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Jule und Carl sind wieder unterwegs. Älter geworden und in lebendigen Beziehungen stehend, werden sie von Opa in ein aufregendes Abenteuer verwickelt, das sie vom malerischen Tegernsee in die Schweiz führt – zu ihrer Tante Gertraude. Diese lebt hoch über dem Genfer See, mit einer atemberaubenden Aussicht auf die französische Bergkette der Alpen. Doch sie werden beobachtet von der »Alten Wölfin«, die ihre eigenen Pläne verfolgt. Und nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Im Schnee des Winters ist die Kälte nicht die einzige Gefahr, die in den Bergen lauert. Und erneut zeigt Opa Züge, die man ihm bisher nicht zugetraut hätte.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2025
ANDREAS BONGARDT
ANDREAS BONGARDT
Mit Linolschnitten des Autors und
Isabell Kuhn
R. G. Fischer Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2025 by R. G. Fischer Verlag
Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main
Alle Rechte vorbehalten
Schriftart: Palatino
Herstellung: rgf / 2B
ISBN 978-3-8301-9383-8 EPUB
Für Jule und Carl.
Für Gertraude Thoma, die mir half, als Hilfe erforderlich wurde.
Unvergessen.
FRÜH RAUS
DAS BANALE UND DER TOD
VIEL LÄRM UM NICHTS
DIE LOGIK DER KLEINEN DINGE
AM GENFER SEE
TANTE LOUP
LEILA
FREDIE
ISABELL
AUF ZUM PASS
DER SCHATTEN
DER METEORIT
DER EISDRACHE
DER PLAN
PLAN B
PLAN C
PLAN D - VAMPIRE
DER PLAN GEHT SCHIEF
TROLLE IN DER MINE
KEIN ENDE
PHASE 2
DER KONSTRUKTEUR
KEIN ENDE
Udun, der Zwerg, kramte in seiner Tasche. Um ihn herum fiel der Schnee in weißen Sternen von einem aschgrauen und dick mit Wolken verhangenen Himmel. Alles weiß von Schnee. Das Wetter schien überraschend schlechter zu werden und böig aufkommender Wind wirbelte die Flocken in Wellen durch die Luft und blies sie Udun um die Kapuze herum, selbst von hinten noch ins Gesicht. Udun hatte ein Geräusch gehört, obwohl es anscheinend nur dumpfe Stille gab im Wald. Das Singen der langen Kiefernnadeln erstarb und versank im Schnee. Die Ruhe war plötzlich so drückend geworden, dass Udun den Kopf drehte und dabei noch mehr Schnee ins Gesicht bekam. Er befand sich im Trollgebiet in den zerklüfteten Bergen innerhalb des Reservates. »Das hört sich nicht gut an, Scheiße«, dachte Udun. Er tastete vorsichtig an der Seite seiner Hose nach seinem Messer. Trolle und Zwerge gingen sich normalerweise aus dem Weg. Es gab selten Gewinner. Kaum vorherzusehen, ob überhaupt einer von beiden ohne schwere Verletzungen davonkam. Allerdings konnten Trolle aus dem Hinterhalt einem so plötzlich den Tod bringen wie die Eule der Maus. Lautlos mit ihrem Schatten ins Nichts befördert.
Der Wald gab keinen Ton mehr von sich, als Udun sein Messer zog. Er hielt den Griff umklammert und hockte sich tief in den Neuschnee, abwartend. Der Wind biss zu wie ein wütender Hund.
Seit Tagen hatte es unablässig geschneit. An der jetzigen Stelle hatten sich hohe Schneeverwehungen gebildet. Vor ihnen weiter unten vermutete er einen zugefrorenen Fluss. Es ging steil abwärts. Der Weg der Sau führte dahin. Für das Wochenende war wieder Föhnwetter angesagt. Allerdings würde hier oben die Kälte des Winters so schnell nicht mehr weichen.
Sie waren zu dritt unterwegs. Jule und Carl, neunzehn und einundzwanzig Jahre alt, beide groß und schlank, waren mit dabei. Sie jagten einer Wildsau nach, welche die drei bei ihrer Verfolgung immer tiefer ins Reservat geführt hatte.
Die Spuren verschwanden bereits wieder und waren kaum noch zu erkennen. Aber es tropfte Blut von dem verwundeten Tier. Und Blut konnte Udun auf weite Entfernung spüren und sehen. Bären, Trolle und Wölfe konnten das allerdings auch. Normalerweise würden Bären und Trolle bei dem Winterwetter im späten Dezember nicht mehr an die Oberfläche kommen und ab dem Rotfärben der Blätter und dem oft überraschend einbrechenden Winter ihre uralten, gewaltigen Tore geschlossen und sich in ihre Städte im Berg verzogen haben. Daher war das Eindringen der drei ins Trollgebiet zwar nicht ganz unkritisch, aber ohne ernste Gefahr für alle Beteiligten von Udun eingeschätzt worden. Sie hatten weiter unten die Grenze überschritten. Er sah die leuchtenden Markierungen an den Bäumen. Das Reservat war anders.
Die Sau sollte zu Weihnachten als Braten auf den Tisch. Damit war der Ehrgeiz der drei, möglichst nicht mit leeren Händen nach Hause an den Tegernsee zurückzukommen, verständlich. Jetzt allerdings schien es Ärger zu geben. Jule und Carl folgten schweigend Uduns Bewegungen und hockten sich tief in den Schnee. Als Menschen konnten sie weder Trolle noch die Wölfe riechen.
Opa hatte vor Jahren Carl gewarnt: »Es stehen andere Sterne über dem Reservat. Und nimm die Axt aus der Alm mit! Die mit den Runen am Griff. Und etwas, was schnell brennt. Zieh nie ohne beides los!«, hatte Opa gemahnt. Das war im Sommer gewesen. Daran hatte er jetzt im Winter nicht mehr gedacht. Alles war vereist und schlief. Leben war nur noch unter der weißen Oberfläche zu finden.
