Survivor - überlebt - TM Smith - E-Book

Survivor - überlebt E-Book

TM Smith

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Beschreibung

Taylor Langfords Welt gerät aus den Fugen, als er gerade einmal dreizehn Jahre alt ist. Als seine Eltern einem Mord zum Opfer fallen, ist er plötzlich allein. Doch es gibt Menschen, die sich um ihn kümmern, unter anderem der Polizist, der den traumatisierten Jungen in seinem Versteck findet. Trotz der Tragödie in seinem Leben weiß Taylor, wie viel Glück er hatte. Frank Moore ist neu bei der Polizei in Dallas, als er und sein Partner Taylor finden. Officer Moore, der seine Mutter an Krebs verloren hat, als er noch ein Junge war, weiß, wie es Taylor geht. Er stellt sicher, dass der Junge bei einer liebevollen Pflegefamilie untergebracht wird. Im Laufe der Jahre wird Frank zu einem wichtigen Bestandteil in Taylors Leben. Ein Jahrzehnt später ist der Fall noch immer ungelöst und der einst schlaksige, unsichere Teenager ist zu einem jungen Mann herangewachsen, der nicht nur sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat, sondern auch genau weiß, was er will. Er kehrt nach Hause zu dem Mann zurück, der sein Leben geprägt hat, zu dem Mann, den er liebt, solange er sich zurückerinnern kann, zu Frank Moore. Aber Taylor ist nicht die einzige Person, die nach Dallas zurückkehrt. Während Frank von seinen eigenen, widersprüchlichen Gefühlen und der wachsenden Nähe zwischen Taylor und ihm abgelenkt wird, holt die Vergangenheit sie wieder ein.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2020

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TM Smith

Survivor – überlebt

Aus dem Amerikanischen von Isabella Blank

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2020

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Survivor

Übersetzung: Isabella Blank

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Beautiful landscape – shutterstock.com

© G-Stock Studio – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-379-0

ISBN 978-3-96089-380-6 (epub)

Inhalt:

Taylor Langfords Welt gerät aus den Fugen, als er gerade einmal dreizehn Jahre alt ist. Als seine Eltern einem Mord zum Opfer fallen, ist er plötzlich allein.

Doch es gibt Menschen, die sich um ihn kümmern, unter anderem der Polizist, der den traumatisierten Jungen in seinem Versteck findet.

Trotz der Tragödie in seinem Leben weiß Taylor, wie viel Glück er hatte.

Frank Moore ist neu bei der Polizei in Dallas, als er und sein Partner Taylor finden.

Officer Moore, der seine Mutter an Krebs verloren hat, als er noch ein Junge war, weiß, wie es Taylor geht. Er stellt sicher, dass der Junge bei einer liebevollen Pflegefamilie untergebracht wird. Im Laufe der Jahre wird Frank zu einem wichtigen Bestandteil in Taylors Leben.

Ein Jahrzehnt später ist der Fall noch immer ungelöst und der einst schlaksige, unsichere Teenager ist zu einem jungen Mann herangewachsen, der nicht nur sein Studium erfolgreich abgeschlossen hat, sondern auch genau weiß, was er will. Er kehrt nach Hause zu dem Mann zurück, der sein Leben geprägt hat, zu dem Mann, den er liebt, solange er sich zurückerinnern kann, zu Frank Moore. Aber Taylor ist nicht die einzige Person, die nach Dallas zurückkehrt. Während Frank von seinen eigenen, widersprüchlichen Gefühlen und der wachsenden Nähe zwischen Taylor und ihm abgelenkt wird, holt die Vergangenheit sie wieder ein ...

Ein Hinweis der Autorin

Ich hoffe, Sie mögen die Geschichte von Frank und Taylor. Es war ein langer Weg, sie zu beenden, aber ich bin zufrieden damit, wie diese Geschichte endet und wo Taylor und Frank gemeinsam angekommen sind. Als ich mit diesem Buch anfing, wollte ich eine abgeschlossene, eigenständige Geschichte schreiben, aber während des Schreibprozesses hat sich das geändert. Charaktere entwickeln sich während des gesamten Schreibvorgangs ständig weiter und im Buch tauchen mehrere Charaktere auf, die ihre Geschichte erzählen möchten. Mein Herz hängt insbesondere an Rory und ich kann es kaum erwarten, sein Buch zu schreiben, welches den Leser in die Zeit zurückversetzt, als er zum ersten Mal zum FBI kommt und dann die Geschichte bis zu seinem eigenen glücklichen Ende weitererzählt.

Für all die Überlebenden …

Prolog

Der Fremde

Sommer 2005

Er stolperte in die Küche und ging direkt zum Waschbecken. Darauf bedacht, nichts zu berühren, benutzte er den Unterarm, um den Wasserhahn zu öffnen. Seine Augen waren gänzlich auf den blutroten Strudel fixiert, der den Abfluss umrundete, während er die Hände unter den Wasserstrahl hielt.

Nach einigen langen Minuten waren seine Arme und Hände noch immer rosa befleckt, also griff er nach der Spülmittelflasche, drehte sie auf den Kopf und benetzte beide Arme mit der glitschigen, blauen Flüssigkeit. Eine weitere Sache, die er mitnehmen musste, damit er keinerlei DNA oder Fingerabdrücke hinterließ, die die Polizisten zu ihm zurückverfolgen könnten.

