Take care, Baby! - Jolene Thompson - E-Book

Take care, Baby! E-Book

Jolene Thompson

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Beschreibung

Kristy liebt ihr unbeschwertes Leben in Palm Bay, Florida. Sie lebt mit ihrem Hund in einem kleinen Haus am Meer und hat einen tollen Job als Psychologin beim SAD (Special Activities Division). Eines Tages soll sie beruflich ein psychologisches Gutachten über einen Topagenten des Landes erstellen. Dieser äußerst charmante Latino namens Beno stellt ihr Leben auf den Kopf, das fortan von Liebe, Action, Abenteuer, aber auch von großer Angst um den neuen Lover bestimmt wird. Kristy liebt den Alltag, taucht aber auf einigen Reisen mit ihm in die Welt der Agenten ein und wird mit Morddrohungen und Verfolgungen konfrontiert und selbst vor Entführungen nicht verschont. Von einem großen Einsatz gegen ein südamerikanisches Drogenkartell kommen seine Kollegen ohne ihn wieder. Irgendwo auf dieser Welt sitzt er als Geisel in Gefangenschaft. Wochenlang bangt Kristy um sein Leben. Wo ist er und wie kann ihm geholfen werden? Bis die Regierung mal in Gang kommt, hat sie schon längst den Kampf aufgenommen. In einer dramatischen Rettungsaktion befreien Benos Kollegen ihn aus der Gefangenschaft. Doch kehrt jetzt Ruhe und der ganz normale Alltag in ihr Leben ein? Bis dahin müssen noch einige spannende Hürden überwunden werden.

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Seitenzahl: 538

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Diktatorentod
Kristy
Beno
Kapitel 2
Nur ein guter Freund?
Kapitel 3
Männer auf Tour
Was will dieser Mann?
Kapitel 4
Einsatz in Kolumbien
Angst um Beno
Es läuft nicht immer alles nach Plan
Kapitel 5
Endlich zusammen
Ein Leben mit ihm
Kapitel 6
Benos „Familie“
Kapitel 7
Agentenkurztrip
Agentenalltag
Einsatz als Agentenbraut
Kapitel 8
Ruhige Zeiten
Kapitel 9
Warten, warten und nochmals warten
Kapitel 10
Einsatz im südchinesischem Meer und Gefangenschaft
Kapitel 11
Keine Zeit verlieren
Kapitel 12
Befreiung
Kapitel 13
Hören, sehen – und fühlen
Kapitel 14
Überraschungsparty in Weiß
Kapitel 15
Verheiratetes Agentenpärchen in Las Vegas
Kapitel 16
Ruhe vor dem Sturm
Kapitel 17
Entführung
Happy End
Nachwort
Impressum

Kapitel 1

Diktatorentod

Dieser Platz erschien ihm perfekt für die bevorstehende Mission. Beno stand mit dem Rücken an der kalten, feuchten Wand des hohen Gebäudes. Es war stockdunkel, er konnte kaum etwas sehen. Der hohe Baum mit der dichten Baumkrone gab ihm noch mehr Schutz. Der Park hinter ihm lag ebenfalls einsam und menschenleer im Dunkeln. Die Wachhunde, zwei große Dobermänner, die frei im Park herumliefen, hatte sein Kollege Jim bereits vor einiger Zeit mit einem Betäubungsmittel und einem Blasrohr außer Gefecht gesetzt. Hardy und Monroe, seine beiden besten Männer, befanden sich in Position auf der anderen Seite des hohen Zaunes, der die große Parkanlage umschloss. Beno wartete jetzt auf Anweisungen, um möglichst schnell seinen Auftrag ausführen zu können. Obwohl es nicht sehr warm war, schwitzte er. Gern hätte er seine schwarze Jacke zur Seite gelegt und wäre im T-Shirt weiter gegangen. Aber er war auf die Geräte, die sich in den zahlreichen Taschen der Jacke versteckten, angewiesen. Auf der anderen Seite des Gebäudes herrschte offenbar das absolute Chaos. Panische Schreie und Schüsse hallten gedämpft zu ihm herüber. Das große Gebäude und eine lange prunkvolle Auffahrt durch den Park lagen zwischen ihm und dem Gemetzel auf der Straße. Was als friedliche Demonstration begonnen hatte, wurde blutig von der Armee niedergeschlagen. „Sie metzeln ihr eigenes Volk nieder. Ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder. Egal wer sich ihnen in den Weg stellt“, dachte er und  erschauerte, als er sich die Bilder der getöteten und verletzten Zivilisten ins Gedächtnis rief. Er hörte die angstvollen Schreie dieser Menschen und wusste, dass diese ihm nachts den Schlaf rauben würden. Mit der Faust wischte er sich den Schweiß von der Stirn und ermahnte sich sogleich, da die schwarze Tarnschmiere sich jetzt auf seinem Handrücken befand. Der Auftrag musste einfach erfolgreich ausführt werden. Nur dann hatte das Land eine Chance, sich neu zu entwickeln. „Jake, wann kann ich da endlich rein?“ Beno sprach in das kleine Mikro. Jake, der Mann im Ohr, koordinierte vom heimischen Stützpunkt, dem Camp Palm Bay aus das Geschehen. Unzählige Helfer lieferten Jake Informationen, die sie über Funk und Satellit erhielten und über etliche Bildschirme verfolgen konnten. Kaum eine Bewegung Benos und seiner Männer blieb unbeobachtet.