Das kalte Grimmen der verschneiten Bergwelt schien zu lächeln. Es lächelte immer über die Wesen, die es wagten, sich in seiner gnadenlosen Umklammerung zu bewegen. Jule und Carl bemerkten, wie Udun mit dem verbliebenen Handschuh seine Kapuze vom Kopf nach hinten zog. Er brauchte ein klares Gehör. Das lange dichte Fell am Rand der Kapuze brach den Wind und verhüllte den Kopf dahinter in ein undefiniertes Rauschen.
Abwartend. Stille in einer eisigen Hand, die sich langsam schloss. Kalter Schnee auf kaltem Gesicht. Langsam entspannte Udun sich wieder. »Doch nichts! Dann mal wieder los!« Er drehte sich zu Carl und Jule um. »Ich hoffe, ihr seid okay?« Jule nickte kurz und bestimmt. Carl streckte sich. Sie waren seit dem frühen Morgen unterwegs. Viel zu früh, wie Carl die Sache sah. Im Stockdunkeln raus aus dem Bett war nicht so sein Ding. Der kalte Jeep und die alte verschneite Passstraße rauf. Knietiefer Schnee empfing sie. Er hatte es schon am schleifenden Geräusch unter dem Bodenblech erkannt, als sie auf den Parkplatz abbogen. Vom Parkplatz war nicht mehr viel übrig. Ein See aus Schnee. Kleine Tannen waren zu schneebedeckten weißen Kugeln verbogen. Hinter ihnen erstreckte sich die Alm. Eine weit nach hinten abfallende, sanft gerundete, weiß-blau glitzernde Wüste. »Willkommen in der weißen Hölle. Hier erfrieren Ihre Wünsche und alle Eitelkeiten.« Er zog die Hose über die Stiefel. Die Stiefel hatte er von seinem Vater gegriffen. Orange und hoch. Steigeisenfest. Solange man lief, war alles okay. Aber das hier war die Wildnis und sie hatte andere Regeln. »Pausen sind ein Übel, sie intensivieren nur noch das Gefühl der kriechenden Kälte«, dachte Udun. Im Winter konnten selbst entspannte Situationen blitzschnell kippen. »Tut mir leid, aber ich hatte vorhin irgendwie ein komisches Gefühl«, gab Udun zu, nickte kurz und wandte den Kopf. Er sah nach oben.
Hoher Schnee drückte die Bäume krumm und hatte sich tief in den schuppigen Rinden festgekrallt. Unter der Last abbrechende Äste waren nicht selten. Der Winter nahm sich von allen etwas. Der Wald hier oben sah geschunden aus. Ein reibendes Fließen der verharschten Schneedecke verriet ihr Kommen. Leise erst, wie ein Gefühl nur, dann immer deutlicher und immer näher. Dann unvermittelt ein scharfes Knacken. Sie erschraken. Carl hielt die Luft an. Ein wallendes Stöhnen, wie der Ruf eines Hirsches in der Dämmerung, folgte. Nur war es artikuliert. »Deckung und ruhig bleiben! Nicht bewegen! Es geht vorbei!« Udun ahnte, was jetzt kam. »Wieso bei dem Wetter?«, sprach er zu sich selbst.
* * *
Graue Schatten glitten von links, etwas weiter unter ihnen, um eine mit Schnee bedeckte Felsnase herum. Sie liefen hintereinander, um sich in der tiefen Spur ihres Vordermanns zu bewegen. Es waren Trolle. Schwer, mit blauem Winterfell bewachsen, über drei Meter groß, sackten sie immer wieder im Neuschnee ein. Der Zweite hatte soeben noch einen herunterhängenden Ast abgebrochen, der ihm ins Gesicht geschlagen war. Der Ast hing schwer über dem Weg und war vom Ersten mit dem Ellenbogen in Gedanken versunken weggedrückt worden, und peitschte vom Schnee befreit, Unheil bringend über den Weg und schlug zu. Der Zweite stöhnte laut vor Schmerzen. Dass sich bei dem grausamen Wetter auch noch andere im Wald befanden, hielten sie offensichtlich für ausgeschlossen, denn der Lärm, den sie machten, zeugte von absoluter Unbekümmertheit. Hin und wieder kam ein Fluchen vom ersten Troll, wenn dieser tief im Schnee einbrach oder, so wie jetzt, plötzlich stehen blieb, um sich prüfend umzusehen.
Der riesige vorderste Troll hielt an und sah sich langsam um. Er trug einen Hirsch auf dem Rücken, dem die Eingeweide aus der Bauchdecke hingen. Die Trolle hatten ihn gefunden. Das Tier war von einer Klippe gestürzt und steif gefroren. Sein gewaltiges, in scharfen Spitzen endendes Geweih hatten sie von seinem Kopf abgebrochen, es dann aber an der Fundstelle liegen gelassen. Die scharfen Enden störten nur auf ihrem ohnehin zähen Rückweg. Zudem waren Hirschgeweihe ein schlechtes Omen. Sie bargen den Tod, wenn sie mit dem Willen zum Töten geführt wurden. Udun sah in die blauen Augen des Hirsches. Sie waren erloschen, und es war fraglich, ob er es vor dem Sturz noch geschafft hatte, sich in ein anderes Wesen hineinzudenken. Mit seinem Blick konnte er das. Die blauen Augen waren schnell im Überschreiten in andere Wesen.
Der alte Troll an der Spitze drehte seinen großen, mit grünlich glänzenden Schuppen bedeckten Kopf. Seine Ohren zuckten in alle Richtungen. Er roch Udun. Irgendwo über ihm konnte er ihn auch spüren, obwohl er den Zwerg in dem schneidenden Schneegestöber nicht sehen konnte. Allerdings roch er auch Menschen und den Angstschweiß, der Carl gerade in Perlen über den Rücken in die Unterhose herunterlief. Das beruhigte den Troll. Kein Zwerg würde es wagen, mit einer Truppe von Menschen eine Auseinandersetzung mit vier schlecht gelaunten Trollen anzuzetteln.
Der Troll hatte es eilig. Sie sollten möglichst schnell wieder in ihren Berg zurück. Dorthin, wo die Feuer brannten und der grausame, lange Arm des Winters sie nicht erreichen konnte. Der Winter würgte dich nicht, er ließ dich auch nicht ersticken wie das Wasser, wenn es in deine Lungen läuft. Die Kälte des Winters saugte, kroch in dich, brach dich. Nahm dir das Leben.