„Scheiße!“, fluchte er und trat gegen den Küchenschrank. Die Tür öffnete sich und eine Rolle Müllbeutel rollte auf die Matte zu seinen Füßen. Nun, das kam ihm gelegen. Er kniete sich hin und riss einen Beutel von der Rolle ab, wickelte sie um seine Hand, bevor er die Schranktür öffnete, wobei er darauf achtete, dass der Kunststoff zwischen seiner Haut und dem Holz blieb. Eine Flasche Glasreiniger, noch eine Flasche Spülmittel und … oh ja, Bleichmittel. Er griff die Flasche und war angenehm überrascht, als er neben dem Ofenreiniger eine Schachtel Einmalhandschuhe sah. Es brauchte ein paar Versuche, um den ersten Handschuh anzuziehen, während der Müllsack noch um seine Hand gewickelt war, aber er musste darauf achten, keine Beweise zu hinterlassen, dass er im Haus gewesen war.

Er schüttete den Glasreiniger zuerst in der Spüle aus und befüllte die leere Flasche mit dem Bleichmittel, bevor er mit dem Rest der ätzenden, scharf riechenden Flüssigkeit die blutbespritzte Edelstahlspüle und die Arbeitsplatten säuberte. Die rote Zugschnur des Müllsacks fädelte er durch seine Gürtelschlaufe, um den Beutel an seiner Jeans zu befestigen, wickelte dann das große Küchenmesser in das Handtuch, mit dem er sich seine Hände abgetrocknet hatte, und stopfte alles in den Müllsack. Danach verließ er die Küche und stellte sicher, dass er nichts zurückgelassen hatte, das die beiden Leichen im Obergeschoss mit ihm in Verbindung bringen würde.

Ein grauer, aus Metall geformter Organizer mit dem eingravierten Wort POST darauf, in dem sich mehrere Umschläge befanden, hing an der Wand. Einer von ihnen erregte seine Aufmerksamkeit besonders.

„Sieh mal einer an. Was haben wir denn hier?“ Als Rücksendeadresse stand DISD in Großbuchstaben auf dem Umschlag, dann in einer kleineren Schriftart darunter Dallas Independent School District. Er riss den Brief auf, entfaltete das Papier und grinste. Genau dort, schwarz auf weiß, stand der Name, den er wissen musste … Taylor Langford. Lächelnd schob er das Papier zurück in den Umschlag, faltete ihn zusammen und steckte diesen in seine Gesäßtasche.

Jetzt kannte er zwar den vollständigen Namen des Kindes, aber wo war der kleine Scheißer? Er stieg die Treppe zum ersten Stock hinauf, schloss die Augen und lauschte. Er hoffte, ein Geräusch zu hören, das ihn darauf bringen würde, wo sie den Jungen versteckt hatten.

Grillen zirpten draußen und in der Ferne konnte man das Horn eines Zuges hören, aber im Haus selbst herrschte nervenaufreibende Stille. Er hatte das Haus von oben bis unten durchsucht. Jede Ecke, den Dachboden, den Schuppen im Hinterhof. Verdammt, er hatte auf der Suche nach dem Kind sogar die beiden großen Mülleimer geöffnet und den Inhalt auf dem Boden der Garage verteilt. Seufzend durchsuchte er noch einmal den ersten Stock, nur um auf Nummer sicher zu gehen, und kehrte dann ins Elternschlafzimmer zurück, wo die Leichen von Mama und Papa still und leblos auf dem Boden lagen. Er kniete sich neben die Frau und strich ihr sanft eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn.

„Es hätte nicht so kommen müssen.“

Er erhob sich und wandte sich zum Gehen, immer darauf achtend, nicht in die Blutlache zu treten, die sich noch immer auf dem Teppich unter dem Körper des Mannes ausbreitete, der nun neben seiner Frau lag, die Augen offen, aber dunkel und leer. Neben der Schlafzimmertür hing ein purpurroter Schal an einem Haken. Er packte ihn, wickelte ihn einige Male um seine Hände und wischte den Türgriff und das Geländer mit dem Material ab, während er wieder nach unten ging. Er verließ das Haus durch die Hintertür, überquerte das Feld hinter dem Haus und folgte der dunklen, schmalen Straße, bis er zu der Tankstelle kam, wo er zuvor seinen LKW hinter dem Müllcontainer geparkt hatte. Er holte einen großen, schwarzen Müllsack aus dem Müllcontainer und riss ihn auf. Den Brief zog er aus seiner Gesäßtasche und prägte sich den Namen ein, bevor er den Umschlag in den Müllbeutel steckte, ihn wieder verknotete und in den Müllcontainer warf. Es war der sicherste Weg, Beweise zu beseitigen: direkt vor aller Augen.

Auf der Autobahn angekommen, begann er, verschiedene Ideen durchzugehen und zu verwerfen. Er brauchte einen neuen Plan, der weder zwei Leichen enthielt noch sein Ziel in Sicherheit wiegte. Und der schon gar nicht die blinkenden Lichter beinhaltete, die jetzt seinen Rückspiegel hell erleuchten.

Kapitel eins

Frank

Sommer 2005

„Danke, Mack.“ Frank nahm den Beutel von dem Kassierer von seinem und Calebs Lieblings-Sandwichladen entgegen und stieß die Tür auf, die Hände voll beladen mit dem Beutel und zwei To-Go-Bechern mit süßem Eistee. Caleb ließ die Hupe ertönen, streckte den Kopf aus dem Fenster und brüllte Frank zu, er solle sich, verdammt nochmal, beeilen, bevor er vor lauter Hunger verendete. Er hätte angesichts des Verhaltens des quengelnden Mannes hinter dem Lenkrad ihres Dodge Charger Polizeiautos mit den Augen gerollt, aber es würde nichts bringen. Er trug seine Fliegerbrille, sodass sein Partner die Geste ohnehin nicht sehen könnte.