„Es kann losgehen“, meldete sich Jake. Er flüsterte fast dabei. „Siehst du über dir an der Wand das Gitter? Dahinter sind Lüftungsschächte. Sie ziehen sich durchs ganze Haus. Du passt da durch, glaub’ mir! Schwing dich hoch. Ich habe einen Plan, wie du am sichersten durchs Haus kommst.“ Beno sah sich um und entdeckte das verrostete Gitter in circa zwei Metern Höhe. Schnell erklomm er mit Hilfe des Baumes die Hauswand und umfasste das Gitter. Es ließ sich unerwartet leicht lösen. Er hob es leise zur Seite und verankerte es an einem dicken Ast, dann schwang er sich in die Öffnung. Bäuchlings krabbelte er den Gang entlang. Es roch muffig, nach klammer, abgestandener Luft. „Ich bin drinnen.“ Er bemühte sich leise und gleichmäßig zu atmen. „Okay, es geht circa fünfzehn Meter geradeaus, dann nach rechts. Ich habe da eine gute Möglichkeit, wie du an dein Opfer ohne großes Aufsehen rankommen kannst. Sei leise, unter dir ist der Konferenzraum.“ Lautlos und unsichtbar sein, eine Kunst, die jeder Agent beherrschen musste. Auch wenn man fast 1,90 Meter maß. Geräuschlos robbte er den dunklen Gang entlang und bog schließlich nach rechts ab. Jake räusperte sich leise. „Jetzt stopp. Unter dir befindet sich das Herren-WC, das zum Konferenzraum gehört. Man gelangt dort ausschließlich über einen kurzen Korridor hin. Es ist ein einzelner Raum. Rechts daneben das Damenklo. Direkt unter dem Lüftungsschacht liegt die Toilette, rechts daneben Waschbecken und gegenüber die Tür. Heb das Gitter an, du müsstest durch passen.“ „Eine Toilette, das ist ja mal was ganz Neues“, meinte Beno skeptisch. Er gelangte zum Lüftungsgitter des WC. Die Öffnung schien groß genug. Dann schob er eine Kamerasonde durch das Gitter und drehte sie so, dass er den ganzen Raum wahrnehmen konnte. Direkt unter ihm war die Toilette. Ideal, um dort jemanden, der sich ungestört meinte, zu überwältigen. Vorsichtig hob er die Abdeckung an, auch sie ließ sich leicht abnehmen. „Es geht jemand Richtung WC. Bingo, es ist die Zielperson“, flüsterte Jake aufgeregt. Prompt öffnete sich die Tür, ein Mann trat ein, schloss die Tür und verriegelte sie von innen. Er sah nicht sehr groß aus und war leicht untersetzt. Dünne blonde Haarsträhnen waren über die Halbglatze gekämmt, die im hellen Licht glänzte. Der Mann ging zur Toilette und öffnete den Deckel. Jetzt musste es schnell gehen. Blitzschnell öffnete Beno das Gitter und ließ sich durch die Öffnung direkt auf den Mann gleiten. Er umklammerte den Oberkörper mit seinen Knien, während er mit einer Hand den Mund des Opfers zuhielt. Mit der anderen Hand umfasste er ebenfalls den Kopf und führte eine ruckartige, kräftige Bewegung aus, bis das erwartete Knacken zu hören war. Noch eine ruckartige Bewegung in die andere Richtung, dann ließ er den leblosen Körper geräuschlos auf die Toilettenschüssel sinken. Es ging rasend schnell, der Mann hatte keine Chance, sich zu verteidigen. Vermisst werden würde die Person bestimmt erst in wenigen wertvollen Minuten, die ihm die Flucht erleichtern würden. Unglaublich, da starb ein so mächtiger Mann so undramatisch und machtlos auf einer Toilette. Beno schüttelte ungläubig den Kopf. Fast musste er darüber lachen. Dieser Mensch war tatsächlich einer der brutalsten Diktatoren, der unzählige Menschen hatte ermorden und foltern lassen. Hoffentlich hatte das Morden jetzt ein Ende! Schnell schwang sich Beno durch die Öffnung, legte das Gitter fein säuberlich auf seinen Platz zurück und hangelte sich lautlos zur Öffnung in der Außenwand. Er schob die Kamerasonde nach draußen. Nichts war zu sehen, dann ließ er sich lautlos auf den Boden fallen. Geduckt lief er zwischen den schützenden Bäumen durch den Park zum Zaun. Nach wie vor waren Schüsse zu hören. Die Wachposten, die Leibgarde des Diktators, befanden sich alle am vorderen Portal, um das Gebäude vor den Demonstranten zu schützen. Beno erreichte den Zaun, kletterte schnell an dem gelegten Seil hinauf und warf es hinunter. Dann sprang er hinterher, ließ sich beim Aufprall auf der Erde abrollen, packte das Seil und lief hinunter zum Ufer des Sees, wo seine beiden Männer auf ihn warteten. Monroe und Hardy saßen versteckt in einem dichten Gebüsch, die Gewehre im Anschlag. „Alles erledigt?“ „Alles Roger, bislang reibungslos.“ Beno keuchte. „Gab es hier irgendwelche besonderen Vorkommnisse?“ Hardy schüttelte den Kopf. Zu dritt liefen sie geduckt am Ufer entlang, bis sie den Helikopter erreichten, der dort am Waldrand auf sie wartete. Dieser startete zügig, flog eine Weile dicht über dem Wald, bis er sich erhob und auf Heimatkurs ging. An Bord gratulierten die Männer einander, schlugen sich gegenseitig auf die Schulter und freuten sich über die perfekt gelaufene Mission. Wie simpel es doch manchmal abgehen konnte. Beno zog sich endlich die dicke Jacke aus. Das T-Shirt folgte sofort. Er griff nach einer Wasserflasche und kippte sie über sich. Es zischte förmlich auf der Haut. Dann lehnte er sich an die Wand des Helikopters und schloss die Augen. Die Spannung fiel von ihm ab und er fühlte sich total erschöpft und übermüdet. Der Propeller dröhnte laut. Nicht laut genug, um die Schreie der Menschen, die er immer wieder hörte, zu übertönen. Menschen, die in Todesangst um ihr Leben schrien. Er konnte sie nicht aus seinem Kopf verdrängen. „Ob der tote Kerl schon entdeckt wurde?“ Hardy warf die Frage laut in den Raum. Beno öffnete die Augen. Ruhen konnte er nicht. Er öffnete sich eine Dose Cola und gesellte sich zu den anderen Jungs, deren gute Stimmung ihn ein wenig ablenkte.

