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Das ambitionierte Zeitalter der Aufklärung verklang rasch. An seine Stelle trat eine bis heute andauernde Epoche der Gegenaufklärung. Während die Mündigkeit der Menschen schrittweise verfiel, wurde der bürgerliche Wunsch nach Mitbestimmung durch den Wunsch »mitzuverdienen« verdrängt. Nach vielen Jahrzehnten kapitalistischer Gebete öffnen wir nunmehr die Augen in einer wohlgenährten, hochtechnisierten, doch zugleich entmachteten, entpolitisierten und desozialisierten Gesellschaft. Der Neoliberalismus, die schlagkräftigste Ideologie der Geschichte, hält uns fest in seinen Fängen, und seine Griffkraft wächst... Um diesen schleichenden Prozess zu verstehen, wagen wir uns an den Versuch seiner Aufarbeitung. Wie konnten wir in eine solch bizarre Situation geraten? Begeben wir uns auf eine spannende Expedition durch die spektakuläre Welt unserer Wirtschafts- und Finanzordnung sowie ihrer Marketingabteilung, der repräsentativen Demokratie. Und riskieren wir einen kritischen, lehrreichen Blick in die systemkranke Seele unserer Gesellschaft.
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Seitenzahl: 675
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Anmerkung
Teil I Das Geldsystem – ein systematischer Betrug
1
Dagobert-Duck-Denken
2
Ein analytischer Einstieg
3
Die Entstehung des Geldes
4
Erste Banken
5
Federal Reserve System
6
Die Weltleitwährung
7
Wertloses Papier
8
Kreditgeld
9
Es werde Geld
10
Bilanzbuchhaltungscrashkurs
11
Sicher ist sicher
12
Zinsen
13
Die fehlenden fünf Prozent
14
Vom Kapitalismus zum Neoliberalismus
15
Staatsanleihen plus Zinseszinsen
16
Raubende Strukturen
17
Inflation und Deflation
18
Casino-Kapitalismus
19
Geheime Kosten
20
Sinnlose Arbeit
21
Wachstumswahn
22
Schlechte Qualität – gute Geschäfte
23
Trickbetrug
24
Die Macht der Schulden
25
Glaube kontra Vernunft
Teil II Die Politik – ein Theater der Extraklasse
26
Allerlei Verwirrung
27
Das kleine Einmaleins
28
Die attische Demokratie
29
Was ist eigentlich ein Staat?
30
Vom Commonwealth zur Bank of England
31
Schutzgeldzahlungen
32
Finanzwirtschaftsfaschismus
33
Die repräsentative Demokratie
34
Das Abfedern der Aufklärung
35
Der europäische (Irr-)Weg
36
Zwischenfazit
37
Wahldilemma
38
Die Einheitspartei
39
Medienpolitik
40
Hinter den Kulissen
41
In den Fängen der Wirtschaft
42
Schauspielerei
43
Zwischen den Zeilen der Geschichte
44
Manipulation und Sinnlosigkeit
45
Die Gaußsche Normalverteilung
46
Alternativlose Alternative
47
Charisma statt Charakter
48
Summa Summarum
Nachwort
Danksagungen
Quellenverzeichnis
Personenregister
Nichts in der Welt ist uns wirklich gewiss. Allein unsere eingeschränkten Sinne verhindern einen uneingeschränkten Blick auf die Dinge. Während die Wissenschaften all jenes zu erklären versuchen, das sie glauben zu wissen, erklären die Religionen all jenes Wissen, an das sie glauben. Was für die einen der natürliche Urknall ist, nennen die anderen des Allmächtigen Schöpfung. Dabei haben sie alle eines gemein: Auch nach tausenden von Jahren Kulturgeschichte bedarf es der Metaphysik zur Erklärung der Welt. Wo einst Druiden, Schamanen und Medizinmänner Weltbilder zeichneten, verkünden Politiker, Ökonomen und Juristen moderne Wahrheiten. Wer in Zeiten wie diesen von »Aufklärung« spricht, denkt meist an Drohnenflüge im »Krieg für den Frieden«. Nach wie vor leben wir in einer durch und durch dogmatischen Gesellschaft; Generation um Generation trägt der Kaiser neue Kleider. Das gewaltigste Füllhorn an Informationen in der Geschichte vermag die Desinformiertheit nicht zu beseitigen. Während die Meinungsfreiheit in den Herzen pocht, entspricht die öffentliche Meinung der veröffentlichten Meinung. Pointierter formuliert...
»Unsichtbar wird der Wahnsinn, wenn er genügend große Ausmaße angenommen hat.«1 (Bertolt Brecht)
Der Mensch ist von einer unverwechselbaren Einzigartigkeit. Bescheiden wir er ist, bezeichnet er sich selbst als Homo Sapiens – der weise Mensch. Sein anthropozentrisches Selbstbild verhilft ihm in die selbstkreierte Rolle als Krone der Schöpfung. Ironischerweise sagt die hierin enthaltene Implikation eines Statusdenkens, welches nach einer Krone als Symbolik verlangt, bereits viel über ihn aus. Sein in der Natur einmaliges Charakterspektrum, seine schier unvergleichliche Ambivalenz, gibt ihm seit jeher Rätsel auf. Auch wenn er liebend gerne andere belehrt: sich selbst versteht er nicht.
Vielleicht ist es der unsichere Umgang mit sich selbst, der ihn zu einem Status-quo-Bewahrer macht. Das Bedürfnis, den gegenwärtigen Zustand aufrecht zu erhalten, ist tief im Menschen verankert. Er liebt diejenigen, die seiner Meinung sind und fürchtet das Monster der Andersdenkenden. Auf eine gewisse Weise ist dies verständlich, doch es ist ebenso paradox; denn es waren stets die Andersdenkenden, welche neue Entwicklungen anstießen. Der Triumphzug der Menschheit ist jenen geschuldet, die anders dachten. Und dennoch hatten sie seit jeher den schwersten Stand...
»Im übrigen gilt hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.«2 (Kurt Tucholsky)
Wer anders tickt als die Masse fällt schnell aus dem Takt des gesellschaftlichen Gleichschritts. Ein Verlassen der normierten Denkmuster ist unbequem – besonders für jene die zurückbleiben. Dabei wäre all das gar nicht nötig. Denn ganz gleich ob Althergebrachtes oder Innovatives, Selbsterdachtes oder Aufgeschnapptes, jede Idee hat ihren Ursprung. Diesen auf den Prüfstand zu stellen ist nur allzu oft ein Ding der Unmöglichkeit. Zu undurchsichtig und unklar ist der Ursprung vielen Wissens. Wer entscheidet also schon, welchem Wissen welcher Wert obliegt? Immerhin ist jede Quelle zugleich eine potenzielle Fehlerquelle. Die Zivilisationsgeschichte der Menschheit ist nicht mehr, als ein unentwegtes Aufaddieren fehlerbehafteter Glaubenssätze. Wer glaubt, eine höherwertige Wahrheit als die der anderen für sich zu pachten ist abergläubisch – wer hingegen wie Sokrates weiß, dass er nichts weiß, hat ausgelernt. Denn was als wahr oder unwahr, richtig oder falsch zu betrachten ist, liegt bestenfalls im Auge des Betrachters.
Vielleicht kollidieren einige der Gedanken in diesem Buch auch mit Ihrer Weltsicht. Aufgrund der umfangreichen Themenpalette scheint dies sogar recht wahrscheinlich; doch bitte beherzigen Sie folgendes: bleiben Sie fair zu sich selbst. Erlauben Sie sich, eine bereits ad acta gelegte Thematik neu zu durchdenken. Geben Sie sich den intellektuellen Freiraum, ihren geistigen Standpunkt zu prüfen, zu erweitern und flexibel zu gestalten. Eine befangene Geisteshaltung betrügt Sie um Ihren Erkenntnisgewinn.
Es ist nicht lange her, da galt zumindest eine Wahrheit als unumstritten: Die Erde ist eine Scheibe! Wer etwas anderes behauptete war ein Spinner, er galt als verrückt. Das Schicksal der »Kugelgläubigen« war in der flachen Welt des Mittelalters schnell besiegelt. Als Abtrünnige wurden Sie vom Volk geächtet, als Ketzer von der Kirche verbrannt. Schon wenige Jahrhunderte später hat sich die Welt um 180 Grad gedreht: auf einmal sind es die »Kugelgläubigen«, die sich über die flache Weltsicht der anderen mokieren. Die Verrückten von damals verspotten die Verrückten von heute. Dabei ist es außerordentlich wichtig, ab und an verrückt zu sein. Nur wer ver-rückt kann die Dinge von einem neuen Standpunkt betrachten – Unverrückte traben auf der Stelle. Scheuen Sie sich also nicht, auch mit unkonventionellen Themen in Kontakt zu kommen. Sollte dann jemand zu Ihnen sagen, Sie seien verrückt, so wissen Sie, dass Sie auf dem richtigen Weg sind...
»Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie bereit ist.«3 (Christian Morgenstern)
Das ambitionierte Zeitalter der Aufklärung verklang rasch. An seine Stelle trat eine bis heute andauernde Epoche der Gegenaufklärung. Während der egoistische Materialismus seinen Siegeszug antrat, erodierte die Mündigkeit der Menschen kontinuierlich. Der alles dominierende Wunsch nach Mitbestimmung, wie ihn das aufstrebende Bürgertum einst formulierte, wurde vom unsäglichen Wunsch »mitzuverdienen« verdrängt. Wie eine Dampfwalze, langsam doch gewaltig, überrollte wirtschaftliches Kalkül Humanismus, Ethik und Moral. Nach vielen Jahrzehnten kapitalistischer Gebete öffnen wir nunmehr die Augen in einer befremdlichen, unempathischen Welt. Die schlagkräftigste Ideologie der Geschichte hält uns fest in ihren neoliberalen Fängen, und ihre Griffkraft wächst. Dabei ist es gleichgültig ob Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Medien, Bildung, Religion oder rein Privates – eine allumfassende Inbeschlagnahme unseres Geistes hat stattgefunden. Das Zugeständnis an den Status quo ist nunmehr die Entblößung einer wohlgenährten, hochtechnisierten, doch zugleich entmachteten, entpolitisierten und desozialisierten Gesellschaft.