Er war dankbar, dass Caleb sich über den Vordersitz gelehnt und die Beifahrertür geöffnet hatte, damit Frank einsteigen konnte. Der Versuch, mit einem Beutel mit Sandwiches und zwei Bechern zu jonglieren, während er versuchte, die Tür zu öffnen, hätte wahrscheinlich dazu geführt, dass er etwas fallen ließ. Und mit großer Wahrscheinlichkeit wäre dieses etwas Calebs Essen und nicht seines gewesen. Sein Partner nahm beide Becher entgegen und wartete darauf, dass Frank einstieg und die Tür schloss, bevor er ihm einen reichte.

„Riecht wunderbar. Jetzt gib her, ich bin am Verhungern.“ Caleb schnippte mit den Fingern und Frank musste sich zusammenreißen, um nicht nach seiner Hand zu schlagen.

Stattdessen entschied er sich für eine verbale Retourkutsche.

„Komm mal runter, Mann. Ernsthaft, Caleb, ich weiß, dass Justine dich füttert.“ Er holte die Sandwiches heraus und schob das mit einem C beschriftete zu Caleb. „Außerdem setzt du einen kleinen Rettungsring an, Partner. Vielleicht solltest du beim nächsten Mal einen Salat essen und die Kohlenhydrate reduzieren“, neckte Frank ihn.

„Fresse“, antwortete Caleb undeutlich, der den Mund mit einem Bissen seines Philly Cheesesteak Sandwiches mit extra Käse und einer zweiten Lage Steak voll hatte. Frank packte die obere Hälfte seines Hackbällchen-Sandwiches aus und biss hinein, wobei er ein Stöhnen nicht unterdrücken konnte, als er die Mischung aus Soße und Gewürzen kostete. „Mack meinte, dass ich dich daran erinnern sollte, dass es so etwas wie eine zusätzliche Scheibe Fleisch und Käse nicht gibt; nächstes Mal berechnet er dir stattdessen zwei Sandwiches.“

Caleb schnaubte und trank einen Schluck Eistee, bevor er Frank einen urteilenden Seitenblick zuwarf. „Und du kannst Mack ausrichten, dass er, sollte er jemals auch nur daran denken, mir etwas doppelt zu berechnen, das Gesundheitsamt so schnell an der Backe hat, dass ihm schwindelig wird.“

Frank lachte, schüttelte den Kopf und konzentrierte sich wieder auf das Sandwich in seiner Hand. Dies war ihre gewöhnliche Routine, wenn sie Nachtschicht hatten. Sie aßen in Mack's Sandwich Shop zu Abend und bestellten jedes Mal dieselben Sandwiches. Normalerweise hatte Mack das Essen bereits fertig, wenn Frank kam, um ihre Bestellung aufzugeben.

„Bist du fertig?“, fragte Caleb und Frank nickte. Er stopfte die leeren Verpackungen samt Servietten in die Tüte, bevor er sein Fenster herunterließ und sie in den Mülleimer am Bordstein warf, als sie den Parkplatz des Restaurants verließen und auf die Preston Road fuhren.

Der Abend war ziemlich ereignislos: Sie erwischten eine Handvoll Verkehrssünder, stellten ein paar Vorladungen zu und halfen einer jungen Schwangeren beim Reifenwechsel. Nur zwei Stunden vor Schichtende kam eine Meldung per Funk, die anfragte, ob sich irgendwelche Einheiten in der Nähe von Devonshire befänden. Caleb und Frank tauschten einen Blick aus, bevor Frank ihren aktuellen Standort durchgab und sagte, dass sie den Einsatz entgegennehmen würden.

„Ich dachte, nachts würden die Bürgersteige in Devonshire hochgeklappt“, sagte Frank platt und fragte sich, was in der wohlhabenden, gehobenen Nachbarschaft als verdächtige Aktivität angesehen werden könnte.

Als sie bei der angegebenen Adresse ankamen, stiegen sie aus dem Polizeiauto und gingen zur Haustür. Frank nahm die Umgebung in Augenschein. Ihm fiel auf, dass, während in ein paar Häusern noch Licht brannte – es war zwei Uhr –, die meisten eine Art Außenbeleuchtung hatten, sei es die Verandabeleuchtung, Lichter über der Garage oder andere Bewegungsmelder. Das Haus, vor dem sie standen, war allerdings vollkommen dunkel. Etwas fühlte sich merkwürdig für Frank an und seine Instinkte lagen noch nie falsch.

„Sieh mal, Moore, ein neugieriger Nachbar auf drei Uhr“, sagte Caleb mit leiser, aber klarer Stimme.

Frank drehte sich um und sah eine Frau um die Fünfzig, die einen langen, rosafarbenen Bademantel und ein Paar Ugg-Slipper trug. Ihr grau-schwarzes Haar hatte sie zu einem Knoten hochgesteckt. Der einzige Grund, weshalb er die genaue Marke der Hausschuhe benennen konnte, war, dass Calebs Frau Justine genau das gleiche Paar besaß.

„Polizei, hierher!“ Die Frau winkte ihnen hektisch zu.

Caleb blieb nur ein paar Schritte von der Haustür entfernt auf dem Rasen stehen, während Frank zu der Frau hinüberging, die Hand an seiner Waffe. „Ich bin Officer Frank Moore von der Polizei in Dallas. Sind Sie die Person, die den Notruf gewählt hat?“

„Ja.“ Die Frau rang mit den Händen und sah an Frank vorbei zu dem Haus. Sie wirkte verunsichert und besorgt.

