Strahlen - Verena Stauffer - E-Book

Strahlen E-Book

Verena Stauffer

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Beschreibung

Mit psychologischer Präzision und in einer Sprache, die selbst wie ein Gemälde schimmert, erforscht Stauffer die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen in einer Welt, in der Virtualität und Realität ineinander übergehen. Ava ist Künstlerin, sie lebt eine ungesicherte, prekäre Existenz. Sie ist dabei, sich aus einer unglücklichen Beziehung zu befreien, und gerät bei ihrer Suche nach Geborgenheit in eine Dreiecksgeschichte zwischen einem jungen, attraktiven Arzt und dem wirklichkeitsscheuen E. Es entsteht ein Wechselspiel von vibrierendem Zauber und erschütternden Wendungen, aus Jagen und Gejagt-Werden, aus Erfüllung und Entzug, aus Leben und Tod. Ein immer größer werdendes Misstrauen durchzieht ihren Geist: Wer ist der Vater ihres Kindes, ist sie tatsächlich schwanger? Wurde ihr Geliebter ermordet? Fast verliert sie sich im Hin- und Herspringen zwischen virtuellem und wirklichem Leben, und findet sich in einem Role-playing Game wieder, in einem virtuellen Spiel, in dem sie gegen sich selbst zu kämpfen scheint. Doch mit ihrem unumstößlichen Glauben an die Malerei, an die Farben, an Freundschaft und an das Gute, schafft sie ein neues, großes Gemälde und spürt, dass sie Leben erfahren musste, um sich selbst und ihrer eigenen Kunst wieder nahezukommen. Verena Stauffer taucht mit ihrer einzigartigen, mehrfach ausgezeichneten Sprache in die digitale Welt ein und verwischt sie gekonnt und unvorhersehbar mit der Wirklichkeit. »Nach dem Lesen dieses Romans wird die eigene Welt für immer verwandelt bleiben, sie wird farbenfroher, reicher und tiefer werden als sie es ohne dieses Buch je geworden wäre.« Yevgeniy Breyger

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Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Verena Stauffer

Strahlen

Roman

Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig, es gibt keine Korrelationen dieser Geschichte zu einer wie und wo auch immer möglichen Wirklichkeit.

»Wir sterben an dem, was uns einschränkt.«

Edmond Jabès

Inhalt

1. Teil

1.

2.

3.

2. Teil

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

3. Teil

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

1. Teil

1.

Über eine Brücke zu fahren bedeutet, etwas hinter sich zu lassen. Verlässt man festes Land und gerät in den schwingenden Bereich über Wasser, stellt sich ein Gefühl des Freiseins ein. Es fühlt sich wie Schweben an. Brücken verbinden, aber sie lösen auch los.

Mit einem Mietwagen, einem dunkelgrauen Pontiac, glitt ich im Starkregen über die George-Washington-Brücke und fuhr, von Westen kommend, in die Stadt ein. Zum ersten Mal in meinem Leben kam ich in New York an.

Regen fiel und bildete einen silbrigen Vorhang. Er legte sich über die Windschutzscheibe, als wäre er ein Tuch aus fließender Seide. Die Scheibenwischer arbeiteten auf höchster Stufe, um mir die Sicht freizugeben. Wie ein Jüngling. Apropos Jüngling, zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von einem Mineral, dessen innere Klarheit und äußere Rundung mir Unerklärliches freigab, denn wann immer ich es von meinem Nachttisch aufhob und betrachtete, fand ich etwas anderes. Es war durchsichtig und eiförmig, und ich entdeckte in ihm einen Nebel voller Sterne, den Flockenwirbel des nördlichen Winters, einen Dinosaurierschädel, Aale, dicke Tauben, Kometen oder gar mich selbst. Tiam hat es mir von einer Reise nach Sri Lanka mitgebracht, wo er am Adam’s Peak die Hochzeit eines Freundes gefeiert hatte. Das Mineral besaß ich, bevor mein wirkliches Leben begann, sich um eine virtuelle Welt zu erweitern, und lange bevor ich mir die Frage stellte, was mein wirkliches Leben eigentlich ist.

In den Vorhängen des Schnürlregens, der so auch im Salzkammergut hätte fallen können, verschwammen die Tragseile der Hängebrücke, fügten sich in Grau und Winkel in den Regen ein. War das noch echt? Der Regen, die Brücke, unter mir der Hudson River, das Gefühl, gleich in New York einzufahren, es war nicht greif bar. Zeuxis von Herakleia, ein griechischer Maler, malte für einen Wettstreit einen Knaben, der einen Teller mit dicken grünen Trauben in den Händen hielt. Die Früchte wirkten so natürlich, dass Vögel angeflogen kamen, um sie zu picken. Nach diesem Beweis seiner Fähigkeiten schritt er, sich seines Sieges sicher, auf Parrhasius’ Werk zu, eines Malers aus Ephesos. Er wollte den Vorhang, den dieser vor sein Gemälde gehängt hatte, zur Seite ziehen, doch wie musste er erschrocken sein, denn jener Vorhang, den er eben mit Schwung hatte lüften wollen, war gemalt. Parrhasius gewann, denn während Zeuxis allein die Tiere hatte täuschen können, schaffte er es, die Menschen selbst zu täuschen.

Die Vorhangbahnen des New Yorker Regens jedoch waren echt, sie flossen beständig, so als spinne der Himmel endlos silberne Seide. Würde ich, wenn ich dann ausstieg, tatsächlich in New York sein?

In jedem Fall hatte ich es bis hierher allein geschafft. Mir Schritt für Schritt mein berufliches Vorankommen erarbeitet. Gegen den Wunsch meiner Familie war ich bildende Künstlerin geworden, und ich fragte mich wie oftmals zuvor, warum ich so lange gebraucht hatte, um diesen Weg in Klarheit einzuschlagen, obwohl schon in der Schule meine Lehrerin am Jahresende eine Packung wasservermalbare Buntstifte gegen meine Zeichenmappe tauschen wollte. Den Job als Gastlektorin für den Kurs »Is drawing political?« an einem College in Pennsylvania hatte ich mir erkämpft, mich bis zur letzten Runde durchgeschlagen, die Bürokratie der Einreise in die USA hinter mich gebracht, die Trennung von meinem Partner David, der ebenfalls Maler war und mittlerweile in der Schweiz lebte, angestoßen, und jetzt war ich hier. Das erste Straßenschild, das ich bewusst wahrnahm, war »Broadway«, und ich fand, was mir die ganze Fahrt über Sorgen bereitet hatte, direkt um die Ecke meiner Zieladresse im Bloomingdale District einen Parkplatz. Als ich aus dem Wagen stieg, überprüfte, ob er gut geparkt war, meinen Trolley aus dem Kofferraum hob und kurz aufsah, kam es zu einer Überschneidung.