Dass sich diese Entwicklung derart zutrug war nicht rein zufällig. Nur selten lässt uns die Hektik des Alltags Muße, die komplexen Muster in den Abläufen nachzuvollziehen. Für eigenständiges Denken, geschweige denn Zuendedenken, fehlt zwischen Überstunden, klingelnden Smartphones und vollgestopften E-Mail-Postfächern oft die Zeit. Wer dann einmal beginnt, die Zusammenhänge in seiner Umwelt in Frage zu stellen, versinkt alsbald in einem Sumpf aus Fragezeichen. Schnell wird klar, in welch gravierendem Ausmaß das eigene Weltbild Puzzleteile vermissen lässt. Unauffindbar scheinen sie in einem Wirrwarr aus Annahmen und Fragmenten des Halbwissens begraben. Wüssten Sie aus dem Stegreif, woran das liegen mag? Warum scheint niemand gut informiert, trotz überquellender Informationsdichte? Warum ist das Bildungsniveau im Sturzflug, obwohl das Lehrstoffpensum in die Höhe schnellt? Warum gibt es zunehmend Einkommensschwache, bei permanent steigender Produktivität? Und warum kann die Politik die Probleme nicht lösen, wenn doch fast jedes Koalitionsmodell seine Chance hatte?
Fragen über Fragen, die uns Rätsel aufgeben. Zu ihrer Beantwortung bedarf es mehr als einer bloßen Sezierung alltäglicher Symptome; es bedarf, den wahren Ursachen auf den Grund zu gehen. Wie wir dabei feststellen werden, ist diese Gesellschaft nach ganz und gar anderen Spielregeln aufgebaut, als die Meisten es je für möglich halten würden...
»Was Jedermann für ausgemacht hält, verdient am meisten untersucht zu werden.«4 (Georg Christoph Lichtenberg)
Systemkrank: Unser gesellschaftliches System krankt – und macht unsere Gesellschaft systemisch krank. So oder so ähnlich wäre der Titel dieses Buches korrekt interpretiert. Woran es hakt und wohin es führt, ergründen wir im Laufe dieses Doppelbänders umfänglich. Dabei basiert die inhaltliche Gliederung auf insgesamt vier Themenbereichen, welche oft stark ineinandergreifen. Sie stellen eine Art Leitmotiv dar; eine Rahmenerzählung, unter der verschiedene Aspekte durchleuchtet werden.
In diesem ersten Band Geld und Politik beschäftigen wir uns vorrangig mit dem Finanzwesen im Kontext von Wirtschaft und Gesellschaft sowie politischen Strukturen und Ideologien. Wir werden sehen, welches die elementaren Schalthebel dieser Aggregate sind, wie sie zustande kamen und wie sie bedient werden. Dabei stehen vor allem zwei der größten Themen unserer Zeit im Mittelpunkt: das Geld und die Demokratie.
Im zweiten Band Medien und Bildung wird der Fokus auf dem geistigen Wesen unserer Gesellschaft liegen. Hier zeigt sich, wie unter Zuhilfenahme der Geistes- und Sozialwissenschaften, vornehmlich der Psychologie und Pädagogik, Deutungshoheiten erlangt, Meinungen erzeugt und ganze Weltbilder geformt werden. Dabei gehen wir insbesondere der Frage nach, wie es gelingen kann, die im ersten Band beschriebene Ist-Situation aufrecht zu erhalten.
Viel Vergnügen!
»Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.«1
(Henry Ford)
Geld, Geld, Geld... Überall reden die Leute vom Geld! Jeder will es – kaum einer hat es... Doch könnten Sie die Frage beantworten, was Geld überhaupt ist? Auch wenn es recht banal klingt, was genau ist Geld eigentlich? Und weiter stellt sich die Frage: Warum gibt es Geld und wie entsteht es? Wie wirkt es sich auf unser Leben aus und warum dreht sich scheinbar alles darum?
Sollte es Ihnen gelingen, diese zunächst so simpel wirkenden Fragen korrekt zu beantworten, so dürfen Sie dieses Buch nun zuklappen und sich anderem widmen – doch höchstwahrscheinlich werden Sie das nicht tun. Denn der Großteil aller Menschen hat vom Wesen des Geldes nicht den Hauch einer Ahnung. Die viel spannendere Frage lautet daher wohl: Weshalb eigentlich nicht? Immerhin benutzen wir Geld im Alltag regelmäßig, die Meisten beinahe täglich. Als Bindeglied zwischen den Wirtschaftsgütern ist es das meist gebrauchte Produkt! Haben Sie sich daher je gefragt, weshalb das zentralste Gesellschaftsgut zu Ihrer Schulzeit kein einziges Mal umfassend thematisiert wurde? Ist das nicht irgendwie merkwürdig? Man könnte fast meinen, es bestünde kein Interesse daran, dass Sie das Wesen des Geldes verstehen lernen... Und überhaupt: Woher stammt eigentlich die seltsame Verhaltensnorm, dass man über Geld nicht spricht?
Viele Mythen und Mysterien ranken sich ums Thema Geld. Der Zauber und die Faszination, die von ihm ausgehen, sind in der menschlichen Geschichte unerreicht. Selbst der Gottesglaube, ein die Kulturen für Jahrtausende beherrschender Splitter im Kopf, scheint dem Glaube an das Geld mit der Zeit erlegen; der moderne Mensch folgt dem Geld, wie der Hund seinem Herrchen. Schon die Jüngsten plündern heimlich das Sparschwein ihrer Geschwister; Geschiedene quetschen mit Scheidungsanwälten ihre Ex-Partner aus; Hinterbliebene zerstreiten sich über das Erbe; Investmentbanker verkaufen ihre Seele für Boni; und selbst das Wichtigste auf der Welt, die Freundschaft, hört bei Geld bekanntlich auf. Betrachtet man es auf diese Weise, so mutet seine Aura gar unheimlich an. Betrug, Diebstahl, Fälschung, Einbruch, Prostitution und Mord, sie alle gehen Tag für Tag auf sein Konto. Ist es also eine Lüge zu behaupten, Geld mache frei? Nein, es stimmt: frei von Bedenken, frei von Anstand, frei von Moral. All diese Dinge sind käuflich, solange der Preis stimmt...
»Wer der Meinung ist, für Geld alles haben zu können, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist.«2 (Benjamin Franklin)
Schon in den Comicheften der Kleinen schwimmt der habgierige Dagobert Duck im Geldspeicher herum. Als Prachtexemplar eines Geizkragens beweist er, wie lohnend es ist, jeden Cent zweimal umzudrehen. Wen wundert es da schon, dass sogar Erstklässler penetrant auf ihr Taschengeld beharren, selbst wenn sie noch mit den Fingern rechnen? Bereits von Kindesbeinen an trichterte man uns ein: »Halte dein Geld zusammen!« Einige Kinderstuben erwecken gar den Anschein, dies sei der Leitgedanke einer guten Erziehung. Ob man es im Leben zu was bringt oder nicht, bemisst sich offenbar nicht in Zufriedenheit – Geld ist der Maßstab, mit dem Glück quantifiziert wird! Wohl kaum einem anderen Substantiv entsprechen mehr gängige Synonyme: Kohle, Asche, Piepen, Moneten, Zaster, Taler, Knete, Kröten, Flocken, Blüten, Patte, Pinke, Euronen, Kies, Märker, Pennies, Rubel, Scheine, Bares, Moos, Groschen, Zunder, Schotter, Tacken, Ocken, Schleifen, Mäuse – um hier nur einige zu nennen. Doch wie man es auch dreht und wendet, so eindringlich, wie das Original, ist kein Zweites – Geld! Nicht wenige Menschen scheinen zu allem bereit, um es in die Finger zu kriegen. Solange die Kasse ordentlich klingelt, rücken selbst unmoralische, andernfalls unvorstellbare Dinge in den Bereich des Möglichen. Wie heißt es seit Machiavelli so schön: Der Zweck heiligt die Mittel! Doch war nicht Geld einst nur Mittel zum Zweck? Dient es uns überhaupt noch in seiner Ursprungsfunktion, als praktisches Hilfsmittel? Oder hat es unser praktischer Diener von einst mittlerweile gar selbst zum Dienstherren gebracht?
»Viele Menschen benutzen Geld, das sie nicht haben, für den Einkauf von Dingen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen.«3 (Walter Slezak)
Ein altes chinesisches Sprichwort besagt: »Arm zu sein, ohne zu klagen, ist leichter, als reich zu sein, ohne zu prahlen.«4 Ohne Zweifel ist dies ein netter Aphorismus. Wie hoch der ihm innewohnende Wahrheitsgehalt jedoch wirklich ist, kann kaum einer sagen. Wer kann schon von sich behaupten, arm und reich gleichzeitig zu sein? Oder wenigstens, beides im selben Leben erfahren zu haben? Die deutsche Klassengesellschaft zumindest erlaubt laut jüngster OECD-Bildungsberichte den Aufstieg von unten nach oben immer weniger.5 Und auch anderswo scheint der alte amerikanische Traum – vom Tellerwäscher zum Millionär – nur überaus selten in Erfüllung zu gehen. Die Anzahl derer, die dieses Sprichwort tatsächlich bewerten könnten, ist also ziemlich gering.
Doch lassen Sie sich nicht aufs Glatteis führen: die wahre Kunst liegt nicht darin, erfolgreich arm oder reich zu sein. Die wahre Kunst liegt darin, erfolgreich zufrieden zu sein! Es ist der Wunsch nach Zufriedenheit, der unser aller Handeln antreibt. Das Geld spielt hierbei eine nur untergeordnete, wenngleich auch schizophrene Rolle: Wir haben uns daran gewöhnt, Geld als Wegweiser auf dem Pfad der Zufriedenheit zu interpretieren. Solange wir der Spur des Geldes folgen, bilden wir uns ein, der eingeschlagene Weg sei der Richtige. Kaum einer denkt ans Abbiegen solange der Rubel rollt. Als provokante Reaktion auf diese Merkwürdigkeit, spricht der deutsche Politikwissenschaftler Elmar Altvater bei unserer jetzigen Epoche vom Kapitalozän, dem Erdzeitalter des Kapitals. Der Sozialpsychologe Harald Welzer hingegen benennt es etwas scherzhafter mit Knetozän – dem Zeitalter, in dem sich alles um Knete dreht. Ein wenig wohlklingender formuliert es wiederum der deutsche Philosoph Richard David Precht, mit dem von ihm geprägten Ausdruck Monetozän, der monetären Epoche.6 Dabei verbindet sie alle dasselbe Bedürfnis: Sie alle suchen nach der adäquaten Vokabel, um die wohl eigentümlichste Zivilisationsetappe überhaupt zu beschreiben. Waren es im Actionfilm Matrix noch die Maschinen, welche realitätsentfremdete Menschen kontrollierten, so ist es außerhalb von Hollywood das Geld, das ihren Platz einnimmt. Wer bitte könnte ernsthaft von sich behaupten, geistig autark und damit frei von jedweder wiederkehrender Geldfantasie zu sein? Während die Armen in der Regel ans reich sein denken, denken Reiche regelmäßig ans reicher werden. Denn auch wenn dieses Eingeständnis Abgründe auftut: Geht es um Geld, ist es meist Gier, die uns beherrscht. In Geldfragen lautet die Antwort stets »mehr!«. Wir wollen Geld anhäufen und stapeln, am liebsten bis unter die Decke. Und tatsächlich ist das heute auch möglich; denn im Gegensatz zu früheren Tagen, als gärende Lebensmittelvorräte die Speicher blockierten, lagern wir fortschrittlichen Menschen Unverrottbares ein. Pecunia non olet – Geld stinkt nicht, erkannte schon der altrömische Kaiser Vespasian im ersten Jahrhundert.7 Zugegeben, essen können wir den Inhalt unserer Speicher heutzutage nicht. Doch dafür haben die klimpernden Münzen und bunten Scheinchen einen unfassbaren Wert – darauf zumindest, haben wir uns geeinigt.
