berichten von Hühnern, die so individuell sind, dass ihre Eier es niemals in die Regale der Grossverteiler schaffen würden. Von Kartoffeln, deren eigenwillige Formen jeden Food Product Manager erbleichen liessen. Von Kühen, die ihre Hörner behalten dürfen und von dem Getreide, aus dem wir unser eigenes Brot backen. Von digitalen Formularen, üppigen Direktzahlungen und ökologischen Zweifeln. Sie halten Gedanken fest, die uns durch den Kopf gehen, wenn wir an einem Sommertag auf einem dreissigjährigen Traktor durch die Wiesen tuckern. Oder im Winter alte Obstbäume schneiden, während am stahlblauen Himmel Jet um Jet gegen Süden gleitet.
Das klingt romantisch. Manchmal ist es das auch. Doch dieses Buch feiert nicht die lindgrüne ländliche Idylle. Das besorgen schon die Landleben-Hochglanzmagazine, die in den Kioskregalen so munter spriessen wie die Pilze auf einem herbstlichen Kuhfladen. Hier wird die wahre Geschichte eines Kleinbauernhofs in der Schweiz im beginnenden 21. Jahrhundert erzählt. Unsere Geschichte.
Entstanden ist ein – hoffentlich kurzweiliges – Geschichtenbuch. Daneben will «Stolze Kühe, krumme Rüebli» ein politischer Diskussionsbeitrag sein. Wir unternehmen einen Flurgang durch ein Vierteljahrhundert Agrarpolitik und ländliche Entwicklung in der Schweiz. Es geht um Tiere, Pflanzen, Landschaften, Menschen. Wir werfen Seitenblicke auf Politik, Behörden, Geld und Geist. Und das in einer Gesellschaft, in der Kuhbilder, Edelweiss und Alphörner allgegenwärtig sind, obwohl 97 von 100 Menschen hierzulande im Alltag nichts mit Landwirtschaft zu tun haben – vermeintlich. In Wirklichkeit ist es vorab die nichtlandwirtschaftliche Bevölkerung, die unsere Art der Tierhaltung, den Alltag der Menschen auf den verbliebenen Höfen, die Vielfalt oder Einfalt auf Äckern und Wiesen prägt. Sie tut dies mit dem Einkaufszettel, der Wahlliste, dem Abstimmungskuvert. Wer täglich essen will, nimmt täglich Einfluss auf die Landwirtschaft. Es schadet nicht, darüber immer wieder nachzudenken und zu sprechen.
Schliesslich noch dies: Der Schreibende ist zwar der Chronist der Hofgeschichte und hat inzwischen einiges über Kühe, Traktoren, Hühner, Getreide und Gemüse gelernt. Doch mit fremden Federn schmücken will er sich auf keinen Fall. Die Landwirtin, Betriebsleiterin und Seele des Hofs Berg ist seine Lebenspartnerin Claudia!
Ein bisschen ist die Schweizer Armee an allem schuld. Hätte ich der Armee nicht im März 1997 nach einer ziemlich geradlinigen Militärkarriere abrupt und endgültig den Rücken gekehrt, wäre ich nicht zu vier Monaten Zivildienst verknurrt worden. Dann wäre ich auch nicht als Zivildienstleistender im Winter 1998 in der Bauernküche unserer Freunde Oswald und Natalie auf dem Herzberghof gesessen, als Oswald eines Nachmittags mit aufregenden Neuigkeiten von einer landwirtschaftlichen Veranstaltung heimkehrte. Er war dort einer älteren Dame begegnet, die eine Nachfolge für ihren kleinen Bauernhof suchte. Natalie und Oswald interessierten sich dafür, landwirtschaftliches Eigentum zu erwerben. Ihr eigener Hof war damals im Besitz einer Stiftung. Der einige Kilometer entfernte, im Baselbieter Jura gelegene Kleinbetrieb schien sehr verheissungsvoll. Er hätte ab sofort als Aufzuchtbetrieb für die eigenen Braunviehrinder und in ferner Zukunft vielleicht als Altenteil dienen können. Meine damalige Partnerin und heutige Frau Claudia und ich wären als Rinderhirtin und Mieter für den kleinen Hof vorgesehen gewesen. Soweit die Idee. Diese Perspektive kam uns sehr gelegen. Wir waren nämlich damals als gut Dreissigjährige, wie es so schön heisst, «offen für neue Herausforderungen». Also auf der Suche nach einer beruflichen Zukunft. Zwei Jahre zuvor waren Claudia und ich gemeinsam in die Welt der Landwirtschaft gesegelt, hatten aber mit unserem ersten Projekt nach kurzer Zeit fulminant Schiffbruch erlitten.
