T 1000 - Hans Richter - E-Book

T 1000 E-Book

Hans Richter

0,0
0,49 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"T 1000" ist ein Techno-Thriller über ein transatlantisches Rennen von Riesenflugzeugen, in dem ein deutscher Ingenieur einen Konkurrenten rettet, dessen Superflugzeug "Leviathan" zur Landung im Atlantik gezwungen worden ist. Nachdem er einem britischen Piloten bei der Reparatur des abgestürzten Flugzeugs geholfen hat, fliegt er lieber nach Deutschland zurück, als seinen Rivalen in die USA einzuholen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Hans Richter

T 1000

Roman eines Riesenflugzeuges
 
e-artnow, 2023 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
XXX

I

Inhaltsverzeichnis

»… betrachten wir es als eine Ehre und einen Vorzug für Holland und für die Stadt Amsterdam ganz besonders, so viele hervorragende Vertreter des Flugwesens in unserer Mitte zu sehen. Ich begrüße Herrn Geheimrat von Gordon, den Präsidenten des deutschen Lufttrustes …« Er nannte eine Reihe von Namen, die in dem allgemeinen Beifallsgemurmel untergingen.

Legationsrat von Lettau, der Vertreter des deutschen Gesandten, beugte sich zu seiner Nachbarin hinüber. »Jetzt kommt die ganze Speisekarte der fliegerischen Prominenz, schön der Reihe nach, zuerst das Kapital, dann die Männer vom Bau.«

Die Namen schwirrten weiter. »… Viscount Macmorris, William Robertson aus Louisville, MacKenney …«

Barbara von Gordon spielte mit ihrer Tischkarte. »An der Reihenfolge werdet ihr den Wert erkennen.«

Ihr Nachbar zur Rechten sagte kein Wort, das reizte sie.

»Man kann an Ihnen nicht vorbei, Truckbrott.«

»Warum nicht?« fragte der gleichmütig.

»Weil Sie als Erster mit einem Serienflugzeug die russische Steppe und die Wüste Gobi bezwungen haben. Es wäre eine Brüskierung der deutschen Luftfahrt.«

»Truckbrott« – der Name stand einen Augenblick für sich allein, wie ein Programm, losgerissen aus dem Vorher und Nachher. Dann in die Pause hinein: »Besonders aber danken wir Herrn Alexander Surewski, dem genialen Fliegerkonstrukteur, für seine Absicht, morgen, am Tage unseres Meetings, sein Riesenflugzeug zum Fluge über den Atlantik zu starten. Das Meeting von Schiphol wird ein Markstein in der Geschichte der internationalen Fliegerei werden.«

Weil man in der Frage der russischen Nationalhymne nicht recht unterrichtet war, spielte die Musik das Sternenbannerlied, das stehend angehört wurde.

Lettau spottete. »So singen wir dem Kapital ein neues Lied, schließlich bezahlt ja Amerika die ganze Geschichte.«

Der Bürgermeister von Amsterdam hatte sein Glas geleert und setzte sich befriedigt. Die Arbeit war getan, jetzt kam das Vergnügen. Es wurde bereits auf mächtigen Schüsseln hereingetragen. Hummer mit geschlagener Butter, dazu Sekt, den der französische Aeroklub im Flugzeug erst heute geschickt hatte. Eine Privatmarke, die der Handel nicht führte.

Geheimrat von Gordon sprach mit dem Viscount Macmorris. »Der Russe kann mit seinen Lorbeeren zufrieden sein. Sie kennen das Unternehmen, Lord?«

Der aß gelassen weiter. »Wie Sie.«

Gordon lachte. »Also hat er es Ihnen auch angetragen?«

» Well.«

»Und Sie haben abgelehnt?«

» I think so, Sir.« Zwischen dem Knacken der Hummerschere kamen halblaut die Worte: »Wir haben kein Interesse an dem Atlantik, England braucht Verbindung mit den Dominions, mit Australien, Indien –«

»Und mit Kanada?«

»Später.«

»Herr Surewski wäre sicher gern auch nach Bombay geflogen«, bohrte der Hamburger.

» Surely, aber er wäre nicht angekommen, MacKenney ist uns sicherer. Surewski möchte fliegen, MacKenney ist geflogen.«

»Bei aller Anerkennung der Leistung, Viscount Macmorris, Rekorde mit Sondermaschinen haben mangelnde Beweiskraft.«

Der Engländer verzog den Mund. »Auch wenn man Peking anfliegt, Geheimrat von Gordon?«

»Mit einem Serientyp«, parierte der.

Macmorris versenkte sich in das Schwanzteil seines Krusters. »Natürlich ist die Serie die Zukunft. Regelmäßiger Streckenverkehr. Aber der Rekord ist sein Vorläufer.« Er musterte den kleinen deutschen Flieger, der eben wieder mit Barbara von Gordon sprach. »Mister Truckbrott sieht aus wie ein Rennreiter, er hat Rasse.«

»Und Ruhe, Lord, Nerven wie Eisen.«

»Auch im Flirt«, die beiden mußten in Meinungsverschiedenheiten gekommen sein, Barbaras Augen blitzten unwillig.