Viele ackern sich halb tot, um ihr Geld zu mehren. Nicht bloß in Deutschland ist die überschwängliche Arbeitswut Leitkultur und Ethik-Kodex zugleich. Vollgestopfte Bürotürme, in denen auch am Wochenende spät Abends noch Licht brennt, dominieren die Skylines aller Metropolen, von Europa über Asien bis Amerika und zurück. Analog zu legendären Börsen-Filmen wie The Bank, The Big Short, Margin Call, Wall Street oder The Wolf of Wall Street, nimmt hier die ewige Jagd nach dem Geld oft ganze Leben in Beschlag. Selbst jahrhundertealte Schriftwerke kreisen häufig um fanatische Begierden, geweckt durch Smaragde, Rubine, Silber und Gold. Unzählige Legenden ranken sich um Abenteuer von besessenen Schatzjägern, die auf der Suche nach Schatzinseln und -kammern alles andere vergaßen. Wie aus der menschlichen Geschichte extrahierbar scheint, war uns die Sehnsucht nach funkelnden Reichtümern schon immer ein schwerwiegendes Laster...
Aller Evidenz zum Trotz, scheinen nicht wenige nach wie vor bereit, ihre nur kurze Lebenszeit der Geldjagd zu verschreiben. Schon längst treiben wir es so weit, sogar die Zeit, in der wir dem Geld nachlaufen, selbst in Geld zu bewerten. Immer engere Zeitfenster und utopischere Deadlines stehen Projektentwicklern, -steuerern und -managern zur Verfügung. Selbst Kreativschaffende und Wissenschaftler werden zunehmend durch enge Zeitvorgaben, bedingt durch noch viel engere Budgets gegängelt. Wo dringend Raum für Kontemplation geboten wäre, will der effiziente Kapitalist von heute wissen, wie effizient seine Effizienz ist. Denn Sie wissen ja: Zeit ist Geld! Zumindest aus Investorensicht. Für die von ihrer Profitgier gebeutelten Arbeiter dagegen ist es zumeist eher umgekehrt. Hier lautet das Motto: Geld verdienen kostet Zeit! ...Ist es nicht die Ironie der Effizienz, dass einige das Reichwerden anderer so teuer bezahlen?
Der US-Milliardär John D. Rockefeller sagte diesbezüglich einmal: »Wer den ganzen Tag arbeitet, hat keine Zeit, Geld zu verdienen.«8 Eine wohl recht herablassende Aussage von einem Mann, der mehr Geld sein Eigen nannte, als er je hätte ausgeben können. Zumindest statistisch ist anzunehmen, dass Sie nicht in solchen Sphären spielen. Wahrscheinlich ist das Tauschgeschäft Arbeit gegen Geld fester Bestandteil Ihres Lebens. Doch haben Sie sich je die Zeit genommen, diesen Deal zu hinterfragen? Immerhin geht es hier um etliche Ihrer Lebensjahre, da sollte die Sache doch zumindest mal auf den Prüfstand geraten, oder nicht? Sicher, was Sie dem Arbeitsmarkt anzubieten haben weiß niemand so gut wie Sie – daran besteht kein Zweifel. Doch wie steht es mit dem, was Sie am Arbeitsmarkt nachfragen, dem Geld? Haben Sie je überlegt, was Ihnen da eigentlich angeboten wird?
Absonderliche Arbeitswelt
Jahrtausende kamen Gesellschaften ohne Lohnarbeit zurecht. Erst vor rund 200 Jahren war der althergebrachte Lebensstil des Menschen flächendeckend einem Wandel unterworfen. Man mag sich darüber streiten, inwieweit dieser Umbruch in der Berufswelt unser Leben verbessert hat. Nur wenige würden die legebatterieähnlichen Zellenbüros der Moderne als artgerechte Haltung des Menschen bezeichnen. Oder den typischen Nine-to-five-Job, das Stechuhr-konforme Schuften nach Dienstplan, als finale Stufe der Berufsevolution. Nichtsdestotrotz ist das Gefühl, zur Arbeit zu gehen, um Geld zu verdienen, heute weit verbreitet. Und in der Tat erscheint dieser Gedanke, isoliert betrachtet, recht plausibel. Ein genaueres Studieren der Gesamtsituation entlarvt ihn jedoch als Zerrbild. Spannt man den Bogen nämlich weiter auf und blickt auf die gesamte Volkswirtschaft, gerät die Plausibilität ins Wanken: Fakt ist, dass wir in unserer arbeitsteiligen Wirtschaftswelt arbeiten, um mittels Arbeitskraft Waren und Dienstleistungen zu generieren. Diese dienen der Versorgung unserer Gesellschaft, und damit ebenso der Versorgung unserer Selbst. Das Geld dient hierbei lediglich als eine Art »Verbundmittel«, ähnlich eines Brückenelements, um das Zusammenspiel von aufgebrachter Arbeitskraft, eingesetzten Ressourcen sowie des Erwerbs hergestellter Produkte zu simplifizieren.
Streng genommen also ließe sich Wirtschaft auch ganz ohne Geld betreiben... Würde ein Jeder morgen früh aufstehen und agieren wie immer, das Selbe arbeiten, nutzen und konsumieren, so könnte auf den Austausch klimpernder Münzen und bunter Scheinchen verzichtet werden, zumindest theoretisch. Als entscheidende Lektion hierzu gilt nämlich folgendes: Waren und Dienstleistungen können auch ohne Geld verwendet werden – Geld ohne Waren und Dienstleistungen nicht! Würde nur eine einzige Komponente aus der Wirtschaft entfernt (Arbeitskraft, Ressourcen oder Produkte), so käme der gesamte Wirtschaftskreislauf zum Erliegen. Die Bedürfnisbefriedigung der Wirtschaftsteilnehmer wäre sofort dahin. Durch die Entfernung des abstrakten Bindegliedes Geld hingegen müsste sich prinzipiell gar nichts ändern – alles könnte seinen gewohnten Gang gehen.
Bevor wir uns jedoch im hypothetischen Denken verlieren, beschäftigen wir uns zunächst weiter mit der gegebenen Situation. Arbeitsteilige Wirtschaften fußen auf der Idee, dass jeder von der Tätigkeit der anderen profitiert. Sinnvoll wäre es daher, Berufen mit der tragendsten Funktion die höchste Belohnung zukommen zu lassen, während andere Berufszweige mit geringerem Gesellschaftsnutzen entsprechend weniger erhalten – dies wäre ein gemeinnütziger Ansatz. Vermutlich würden auch Sie eine Wirtschaft derart konzipieren, wenn Sie sie auf dem Reißbrett entwerfen sollten, oder nicht? Eine Betrachtung unserer heutigen Ist-Situation offenbart jedoch etwas gänzlich anderes: Während Menschen in bedeutenden Berufsgruppen kaum über die Runden kommen, erhalten andere für fragwürdige Machenschaften und ominöse Geschäfte Unsummen. Millionenfach nagen die Eckpfeiler unserer Gesellschaft, wie Krankenpfleger, Postboten, Abfallentsorger, Kanalarbeiter, Busfahrer oder Erzieher, nahezu am Hungertuch. Dem Gemeinwohl unzuträgliche, halbseidene Tätigkeiten hingegen versprechen oft riesige Gehälter und satte Boni.
»Das Einkommen der Berufsgruppen verhält sich umgekehrt proportional zu ihrer physioökonomischen Bedeutung.«9 (Andreas Clauss)
Tatsächlich könnte man meinen, die Grundidee unseres Zusammenlebens stünde auf dem Kopf. Wo Menschen einst zur gegenseitigen Unterstützung Gesellschaften bildeten, begibt sich nunmehr ein Jeder ins Getümmel, um das Meiste für sich herauszuschlagen. Wie es scheint, ist unser »gegenseitiges Aushelfen« zum »gegenseitigen Ausnehmen« verkommen. Dabei scheinen viele längst zu spüren, wie das Sozialgefüge um sie herum an Traktion verliert. Immer mehr Menschen wirken von Geldgier, Materialismus und Egoismus getrieben und beherrscht. Der halbvolle, stehen gelasse Teller am Buffet beispielsweise, oder die Trivialisierung des Schwarzfahrens zu Lasten seiner Mitmenschen, sind lehrreiche Auswüchse solch Gier-induzierter Egozentrik. Nichtsdestotrotz scheuen sich viele davor, das Thema Geld und dessen Auswirkungen auf Seele und Geist offen zu diskutieren. Sofern Sie diese Behauptung nicht überzeugt, fragen Sie Ihren Arbeitskollegen probehalber, wie viel Ihr gemeinsamer Chef ihm bezahlt; oder Ihren Bankberater, wie denn sein eigener Kontostand lautet; oder Ihren Steuerberater, wie viele Steuern er zuletzt abdrücken musste. Sie werden feststellen, dass sich die freundlichen Auskünfte in Grenzen halten.
