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Heute leben ca. 1.6 Mio. an Demenz erkrankte Menschen in Deutschland, ca. 300 000 Neuerkrankungen kommen jährlich hinzu. Vor neun Jahren erkrankte mein Mann an Demenz und Parkinson, jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Wir pflegende Angehörige kommen oft an unsere Grenzen. Wenn wir uns dann wegen unserer Erkrankten noch mit Behörden oder Krankenhäusern auseinander setzen müssen - stellen wir fest - daß man dort oft überfordert ist. Obwohl sich in vielen Projekten immer mehr engagierte Menschen zusammen finden, die den Angehörigen Demenzerkrankter Hilfestellung und Beratung anbieten, sind wir doch im Ernstfall mit unseren Erkrankten allein. Ich möchte die Betroffenen ermutigen, sich zu wehren und dafür zu sorgen, daß die Krankheit Demenz kein Tabu - Thema mehr bleibt.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Was die Angehörigen von Demenzerkrankten in den Behörden und Krankenhäusern erlebten
Die Legende vom pflegenden Angehörigen
Frau H. berichtet
Frau M. berichtet
Frau K. berichtet
Frau S. berichtet
Frau H. berichtet
Frau N. berichtet
Frau V. berichtet
Frau H. berichtet
Herr N. berichtet
Frau L. berichtet
Und nun zum Schluß noch mein eigenes Erlebnis …
Vor über 9 Jahren schlich sich diese Krankheit ganz langsam, still und heimlich in das Leben meines Mannes – in unser Leben – und veränderte alles. Jürgen und ich waren in zweiter Ehe jetzt 18 Jahre verheiratet und hatten noch so viele Pläne, wenn ich dann erst mal in Rente war. Bis dahin war Jürgen nie ernsthaft krank, nahm keine Medikamente und brauchte nie zu einem Arzt. Ich war 60 Jahre und Jürgen 77 Jahre alt, uns ging es gut und ich wollte in drei Jahren in Rente gehen. Am Anfang der Krankheit merkt man nichts, doch dann passierten seltsame Dinge. Wie immer hatte ich vorgekocht, weil ich ja zur Arbeit mußte und wenn ich nach Hause kam, stand noch alles unangerührt da. Jürgen hatte es vergessen und wohl auch keinen Hunger verspürt – über Tage ging das so. Zunächst wunderte ich mich, er hatte ganz banale Erklärungen und Ausreden. Wenn ich Feierabend machte, rief ich zu Hause an und sagte, daß ich gleich losfahre – Jürgen freute sich und hatte meistens Kaffee fertig. Doch eines Tages stand er im Bademantel und Schlafanzug mitten auf der Straße und winkte freudestrahlend mit beiden Armen, als er mich kommen sah. Auch dafür hatte er eine Erklärung – er wollte gerade ins Bett, als ich anrief …Da roch ich seine Alkoholfahne, er war wie schon an den Tagen zuvor in seiner Stammkneipe gewesen und hatte sinnlos in sich »reingeschüttet«. Klar – er merkte doch selber, daß da in seinem Kopf irgend etwas nicht in Ordnung war und das versuchte er mit Alkohol zu betäuben, so konnte er diese Veränderungen wohl besser ertragen. Ich kam da aber nicht mit klar und sprach mit unserem Arzt , er hörte sich alles in Ruhe an. Zum ersten Mal fiel das Wort Demenz, um das abzuklären, mußten wir jetzt zum Neurologen. Jürgen wollte nicht, es ging ihm doch gut – was sollte er beim Arzt, doch ich setzte mich durch. Mit furchbar schlechtem Gewissen mußte ich zur Arbeit, noch waren Jürgens Ausfälle nicht ständig. Durch seine häufigen Besuche im Lokal wurde