Kristy

Paula, meine kleine Australian Shepard-Hündin und ich kamen von unserer morgendlichen Joggingrunde zurück. Es war ein herrlicher Tag, nur kleine Wolken am Himmel und eine leichte Brise umwehte uns. Das türkisblaue Meer lud zu einem schnellen abkühlenden Bad ein, nur hatte ich dafür heute leider keine Zeit mehr. Paula erklomm die Stufen der steilen Holztreppe zu meinem Haus. Sie hatte am Strand einen langen Ast gefunden, den sie nun mühselig die Treppe emporschleppte. Oben, vor der Verandatür angekommen, ließ sie ihn fallen. Sie wusste, dass sie ihn nicht mit reinnehmen durfte. Ich warf den Stock auf einen Haufen, der rechts neben der Veranda lag. War es tatsächlich einmal kalt, benutzte ich sie zum Anfeuern meines Ofens. Eine Heizung gab es in meinem kleinen Haus nicht. Paula stürmte auf die Terrasse und stürzte sich auf ihren Wassernapf. Ich betrachtete sie schmunzelnd. Sie war jetzt fast ein Jahr alt und meine treue Begleiterin. Wir beide bewohnten dieses wunderbare Strandhaus. Es hatte den Charakter eines Ferienhauses, aus Holz gebaut mit großen Fenstern und einer sehr großen, halb überdachten Veranda. An der schönen Ostküste Floridas gelegen, thronte es etwa in zehn Metern Höhe auf einer Düne über dem Meer, ohne dessen Rauschen ich nachts schon gar nicht mehr einschlafen konnte. Das hier war meine Oase. Als ich vor einem knappen Jahr hierher kam, hatte ich es durch Zufall entdeckt und mich sofort in es verliebt. Es war klein, bestand lediglich aus einem Schlafzimmer, einem Badezimmer, einem kleinen Büro und einer Wohnküche. Platz genug für Paula und mich, die damals als Welpe mit einzog. Das Haus gewann eindeutig noch mehr durch diese wunderbare, große Veranda, auf der zahlreiche Blumentöpfe und ein großer Esstisch mit bunten Stühlen standen. Ein paar Sitzsäcke lagen herum, in denen ich es mir gern abends mit einem Glas Wein und einem guten Buch gemütlich machte.