Natürlich konnten wir es damals kaum erwarten, unsere mögliche neue Heimat mit eigenen Augen zu sehen. Heute ist es möglich, mit elektronischer Spürnase alle Winkel eines Ortes auszuschnüffeln, ohne auch nur einen Fuss auf das Gelände zu setzen. 1998 begnügten wir uns noch damit, voller Vorfreude die papierene Landeskarte zu studieren. Eines Nachmittags war es dann so weit. Oswald kurvte mit uns über Hügel und durch Täler ins Baselbiet. Mit leichtem Herzklopfen näherten wir uns dem Juradorf Rünenberg, erspähten den ersten kleinen Hof ausserhalb des Dorfes, auf den die Beschreibung zuzutreffen schien; aber nein, das war er noch nicht. Wir rollten durch das Dorf, durchquerten Felder in Richtung des Jurahauptkamms. Schliesslich gelangten wir auf ein Natursträsschen, folgten einer Waldstrasse bergan, erreichten wieder den Waldrand. Da stand er vor uns: der Hof «im Bärg äne», wie es im hiesigen Dialekt heisst. Meinen ersten Eindruck vom Hof Berg werde ich nie vergessen. Das war der Ort unserer Träume! In einem Reisebuch, das während kanadischer Wandermonate entstanden war, hatte ich Jahre zuvor meinen Traumort gezeichnet. Hier war fast alles versammelt, was ich damals skizziert hatte: die Zufahrt auf der Naturstrasse, die Hoflage am sanften Hang, die Waldnähe, der Obstgarten und sogar der Bach, der durch die Wiesen murmelte. Das klingt jetzt arg kitschig, aber mein vergilbtes Reisebuch birgt noch immer den Beleg. Einzig die damals im Hintergrund skizzierte Bergkette kann der Hof Berg nicht bieten. Dafür schweift der Blick hinüber in den Schwarzwald.
Wir schwankten zwischen Hoffen und Bangen. Konnte dieser Traum wahr werden, nach zwei Jahren vergeblicher Suche nach einem solchen Ort? Auf dem Hof erwartete uns die Besitzerin. Margrit war eine hellwache, selbstbewusste Frau von damals 78 Jahren. Sie war freundlich, aber zurückhaltend. Wir tranken Tee und Kaffee in ihrer kleinen Stube und näherten uns einander an. Natürlich waren wir nervös. Ich glaube, der Funke zwischen Margrit und Claudia sprang sofort. Margrit, die gebürtige Städterin, die seit Kindsbeinen innig mit der Landwirtschaft, den Bergen und der Natur verbunden war. Und Claudia, ebenfalls in der Stadt aufgewachsen, die nach einer Ausbildung als Krankenschwester die Spitalwelt schnell hinter sich gelassen hatte und Landwirtin wurde – das passte einfach. Wir sollten später noch viel über das ungewöhnliche Leben dieser alten Dame erfahren, die uns da gegenübersass.