unsere Ehe auf eine harte Probe gestellt. Ich glaube, das kann jeder nachvollziehen – man kommt geschafft von der Arbeit und der Ehemann schaut dich mit glasigen Augen an. So wollte ich nicht leben, besorgte mir erst mal sämtliche Lektüre über diese Krankheit, ging zu Vorträgen, um das besser zu verstehen und dann hatten wir unseren Termin beim Neurologen. Erst die üblichen Test’s – dann bestätigte sich in der Kernspin der Verdacht – beginnende Demenz. Der Neurologe erklärte mir ganz genau die Bilder , auf denen man sehen konnte, welche und wie viele Gehirnzellen schon betroffen waren. Mit Jürgen mußte ich offen reden und suchte in einem ruhigen Moment – ich stellte ihm ein Ultimatum wegen seines Alkoholkonsums und sprach sogar von Trennung. Gleichzeitig versicherte ich Jürgen aber, daß ich ihn nie wegen seiner Krankheit verlassen würde und mein Appell kam an , es wurde ab sofort weniger mit seinen Trinkgewohnheiten. Es ging ihm auch noch relativ gut, unser Urlaub stand an und wir freuten uns darauf und wie immer hatten wir wieder die Türkei gebucht. Das achtzehnte Mal, immer waren wir am gleichen Ort, hatten inzwischen über die Jahre Freundschaften mit einigen Einheimischen geschlossen und freuten uns, sie wiederzusehen. Doch dieses Mal war alles anders, der Streß mit dem Flug, – der lange Transfer – die fremde Umgebung – das war für Jürgen alles zu viel. Er fand sich überhaupt nicht mehr zurecht, ständig verlor er die Orientierung und ich war nur dabei, ihn zu suchen. Wie ein hilfloses Kind irrte er umher, selbst den Weg vom Strand zum Hotel fand er nicht.
Endlich waren wir wieder zu Hause und Jürgen erleichtert, seine alte Umgebung wieder zu haben. Mein Urlaub war vorbei und ich ging wieder zur Arbeit, doch es ging mir gesundheitlich nicht so gut. Der Blutdruck war viel zu hoch, oftmals drehte sich alles oder ich sah die Dinge doppelt, ganz plötzlich kam das immer. Wir waren beim Früh stück, nichts war los und das Zimmer fing an sich zu drehen, immer schneller, immer schneller. Dann rutschte ich auch schon vom Stuhl, Jürgen saß hilflos dabei, mit letzter Kraft konnte ich noch 112 wählen und die Adresse durchsagen. Mit Verdacht auf Schlaganfall kam ich auf die Intensivstation – doch Gott sei Dank – es war kein Schlaganfall. Eine Psychologin kam zu mir ans Bett, ließ sich die häuslichen Verhältnisse schildern und riet mir dringend, in meinem Leben etwas zu ändern, aber wie? Erst Mal sorgte sie dafür, daß ein Pflegedienst und unsere Freunde sich um Jürgen kümmerten – während ich im Krankenhaus war, da war ich schon etwas beruhigter. Nach ein paar Tagen wurde ich mit guten Ratschlägen wieder entlassen , Jürgen strahlte und war glücklich. Mir hatte die Ärztin ans Herz gelegt, schriftlich vorzusorgen – am besten bei einem Notar – mit Jürgen gemeinsam. Doch wie brachte ich es ihm bei? Dann hatte ich eine Idee, ich sagte Jürgen, da es mir gesundheitlich nicht so gut ging, würde ich gerne eine Vorsorgevollmacht beim Notar beurkunden lassen, damit Jürgen im Fall der Fälle für mich Entscheidungen treffen konnte. Sein Beschützerinstinkt war geweckt und er war einverstanden. Am Telefon erzählte ich der Dame bei Notar die Wahrheit und wir bekamen zeitnah einen Termin.