Er sah sie vor sich, ihre schmucken, hohen, blauen Kamine, die ihre Wärme weit durch die getäfelten Räume abstrahlten. Es gab heiße Quellen, in denen die Kinder badeten. Die Becken der Heilung, in denen er selbst schon als Kind gebadet hatte. Die Becken leuchteten in einem hellen Ton, überdacht von hohen goldenen Kuppeln, die rauchlose Feuer trugen. Das glückliche Kreischen der planschenden Kinder konnte ihm niemand mehr nehmen. An den Wänden der Kuppel über den Bädern waren gewaltige Malereien aufgebracht, angefertigt von den Altvorderen. Sie zeigten fremde Gestalten mit bleichen Gesichtern, weiß wie Kalk.
Einer aus der Gruppe, einen langen Schal um seinen Hals geschlungen, trug etwas in der ausgestreckten Hand. Es leuchtete blau. »Papa, die gruseln mich. Die sehen aus wie Vampire«, hatte er damals im Schlaf gemurmelt. »Soso«, hatte sein Vater geschmunzelt. »Dafür gibt es keinen Grund. Sie beschützen uns. Schon immer, seit Anbeginn.« Sein Vater strich ihm über den Kopf. Die große Schwester schlief schon beinahe, hörte aber, ohne sich zu bewegen, alles mit, was besprochen wurde.
»Wisst ihr …«, er berührte sanft die Stirn seiner Tochter und zeichnete mit seinem Daumen ein heiliges Zeichen auf ihre Haut, das sie erkannte »… ich denke, Freundschaften gibt es zwischen vielen Wesen. Die, die Vertrauen kennen und Verantwortung spüren, bei denen wirst du Freundschaften finden. Hütet euch aber vor denen, die lügen und mit dem Wissen zu lügen leben. Die lügend betteln und sich verstellen. Die macht euch nicht zu eigen. Von denen haltet euch fern. Sprecht nicht ihre Sprache. Sie haben ihre eigene Sprache. Tragt nicht ihre Zeichen. Sucht nicht nach ihrem Lob. Sie werden euch gewissenlos betrügen und damit weiterleben. Sie werden euch bedrohen und weiterleben, bestehlen und berauben. Sie weiden euch aus wie Vieh. Für sie bist du nichts.«
Es knautschte im Kopfkissen der Schwester. Sie hatte sich zu ihm umgedreht. Er sah sie an. »Bleib stark, kleine Maus. Bleib meine Maus! Sie werden dich nur respektieren, wenn du eine Furche ziehst durch die faulige Erde und ihr faules Wasser sich sammelt und abläuft. Dann legst du sie trocken und pflanzt Bäume der Gerechtigkeit, die das faule Wasser für immer aufsaugen, dir aber die schönsten Blüten bringen, sodass der Moder nicht wiederkehrt.« Er beugte sich vor, legte die Hand auf seine Stirn und rieb mit dem Daumen das gleiche Zeichen auf seine Haut.
»Schlaf gut, mein Sohn. Gute Nacht, Maus.« »Gute Nacht, Papa!«, erwiderte sein Sohn, aber etwas beschäftigte ihn noch. Er war mit seinen Gedanken noch beim Spielen in den heiligen Bädern. »Papa, was hält der Bleiche da in der Hand?« »Pscht. Schlaft! Es war ein Geschenk.«
Der Gedanke ließ ihn lächeln und gab Kraft. Schnee fiel weiter auf seine Augen. Hoffen wollte er nicht. »Die Hoffnung und der Tod«, dachte er bei sich, »sie wurden dir im gleichen Moment angeboren. Sie sind Zwillinge. Sie stehen sich so nah. Die Hoffnung stolperte immer über seine Gräber. Die Hoffnung reichte dir keine Hand. Sie blieb stumm und taub und stand regungslos hinter deinem Schicksal, dir zusehend. Abergläubisch dem Schicksal verfallen sieht sie bloß zu.« Die Hoffnung, sie war nicht der Tell vom Schiller. Aber genau den brauchten sie jetzt hier gerade, den Tell.
Ihr geplantes Treffen mit Trollen aus dem Süden war aus ungeklärten Gründen nicht zustande gekommen. Die Gegenseite war nicht am Treffpunkt erschienen. Die zugesagte Ware nicht übergeben worden. Der ganze Ausflug umsonst. Bis auf den Hirsch, den sie gefunden hatten. Allerdings waren seine Kinder ausgesprochene Vegetarier, die lieber einen Kartoffelauflauf mit Käse überbacken haben wollten. Er runzelte die Stirn. Und gendern wollten die auch. Wo man so etwas lernte, war ihm fremd. Er betrachtete den geschaffenen Wohlstand mit gemischten Gefühlen. Er vernebelte die Sinne.
Die blauen Finger der frostigen Hand des Winters schlossen sich. Bei dem Wetter draußen zu sein, hasste er wie die Pest. Es kühlte einen zu sehr aus. Die roten Augen des vordersten Trolls blitzten kurz auf, als er seinen Kopf wie eine Eule drehte, um wieder nach Udun und den Menschen Ausschau zu halten. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Aussichtslos; zu viel Schnee lag in der Luft. Er hob drohend die Hand und rollte seine Finger langsam zu einer Faust. Er war wegen des geplatzten Treffens immer noch sehr schlecht gelaunt: erst das endlose Warten weiter oben am Treffpunkt, dann der Schneesturm und schließlich die Einsicht, dass es mit dem Treffen nicht klappen würde.
Ihr Vorhaben, eine Zwergenmine in den Schweizer Bergen weiter im Westen um ein paar besondere Teile zu erleichtern, stand jetzt auf der Kippe – so kurz vor dem Ziel! Die alte Mine hütete in ihren untersten Sohlen einen uralten Schatz, den sie heben wollten. Das Ganze war bereits im Gange und die großen Grauen aus Stein hatten die Mine stillgelegt, eine Totalverrieglung ausgelöst. Da kam kein Zwerg mehr raus. Selbst die Sauerstoffzufuhr dürfte gekappt sein. Wie in einem abgesoffenen U-Boot. Dass die Grauen ihm halfen, verwunderte ihn selbst ein wenig. Sie waren dem Ruf der Alten Wölfin gefolgt. Es schien mehr dahinterzustecken, als er vermutete, das ahnte er bereits.