Frank blickte über seine Schulter und traf Calebs Blick. Er machte eine kreisförmige Bewegung mit einem Finger und warnte seinen Partner, dass sie womöglich nicht die einzigen drei Personen in der Umgebung waren. Caleb nickte einmal und legte seine Hand an die Waffe in seinem Schulterholster. Frank widmete sich wieder der Frau und war bereit, herauszufinden, wer sie war und wieso sie so extrem nervös war.

„Können Sie mir sagen, warum Sie die 110 gerufen haben, Mrs …“ Er verstummte.

„Waters, Thelma Waters. Ich habe angerufen, weil ich glaube, dass jemand in das Haus der Langfords eingebrochen ist.“ Sie deutete auf das Haus hinter ihm.

Frank drehte sich zu Caleb um, der den Kopf schüttelte und anscheinend nichts bemerkt hatte, was eine Bedrohung darstellen könnte oder ihnen Anlass gab, zu glauben, dass in dem Haus etwas nicht stimmte. Bevor er etwas zu Mrs. Waters sagen konnte, packte sie ihn am Arm, zog ihn an der Seite des Hauses der Langfords entlang und sprach in hastigen Worten: „Nicht dort; es war hier. Ich war im Wohnzimmer und habe I Love Lucy geschaut, und weil mein Mann die Show hasst und er sie nicht mit mir zusammen guckt, muss ich immer warten, bis er eingeschlafen ist. Ich war also in meinem Wohnzimmer.“ Mrs. Waters hielt kurz inne und deutete auf das Haus rechts von dem der Langfords, wo Frank das sanfte Licht eines Fernsehers durch die großen Erkerfenster ausmachen konnte, der das leere Zimmer beleuchtete. „Und ich dachte, ich hätte laute Stimmen gehört. Ein Mann und eine Frau haben sich gestritten, was seltsam war – Emily und Sean hatten nie Streit. Sie sind das süßeste, netteste Paar und ich glaube nicht, dass ich jemals ein harsches Wort von einem von beiden gehört habe.“

„Mrs. Waters.“ Frank versuchte, sie zu unterbrechen, als sie um das Haus gingen und die mit grauen Betonplatten gepflasterte Terrasse erreichten. Dann sah er es: Die Jalousie war von einem Fenster gerissen und das Glas war zerbrochen. Thelma hatte wieder zu plappern angefangen, aber Frank unterbrach sie und griff nach dem Funkgerät an seiner Schulter. „Caleb, wir haben möglicherweise ein gewaltsames Eindringen an der Rückseite des Hauses. Gib es weiter und ruf Verstärkung.“

Calebs Stimme kam aus dem Funkgerät: „Verstanden, Partner.“

„Mrs. Waters, ich möchte, dass Sie in ihr Haus zurückzugehen und alle Türen und Fenster verriegeln. Wir wissen nicht, wer oder was sich in der Wohnung oder in unmittelbarer Nähe befindet.“ Sie wirkte unsicher und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schien es sich aber anders zu überlegen. „Vielen Dank, Ma’am. Sie sagten, dass die Besitzer des Hauses Emily und Sean Langford heißen, ist das richtig?“

„Ja.“ Sie nickte abrupt. „Emily, Sean und Taylor.“

Frank erstarrte. „Taylor?“

Sie nickte immer noch als Antwort auf die letzte Frage. „Ihr Sohn, ein süßes, kleines Ding. Ich glaube, ich habe ihn gestern auf dem Hof spielen sehen, aber ich bin mir nicht hundertprozentig sicher.“

Frank versetzte der Frau einen sanften Stoß in Richtung ihres Hauses und wiederholte, wie wichtig es war, im Haus zu bleiben. Er zog seine Waffe und ging den gesamten Garten ab, überprüfte die andere Seite des Hauses, schaute hinter dem Schuppen nach und kontrollierte, ob draußen alles sicher war, bevor er den Schuppen aus Metall betrat und ihn langsam durchsuchte. Es wäre nicht das erste Mal, dass Frank einen Täter ausfindig machte, der versuchte, sich in einem Werkzeugschuppen oder einem Lagerraum zu verstecken, weshalb er besonders gründlich schaute. An der Decke hingen Werkzeuge, an den Wänden stapelten sich Kisten, Boxen mit Trödel und drei Fahrräder. Frank trat wieder auf den Rasen, schloss die Tür des Schuppens und schaute auf seine Armbanduhr: Knapp zwanzig Minuten waren vergangen, seit er Caleb angewiesen hatte, Verstärkung anzufordern, was bedeutete, dass sie jeden Moment eintreffen müsste.

Er hörte Schritte auf sich zukommen und drehte sich just in der Sekunde um, als Caleb um die Ecke bog. Der Nachthimmel über dem Dach des Hauses war von dem schwachen Schein blinkender Lichter erleuchtet. Caleb zog die Waffe aus dem Halfter und nickte zur Hintertür.

„Ich werde dir Rückendeckung geben.“

Frank näherte sich vorsichtig der Hintertür, drehte den Knauf und fluchte innerlich, als diese sich öffnete. Sie betraten das Haus und überprüften jedes Zimmer. Sie schauten hinter jede Tür, an der sie vorbeigingen, als sie sich langsam der verschlossenen Eingangstür näherten, um die beiden Beamten, die als Unterstützung gekommen waren, ins Haus zu lassen.

