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»Weiß vor Angst und Schlaflosigkeit, machten wir uns auf nachzusehen, was von Marindvor übriggeblieben war.« Wieder sind sie verschont geblieben: ein Granatsplitter hat nicht den Autor und seine Frau, aber die Bücher getroffen: William Faulkner, Nadeshda Mandelstam, Gottfried Kellers »Grünen Heinrich«.
In kurzen, unvergesslichen Szenen beschreibt Dževad Karahasan das Leben im belagerten Sarajevo. Einen Mann, der aus der Warteschlange tritt, sich auf ein Mäuerchen setzt und stirbt. Die Evakuierung der jüdischen Gemeinde. Das absurde Gespräch mit einem französischen Korrespondenten über Hunger und Kälte.
Sarkasmus, Humor, Güte und eine beeindruckende geistige Souveränität charakterisieren die Haltung, mit der Karahasan vom Alltag im Krieg und von der Übersiedlung einer kulturell und religiös polyphonen Stadt in die Sphäre des Idealen schreibt.
Das Tagebuch der Übersiedlung ist ein bleibendes Zeugnis über die Belagerung Sarajevos – weniger im Sinne einer Alltagsdokumentation als durch seine gedankliche und ethische Strahlkraft.
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Seitenzahl: 242
Veröffentlichungsjahr: 2021
Dževad Karahasan
Tagebuch der Übersiedlung
Essays
Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Grießhaber
Suhrkamp Verlag
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Inhalt
Tagebuch der Übersiedlung
Sarajevo – Porträt der inneren Stadt
Marindvorer Fragmente
Beschreibungen von Angst
I
II
III
IV
Teilung der Scham
I
II
III
IV
Vom menschlichen Neid
De la méthode
Bosnische Abhandlung über die Methode
Geographie des Schattens
Über
die künstlerische Wahrheit
Brief an einen beliebigen Freund. (über die Verantwortung der Literatur für das Handeln der Menschen)
Einzelheiten
Das Hotel »Evropa«
Die Juden von Sarajevo
Sprache und andere Verluste
Drei Schritte zum Teufel. Das Ende der politischen Gesellschaft?
1. Die große Diskursverwirrung
2. Die Dialektik der Selbstparodierung
3. Familienunternehmen Vaterland
Aufenthalt im Spiegel
2.
3.
4.
5.
6.
Anhang
»Dies ist eine Stadt. In jedem Sinne des Wortes«. Anstelle eines Nachworts
Editorische Notiz
Bildnachweis
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
[1]
Sarajevo, die größte und zugleich Hauptstadt Bosniens und der Herzegowina, ist eine für die Gegend besonders charakteristische Stadt (gegründet hat sie im Jahr 1460 Isa beg Ishaković). Im Miljacka-Tal erbaut, von Bergen umgeben, ist sie sozusagen von der Welt abgeschirmt und isoliert, von allem Äußeren abgeschlossen und ganz sich selbst zugewandt. In der Talsohle wurde das Geschäftszentrum errichtet, die sogenannte Čaršija (eine Entsprechung wäre die City der heutigen europäischen Städte), und an den Hängen, von denen der Talkessel umgeben ist, wurden die städtischen Wohnviertel erbaut, die Mahale. So ist das Stadtzentrum eigentlich zweifach von der Welt abgeschlossen – durch die Berge und durch die Mahale, die auf Grund der Geländestruktur, aber auch der urbanistischen Lösungen und ihrer Beziehung zum Zentrum wie ein Panzer funktionieren, den der Mittelpunkt der Stadt »abgesondert« hat, damit er ihn vor allem Äußeren schützt, so wie eine Schnecke oder Muschel von ihrem Gehäuse geschützt wird.