Ich musste mich heute beeilen, nahm ein schnelles Duschbad und schlüpfte in ein weißes T-Shirt und eine weiße Shorts. Nebenbei trank ich noch schnell eine Tasse Tee und schlang ein Brötchen herunter. Dann verließen Paula und ich durch die Vordertür das Haus. Ich schwang mich auf mein Fahrrad und Paula sprintete laut bellend in Richtung Promenade. Ich hatte zwar ein Auto, aber ich konnte an der Hand abzählen, wie oft ich es seit meiner Ankunft benutzt hatte. Lieber nahm ich mein Fahrrad, allein schon Paula zuliebe. Sie flitzte die Promenade entlang Richtung Palm Bay, so schnell, dass ich ihr kaum folgen konnte. Kurz vor dem Ortsschild wartete sie auf mich, dann bogen wir nach rechts in eine kleine, mit schönen Villen gesäumte Straße ab. Vor einem grauen Eisentor hielten wir an. Hier wohnte meine Freundin Jackie. Vor zwei Jahren hatte sie einen gut zehn Jahre älteren General geheiratet. Die beiden waren sehr glücklich und er war ein wirklich netter Kerl. Gemeinsam hatten sie einen kleinen Sohn und Jackie genoss es, sich den ganzen Tag um Kind, Mann und Haus zu kümmern. Mir wäre das allerdings viel zu langweilig, aber jedem das Seine. Spaß haben konnte man trotzdem mit ihr. Wenn wir abends unterwegs waren, drehte sie richtig auf. Ich drückte den fünfstelligen Code auf der Tastatur und das Tor schwang auf. Ein kleiner, brauner, wuscheliger Hund sprang auf uns zu. Paula und ihr Kumpel Pelle tobten um mich herum, dann scheuchte ich beide hinein und schloss das Tor. Solange ich arbeitete, durfte Paula ihren Tag mit Pelle im Garten verbringen und wurde unendlich verwöhnt. Ich fand diese Lösung prima. Den Tag mit mir im Büro zu verbringen, wäre für sie doch viel zu langweilig. Außerdem hatte bestimmt auch noch nie ein Hund dieses Hochsicherheitsgebäude, meinen Arbeitsplatz, betreten. Schließlich arbeitete ich im Camp Palm Bay, dem Hauptquartier der Special Activities Division (SAD). Umgangssprachlich wurde es ganz einfach nur ‚der Bunker’ genannt. Jedenfalls liefen hier alle Fäden des Geheimdienstes unseres Landes zusammen. Elitesoldaten, Agenten und Militärs wurden hier geschult und auf Einsätze vorbereitet. Vom Boden, von der Luft und vom Wasser aus. Auslandeinsätze, geheime Missionen und andere Aktivitäten starteten vom hiesigen Flugplatz aus. Der Bunker war nicht nur ein Haus, er bestand aus vielen modernen Gebäuden, die so gar nichts von einem Bunker an sich hatten. Hell, luftig und zu meinem Leidwesen voll klimatisiert. Zu den meisten Gebäuden hatte ich keinen Zutritt oder ich hatte es einfach auch noch nie versucht. Es war ja schon ein abenteuerlicher Akt, auf das Territorium zu gelangen. Kameraüberwachung, Fingerprintkontrolle, Protokoll usw. Eine Angelegenheit, die von mir als lästig, aber notwendig angesehen wurde. Es würde ewig dauern, bis mein Hund die Kontrollen durchlaufen dürfte. Änderungen hatten eine lange Umsetzungsphase und wurden sehr umständlich angepackt. Ich glaube, ich war auch nahezu die einzige, die diese Kontrollen mit einem Fahrrad durchlief. Ansonsten fuhren zahlreiche, überwiegend weiße Fahrzeuge durch die Schleusen und wurden auf Bomben kontrolliert. Die kleinen Fahrzeuge von den Putzfrauen bis hin zu den großen Limousinen der hohen Generäle. 

Als ich mich an der ersten Kontrolle befand und der Wachmann seinen Blick länger als nötig auf meinen braunen Beinen ruhen ließ, fiel mir auf, dass ich mal wieder unangemessen gekleidet war. Es stand zwar nirgendwo schriftlich vorgeschrieben, aber es gab doch ein paar mündliche Kleidervorschriften, an die man sich zu halten hatte. Die meisten Männer trugen gebügelte weiße Uniformen, die Frauen Blusen und Röcke, die bis über das Knie gingen. Tops und kurze Shorts, wie ich sie heute trug, wurden nicht gern gesehen. Ich war zwar „extern“ angestellt, aber trotzdem hatte ich mich danach zu richten und würde garantiert einige spöttische Bemerkungen über mich ergehen lassen müssen. Mir fiel ein, dass ich eine dünne Baumwolljacke in meinem Fahrradkorb liegen hatte. Diese band ich mir um die Hüfte, so dass meine Beine bis zum Knie zum größten Teil bedeckt waren. Wahrlich kein modisches Highlight. Ich stellte mein Fahrrad ab und betrat das große, weiße Gebäude, in dem mein Büro lag. „Guten Morgen, Kati.“ Die Empfangsdame unseres Gebäudes nickte mir kurz lächelnd zu, während sie weiter in ihr Mikrofon sprach. Kati sah wie immer wie frisch aus dem Ei gepellt aus, gebügeltes, weißes Hemd und ein sorgfältig um den Hals gebundenes, marinefarbenes Tuch, das glatte, braune Haar streng nach hinten zu einem Zopf zusammengebunden. Ich durchquerte einen endlosen, weiß gestrichenen Korridor mit etlichen Glastüren, bis ich zu einem nächsten Empfangstresen gelangte. „Guten Morgen, meine Liebe. Geht es Dir gut? Was haben wir denn heute so?“ Das hübsche Mädchen hinter dem Tresen lächelte mich fröhlich an. „Hi Kristy. Heute hast du ein paar Gutachten. 3 Psycho und 2 Physio. Scheint ein Einsatz wieder zurückgekommen zu sein. Und, warst du noch unterwegs gestern? Erzähl, wie heißt er?“ Ich schüttelte nur lächelnd den Kopf. Jessi war meine Perle. Sie war, wie ich, Ende zwanzig, immer gut gelaunt und sehr gut organisiert. Und sie war meine beste Freundin. Meine Unterlagen hatte sie schon der Reihe nach sortiert und rausgelegt. Es machte Spaß, mit ihr zu arbeiten, und wenn wir Zeit hatten, plauderten wir gern. Sie kannte diesen Laden hier wesentlich besser als ich. „Da wartet schon einer auf dich. Knackiger Bursche.“ Sie grinste und strich sich eine gelockte, blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, die sofort wieder zurückfiel. Naja, aus Erfahrung wusste ich, dass sich da unsere Geschmäcker doch sehr unterschieden. Für mich waren das in erster Linie Patienten, für Jessi potentielle Opfer.