»Sie müssen morgen starten, Truckbrott.«

Der Botschaftsrat unterstützte sie. »Aber das ist doch selbstverständlich.«

»Mir nicht.«

»Mir nicht, mir nicht«, höhnte Barbara. »Sie sind wie ein Stockfisch, Truckbrott, Sie haben Starlaunen seit Ostasien.« Ihr kleiner Absatz trommelte das Parkett. »Papa hat sich besonders dafür eingesetzt, daß unsere größte und neueste Maschine hier ist. Ganz natürlich, um sich in der Luft zu zeigen.«

»Natürlich.«

»Na, und?«

»Geheimrat von Gordon weiß, wie ich über Flugmeetings und Luftverkehr denke. Besonders über das morgige. Unsere Sportmaschinen werden starten und an den Konkurrenzen teilnehmen – mit Sportfliegern. Geschwaderflug, Einzelflug, auch ein bißchen Akrobatik. Und dann wird die D 1150 fahrplanmäßig anrollen, unter ihrem Piloten vom Dienst, und wird ihren Streckenflug nach London antreten. Pünktlich und fahrplanmäßig, wie jeden Tag. Regelmäßiger, exakter Dienst, ohne Mätzchen, das ist unsere Reklame, Fräulein von Gordon.«

Barbara konnte sich nicht mehr beherrschen. »Und mit dieser Spießbürgerei werden wir uns vor aller Welt lächerlich machen, Herr Truckbrott, Surewski und die Amerikaner werden morgen das Tagesgespräch sein.«

»Das hoffe ich nicht, gnädiges Fräulein.« Truckbrott wurde sehr ernst.

Die ließ sich nicht stören. »Das ist Sportgeist und Sinn für Rekord, aber wir werden im Luftkutschertum versauern.«

Weil MacKenney hinter ihn getreten war, konnte Truckbrott nicht antworten. Einen Augenblick hatte es in seinem Gesicht gezuckt, als das böse Wort fiel: Luftkutschertum. Und Barbara hatte es bemerkt. Aber sie wollte es nicht zurücknehmen, sie wollte ihn reizen, diesen Eiszapfen, ihm wehtun.

Der Diplomat schüttelte den Kopf. »Das war böse, Fräulein von Gordon.«

Achselzucken. »Er soll wissen, was ich von seiner deutschen Gründlichkeit denke. Überlegen Sie doch, Lettau, das, was die Amerikaner heute sind, könnten wir Deutschen sein. Surewski hätte seine Riesenmaschine gern in Deutschland gebaut und einen deutschen Piloten mit auf die Reise genommen, das weiß ich. Was MacKenney kann, leistet Truckbrott spielend. Es wäre ein Gegengewicht für den Australienflug geworden. Und jetzt –«

Der Schotte hatte den deutschen Kollegen in eine Fensternische gezogen. Breitschultrig, beide Hände in den Taschen seiner weiten Hose, stand er vor dem zierlichen Truckbrott. »Ich fliege lieber im Drehsturm als hier in dem Weihrauch«, sagte er.

In Truckbrotts Ohren klang Barbaras Wort noch nach. Warum hatte sie ihm das gesagt? Um ihn zu kränken? Um ihm wieder einmal den Abstand zu zeigen, der zwischen ihm und ihr klaffte. Zwischen dem simplen Verkehrsflieger und der Tochter des Hamburger Trustmagnaten? Das wäre nicht nötig gewesen. Auch wenn sie heute die großen Streckenflieger feierten, mehr vielleicht, als die Sache es wert war, denn was bei einem Fluge über unerforschtes Gebiet geleistet werden mußte, das wußte nur der kleinste Teil der Gesellschaft, die heute zu Ehren der internationalen Fliegerei aß und trank. Morgen war er wieder der simple Pilot, Führer irgendeiner fahrplanmäßigen Maschine zwischen London, Paris und Moskau, einer, der vorn am Steuer im ölgetränkten Fliegeranzug saß und der kaum mit denen in Verbindung kam, die er führte. Luftkutscher – so etwas wie ein herrschaftlicher Chauffeur oder ein Zugführer.

»Surewski hat mich eingeladen mitzufliegen, er will in Paris zwischenlanden, nur für mich«, lachte der Engländer.

Truckbrott rückte sich zusammen. »Sie werden mitfliegen?«

» No.«

»Warum nicht?« Die Gedanken glitten schon wieder davon.

»Ich bin in Deutschland gewesen, Mister Truckbrott, in Ihren Fabriken. Man ist sehr liebenswürdig da gewesen. Ich habe Ihre Modelle gesehen und Ihre Einrichtungen. Habe gesehen, wie so ein Ding auf dem Konstruktionsbrett aus Linien und Formeln wird, wie ihr Deutschen die Motoren immer wieder auf den Bremsstand stellt, wie ihr Modelle baut, und wie eure Gelehrten wochenlang am Kanalstrom sitzen und rechnen und rechnen. Und wie ihr dann Schritt für Schritt vorwärts geht, immer weiter und weiter. Man kann in der Fliegerei nur arbeiten, nicht springen.«

»Und in England, MacKenney?«

Der wartete. Endlich. »Wir sind mehr Sportsleute als ihr, Truckbrott. Wir arbeiten exakt, aber manchmal verlassen wir die gerade Linie, for the people, wissen Sie. Und weil die Regierung für ihre Subventionen etwas sehen will. Deshalb bin ich nach Australien geflogen, das ist ein Rekord. Aber er wird für sich bleiben, und es wird lange Zeit dauern, bis die Imperial Airways ihre Linie nach Bombay aufnehmen. Aber ihr, wenn ihr wollt, könnt ihr in sechs Monaten oder in drei mit Passagieren nach Ostasien fliegen. Euer Stahltyp ist gut.«

»Sie wollten von Surewski sprechen«, erinnerte ihn Truckbrott.