Das Sichtfeld eines Mannes, der auf dem Gehsteig an mir vorbeiging und einen Trolley hinter sich herzog, genauso einen wie jenen, den ich gerade aus dem Pontiac hievte, einen karminrot glänzenden Hartschalenkoffer, überschnitt sich mit meinem, seine Pupillen weiteten sich. Er sah abwechselnd auf mich und mein Gepäckstück. Wie dunkle Murmeln, die gegeneinanderstießen, um in der Folge auseinanderzustieben, trafen sich unsere Augen und wandten sich wieder ab. Ich aber hatte etwas gesehen. In seinem Ausdruck lag eine Gutmütigkeit, durchbrochen von einer harten Linie, die ihn in eine Ferne rückte – ich dachte an einen Hirten. Mein Handy klingelte: »Ja, ich bin da! Gerade geparkt. In drei Minuten bei euch!«

Der Regen hatte aufgehört, Tropfen lösten sich von den Platanen, die zwischen den Parkplätzen wuchsen, und platschten auf den Asphalt. Der Typ war nicht groß, sein Oberkörper breit, seine Hände klein, aber nicht zart. Kannten wir uns? Hatte ich ihn schon einmal gesehen? Wieder sahen wir einander an, lächelten. Etwas irritierte mich, sein Lächeln war so ein »Smile«. Er hatte eine dunkle runde Brille, lockeres braunes, verwirbeltes Haar, trug ein weißes T-Shirt und eine Leinenhose. Seine Haut schimmerte, sie war blass, und doch war da ein Stich Bronze. Ich drückte den Knopf der Fernbedienung, der Kofferraum schloss sich, das Auto piepste doppelt beim Verschließen. Erneut kontrollierte ich, ob ich auch richtig geparkt hatte, blickte nochmals zu ihm hin, und auch er, schon mindestens zehn Schritte weiter, drehte sich nochmals nach mir um. Es war mir, als habe er einen Augenblick gezögert, einen kurzen Moment überlegt, ob er etwas sagen sollte.

Meine Freunde warteten, ich eilte in die andere Richtung davon, bog um eine Ecke und sah schon Henry vor einem hohen Haus aus Brownstones auf mich warten.

Etwas in meiner Brust pochte gegen meine Rippen. »Willkommen in New York«, sagte er, Anwalt in Manhattan, geboren und aufgewachsen in Europa, studiert in Harvard, und umarmte mich. »Danke, dass ich bei euch sein darf.« – »Du bist immer willkommen.« Henry hielt mir die Flügeltür auf, wir schritten ins Foyer, wo ein Mann in einer Livree saß. Auf mehreren Tischen stapelten sich Pakete mit dem Amazon-Smiley, sie warteten auf Abholung durch ihre Empfänger. »Wow, das ist aber eine andere Dimension als bei uns«, sagte ich. »So viele Päckchen. Es ist ja nicht einmal Weihnachten.« – »Ja, das ist hier ganz normal«, Henry sah mir kurz in die Augen. Wir waren alte Freunde, er kannte mich, seit ich zwanzig Jahre alt war. Bisher hatten wir einander ausschließlich in Europa gesehen, es fühlte sich feierlich an, ihm nun auf einem anderen Kontinent zu begegnen, fast so, als wären wir hier andere, neue Menschen. Auf einem anderen Kontinent ist man auf eine Art und Weise von seiner eigenen Geschichte befreit, man kann sie abwerfen und derjenige sein oder werden, der man ohne jede Vorbelastung wirklich ist. So als würde man Staub und Schutt von sich abschütteln, oder schüttelt man sogar sich selbst ab? Henry wirkte hier, weit weg von seinem Elternhaus, als trüge er Geheimnisse in sich. In Europa spürte ich stets die Geschichte seiner Familie mitschwingen. Die schwierige Mutter, sein Vater, der im Sterben lag, die Probleme mit seinen Geschwistern, doch er beschwerte sich nie.

Hier war er nur Henry. Als Typ nicht leicht zu beschreiben, trug stets Schuhe, die meinem Geschmack entsprachen, edles Leder, die genau richtige Rundung an der Spitze, maßgefertigt in unserer Heimat, bei einem Schuster aus Afghanistan. Seine Augen, von der Bläue eines Glazialsees, mit einem Blick, in dem man entweder ertrinken oder sich wie an einer Papierkante schneiden konnte. Ich weiß es nicht, aber ich vermute, seine Sehkraft, bezogen auf Wahrnehmungen von Geschehnissen, hatte die Schärfe eines Mikroskops. Henrys Haut lag wie gespannt über Nase und Wangenknochen.

Wir stiegen in einen kleinen Lift mit getäfelter Kabine und Teppichboden, fuhren zuckelnd in den sechsten Stock, mindestens zweihundert Quadratmeter Wohnfläche empfingen mich. Hohe Räume, Biedermeier-Mobiliar, moderne Kunst, unter anderem ein Selbstbildnis von Elke Krystufek, das mich instant fesselte. Fensterrahmen aus braunem Holz, der Blick über die Stadt. Mein Atem stockte, ich schluckte. Dunkelrote und graue Brownstones breiteten sich wie ein Meer aus riesigen Bauklötzen unter mir aus, Flachdächer in unterschiedlichen Höhen, Feuerleitern, Rauch strömte aus Schloten in die Sphäre, Kräne schwenkten ihre Arme, in naher Ferne die Skyline – ich bemerkte, wie ich meine Augenbrauen nach oben zog und meine Lippen zusammenpresste. Ich drückte meine Lider zu, öffnete sie wieder, mein Blick verschwamm, meine Augen wurden feucht, Henry reichte mir ein Taschentuch. Das Wissen darum, viel erreicht und andererseits viel hinter mir gelassen zu haben und in diesem Gedanken auf eine neue Stadt und Zeit zu blicken, zugleich von meinen Freunden umgeben zu sein – das überwältigte mich. Fremd klingende und doch vertraute Polizeisirenen in meinen Ohren, dieses typische TÜü TÜu TÜu TÜu TÜu TÜu, das ich aus Filmen kannte.

»Ich bin angekommen«, flüsterte ich.

»Das bist du«, sagte Henry.

Anna kam mir entgegen: »Du hast es geschafft!«, rief sie und umarmte mich, sagte, wir müssten gleich los, sie habe uns einen Termin im Schönheitssalon zur Mani- und Pediküre reserviert, damit wir »ready« seien für den Abend, an dem sie mir zu Ehren eine Dinnerparty geplant hätten. Allerdings käme nur ein Gast, es handle sich jedoch um einen der begehrtesten Junggesellen im Bloomingdale District.

Damals war ich, wie gesagt, in Trennung, was Anna wusste, Amerika sollte die nötige Distanz für den endgültigen Exit bringen.