Als die Tassen leer waren, ging es auf den Hofrundgang. Die bisherigen Pächter waren schon weitergezogen. Es lebten lediglich Hühner, Laufenten und eine Katze zusammen mit Margrit auf dem Hof. Claudia und mich interessierte das Hofgebäude weniger als das Kulturland. Dass sich in diesem Haus gut würde leben lassen, hatten wir schnell gesehen. Aber wie mochten Wiesen und Weiden aussehen, wo verlief die Hofgrenze, wie verhielt es sich mit dem Bächlein, das durch das Land floss? Wir streiften zu viert über das Gelände, das zum Hof Berg gehört und sich hangabwärts erstreckt. Es war Vorfrühling, erste Blüten zeigten sich in den Wiesen, pralle Knospen schmückten die Obstbäume. Die Vielgestaltigkeit des Terrains liess die Hoffläche viel grösser erscheinen, als sie in Quadratmetern ist. Da ist der Bach mit dem Ufergehölz aus Erlen, Eschen, Heckenkirschen, Hasel und Hartriegel. Er bildet zuerst die Hofgrenze zum Wald hin, dann fliesst er durch Wies- und Weideland. Gleich hinter und unterhalb des Hofgebäudes stehen Dutzende von Obstbäumen: Äpfel, Zwetschgen, Kirschen, Birnen. Zwei grosse, schlanke Pappeln rahmen das Hofgebäude ein. Ein Teil der rund fünf Hektaren Land besteht aus steilen Weiden, die allesamt von Stacheldrahtzäunen umfasst waren. Das übrige Wiesland ist überall geneigt und nur an wenigen Stellen ackerfähig. Hinter dem Hofgebäude lag ein grosser Garten. Er war von einem Schneckenzaun umgeben, aber reichlich verwildert. Das Hofgebäude zeigt sich in der typischen Baselbieter Form: Wohnhaus, Stall und Scheune sind längs aneinandergereiht, eine abgestufte Dachlandschaft erstreckt sich von der südöstlich orientierten Wohnhausfassade bis zur letzten Scheunenwand, die nach Nordwesten blickt. Von dort schweift der Blick hinüber nach Rünenberg und weiter bis in den Schwarzwald. Gegenüber dieser Hofzeile steht eine niedrige, lang gestreckte Remise. Sie beherbergt Fahrzeuge, Maschinen, Werkzeuge.
Aufgekratzt, glücklich und voller Tatendrang machten wir uns abends auf den Heimweg. Diskutierten mit Natalie und Oswald die künftige Zusammenarbeit und unter uns, wie wir den nötigen Zusatzverdienst erzielen sollten, was wir als Erstes im Garten anpacken würden und tausend Dinge mehr. Doch dann tauchte unverhofft ein Hindernis auf. Ein Baselbieter Landwirtschaftsbeamter stellte sich quer. Er wollte die heimische Scholle nicht ohne Widerstand einem dahergelaufenen Aargauer überlassen. Dafür bemühte er rechtliche Grundlagen, die auf wackligen Füssen standen. Doch das erkannten wir erst später. Damals bereitete uns diese überraschende Entwicklung schlaflose Nächte: Würden unsere Pläne zerplatzen wie eine Seifenblase? Eine Besprechung der neuen Situation mit Hofbesitzerin Margrit brachte Klarheit: Sie würde den Hof – das Einverständnis von Oswald und Natalie vorausgesetzt – auch Claudia und mir verkaufen. An der vorgesehenen Zusammenarbeit in der Rinderaufzucht wollten wir festhalten. Oswald und Natalie begrüssten diese Lösung. Und es kam alles für alle gut. Die beiden konnten später ihren schönen Pachtbetrieb erwerben, den jetzt bereits die junge Generation übernommen hat.