Zahllose Gesellschaften dieser Welt sind von enormen Vermögens- und Einkommensgefällen bedroht. Es lässt sich nicht leugnen, dass auch der Westen fragwürdige Ungleichheit zwischen seinen Höchst- und Mindesteinkommen zu verzeichnen hat. Begnügen sich Schweiz und Österreich diesbezüglich noch mit einer Differenz des 900- sowie 1.150-Fachen, so wartet Deutschland bereits mit einem Unterschied des Faktors 6.000 auf. Der unangefochtene Spitzenreiter allerdings, die kapitalistische Hochburg USA, toppt dies immer noch bei Weitem, mit einem Missverhältnis des Faktors 360.000!10
Was für die einen dramatische Züge annimmt, erscheint den anderen als kein Grund zur Sorge. Ebenso unterschiedlich nämlich, wie es die Einkommen sind, sind auch die Meinungen zu ihrer Berechtigung. Während Kapitalismusfreunde es für legitim halten, wenn das Konzernmanagement ein Fünfzigfaches seiner Belegschaft verdient, plädieren Kommunismusfreunde für flächendeckende Lohnangleichungen in allen Sparten. Es ist wie so oft: wer zehn Leute fragt, erhält elf Antworten. Ein Meinungspluralismus, der die Welt wahrlich interessant macht.
Und... Was meinen Sie, welche Einkommensunterschiede scheinen vertretbar? Sind solch extreme Lohngefälle wie in Deutschland oder gar den USA noch zu rechtfertigen? Falls ja, wie würde man ein derart drastisches Auseinanderdriften sauber legitimieren? Besonders solche Argumente wie Verantwortungsübernahme oder erworbene Fachkenntnisse und Fähigkeiten werden gerne in die Waagschale geworfen, um einem übermäßigen Mehrverdienst seine Berechtigung zu geben. Doch sind diese Gründe haltbar? Ein Hedgefondsmanager beispielsweise hat ein enormes Maß an Verantwortung zu tragen – allerdings primär für Risikokapital, Fantasien und Gier. Die hier gezahlten Jahresgehälter liegen oft im dreistelligen Millionenbereich, wie Managermagazine wie Forbes und Co. immer wieder aufzeigen. Gerne zahlt man hier nach der sogenannten Two-And-Twenty-Regel, welche der jeweiligen Fondverwaltung 2 % des verwalteten Fondsvermögens plus 20 % Gewinnbeteiligung pro Jahr verspricht.11 Bei Portfolios von Abermillionen oder gar -milliarden ein ganz nettes Gehalt, doch ist es auch gerecht? Hat ein Hedgefondsmanager sein Geld tatsächlich verdient, oder nur bekommen? Ein Altenpfleger nämlich trägt ebenfalls enorme Verantwortung auf seinen Schultern – allerdings für Menschen aus Fleisch und Blut, Angehörige und Schicksale. Hier hingegen liegt das deutsche Durchschnittsgehalt für Berufseinsteiger bei nur 2.337 Euro Brutto, was einem steuerklasseabhängigen Nettogehalt von ca. 1.500 bis 1.800 Euro entspricht.12 Zum Aufbauen einer Familie, Großziehen von Kindern und Kauf eines Autos oder gar Hauses reicht dies aber kaum. Ist das gerecht? Hätte ein Altenpfleger nicht vielleicht mehr verdient, als er bekommt? Oder erscheint das Betreuen dutzender Senioren weniger verantwortungsvoll, als das Betreuen großer Geldvermögen?
Vielleicht taugt die Verknüpfung von Verantwortungsübernahme und Gerechtigkeit einfach nicht für Gehaltsdebatten. Immerhin ist die Beurteilung beider Kriterien sehr subjektiv, ohne reelle Chance auf Objektivierung. Was für den einen als völlig gerecht erscheint, empfindet der andere als absolut ungerecht, und umgekehrt. Liberalisten beispielsweise würden behaupten, gerecht sei es, wenn jeder die gleichen Chancen im Leben erhielte, unabhängig davon, was er daraus mache. Sozialisten dagegen würden einwenden, gerecht sei es, wenn jeder ein Anrecht auf ein gleich großes Stück vom Kuchen hätte, egal wie hungrig er sei. Wessen Gerechtigkeitsbild aber ist nun das Richtige? Charmant klingen sie beide. Ähnliches gilt im Hinblick auf verantwortungsvolles oder -loses Verhalten, welches genauso im Auge des Betrachters liegt.
Insofern scheinen wir besser beraten, uns auf das zweite Argument zu konzentrieren: den Erwerb von Fachkenntnissen und Fähigkeiten. Hier nämlich lautet die Idee, Spitzenverdiener hätten auf dem jahrelangen, oft steinigen Weg zum Expertentum eine privilegierte Stellung errungen; was wenigstens durch Abschlüsse und Zeugnisse belegbar erscheint. Ökonomisch gesprochen, seien sie nunmehr eine Art besondere Ware. Und da, wie jeder weiß, Angebot und Nachfragen nicht nur den Markt, sondern auch Arbeitsmarkt regulieren, sei ihr Wert somit zu Recht gestiegen. Modelltheoretisch gedacht, verscherbelt sich der zur Ware umetikettierte Mensch hierbei selbst an den Höchstbietenden. Nun, das kann man mögen oder auch nicht. Doch zunächst einmal ist es eine durchaus einleuchtende Kausalität. In der Tat gilt eine knappe und gefragte Ware in der Regel als teurer, soviel scheint sicher. Dennoch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Argumentationsketten dieserlei Zuschnitts die Prämisse enthalten, den aufopferungsvollen Expertentätigkeiten wohne ein höherer Gesellschaftsnutzen inne, als Arbeiten anderer Menschen. Denn nur so kämen sie dem Sinnbild einer gesamtgesellschaftlich (!) heiß begehrten Ware gleich; womit dann auch die Wohlstandsunterschiede zu rechtfertigen wären. Doch ist diese These haltbar? Hat die Arbeit eines Hedgefondsmanagers höheren Wert für unser aller Dasein, als die eines Altenpflegers? Hat er womöglich Kompetenzen, die unsere Gesellschaft weitaus mehr bereichern? Könnte er vielleicht sogar problemlos einen Altenpfleger ersetzen, wenn dieser doch als Ware, wie er sagen würde, nicht sehr hoch im Kurs steht? Wäre er in der Lage, alten Menschen einfühlsam beizustehen, sie zu füttern, zu baden, ihre Bettpfanne zu reinigen und sie beim Sterben zu begleiten? Und damit einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten, welchen ein Jeder von uns früher oder später in Anspruch zu nehmen gedenkt? Eine heikle Frage... Aber vermutlich wäre er es nicht. Es scheint also, als stießen wir hier auf gewisse Unstimmigkeiten; wie es scheint, befindet sich die Honorierung menschlicher Leistungen auf Abwegen. Ist der gekonnte Umgang mit Mitmenschen nicht ebenso wertvoll wie das Wälzen von Akten, Jonglieren mit Zahlen und Gassi gehen mit Vermögen? Wirkt es nicht schräg, dass manche soviel mehr verdienen, ohne mehr zu verdienen? Woran kann es liegen, dass immer mehr Menschen trotz allen technischen Fortschritts leer ausgehen? Rein nüchtern betrachtet, anhand logischer Kriterien, scheint des Rätsels Lösung offenbar nicht zu gelingen. Läuft in dieser Gesellschaft also noch mehr ab, als an der Oberfläche allgemein erkennbar wird? Womöglich unsichtbare Gründe, welche die Schere zwischen arm und reich, all die Einkommens- und Wohlstandsunterschiede, aufklaffen lassen?
Nennen wir das Kind beim Namen: Zum Themenkomplex des Geldes herrscht eine Menge Gesprächsbedarf. Wer in solch Geld-manischen Zeiten wie den unseren lebt, der sollte wissen, welchen Messias er preist und warum. Immerhin wirkt Geld auf uns wie eine Art Verhaltenskodex; ein normativer Tyrann, der uns die Sinne raubt. Selbst demjenigen Ehre zukommen zu lassen, dem sie gebührt, erscheint da kaum möglich, wie unsere Hedgefondsmanager-Altenpfleger-Diskrepanz verdeutlicht. Ist das nicht gespenstisch? Kann ein solch sinnverzerrendes Medium Grundlage erfolgreichen Zusammenlebens, echter Zufriedenheit und nachhaltigen Glücks sein? Und zwar, egal an welchem Ende der Nahrungskette? Bereits ein altes jüdisches Sprichwort besagt: »Man schmeichelt nicht dem Reichen, sondern nur seinem Geld.«13 Bedeutet das aber auch, dass Reichtum arm an Freunden macht? Stimmt es dann vielleicht, was einst der englische Historiker Thomas Fuller sagte: »Reich sind nur die, die wahre Freunde haben.«14 Und würde das schlussendlich bedeuten, dass Reiche die wahrhaft Armen sind?
Offenbar nehmen die Fragen kein Ende. Wie es scheint, wird es Zeit, dem Wesen des Geldes mit Nachdruck auf die Spur zu gehen. Machen wir uns also auf, diesem so unbequemen Thema auf den Zahn zu fühlen. Dabei führt uns unsere Reise nicht bloß durch monetäre Gefilde. Auch die rätselhaften Phänomene der Betriebs- und Volkswirtschaft, die karge Einöde der Buchhaltung, ein wenig Finanzmathematik, die blühenden Landschaften aus Arbeit und Produktion, der Dschungel der Handelsmärkte, der dornige Pfad von Politik und Geopolitik sowie die unendlichen Weiten der Geschichte kreuzen unseren Weg. Bringen wir hier ein wenig Licht ins Dunkel; ergründen wir die Dinge radikal, von der Wurzel an. Sprechen wir endlich über etwas, über das man sonst nicht spricht – über Geld...