Ob deshalb, weil Sarajevo durch diese zweifache Abgeschlossenheit von der Außenwelt dazu gezwungen ist, »in sich hineinzusehen« und sich ganz seinem Inneren zuzuwenden, oder aus einem anderen Grund, jedenfalls wurde die Stadt sehr schnell nach ihrer Gründung zu einer Metapher für die Welt, zu einem Ort, an dem sich die verschiedenen Gesichter der Welt in einem Punkt sammeln wie zerstreute Lichtstrahlen in einem Prisma. Etwa hundert Jahre nach ihrer Gründung konnte die Stadt Menschen aller monotheistischen Religionen und der von ihnen abgeleiteten Kulturen sowie eine Vielzahl verschiedener Sprachen und Lebensformen in sich versammeln. Sie wurde zu einem Mikrokosmos, zum Zentrum der Welt, zu ihrem Mittelpunkt, der wie jeder Mittelpunkt nach der Lehre der Esoteriker die ganze Welt in sich trägt. Daher ist Sarajevo zweifellos eine innere Stadt in der Bedeutung, welche die Esoteriker diesem Wort zuschreiben: Alles, was in der Welt möglich ist, existiert in Sarajevo, verkleinert, reduziert auf seinen Kern, aber es existiert, weil Sarajevo der Mittelpunkt der Welt ist (das Äußere ist im Inneren, also auch im Mittelpunkt, immer und vollständig enthalten, sagen die Esoteriker). Wie die Kristallkugel einer Wahrsagerin, die alle Geschehnisse enthält, alles, was ein Mensch erleben kann, alle Dinge und alle Erscheinungen der Welt, oder wie das Aleph von Borges alles, was gewesen ist, alles, was sein wird, und alles, was überhaupt sein könnte, in sich vereint, so enthält auch Sarajevo alles, was die Welt westlich von Indien konstituiert. Vielleicht weil Sarajevo wie andere bosnische Städte so vollkommen von der äußeren Welt abgeschlossen und dadurch sich selbst zugekehrt und in sich gekehrt ist, vielleicht weil die Welt eine Stadt braucht, in der sie wie in einer Kristallkugel ideal enthalten ist, vielleicht auch aus einem dritten Grund; ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass es so ist.
Schon zur Zeit ihrer Gründung hatten Menschen dreier monotheistischer Religionen, der islamischen, katholischen und orthodoxen, in der Stadt gelebt, es wurde Türkisch, Arabisch und Persisch, Bosnisch und Serbisch, Ungarisch, Deutsch und Italienisch gesprochen. Etwa fünfzig Jahre nach der Gründung Sarajevos vertrieben die frommen spanischen Herrscher Ferdinand und Isabella die Juden, von denen einige in Sarajevo Zuflucht fanden und neben neuen Sprachen eine vierte monotheistische Religion in die Stadt brachten, eine neue Kultur, in der sich die Religion und das jahrhundertelange Wandern niederschlugen. So wurde Sarajevo zu einem neuen Babylon und einem neuen Jerusalem – zur Stadt einer neuen Sprachverwirrung und zur Stadt, in der man mit einem Blick die Gotteshäuser aller Buchreligionen umfassen kann.
Diese Mischung von Sprachen, Religionen, Kulturen und Völkern, die darauf angewiesen waren, auf so engem Raum zusammenzuleben, erzeugte eine sehr spezifische Kulturform, ein Kultursystem, das charakteristisch ist für Bosnien und Herzegowina und insbesondere für Sarajevo. Natürlich gab es im multinationalen und multireligiösen Osmanischen Reich viele Gegenden und viele Städte, in denen sich Völker, Sprachen und Religionen vermischten, aber sicher gab es selbst in diesem riesigen Staat keine Stadt, in der sich so viele Sprachen, Religionen und Kulturen auf so engem Raum getroffen und vermischt hätten. Vielleicht lässt sich damit erklären, warum Bosnien im Osmanischen Reich den Sonderstatus einer freien Stadt innehatte – die Besonderheit des bosnischen Kultursystems beinhaltete wenigstens eine Art von politischem Sonderstatus. Bei Kultur denke ich hier an das, was Claude Lévi-Strauss als Lebensform definiert hat, also an die Gesamtheit von Abläufen und Tatsachen, die das Alltagsleben ausmachen.
Das bosnische Kultursystem, das sich gerade in Sarajevo in seiner reinsten Form entwickelt und am konsequentesten verwirklicht hat, lässt sich recht präzise als »dramatisch« charakterisieren und als Opposition zu dem definieren, was man als »dialektisch« beschreiben würde. Die Grundprinzipien des bosnischen Kultursystems sind den Prinzipien, die das Drama konstituieren, verwandt und werden im Vergleich mit diesen verständlich. Das Grundverhältnis zwischen den Elementen des Systems ist eine auf Opposition basierende Spannung, das heißt, die Elemente sind einander entgegengesetzt und gerade durch diese Gegensätzlichkeit, in der sie sich definieren, miteinander verbunden; die Elemente gehen in die Struktur des Systems ein (in die Struktur einer Ganzheit höherer Ordnung), ohne ihre ursprüngliche Natur, beziehungsweise die Eigenschaften, die sie außerhalb des Systems haben, das sie konstituieren, einzubüßen – jedes Element hat beim Eingang in die Struktur des Systems neue Eigenschaften erhalten, aber keine seiner bisherigen verloren; jedes dieser Elemente ist auch selbst eine komplexe Ganzheit, bestehend aus zwei durch ein Oppositionsverhältnis verbundenen Teilen.