Kaum meinen Koffer abgestellt, verließen Anna und ich schon wieder die Wohnung, zuckelten im Lift nach unten, umarmten einander in Freude und Aufregung. Wir hatten es eilig, ich sei später angekommen als gedacht, sagte sie, und wir hasteten um ein paar Häuserecken zu diesem Studio. Ich staunte über die Farben, die mir die Stadt, jetzt, im ersten Ankommen zeigte. Orte maß mein Kopf nicht an Plätzen, Kirchen oder Statuen, meine innere Karte der Gegenden bestand aus Farben. Eines Tages würde ich eine Kartografie der Metropolen in Farben erstellen. Durch den Starkregen hatten sich Pfützen auf den Straßen gebildet, in die Risse des Asphalts war Wasser eingedrungen. Die Häuserfronten, Fensterrahmen, die Shops, die grünen Farbflecken der Bäume, ob es Platanen oder auch Ginkgos waren? – New York war in diesem Stadtteil rötlich wie eine dunkle Kirsche, dann wieder gräulich und frühindustriell, wie ein Herbstnebel mit tiefgrünen Sprenkeln der vereinzelten Baumkronen gespickt. Und die Gesichter? Die Gesichter erzählten Geschichten zwischen den Farben, jedes eine eigene, die Gesichter wollten erzählt werden. Und die Stimmen? Was erzählten sie? Ein Wirrwarr der Stimmen.

Diese Gedanken rauschten im Hintergrund an mir vorbei. Ich nahm sie wahr, speicherte sie.

Im Nagelstudio fiel mir, während zwei Kosmetikerinnen unsere Hände in eine warme, glitschige Flüssigkeit tauchten, die Entscheidung für eine Farbe schwer. Anna nahm ein dunkles Orange, wie es für die Jahreszeit passte, ich entschied mich für French. Unsere Massagestühle in braunem Leder standen ein wenig zu weit auseinander, um während der Behandlung entspannt sprechen zu können. Anna versuchte es trotzdem. Hinter ihrem Kopf wucherten künstliche Orchideen, die Wände des Studios waren mit Hochglanzfliesen in Creme getäfelt. Was ich jetzt mit meiner Beziehung anstellen würde, fragte sie, obwohl ich ihr meine Entscheidung bereits am Telefon klargemacht hatte. Mich trennen, antwortete ich kurz angebunden. Dass ich mir das gut überlegen solle, meinte Anna, es sei schwierig, einen neuen Partner zu finden. Sie erlebe es in ihrer therapeutischen Praxis Tag für Tag. Was er denn so Schlimmes getan habe. Ich solle mich mit seinen charakterlichen Schwächen arrangieren. »Er ist doch nett!«, rief sie. Sie, die ihn noch nie getroffen hatte und auch wusste, was an Fatalem zwischen uns vorgefallen war. Ich schwieg. Wie es mir finanziell gehe, fragte sie weiter. Ich solle auch das nicht aus den Augen verlieren. Nicht dass ich dann wieder dastehen würde wie vor ein paar Jahren, mit einem Nichts, wie sie es unschön ausdrückte, als ich für eine Zeit nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf gehabt hätte. Die Gastprofessur sichere mir noch für ein paar Monate mein Auskommen, antwortete ich, danach würde ich weitersehen. Eine Galerie sei an mir interessiert, was mir Grund zur Hoffnung gebe. Wieder zurück, sei es wichtig, die Dinge in Schwung zu bringen. Was ich ihr verschwieg: dass ich schon lange nichts gemalt hatte. Vor meiner Abreise hatte ich die Arbeiten der gesamten letzten Monate zerstört.

Eine Beziehung sei ja auch eine Absicherung, meinte Anna weiter.

Oder eine Gefährdung, wollte ich sagen, tat es aber nicht.

Ich schluckte.

»Anna, ich …«

Anna seufzte. Es sei ganz im Gegensatz zu mir für sie nicht leicht, ihre Immobilien zu verwalten, sprach sie weiter. Manchmal sei sie überfordert, obwohl viel Geld vorhanden sei, schließlich müsse man mit dem Geld etwas tun. Henry mache Druck deshalb. Ich nickte, war mit meinen Gedanken woanders. Die Kosmetikerin massierte meine Hände mit Pfirsichöl. Das Öl zog ein, meine Handrücken glitzerten. Anna zahlte für uns beide, wir liefen zurück, kauften unterwegs für das Abendessen ein. In einem kleinen, verwinkelten Supermarkt fand ich mich vor Lauchstangen wieder, die wie Baseballschläger aussahen, vor luftballonroten Tomaten und Pilzen, die der Idee von Pilzen glichen, ihren Geruch verströmten, nach Humus und Lust. Ich stand vor Ananasbergen, Melonen, die mit Weidenblättern bedeckt waren, bestaunte den Inbegriff von Äpfeln, in Farbe, Form und Glanz, und Bananen, die groß wie Gurken und gelb wie Zitronen waren. Gemüse und Früchte stapelten sich bis fast an die Decke. Es wirkte, als türmten sie sich von oben auf uns herab. Nur Erdbeeren sah ich keine. »Keine Erdbeeren?«, fragte ich Anna. »Erdbeeren?«, sie sah mich irritiert an, packte gleichzeitig Fenchel, Knoblauch und Pilze in unseren Einkaufswagen. »Tintenfische brauchen wir noch, keine Erdbeeren«, fügte sie hinzu. »Schaust du mal zur Fischtheke, was die haben? Ich hole noch Eier und Milch.«

Ich legte zwei Gläser Oliven in das klapprige Wägelchen, Anna räumte eines wieder zurück. Wir sahen uns an, schüttelten lächelnd den Kopf. An der Fischtheke lagen kleine Tintenfische neben Barschen, Scampi, Thunfischsteaks und Miesmuscheln auf Eis.

New York sah anders aus, fühlte sich anders an, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich wusste davor nichts von den Brownstones, die Wärme verströmten, den Schloten, den Blumenläden, die in einer der Avenues wie Gärtchen an Gärtchen aneinandergereiht waren, den Coffeeshops und Restaurants, den Diners, den gestreiften Bagels und dass es an jeder zweiten Ecke nach Gras roch. Ich hatte gläserne Bürotürme erwartet, hier wirkte New York wie ein Puppenhausdorf aus einer anderen Zeit auf mich. In diesen Tagen sah ich einzig die Oberflächen der Upper West Side.