Ein unangenehmes Gefühl von Kontrollverlust beschlich ihn. Ihm war, als ob er gar nicht der Auslöser sei, sondern nur ein Stein in einem Puzzle, das er gerade nicht überblickte. Jedenfalls war ihr Vorhaben erst einmal gestoppt, die Mine bereits heruntergefahren. Diese Südländer-Penner, die er hatte treffen wollen, hatten es vergeigt. Um die Zwerge sah es schlecht aus. Die Zeit wurde jetzt knapp. Tote hatte er bisher nicht auf dem Plan gehabt. Den Shutdown schon. Und einen kurzfristigen eleganten Einstieg durch die Südländer-Ware. Alles war so weit vorbereitet gewesen. Jetzt war alles Mist! Er musste zu Hause nachdenken. Der alte Rat würde tagen und zu einer Lösung kommen. Eine andere Lösung musste her, und zwar möglichst schnell, aber dazu musste er erst einmal raus aus dem Schnee und der Kälte.
Im alten Troll wechselten Wut und Enttäuschung. »Gendern, von wegen! Hier draußen gelten andere Gesetze!« Sein blaues Fell hing in Strähnen von seinen Armen. Er hob seine geballte Faust, groß wie ein Eimer. »Orpheus, was ist los?« Die Frage kam vom Troll direkt hinter ihm. Orpheus drehte sich zu ihm um. Dann stockte er. »Oh Mann! Der Ast eben hat dich ja gut erwischt! Tut mir leid! Entschuldige bitte! Du blutest ziemlich an der Wange.« »Alles okay. Halb so schlimm. Hab den nicht kommen sehen, so schneite es mir in die Augen.« Orpheus senkte die Stimme. »Zwerge und Menschen im Wald. Nicht weit weg«, gab er dem Zweiten leise zur Antwort. »Shit.« »Nur Gespenster. Sie ahnen nichts. Lass uns weiter. Ich verstehe auch nicht, wo die Deppen aus dem Süden abgeblieben sind. Auf die kannst du dich einfach nicht verlassen. Immer nur Gequatsche und leere Versprechungen! Und dann lamentieren und nie pünktlich. Aber ich glaube nicht, dass die, die sich hier gerade versteckt halten, etwas damit zu tun haben. Kann ich mir nicht vorstellen. Da sind Menschen dabei. Ich rieche auch Blut von einem Tier. Ist eher 'ne private Veranstaltung, denke ich.« »Na, die werden jedenfalls schön doof aus der Wäsche gucken, wenn unsere Kumpels aus dem Süden doch noch aufkreuzen sollten. Da werden die rennen lernen. Schneller als die Hasen.« Der junge Troll hinter dem Alten grinste.
Der alte Troll dachte kurz nach. Das würde ihnen sicherlich zu Ohren kommen. Die aus dem Süden waren zwar mit weniger Fell, dafür aber mit irgendeinem Mittel im Blut, das den Frost ausglich. Sie bluteten farbig. Und sie waren eine Spur hitziger. »Und unpünktlich und nie um eine faule Ausrede verlegen!«, dachte er grimmig und wurde wieder wütend. Dann besann er sich. »Durchatmen!« Mit leisen, milden Worten gab er seinem Trupp eine Anweisung, der sich daraufhin wieder in Bewegung setzte, den Berg hinauf zur Trollstadt, die sich ein gutes Stück über der Baumgrenze zwischen den kargen Felswänden befand.
Sie waren schon viel zu lange unterwegs. Grimm hatte keinen Platz unter ihnen. »Eines Freundes Freund zu sein«, murmelte Orpheus zu sich und keiner seiner Gefährten sollte ihm verloren gehen, denn von über dem Sternenzelt sah er keine Gnade kommen. Nur noch mehr Schnee, das spürte er es deutlich in seinen Knochen. An den Kaminen ihrer goldenen Hallen musste ihnen eine Lösung einfallen. Die Zeit rannte ihm davon. »Es sind auch noch andere unterwegs. Interessierte und Getriebene«, dachte er bei sich. Soweit hatte er die Gerüchte interpretiert.
»Wir müssen uns beeilen!« »Ja, es wird kalt.« »Das meine ich nicht, du Pussy.« Orpheus raunzte den Jungen an und bedauerte es sofort wieder. »Mann, das sieht echt nicht gut aus mit deiner Wange.« »Ich kümmere mich zu Hause drum«, erwiderte der Junge tapfer. Man spürte in seiner Stimme die quälende Taubheit seiner Schmerzen. Es musste höllisch brennen. Der alte Troll blieb stehen. »Orpheus, was ist los?«, kam die Frage von hinten. »Nichts. Weiter geht's!«
Er sah zum Zweiten. »Sekunde! Ich hab hier was.« Orpheus griff an seine Seite und holte eine schillernde Dose hervor. Auf dem Deckel waren Initialen in Gold gefasst. G. T. Der junge Troll sah ihn mit großen Augen an. »Wo hast du DAS denn her?« »Vitamin B«, gab der Alte lapidar zur Antwort, während er die Salbe auf der Wunde verrieb. »Aber irgendetwas läuft hier schief. Ich habe ein schlechtes Gefühl«, dachte er bei sich. »Komm, lasst uns weiterziehen! Raus aus der Kälte«, sagte er und streichelte dem Zweiten über den Kopf.
* * *
Die drei standen langsam wieder auf und lösten sich aus ihrer Deckung. Carl und Jule sahen zu Udun. Melancholie wiegte sich tanzend in seinem Blick, umschlungen von dem Gefühl wiederkehrenden Sonnenscheins. Fäden der Erinnerung, aus Sehnsucht und Liebe gesponnen. Licht durchbrach die Wolken und blendete seine Augen. Erinnerungen an namenlose, schneebedeckte Grabhäuser in den kalten blauen Höhen der Gebirge schossen in ihm hoch. Runde Häuser aus schwarzen und weißen Quadern, gebaut vor hohen blendenden Gipfeln, schneeweiß im hellblauen Himmel, der Sonne so nah wie möglich.