Das Grundmerkmal dieses so konstituierten Kultursystems ist der Pluralismus, und von daher bildet es einen direkten Gegensatz zu dialektischen Kultursystemen, die noch immer in den großen Städten des Westens vorherrschen, in denen es zu Vermischungen von Religionen, Sprachen und Völkern kommt wie seinerzeit in Sarajevo. Wenn im dramatischen Kultursystem das Grundverhältnis die Spannung ist, in der beide Faktoren des Verhältnisses ihre primäre Natur bestätigen, ist das Grundverhältnis im dialektischen System das gegenseitige Verschlingen oder, wenn es schöner klingen soll, das Enthaltensein des Niedrigeren im Höheren, des Schwächeren im Stärkeren. Jedes Mitglied des dramatischen Kultursystems braucht den Anderen als Beweis für seine eigene Identität, weil die eigene Besonderheit im Verhältnis zur Besonderheit des Anderen bewiesen und artikuliert wird, während der Andere in einem dialektisch konstruierten System nur scheinbar ein Anderer, in Wirklichkeit aber ein maskiertes Ich ist, beziehungsweise ein in mir enthaltener Anderer, da im dialektischen System (und in der dialektischen Art des Denkens) entgegengesetzte Tatsachen eigentlich eins sind. Das ist der fundamentale Unterschied zwischen Sarajevo und den gegenwärtigen babylonischen Vermischungen in den westlichen Städten, ein Unterschied, der als Erklärung diese oberflächliche und etwas zu technische Beschreibung von Kultursystemen verlangte, die in diesen Umfeldern entstehen.
Innerhalb des dramatisch konstituierten Kultursystems läuft ein aufregendes Spiel ab, bei dem das Offene und das Geschlossene, das Äußere und das Innere einander kommentieren und gegenüberstehen, ein Spiel, das sowohl die innere Organisation der Stadt als auch die Struktur all ihrer Teile sowie das Alltagsleben in ihr bestimmt, und eben auch jedes Element des Alltagslebens, vom Wohnen bis zum Essen. Dieses Spiel, das auf allen Ebenen zu sehen ist, auf denen man eine Stadt überhaupt betrachten kann, zeigt eine weitere Facette dessen, was ich meine, wenn ich von Sarajevo als einer inneren Stadt spreche.
Das Spiel von Offenem und Geschlossenem, Äußerem und Innerem, die einander kommentieren, sich gegenüberstehen und spiegeln, lässt sich klar und deutlich an der Gliederung der Stadt erkennen. Zweifach von der Außenwelt abgesondert – zunächst durch die Berge, die den Talkessel umfassen, und dann durch die einzelnen, auf den Hängen dieser Berge erbauten Stadtviertel oder Mahale –, ist der Mittelpunkt der Stadt reines Innen. Die Mahale sind wie Strahlen um ein Zentrum angeordnet, so dass, von ihm aus gesehen, auf einer Seite die muslimische Mahala Vratnik, auf der zweiten Seite die katholische Mahala Latinluk, auf der dritten Seite die orthodoxe Mahala Tašlihan, auf der vierten Seite die jüdische Mahala Bjelave liegt; zwischen diesen großen Mahale befinden sich kleinere wie Bistrik, Mejtaš, Kovači, die ebenso wie die großen von einer Religion, einer Sprache, einem System von Bräuchen bestimmt werden.