Beginnen wir also mit dem Grundlegendsten: der Definition des Geldes selbst. Etymologisch entstammt das Wort Geld dem Althochdeutschen gelt, welches ursprünglich gleichbedeutend mit Begriffen wie Vergeltung, Vergütung, Einkommen und auch Wert stand. Etwa seit dem 8. Jahrhundert wurde es zu Bedeutungen wie »Vergeltung« oder »Entgelt« erweitert, allerdings erst weitere sechshundert Jahre später, ab dem 14. Jahrhundert, auch als »geprägtes Zahlungsmittel« verstanden.1 Heutzutage hat sich die Beschreibung von Geld als ein allgemein anerkanntes Tausch- und Zahlungsmittel etabliert. Seit einigen Jahrhunderten bereits sind hierbei zwei vorrangige Geldformen zu unterscheiden: Eine davon ist das Bargeld, also Geldmünzen und -scheine; eben jenes Geld, welches Sie in ihrem Portemonnaie tagtäglich mit sich führen. Es ist das einzige gesetzliche Zahlungsmittel, stellt heute jedoch lediglich knapp 8 % der Geldmenge dar. 2 Der weitaus größte Teil des Geldes nämlich, alle übrigen 92 %, ist, wenn man so will, ein »ungesetzliches«, wenngleich auch akzeptiertes Zahlungsmittel: das sogenannte Buchgeld (auch Giralgeld genannt).3 Hierbei handelt es sich um Zahlungsansprüche von Nicht-Banken gegenüber Banken. Eine, zugegeben, eher abstrakte Definition, welche erst im weiteren Verlauf dieser Lektüre verständlich werden wird. Wie der Begriff erahnen lässt, entstand das Buchgeld einst aus buchhalterischen Vorgängen im Bankwesen, zu Anbeginn der Renaissance. Eine Zeit, in der sich Buchungsvorgänge auf Konten noch handschriftlich vollzogen. Mittlerweile stößt man hier, im Zeitalter des Computers, auf gigantische Netzwerke digitaler Datenbanken, welche den elektronischen Zahlungsverkehr abwickeln. Vereinfacht ausgedrückt, handelt es sich beim heutigen Buch- bzw. Giralgeld damit um jene Zahlen im Display, die Ihnen zum Beispiel bei Überweisungen oder Kontostandabfragen per Geldautomat oder Online-Banking angezeigt werden. Es handelt sich also, salopp formuliert, um »Zahlen im Bankcomputer«.
Da das Geld eines Staates, genannt Staatswährung, in seiner Währungsverfassung verankert ist, stellt es eine Rechtseinrichtung dar. Es ist das einzige Zahlungsmittel innerhalb eines Landes dessen Verwendung gesetzlich legitimiert ist. Wer sich am öffentlichen Leben beteiligen möchte, ist nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet (!) Geld zur Bezahlung zu nutzen. Zahlt man stattdessen mit anderen Mitteln, so gilt die Ware oder Dienstleistung nicht als bezahlt. Die Transaktion wäre unwirksam.4
Passenderweise steht dieser universellen Verpflichtung des Zahlenden ein geeignetes Gegenstück gegenüber: der sogenannte Annahmezwang.5 Er wiederum legt fest, dass das vom Zahlenden gebotene Geld, sofern gesetzliches Zahlungsmittel, vom Zahlungsempfänger zu akzeptieren ist. Somit soll der reibungslose Zahlfluss im Alltag garantiert sein. Geldersatzmittel und Geldsurrogate hingegen, wie Schecks oder Kreditkarten, stellen keine gesetzlichen Zahlungsmittel im eigentlichen Sinne dar, werden aber allgemein so behandelt.6 Weitere denkbare Zahlungsmittel, wie Münzen und Scheine fremder Währungen, oder auch tauschbare Dinge mit Eigenwert, wie Schmuck, Alkohol oder Zigaretten, sind im offiziellen Zahlungsverkehr nicht erlaubt. Speziell in Situationen, in denen klassisches Geld nicht oder nur begrenzt verfügbar ist, dienen sie jedoch als beliebte Geldsubstitute – zum Beispiel zu Nachkriegszeiten oder hinter Gittern.
Auch in der Volkswirtschaftslehre obliegt Geld eine Zahlungsmittelfunktion. Unter einem Zahlungsmittel wird hier ein »Objekt oder erwerbbares Recht« verstanden, »welches ein Käufer einem Verkäufer zum Waren- und Dienstleistungserwerb übergibt«.7 Dabei werden drei wesentliche Unterfunktionen des Geldes unterschieden: erstens, die des Tauschmittels; zweitens, die des Wertaufbewahrungsmittels; drittens, die des Wertmaßstabs.8 Schon immer galt als offenes Geheimnis, dass diese makroökonomische Funktionsbeschreibung kuriose Widersprüche enthält. Wer nämlich Geld als Tauschmittel nutzt, kann keinen Wert in ihm speichern. Und wer einen Wert in ihm speichert, kann es nicht tauschen. Beide Funktionen heben einander auf. Würde jeder Einkommensbezieher monatlich Teile seiner Einkünfte sparen, so würde die zur Verfügung stehende, tauschbare Geldmenge permanent sinken. Über kurz oder lang käme der Geldfluss zum erliegen.
Dass dies theoretisch geschehen könnte, ist einer Merkwürdigkeit geschuldet. Anders nämlich, als es der Annahmezwang ist, ist so etwas wie ein Weitergabezwang nirgends formuliert. Jeder darf, sofern er es kann und möchte, grenzenlos Geld beiseite legen, ohne Konsequenzen zu fürchten. Reichlich merkwürdig, meinen Sie nicht? Das vielleicht wichtigste Handelsgut unserer Gesellschaft, welches sachgemäß ein Allgemeingut darstellt, darf nach Belieben aus dem Verkehr gezogen werden. Sollte man nicht annehmen dürfen, dass gerade dieses Sharing-Produkt par excellence an Zirkulation zu binden wäre? Denn übertragen wir es auf ein anderes Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie nutzen ein Car-Sharing-Fahrzeug für 30.000 Euro, parken es anschließend in Ihrer Privatgarage und geben es niemals zurück. Natürlich wäre Ihnen dies nicht gestattet, denn dieses »Fahrzeug für Jedermann« stünde nun niemandem mehr zur Verfügung. Weshalb aber ist so etwas dann beim Geld erlaubt? Hier nämlich wäre es völlig legitim, 30.000 Euro auf seinem Konto zu parken, egal für welche Zeit, wodurch dieses »Zahlungsmittel für Jedermann« niemandem mehr zur Verfügung steht. Das Recht, grenzenlos Geld anzuhäufen, ist bei genauerer Überlegung also ein recht seltsames...
Dass Menschen dennoch danach verlangen, Rücklagen für schlechte Zeiten zu bilden, ist niemandem vorzuwerfen. Schon seit Jahrtausenden legen wir Vorräte an, um rauhe Winter, Missernten und ähnliches zu überstehen. Dinge aufbewahren und einlagern zu wollen, um bei Bedarf von ihnen zu zehren, ist ein sehr sinnvolles natürliches Bedürfnis. Wo dabei einst das Haltbarmachen von Lebensmitteln im Mittelpunkt stand, findet sich heute das Sparen von Geld wieder. Und wie es scheint, funktioniert die Sache doch soweit ganz gut, oder nicht? Ohnehin ließe sich argwöhnisch fragen, ob all die kritischen Gedankengänge zum Geld überhaupt notwendig sind? Immerhin finden sie sich im Alltag praktisch nirgends wieder, ganz im Gegenteil sogar. Hier nämlich ist es gerade die Einfachheit des Geldes, welche es zum dienlichen Hilfsmittel macht. Größere Fragen zu seinem Wesen werden so eigentlich kaum gestellt. Leider! Denn es drängt sich bisweilen der Verdacht auf, dass diese unkritische Haltung unzureichend sein könnte. Stimmt es tatsächlich, dass uns das heutige Geld ein treuer Begleiter ist?
Wie auch immer die Antwort lauten mag, eines ist sicher: Geld hat unser Bewusstsein kollektiv geprägt. Man könnte gar sagen, der Glaube an das Geld sei eine Form moderner Religion, mit Abermillionen strenggläubiger Anhänger. Zahllose Christen, Muslime, Juden und andere wechselten über die letzten Jahrhunderte ihren Glaubensanbieter, weil die Glaubensgemeinschaft des Geldes bessere Konditionen bot. Die hier verfolgte Doktrin besagt, es bestünde eine unmittelbare Korrelation zwischen Geld und Glück. Wer hat da schon Lust ungewiss aufs Paradies zu hoffen? Kaufen wir das Glück, solange noch welches da ist! ...Doch Moment mal – stimmt das wirklich? Kann Geld ein Werkzeug zur Glücksproduktion sein? Falls ja, sind dann die reichsten Menschen gleichzeitig auch die glücklichsten auf der Welt? Im Jahr 2013 beispielsweise erhielt der US-amerikanische Hedgefondsmanager David Tepper knapp 3,5 Milliarden Dollar, das sind 9,6 Millionen Dollar pro Tag.9 Gehört er damit automatisch zur Glücks-Riege der Menschheit? Zumindest dem bekannten britischen Ökonomen Andrew Oswald zufolge sollte es so sein, denn dieser sagte klar und deutlich: »Geld macht glücklich!«10 Stürzen sich vielleicht deshalb regelmäßig Investmentbanker aus dem Fenster, nachdem sie beim Zocken alles verloren haben? Weil ihr Glückslevel ebenso rasant abstürzte, wie daraufhin sie selbst? Käme die Jagd nach dem Geld-Glück damit nicht einem Suchtverhalten gleich, ähnlich jenem bei anderen Drogen? Und wären Ultrareiche somit nicht doch besser wie Drogensüchtige zu behandeln, mit Geld als ihrem Heroin?
»Der Reichtum gleicht dem Seewasser, je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man.«11 (Arthur Schopenhauer)
Das Geld und das Glück
Vielleicht gelingt des Rätsels Lösung ja mit analytischem Vorgehen. Bemühen wir uns einmal, den Zusammenhang von Geld und Glück pragmatisch und rational zu durchdenken, mit einem Hauch wissenschaftlichen Scharfsinns: Zwei 1-Euro-Stücke wirken auf uns, jedes für sich genommen, absolut identisch. Jedes für sich, wie ein perfektes Duplikat des anderen. Erst in der Summe betrachtet, als insgesamt zwei Euro, verändern sie unsere Wahrnehmung. Und das, obwohl ihr eigentlicher Charakter selbst unverändert bleibt. Hieraus folgt: Die Qualität des Geldes bemisst sich anhand seiner Quantität! Zu dieser Erkenntnis gelangte auch Georg Simmel, ein deutscher Philosoph und Soziologe. Im Jahre 1900 bereits hielt er sie in seiner Philosophie des Geldes fest – zusammen mit der Feststellung, dass keine andere Sache sonst eine solche Eigenschaft besäße.12 Schon damals befürchtete er, dass die besondere Natur des Geldes, welche jedes erdenkliche Gut in Beziehung zu setzen vermag, alle anderen Werte auflösen könnte. Würden sie alle auf einen Nenner gebracht, so würde nur noch der Nenner, nicht mehr die Werte selbst relevant sein. Worauf Simmel damals hinzuweisen versuchte, fasste der irische Lyriker und Bühnenautor Oscar Wilde später unter folgendem weltbekannten Spruch zusammen: »Heutzutage kennen die Leute von allem den Preis aber nicht den Wert.«13
Es ist also die Menge des Geldes, seine qualitätsbestimmende Quantität, die seinen Wert beschreibt. Anders als bei Flächen oder Volumen, nutzen wir zu ihrer Abbildung eine eindimensionale Skala, welche als wichtigsten Bezugspunkt den Wert Null hat. Geldwerte oberhalb dieses Punktes betrachten wir als positive Vermögen (Guthaben); Geldwerte unterhalb dieses Punktes als negative Vermögen (Schulden). Soweit zur gedanklichen Praxis.