Kyle, unser einziger Dinnergast, betrat keine zwei Stunden später die Küche, in der Henry und ich gerade noch Pilze und Fenchel schnippelten. Seinen Blick auf unsere Arbeit und Hände beantwortete ich mit: Das Gemüse sei eben der unsichtbaren Hand des Marktes bereits entzogen, es werde sich nicht weiter selbst zerkleinern, auch wenn ich gerade diesen individuellen Wunsch hege. Kyle, Professor für Rechtswissenschaften an einer Uni in New York City, kräuselte die Stirn, grinste dabei und meinte, der Markt habe auch bereits geschnittenes Gemüse im Sortiment, es sei jedoch oft ausverkauft, was wieder für die unsichtbare Hand spräche. »Das spricht nicht für die unsichtbare Hand, sondern für das schlechte Zeitmanagement der Bewohner New Yorks. Man kann nicht alles durch den Kapitalismus erklären, manche Dinge schlagen vom Volk aus auf den Markt zurück, was in der Folge eher deduktiv zu werten ist, also kommunistisch«, konterte ich, ohne zu wissen, ob es nicht schon kompletter Nonsens war, den ich da von mir gab. Das Gute an Smiths unsichtbarer Hand war, dass sie viele Auslegungen zuließ, außerdem kann man auch immer aus einem Gegensatz eine Meinung formen.

»She is a communist?«, Kyle starrte, jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen, Henry an.

»She is not a communist. Calm down. She is just kidding.«

»I am not kidding!«, rief ich und gab Henry einen leichten Klaps auf die Schulter. Ich wusste nicht, dass in den Augen mancher Republikaner selbst Hitler als Kommunist galt. Diese Art von Hickhack setzte sich den ganzen Abend fort. Es war offensichtlich, dass Kyle sich gegen zu große Einflussnahme des Staats aussprach, er vertraute auf republikanische Werte. Ich hatte noch nie zuvor bewusst einen Republikaner kennengelernt. Wie automatisch nahm ich meine deutlich linke Position ein, was zu einem weiteren Schlagabtausch führte. Als er meinte: »You don’t even know whatfeminism is«, klärte ich ihn über die Geschichte der Frau, zurückreichend bis zu den ersten sesshaften Völkern, auf. Dazu floss Champagner. »I am not a feminist«, sagte Anna. Kyle schenkte ihr daraufhin ein wohlwollendes Lächeln. Er war intelligent, aber sein Kopf tickte anders, das faszinierte mich. Die Nacht endete tanzend im Wohnzimmer, Millionen Lichter der Wolkenkratzer blinkten mir entgegen, und bei Falcos »America« ging ich so richtig ab, Henry hatte es tatsächlich auf Langspielplatte.

America, wenns ihr ma glaubats, wie ma euch vermissen ka America, wenns ihr ma glaubats, wie ma euch vermissen ka … America … Lalala – lalala – lalalala

Während ich mich mit Kyle, der nicht besonders gut tanzte, im Kreis drehte, versuchte er, mich zu küssen, was ich ablehnte. Er diskutierte daraufhin mit Anna in der Küche. Sie kam auf mich zu – ich bewegte mich gerade allein im Rhythmus des Songs, blickte dabei über »mein« New York – und flüsterte mir ins Ohr: »Sag, kannst du ihn nicht einfach küssen, er versteht nicht, warum du es nicht willst. Es ist doch nichts dabei. Fällt dir ja kein Stein aus der Krone. Er wäre so glücklich.«

»Ich hab keine Lust, Anna«, rief ich gegen die laute Musik, »sag ihm, er soll seine reaktionären Positionen ablegen, dann überlege ich es mir vielleicht.«

Später, nachdem Anna und Henry zu Bett gegangen waren, blieb ich mit Kyle allein auf dem Sofa zurück. Er beugte sich zu mir, wollte mich küssen, fragte, ob ich mit zu ihm kommen wolle. Als ich beides ablehnte, verzerrte sich sein Gesicht. Seine Hände legten sich um meinen Hals, nur leicht, aber mein Körper reagierte. Meine Glieder froren ein. Ich hielt den Atem an. Er wohnte nah, angeblich in einem Penthouse. Ich lockerte meine Arme, legte meine Hände auf seine und lachte plötzlich schallend, als er immer noch andeutete, mich zu würgen. Das meint er nicht ernst, dachte ich und beschloss, ihn für einen Zyniker zu halten. Ich kannte einen Menschen, der auf eine spezielle Art zynisch war, er hieß Antonio, ebenfalls Rechtswissenschaftler, allerdings Europäer und keinesfalls republikanisch geprägt. Der konnte gewisse Dinge sagen oder tun, und ich wusste immer, dass sie nicht ernst gemeint waren. Jemandem körperliche Gewalt anzudeuten oder gar zuzufügen, das würde er nicht.

»Do you believe in God?«, fragte mich Kyle und ließ meinen Hals los. Er selbst habe einen starken Glauben, sei deshalb als Erwachsener der katholischen Kirche beigetreten. Ich lachte wieder, er sah mich fragend an. »I believe in something …«, sagte ich, hörte zu lachen auf. »Might not be God, might be maths in combination with physics or nature.« Es gebe jedoch keinerlei Beweise, die eine Nichtexistenz Gottes belegen würden, fügte ich hinzu. Selbst seinen Glauben nahm ich auf eine Art und Weise nicht ernst. »What did you miss? What were youhoping to find in Catholicism?«, fragte ich zurück.

Er sagte, sein Glaube gebe ihm Halt und Struktur. Der Karfreitag sei sein Lieblingstag im liturgischen Jahr, allein die reine Möglichkeit, dass eine Person wie Jesus diese Erniedrigungen über sich ergehen lassen und auf diese Weise leiden und sterben musste, das zeige etwas, worüber er immer wieder nachdenken müsse. Warum Gott das zugelassen habe, sei eine Frage, die er sich oft stelle.

Ich fragte mich, ob ein Mensch nicht verlässlicher, gutmütiger, vielleicht sogar gütiger sei, wenn er einen Glauben hatte, da fielen mir die Päpste Innozenz III. und Urban XIII. ein. »Wasn’t it Trinity that fascinated you? For me it is the Holy Ghost that I adore most.« Wieder musste ich lachen. Als Kind hatte ich einen starken Glauben, ging sonntags allein in den Gottesdienst, saß auf der Empore, wo sonst niemand war, blickte über die Gemeinde zum Altar, betete jeden Abend – oder wenn ich traurig war – zu »meinem« lieben Gott. Bis zu meinem Studium hielt dieser Glaube an, später wurde ich durch meine Auseinandersetzung mit Spinoza oder Kant zur Atheistin. Bestritt die Möglichkeit der Existenz einer nichtstofflichen Seele. Erlebnisse durch Rezeption und mein eigenes Schaffen von Kunst und Erfahrungen in der Natur weichten diese Position mit den Jahren wieder auf. Ich glaubte an so etwas wie den Heiligen Geist und dachte, vielleicht ließe sich manches eines Tages durch die Quantenphysik erklären, doch viel bleibt im Verborgenen. Es war still im Raum. Meine Augen schweiften über die flirrenden Lichter der Stadt. Was man weiß, ist, dass der Zufall innerhalb der Quantentheorie ein echter Zufall ist. Ob Zeit existiert, was im Inneren eines Atoms wirklich vor sich geht, was die Realität ist und wie viele es von ihr gibt, all dies weiß niemand. War ich ein Schatten? Physikalisch gesehen bestehen Körper aus Elementarteilchen, Up-Quarks, Down-Quarks, Higgs-Bosonen … philosophisch gesehen existieren Einzeldinge, der Apfel, der Schnee, das Pferd, und Universalien, die Röte, die Rundung, die Idee. Der Mensch ist auch ein Einzelding. Ist er das? Und die Trinität, die existiert natürlich auch. Auf einmal waren Farben in meinen Gedanken, mein Blick wie überblendet von einer Leinwand in meinem Atelier, raumhoch und breit. Ich wollte sie vorbereiten. War da ein Aufflackern? Ich fühlte dem nach, sah unscharf helle und dunkle Bereiche, dann starke Kontraste. Dachte an Chiaroscuro und Tenebroso, hatte ein Gemälde von Francisco de Zurbarán vor Augen, erkannte Umrisslinien auf meiner inneren Leinwand, doch sie entglitten mir wieder, fielen wie Dominosteine in meinem Gehirn nach hinten, tauchten ab. »Are you joking on Christianity?«, wieder sah Kyle mich entsetzt an. »No, of course not. I was serious.«