Damit gab es eigentlich nur noch ein Problem: Claudia und ich wollten zwar die Chance unseres Lebens ergreifen und den Hof Berg kaufen. Aber wir hatten erstens kein Geld und zweitens kein gesichertes Einkommen. Unsere gemeinsamen Ersparnisse dürften sich damals auf rund 20 000 Franken belaufen haben. Das war deutlich zu wenig, auch wenn Margrit aus tiefer Überzeugung den Hof nicht zum Marktwert verkaufen wollte. Sie war der Meinung, dass Grund und Boden eigentlich gar nicht in Privatbesitz sein sollten. In jungen Jahren hatte sie sich in diesem Sinn politisch engagiert. Für ihren Verkaufspreis orientierte sie sich deshalb am Ertragswert, also an der Summe, die man theoretisch mit dem Hof erwirtschaften und für die Zinszahlung aufwenden konnte. Das ergab einen Verkaufspreis von 280 000 Franken für den ganzen Hof. Es war nicht nur weit weniger, als Margrit und ihr verstorbener Mann seit 1980 selbst für die Renovation des Hofs aufgewendet hatten. Es war auch kaum ein Drittel dessen, was sie durch den ausserlandwirtschaftlichen Verkauf an gut betuchte Interessierte hätte einheimsen können. Schon damals waren die Behörden nämlich nur zu gerne bereit, die Bewilligung für die Auflösung kleiner Bauernhöfe zu erteilen. Das frei werdende Kulturland hätte dann benachbarten Höfen Wachstum ermöglichen und deren wirtschaftliche Lage verbessern sollen. Das war schon damals nicht wahr und ist es auch heute nicht. Doch am Heilsglauben vom ewigen und immer segensreichen Wachstum wird unverändert festgehalten, besonders in der Landwirtschaft. Wir erleben deshalb seit zwanzig Jahren, dass um uns herum die einen Bauern aufgeben und die anderen expandieren. Der schönfärberische Fachbegriff dafür heisst «Strukturwandel».
Zurück zu unseren damals leeren Taschen: Wir machten uns schleunigst daran, Geld für unseren Hofkauf aufzutreiben. Allerdings konnte der Hof Berg nicht warten, bis wir dieses Problem gelöst haben würden. Die Zwetschgenbäume begannen zu blühen, das Gras reckte längst seine zarten Spitzen aus der Winterstarre. Jemand musste auf den Hof ziehen, um die Frühlingsarbeiten an die Hand zu nehmen – und das waren wir.
Claudia und ich lebten damals im hintersten Winkel des Berner Jura, in Renan im Vallon de Saint-Imier. Wir kamen beide nicht aus bäuerlichen Familien. Claudias Vater entstammte einer Arbeiterfamilie. Er war gelernter Küfer und als Kellermeister bei einem Grossverteiler angestellt. Mein Vater hatte als jüngster Spross einer 13-köpfigen Bergbauernfamilie eine Schlosserlehre bei der Rhätischen Bahn absolvieren können. Er arbeitete später als Konstrukteur in der Textilmaschinenindustrie. Unsere Mütter, ursprünglich Büroangestellte und Fabrikarbeiterin, fügten sich in die klassische Hausfrauenrolle. Die Familienfotos der Staubli und Kessler aus den 1970er-Jahren gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Helvetisches Mittelstandsleben mit karierten Tischdecken aus Wachstuch, Sonntagsspaziergängen in Anzug und Kleid, sommerlichen Bergwanderungen zu SAC-Hütten. Und langsam wuchs der materielle Wohlstand. Mit dem Ersparten gönnte sich Claudias Familie alljährlich drei Wochen Sommerferien. Meine Eltern verwirklichten den Traum vom Eigenheim. Die Welt der Landwirtschaft war in beiden Familien jüngste Geschichte, Ferienerlebnis oder beruflicher Bezug. Sie war aber nicht mehr Teil der täglichen Lebenswelt.