Ich habe Psychologie studiert. Es hat mich schon ein Leben lang fasziniert. Mein Job hier brachte mir viel Spaß und war sehr interessant und abwechslungsreich. Ich erstellte Gutachten und schrieb Berichte über die Agenten und Elitesoldaten, befragte sie und erstellte anschließend ein psychologisches Profil, inwieweit sie von ihren Einsätzen beeinflusst oder traumatisiert waren und ob sie fit für weitere Einsätze wären. Meist schloss sich den Befragungen ein physiologischer Test an, der zeigen sollte, ob die erforderliche Fitness vorhanden war. Doch um die Fitness musste ich mir hier in der Regel keine Gedanken machen. Die Burschen waren absolut durchtrainiert. Einige schienen den ganzen Tag in der „Muckibude“ zu verbringen und betrieben einen richtigen Körperkult. Nett anzusehen, aber meist waren sie mir irgendwie unheimlich, was Jessi natürlich gar nicht nachvollziehen konnte. In der Regel waren die Jungs sehr auf ihren geheimnisvollen Job fixiert. Das musste man wohl auch sein, um diesen ausführen zu können. Nahezu jedes Mal stand ihr Leben auf dem Spiel. Und sie besaßen, wie es so schön hieß bei James Bond, die Lizenz zum Töten. Das musste einfach Spuren hinterlassen.

Ich ging den Flur weiter entlang und blätterte dabei die erste Akte durch. Ein junger Mann, lass mich rechnen, 22 Jahre alt. Es musste einer seiner ersten Einsätze gewesen sein. Mal sehen, wie es ihm danach so ging. Ich betrat mein Büro und der junge Mann sprang von seinem Stuhl auf. „Guten Morgen, Ma‘m.“ Es klang fast wie ein Befehl. Er hatte auf dem Stuhl Platz genommen, auf dem 90% meiner Patienten Platz nahmen. Ebenso sprang er auf, als ich eintrat, so wie es 90% der anderen auch taten. Ein Patient hatte mich doch tatsächlich mal „Sir“ genannt und wich auch nicht davon ab. Ich fand das total durchgeknallt. Der gute Mann musste auch erst mal eine kleine Pause verordnet bekommen, um in das normale Leben zurückzukehren. „Guten Morgen, James.“ Ich musste erst auf seine Akten gucken. „Bitte setzen Sie sich.“ Er nahm stocksteif Platz und faltete die Hände auf seinem Schoß. Auch das beobachte ich häufiger. „Wann sind Sie von Ihrem letzten Einsatz zurückgekommen?“ „Gestern Abend, Ma‘m.“ „War es Ihr erster Einsatz?“ „Yes, Ma‘m.“ „Wer hat den Einsatz geleitet?“ „Beno, Ma‘m.“ Ah, dieses ‚Ma‘m’! Ich fühlte mich jedes Mal uralt, wenn ich so angesprochen wurde. „Fühlten Sie sich sicher?“ „Absolut, Ma‘m. Ich blieb während der Mission allerdings an Bord des Helikopters, Ma‘m. Stellung halten.“ Er entschuldigte sich fast dafür, dass er nicht mit ins Geschehen eingegriffen hatte. Der Name Beno fiel regelmäßig. Die Jungs, die in seiner Truppe waren, waren psychologisch stabil und sprachen mit großer Begeisterung von ihm. Es schien eine gute Stimmung in seinem Team zu sein und dieser Beno schien sehr auf seine Leute zu achten und ihnen eine große Sicherheit zu geben. Begegnet war ich ihm bislang noch nie. Zumindest nicht bewusst. Ich stellte James einige Standardfragen. Er wurde lockerer und ganz redselig. Meiner Meinung nach stand einem weiteren Einsatz nichts entgegen. Er machte einen sehr stabilen Eindruck. Ich schickte ihn mit seiner Mappe zur „Physio“ in den Keller. Diese würde ich nicht mit ihm machen, sondern eine nette Kollegin von mir. Als er raus war, füllte ich die Fragebögen aus und schrieb einen kurzen Bericht. Ein unkomplizierter Fall. An welchem Einsatz er genau teilgenommen hatte, wusste ich nicht. Meist waren dies „Staatsgeheimnisse“. Selten wurden wir darüber unterrichtet, wo sie stattfanden und was dort gemacht wurde. Ich konnte nur aus den Antworten meiner Patienten so manches erahnen.