Ganz wichtig ist, daß so eine Beurkundung rechtzeitig wahrgenommen wird, denn der Notar wird sich von der vollen Geschäftsfähigkeit seiner Klienten überzeugen, bevor er tätig wird. Also – beide Parteien oder beide Eheleute dürfen noch nicht gesundheitlich in ihrer Geschäftsfähigkeit eingeschränkt sein. In einer längeren Unterhaltung wird der Notar sich mit gezielten Fragen schnell überzeugen, ob alle Verfügungen in vollem geistigen Zustand und mit klarem Verstand getroffen werden. Der Notar wird dann die Wünsche und Anliegen der Erschienenen in einer General – und Vorsorgevollmacht festhalten und beurkunden. Immer wieder höre ich, ach ja, das müssen wir bald mal machen. Allen lege ich hier ans Herz, macht es noch heute – morgen kann es schon zu spät sein – ein Sturz oder ein Unfall kann schon zur Folge haben, daß man handlungsunfähig ist. So eine Notariatsurkunde ist gar nicht teuer, wenn man allerdings Vermögen, Häuser oder Wertgegenstände hat, werden die Kosten dementsprechend sein. Ich rede aber hier von ganz normalen Menschen, die von ihrem Einkommen oder ihrer Rente leben und denen es ausschließlich um die gesundheitliche Sorge geht. Von dieser Urkunde kann man dann eine Untervollmacht auf die Kinder erteilen – hat dann die Gewißheit, daß in akuten Situationen so verfahren und gehandelt wird, wie man es gerne möchte und wie man verfügt hat. Dann ist man auf der sicheren Seite und wenn diese Verfügung nie gebraucht wird, um so besser.
Nur eine selbst aufgesetzte Betreuungsverfügung mit seiner Willenserklärung – wenn man nicht mehr selbst entscheiden kann – wird nicht immer im Krankenhaus anerkannt. Religiöse oder finanzielle Gründe lassen die Ärzte ganz unterschiedlich handeln, wie mir die Angehörigen berichten. Dann muß man mit dieser Verfügung und den ärztlichen Diagnosen zum Amtsgericht, um einen Beschluß zu erwirken – im Wege der einstweiligen Anordnung als ehrenamtlicher Betreuer bestellt zu werden. Das sind alles zusätzliche Belastungen und Wege, im akuten Ernstfall hat man da gar keine Zeit mehr für und auch nicht den Kopf dafür frei. Hat man aber im Vorwege beim Notar alles geregelt, ist man auf der sicheren Seite. So eine Gerichtsentscheidung nimmt auch noch unter Umständen viel Zeit in Anspruch, die man gar nicht mehr hat. Das Gericht will sich eventuell erst mal persönlich vom Gesundheitszustand des Erkrankten überzeugen, bevor es eine Entscheidung trifft. Weiterhin wird das Gericht prüfen, ob die Verantwortung von dem/der Antragsteller/in die Gesundheitssorge und des Aufenthaltsbestimmungsrechts übernommen werden kann. Mit diesem Beschluß – wenn man ihn denn hat – wird man aber vom Gericht als Betreuer kontrolliert, andernfalls wird vom Amtsgericht eine Betreuung als Rechtsfürsorge für den Erkrankten bestellt.
Der Notar wird beurkunden:
Daß man im Falle einer Krankheit den Benannten in allen Angelegenheiten gerichtlich und außergerichtlich vertreten darf – das gilt ohne jede Ausnahme in allen Rechtsgeschäften und Rechtshandlungen, soweit eine Vertretung gesetzlich zulässig ist.
Der Bevollmächtigte zur Vertretung des Benannten in allen persönlichen Angelegenheiten befugt ist, insbesondere berechtigt ist, im Rahmen der Gesundheitsfürsorge, des Aufenthaltsbestimmungsrechts und der Altersvorsorge Entscheidungen zu treffen.
Entscheidungen über Untersuchungen, ärztliche Eingriffe, Heilbehandlungen. Entscheidungen über neue Medikamente und Behandlungsmethoden. Entscheidungen über die sogenannte passive Sterbehilfe. Änderungen des Behandlungsziels, den Behandlungsabbruch oder die Einstellung lebenserhaltender oder lebensverlängernder Maßnahmen der Intensivmedizin.