Verfolgt eine Person nun die Maxime, ihr Lebensglück mittels Geldmehrung zu steigern, so zielt sie darauf ab, ihr Vermögen vom Bezugspunkt Null zu entfernen, und zwar in positiver Richtung. Durch unsere eindimensionale Betrachtung spiegelt der Wert ihres Vermögens dabei stets unweigerlich seinen gegenwärtigen Abstand zum Nullpunkt wider. Beträgt die Höhe ihrer Ersparnisse beispielsweise 100.000 Euro, so ist ihr Vermögensstand einhunderttausend Geldeinheiten vom Nullpunkt entfernt. Sicherlich keine allzu neue Erkenntnis. Als Sockel ingeniöser Denkkonstrukte allerdings, könnte sie dienen: Was zum Beispiel würde herauskommen, würden wir Geld nicht ein- sondern zweidimensional denken? In einem Koordinatensystem, in dem die X-Achse Geld von einer Y-Achse abhinge, wie etwa vom Glück? Wäre hier die Korrelation zwischen Geld und Glück nicht transparenter? Indem der allgemeine Wert des Geldes unmittelbar vom kollektiven Glückszustand abhinge? Immerhin möchte doch niemand in einer reichen, zugleich aber unglücklichen Gesellschaft leben. Das südasiatische Königreich Bhutan beispielsweise, führte bereits 2008 das sogenannte Bruttonationalglück (engl. Gross National Happiness) ein. Es basiert auf der Idee, dem herkömmlichen Bruttonationaleinkommen, welches sich ausschließlich in Geldflüssen bemisst, eine ganzheitlichere Betrachtung des Lebensstandards gegenüberzustellen. Kulturelle Werte, der Umweltschutz, anständige Regierungs- und Verwaltungsstrukturen und eine sozial gerechtere, nachhaltigere Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung sind das hierbei erklärte Ziel.14 Ließe sich so etwas nicht auch mit dem Geld verkoppeln? Wäre es nicht sinnvoll, der Reichtum reduziere sich automatisch, sollte das Glück nicht Schritt halten? Um nicht im finanziellen Wohlstand, dem zum Selbstzweck verkommenen Allheilmittel, traurig zu ertrinken, anstatt den Glücks-Wohlstand immer schon mit im Gepäck zu haben?
Mögen Denkexperimente dieserart auch Spielerei sein, die Eindimensionalität unserer Geldvorstellung ist eine Krux. Zwar spiegelt sich in Geldbeträgen stets ihr jeweiliger Abstand zum Nullpunkt wieder; darüber hinaus jedoch keinerlei Bezug zu weiteren Referenzpunkten. Isoliert betrachtet, sind Geldbeträge damit uneinschätzbar. Die berühmte Frage lautet also: Wie viel ist »genug«? ...Sind 100.000 Euro bereits viel? Bedarf es vielleicht Millionen, oder gar Milliarden zum Glück? Zwar ist offensichtlich, dass uns ein jeder weiterer Euro vom Nullpunkt entfernt. Doch wann findet die Vermögensbildung ein sinnvolles Ende? Wird durch den Sparer selbst kein Zielwert definiert, landet man schnell in der berühmt-berüchtigten NeverEnding Story (Die Unendliche Geschichte), in einem nicht enden wollenden Kampf um das Geld. Denn während sich die Distanz zum »Zuwenig« (Nullpunkt) stets unübersehbar im Geldbetrag ausdrückt, sucht man nach Anhaltspunkten eines möglichen »Genugs« vergebens. Die weit verbreitete Angst, zukünftig eher zu wenig als genug Geld zu haben, ergibt sich also bereits durch die Art und Weise, wie Geld sich psychologisch präsentiert.
Abhilfe könnte hier ein ruhestiftender Bezugspunkt schaffen, der als eine Art »Benchmark« fungiert. Er dient als Anhaltspunkt darüber, inwieweit die eigene Vermögensbildung zum Erfolg oder Misserfolg wird. Ein Einkommens- oder Vermögensbetrag in einer klug gewählten Größenordnung, wie etwa der Lebensstandard von Nachbarn, Freunden und Bekannten, scheint hierfür besonders geeignet. Als stetiger Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens, betrachten wir unser soziales Umfeld intuitiv ohnehin als Referenzpunkt unseres Wohlstandgefühls. Ob wir uns als arm oder reich empfinden, entscheidet nicht die Menge unseres Besitzes, sondern unser sozialperspektivischer Abgleich mit anderen. Nicht umsonst unterscheiden wir global zwischen relativer und absoluter Armut.15 Während relativ bedeuten kann, dass ein Sozialhilfeempfänger des 21. Jahrhunderts besser versorgt ist, als ein Adeliger des Mittelalters, bedeutet absolut, dass es im 21. Jahrhundert für aktuell rund 1,2 Milliarden Menschen tagtäglich ums Überleben geht. Die Klassifikation letzterer geschieht dabei durch die weltbekannte 1-Dollar-Grenze, welche seitens der Weltbank mittlerweile auf 1,9 Dollar pro Tag angehoben wurde. Wer über weniger zur Deckung seiner Lebensbedürfnisse verfügt, gilt offiziell als arm. Bewegt man sich hingegen in Richtung der 2-Dollar-Grenze, so fällt man unter die vom dekadenten Westen kreierte Betitelung moderat arm (engl. moderate poverty).16 Unterm Strich lässt sich sagen, dass absolut Arme in der Regel auch relativ arm sind, relativ arme aber nicht unbedingt absolut. In Deutschland beispielsweise, mit seinen hohen Lebenshaltungskosten, gilt ein Alleinstehender bis zu einem monatlichen Nettoeinkommen von 781 Euro als arm.17 In anderen Teilen der Welt wiederum machte ihn dies zu einem wohlhabenden Mann – wie sich auf Phuket oder Kho Samui aufhaltende Rentner längst erkannt haben. Laut Schätzungen der Deutschen Botschaft, handelt es sich beim Großteil der rund 30.000 in Thailand lebenden Deutschen um Ruheständler.18 Im südostasiatischen Königreich zur Mittelschicht gehörend, verspräche ihnen die Bundesrepublik indes gesellschaftlich abgehängt zu sein. Eingebettet in die Riege der Einkommensschwächsten, könnte im Heimatland auch ihr sozialer Referenzpunkt keine adäquate Versorgungsillusion erzeugen. Erst der relative Anstieg ihres Vermögens über jenes ihres Umfelds hinaus, wie etwa in Thailand, bietet ihnen im direkten Vergleich Aussicht auf ein gefühltes »Genug«. Mit mehr in der Tasche, als ihre Mitmenschen, leben sie gefühlten Überfluss. Die Chancen stehen nun gut, dass die gemutmaßte Korrelation von Geld und Glück tatsächlich Gestalt annimmt...
»Reich ist, wer weiß, dass er genug hat.«19 (Laotse)
Wer das Glück-durch-Geld-Paradigma mit etwas Abstand betrachtet, mag erkennen, wie wenig schmackhaft es doch ist. Verzahnt mit materialistischen Idealen, welche vom Zählen, Tauschen und Vergleichen von Gütern geprägt sind, ist unsere Glücksphantasie auch vom Geld, der Imagination materiellen Verlangens, infiziert worden. Dabei brächten andere Spielfelder, auf denen ebenfalls auf Leistung eine Gegenleistung folgt, die begehrten Glücksmomente sehr viel komfortabler hervor, als der Handel mit Geld. So ist zum Beispiel das Mutterglück, welches aufopferungsvolle Fürsorge mit Erfüllung belohnt, weder quantifizier- noch handelbar – dennoch erfolgt die fantastische Bezahlung hier rund um die Uhr, ganz ohne Geld. Gleiches gilt für einen Freundschaftsdienst, bei dem ein Gefallen auch ohne monetäre Vergütung mit Glücksgefühlen entlohnt wird. Würde hier auf eine Leistung Geld-Gegenleistung folgen, so würde der Freundschaftsakt zur Handelsbeziehung verkommen. Und auch ein Lehrender gedeiht durch seine Wissensvermittlung zum Positiven, während er selbst seinen Geist zu bereichern weiß. Anstatt auf das Zerteilen, Abpacken, Bepreisen und Verkaufen seiner Emotionen zu bestehen, erlebt er unentwegt reproduzierbare Glücksmomente als üppige Bezahlung. Wie heißt es so schön: Glück ist das Einzige, das mehr wird, wenn man es teilt. Wozu also jagen wir Geld?