Der nächste Fall verlief ähnlich. Ein junger Elitesoldat aus der gleichen Einheit, der Ground Branch, wie James davor. Ich begleitete ihn diesmal auch zur Physio in den Keller, machte ein EKG, maß Atmung und Puls und ließ ihn fleißig auf dem Fahrrad strampeln. Ein Extremsportler hätte keine besseren Werte vorweisen können. Dann schickte ich ihn weiter zum Schießstand. Das gehörte nicht mehr zu meinem Resort. Nachdem der letzte Bericht geschrieben war, suchte ich Jessi, um mit ihr zum Lunch zu gehen. Sie schien schon dort zu sein. Ihr Platz war verlassen. Ich ging zur Kantine, kaufte mir eine Zeitung, einen Salat und eine Cola und setzte mich auf die Terrasse in die Sonne. Alle anderen schienen die vollklimatisierte Kantine, die einem Eiskeller glich, vorzuziehen. Ich fühlte mich jedoch hier oben in der Sonne bei einer leichten Brise wesentlich wohler, legte die Beine auf einen Stuhl, blätterte in der Zeitung und kämpfte gegen die aufkommende Müdigkeit.

Beno

Schnell zurück in den Eiskeller, dann wurde ich auch wieder munter. Jessi saß bereits wieder an ihrem Platz, als ich zurückkam. Sie wedelte mit einer Akte und deutete aufgeregt in Richtung Büro, während sie das Telefon am Ohr klemmen hatte. Ich verstand sie nicht so richtig und nahm ihr die Akte ab. „Benicio del Santo“, murmelte ich vor mir her, während ich den Gang zu meinem Büro hinunter ging. In Klammern stand dahinter „Beno“. Wieder einer von diesen Jungs. Geboren in Puerto Rico. Ein Latino also, davon gab es hier etliche. Ich sah noch mal genauer hin. „Ach, du gute Güte!“ Das schien ja der Chef höchstpersönlich zu sein! Nach all den Erzählungen und Berichten seiner Jungs hatte ich mir mein eigenes Bild eines mittelalten, zähen Kommandanten um die 50 gemacht. Fast Glatze, durchtrainiert und von den ganzen Einsätzen mit Narben gekennzeichnet. Der Job musste einfach einen Menschen in diese Richtung prägen. Aus Puerto Rico stammend, passte ja schon mal nicht in dieses Bild, und, da stand es ja, er war erst dreiunddreißig! Noch so jung, nur vier Jahre älter als ich. Ich blätterte weiter in der Akte. Und schon zwölf Jahre hier im Dienst. „Na, früh übt sich und immer noch am Leben“, dachte ich sarkastisch. „Dann mal los.“ Ich war sogar ein bisschen aufgeregt und machte mir Mut. Seit zwölf Jahren im Einsatz. Das war eine lange Zeit, so lange hielten nicht alle durch. Die Liste der Einsätze war endlos lang. Schon ziemlich unheimlich so ein Typ! Wie viele Menschen wohl wegen ihm das Leben lassen mussten? Wie oft sein Leben schon am seidenen Faden gehangen war? Als ich mein Büro betrat, musste ich mich erst mal umsehen. Wo war er denn? Ganz hinten am Fenster saß jemand auf einem Stuhl, auf den sich zuvor noch nie ein Patient gesetzt hatte. Ich saß manchmal da hinten, die Füße auf die Heizung gestützt, mit den Unterlagen auf den Knien. Der Blick nach draußen lenkte mich fast immer von meiner Arbeit ab. Dieser Mann hatte ein Knie angezogen und den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt. Es sah aus, als ob er eingeschlafen war. Er rührte sich jedenfalls nicht, als ich den Raum betrat. Auch die Kleidung passte nicht in das übliche Bild. Weißes T-Shirt, das sich perfekt seinem durchtrainierten Oberkörper anpasste, ausgewaschene Jeans und ausgelatschte Cowboystiefel. Der durfte sich ja einiges rausnehmen! Auch sah ich keine kurzgeschorenen Haare, sondern schwarzes mittellanges Haar, das schwer zu bändigen schien. Das war sehr unüblich und machte mich neugierig. „Guten Tag, Beno.“ Ich machte mal den Anfang. Keine Reaktion. Ich ging zu ihm rüber und berührte ihn an der Schulter. „Hallo?“ Langsam glitt ein Arm herunter, er drehte den Kopf und sah mich müde und matt lächelnd an. „Hi.“. Auch wenn er total fertig war, mit dunklen Rändern unter den Augen, sah er umwerfend aus. Ich musste mich erst räuspern, so einen Eindruck hatte bislang noch keiner meiner Patienten auf mich hinterlassen. Eigentlich hatte ich mich, was das anbelangte, ganz gut im Griff. Hübsche Männer waren ja oft dabei, aber der hier toppte alles. Meine Knie waren tatsächlich ganz wackelig, und ich setzte mich auf den Stuhl hinter mir. Hoffentlich merkte er mir nichts an. „Alles gut? Wann bist du denn von deinem letzten Einsatz wiedergekommen?“ Warum duzte ich ihn einfach? Machte ich doch sonst auch nicht. „Letzte Nacht.“ Er sah mich nicht einmal an dabei, sondern starrte aus dem Fenster. „Willst du dich nicht erst mal ausschlafen und dann treffen wir uns morgen früh wieder hier?