Bestimmung des Aufenthalts, Unterbringung in einem Heim. Einwilligung in länger dauernde Maßnahmen, umfassende Wahrnehmung der Rechte gegenüber Ärzten, Krankenhäuser, Pflegeheime, sonstige Anstalten, Behörden und Gerichten.
Einsicht der Krankenunterlagen, Einholung aller Auskünfte und Informationen von den behandelnden Ärzten und dem Krankenhaus, die mit dieser Urkunde ausdrücklich von ihrer Schweigepflicht entbunden sind.
Mit der vorstehenden Vollmachtserteilung soll die Bestellung eines Betreuers im Falle einer Krankheit oder Gebrechlichkeit vermieden werden. Falls dennoch die Bestellung eines Betreuers notwendig werden sollte, soll diese Vollmacht im übrigen uneingeschränkt wirksam bleiben und der mit dieser Urkunde Bevollmächtigte zum Betreuer des Erkrankten bestellt werden. Wie wünschen ausdrücklich keine Kontrollpersonen oder Kontrollinstanzen zur Überwachung der ordnungsgemäßen Ausübung der Vollmacht. Vormundschaftsgerichtliche Zustimmungen sind nur in zwingend gesetzlich vorgeschriebenen Fällen einzuholen.
Diese Vollmacht wird mit Abschluß dieser Urkunde wirksam. Sie gilt zeitlich uneingeschränkt über den Tod des jeweiligen Vollmachtsgebers hinaus. Die Vertretungsmacht des Bevollmächtigten soll in weitmöglichstem Umfang Bestand haben und zwar ohne Rücksicht auf mögliche Veränderungen der bestehenden Rechtsgrundlagen oder der tatsächlichen Verhältnisse. Sollte eine der vorbezeichneten Bestimmungen unwirksam sein, so bleiben die übrigen Bestimmungen wirksam.
Es beruhigt ungemein, im Besitz so einer Urkunde zu sein, denn man hört die unmöglichsten Geschichten, die die Angehörigen von Demenzerkrankten mit ihrem Partner in einigen Krankenhäusern und Behörden erlebten.
Jede Lektüre, die ich in den letzten Jahren über die Krankheit Demenz gelesen habe, verunsicherte mich eigentlich noch mehr, denn die Krankheit verläuft bei jedem unterschiedlich schnell und ich hatte Angst – vor dem, was uns noch erwartete. Ich suchte eine Selbsthilfegruppe – besser gesagt, eine Angehörigengruppe von Demenzerkrankten und fand sogar in der Nachbarschaft eine solche Einrichtung beim DRK. Eigentlich merkte ich da erst, wie gut es Jürgen – wie gut es uns eigentlich noch ging. Als ich von den Schicksalen und Verzweiflungen der anderen Betroffenen hörte, war ich erschüttert – vor allem deshalb, weil sie, wenn sie Hilfe brauchten, in den zuständigen Behörden diese lange suchen mußten. Das verunsichert zusätzlich, die Schamgrenze und Hemmschwelle ist sehr hoch, doch in der Selbsthilfegruppe hat jeder ein ähnliches Problem und jeder weiß, wovon der andere redet. Da kommt dann von hier oder da ein Rat oder Lösungsvorschlag, unsere Gruppenleiterin ist selbst betroffen und wirkt beruhigend auf uns ein. Ganz oft sind die Betreuungspersonen – meistens die Ehefrauen – durch die Krankheit ihres Partners ans Haus gefesselt, ebenso gibt es aber auch viele betreuende und pflegende Angehörige, die nicht mehr mit ihrem an Demenz Erkrankten rausgehen. Sie haben Angst, daß wenig Verständnis und viel Unwissenheit von anderen Menschen entgegenkommt, sie fühlen sich als »Randgruppe«.