Den Mittelpunkt der Stadt bildet die Čaršija, ein urbaner Raum, in dem nicht gewohnt wird, weil er Werkstätten, Geschäften und anderen Erwerbsformen vorbehalten ist. Sie enthält alles, was um sie herum, innerhalb der Umfriedungen, die sie von der Außenwelt trennen und schützen, existiert. In der Čaršija artikuliert und realisiert jede der Kulturen, die in den Mahale bestehen, ihre universale Komponente, weil in der Čaršija allgemeinmenschliche Werte, die natürlich jede Kultur enthält, realisiert werden – man geht einem Erwerb nach und sichert dadurch die ökonomische Existenzgrundlage in dieser Welt, und gleichzeitig werden in der Čaršija menschliche Solidarität, Kommunikationsbedürfnis, Offenheit gegenüber dem Anderen sichtbar. Denn die Menschen aus den Mahale, aus allen ringsum verteilten Mahale, begegnen sich in der Čaršija, kommunizieren, kooperieren, arbeiten und leben zusammen wie nebeneinander. Wand an Wand stehen die Geschäfte der Juden aus Bjelave, der Muslime aus Vratnik, der Katholiken aus Latinluk, der Orthodoxen aus Tašlihan … Und sie alle unterstützen einander, arbeiten zusammen oder gegeneinander, helfen oder betrügen einander, zeigen in dieser Zusammenarbeit oder in diesem Konflikt ihre elementare Menschlichkeit und realisieren so die Universalität ihrer Kulturen, indem sie jene Komponente verwirklichen, die diese Kultur zu einer allgemeinmenschlichen macht. Die Čaršija hebt die Unterschiede auf, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen zwischen ihnen bestehen, weil sie sie in dem, was sie gemeinsam haben, was allgemeinmenschlich ist, gleichstellt – in der Arbeit, dem Bedürfnis nach materiellen Gütern, der Liebe und dem Neid, der Solidarität. Bei allen Unterschieden, die zwischen ihnen bestehen, sind alle in der Čaršija nur Menschen und Bürger Sarajevos, Händler oder Gewerbetreibende. Daher ist die Čaršija, der Mittelpunkt der Stadt, reines Innen und reine Offenheit.
Wenn sie die Čaršija verlassen, ziehen sich alle Sarajevoer aus der menschlichen Universalität in die Besonderheit ihrer jeweiligen Kultur zurück. Jede Mahala lebt nämlich das geschlossene Leben der Kultur, die in ihr statistisch überwiegt, so dass zum Beispiel Bjelave eine ausgesprochen jüdische Mahala ist, die in ihrem Alltagsleben konsequent und in Gänze alle Besonderheiten der jüdischen Kultur realisiert, ebenso wie man in Latinluk im Einklang mit den Besonderheiten der katholischen Kulturen, in Vratnik im Einklang mit den islamischen Kulturen und in Tašlihan mit den Besonderheiten der orthodoxen Kulturen lebt. Ein Katholik in Latinluk ist im gleichen Maße und auf die gleiche Weise Katholik wie einer, der in Rom lebt, genauso wie ein Muslim in Sarajevo mit einem Haus in Vratnik auf die gleiche Art und im gleichen Maße Muslim ist wie einer, der in Mekka lebt. Vielleicht sogar noch mehr, weil alle, die in Sarajevo leben, in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft den anderen haben, im Verhältnis zu dem sie ihre Besonderheiten erkennen und ein klareres Bewusstsein von ihren Besonderheiten und ihrer eigenen Identität entwickeln. Latinluk berührt Bistrik, was bedeutet, dass sich die katholische und die muslimische Mahala, die katholische und die muslimische Kultur berühren; dank dieser Nachbarschaft und dieser ständigen Berührung erkennen der Katholik und der Muslim aus diesen Mahale ihre Besonderheiten klar und deutlich und entwickeln klar und deutlich ein Bewusstsein von ihren Identitäten. Indem ich den anderen entdecke, entdecke ich mich selbst, indem ich den anderen kennenlerne, erkenne ich mich selbst. So erweist sich die Mahala, die außen, als Grenze, als Rand, technisch gesehen offen ist, weil sie mit einer Seite zum Berg, zur Natur, zur Außenwelt hin geöffnet ist, als semantisch geschlossen, weil sich die Menschen in ihr innerhalb einer Kultur bewegen und mit ihrem Alltagsleben den Besonderheiten dieser Kultur genügen und sie verwirklichen.