Deprimierenderweise besitzt Geld die behindernde Eigenschaft, gerade solch universelle Glücksbringer anzugreifen. Dies demonstrierte der US-amerikanischer Psychologe Daniel Kahneman in seinem 2011 veröffentlichten Buch Schnelles Denken, Langsames Denken anhand verschiedener Studien, welche die Beeinflussung von Menschen anhand sogenannter Priming-Effekte, eine Art unbemerkte Konditionierung, belegten.20 Hierbei zeigte sich, dass vor allem die Trimmung auf Geld »einige sehr verstörende Effekte«21 erzeugte. Auf Geld fokussierte Menschen sind unabhängiger und selbstständiger, vor allem aber egoistischer, weniger hilfsbereit und weniger umgänglich. Kahneman schreibt: »Der gemeinsame Nenner dieser Befunde besteht darin, dass die Idee des Geldes Individualismus stärkt: das Widerstreben, sich mit anderen einzulassen, von anderen abhängig zu sein oder Forderungen von anderen anzunehmen. [...] Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Leben in einer Kultur, die uns ständig an das Thema Geld erinnert, unser Verhalten und unsere Einstellungen womöglich in Weisen beeinflusst, von denen wir nichts wissen und auf die wir nicht stolz sein mögen.«22
Wie also beurteilen wir den Zusammenhang von Geld und Glück? Kann uns Geld tatsächlich glücklich machen? Offenbar scheint diese Frage von pragmatischen Prämissen abhängig. Im Grunde jedoch ist sie leicht zu beantworten: Nein, Geld per se macht eindeutig nicht glücklich! Ob es uns glücklich macht oder nicht, entscheiden wir zu guter Letzt selbst... Durch unsere Einstellung, Wahrnehmung, Denk- und Verhaltensweise sowie unser Selbstbewusstsein. Wie interpretieren wir seine Vorzüge? Wie seine Schattenseiten? Wie uns selbst? Mit wem vergleichen wir uns? Und wie gehen wir mit dem Ergebnis um? Zwar gibt es Weisheiten zum gekonnten Geldumgang wie Sand am Meer – doch gekonnt mit ihm umgehen können die wenigsten. Sich hilfreiche Tipps in Geldangelegenheiten zu holen, um dem Glück so einen Schritt näher zu kommen, erscheint da als Herausforderung. So besagt zum Beispiel ein orientalisches Sprichwort: »Lass deine Freunde deine Vermögensverhältnisse nicht wissen. Wenn du reich bist, beneiden sie dich, wenn du arm bist, verlassen sie dich.«23 Dies klingt wahrlich nach einem nützlichen Rat. Doch es bringt uns erneut in die Bredouille, nicht über Geld sprechen zu dürfen. Genau aus dieser Nummer wollen wir im Zuge dieses Buches aber ja raus. Vielleicht entnehmen wir dem Ganzen also einfach die Brisanz und sehen es entspannt – frei nach dem einstigen Erzbischof von Konstantinopel, Johannes Chrysostomos, der schon im vierten Jahrhundert zur Einsicht kam: »Reich ist nicht, wer vieles hat, sondern wer weniges braucht.«24
Mit dieser entspannten Haltung werden wir nun ein wenig konkreter. Entfernen wir uns ein Stück vom philosophischen, schwer greifbaren Denken zum Geld und stoßen unmittelbar in die Faktenwelt vor. Um hier die komplexen Zusammenhänge zu begreifen, durch welche die schier unerschöpfliche Thematik des Geldes bestimmt wird, bedarf es zunächst der Aufarbeitung seiner Geschichte. Beginnen wir also ganz von Vorne und schauen uns an, wie das, was so übermäßigen Einfluss auf unser aller Leben nimmt, dermaßen mächtig werden konnte...
Bereits Jahrtausende bevor die ersten Geldmünzen und -scheine aufkamen, existierte Geld in Gesellschaften rund um die Welt. Je nach Kultur und Epoche, war seine sich stetig wandelnde Gestalt recht verschieden. Ursprünglich fand all jenes bevorzugt Verwendung, das zur Verschönerung von Menschen geeignet war. Muscheln, Perlen, Tierzähne, Gold oder Silber gelten als die hierfür wohl bekanntesten Beispiele. Mit ihrer Hilfe verfolgten Menschen das Ziel, sich interessanter und schöner darzustellen. Die so neuzeitlich wirkende Idee, Geld mache attraktiv, ist somit alles andere als neu. Bereits zu seinen Anfängen diente es der Distinktion; als ein Mittel, um seinen Besitzer bei der Partnerwahl glänzen zu lassen. Gleiches erstrebte der Homo Sapiens zuvor schon mit Kleidung oder Bemalung, welche ihn vom nackten Tier unterscheiden und zivilisieren sollten. An diese Denkweise, so könnte man sagen, knüpfte das »Naturgeld« lediglich an.1
Anthropologen zufolge, entstand die Urform des modernen Geldwesens in Mesopotamien, dem sogenannten Zweistromland, im vierten vorchristlichen Jahrtausend.2 Als erste Hochkultur überhaupt, lebten zu jener Zeit die Sumerer an den Ufern der Flüsse Euphrat und Tigris, im heutigen Staatsgebiet des Iraks. Neben der ersten bekannten Schriftsprache, der Keilschrift, entwickelten sie etwas, das die Menschheit für immer verändern sollte: das Geldsystem. Ein wahrer Quantensprung der Zivilisationsentwicklung, wenngleich er noch in den Kinderschuhen steckte. Was den Sumerern damit gelungen war, sollte die Zukunft ihrer Spezies ebenso sehr beeinflussen wie die Erfindung des Rades, Buchdrucks oder Kalenders – doch davon ahnten sie vermutlich noch nichts. Anders als seine späteren Nachfolger, kannte ihr primitives Geldsystem allerdings keinerlei Münzen. Diese wurden erst im Königreich Lydien, Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. kreiert.3 Was es hingegen kannte, war ein Konstrukt, welches das kollektive Geldbewusstsein bis heute beherrscht: der Kredit.
Geprägt von regem Handel und Innovation, nutzte die sumerische Gesellschaft zur Abwicklung ihrer Geschäfte regelmäßig eine Art »Kreditvertrag«. Hierbei wurden auf sonnengetrocknete Tontafeln Keilschrift-Symbole geritzt, welche Auskunft über das bestehende Schuldverhältnis zwischen Kreditgeber und -nehmer gaben. Der US-amerikanische Anthropologe David Graeber, der die Geschichte der Schuldvorstellung phänomenal aufgearbeitet hat, formulierte hierzu in seinem Bestseller Schulden – die ersten 5000 Jahre: »Auch die Kaufleute und Händler trafen untereinander Kreditvereinbarungen. Sie hatten meist die handfeste Form von Tontafeln, auf denen vermerkt wurde, welche künftigen Zahlungen zu leisten seien, und diese Tafeln wurden anschließend in Tonhüllen verschlossen und mit dem Siegel des Schuldners versehen. Der Gläubiger nahm diese Hüllen als Sicherheit entgegen, und bei Rückzahlung wurden sie aufgebrochen. Zu bestimmten Zeiten oder zumindest an einigen Orten wurden diese bullae zu übertragbaren Wertpapieren, wie wir es heute bezeichnen würden.«4
Da die Schafzucht einen Eckpfeiler der sumerischen Wirtschaft darstellte, war der Handel mit Schafen an der Tagesordnung. Auch hier kamen die Tontafeln häufig zum Einsatz, um bestehende Schuldverhältnisse darzulegen und festzuhalten, ähnlich eines Handelsprotokolls. Erwarb zum Beispiel ein Herdenbesitzer Tiere von einem anderen, ohne unmittelbare Gegenleistung erbringen zu können oder wollen, so sicherte der in Ton gepresste Siegel-Beweis sein Schuldversprechen ab. Durch die eindeutig zuzuordnende, exakt zu beziffernde Schuld, mutierte die Tonhülle daraufhin selbst zum Wertgegenstand. Wer sie besaß, hatte Anrecht auf die auf ihr versprochene Leistung. Schon bald kursierten die Tafeln im alten Sumer als Zahlungsmittel – es war die Geburtsstunde des Geldsystems. Dabei war jedes dieser ersten Geldmittel nur entstanden, weil irgendjemand zuvor Schulden gemacht hatte. Und wie wir schon bald sehen werden, hat sich daran seit über 5.000 Jahren nichts geändert.
Tauschhandel
Wer an das Leben alter Kulturen vor der Gelderfindung denkt, ist schnell angehalten, an eine Gesellschaft des Tauschhandels zu denken. An einen Ort, an dem das Hergeben einer Ware mit einer Gegenleistung einhergeht. Und wenngleich es auch seit Generationen so vermutet wurde: die Theorie, frühere Kulturen hätten vor der Einführung des Geldwesens Tauschhandel praktiziert, gilt als widerlegt! Zwar hat es Tauschhandel, wie auch heute noch, tatsächlich gegeben. Doch innerhalb einer Gemeinschaft wurde für gewöhnlich kooperiert. Klassischen Tauschhandel, im Sinne von A gegen B, gab es vorrangig zwischen verfeindeten Gruppierungen, wie Clans oder Stämmen, nicht jedoch zwischen Mitgliedern eines Verbundes.5 Was zunächst merkwürdig klingen mag, erscheint bei näherer Betrachtung durchaus plausibel: Bereits der Begriff tauschen leitet sich vom Wort täuschen ab.6 In ihrem Kern entstammen Tauschgeschäfte der Idee, andere »übers Ohr zu hauen«. Weshalb genau? Da der Tausch mitunter Reibereien, Diskussionen und Zoff à la wie viele Speere für ein Schaf? mit sich bringt, kostet er einiges an Mühe. Und wie jeder weiß, muss Mühe sich lohnen. In der Regel wird ein Tauschgeschäft also nur dann vollzogen, wenn etwas Wertvolleres oder Nützlicheres zu ergattern als abzugeben ist. Ansonsten nämlich wäre die Mühe verschenkt. Um in dem Ganzen somit einen Sinn zu sehen, lautet das übergeordnete Ziel, nach dem Handel besser gestellt zu sein als zuvor. Dieser aus Sicht des Tauschenden oft einseitige Vorteil darf von dessen Handelspartner keinesfalls enttarnt werden, da der Deal sonst platzen könnte. Es gilt daher, ihn mit größtmöglichem Einsatz über »seine vielen Vorzüge« aufzuklären, sprich, ihn zu täuschen. Die alten Völker erkannten damit zu Recht, dass Tauschgeschäfte eine gewisse Problematik mit sich bringen. Häufig enden sie in Uneinigkeit, Streiterei oder sogar Kriegszuständen. Für ein harmonisches Zusammenleben erschienen sie daher auf Dauer ungeeignet.
Auch in der heutigen Zeit spiegeln sich diese Erkenntnisse wider. Die moderne kapitalistische Gesellschaft, die auf dem permanenten Austausch zum eigenen Vorteil beruht, scheint das alltägliche Konfliktpotential nicht gerade zu senken. Im Gegenteil. Eher scheint es, als ließe die Zunahme opportunistischer Geschäfte auch die Zahl der Anwälte stetig anwachsen – um diese hier einmal als Referenzmaß zweckzuentfremden. Waren in Deutschland 1950 noch exakt 12.844 Anwälte zugelassen, so waren es nur 50 Jahre später ganze 104.067. Im Jahr 2017 wiederum, lag ihre Zahl bereits bei 164.393.7 Im Vorreiterstaat des entfesselten Kapitalismus, den USA, herrscht heute die mit Abstand höchste Anwaltsdichte der Welt.8 Tatsächlich also scheinen Streitigkeiten und Handel Hand in Hand zu gehen.