Es war kein romantischer Zufall, dass sich 1993 die angehende Berner Landwirtin und gewesene Krankenschwester Claudia und der gelernte Historiker und Aargauer Naturschützer Rico begegneten. Vielmehr stand am Anfang dieser Geschichte ein simples Zeitungsinserat in der linken Wochenzeitung WOZ. Ich suchte, damals ganz städtisch-grüner Single, eine Begleitung für eine Velotour an den Ufern des Flusses Allier im Herzen Frankreichs. Claudia hatte Lust, neue Leute kennenzulernen. Sie las meine Annonce und schrieb mir spontan. Auf den handschriftlichen Brief folgte der Anruf mit dem Wählscheibentelefon. Aus der gemeinsamen Velotour wurde dann mehr. Ich lernte durch Claudia die praktische Landwirtschaft kennen. Erlebte mit, wie sie sich in der konservativen, männlich dominierten Welt der behäbigen bernischen Landwirtschaftsschulen Rütti und Waldhof behauptete. Gemeinsame Monate in Kanada zwischen Landwirtschaft und Wildnis prägten uns. Wir träumten fortan in unserer gemieteten Altliegenschaft bei Aarau von einem eigenen Hof und einem Leben nahe an der Natur. Kein einfaches Unterfangen, wenn man weder einen Betrieb in der Familie noch Millionen auf dem Konto hat. Wir durchkämmten Inserate in der landwirtschaftlichen Presse, nutzten unsere persönlichen Beziehungen, besichtigten da und dort Bauernhöfe. Schliesslich hatten wir Glück. Zusammen mit einem anderen, uns nur flüchtig bekannten Paar aus dem Aargau konnten wir einen Milchwirtschaftsbetrieb im Berner Jura pachten. Wir hatten uns unabhängig voneinander um die Pacht beworben. Unser schnell entworfenes Konzept, den Hof zu viert zu führen, überzeugte schliesslich die Besitzer des frisch renovierten Betriebs. Wir konnten als neue Pächterinnen und Pächter unterschreiben.
Ich gab für diesen neuen Lebensplan meinen Job als Geschäftsführer von Pro Natura Aargau auf. Claudia hatte soeben ihre Landwirtschaftsausbildung abgeschlossen. Es sollte der Start in einen Lebensentwurf werden, den wir nicht zuletzt als Alternative zur Welt von «Hüslitraum», Geldscheffeln und Krawattenkarriere verstanden. Selbstverständlich schlugen wir die Bedenken jener Freunde und Familienangehörigen in den Wind, die das Projekt als ziemlich gewagt, naiv oder riskant einschätzten.
Im Herbst 1996 zogen Claudia und ich, nach einem herrlichen Alpsommer in der Bündner Bergwelt, auf dem Demeter-Hof Jolis Terras ein. Der Winter stand schon vor der Tür. Das Dorf Renan liegt auf 900 Metern über Meer. Das Klima ist ruppig, der Winter lang. Der Tagesablauf für die Stallverantwortlichen: Tagwache um 5.15 Uhr, dann Füttern, Misten und Melken eines Dutzends Milchkühe und der zughörigen Aufzuchtrinder und Kälber. Das klingt überschaubar. Doch unser Stall war zwar neu gebaut, aber sehr arbeitsintensiv eingerichtet: Anbindehaltung der Kühe, Melken mit der Standeimer-Melkmaschine, Heurüsten und Ausmisten von Hand. Als Bio-Betrieb mussten wir ausserdem die Milch in der zwei Kilometer entfernten Dorfmolkerei abgeliefert haben, bevor die konventionellen Kollegen vorfuhren. Vor 6.30 Uhr also wuchtete der oder die Melkverantwortliche die vierzig Kilogramm schweren Milchkannen aus unserem klapprigen Subaru und entleerte sie mit dem Käser durch ein Milchsieb. Wieder zurück auf dem Hof, waren nach dem Frühstück die Kühe einzeln loszubinden und in den Winterauslauf zu entlassen. Während die Horntiere mehr oder weniger vergnügt an der frischen Luft wiederkäuten, musste der Stall geputzt und eingestreut, das Milchgeschirr gewaschen werden. Hühner, Schweine und Milchschafe waren auch noch zu besorgen. Bis dann wieder jede Kuh an ihrem Platz angebunden war, ging es meist schon gegen 10.30 Uhr. Und ab 16.30 Uhr begann das Prozedere von Neuem, lediglich gekürzt um den Auslauf. Ausserdem betreuten wir stundenweise Marcel, einen geistig beeinträchtigten Bewohner der nahe gelegenen Werksiedlung, einer anthroposophischen Behinderteneinrichtung.