»Ich habe den ›Leviathan‹ heute gesehen, Sir. Viel Holz, viel Verspannung, viel Benzin, und die Motoren zu leicht.«

»Die Probeflüge sind gut gewesen.«

»Sagt William Robertson aus Louisville. Weil's ihm Surewski so gesagt hat. Denn selbst versteht er es nicht. Sonst müßte er wissen, daß Surewski morgen zum ersten Male mit vollen Benzintanks starten wird.«

Truckbrott sah den Schotten entgeistert an. »Das ist Wahnsinn, MacKenney, man muß ihm das ausreden.«

»Was, bitte?« Die harte Stimme des Russen klang plötzlich dicht neben ihnen. Er hatte eine Zigarette im Munde und rauchte hastig. »Was muß man mir ausreden, lieber Freund?«

»Den Start.«

Eine blasse, schwarzhaarige Frau drängte sich neben den Russen. Olga Surewski sprach nur Französisch, so hatte sie von den englischen Worten nur den Sinn erraten können. Ihre Hände zitterten. »Sie haben kein Vertrauen in den ›Leviathan‹, Messieurs?«

Surewski zerknüllte seine Zigarette, warf sie achtlos auf den Boden und tastete nach einer neuen. Er stieß ein paar russische Worte hervor.

»Ihr Herr Gemahl sollte die vollbeladene Maschine noch einmal Probefliegen lassen«, sagte Truckbrott ruhig.

»Das ist geschehen.«

»Ballast und wirkliche Ladung ist nicht das gleiche, besonders bei der Anordnung Ihrer Benzintanks.«

»Die Sie mir nachmachen werden«, klang es höhnisch. »Gerade die Tankanlage ist genial.«

»Und leichtsinnig.«

Surewski lachte gezwungen. »Pedant.«

Aber in der Russin war die Angst wach geworden, sie wandte sich an den Schotten. »Was sagen Sie, Monsieur?«

Der mußte Truckbrotts Dolmetscherdienst erbitten, aber was er antwortete, übersetzte Surewski sofort ins Russische und entzog es so der Kontrolle der beiden Fachleute. Dann wandte er sich noch einmal an den Schotten.

»Ich wiederhole meine Einladung, Mister MacKenney, fliegen Sie mit mir bis Paris, Sie werden so den ›Leviathan‹ am besten schätzen lernen. An Sie, Herr Truckbrott, darf ich die gleiche Einladung wohl kaum richten?«

Der blieb kühl. »Jedenfalls müßte ich dankend ablehnen. Übrigens bin ich hier in Amsterdam im Dienst des Lufttrustes und habe nach dem Meeting eine Maschine nach Berlin zu starten.« Er machte eine kühle Verbeugung. »Ich bitte um Entschuldigung, aber Geheimrat von Gordon –«

Surewski sah ihm nach. »Die Deutschen werden nie wirklich große Erfolge erzielen, sie ersticken in Dienstauffassung und Pedanterie. Ich habe Ihre Landung heute bei Schiphol auf dem engen Kanal angesehen, Mister MacKenney, ein sportliches Meisterstück, würdig des Australienfliegers und der großen englischen Nation.«

»Oh, ich habe gezittert, als mein Mann es mir sagte, und als Sie wie ein Sperber herabschossen.« Olga Surewski umwarb den schwerblütigen Schotten, wie es ihre Art war. »Und dann, als das Flugzeug auf dem Kanal dahinglitt, war ich doch froh. Sie und Sascha, Sie werden die Helden des Rekords sein.«

MacKenney schüttelte ihr die Hand. »Sie sollten ihm zureden, noch eine Probe zu machen, Missis Surewski«, sagte er.

Aber der Russe übersetzte etwas ganz anderes.