Es überrascht daher wenig, dass erste Handelsmärkte im Zuge von Expansionskriegen entstanden.9 In der vorchristlichen Achsenzeit, einer vom deutschen Philosophen Karl Jaspers benannten und auf ca. 800 bis 200 v. Chr. datierten Epoche,10 zogen erste Marketender im Windschatten militärischer Truppen durchs Land. In den gerade eroberten Gebieten versorgten sie die Soldaten mit Waren des täglichen Bedarfs. Zur Abwicklung des Markthandels in fremden Regionen, erhielten diese Soldaten ihre Bezahlung in Münzgeld, dem sogenannten Sold – und mit ihm ihren Namen.11 Sowohl Märkte als auch Münzgeld entstanden somit aus den Anforderungen der Kriegstreiberei. Ein fast prophetischer Fakt, bedenkt man die vom Kapitalismus provozierten Kriegsschauplätze der Gegenwart; all der Terror und Schrecken, der wegen Geld-getriebener Märkte über die Welt hereinbricht. Doch dazu kommen wir noch...
Skizzieren wir zunächst den Verlauf der Geschichte fort. Auch David Graeber griff die Achsenzeit als Wurzel kapitalistischer Phänomene auf. Hierüber schrieb er: »Bei Bargeschäften zwischen Fremden verhielt es sich anders, insbesondere wenn der Handel in einem kriegerischen Umfeld stattfand und mit der Verteilung von Kriegsbeute und der Verpflegung von Soldaten zusammenhing. [...] Hier reduzieren sich Transaktionen schlicht auf Überlegungen darüber, wie viel x man für y erhält, also auf das Berechnen von Verhältnissen, das Einschätzen der Qualität und den Versuch, bei diesem Geschäft möglichst gut abzuschneiden. Dies führte in der Achsenzeit zu einer neuen Art des Denkens über die Beweggründe des Menschen, zu einer radikalen Vereinfachung von Motiven, die es ermöglichte, Begriffe wie Gewinn und Vorteil zu verwenden. [...] Die Gewalt des Krieges und die Unpersönlichkeit der Märkte haben es ihnen erlaubt...«12
Im Laufe des ersten Jahrtausends v. Chr. etablierte sich Geld allmählich in allen bedeutenden Kulturen. Bereits ab ca. 1000 v. Chr. florierte es in Form von bronzenen Messer- und Spatenspitzen in China, verziert mit Muschelrepliken.13 Mit der Zeit setzten sich jedoch nahezu allerorts verschiedenste Arten von Metallmünzen durch. Da vor allem Edelmetalle allgemein knapp waren, taugten sie am ehesten zum werthaltigen Tauschmittel. Stabil und schwerlich vermehrbar, schienen sie als Geldmittel prädestiniert. Dabei hatte all das neue Münzgeld eines stets gemein: Sein Handelswert beruhte auf seinem materiellen Eigenwert! Über eine unveränderliche Größe, das physikalische Maß Gewicht, waren die Edelmetalle jederzeit konstant und einheitlich bewertbar. Denn so düster die Zeiten auch sein mochten: ein Kilogramm reines Gold behielt immer den Wert eines Kilogramms reinen Goldes – komme, was wolle.
Verglichen mit anderen Handelsmitteln bot Münzgeld viele Vorteile. Im Gegensatz zu organischen Dingen wie Nahrungsmitteln oder Holz verrottete es nicht. Und im Gegensatz zu Ackerland oder Immobilien (wie schon ihr Name, von lat. immobilia - »unbeweglich«, verdeutlicht)1 war es transportabel. So wundert es nicht, dass Menschen der münzbasierte Handel vielerorts und zu ganz unterschiedlichen Zeiten als praktikable Lösung erschien. Schon zu vorchristlichen Zeiten kamen in antiken Metropolen, wie Alexandria, Athen oder Rom, Institutionen auf, die sich den gewerbsmäßigen Umgang mit Zahlungsmitteln auf die Fahnen geschrieben hatten.2 Besonders ab dem 13. Jahrhundert blühten unter Zusammenschlüssen von Kommissionären und Warengroßhändlern, welche sich über Kredit- und Wechselgeschäfte Zugang zum Geldhandel verschafften, die Anfänge des modernen Bankwesens in Norditalien auf. Bedeutende Bankiersfamilien aus Florenz, wie Bardi oder Peruzzi, unterhielten bereits zu Beginn des 14. Jahrhunderts Bankfilialen in fast allen wichtigen Handelszentren Europas.3 Mit der 1397 gegründeten Banco Medici, dem berühmtesten und einflussreichsten Bankhaus der italienischen Renaissance, legte Giovanni di Bicci de' Medici den Grundstein zum Aufstieg einer der mächtigsten Familiendynastien der kommenden drei Jahrhunderte.4
Vermutlich mag es daher der Erfolgsgeschichte des Münzgeldes geschuldet sein, dass seine physische Gestalt über lange Zeit wenig Veränderung erfuhr. Transportabel und nahezu unkaputtbar, überdauerte das glänzende Klimpergeld Epoche um Epoche. Lediglich das enorme Gewicht beim Transport größerer Summen kratzte gelegentlich am Image des begehrten Metalls. Insbesondere wohlhabende Kaufleute litten hierunter auf ihren Reisen. Zudem begleitete sie die stetige Angst, von Dieben überfallen und ihrer Ersparnisse beraubt zu werden. Die zu damaliger Zeit verbreiteten Postkutschen beispielsweise, wie sie US-amerikanische Western-Filme gerne in Überfallszenen miteinbeziehen, waren seit jeher beliebte Ziele der Plünderei. Bereits im Cursus Publicus, dem Postdienst des antiken Roms, wurden sie regelmäßig eingesetzt. Im Jahre 1657 schließlich richtete man die erste permanente Postkutschenlinie in England zwischen London und Chester ein.5 Oft wurden Reisende hier von Wegelagerern überrascht, welche die Herausgabe ihrer Ersparnisse verlangten. Das eigentlich so vorteilhaft handzuhabene Geld erwies sich dabei als enormer Nachteil.
Während münzbefüllte Truhen durch das England des 17. Jahrhunderts kutschiert wurden, war das Königreich Karl I. von einer allgemeinen Erhöhung der Warenproduktion und prosperierendem Handel geprägt. Im Schatten der Kaufmannsgilden wuchs vor allem London zum zentralen Handelsplatz der späteren Britischen Inseln heran. Immer mehr Finanzkapital konzentrierte sich hier auf engem Raum. Zunehmend war es den Begehrlichkeiten jener ausgesetzt, die am aufstrebenden Treiben nicht partizipierten. Vor allem die Mittler des Warenaustauschs, die am Umschlag verdienenden, wohlhabenden Kaufleute, suchten nach Möglichkeiten zur sicheren Verwahrung ihrer Gelder. Da diese zu jener Zeit aus Goldmünzen bestanden, entsprang ihrer Notlage ein naheliegender Gedanke: Warum sollten es nicht sinnhafter Weise die Goldschmiede sein, welche die Goldmünzen verwahrten? Ihre als Zwischenlager schon vorhandenen Tresore erschienen als ideales Depot. Und tatsächlich, gegen eine nur kleine Gebühr für ihre Mühen, wurde man sich einig.
Um die Tresorinhalte jederzeit ihren Eigentümern zuordnen zu können, erhielt ein Jeder von ihnen einen quittierten Lagerschein, die sogenannte Goldschmied-Note (engl. goldsmiths note). Auf ihr wurden sowohl die Höhe des hinterlegten Betrags als auch der rechtmäßige Eigentümer des Geldes notiert. Bereits ab 1633 kam sie regelmäßig als Beleg für Aufbewahrungs-Dienstleistungen zum Einsatz.6 Rückblickend betrachtet, war sie die erste klassische Banknote der Welt.
Zwar war die Verwahrung des Geldes nun vorerst gesichert, doch schon nach kurzer Zeit offenbarte sich ein gewichtiges Manko: Immer dann, wenn ein Bürger auf dem Marktplatz Handel treiben wollte, fehlten ihm seine Münzen. Um seine Geschäfte bestreiten zu können, musste er sich zunächst zum Goldschmied seines Vertrauens bemühen. Hier holte er einen Teil seines Ersparten ab, um ihn anschließend seinem Handelspartner zu übergeben. Dieser wiederum marschierte zwecks Wiedereinlagerung abermals zum Goldschmied zurück, um sein verdientes Geld sicher verwahrt zu wissen. Ein auf die Dauer überaus unpraktisches Vorgehen.
Dieser Unbequemlichkeit sei Dank, erwuchs die Idee zur Erfindung des ersten Inhaberpapiers7 – einer der wichtigsten Schritte hin zum heutigen Geldwesen. Bei diesem Wertpapier handelte es sich um ein verbrieftes Recht, das von seinem Inhaber geltend gemacht werden konnte. Wer es besaß, konnte sich gleichzeitig Eigentümer jener Ware nennen, zu deren Inbesitznahme das Dokument berechtigte. Durch seine Weitergabe übertrug sich somit auch der aus ihm hervorgehende Eigentumsanspruch; eine Art Stellvertretergut, zum Austausch sich nicht vor Ort befindlicher Dinge. Für die Menschen jener Zeit bot dies revolutionäre Möglichkeiten. Anstelle des umständlichen Austausches schwerer Goldmünzen, welche zuvor ein jedes Mal aus dem Depot zu holen waren, zahlten sie nunmehr mit handlichen Lagerscheinen. Das echte Geld verblieb derweil im Tresor, und wechselte fortan seine Eigentümer, ohne auch nur angerührt werden zu müssen.
Der praktische Handel mit Lagerscheinen florierte schnell. Zunehmend wich dem Vertrauen in das System das Bedürfnis, echte Münzen herumzuschleppen. Kaum einer verlangte noch die Herausgabe seines rechtmäßigen Eigentums, wenn es doch soviel einfacher war, Inhaber-Wertpapiere kreisen zu lassen. Eine völlig neue Form des Zahlungsverkehrs war damit geboren. Und das nicht zum Leidwesen der Goldschmiede, im Gegenteil!
Während die ersten Banknoten immer mehr Fuß fassten, strapazierte ein wahres Martyrium die englische Gesellschaft des 17. Jahrhunderts. Als wäre die Pest nicht genug, welche ihre Opfer zu Millionen dahinraffte, begleiteten zahllose Kriege die Geschehnisse jener Zeit. Da gab es den Neunjährigen Krieg (1594-1603), den Ersten Englischen Powhatan-Krieg (1608-1614), den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), den Englisch-Spanischen Krieg (1625-1630), den Pequot-Krieg (1636-1638), die Bischofskriege gegen Schottland (1639-1640), die Irischen Konföderationskriege (16411653), die Englischen Bürgerkriege (1642-1649), den Zweiten Englischen Powhatan-Krieg (1644-1646), den Ersten Englisch-Niederländischen Krieg (