“ Ich hatte ja fast ein schlechtes Gewissen, ihn mit zur Physio zu schleppen und sah auch wenig Sinn in einer Befragung. Das Gespräch würde wohl auch eher auf einen Monolog meinerseits hinauslaufen. „Okay. Ich werde es mal versuchen“, meinte er müde. „Kannst du denn nicht schlafen?“, fragte ich, ganz der Psychologe und wieder Herr der Lage. „Hatte einfach wenig Gelegenheit dazu.“ Er stand auf und kam zu mir rüber. Er war gut einen halben Kopf größer als ich und sehr athletisch gebaut. „Wann soll ich morgen früh hier sein?“ „Ähm, so gegen 9.00 Uhr und wir machen dann gleich danach die Physio.“ Er sah mich fragend an. „Diesen Gesundheitscheck. Hast du doch bestimmt schon mal gemacht“, meinte ich fast verlegen. Er sah eher so aus, als ob er die Geräte zum Überkochen bringen würde. „Ah ja. Bis morgen dann.“ Er schenkte mir ein erschöpftes und dennoch umwerfendes Lächeln und verließ den Raum. Ich setzte mich erst mal auf meinen Schreibtisch und fächelte mir mit seiner Akte Luft zu. Puh, ich bekam Hitzewallungen. Ob meine Entscheidung richtig war? Durfte ich überhaupt Termine verschieben? Ob er morgen tatsächlich erscheinen würde? Er machte den Eindruck, als ob ihm das alles hier total egal wäre. Keine unnötigen Verpflichtungen. Ich studierte noch eine Weile seine Akte und verließ dann mein Büro. Bevor ich Jessi Bericht erstatten konnte, musste ich erst einmal meine Fassung wiedergewinnen. Sie würde mich bestimmt mit Fragen löchern. Auf dem Flur kam mir General Spencer entgegen. Ein lautpolternder, selbstgefälliger Mann älteren Semesters. Er schien immer in einem militärischen Tarnanzug rumzulaufen. „Und, kann ich das Gutachten von ihrem letzten Patienten haben?“ Manieren schien er auch nicht zu kennen. „Entschuldigen Sie bitte, ich werde es morgen schreiben.“ Er sah mich ungläubig an. „Was? Wie meinen Sie das? Jetzt war der Termin und ich brauche, verdammt noch mal, das Gutachten.“ Sein Kopf lief rot an und ich gruselte mich vor den Schweißperlen auf seinem kahlrasierten Schädel. Was für ein hysterischer Mensch! „Entschuldigen Sie, Sir. Del Santo war zu müde. Wie soll ich jemanden befragen, der im Stehen schläft? Er soll etwas schlafen und frisch morgen früh bei mir erscheinen.“ Er schnaubte verächtlich. „Holen Sie ihn umgehend zurück. Ich brauche augenblicklich das Gutachten. Oder glauben Sie im Ernst, er wird sich morgen nochmal hierher begeben?“ Ich holte tief Luft. Sollte ich mich doch getäuscht haben? „Sir, gleich morgen früh erscheint er hier bei mir. Da bin ich mir sicher. Dann schreibe ich sofort das Gutachten und lege es Ihnen noch bis morgen Mittag vor. Einverstanden?“ Er sah mich durchdringend an. Frauen, die ihre eigene Meinung vertraten und sich nicht von ihm einschüchtern ließen, gingen ihm offensichtlich gegen den Strich. Er hob seinen Zeigefinger und deutete auf mich „Ich warne Sie. Morgen zwölf Uhr. Nicht später!“ Dann rauschte er davon. Ich atmete erst mal tief durch und bog dann langsam in den nächsten Gang ein. Mein Herz raste. Im ganzen letzten Jahr hatte ich noch nicht eine Begegnung dieser Art. Der Knoten meiner Jacke löste sich, und sie fiel zu Boden. Da ich den Stapel Akten trug, konnte ich sie nicht mehr auffangen und hangelte unbeholfen nach ihr. Erst jetzt bemerkte ich, dass neben mir doch tatsächlich Beno stand, lässig gegen die Wand gelehnt, die Hände in den Hosentaschen. Sein Grinsen war fast frech, aber auch das stand ihm unverschämt gut, schoss es mir sofort durch den Kopf. Er musste jedes Wort mitbekommen haben. So ein Flegel! Er bückte sich und hob meine Jacke auf. Dann trat er vor mich, band mir meine Jacke mit einem festen Knoten wieder um die Hüfte und sah mir dabei unverfroren in die Augen. „Dann bis morgen, Kristy. Neun Uhr? Und nimm doch bitte ein paar Laufschuhe mit.“ Wofür denn Laufschuhe? Ich fand allmählich meine Sprache wieder: „Ich rate Dir dringend, morgen zu erscheinen! Ich hänge an meinem Job!“ Er lachte laut auf und verschwand grinsend in die andere Richtung. Ich fühlte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Langsam ärgerte ich mich über diese Hitzewallungen und nahm mir vor, morgen immun gegen sein freches, aber unverschämt charmantes Auftreten zu bleiben. Diesmal war ich vorbereitet und wusste, was mich erwarten würde. „Sei stark!“, dachte ich mir und machte mich mit dringendem Mitteilungsbedarf auf den Weg zu Jessi.