Barbara war Truckbrott in den Weg getreten. »Sind Sie mir böse?«

»Sie können wohl nicht anders denken, Fräulein von Gordon. Von einem Palais an der Elbchaussee aus sieht man die Welt anders an als vom Führersitz des Flugzeuges.«

»Bitte werfen Sie mir meine Herkunft nicht vor.«

»Tat ich das? Es geschah ohne Absicht, ganz gewiß. Man muß Verhältnisse und Dinge nur klar sehen können. Heute und morgen ist Ihnen die Fliegerei etwas Außergewöhnliches, heute sind wir, wie sagt man doch – die Helden des Tages. Eine kurze Zeitspanne, dann versinken wir wieder in der Alltäglichkeit, im Luftkutschertum.«

Impulsiv streckte ihm Barbara die Hand hin. »Verzeihen Sie, ich hab's nicht bös gemeint.«

»Das weiß ich, eben weil Sie Sie sind, die Barbara von Gordon, für die das Leben eine Kette von Annehmlichkeiten bedeutet.«

»Und für Sie, Truckbrott?«

»Das ist kein Gespräch für den Prunksaal des Rathauses von Amsterdam, Fräulein von Gordon.«

Wieder der Trotz. »Aber ich will es mit Ihnen führen, durchsprechen, durchfechten.«

»Vielleicht später.« Er freute sich, daß der Geheimrat sie am Weiterreden hinderte. »Wirbt Barbara um einen Tanzkavalier, Herr Truckbrott?«

»Du bist unmodern, Papa, die Zeiten der Tanzkarte sind vorbei. Nur der erste Foxtrott ist vergeben, an Herrn von Lettau. Aber später – Sie verschieben ja alles so gern auf später, Herr Truckbrott.«

Der Geheimrat sah ihr nach. »Was hat's denn gegeben?«

»Nur ein angeschnittenes Privatissimum über Sport- und Verkehrsfliegerei, Herr Geheimrat, auf verschiedenen Ansichten aufbauend und in der Frage gipfelnd, warum die deutsche Großmaschine morgen in der Konkurrenz nicht starten wird.«

»Die Herren vom Aufsichtsrat hätten es gern gesehen – auch MacKenney hat zugesagt.«

»Als Sportflieger, ich bin Verkehrsmann – und für den Streckenflug wartet morgen alles auf den ›Leviathan‹.«

»Man hört überall ›Leviathan‹, ich wollte das so. Ein gutes Flugzeug, wie?«

Gordon warf dem Flieger einen mahnenden Blick zu, aber ehe der antworten konnte, sprach der Amerikaner weiter. »Der Start ist das Ereignis des Meetings, in dreißig Stunden bis Neuyork, das ist etwas. Ich habe in Detroit mit Mister Ford gesprochen – und in Washington mit –«

»Warum haben Sie die Maschine nicht in Neuyork starten lassen, Mister Robertson?« wollte der Geheimrat wissen.

Der wurde theatralisch. »Amerika ist die Zukunft, das Ziel, das siegreiche Flugzeug muß die Liberty umkreisen, nicht das startende. Auch Mister Coolidge –«

»Und deshalb haben Sie Motoren, Rumpfteile und Brennstoff zu Schiff über den Atlantik geschafft, nur um sie durch die Luft zurückzuführen, denn an Passagiere und Last ist nicht zu denken.«

Robertson verstand nicht. »Wir wollen einen Rekord aufstellen, wie Sie in Ostasien.«

»Das Ziel ist der Passagierflug.«

»Vorläufig ist Neuyork unser Ziel, Mister von Gordon.« Die Tanzmusik unterbrach ihn. »Wissen Sie, wo Mrs. Surewski ist? Ich soll eine Runde mit ihr machen, for representation.«

Als Lettau mit Barbara vorbeitanzte, suchten deren Augen den Flieger. Sie flüsterte ihrem Tanzpartner ein paar Worte zu und ließ sich von ihm zu ihrem Vater führen. »Herr von Lettau suchte dich, Papa, ich dispensiere Sie gnädigst.« Sie lächelte. Und dann leise zu Truckbrott:

»Tanzen Sie mit mir.« Es klang scharf.

Er verbeugte sich. »Wenn Sie befehlen.«

Und Barbara ganz leise: »Truckbrott, ich bitte.«

Da legte er den Arm um sie.

II

Inhaltsverzeichnis

Mitten in der Nacht hatte der Monteur bei Surewski angerufen. Mit zwei Mechanikern hantierte er im unsicheren Scheinwerferlicht an den Verspannungen und den Motoren des ›Leviathan‹ herum. Es war alles gut, nur die linke Maschine muckte, wollte nicht anspringen, und tat sie es endlich nach langer Arbeit doch, dann blieben die Geräusche unrein.

Olga Surewski stand blaß und übermüdet mitten im Zimmer, während ihr Mann aufgeregt in den Apparat hineinsprach.

»Was ist, Sascha?«

Der schlug den Hörer auf die Gabel. »Diese Idioten werden mit den Vergasern nicht fertig. Wassily hat Lampenfieber wie ein Theatermädel vor dem ersten Auftreten. Er hat so lange an den Düsen gestellt, bis sie nun endlich versagen.«

Sie versuchte ihn zu beruhigen. »Leg' dich zu Bett, Sascha, du mußt Ruhe haben. Bedenke doch, die Anstrengung des weiten Fluges.«

Ohne auf sie zu hören, hatte er den Frack und die weiße Weste abgerissen, stieß den Schrank auf und suchte nach dem Straßenanzug. »Das sind Kindereien.«

»Robertson sagt doch aber, du hättest die besten Motoren, das einwandfreieste Material.«