Meine Kindheit holte mich ein – ich bin auf der Flucht 1945 in den Westen am Straßenrand geboren, meine Mutter soll kurz danach verstorben sein – Vater unbekannt. So wurde ich in Norddeutschland im Heim abgegeben, war altersmäßig in verschiedenen Heimen und der Willkür und den Launen der jeweiligen Erzieherinnen ausgesetzt. Als ich alt genug war, begann ich zu kämpfen mit letztendlich dem Ergebnis, daß ich meinen Vormund vor dem Jugendgericht verklagte und erreichte, daß ich mit 20 Jahren mündig – früher 21 Jahre – gesprochen wurde und nahm mein Leben selber in die Hand.
Jetzt war eine ähnliche Situation, die Angehörigen von Demenzerkrankten rennen auch offene Türen ein , obwohl im Moment in den Bezirksämtern und den sozialen Einrichtungen viel getan wird, um Aufklärung und Hilfe anzubieten. Ich trat verschiedenen Organisationen bei, besuchte Vorträge und Schulungen und bin heute in der Lage, selber Vorträge und Schulungen abzuhalten. Ich ging nach Voranmeldung in andere Selbsthilfegruppen, um sich die Sorgen und Nöte der ebenfalls Betroffenen Angehörigen anzuhören und mit Rat und Tat zu helfen. Das kann ich aber nur mit Hilfe und Zustimmung meiner beiden Freundinnen Bärbel und Christa, die sich dann um Jürgen kümmern, wenn ich unterwegs bin. Man braucht gute Freunde und Nachbarn, denn mit Familie ist das manchmal so ein Problem. Erst einmal haben sie ihr eigenes Leben und ständig gute Ratschläge aus der Ferne, wie man was machen soll.
Ganz oft hören wir, die unmittelbaren Bezugspersonen den Satz:« Ich weiß gar nicht, was du hast – ich habe doch eben kurz noch mit ihm/ihr am Telefon gesprochen, da ist doch alles in Ordnung.« Da hält man lieber den Mund, um Streitereien und Diskussionen zu vermeiden – die doch zu keinem Ergebnis führen. Bei uns ist das ähnlich, meine beiden Kinder haben ihre eigenen Familien und nie so den Bezug zu Jürgen gehabt und sein Sohn hat sich schon vor Jahren abgesetzt. Er wohnt mit seiner Frau in unmittelbarer Nachbarschaft, verbittet sich aber jeglichen Kontakt. Jürgen ist sehr traurig darüber, obwohl er es nicht zugibt, aber ich merke es doch. Ich habe viele Bilder von den Kindern und Enkelkindern im Wohnzimmer, irgendwann bat mich Jürgen, die Bilder seines Sohnes und die seiner Enkelkinder abzunehmen. Das ist jetzt auch schon über drei Jahre her, seitdem haben wir auch niemanden mehr aus seiner Familie gesehen. Früher, als Jürgens Enkel noch jeden Monat Taschengeld von uns bekamen und jeden Monat eine gewisse Summe auf’s Sparbuch – da wußten sie, wo wir wohnten. Mit der Sparbuchsumme konnten sie ihren Führerschein machen und hatten ein gutes Startkapital, um ein ersehntes Auto anzuzahlen oder wenn Oma wieder mal lecker gekocht hatte, waren sie öfter da – seit ein paar Jahren nun leider gar nicht mehr, auch kein Anruf zu Jürgens 86. Geburtstag im Mai. Es geht nicht nur bei uns so, die anderen Angehörigen erzählen ähnliche Erlebnisse. Dann gibt es aber auch genau das Gegenteil, die Kinder und Enkelkinder sind unermüdlich in ihrem Bestreben, dem pflegenden Partner zu helfen – ihm auch mal Freiräume zu verschaffen und sich stundenweise um den Erkrankten zu kümmern oder zum Arzt zu begleiten. Auch sie sind immer wieder erstaunt, welche Hürden in den Behörden überwunden werden müssen, um kleinste Erleichterungen oder Verständnis zu erlangen.