Das erste Licht eines neuen Tages glitt über die eisigen Böden. In die Wände zum Sonnenaufgang und Sonnenuntergang waren Öffnungen in Form einer langen, schlanken Hand geschnitten. Übergroß, mit rotem Glas ausgefüllt, erhoben wie zum Gruß. Die Finger leicht gespreizt. Die Hand aus rotem Licht strich über die polierten Gräberplatten, so wie jetzt seine Gedanken. Eine Liebe, die er so sehr vermisste. Still, ohne Bewegung. Hier in starrer Kälte blieben Erinnerungen ewig jung. Gefrorene Herzen ohne Schlag. Ob das so gut war, wusste Udun nicht mehr zu beurteilen. »Die Vergangenheit ist existent«, waren Einsteins' Worte. »Die Vergangenheit ist existent! Aber sie ist unbeweglich«, dachte Udun. Worte des Trostes waren einst gesprochen worden, die ihn aber nicht trösteten. Gesänge der Hoffung am Grab gesungen die ihm keine Hoffung gaben. Kein Wiedersehen. Udun holte tief Luft. Tiefste Trauer in ihm, in Sekunden aufsteigend, um dann wieder abzusinken, lang wie ein Leben. Schneeflocken tauten auf seinem Gesicht. »Die Sekunde vor dem Ende musste eine andere sein«, dachte er. »Danach gab es keine Erinnerung mehr.«
»Oh Mann! Da haben wir ja noch mal Glück gehabt! Was für eine unerwartete Begegnung!« Jule murmelte die Worte mehr, als dass sie sie aussprach. Udun sah sie an. Groß und schlank stand er neben ihr und Carl. Uduns Haut war weiß und beinahe ohne Alter. Seine Haare vom Wind zerzaust. Das Leben zu spüren, wenn es einem so schnell hätte genommen werden können, war unglaublich schön. In diesem Gefühl absteigend, versank Udun in ein tiefes Nachdenken. Er wirkte geistesabwesend.
Jule und Carl sahen den sich auflösenden Umrissen der Trolle nach, die sich behände und ohne Rücksicht auf den Lärm, den sie dabei verursachten, immer weiter ihren Weg durch den Wald bahnten. Carl klopfte sich schweigend den Schnee aus den Ärmeln. Sein Magen brannte und zog sich zusammen. Ihm war übel.
»Da haben wir echt verdammtes Glück gehabt!«, murmelte Carl, während er die Truppe der Trolle mit den Augen verfolgte, bis sie im flimmernden Strichcode der Baumstämme und dem Weiß verschwunden waren. »Ich würde sagen, wir schauen noch nach der Sau und dann nichts wie weg hier!«, rief Jule und war schon wieder bereit, nach dem verwundeten Tier zu suchen. Die drei machten sich auf. Der Schneefall ließ nach. Udun hatte seine Kapuze nicht wieder über den Kopf gezogen. Er bevorzugte jetzt eine freie Sicht auf das Gelände. Nach der überraschenden Begegnung mit den Trollen fühlte er sich nicht mehr wohl hier. Etwas war im Gange. Sie stapften wortlos weiter. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen. Udun fand die Fährte der Sau wieder, die sich zu allem Unglück dazu entschlossen hatte, den festgetretenen Trollpfad als Fluchtweg zu benutzen. Udun fluchte. Er drehte sich um. Jule nickte. Sie liefen weiter durch den Schnee bergauf der Sau hinterher. Die Spur gabelte sich. Udun, plötzlich unentschlossen, entschied sich schließlich für den linken, ansteigenden Pfad.
Sie kamen viel höher in die baumlosen Felsenebenen, als sie vorgehabt hatten. Das leise Lied des Waldes lag hinter ihnen. Wolkenverhangene, sich auftürmende Felsen mit dunklen Spalten und verschneiten Pässen lagen vor ihnen. Der eiskalte Wind pfiff an den steilen Berghängen vorbei und drückte in ihre Rücken. Silbern glitzernde Schneekristalle wirbelten waagerecht durch die Luft. »Ein Tag zum Sterben«, dachte Carl. Er wäre längst wieder umgekehrt, wenn Jule und Udun nicht so entschieden gezogen hätten.
So weit war auch noch alles okay. Aber das Wetter gefiel ihm nicht. Die Wolken brachen auf. Das gefleckte Grau-Orange des Himmels ließ die Sonne durch. Udun blieb stehen. In strahlenden Dreiecken gefächert schien ein erstes Gelb hervor. Die Sicht wurde weiter. Udun erkannte die Gegend wieder. Jetzt sah er, was er bereits geahnt hatte. »Wir sind in einem Bogen gelaufen. Das Tor zur Trollstadt kann nicht mehr weit entfernt sein. Lasst uns noch nach der Sau sehen und dann dampfen wir hier wieder ab. Mir gefällt das Wetter überhaupt nicht. Da oben« – er zeigte einige fünfzig Meter oberhalb den steinigen und verschneiten Hang hinauf Richtung Bergwand auf die vielen dunklen Punkte in der Luft – »bei den Vögeln.« Die Stelle lag zwischen großen abgebrochenen Felsen und war von ihrer jetzigen Position aus kaum einzusehen. Sie erschien wie geborstene und zerfallene Rümpfe von Giganten. Carl und Jule nickten zustimmend.
Sie stiegen weiter. Die drei liefen hintereinanderher über einen Hang auf den Schwarm großer Krähen zu, welche immer wieder aus dem Schnee in die Böen sprangen, um sich mit gespreizten Flügeln wie an Fäden gezogen senkrecht in den Himmel ziehen zu lassen. Die Federn bogen sich bis zum Brechen. In eckigen Bewegungen und mit eingezogenen Flügeln wie Laub fallend, vertrieben sie sich gegenseitig von dem dunklen Haufen im Schnee. Carl und Jule wurde es warm. Die beiden waren sportlich, aber die Kletterei am Berg hatten sie sich anders vorgestellt. Mit dem Erscheinen der drei Ankömmlinge auf der weiß-blauen Schneekuppe zogen sich die schwarz schimmernden Vögel zeternd in die Felsen zurück. Jede Bewegung der drei Eindringlinge, jedes keuchende Ausatmen warmer, dampfender Luft wurde kritisch beobachtet.