»Robertson, Robertson.« Surewski fuhr sich durch die Haare. »Dieser Ignorant, dieser aufgeblasene Konjunkturgewinnler, der nichts einsetzen will und nur herausziehen. Ja, wenn ich es wie Truckbrott hätte, oder wie dieser ewig grinsende Schotte, dann schliefe ich die Nacht auch ruhig, kümmerte mich um nichts und führe morgen eine Stunde vor dem Start nach Schiphol. Aber so – zuerst sollte aus dem Vollen gewirtschaftet werden – und dann wurde gespart. Gespart – bei einem Riesenflugzeug, bei dem an jeder Verspannung der Tod lauert. Hast du diese deutsche Maschine gesehen?«

Olga zitterte. »Du weißt, Liebling, ich verstehe nichts von technischen Dingen, aber sie sieht plump und schwerfällig aus gegen den ›Leviathan‹, ist's nicht so, Sascha?«

»Plump? Ein Guß ist sie, ein durchdachtes Ganzes, ein Ding. Aber wir werden es diesen pedantischen Deutschen doch zeigen, wie man Pedanterie mit Genialität schlägt.«

Sie streichelte ihm stolz das Haar. »So liebe ich dich, Sascha.«

»Geh schlafen, Olga, du bist müde.«

»Und du?«

»Ich fahre auf das Flugfeld.«

»Dann komme ich mit«, sagte sie mit einer Energie, die ihm sonst fremd war an ihr.

Das Auto raste durch die Nacht, schoß die engen Chausseen entlang, über Brücken, an schlafenden Häusern vorbei. Nervös ließ Surewski das Horn in das Dunkel hineinschreien. Dann holperten sie über das Gras auf den Hangar zu und stoppten dicht vor der Zeltwand.

»Wassily!«

Zitternd vor Kälte wickelte sich Olga Surewski in ihren Mantel. Ihr Mann beachtete sie nicht mehr. Er schwang sich auf die Tragfläche und beugte sich in den Motor hinein, um den die andern ratlos standen. Kurze Befehle für den Anwerfer und den Monteur am Schallbrett. Tiefes Atemholen, das seelenlose Ding da oben saugte Luft ein.

»An!«

Die unten zogen mit schweißglänzenden Gesichtern, sie spürten die Nachtluft nicht.

»Aus!«

Eine Wendung der Handlampe beleuchtete Olgas todblasses Gesicht. Surewski erinnerte sich. »Geh schlafen.« Und als sie sich hilflos umsah: »Drüben im Flughotel wird man dir ein Zimmer geben.«

Mit schweren Füßen schleppte die Frau sich durch die Nacht, stolperte, fiel fast und zwang sich doch weiter. An den dunklen Hangars und an der Halle vorbei. Wenn sie sich umwandte, sah sie gespenstische Schatten drüben, glaubte alles deutlich zu erkennen und unterschied doch nichts. Und als sie endlich todmüde auf das Bett in dem kleinen Eckzimmer sank, das man ihr erstaunt eingeräumt hatte, fiel sie in marternden, wildbewegten Schlaf. Kämpfte mit dem Motor, der plötzlich ein Tier geworden war, eine Spinne mit langen Saugarmen, die nach ihr griffen. Und hörte das stoßweise, verzweifelte Atmen der Maschine.

Wie lange sie so gelegen haben mochte, wußte sie nicht. Ein Donnern und Brausen riß sie aus der Furchtbarkeit ihres Traumes. Ein Gedanke packte sie: Der ›Leviathan‹! Ein Entsetzen: Jetzt, in der Nacht, war Sascha aufgestiegen – ohne daß sie es wußte –

Oder sie hatte die Zeit verschlafen.

Mit bloßen Füßen lief sie ans Fenster, riß es auf. Schweigende Nacht, nur hoch oben über ihr die gleichmäßigen Geräusche von Motoren, ein heller Lichtstreif, wie ein Komet, eine Silhouette. Jetzt senkte das Fabelwesen sich, glitt niedrig über den Platz hinweg, drei, vier schmatzende Geräusche kurz hintereinander, und nun standen grelle Lichter frei in der Luft – Landelichter, die das Flugzeug abschoß. Und die den Grasboden in Tageshelle tauchten. Ein suchender Finger – der Scheinwerfer.

Ruhig, wie am lichten Tage, glitt das deutsche Nachtflugzeug von Berlin in den Lichtkreis, setzte auf, sprang einmal – noch einmal, rollte aus, um dann kurz vor den Hangars zu wenden und mit halber Kraft auf den Asphaltplatz zurückzukehren.

Olga Surewski preßte das Taschentuch zwischen die Zähne, sie hätte sonst aufschreien müssen, weil die überlegene Ruhe ihre Nerven zerriß.

Als sie zum zweiten Male aufwachte, war heller Tag. Sie tastete neben sich. Nein, er war nicht gekommen. Aber das ganze Flugfeld schien ihr ein Leben. Die Hangars atmeten weit geöffnet, Jagdmaschinen standen in Reihen gerichtet, Menschen liefen über das Feld mit Markierungsflaggen, steckten ab, maßen. Dicht an der Halle sechs Ungeheuer. Die silbergrauen Flügel der Deutschen neben dem lichten Gelb der französischen Luxusmaschinen Farmans, neben dem Blau der Niederländer. Alle mit Stricken verankert, schwere Klötze vor den Fahrgestellen.