Auch meine Entscheidung, nicht mit ihm in sein Penthouse zu gehen, meinte ich ernst. Irgendwann verließ er gekränkt die Wohnung, allerdings nicht ohne darauf zu bestehen, Telefonnummern zu tauschen. Am nächsten Morgen erhielt ich eine SMS, mit der Frage, ob wir einander wiedersehen könnten, bevor ich nach Pennsylvania abreisen würde. »Es würde mich freuen«, schrieb ich. Wir picknickten am Nachmittag zusammen mit Anna und Henry. Henry und Kyle waren in ein Gespräch über Börsenspekulationen vertieft. Anna erzählte mir währenddessen, Kyle sei mit siebzehn Jahren Vater geworden, man nenne das ein »Partybaby«. Die Eltern der Mutter, einem Mädchen aus seinem Jahrgang, entschieden, das Kind nicht abtreiben zu lassen, sondern es nach der Geburt zur Adoption freizugeben. Kyle habe seither nie wieder Kinder bekommen. Ich solle mir vorstellen, flüsterte Anna, wie sich das anfühlen müsse, wenn irgendwo auf der Welt ein Kind von einem lebe und es nicht möglich sei, mit ihm in Kontakt zu treten. Die Regelung in den USA laute in seinem Fall so, dass, wenn das Kind Kontakt aufnehmen wolle, es dies tun könne. Kyle selbst aber habe keine Rechte, er wisse weder den Namen noch den Wohnort. Die Adoptiveltern hätten das Kind vielleicht nie über die Adoption aufgeklärt. Kyle habe deshalb Schwierigkeiten mit Beziehungen, niemand könne diese Lücke füllen. Hin und wieder trinke er zu viel, ansonsten sei er ein aufmerksamer, intelligenter Mensch, selbst wenn er keine Professur an der allerbesten Uni habe, aber, immerhin, er war Professor, wobei das in den USA weniger wert sei als in Europa. Sie schaute mich mit einem Ausdruck an, den ich gut von ihr kannte. Ihr Mund formte die Hälfte eines Lächelns, in ihren blaugrauen Augen eine Mischung aus Sensation und Trauer. Ich nickte nur, als wäre es eine Information wie jede andere, die ich gerade erhalten hatte. Das Gespräch ging wieder in einen allgemeinen Small Talk über.

Kyle schlug vor, mir New York City aus seiner Perspektive zu zeigen. Anna und Henry verabschiedeten sich. Zuerst das Metropolitan Museum of Art, wo er mich durch die Geschichte der Malerei Amerikas führte. Eine Facette, die in meinem Studium nicht aufgetaucht war. Ich versuchte, die Werke durch die Augen eines Laien zu betrachten, wollte ihn, der stolzer Amerikaner war, nicht kränken. Einige Gemälde, vor allem Abbildungen des Beginns der industriellen Revolution, beeindruckten mich, auch jene Landschaften mit fremden Prärien, Gebirgen, Wasserfällen, die mir nicht nur unbekannte Orte, sondern auch ein neues Licht offenbarten. Das Licht fremder Sommer und fremder Herbste, gemischt aus Blut, Kürbis, Melone und Sonnenblume. Ein wie durch feurig dunkelrote Ahornblätter gefiltertes Orange. Ich erwähnte die Drake Well, den Ort der ersten Ölbohrung Amerikas in Cherrytree Township, die ich wenige Wochen zuvor besichtigt hatte. »Von dem Zeitpunkt an begann die Welt sich in einem Rekordtempo zu verändern«, sagte ich, »sie steht dort wie ein Andachtsort, mitten in frischem hellgrünem Gras, ein Holzhüttchen darübergebaut.« Wir querten eine Halle, und ich merkte, dass Kyle mich bereits Richtung Ausgang führte. In einem großen Spiegel sah ich unsere Reflexion, wir wirkten nicht wie Fremdkörper, sondern fügten uns in die Umgebung ein. »Diese Bohrstation«, beschrieb ich sie weiter, »ist umgeben von Zuckerahorn, Schwarzkirsche, Hemlocktanne … sie liegt direkt am Oil Creek, einem Fluss, der breit und flach wirkt, gelbgrün glitzert, wie eine aufgeschnittene goldene Kiwi. Der hat mich verzaubert. Und weißt du was? Ich konnte sein Plätschern nicht hören.«

»Du warst wirklich dort? Ich bin oft da gewesen!«, rief Kyle, legte dabei kurz seinen Arm um mich und meinte weiter, die ersten Ölfässer habe man tatsächlich auf genau diesem Fluss in die Welt verschifft. »Die erste Bohrung fand direkt im Fluss statt. Davor haben die Menschen das schwarze Gold aus Kuhlen geschöpft, es als Medizin und Petroleum verwendet. Als die Pumpe dann funktionsfähig war, wurde es bald in Unmengen heraufgepumpt. Von da an hat es die Welt erobert und sie zugleich ihrer Zerstörung preisgegeben.«

»Really, they creamed their faces with it«, sagte er noch, und ich meinte darauf: »Well, it is a product of nature and always will be.«