Hellblauer Himmel erstrahlte plötzlich wie zur Täuschung über ihnen. Es flaute ab. Tödliche Stille umgab sie. Das Betrachten der Natur ihrer Mühen. Sinnlose Taten angesichts einer verschlagenen Kälte, die sofort wieder zuschlug. Die Nachgiebigkeit des Schnees machte aus jedem ihrer Schritte zwei. Er saugte, der Schnee. Die Kälte auf ihren Gesichtern. Ihre Körper schwitzten. Ihr Atem ging tief, der blaue Geschmack von Schnee im Mund.
In den glänzenden Augen der Vögel spiegelte sich die kalte weiße Bergwelt. Plötzlich von schroffen hohen Felsen zurückgeworfen, zerschellte ihr verärgertes Gekrächze in nervenaufreibende Echos. Der eisige weiße Ort eine kreischende Achterbahn. »Oh Mann! Krähen! Ich finde die im Sommer schon nervig, wenn die die Abfalleimer an den Hütten plündern. Schlimmer als die Geier. Ich hoffe, die haben noch was von der Sau übrig gelassen!« Carl bildete die Nachhut und betrachtete die Vögel in der Wand. »Das sieht ja voll nach Hitchcock aus!« »Sie sind aufgeregt und aufgebracht.« Udun sah hoch. »Ich verstehe nur den Teil vom Tod. Den kennt jeder von uns. Ihr Todesruf lockt sie an und ruft sie, sich zu sammeln. Ein Schrei, der weit durch die Berge bis in die Täler hallt. Mir sind Raben lieber. Hugin und Munin. Die Raben meiner Ahnen. Die verstand ich reden. Ganze Bücher voller Weisheit, in alten Schränken gelagert. Aber in Dunkelheit und Schweigen blüht keine Erkenntnis.« »Voll der Hitchcock!«, keuchte Carl. Er hörte Udun nicht zu. Ihm war unwohl. Ab wann würden die Krähen erkennen, dass sie verbunden im Schwarm stärker waren? Wann würden sie sich auf sie herabstürzen, um sie von hier zu vertreiben?
Die drei erreichten die Stelle. Udun bückte sich. Etwas schien ihn zu stören. Irgendetwas war nicht in Ordnung mit ihrem Fund.
Aus dem Schnee standen bleiche große Knochen, wie Mahnmale einer entsetzlichen Wut. Die Krähen hatten das blau-grüne Fleisch aufgehackt. Durch ihre Flügelschläge war der Schnee immer weiter davongewirbelt worden. Zurück blieben Krater, über die der glitzernde Schnee fegte. Von Blut vereiste Mondkrater, aus denen Trollschädel mit kalten Augen und mit Blut vollgelaufenen Ohren in den blauen Himmel starrten. Ihre Augen waren von der Höhenluft bereits angetrocknet und die sich zurückziehenden Lippen ließen ihre Zähne zu einem gebrochenen Lachen frei werden. »Jetzt bloß keinen Mucks von euch geben!«, ertönte die mahnende Stimme Uduns in Jules und Carls Kopf.
Carl zog sich der Magen zusammen. Hitze begann von seinen Beinen aus an ihm hochzusteigen und ihm langsam den Hals zuzuschnüren. Ihm wurde schwindelig.
Carl spürte die Kälte auf seinem Rücken. Er konnte sich zwar nicht wie Udun telepathisch mit seiner Schwester verständigen. Es war ihm aber unschwer anzusehen, dass er jetzt lieber im Ferienhaus am Tegernsee vor dem Kamin sitzen oder einfach nur so etwas Banales wie einen Schneemann im Garten bauen würde. Udun sah Carl an. »Das Banale und das Sterben passieren zeitgleich.«
Udun konnte sich als Zwerg mit Menschen telepathisch unterhalten. Er vermied es allerdings, sich allzu häufig mit Jule in Gedanken in Verbindung zu setzen, weil jeder, der einigermaßen geistige Fähigkeiten besaß, sich umgekehrt auch mit ihm unterhalten konnte und dabei die Dinge sah, die er dachte, ohne dass er das verhindern konnte. Dazu zählte nun mal auch Jules Hintern, den er nach wie vor mit großer Begeisterung ansah und der kaum vergleichbare Schönheit auf diesem Planeten kannte. »Gott schuf die Welt für diesen Hintern«, schoss es ihm zu entspannteren Zeiten manchmal grinsend durch den Kopf; mit einer eingeklinkten Jule in seiner Gedankenwelt war das dann schon sportlich peinlich – oder der Anfang eines schönen Abends. Im Moment jagten ihn andere Gedanken.
Udun kniete sich in den Schnee. Das Knirschen der harschen Schneedecke unter seinen Knien. Dann begann er mit den Händen Schnee wegzuschieben. Überall Knochen. Die weiße Sonne ließ sein Gesicht blass aussehen. Leben war unermesslich in seinen Augen. Aus Staub und Strahlung Leben zu erzeugen, um Fragen an das Universum richten zu können, war für ihn unermesslich. Einzigartig, unvergleichlich, Gefühle zu haben: Liebe, Trauer, Verantwortung zu spüren, war unvergleichbar. Jedes Wesen lebte auf seine Art. Das Universum schien gleichgültig. Gleichgültig was du warst, Pharao, König, Magd oder Dinosaurier, alle gleich gerichtet vom Zufall. Egal, wer würfelte. Jedermann. Gesellschaften definieren Rechte immer anders. Aber vor den Gesetzen waren alle gleich. Gravitation und die wenigen anderen, die das Leben gebaren und den Tod zuließen. Alles andere schienen Ideen zu sein, die sich an der Realität messen lassen mussten.