Und so funktioniert das Spiel der Gegenüberstellung und der gegenseitigen Widerspiegelung von Offenheit und Geschlossenheit, Äußerem und Innerem als prägnanteste Eigenschaft Sarajevos, so wird die Spannung zwischen dem Äußeren und Inneren erzeugt, auf der vielleicht sogar die Existenz Sarajevos beruht. Die Čaršija ist technisch geschlossen und semantisch offen, und jede Mahala ist technisch offen und semantisch geschlossen; die Čaršija bedeutet Universalität, die Mahala Besonderheit und Konkretheit; die Čaršija ist von allem abgetrennt und deshalb enthält sie potentiell alles, während die Mahala zu allem hin geöffnet ist und sich deshalb auf der Ebene von Sinn und Bedeutung in ihre Besonderheiten einschließen muss, um zu bestehen, weil nur das besteht (in dieser äußeren Welt), was definiert und in eine einzelne Form eingeschlossen ist. Und die ganze Zeit spiegeln sich die Čaršija und die Mahala, das Universelle und das Einzelne, das Offene und das Geschlossene, das Innere und das Äußere ineinander wie ein Gegenstand und sein Spiegelbild.
Das komplizierte Spiel des gegenseitigen Gegenüberstellens und Widerspiegelns von Äußerem und Innerem, auf dem das Bestehen und Funktionieren Sarajevos basiert und das sich im Verhältnis von Čaršija und Mahala so deutlich zeigt, könnte man in jedem Moment der städtischen Existenz und Lebensweise wiedererkennen. Zum Beispiel darin, wie die Bürger wohnen.
Die Sarajevoer leben in den Häusern am Hang des Bergs, an dem ihre jeweilige Mahala erbaut worden ist. Jedes dieser Häuser geht mit einer Seite, und zwar mit der Front, der Fassade, der Vorderseite, zur Straße, also zur Stadt, zur Čaršija, dem Mittelpunkt, hinaus und mit der anderen Seite zum Berg, zur Natur, zur Außenwelt. Auf der Vorderseite ist das Haus durch einen hohen Holzzaun, eine richtige Mauer abgeschlossen, welche die Fassade des Hauses von außen unsichtbar macht, während das Haus auf der Hinterseite, auf der dem Berg und der Natur zugewandten Seite, offen und ganz unverdeckt ist. Auf beiden Seiten des Hauses befinden sich Höfe oder Gärten. Auf der Vorderseite, zwischen der Mauer und der Fassade, liegt der vordere Hof, der völlig geschlossen und von allen Seiten umfriedet ist, während auf der Rückseite, vom Haus zum Berg, der Hinterhof liegt, der auf einer Seite geschlossen ist (durch das Haus) und auf der anderen offen (fast möchte es scheinen, dass er natürlich in den Berg übergeht).
Es ist offensichtlich, dass sich in der Struktur des Hauses, in der Struktur und der funktionalen Aufteilung seiner Gärten das Spiel der umgekehrten Spiegelung wiederholt, das wir in der Struktur der Stadt und im Verhältnis von Čaršija und Mahale erkannt haben. Die Fassade des Hauses ist, wie gesagt, technisch geschlossen, weil sie von der Straße, der Stadt und der Čaršija und von allem, dem sie zugewandt ist, durch eine hohe Mauer abgetrennt ist, über die der menschliche Blick nicht reicht. Doch funktional und semantisch ist die Fassade offen (sie ist im Übrigen dem Mittelpunkt zugewandt, sie ist die »Innenseite des Hauses«), weil man von dieser Seite das Haus betritt, von dieser Seite Gäste hineingelangen, das Haus mit dieser Seite lebt und durch diese Seite sein Austausch mit der Welt stattfindet. Die Rückseite des Hauses, die technisch offen ist, weil das Haus nahtlos in den Garten, dann in den Berg, dann in die »reine Natur« übergeht, ist funktional und semantisch geschlossen, weil man auf dieser Seite nur aus dem Haus herauskommt. Von dieser Seite kommen nämlich keine Gäste, werden keine Lebensmittel gebracht, geht man nicht zur Arbeit; auf dieser Seite befindet sich ein Ausgang, den allein die Hausbewohner nutzen, um in den Garten zu gehen, so dass von Kommunikation, von einem Austausch zwischen Haus und Welt, der sich auf dieser Seite des Hauses abspielen würde, nicht die Rede sein kann.