Wir küssten uns, im Central Park. Es kam überraschend, und es fühlte sich richtig an. Kyle war auf seine Weise hübsch, hatte weißes, lockiges Haar und doch noch eine junge Haut, er war groß und trainiert. Ich begann seine Gegenwart als beruhigend zu empfinden, merkte, wie sich mein Nervensystem nach und nach entspannte. Das all die Monate zuvor in mir vorherrschende Gedankenkreisen um meine Trennung war nicht mehr da. Abends führte er mich in ein griechisches Fischrestaurant, wir betraten einen Saal, weiße Wände, die Tische und Kerzen ebenfalls weiß, nur die Menschen dazwischen bewegten sich wie Farbtupfer. Hinter dem Empfang suchte man sich aus einer langen, mit Eis gefüllten Theke silbrige Fische, gräuliche Meeresfrüchte oder schillernde Muscheln aus, die einem später roh, gekocht oder gegrillt serviert wurden. Wir wählten Austern, Crevetten und einen Barsch. Dazu Beilagen, Oliven, Gemüse, weißes Brot, unterschiedliche Olivenöle, auch gebratene Kartöffelchen und kalten griechischen Wein. Kyle sprach über Welfare-Programme der USA, über den Zusammenhang zwischen Sozialhilfe und der Häufigkeit von Scheidungen. Er meinte, fiele die Unterstützung alleinerziehender Mütter weg, würde es weniger Trennungen, weniger zerstörte Familien geben. Ich entgegnete, es ginge bei diesen Hilfen um Sicherheit und Wohlergehen von Frauen und Kindern und nicht darum, mit Gewalt und durch finanzielle Macht dysfunktionale Ehen aufrechtzuerhalten. Kyle legte die Serviette zur Seite, trank sein Weinglas, das noch voll war, in einem Zug leer, stand auf, entschuldigte sich für einen Augenblick.

»Tut mir leid«, sagte ich schnell. »Habe ich etwas Falsches gesagt?«

»Don’t worry. I’m back in a minute.«

Später tranken wir in einer der ältesten Bars der Stadt einen »Manhattan«. Kleine Holztreppen führten von der Straße einen Halbstock nach unten in verwinkelte Zimmer. Dunkle Säulen, Fauteuils in rotem Plüsch, eine winzige Bar. Gespielt wurde »I’ll Be Your Mirror«, von Velvet Underground. Nicos Stimme: »I’ll be your mirror, reflect what you are, in case you don’t know …« Ich dachte an Andy Warhol, Nico war seine Muse gewesen, wer war meine Muse? War ich jemandes Muse? Wir lernten einen Amerikaner aus Chicago, Teddy, kennen, der wie ich zum ersten Mal in New York City war. Teddy war Tierfuttervertreter. »Tough times«, sagte er und wollte hören, wie Kyle und ich uns kennengelernt hatten. »Do you like him?«, fragte er mich, als Kyle für einen Moment abgelenkt war. »Of course«, sagte ich.

Kyle fragte Teddy, ob er ein Foto von uns machen könne. Ich in dem roten, asymmetrischen Kleid, das ich mir am selben Tag zusammen mit Anna gekauft hatte, ein von Anna geborgtes Seidentuch um die Schultern, den »Manhattan« in der Hand. Er in kariertem Sakko, weißem Hemd und Krawatte, seinen Arm um mich gelegt. Das Bild sah wie ein Film-Still aus. Warum Teddy in New York sei, fragte ihn Kyle. »My last journey«, sagte Teddy und gab eine Runde Cocktails aus. »Cheers«, rief er uns zu, nahm einen Schluck und verließ grußlos und ohne seinen »Old Fashioned« ausgetrunken zu haben, die Bar.

Am nächsten Tag trat ich gegen Mittag die Rückreise nach Pennsylvania an. Mein Magen war flau, als ich zum Auto lief. Kyles letzte Freundin sei Richterin gewesen, hatte er erzählt. Sie war verheiratet, Mutter dreier Kinder, hatte ihren Mann nicht verlassen, weshalb er nach einiger Zeit die Affäre beendete. Als ich zu dem Pontiac kam, meinen Trolley wieder im Kofferraum verstaut hatte, bemerkte ich einen Zettel, der aufgeweicht vom Regen unter dem rechten Scheibenwischer steckte. Ich holte das nasse, dünn gewordene Papier von der Windschutzscheibe. »Lust auf Kaffee, oder brauchst du noch mal den gleichen Koffer? Ruf an, T«, stand, geschrieben auf Deutsch, von der Nässe verschwommen unter der Nummer. Eine österreichische Vorwahl? Strange. Ich faltete den Zettel zu einem kleinen Viereck und steckte ihn in ein enges Fach meiner Geldbörse.

Das College, an dem ich unterrichtete, lag am Rande einer Kleinstadt, im ehemaligen Rust Belt, heute die depressive Zone, aufgelassene Fabriken in Trümmern, eine darüber hinwegwuchernde Natur, die nicht einmal zu überblicken wäre, würde man den Hals recken. Die Produktion dieser Werke war lange aufgegeben, die Arbeiter entlassen worden, Gebäude und Maschinen entfremdet, Blattwerk und Wucherungen überlassen, die jede Einzäunung überwinden und zersetzen. Die Schwerindustrie, die hier angesiedelt war, war auf andere Kontinente abgewandert, ohne die Arbeiterschaft mitzunehmen, tausendfach verloren die Menschen ihre Jobs, auf die sie stolz gewesen waren. Auch die für diese Gegend typischen Fabriken, die der Eisen-, Stahl- und Kohleindustrie angehörten, aber auch Werkzeuge hergestellt hatten, schalteten schon vor Jahrzehnten ihre Maschinen für immer ab. Ein Werk aber war noch aktiv, eine Hundefutterfabrik. Wenn der Wind in die falsche Richtung wehte, dann roch es in der ganzen Stadt nach Dog Food, weshalb ich die Fenster meiner kleinen Wohnung geschlossen hielt, denn das war ein Geruch, von dem niemand geweckt werden wollte. Nach meinem Besuch in New York City erinnerte ich mich an Teddy, sobald mir der Geruch in die Nase stieg. Die Stadt war durchzogen von einst mit Liebe gebauten Holzhäusern, samt Erker, Veranda, Vorgarten mit Hollywoodschaukel. In ihnen spürte man noch die Blüte vergangener Zeiten, doch die Bleiglasfenster der zart hellblauen oder rosaroten Häuschen hatten Sprünge, noch häufiger waren sie an den Ecken zerbrochen. Müllsäcke und Sperrmüll lagerten vor den Eingängen, daneben parkten Motorräder und Pick-ups. In vielen der Gärten oder auch in den Fenstern steckten oder klebten auf Holzpfeilern Plakate mit Wahlwerbung für einen republikanischen Kandidaten. In Europa würden wir nicht mit unseren Privathäusern oder auf unseren Grundstücken Wahlwerbung für Parteien oder Personen machen. Warum nicht? Waren wir weniger kämpferisch? Hielten wir mehr mit unserer politischen Gesinnung zurück? Zeigten wir unser wahres Gesicht nicht, versteckten wir uns hinter unserem Wahlgeheimnis? Früher waren diese Gegenden Hochburgen der Demokraten, doch durch die von der Wirtschaftspolitik enttäuschte Arbeiterschaft hatte sich das Gewicht hin zum republikanischen Lager verlagert.