Und alle bevölkert von Menschen, die sie fertigmachten.

Hier sprang ein Motor an, der Propeller raste, und der scharfe Luftzug zwang das Gras in Wellen. Dort drei, vier Gestalten, die die Verspannungen prüften. Weit hinten trieb ein Mann seine Pferde an, die die Mähmaschine über das Feld zogen.

Alles sah die Frau deutlich. Nur den ›Leviathan‹ nicht. Der Hangar mit dem Sternenbanner lag wie tot da.

Muffige, benzingeschwängerte Luft umfing Olga, als sie die Tür aufstieß. Übermächtig mit ihrer gigantischen Spannweite drohte die Maschine, die Propeller standen.

»Sascha!«

Unter dem Fahrgestell regte es sich. Ein russischer Fluch.

»Sascha!«

Aus Tüchern und Decken wickelte sich ein Mensch mit wirrem Haar. Alexander Surewski sah wenig dekorativ aus in der ölbefleckten Frackhose.

»Es war zu spät, ich wollte dich nicht stören«, sagte er.

»Und der Motor?«

Er machte eine Armbewegung. »Was willst du, es ist alles in Ordnung, er macht die volle Tourenzahl – aber das verstehst du ja doch nicht.«

»Sag' mir's, Sascha,« bat sie, »auch wenn ich das Technische nicht begreife, ich werde doch verstehen, ob alles gut ist.«

Er lachte. »Ich habe einen Boy mit dem Wagen in die Stadt geschickt, er soll mein Zeug holen. Wir haben noch drei Stunden.«

Sie sah zur Seite. »Sascha, ich bitte dich, nimm mich mit. Wenn der ›Leviathan‹ dich trägt, werde ich ihm auch nicht zu schwer werden.«

»Unnützes Weiberfleisch können die Motoren nicht tragen.«

Sie überhörte die Kränkung. »Bin ich so unbrauchbar gewesen, damals, als wir aus Krasnojarsk flohen, als wir Tag und Nacht im eisigen Viehwagen durch Sibirien fuhren mit nichts als nur unserm armen Leben?« Eintönig sprach sie weiter und vermied es, ihm ins Gesicht zu sehen. »War ich es nicht, die in San Franzisko in den Hafenschenken für dich und mich gesungen hat, vor Malaien und Chinesen. Unsere uralten russischen Lieder – als jeder Ton mir die Kehle zerriß, weil die Kälte in die Brust gestochen hatte wie mit weißglühenden Nadeln. Und wie ich mit todmüden Füßen in roten Stiefeln getanzt habe und mit Strümpfen, die nur noch Fetzen waren. Nur damit du in dem dunklen Kellerloch, in unserm Heim, das nur eine Ecke war, und die doch einen halben Dollar kostete jeden Tag – damit du arbeiten konntest.«

Er wehrte ab. »Laß die toten Jahre ruhen, Olga. Schweig'.«

»Ich will davon reden, Sascha, denn es war keine tote Zeit. Damals haben wir gekämpft und nicht im Genuß gesessen wie früher. Gott gab das Leid, in dem wir uns fanden. Und ein Recht habe ich mir erbettelt damals, ein Recht, das ich heute von dir fordere. Weißt du noch, wie ich im Ballkleid zwischen den Geldbeuteln saß und lächeln mußte, während sie mich mit ihren Blicken entkleideten? Wie es mich fror, weil ihre Gier nach mir tastete, nach meinem weißen Nacken, an die Brust, in der die Erregung bebte. Aber du mußtest sie haben, denn du brauchtest Geld für deine Pläne. Und dir gaben sie es nicht.«

Sie stand an ihn gepreßt, fühlte seinen Arm an ihrer Hüfte und zitterte im Erinnern an Höhen ihres Lebens, die nur sie kannten.

»Und wenn ich heute das Höchste von dir fordere, Olga,« seine Stimme klang rauh, »willst du es mir verweigern?«

»Ich weiß, was du forderst, Sascha.«

»Ein Narr bin ich gewesen vorhin, überreizt von der Arbeit, die bis zum Morgen gedauert hat. Kaum eine Stunde habe ich gelegen. Verzeihe mir, Olga.«

Und sie glaubte den Atem der Seele Rußlands zu spüren, zügelloses Asiatentum, das doch versank, wenn es warm und einlullend aus der Tiefe aufstieg.

Du kämpfst für mich, wenn du bleibst, sang es in ihrem Ohr. Du wirst bei mir sein, auch wenn ich dich nicht sehe.

Sie stöhnte auf. »Ich will für dich beten, Sascha. Gott hat nicht all die schweren Jahre für uns aus der Ewigkeit geholt, damit wir untergehen. Gott will unsern Aufstieg.« Ehe er es hindern konnte, hatte sie sich vor ihm niedergebeugt, küßte seine Hand und preßte sie leidenschaftlich an ihre Stirn.

»Olga!«

Vor der Tür sprachen laut zwei Menschen, jetzt fiel das helle Tageslicht in den Schuppen. »Ist Herr Surewski hier?«

Alexander trat vor und deckte die Frau mit seinem Leibe. »Was gibt es?«

»Die Arbeiter müssen den ›Leviathan‹ herausziehen, wenn es Ihnen recht ist. Die andern Maschinen sind bereits am Start.«

»Der ›Leviathan‹ wird immer noch zur Zeit kommen«, erwiderte Surewski stolz.