»Was ist das denn?!«, fragte Jule, ohne den Mund zu bewegen. Man hörte in ihrem Kopf Panik aufsteigen. Udun wurde tief aus seinen Gedanken gerissen. »Keine Wanderer aus der Eiszeit! Das sind Trollknochen«, gab Udun zurück, ohne seine Lippen zu bewegen. »Ich denke, mindestens drei oder vier Trolle liegen hier gefroren unterm Schnee. Es ist nicht mehr viel von ihnen übrig. Die sind regelrecht zerbrochen worden. Und was mir überhaupt nicht gefällt …« Udun beugte sich weiter vor. Carl sah talabwärts über funkelnde Schneekristalle auf einer strahlend weißen Decke. Dann in die gewaltigen, ihn anstarrenden Berge, die sich langsam näherten und ihre dunklen Gedanken auf ihn richteten. Sie waren tödlich und grausam. Ohne das Leben zu achten. Kalt lagen die unbeweglichen Körper in ihren Winkeln. Der Sommer würde sie wie Staub aus den Ecken fegen.
Carl spürte den Druck auf seinen Körper. Das scharfe Kratzen von Steinhänden auf seiner Haut. Das flüssige Aufplatzen von Fleisch. Die explodierende Unerträglichkeit. Leben war so verletzlich. Das spastische Zucken in Schmerzen. Das Gefoltert werden. Die Trennung von Geist und Körper. Krankes zurücklassen. Willenlos, gebrochen schon vor dem Tod.
Ihn ergriff das Gefühl des Gejagten. Heiße Angst. Er wollte rennen. Jule sah ihn plötzlich scharf an. »Carl, reiß dich zusammen! Reib dir Schnee ins Gesicht!« Jules Ton war schneidend und alternativlos. Carl kam zu sich und murmelte: »Kalter Griff zu warmem Herzen.« Udun sah ihn an: »Wie jetzt?« »Ging mir gerade so durch den Kopf.«
Udun griff durch die hochstehenden Knochen. Ihre Enden waren in scharfen Kanten zersplittert. Nur die eisige Kälte des Winters hier oben verhinderte den bestialischen Gestank, den verwesende Trolle normalerweise von sich geben.
»Tote Trolle. Das muss gemäß Gesetz sofort dem Reservat gemeldet werden«, hörten sie Udun zu sich selbst sagen. »Es ist seit dem Frieden nach den langen Zwergenkriegen nicht mehr vorgekommen.« Mühsam setzten sich seine Gedanken zusammen. Wie in Zeitlupe. »Die Zeiten waren doch längst vergangen. Willkür und Mord nur noch Erinnerungen. Völlig krank, Trolle zu jagen oder gar zu töten, auch wenn manche Idioten dies rechtfertigten, dass sie ein gewisses Risiko für diejenigen darstellen, die sich unbedacht im Reservat bewegen. Weil sie nicht den gleichen Gott anbeten? Weil sie anders sind? Weil sie eine andere Hautfarbe haben?« Er dachte nach. »Aber das scheidet hier sowieso aus, denke ich.« Udun sah Carl an. »Ich vermute, statistisch gesehen ist die deutsche Autobahn tödlicher als jedes Reservat. Und New York auch. Mit null Konsequenzen. Und ohne die Angst davor zu haben, welche die Stadt und die Autobahn eigentlich verdient hätten.« Carl hatte sich zweimal das Gesicht kräftig mit Schnee abgerieben. »Angst ist kein zuverlässiger Richter, Carl.« Udun sah Carl lange an. »Hexen haben wir verbrannt aus Angst. Den Wolf ausgerottet. Weil sie uns Angst machten. Sollen wir alles verbrennen, was uns Angst macht? Frauen, Bücher, Wissen? Ist das die Maxime?«
Tauender Schnee rutschte Carl von den Augenbrauen. In dünnen Rinnsalen lief Wasser über sein Gesicht, rann über seine Wimpern und tropfte von seinem Kinn. Wieder einigermaßen klar im Kopf, sah er Udun an, lächelte mit den Augen und nickte. Tränen des Schnees. Du bekommst das wieder, was du gegeben hast. Jule betrachtete Carl. Tränen einer Seele, geboren aus Mitleid. »Woher nahm Udun noch die Kraft, so zu denken?« Carl sah ihn schweigend an und stellte sich neben Udun. »Geht wieder! So weit alles klar bei mir.« »Pass mit den Knochenenden auf, die sind scharf wie Piranhazähne. Ich will nicht auch noch dein Blut in den Schnee tropfen sehen.«
»Udun! Was war hier los?«, fragte Carl. Seine Stimme klang leise. »Die liegen noch nicht lange hier«, kam die Antwort von Udun, »ansonsten wären mehr Vögel und Spuren von Aasfressern zu sehen. Der Boden zeigt aber nur die Abdrücke der Krähen.« Er dachte nach. »Außerdem hätten die Trolle schon längst Suchtrupps losgeschickt. Das sind Fremde. Ich tippe auf Südländer. Farbiges Blut. Ich frage mich nur, wer die so in Stücke zerlegt hat. Trolle haben kaum natürliche Feinde. Die Knochen sind schwer zu brechen. Es gibt einige Drachen und wenige sehr große Bären, die das fertigbringen. Allerdings habe ich seit Jahren nichts mehr von Drachen in der Gegend gehört. Und die Bären sollten längst im Winterschlaf sein.«
Udun schwieg. Drachen waren früher gebräuchliche Haustiere bei Zwergen und Menschen, um ihre Häuser und Festen in den Bergen und an den Grenzen des Reservates vor Trollen zu schützen. Udun stutzte und fasste tiefer zwischen die weißen Speere aus Knochen. Dann zog er einen mit Blut und blauen Haaren verklebten ledrigen Sack hervor. Udun hob überrascht die Augenbrauen. »Der Sack ist so steif gefroren, dass ich ihn so kaum aufkriege. Carl, gib mir mal bitte dein Messer, damit ich die Schnüre aufschneiden kann.« Udun kniete vorgebeugt im Schnee. Die weiße Oberfläche, glitzernd hart, brach unter seinem Gewicht. Er war mit dem Messer beschäftigt, ohne dass Jule und Carl genau sehen konnten, was er da gerade tat. »So ein Mist!«, hörten sie ihn ausrufen, als er sich, immer noch im Schnee kniend, aufrichtete. In der Hand hielt er ein grün glänzendes, ledriges Ei. Etwa so groß wie das eines Straußes. Es erschien im grellen Sonnenlicht fast durchsichtig. Ein dunkler Schatten war im Inneren des Eies schwach zu erkennen. Es lag jetzt flach in sich zusammengefallen auf Uduns Hand und quoll fast über seine Handfläche. Udun grinste. »Das ist typisch für … Dracheneier. So rollen sie nicht vom Felsen. Sieht aus wie eine Qualle am Strand. Es nimmt die Wärme aus meiner Hand auf. Uhhh, wird das kalt.« Udun schüttelte seine Hand.