Chipmunks und Kaninchen liefen oder hoppelten über die Straßen, manchmal hingen sie direkt vor meiner Wohnungstür ab, so als wären sie zu Besuch vorbeigekommen. Regelmäßig sah ich auch eine Frau, die mit ihren rosa-schwarz gescheckten Schweinchen an der Leine spazieren ging. Die Bäume, die das Haus umgaben, in dessen Halbkeller meine Wohnung lag, waren groß und alt, und manchmal, wenn flächendeckender Regen sich in ihren Blättern fing, der dieses eindringliche und dauernde Rauschen erzeugte und die Natur noch üppiger und grüner machte, dann fühlte ich mich wie Alice in Wonderland.

In diesen Wochen fuhr ich oft zum Eriesee, schickte Fotos und Selfies von dort an Kyle, der sich täglich meldete. Die Fahrt an den See erschütterte mich jedes Mal erneut, denn am Straßenrand der Autobahn lagen in regelmäßigen Abständen tote Körper. Tiere, die aussahen, als würden sie schlafen, groß, dick, frisch und durchblutet. Vermutlich in der Nacht von fetten Trucks angefahren, die nicht einmal den Versuch machten, auszuweichen. Wiesel und Rehe, Waldmurmeltiere. Hoffentlich war Punxsutawney Phil nie dabei, das Murmeltier aus »Groundhog Day«, oder General Beauregard Lee, aus Stone Mountain in Georgia. Einmal handelte es sich bei dem Kadaver um einen mächtigen weißen Körper mit braunem, samtigem Geweih. Ein weißer Hirsch. Nachdem auf den breiten, unendlich weit wirkenden Straßen kaum Verkehr war, konnte ich meine Geschwindigkeit drosseln, sobald ich einem Tier näher kam. Ich hatte meinen Augen zuerst nicht getraut, später herausgefunden, dass der weiße Hirsch das Wahrzeichen Pennsylvanias ist. Ich wünschte, er hätte sich erhoben, wäre vor mir aufgestanden und trotz seines schweren Körpers wie federnd zurück in seine Wälder gesprungen. Am Eriesee angekommen, sah ich sein Wasser, wie es flach, milchig und türkis vor mir lag, wie ein Meer eines fremden Planeten, auch seine Strände hingen tief in ihm, aneinandergesaugt wie zwei Münder, der See und sein Ufer, mit hellem Sand und feinem Kiesel, seltsam geformten Steinen und Hölzern, die wie durch hohen Druck gerundet und glattgeschliffen waren. Drehte ich mich in die andere Richtung, sah ich verwildertes Gewächs, Blüten wie Pfauenfedern an chinesischen Theaterhüten, Truthähne auf Lichtungen, die ihre Schwanzfedern zu prachtvollen schwarz-weißen Rädern aufschlugen, und Graugänse im feuchten Unterholz. Ich stellte mir vor, wie der Eriesee über den Niagara River abfloss und über die Niagara Falls in den Ontariosee stürzte, wie er sich trotzdem nie entleerte, obwohl er Tag für Tag Hunderte Milliarden Liter verlor. Als ich einmal bis nach Buffalo fuhr, um die Niagarafälle zu erreichen, verirrte ich mich, der Akku meines Mobiltelefons fiel aus, deshalb auch keine Navigation, zudem hatte ich keine Karte bei mir. Ich untersuchte den Sonnenstand, spürte den Fluss in eine Richtung ziehen und kam wie von einer Schnur dahingezogen ohne Schwierigkeiten an. Beinah allein stand ich mitten in den tosenden Wasserfällen, sah die unfassbare Klarheit des Wassers im Druck des Überspringens, kurz vor dem großen Stürzen in eine andere Welt, und im aufsteigenden Dampfen und Sprühen schwebten Regenbögen inmitten der drei Fälle. Über mir flog in großen Kreisen ein dunkelgraues Flugzeug. Kyle war diese Gegend nah, er stammte aus Chicago, wo die weltälteste Börse ihren Standort hat. Wo der Handel mit Termingeschäften von Getreide und Schweinebäuchen begann, als die Börse aufgrund der Sorge der Händler, dass Käufer ausbleiben könnten, gegründet wurde.

»Why is this strong attraction between us?«, fragte ich ihn einmal via WhatsApp und fügte hinzu: »We were arguing quite a lot, since the first evening we met.«

»Maybe it’s because you are my counterpart«, antwortete er.

Es lag eine Form von Anziehung darin, sich nicht einig zu sein, auf verschiedenen Ebenen in Diskussion zu stehen. Ich hoffte auf Annäherung unserer konkurrierenden Positionen und begann, die Reibung auszukosten, es sprangen immer mehr Funken.

Er bat mich um Fotografien meiner Arbeiten, nannte sie »vivid« und »modern, full of spirit«. Schrieb: »I can feel your art, although these are just photos, not the originals«, und er schlug ein erneutes Treffen in New York City vor. Drei Wochen später landete ich wieder in der Stadt, diesmal hatte ich mich für einen Inlandsflug entschieden, da die Fahrt für eine Person im Auto doch zu lang war. Wir verbrachten das Wochenende zusammen. Kyle wollte mir seine Kirche zeigen, schlug vor, gemeinsam einen Gottesdienst zu besuchen. Es war die St. Thomas Church in der 5th Avenue. Wir kamen zu früh zur Messe, saßen einige Zeit beinahe allein in den Reihen. Eine Stille lag zwischen uns, er nahm meine Hand, drückte sie ein wenig. Es war mir, als schielte er auf meinen Ringfinger. Sein Glaube war der Form einer absoluten Zuneigung nicht unähnlich, eigentlich war es das Gleiche. Glaube basierte, wie Zuneigung, bedingungslos gefühlt, nicht auf einer rationalen Entscheidung nach nachvollziehbaren Kriterien. Man entschied sich nicht für eine Religion, so wie man sich nicht für die liebende Zuwendung zu einer Person entscheiden konnte. Es gab keine logischen Gründe, weder für das eine noch für das andere, bei beidem handelte es sich um ein Gespür im Inneren, das nicht zerstörbar und nicht verhandelbar war. Spürte ich etwas?

Die Kirche war im Stil der Neogotik erbaut und Apostel Thomas gewidmet. Meine Augen wanderten die hohen Mauern hinauf, verloren sich in den Farben der Buntglasfenster, fielen in den Reichtum der Pigmente. Ich wollte mich darin auflösen und zersplittern, spürte, dass mein Inneres es schon war. Ich wünschte mir, die weiße Taube im Kirchenfenster zu sein, den Raum in Perlmuttschimmer zu tauchen. Malte ich nicht, fühlte ich mich nutzlos. Was machte ich hier? Welchen Wert hatte ich? Wer war Kyle? Wollte ich mich wirklich auf einen Katholiken mit republikanischer Gesinnung einlassen? Ich sollte mich um meine Arbeit am College und um mein Werk kümmern, doch da waren keine Ideen, kaum Fragmente. Ich war unzufrieden, fühlte mich schwach, schaffte es nicht einmal, meinen Skizzenblock aus der Tasche zu ziehen, um die Buntglasfenster und die Taube in Erinnerung zu behalten. Mir wurde bewusst, dass ich Angst hatte. Angst vor dem erneuten Versuch, Angst vor einer erneuten Konfrontation mit meiner Unfähigkeit. Vielleicht konnte ich gar nicht malen. Vielleicht war ich keine Malerin. Aber was oder wer war ich dann? Überflüssig lag meine rechte Hand in Kyles. Meine leere, unbrauchbare Hand.