Auf der Chaussee strömte es von Amsterdam her heran, Menschen in Autos und Wagen, Menschenrudel auf Fahrrädern, Menschenballen zu Fuß. Ein Kreuzzug der Neugier. Alle Plakate hatten es geschrien, alle Zeitungen gehämmert, in den Hotels, in den Cafés, seit Tagen das Gespräch: Flugtag. Die Züge aus dem Haag und von Rotterdam brachten Menschen, auf altmodischen holländischen Karren fuhren sie heran, an den Stellwagen hingen sie in Trauben.

Das Feld von Schiphol wurde zum Jahrmarkt.

Sie liefen über die Wiesen, stolperten in Gräben, scheuchten das Vieh von den Weiden, sprangen über Koppeln und Hecken, drängten sich hinter den Stricken und starrten auf die Vögel, die da vor ihnen aufmarschiert waren. Namen von Fliegern schwirrten in der Luft, Fachausdrücke, die sonst den Massen fremd blieben. Wer ein Wort über Verwindung, Steuerknüppel oder Pferdestärken sagen konnte, hatte sofort eine andächtige Gemeinde um sich versammelt. Monteure wurden angestaunt, als trügen sie statt des Ölanzuges eine goldstrotzende Rüstung, wer einen Sturzhelm trug, war ein Held.

Der Viscount Macmorris, der seinen eigenen Wagen mitgebracht hatte, holte den Geheimrat und Barbara am Hotel ab, er überflog prüfend die elegante Gestalt der Hamburgerin.

»Man wird mehr nach Ihnen sehen als nach den Flugzeugen, Miß von Gordon«, sagte er.

»Dann hätte mein Anzug seinen Zweck verfehlt«, parierte die. Und dann abspringend: »Wird Mister MacKenney starten?«

»Ich denke.«

»Dann werden unsere Piloten einen schweren Stand haben.« Das war ihre Art, seine Liebenswürdigkeit zurückzugeben, nur um eine Nuance verfeinerte sie, um ihm das Grobauftragende vor Augen zu führen.

Der Viscount verstand. »Ich möchte nicht Ihr Gegner sein, Miß von Gordon.«

Kurz vor Schiphol wurde die Limousine von einem teufelsroten Rennwagen überholt, hinter dessen mächtiger Haube zwei Vermummte kauerten. MacKenney steuerte kaltblütig durch die endlose Wagenreihe, immer wieder eine Lücke findend. Truckbrott Hatte Barbara erkannt und grüßte.

Der Geheimrat lächelte. »Jetzt denken die beiden nur an Maschinen, wahrscheinlich will MacKenney Truckbrott sein Wasserflugzeug noch vor der Konkurrenz vorführen. Als wir jung waren, hatten wir nach einer Ballnacht andern Ehrgeiz.«

Barbara runzelte die Stirn und blickte starr geradeaus, dem Wagen nach, der wirklich an der Kurve jetzt nicht einbog, sondern weiterschoß.

»Die Herren werden uns einen Morgenbesuch nicht übelnehmen«, schlug Macmorris vor. »Wenn es Ihnen recht ist, Lady?«

»Ich bin die Tochter meines Vaters und verstehe jedes Ding nach seinem Zweck zu beurteilen. Und heute ist ja Meeting.«

So standen sie wenige Sekunden später um den Eindecker herum, der sich auf dem Wasser eines Stichkanals leise wiegte. Der Zufall wollte es, daß Barbara und Truckbrott auf der einen Seite der Maschine stehenblieben, während MacKenney den beiden Herren eine Besonderheit der Motoranlage erklärte.

»Sie versäumen drüben Wichtiges, Fräulein von Gordon«, sagte Truckbrott.

Barbara hielt ihn zurück. »Sie haben heute noch kein Wort für mich gehabt.« Und als er beharrlich schwieg: »Es gab eine Zeit, da wußten Sie mir mehr zu erzählen, Günter Truckbrott.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Sie verstehen mich sehr gut, Truckbrott, Sie können sich nicht verstellen. Denken Sie daran, wie Sie mich das erstemal mit in die Luft genommen haben, an die kleine Maschine mit den schwachen Drähten. Hat sich seit damals denn soviel geändert? Wissen Sie noch, damals wurden wir Kameraden?«

»Seit damals hat sich viel geändert«, sagte er.

Aber sie ließ sich nicht beirren. »Es war in dem ersten Jahr nach dem Kriege, als fremdländische Kommissionen durch Deutschland fuhren und überall Dinge suchten, die wir dann zerstören mußten. Auch den kleinen Vogel, mit dem wir damals aufstiegen. Sie waren in Fuhlsbüttel stationiert, und ich kam mit meinen Bekannten heraus, um die Flieger anzusehen. So wie heute Amsterdam hierher pilgerte, so kamen wir damals.«

»Aber es war ein Abschied«, sagte er rauh.