Frank schickte einen der Beamten hinter das Haus zu dem Fenster mit der zerbrochenen Scheibe und wies ihn an, vorsichtig zu sein und nichts zu berühren, um den Tatort nicht zu verunreinigen. Der zweite Officer blieb an der Haustür stehen. Von den beiden Aussichtspunkten aus konnten sich die beiden Officer sehen. Obwohl keiner von ihnen jeden Winkel des Hauses beobachten konnte, würden sie etwaige Bewegungen bemerken. Caleb hatte alle Türen der Räume und die der Schränke geschlossen, die sie unten bereits durchsucht hatten. Es war höchst unwahrscheinlich, dass sich jemand in diesem Teil des Hauses befand. Das Obergeschoss war jedoch eine andere Geschichte. Mit Taschenlampen und Waffen in der Hand stiegen Frank und Caleb die Treppe hoch und trennten sich am Treppenabsatz des ersten Stockwerks. Jeweils einer ging zu einer der Seiten des quadratischen Flurs, der die Treppe umrahmte, entlang.

Die Leichen von Emily und Sean Langford befanden sich im Schlafzimmer. Ein Bild der beiden mit ihrem Sohn lag neben Emily, die Glasscheibe zerbrochen. Frank nahm an, dass es wahrscheinlich während eines Kampfes vom Nachttisch gerissen worden war. Was seine Aufmerksamkeit erregte, war allerdings nicht das gerahmte Bild oder Emilys haselnussbraune Augen, die leer und leblos auf ihn gerichtet waren. Franks Blick war auf die große Blutlache unter ihrem Ehemann Sean fokussiert. Der Mann lag zusammengesunken auf der Seite, die Kehle durchgeschnitten, getrocknetes Blut klebte an Hals und Kinn.

„Irgendeine Spur von dem Kind?“, fragte er Caleb.

„Noch nicht, aber der Dachboden muss noch durchsucht werden“, sagte sein Partner.

Die Beamten der Spurensicherung kamen an und scheuchten sie aus dem Schlafzimmer. Kurz darauf erschien der Rechtsmediziner Roman Ward, um die Leichen zu untersuchen. Frank und Roman hatten, während er noch an der Universität gewesen war, für eine kurze Zeit gedatet, waren aber Freunde geblieben. Zu wissen, dass der beste Rechtsmediziner da war, um herauszufinden, was mit dem jungen Paar passiert war, war im Moment nur wenig Trost. In erster Linie ging es darum, den vermissten Jungen ausfindig zu machen.

Da sie weiter nichts zu tun hatten, bis Frank und Caleb zum Revier zurückkehrten, um ihre Berichte zu schreiben, boten sie sich an, den Dachboden zu durchsuchen. Nachdem er quasi jeden Quadratzentimeter des dunklen, feuchten Bodens abgesucht hatte, war Frank gerade dabei, die Leiter wieder hinunterzusteigen, als er sich umdrehte und zufällig einen Lichtschimmer auf dem Boden direkt neben dem Kaminschacht zum Dach bemerkte. Frank eilte zurück auf den Dachboden und kroch auf Händen und Knien zu dem Lichtschimmer. Es war in einer Ecke des Dachbodens, in der die Decke in einem spitzen Winkel herunterkam, was ihn am Stehen hinderte.

Hinter einem Regal, in dem sich mehrere Kisten und eine Nähmaschine befanden, konnte Frank den schwachen Umriss einer Tür erkennen.

„Caleb, komm hier hoch und hilf mir, dieses Regal zu verschieben!“, rief er über seine Schulter. Nachdem das Regal verschoben worden war und er die Tür öffnen konnte, war Frank erleichtert, den kleinen Jungen von den Bildern vor sich zu sehen. Taylor. Er war offensichtlich verängstigt, die Augen weit aufgerissen, als er versuchte, durch die Wand hinter ihm zu kriechen.

„Hey, du … es ist alles okay, ich werde dir nicht wehtun.“ Frank sprach leise und achtete darauf, sich nicht zu bewegen oder nach dem Jungen zu greifen, um ihn nicht zu erschrecken.

„Wo ist Mom?“, fragte der Junge und seine Augen füllten sich mit Tränen.

Franks Herz brach an seiner Stelle; der Junge hatte alles verloren. Als Franks Mutter gestorben war, hatte er immer noch seinen Vater und ihr Haus gehabt. Aber dieser verängstigte kleine Junge hatte keine Ahnung von der harten Realität, die jetzt sein Leben sein würde. Taylor runzelte die Stirn und schüttelte wild den Kopf, drehte sich zur Seite und brachte seinen Körper weiter aus Franks Reichweite.

Armes Ding, er war völlig verängstigt. Sie wussten noch nicht, warum oder wie er es geschafft hatte, sich hier zu verstecken, oder warum seine Eltern einen Stock tiefer in einer Lache aus ihrem Blut lagen. Es machte jedoch keinen Sinn, den Jungen noch mehr zu verängstigen. Also wählte Frank eine andere Taktik und setzte sich, schlug die Beine übereinander und nahm eine lockere Haltung ein.

„Okay, es ist okay. Ich werde einfach hier sitzenbleiben und warten, bis du bereit bist, herauszukommen.“

Kapitel zwei

Taylor

Sommer 2006

„Lauf nicht zu weit weg, Taylor, das Abendessen ist bald fertig“, rief Valerie Stone ihm zu, als er durch die Hintertür sauste und in Richtung Strand rannte.

„Ja, ja“, erwiderte er. Sobald er den Strand erreicht hatte, kickte er seine Flip-Flops von seinen Füßen, zog sich sein T-Shirt über den Kopf und warf es neben den Schuhen auf den Boden. Die Sonne ging langsam unter und als er in Richtung Wasser sprintete, brannten seine Füße nicht so, wie sie es vor ein paar Stunden getan hätten. Sobald er knietief im Wasser war, tauchte Taylor unter und schwamm so weit wie möglich heraus, bevor er hochkam und nach Luft schnappte.