Abrupt setzte viel zu laut die Orgel ein. Ich erschrak.

Wir drehten uns um, das Portal der Kirche öffnete sich und ein Priester hielt von draußen Einzug, der Messdiener vor ihm trug ein goldenes Kreuz, ein Chor hob zum »Halleluja« von Johann Sebastian Bach an. Wieder drückte Kyle meine Hand, jetzt etwas fester. Weihrauch wurde in einem gusseisernen Räucherfässchen geschwenkt. Die Glaubensgemeinschaft zog hinter dem Priester ein, begleitet – allerdings – von Tieren. Drei Dackel mit Krawatten in einem Kinderwagen, gefolgt von einer großen Schildkröte auf einem Servierwagen. Kyle riss die Augen auf, ich hielt die Luft an. Dahinter sprang eine helle, hübsch geschorene Ziege am Seil, von ihrer Besitzerin geführt, durch den Gang; ein stolzer, großer Haflinger mit flauschiger Mähne folgte, über den Hufen das Fell, als hätte er warme Stiefel übergestülpt, er sah aus, als käme er direkt aus dem Land des ewigen Winters. Die Besitzer waren nicht minder exaltiert gekleidete Personen, ich wusste nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte. Ich war hin- und hergerissen. Es folgten ein an seiner Leine zerrendes, langhaariges Lama und ein auf einer Holzstange sitzender Papagei. Träumte ich? Die Tiere wurden beim Einzug in die Kirche, wie der Rest der Gläubigen, mit einem Handmetalldetektor auf Waffen gescannt. Kyle wetzte auf seinem Platz hin und her, wurde unruhig, schimpfte halblaut vor sich hin. Er hatte nicht gewusst, dass es der Tag war, an dem Haustiere gesegnet wurden. Sicher, vor der Kirche hatten wir ein paar Menschen mit Tieren gesehen, aber das hätte auch einen anderen Grund haben können, wir hatten nicht darauf geachtet, uns nur kurz verwundert angelächelt. Die Hunde waren nun im vorderen linken Schiff der Kirche versammelt, eine Art Engelsschar, allerdings bellten sie nicht im Chor, sondern wild durcheinander. Dazu die Orgel und der Gesang, der immer lauter wurde, vielleicht ein Versuch, die Tiere zu übertönen. »Halleluja, Halleluja, Halleluja!« Ich war verzaubert in einem Zauberzirkuszelt aus altem Gemäuer. Kyle sagte, ohne darauf zu achten, ob es jemand hörte: »Let’s go. That’s not what I was hoping for.« Er zog mich nach draußen. Wir hatten nicht einmal die Predigt abgewartet.

Der Rest des Wochenendes verflog, wir sahen Anna und Henry, brieten zusammen Steaks, machten Chimichurri und kochten Kartoffeln in seinem Penthouse, er spielte ein Logikspiel mit mir, wohl um meine Intelligenz zu testen. Ich hatte das Gefühl, dass es mir nach und nach besser ging, so als verblasste eine Alarmbereitschaft in meinem Körper und eine sanfte Müdigkeit erfasste meine Glieder. Genau da erreichte mich eine Nachricht von David, von dem ich mich gerade trennte. Er verweigerte die Trennung. Je mehr er spürte, die Kontrolle über mich zu verlieren, desto aggressiver wurde seine Wortwahl. Doch wie weit war er weg? Unendlich weit, auf einem anderen Kontinent. Durch die Zeitverschiebung erreichten ihn meine Antworten verzögert, weshalb er schließlich völlig ausrastete. Yakob, mein bester Freund, schrieb mir, David habe auch ihm geschrieben, wie er den Blick in meine Augen vermisse. Auch meine Mutter rief er an, beschwerte sich über mich, ich würde die Beziehung scheitern lassen und ihn verlassen wollen. Ich lag in Kyles Bett, in meinem Kopf drehten sich Erinnerungen. Es war zu viel passiert, als dass es ein Zurück zu David geben könnte. Wie sehr hatte sich das, was ich anfangs für den Beginn eines langen gemeinsamen Wegs gehalten hatte, verkehrt und grausam entstellt. Wie sehr hatte es mich bloßgestellt. Wo Verbindung Gewalt wird, schaut das Gesicht in einen Abgrund. Was ich als ewig gedacht hatte, schrumpfte in einer einzigen Nacht zu einem schwarzen Klumpen, der mich durch seine Schwere nach unten zog, an einen grausamen Ort. Ich stand dort vor einem weiteren tiefen Abgrund und wünschte, nie in diesen geblickt zu haben. Doch ich habe ihn gesehen, und ich habe mich nicht abgewandt. Es war sein Abgrund. Wenn man in so einen dunklen Graben schaut, dorthin, wo kein Licht mehr am Ende zu erwarten ist, wenn man das aushält, was passiert dann? Was könnte es sein? In mir war von einem Tag zum anderen die Beziehung beendet. Für mich gab es in diesem Fall keine andere Lösung. Ich achtete nur mehr darauf, meinen Exit so smooth wie möglich zu gestalten.

Kyle kühlte das Schlafzimmer nachts auf achtzehn Grad, man schlief im Brummen der Klimaanlage unter dicken Decken, zwischen einem Berg an Kopfkissen, an einen großen Körper geschmiegt, wie Muschelschale und Weichtier. Am nächsten Tag stand ich lange vor ihm auf, blickte von seiner Wohnung über die Stadt. Zwei Seiten des Wohnzimmers waren von einer durchgehenden, raumhohen Glasfront umgeben. Immer wieder fragte ich mich, ob ich in einem Film wäre oder in einem Traum. Hier fühlte ich mich frei, wollte diese Erinnerungsklumpen hinter mir lassen. Ich ließ meinen Körper in eine Standwaage fallen. Wechselte die Position, machte Dehn- und Atemübungen. Setzte Kaffee auf. Tausende Fenster, Tausende Leben in den Hochhäusern rundherum, Tausende Schicksale. Das hier war alles, aber nicht echt, dachte ich. Ich fühlte mich, als hätte ich einen hohen Berg erklommen, dabei war ich nicht mehr als eine kleine Mücke in einem riesigen Schwarm. Trotzdem: Es fühlte sich an, als würde mein Leben langsam wieder in Ordnung kommen.