Fast identisch verhält es sich mit den Höfen und Gärten. Der vordere Hof ist technisch vollkommen geschlossen, buchstäblich wie eine Muschel, weil er von allen Seiten entweder durch eine Mauer zur Straße hin oder durch das Haus abgetrennt ist. Man kann ohne die Zustimmung der Hausbewohner nicht hineingehen und nicht direkt hineinschauen. Aber er ist funktional und semantisch der offenste Teil des Raums, in dem die Hausbewohner vor der Welt Zuflucht suchen: Durch diesen Hof kommen Gäste, Einberufungen und gerichtliche Vorladungen, Nahrung und Polizisten, durch diesen Hof kommt alles, was ins Haus eindringen möchte, und bei schönem Wetter sitzt man dort auch mit den Gästen. Der andere Garten, der hinter dem Haus, offen zum Berg und zur Natur hin, ist technisch ganz offen (nur von einer Seite ist er durch die Hauswand abgeschlossen), doch funktional und semantisch ganz geschlossen, weil diesen Garten nur die Hausbewohner betreten und einzig direkt vom Haus aus. Dieser Garten ist geschlossen für Gäste, geschlossen für alle Außenstehenden, beschränkt auf die Hausbewohner und ihren Aufenthalt darin, wenn ihnen danach ist und wenn sie es sich leisten können.
Aber auch im Haus selbst ist es so, weil das Haus, innerhalb der eigenen vier Wände, in einen offenen und einen geschlossenen, in einen Männer- und einen Frauenbereich geteilt ist. Im Männerbereich sitzen Gäste, in den Männerbereich kommen auch Fremde, im Männerbereich wird über Geld und Politik, über das Militär und die Lappalien des Weltgeschehens gesprochen; den Frauenbereich betreten jedoch einzig die Hausbewohner, und zwar auf Aufforderung von innen, im Frauenbereich des Hauses wird über das Essen und die Liebe gesprochen, in diesem Teil wird geliebt und werden Kinder geboren. So betrachtet, erweist sich der Wohnraum der Bürger von Sarajevo als Strukturmodell der Stadt, als verkleinerte Stadt, als kristallenes Mosaiksteinchen, in dem sich das ganze Mosaik widerspiegelt. Zwischen den einzelnen Teilen des Raums, in dem sich das private, intime Leben der Sarajevoer abspielt, stellen sich die Verhältnisse und das Spiel der Widerspiegelung von Offenem und Geschlossenem, Äußerem und Innerem her, die wir in der Struktur der Stadt, im Verhältnis von Stadt und Welt ringsum, im Verhältnis von Čaršija und den Mahale erkannt haben. Das gleiche Spiel lässt sich in der gastronomischen Kultur feststellen, das heißt bei den Ernährungsgewohnheiten der Stadtbewohner.
In Sarajevo wie in allen bosnischen Städten beruht die gastronomische Kultur auf zwei kulinarischen Paradigmen, von denen das eine äußerste Offenheit und das andere äußerste Geschlossenheit bedeutet. Das offene gastronomische Paradigma bilden verschiedene auf dem offenen Feuer zubereitete Fleischspeisen, die draußen gegessen werden – im Restaurant, auf einem Ausflug, im Haus, in dem auch Gäste anwesend sind. Das kann schlicht ein bestimmtes Stück Fleisch sein, das unter Zugabe von Gewürzen auf offenem Feuer gebraten und in einer offenen Schüssel, auf einem Stück sauberen Papiers oder auf einem Brett serviert wird, aber es kann auch ein etwas komplizierteres Werk der kulinarischen Kunst sein, das als solches dennoch einen hohen Grad von Offenheit realisiert. Vielleicht ist für dieses kulinarische Paradigma der Sarajevski Ćevap am charakteristischsten, ein Gericht, welches die Sarajevoer garantiert meistens draußen essen und das zweifellos zeigt, wie viel Offenes und Äußeres in der gastronomischen Kultur stecken kann.
Der Sarajevski Ćevap wird aus Hackfleisch und Gewürzen zubereitet. Das mechanisch mit Gewürzen gemischte Hackfleisch wird zu kleinen phallusartigen Röllchen geformt, auf dem offenen Feuer gebraten und auf einem Teller serviert. Kann es mehr Offenheit, mehr Äußeres, mehr enthülltes männliches Prinzip geben?!