1996 gab es noch zahlreiche mittlere Milchwirtschaftsbetriebe, die ungefähr so funktionierten. Besonders war nur der tägliche Auslauf, den wir den Kühen gewährten. Das waren wir den Tieren schuldig, wenn sie schon im Anbindestall leben mussten. Wenigstens waren wir zu viert und konnten uns im Gegensatz zu den meisten Bauern beim Melken abwechseln. Ausserdem brachten wir die Berufskombination Landwirtin, Tierärztin, Mechaniker und Schreiberling auf den Hof. Eine gute Voraussetzung, um sich zu ergänzen und auch ein Einkommen ausserhalb der Landwirtschaft zu erwirtschaften. So dachten wir jedenfalls.
Ein schneereicher Winter stellte uns vor allerlei Herausforderungen. Einmal riss der schwere Schnee die Entlüftungskamine vom Stall, worauf eine Ladung der weissen Pracht durchs Dach in den Stallgang rauschte und die Kühe in Panik versetzte. Die Holzzentralheizung funktionierte nie richtig und setzte im Kessel viel zu viel Teer an. Der leise fluchende Heizungstechniker brauchte einen halben Tag, um den Kessel wieder auszukratzen. Am steilen Talhang schlugen wir Nadelbäume im tiefen Schnee. Einmal entastet, sausten die Stämme durch den Wald hinunter ins angrenzende Wiesland. Das war die ortsübliche Praxis, die wir übernahmen. Einmal schrammte ein unverhofft losrutschender Stamm allerdings über Claudias Holzerstiefel. Eine schmerzhafte Delle am Schienbein und ein ordentlicher Schreck waren der Preis für diese glimpflich abgelaufene Erfahrung. Es hätte weitaus schlimmer kommen können.
Für mich waren diese Monate in Renan eine anstrengende Lehrzeit. Sehr anstrengend. Zum morgendlichen Stalldienst wankte ich eher schlafwandlerisch in den Stall. Wenn nach dem «Abeschorre» des Mistes und dem Herumschleppen der Melkeimer die ersten Schweissperlen auf meine Stirn traten, war ich wach. Und spätestens nach dem Mittagessen eigentlich schon wieder bettschwer. Immerhin: Ich lernte innert kurzer Zeit, Kühe einigermassen routiniert zu melken, Traktor zu fahren, Milchschafe von Hand zu melken, Tiere zu füttern, Brennholz zu verarbeiten, Schweine und Hühner zu betreuen. Und ich machte zum ersten und zum letzten Mal die Erfahrung, Schweine in einen Schlachthof zu bringen.
Der Dorfkäser in Renan verarbeitete unsere Milch zu Käse. Nach dem Käsen bleibt eine wässrige Restflüssigkeit zurück, die sogenannte Schotte. Diese Schotte kann als Schweinefutter genutzt werden. Wenn ein Käser nicht selbst Schweine hält, ist er froh, wenn seine Bauern ihm die Schotte für diesen Zweck abnehmen. Deshalb – und weil wir alle Freude an Schweinen hatten – kauften wir im Herbst vier Ferkel. Die fidele Truppe brachten wir in einem Vorbau neben dem Kuhstall unter. Über eine Treppe konnten die Schweinchen in einen Wiesenauslauf gelangen, den sie emsig umgruben. Gelegentlich brach die Viererbande aus und wuselte zwischen den Kühen herum, die ihren morgendlichen Winterauslauf genossen. Wir verfütterten den Schweinen ausser der Schotte Futterkartoffeln, die wir in einem alten Wäschekocher auf dem Hofplatz garten. Schweine vertragen keine rohen Kartoffeln. Im Winter kuschelten sich die vier Schweine tief in ihrem Strohbett eng zusammen. Nur die vier rosigen Stupsnasen lugten noch aus dem Stroh. Dank viel Bewegung, Aussenklima und mässiger Fütterung wuchsen unsere Schweine viel langsamer als Schweine in herkömmlicher Haltung. Und doch kam der Tag, an dem die Tiere im Schlachthof von Saint-Imier zu Fleisch und Wurst verarbeitet werden sollten.