»Deshalb riefen Sie uns. Die Deutschen sollen noch einmal sehen, was sie gehabt haben und was verloren ist – waren Sie das nicht, Truckbrott, der mit dem Satz ganz Hamburg begeisterte, das kühle, nüchterne Hamburg?«

Als er darauf nicht einging, sprach sie weiter. »In Ihrer Maschine gab es zwei Sitze, aber der eine blieb frei – und weil ich so sehr bat, haben Sie mich mit in die Luft genommen. In Lederjacke und Sturzhelm. Und Sie haben mir von hoch oben die Welt gezeigt. Vielleicht war's Hamburg, ich weiß es nicht mehr. Mir ist, als hatten Sie mir eine neue Welt gezeigt. Und wissen Sie noch, daß wir dann nicht mehr zu der Gesellschaft zurückgekehrt sind, sondern über den Platz gegangen, nebeneinander her? Und daß Sie davon sprachen, daß es kein Ende gibt, daß die Idee stärker ist als die Macht derer, die heute den Hammer nehmen und die Maschinen zerschlagen würden. Damals haben Sie von der Zeit gesprochen, vor der wir heute stehen. Nein, in der wir mittendrin sind.«

»Und Sie haben leuchtende Augen gehabt. Haben Sie denn nicht an mich geglaubt – damals?«

»Geglaubt? Skeptisch und kühl bin ich gekommen, so wie die meisten andern auch, und Sie haben mich bezwungen. Damals sind wir Kameraden geworden –«

»Damals.«

»Truckbrott«, sie sprach leise. »Fühlen Sie denn nicht, daß ich um sie werbe – um meinen alten Kameraden?«

»Frauen sollen nicht werben, Fräulein von Gordon«, sagte er hart.

Sie warf den Kopf mit einer herrischen Gebärde in den Nacken. »Sie sind unausstehlich.«

Ein paar Schritte war er zur Seite getreten, damit ihn die andern nicht hören konnten. »So wie ich damals an meine Idee geglaubt habe, so glaube ich heute noch. Nur habe ich gelernt, die Person und die Sache zu unterscheiden. Schritt für Schritt will das Luftmeer erobert sein, in zäher Arbeit, nicht in Bocksprüngen. Deshalb bin ich ins Ausland gegangen, nach Schweden, als es in Deutschland keine Flugzeuge mehr geben durfte. Und dort habe ich der Idee gedient – wie ein Kuli. Bis ich wieder habe aufsteigen dürfen. Und mit den ersten deutschen Maschinen war ich wieder da, hab' Post und Frachten geflogen, hab' Schaustücke vorgeführt, und habe mich gefreut, als eines Tages es gerade Ihr Vater war, der den Verkehr großzügig organisierte.«

»Weil Sie den Kameraden nicht vergessen hatten, war's das, Truckbrott?«

Er ging nicht darauf ein. »Und jetzt ist's wieder eine neue Idee, die sich durchringen will, deren Pionier ich bin!«

»Und Surewski?«

»Wer meine Idee begriffen hat, wird in diesem Zusammenhang seinen Namen nicht nennen.« Und obgleich er fühlte, daß er sie kränkte, sprach er weiter. »Und ich habe gesehen, daß das, was ich will, keine Halbheiten duldet. Es fordert den ganzen Mann.«

Ihre Hand zitterte. »Seh' ich's denn anders? Ich will nicht, daß einer Ihnen zuvorkommt.«

»Ich will keinen Rekord, darum kämpfe ich nicht.«

»Um was kämpfen Sie?«

»Um ein neues Reich.«

Ein helles Signal tönte drüben vom Flugplatz. MacKenney sprang aus dem Führersitz heraus und winkte Truckbrott. »Kommen Sie, wir wollen die ersten Starts nicht versäumen.«

III

Inhaltsverzeichnis

Nun fand Barbara keine Gelegenheit mehr, mit Truckbrott zu sprechen. Sobald sie das Flugfeld betreten hatten, wurde der Hauptweg abgesperrt, ein Durcheinander von Herren, die alle nach einer Seite hindrängten, wo soeben zwei Automobile vorfuhren. Legationsrat von Lettau war plötzlich neben ihr, dafür war der Vater jedoch verschwunden, und auch von dem Viscount war keine Spur zu sehen.

»Die Königin empfängt die Spitzen des In« und Auslandes«, erklärte Lettau. »Dahin wird es Ihren Vater auch verschlagen haben.«

»Und Sie?«

»Das diplomatische Korps ist heute zweite Garnitur.« Lettau konnte das Spotten nicht lassen. »Höchstens die Militärattachés haben heute ein Wort mitzureden. Weil wir eine solche löbliche Einrichtung jedoch nicht besitzen –«

»So begnügen wir uns mit der Kaufmannschaft.« Der leichte Ton beruhigte sie nach Truckbrotts schwerblütiger Art.

»Und treffen damit die eigentlichen Herren der Situation«, vollendete Lettau.

Es dröhnte und donnerte vom Flugplatz her. Zehn Militäreindecker rollten zu Ehren ihrer Königin über das Feld, hoben sich gleichzeitig und stiegen steil in die Luft, während die nahe der Halle aufgestellte Kapelle die Königshymne spielte.