Mit den Speisen des geschlossenen Paradigmas verhält sich alles gerade umgekehrt. Diese Speisen werden innen zubereitet, im Haus, im Familienkreis, und sie werden aus einer Mischung von Gemüse, Fleisch und Gewürzen auf geschlossenem Feuer und in hermetisch verschlossenen Gefäßen gegart. Für dieses gastronomische Paradigma ist vielleicht die Gruppe von Speisen, die der Sammelbegriff Dolme (Gefülltes) umfasst, am illustrativsten, weil sie am charakteristischsten ist. Dolme werden aus einer Füllung und dem, was gefüllt wird, zubereitet, wobei die Füllung meist aus Hackfleisch, Reis, Gewürzen und verschiedenen Arten zerkleinerten Gemüses hergestellt wird. Das, was gefüllt wird, kann eine durch Herausdrehen des Stiels geöffnete Paprikaschote sein, kann eine ausgehöhlte Kartoffel sein oder eine Zwiebelhülle, kann ein Kraut- oder ein Wein-, ein Grünkohl- oder ein anderes Blatt sein, groß und weichgekocht genug, um darin ein aus der Füllung hergestelltes Kügelchen einzuwickeln. Wenn die Dolma mit Paprika, einer ausgehöhlten Kartoffel oder einem Zucchino gemacht wird, nimmt sie die Form des gefüllten Gemüses an, doch wenn sie mit einem Blatt umwickelt wird, hat die Dolma in der Regel die Form eines Balls oder einer Kugel, hergestellt aus der Mischung von Fleisch, Gemüse, Reis und Gewürzen. So sieht eine einzelne Dolma aus, und sind genügend davon vorbereitet, werden sie in ein amphorenartiges Gefäß geschichtet, das mit seinem eigenen Deckel oder einem fest um den Hals der Amphore gebundenen Pergamentpapier hermetisch verschlossen wird, und dann wird alles auf geschlossenem und gelindem Feuer gekocht, lange und gelinde genug, damit alle Bestandteile des Essens im eigenen Saft garen. Jeder Bestandteil in der Dolma muss seinen ursprünglichen Geschmack bewahren, und alle zusammen entwickeln einen ganz neuen, unendlich komplexen Geschmack, der sich mit nichts vergleichen und mit keinem Vergleich illustrieren lässt. Die Dolma ist, wie man aus dieser äußerlichen Beschreibung ersieht, ein dramatisch konstruiertes Gericht und demnach sehr charakteristisch für die dramatisch konstruierte bosnische Kultur, dieser Kultur ähnlich und ganz im Einklang mit ihren Gesetzen. Die Dolma verkörpert das weibliche Prinzip, das Innere, Geschlossene. Und ist daher tolerant, so sehr, dass man sie als misslungen betrachtet, wenn auch nur irgendeiner ihrer Bestandteile beim Garen seinen ursprünglichen Geschmack verliert.
Muss man die Verhältnisse, die zwischen den zwei Paradigmen der bosnischen gastronomischen Kultur hergestellt werden, explizieren? Muss man eigens erklären, dass sich in diesen Verhältnissen das Spiel wiederholt, das wir bereits in den Verhältnissen von Čaršija und Mahale, dem vorderen und dem hinteren Garten, dem Männer- und dem Frauenteil des Hauses erkannt haben? Muss man wiederholen, dass sich auch hier, in der gastronomischen Kultur, in jedem Teil von ihr, die Ganzheit der Stadt widerspiegelt, wie sich in einem Kristallkügelchen das ganze Mosaik widerspiegeln würde, von dem es ein Teil ist?
Muss man jetzt noch erklären, dass ein derart feines und derart kompliziertes Ganzes, wie Sarajevo es ist, in dem sich wie in einem Spiegel ganz Bosnien und Herzegowina spiegelt, zerbrechlich sein muss? Muss man eigens erwähnen, wie natürlich es ist, dass ein solches Ganzes die Gefangenen einer eindimensionalen Kultur anzieht und bezaubert, so wie eine Blume im Glashaus die »Wilden« anzieht und bannt? Aber auf jeden Fall muss man den grundlegenden Unterschied betonen: Der »Wilde« betrachtet gebannt die Blume im Glashaus, wird aber niemals das Glashaus zerschlagen, um an die Blume zu gelangen, weil der »Wilde« fromm ist und als solcher weiß, dass dann der Zauber und der Bann, dessentwegen all das ja wertvoll ist, verfliegen würde; der Gefangene der eindimensionalen Kultur, die das menschliche Wesen auf seine Zugehörigkeit reduziert, starrt hingegen auf Sarajevo und umkreist es, doch dieses entzieht sich ihm wie die Blume aus dem Glashaus dem »Wilden«; aber dann zerschlägt der eindimensionale Mensch Sarajevo, weil er durch die scheinbare Kultivierung Frömmigkeit eingebüßt hat und die Fähigkeit, die Faszination zu genießen.
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