Taylor ließ sich auf den sanften Wellen, die ihn langsam hin und her wogen, treiben und beobachtete, wie die Sonne dem Horizont immer näher kam, in absoluter Ehrfurcht darüber, wie nah sie ihm immer erschien. Fast in Reichweite, aber immer etwas zu weit weg. Das Licht des Leuchtturms leuchtete hell in der Ferne und erinnerte Taylor daran, dass Frank und Caleb ihm versprochen hatten, ihn morgen mit auf diese Seite der Insel zu nehmen und den Leuchtturm zu besichtigen.

Ihre Reise nach Galveston Island, Texas, vor ein paar Monaten war der Höhepunkt in Taylors jungem Leben gewesen. Frank hatte sie begleitet, was Taylor so viel mehr Spaß bereitet hatte. Sie waren Wasserski gefahren und schnorcheln gegangen. Dinge, von denen er wusste, dass seine Pflegeeltern keine Lust darauf hatten. Vielleicht hatten sie Frank deshalb gebeten, mit ihnen zu kommen. Damit Taylor jemanden hatte, mit dem er sich beschäftigen konnte. Valerie und Charles Stone waren keine Langweiler; sie unternahmen ständig etwas mit Taylor – nahmen ihn zu unterschiedlichen Orten mit und kauften ihm alles, was er zum Baseballspielen brauchte. Aber sie konnten sich mit einigen der Aktivitäten, die er und Frank gern machten, nicht wirklich anfreunden.

Nach ihrem Trip hatte Frank Taylor und die Stones eingeladen, einige Wochen im Strandhaus seiner Familie zu verbringen, und Taylor war zum ersten Mal in einem seinem Leben geflogen. Die nette Dame, die ihm gezeigt hatte, was zu tun war, wenn das Flugzeug abstürzte, hatte ihm Erdnüsse, Brezeln und drei Dosen Sprite gebracht, von denen er aber leider oft aufs Klo gemusst hatte – es war winzig gewesen und hatte komisch gerochen, und als das Flugzeug geschwankt hatte, hatte er die Klobrille verfehlt. Es war wirklich ekelhaft und die ganze Angelegenheit war ihm unbehaglich gewesen. Also hatte Taylor beschlossen, dass er, wenn sie in der folgenden Woche nach Texas zurückflogen, im Flugzeug nichts trinken würde.

Eine Möwe flog über seinen Kopf hinweg und krächzte. Taylor blickte auf und schirmte seine Augen ab, um die letzten Sonnenstrahlen zu blockieren. Dieser Ort war unglaublich – der beste Ort, an den er jemals gewesen war –, und er wollte ihn nie wieder verlassen.

„Hey, Kleiner, Val hat mich gebeten, dich zu holen. Das Abendessen ist fertig.“ Taylor drehte sich um, als er Frank rufen hörte. Er hatte immer am meisten Spaß, wenn er mit Frank zusammen war, aber musste er ihn andauernd Kleiner nennen? Taylor war nicht besonders froh über diesen Spitznamen.

Er schwamm ans Ufer zurück und schnappte sich widerwillig das Handtuch, das Frank ihm entgegenhielt.

„Hey, was sagen wir?“ Frank legte eine Hand auf seine Schulter und hielt Taylor davon ab, weiterzugehen.

„Danke“, murmelte er und rollte mit den Augen. Er versuchte, seinen Arm aus Franks Griff zu lösen.

„Warte, was ist los, Taylor?“ Frank kniete sich vor ihm nieder. Besorgnis war in seinen Augen und seinem Tonfall abzulesen.

„Ich mag es nicht, Kleiner genannt zu werden.“

Frank lachte. „Was? Seit wann?“

Taylor stampfte mit dem Fuß auf, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. „Seit jetzt!“

„Okay, okay.“ Frank stand mit erhobenen Händen auf. „Von nun an bist du kein Kleiner mehr.“

Taylor wickelte sich das Handtuch um seine Schultern, lächelte und nickte. Er konnte nicht lange sauer auf Frank bleiben. Er war der beste Freund, den Taylor jemals gehabt hatte.

Nach dem Abendessen brachte Taylor den Müll heraus und war gerade dabei, zurück ins Haus zu gehen, als er Frank alleine draußen sitzen sah. Zwei Stühle und ein kleiner Tisch aus Korbgeflecht standen im Garten des Häuschens und er hatte Frank schon ein paar Mal abends dort sitzen sehen, seit sie angekommen waren. Taylor zögerte, wollte herübergehen und sich zu Frank setzen, war aber unsicher, ob es okay wäre. Manchmal saß sein Pflegevater zu Hause im Garten auf der Schaukel und Taylor war es nicht erlaubt, ihn zu stören.

„Charles ist von Zeit zu Zeit gerne einfach mal allein. Denk dir nichts dabei, Süßer“, hatte Valerie ihm gesagt, als Taylor seinen Pflegevater gefragte hatte, ob er im Hinterhof spielen könne, und als Antwort „Jetzt gerade nicht.“ Bekommen hatte.

„Komm her und setzt dich, Kleiner … Sorry, Taylor“, rief Frank ihm kichernd zu. „Ich beiße nicht.“

Sie saßen eine lange Zeit schweigend da und obwohl Taylor nicht daran gewöhnt war, nichts zu tun, bemerkte er, dass er die Stille wirklich genoss. Er dachte an seine Eltern, erinnerte sich daran, wie er mit ihnen am Strand geschwommen war, obwohl er sich an die Namen oder Orte nicht erinnern konnte. Seine Mutter Emily hatte eine Tasche voll mit Handtüchern, Sonnencreme und einer Decke gehabt, die sie auf dem Sand ausgebreitet hatten, als sie am Strand angekommen waren. Sein Vater Sean hatte eine Kühlbox mit Wasser, Limodosen und Snacks in der einen und einen Football in der anderen Hand getragen.