»Es ist ein Beuteldrachenei. Frisch aus dem Nest geraubt. Die Idioten. Nur weil die selten zu sehen sind, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht mehr da sind. Das Muttertier wird ihnen hinterher gewesen sein und sie hier zur Strecke gebracht haben. Beuteldrachen werden nicht sehr groß, ungefähr so groß wie ein ausgewachsener Braunbär. Sie sind schlank wie irische Wolfshunde. Die Jungen transportieren sie auf weiten Flügen in ihrem Beutel am Bauch. Ansonsten liegen die Eier in Gelegen in Höhlen, so lange, bis sie ausgeschlüpft sind.« Udun war außer sich. »Wenn die Alte noch hier herumschwirrt, sind wir die Nächsten, die zu Hackfleisch verarbeitet werden.« Udun sah sich um. Carl spürte seine Angst. Hektisch zu werden, lohnte sich nicht mehr. Auch sprach die Anwesenheit der Krähen dagegen. Der Beuteldrache dürfte nicht mehr hier sein.
»Gibt's doch gar nicht. Was machen wir damit?«, flüsterte Jule, die ihre Sprache wiedergefunden hatte. »Wenn wir es hier einfach liegen lassen, wird es umkommen«, meinte Udun. »Ich glaube auch eher nicht, dass das Muttertier sich hier noch mal blicken lässt, um nach dem Ei zu suchen. Weiter oben am Berg ist der Stolleneingang zur Trollfeste. Ich möchte auch nicht, dass die Trolle es noch finden.« Er sah sie nachdenklich an. »Wir können das Ei mitnehmen und bei den Parkrangern abgeben. Die brüten es aus und danach wird der Drache wieder ausgewildert. Das ist vermutlich kein Problem.«
Sie entschieden sich, das Ei mitzunehmen. Udun wickelte es in seinen Schal und steckte es vorsichtig in den Rucksack. Seine rechte Hand, mittlerweile kalt und taub, verschwand in seinem Handschuh.
Mit seinen hohen Wanderschuhen begann Carl Schnee auf die Überreste der Trolle zu schieben. Er mochte Trolle zwar nicht unbedingt gerne, aber ein derartiges Gemetzel unter klarem Himmel anzusehen, war auch nicht gerade nach seinem Geschmack. »Das uralte Prinzip von Hammurabi: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹ ließ noch keinen Klügeren hervortreten, der nachgab, aber es begrenzte den Schaden: Auge um Auge, und nicht Kopf um Auge.«
In den Gedanken versunken, sah Carl hoch zu den sich auftürmenden Bergen. Jule folgte seinem Blick. »Das Wetter scheint wieder umzuschlagen.« Dunkle Wolken zogen rasch durch die Felsen. »In den nächsten zehn Minuten ist hier oben Schluss mit Sonnenschein. Wir sollten gehen.« Der Winter in den Bergen war unbarmherzig. Er fraß die Wärme und kratzte einem das Leben aus dem Inneren der Knochen. Plötzlich fasste etwas aus dem Schnee heraus an Carls Fuß. Sein Puls schoss hoch. Pochender Herzschlag durch die Brust hindurch. In seiner Bewegung abrupt gestoppt, schwankte Carl weit vornüber. Jule schrie: »Stopp!« In Gedanken sah sie ihn. Fallend. Von knochigen Speeren durchbohrt und zerrissen. Haut, aus der warmes Blut austrat und in dunklen Flecken gefror. Augen ohne Wiedersehen. Jede Hoffnung starb. Ihr wurde heiß. Sie schrie: »CARL!« Er fing sich und sah nach unten. Carl fluchte. Eine dünne gefrorene Schlaufe hatte sich beim Schneeschieben an den oberen Stahlösen des Schuhs verfangen. »Mist! Die Fußangel hätte mich fast zu Fall gebracht.« Jule starrte ihn erschrocken an. »Scheiße! Oh Gott, hast du mich erschreckt! Ich hab dich bereits in den Knochen liegen sehen.« Sich bückend, fasste er nach dem roten Strick. »Hier ist noch etwas. Es hat sich mit dem Ruck losgerissen.«
Mit Herzklopfen bis zum Hals zog Carl einen kleinen schillernden Sack tief aus dem Schnee. Er schien mit silbern glänzenden Fäden verwoben, welche die Muster nur erahnen ließen. Im grellen Sonnenlicht war außer den Umrissen fast nichts zu erkennen. Carl wandte sich von der Sonne ab und kniff die Augen zusammen. Der Sack war fein gewebt und offensichtlich nicht von Trollen gefertigt. »Er ist verschmiert mit blauem Blut. Ich mach den mal auf«, rief Carl, gegen den aufbrausenden Lärm der immer ungeduldiger werdenden Krähen ankämpfend. Er zögerte, den Sack einfach aufzuschneiden. »Da sind Zeichen auf dem Beutel.« Carl hielt den Beutel zurück ins Licht. »Sind das Zwergenrunen?« Jule sah zu Udun. Udun schüttelte den Kopf und kam näher. »Zeig bitte mal her, Carl. Oh Mann, ziemlich voll mit Blut. Doch! Es sind Zwergenrunen! Die Zeichen sind alt und nicht aus dieser Gegend. Ich möchte nur zu gern wissen, wie die Trolle an DAS