Man hiess uns, die Tiere am Vorabend des Schlachttermins im Schlachthof abzuladen, es habe dort Warteräume. Es war schon dunkel, als wir mit unseren Schweinen bei dem schönen, menschenleeren Jugendstilgebäude beim Bahnhof vorfuhren. Wir entluden die Tiere am vorgesehenen Eingang. Im Dämmerlicht erkannten wir nur allmählich, dass in den Warteräumen und -gängen des Schlachthofs schon zahlreiche Schweine lagen. Sie musterten uns interessiert, grunzten ab und an, blieben aber ruhig. Unseren Schweinen hatten wir für ihre letzte Fahrt im Anhänger Stroh eingestreut. Das gaben wir ihnen in ihr letztes Nachtlager mit. Anschliessend besichtigten wir – da wir nun schon einmal vor Ort waren – die übrigen Räume des Schlachthofs. Treibgänge, Betäubungszange, Brühwanne, Verarbeitungstische. Alles sauber, still, in fahlen Lichtschein von aussen getaucht. Morgen früh würde alles anders sein: Dampf, Lärm, Blutgeschmack, hart arbeitende Menschen und schreiende Schweine.
Wir haben später immer wieder Rinder, Kühe, Schafe oder Hühner zur Schlachtung gebracht und deren Fleisch verarbeitet. Wir tun es nicht mit Leichtigkeit, aber mit Überzeugung. Aber nie mehr Schweine. Wer einem Schwein tief in die Augen schaut, wird das vielleicht verstehen. Schweine sind uns Menschen in vieler Hinsicht sehr ähnlich. Ich finde es entsetzlich, wie mit ihnen weltweit umgegangen wird. Und freue mich über jene Bäuerinnen und Bauern, die diesen fröhlichen, gescheiten Tieren ein wirklich artgerechtes Leben ermöglichen.
Unsere Zeit in Renan neigte sich schneller dem Ende zu, als wir erwartet hatten. Schon nach wenigen Wochen zeigten sich Risse in unserer Zweckgemeinschaft. Was äusserlich so gut zu passen schien, scheiterte an unterschiedlichen Wertvorstellungen, Missverständnissen, bröckelndem Vertrauen und dem Unvermögen, die Schwierigkeiten anzusprechen und zu überwinden. Es war das erste wirklich ernstliche Scheitern in meinem Leben. Nach einigem Hin und Her entschieden Claudia und ich, den Hof zu verlassen. Wir zogen mitsamt Hund Max in eine einstige Uhrenarbeiterwohnung in Renan. Die Wohnung war charmant und schön gelegen, aber leider so grässlich renoviert, dass wir sie «die Plastikwohnung» nannten. Der Riemenboden war mit Parkettimitat aus Kunststoff beklebt, und die Wände mussten abwaschbare Tapeten ertragen. Wir fanden bald Wege, uns in die Natur zu flüchten und der Landwirtschaft verbunden zu bleiben. Claudia arbeitete im Sommer 1997 auf einem Hof von Freundinnen und Freunden im Kanton Bern. Ich versuchte mich nochmals als Alphirt und zog mit Max für einen Sommer ins Älpital hoch über Thun. Den Winter 1997/98 verbrachte Claudia dann mit Hofarbeiten und ich mit Stellensuche – bis zu jenem glücklichen Zusammentreffen mit Margrit vom Hof Berg im Baselbieter Jura, das unserem Leben eine neue Richtung gab.