Das war der letzte unbeschwerte Tag mit seinen Eltern, an den er sich erinnern konnte und der sich regelrecht in sein Gedächtnis gebrannt hatte, und das machte ihn traurig. Taylor schaute auf seine Hände hinunter und fragte sich, ob sie eher denen seiner Mutter oder denen seines Vaters ähnelten. Wenn er an den Tag am Strand zurückdachte und daran, wie sein Vater sich mit ihm einen Football zugeworfen hatte, konnte er sich deutlich daran erinnern, wie groß die Hände seines Vaters gewesen waren. Sean Langford war ein großer, kräftiger Mann gewesen, so groß wie Caleb, und während er den Ball gehalten und sich zurückgelehnt hatte, um ihn zu werfen, hatte seine Hand den Ball fast vollständig umfasst. Auch seine Mutter war ziemlich groß gewesen, zumindest glaubte er das.

Vor seinem inneren Auge sah Taylor ein Bild seiner Eltern von diesem Tag am Strand: seine Mutter, die sich an seinen Vater lehnte, den Kopf leicht nach oben gewandt, als sei sie kurz davor, ihn zu küssen, bevor sie sich zu Taylor drehte und ihn ins Wasser jagte. Wie die drei gemeinsam lachten und sich gegenseitig mit Wasser bespritzten.

„Hey, Taylor, alles in Ordnung mit dir?“, fragte Frank.

„Hä?“ Er schüttelte den Kopf und sah zu Frank hinüber. „Ja, ich bin einfach nur müde.“

„Es ist okay, an sie zu denken und sich an sie zu erinnern. Ich denke ständig an meine Mutter, besonders wenn ich hier am Strand bin.“ Franks Mundwinkel hoben sich leicht, als versuchte er, zu lächeln, aber es sah komisch aus.

„Wirklich?“ Taylor war diesbezüglich unsicher.

„Natürlich.“ Frank setzte sich gerade hin, verschränkte ein Bein unter sich und deutete auf den Garten neben ihnen. „Siehst du den Rosenstrauch dort drüben?“ Taylor drehte seinen Kopf leicht und richtete seinen Blick auf die farbenfrohen Blüten. Er nickte.

„Mein Vater und ich haben ihn am Tag nach der Beerdigung meiner Mutter gepflanzt. Der Busch war nicht viel größer als dieser Tisch hier, aber er wuchs und gedieh und jetzt nimmt er den halben Garten ein.“

Taylor war fasziniert von dem, was Frank sagte. „Wow, das ist so cool. Meine Mutter mochte Rosen auch, aber die roten. Dad hat ihr immer welche geschenkt.“

„Siehst du, so schwer war das nicht, oder? Du musst versuchen, den Schmerz zu überwinden, Taylor. Auf diese Art und Weise kannst du dich an all die schönen Zeiten erinnern, die du mit ihnen hattest. Wenn du nur über das schlechte Zeug nachdenkst, verblassen all die guten Erinnerungen. Verstehst du, was ich sage?“, fragte Frank.

Taylor nickte. Wow, alle diese Ärzte, zu denen Valerie und Charles ihn gebracht hatten, hatten keine Ahnung.

Wieder herrschte eine Zeit lang Stille zwischen ihnen und Taylor machte das Schweigen überhaupt nichts aus. Bei einem weiteren Blick durch den Garten wurde ihm bewusst, dass er nicht wusste, was Valeries Lieblingsblumen waren.

„Frank, weißt du, was Valeries Lieblingsblume ist?“

Frank schüttelte den Kopf. „Sorry, Kumpel, ich weiß es nicht. Aber du kannst sie fragen.“

Ja, das würde er tun, sobald er hineingegangen war, um sich fürs Bett fertigzumachen.

„Frank, denkst du, meine Mutter und mein Vater im Himmel würden sauer werden, wenn ich Valerie und Charles Mama und Papa nenne?"

Frank legte den Kopf schief und sah Taylor eine Minute lang an, bevor er ihm antwortete. „Glaubst du, deine Eltern hätten Valerie und Charles gemocht? Dass sie alles zu schätzen wüssten, was die Stones in ihrer Abwesenheit für dich getan haben?“

Ohne zu zögern, nickte Taylor.

„Nun, da hast du deine Antwort.“ Frank lächelte und klopfte Taylor auf das Knie, ehe er aufstand. „Komm schon, Kleiner, lass uns reingehen, bevor Val einen Suchtrupp aussendet.“

Taylor verdrehte die Augen und folgte Frank ins Haus. Valerie kam in dem Moment die Treppe herunter, als sie die Küche betraten.

„Ich war gerade dabei, nach dir zu suchen. Ab unter die Dusche, Zähne putzen und ins Bett, und zwar in dieser Reihenfolge.“ Sie fuhr Taylor liebevoll durch die Haare, als er an ihr vorbeiging.