Ganz schlimm ist es, wenn der Demenzkranke noch Auto fahren will und sogar aggressiv wird, wenn ihm dies verwehrt wird. Er ist immer Auto gefahren – ihm fehlt nichts und die anderen fahren falsch, da muß man den schweren Weg gehen und mit dem Neurologen beim Verkehrsamt den offiziellen Weg beschreiten, um von Amts wegen die Fahrerlaubnis einzuziehen. Doch weit gefehlt, wenn man glaubt – das sei die richtige Adresse … Das Verkehrsamt setzt sich erst mal schriftlich mit dem Erkrankten auseinander, obwohl man ein ärztliches Attest mit der Diagnose eingereicht hat. Das Amt fragt erst mal bei dem Erkrankten an, ob er einverstanden ist und wenn ja, er den Einziehungsantrag selber unterschreiben muß. Natürlich ist er nicht einverstanden, so werden von Amts wegen neue Gutachten in Auftrag gegeben, die teuer vom ursprünglich Antragssteller bezahlt werden müssen. Selbst der Schriftverkehr mit dem Gutachter geht ausschließlich über den Erkrankten und im schlimmsten Fall stellt der Gutachter fest, daß das bei dem Erkrankten noch gar nicht so gravierend ist, denn er wüßte ja noch den Unterschied zwischen Brems- und Gaspedal. Ein neues Gutachten wird von der Familie in Auftrag gegeben, wieder kommt die Rechnung und wieder ist man mit ein paar Hundert Euro dabei. In einer Selbsthilfegruppe ist eine Familie derart verzweifelt und weiß nicht mehr weiter. Der Ehemann, über 30 Jahre Fahrlehrer – das Auto war sein zu Hause, aber er ist jetzt dement – seine Ehefrau hat zu seiner Sicherheit das Auto weggegeben. Er bedroht sie und sie hat Angst vor ihm, jeden Tag fragt er zig Mal nach dem Auto und beschimpft seine Frau fürchterlich. Übers Verkehrsamt braucht sie es gar nicht versuchen, denn so lange der Mann nicht entmündigt ist, wird das Amt mit ihm die Vorgehensweise klären und wie das endet, ist abzusehen. Entmündigungen gibt es heute auch nicht mehr, ein Gericht muß den Erkrankten für geschäftsunfähig erklären und einen Betreuer für den Erkrankten festlegen, der dann die Entscheidungen trifft. Wieder neue Gutachten, wieder neue Rechnungen – als hätten wir, die Betreuer nicht schon genug Sorgen – jeden Tag – 24 Stunden.
Ich wollte selber mal sehen, wie ich beraten werde und rief beim Sozialamt an. Ein Anrufbeantworter klärte mich auf, daß ich außerhalb der Sprechzeit anrufe. Ach ja, diese Sprechzeiten muß man sich schon mal vorsichtshalber notieren, wer weiß, ob man das mal braucht. Die weibliche Stimme sagte, ich möge den Anlaß meines Anrufs nennen und meine Telefonnummer, bei Bedarf rufen wir zurück. Bei Bedarf der Mitarbeiterin oder bei Bedarf des Anrufers? Ich flunkerte und bat um einen Beratungstermin, ich wollte mich mal informieren, was bei einer Heimunterbringung meines Mannes für Kosten auf mich zukommen. Natürlich war das geschwindelt, denn Jürgen bleibt bei mir zu Hause, aber ich kann mir vorstellen, daß so eine Frage im Sozialamt nicht ungewöhnlich ist. Am nächsten Tag ruft mich tatsächlich eine Frau zurück – ich will ihr gerade schildern, was für ein Anliegen ich habe, da unterbricht sie mich und fragt sehr barsch:«Beziehen Sie Grundsicherung?« Natürlich wußte ich, was sie meinte – fragte aber erst mal, was das ist – Grundsicherung. Sie meinte, dann bin ich bei ihr sowieso verkehrt und rattelte ein Telefonnummer runter, da soll ich mal anrufen, einen schönen Tag noch ….
Aber das sind so banale, alltäglich Probleme, mit den wir, die pflegenden Angehörigen uns auseinander setzen müssen und genau da möchte und werde ich ansetzen. Die Betroffenen ermutigen, sich nicht alles gefallen zu lassen und ihnen helfen, wenn sie nicht weiter wissen.
Wir hatten seit Jahren einen wunderschönen Campingplatz in Otterndorf kurz vor Cuxhafen und so wie es meine freien Tage bei der Arbeit ermöglichten, waren wir bei schönem Wetter dort. Noch konnte Jürgen wenn auch unter Anstrengung – die Stufen am Deich hochkommen, dann mieteten wir uns für die Tage eine Strandkabine und Jürgen saß mit seinem Fernglas im Liegestuhl und beobachtete die Schiffe auf der Elbe. Dann kam Jürgen aber nicht mehr den Deich hoch, nach Otterndorf wollte er auch nicht mehr – ich mußte leider verkaufen.
Jürgen schafft mit seinem Rollator noch so ungefähr 8 Schritte, vom Sofa ins Bad, ich habe immer Angst, daß er mal hinfällt und sich im schlimmsten Fall etwas bricht. Er ist sehr wackelig auf den Beinen, beim Aufstehen sieht das immer sehr gefährlich aus. Aber wir gehen trotzdem oft raus, er sitzt dann im Rollstuhl, rein ins Auto und los geht’s. Jürgen ist krank, ob ich möchte oder nicht, ich kann daran nichts ändern. Ich kann nur an seiner Seite sein und ihm helfen, wenn er Hilfe braucht. Noch nie habe ich negative Erfahrungen machen müssen, wenn ich mal fremde Leute um Hilfe bitte – wenn wir unterwegs sind. Das mußte ich erst mal lernen, denn ich gehöre auch zu den Menschen, die denken – alles allein zu schaffen. Ich erlebe auch, wenn ich mich irgendwo mit dem Rollstuhl abquäle – eine Stufe oder ein hoher Kantstein – daß fremde Menschen auf uns zukommen und fragen, ob sie helfen können und ich nehme das gerne an. Jürgen und ich gehen auch ins Restaurant, längst habe ich Lokale ohne Stufen und ebenerdigen Toiletten ausfindig gemacht und letztendlich muß der Weg vom Parkplatz zum Lokal auch rollstuhlgerecht sein. Ganz oft beobachte ich in einem Restaurant, daß Eltern mit ihrem behinderten Kind Probleme haben. Nicht mit dem Unverständnis der anderen Gäste – oft ist es die Mutter, die so auffällig und umständlich mit ihrem Kind umgeht, daß andere Gäste zwangsläufig aufmerksam werden. Ich war selber über 40 Jahre in der Gastronomie und hatte mal so ein typisches Erlebnis: Eine größere Gruppe mit Kindern hatte sich angemeldet – noch bevor ich die Getränke abfragte – brachte ich Malstifte und legte jedem Kind einen Malbogen mit Tiermotiven hin. Auf einmal steht eine Mutter wutentbrannt auf, rennt zu meiner Chefin und beschwert sich lautstark über mich. Ich hätte ihrem behinderten Kind einen Malbogen hingelegt und damit diskreminiert, ihr Kind sei behindert und könnte gar keinen Malbogen ausmalen … Durch das Verhalten und das Geschreie der Mutter wurden nun auch andere Gäste auf dieses Kind aufmerksam, niemand hätte sonst etwas bemerkt. Ähnliche Verhaltensweisen beobachte ich auch bei älteren Menschen mit einem kranken, behinderten Partner. Ob es nun die Unsicherheit oder negative Erfahrungen sind – wenn sie sich ganz normal verhalten würden, wäre vieles einfacher. Dann fällt eben mal beim Essen was runter oder ein Glas fällt um, das passiert bei gesunden Menschen auch – für alles gibt es eine ruhige Lösung und mit ein wenig Humor hat man das schnell beseitigt.