Er blieb am oberen Ende der Treppe stehen, fast hätte er vergessen, nach den Blumen zu fragen. „Valerie, was ist deine Lieblingsblume?“

Seine Pflegemutter schaute erst ihn, dann Frank an, ehe sie den Blick wieder auf ihn richtete. „Sterngucker-Lilien, warum fragst du?“

Taylor zuckte die Achseln. „Nur so, war neugierig.“

Kapitel drei

Frank

Sommer 2007

Zum Glück war es Frank und nicht Val oder Charlie, der Taylor und den Jungen von nebenan dabei erwischte, wie sie sich mit Zunge küssten. Wie hieß er noch gleich? Billy? Nein, Bobby. Oder Buddy vielleicht? Wen kümmerte es? Frank wusste nur, dass er die beiden auseinanderbringen musste, bevor die anderen zum Bootshaus kamen und die Kacke richtig am Dampfen war. Frank räusperte sich und versuchte so sehr, nicht zu lachen, als Barry kreischte und erschrocken mehrere Meter Abstand von Taylor nahm. Apropos mehrere Meter, verdammt, wann war der Kleine so groß geworden? Frank dachte über diesen Umstand nach, während er einen böse dreinblickenden Teenager mit vor der Brust verschränkten Armen anschaute.

„Wir sehen uns später, Billy.“ Taylor verabschiedete sich von seiner Verabredung.

Billy, also, habe ich beim ersten Mal richtig gelegen, dachte Frank und schüttelte den Kopf, als er an Taylor vorbeiging.

„Deine Eltern sind direkt hinter mir und kommen gleich.“

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Frank Taylor und Billy während des Aufenthalts auf Martha’s Vineyard zusammen erwischte. Das typische Aufklärungsgespräch über Bienchen und Blümchen sowie Safer Sex hatten sie bereits letztes Jahr im Sommer während eines Abendessens ausführlich thematisiert, als Taylor ihnen mitgeteilt hatte, dass er auf Jungen und nicht auf Mädchen stand. Taylors persönliche Vorlieben waren nebensächlich, wenn es um das große Ganze ging. Franks Meinung nach musste Taylor wissen, wie man sich schützte und wie man sich umsichtig verhielt, unabhängig davon, welches Geschlecht ihn anturnte. Trotzdem überließ er es Caleb, Kondome und Gleitgel zu kaufen und Taylor zu geben.

Auf diese Weise könnte er Val direkt in die Augen blicken und ehrlich sagen: „Ich war’s nicht. Caleb war’s.“ Dann wäre er der Trottel, deren Hintern sie mit einem Kochlöffel versohlte, nicht Frank.

„Frankie, er ist fünfzehn. Woher willst du überhaupt wissen, ob er schon Sex hat?“, hatte Caleb gemeckert und gestöhnt, als sie den Gang mit den Kondomen im örtlichen Supermarkt gesucht hatten.

„Was hast du mit fünfzehn getan, Caleb?“, hatte Frank gefragt.

„Gut gekontert“, hatte sein Partner ihm zugestimmt.

Als sie endlich den Gang mit den Verhütungsmitteln gefunden hatten, war es ein erinnerungswürdiger Auftritt purer Unwissenheit gewesen, als Frank beobachtet hatte, wie Caleb das angebotene Sortiment durchgegangen war.

„Vorgeschmiert, dünn, extra groß – oh Gott, ich wollte dieses Bild definitiv nicht vor meinem inneren Auge sehen – genoppt zu ihrem Vergnügen.“ Caleb hatte zu ihm hinübergesehen und mit aller Ernsthaftigkeit gesagt: „Nun, das ist ziemlich rassistisch. Was ist, wenn schwule Kerle es auch genoppt für ihr Vergnügen wollen?“

Frank hatte sich beinahe an seinem Kaugummi verschluckt. „Oh wow, du bist eine besondere Spezies von Dummkopf. Das wäre sexistisch, nicht rassistisch, Dummdödel.“

„Wie auch immer“, hatte Caleb Franks Einwand abgewunken. So wie Frank den blonden Jüngling nun abwinkte. Der kleine Billy sprintete gerade hinter das Bootshaus, als Justine die Bootsrampe hinunter gelaufen kam und ihrem Mann zuzwinkerte. Die Stones folgten ihr.

„Beeilung, Beeilung, Leute, wollen wir segeln oder was?“, rief Franks Vater vom Ruder aus. Taylor war bereits mit Hubert auf dem Boot und gemeinsam begannen sie mit dem Auftakeln, das erforderlich war, bevor sie ihre Reise auf die andere Seite der Insel beginnen konnten.

Charles und Taylor waren am Vortag zu der Bootsrampe gegangen, um die Ausstattung zu überprüfen und zu begutachten – all die Wanten, Spannwirbel, Fallen, Seilblöcke und -scheiben und Segel – um zu sehen, ob vor der Reise etwas ersetzt oder repariert werden musste. Es war eine Aufgabe, die normalerweise Frank und sein Vater erledigten. In diesem Jahr hatten sie sich jedoch dazu entschlossen, den Job an Taylor und seinen Ziehvater abzugeben, um Charles dabei zu unterstützen, eine stärkere Bindung zu Taylor aufzubauen.

Als Charlie in das Boot sprang und zu Taylor eilte, um ihn mit den Spannwirbeln zu helfen, konnte Frank die pure Freude in den Augen des jungen Mannes sehen und wurde von einer Welle an Emotionen mitgerissen. Erinnerungen daran, wie er, im selben Alter wie Taylor, seinem Vater dabei half, eine ähnliche Checkliste durchzugehen, ehe sie in See stachen, überkamen ihn. Es war eine Erfahrung, die sich mit Geld nicht aufwiegen ließ. Etwas, das einen bleibenden Eindruck hinterließ, wie etwas, das auf eine leere Leinwand gemalt wurde und sich auf ewig in Taylors Gedächtnis einprägen würde.

Val kam zu ihm und stellte sich neben ihn. Sie lächelte strahlend, als sie die beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben beobachtete.