Am nächsten Morgen verzichtete ich auf meine Joggingrunde. Wer wusste, was heute noch auf mich zukam? Stattdessen nahmen Paula und ich ein herrlich erfrischendes Bad im Meer. Nach einer Dusche machten wir uns auf den Weg zum Bunker. Meine noch nassen, langen Haare hatte ich zu einem Zopf gebunden und trug eine dreiviertellange Jogginghose. Meine Turnschuhe hatte ich im Korb dabei. Für alle Fälle gerüstet, aber auch so gekleidet, wie es durchaus für mich üblich war. Ich wollte noch kurz Jessi aufsuchen, aber die war untypischerweise nicht an ihrem Platz. Wo sie wohl steckte? Sie kam geradewegs aus meinem Büro, als ich die Tür öffnen wollte. Ich sah sie überraschend an. Der Grund ihrer leicht geröteten Wangen und weshalb sie wie ein Backfisch kicherte, hockte lässig auf meinem Schreibtisch. Sieh einer an, heute wurden mir meine Unterlagen sogar direkt auf den Tisch gelegt. „Hi, wie sieht’s aus? Wie du siehst, ich bin hier und auch noch pünktlich.“ Beno lächelte mich frisch und munter an. Er sah topfit aus, stellte ich überraschend fest. Wo waren die mitleidserregenden Augenringe? Schien sich schnell zu erholen, der Bursche. „Sei tapfer, lass dich nicht aus dem Konzept bringen!“, sagte ich zu mir selbst. „Na, du bist tatsächlich gekommen. Ich gestehe, ich bin ein wenig überrascht. Und du siehst deutlich besser aus als Gestern. Nicht so halbtot“, bemerkte ich trocken. Warum war ich bloß so humorlos? Er grinste nur noch breiter. „Ich befrage dich hier kurz und dann gehen wir eine Etage tiefer und machen diesen Fitnesstest. Was meinst du?“ Er nickte. „Du auch?“ „Was? Den Test?“, fragte ich überrascht. „Ich mache ihn mit dir, also, ich meine bei dir.“ Ich könnte mich ohrfeigen für dieses Gestammel! „Bei mir, mit mir. Ich stehe zu deiner Verfügung.“ Das klang ja verlockend, dachte ich und er fuhr fort. „Könnten wir vielleicht auch einen kleinen Lauf über das Gelände starten? Anstelle des Zeugs da im Keller?“ Dabei sah er mich so unschuldig und harmlos an, dass ich fast lachen musste. Bestimmt war das eine perfekte Tarnung. „Du kannst kaum mit den ganzen Drähten über das Gelände laufen! Und den Kasten dabei schleppen“, lachte ich laut los. Locker war es ja mit ihm. „Okay, dann laufen wir jetzt und du befragst mich dabei, ohne Drähte. Hier bin ich nicht sehr redselig.“ Im Moment hatte ich zwar einen anderen Eindruck, aber warum nicht. „Einverstanden, aber danach machen wir den Test. Du wirst jawohl fit genug für beides sein. Und nur, wenn wir gemütlich laufen, kein Rennen. Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich eine leidenschaftlicher Läuferin bin?“ „Du hast schließlich gestern jedem hier einen Blick auf deine durchaus trainierten Beine gewährt.“ Er grinste frech und hatte mal wieder gewonnen, aber es brachte mir Spaß. Das musste ich mir ja eingestehen. Ich zog meine Laufschuhe an und folgte ihm auf den Flur. Jessi sah uns verwundert hinterher. Ich winkte ihr noch schnell lässig zu. Wir gingen erst eine Weile. „Kennst du dich hier gut aus?“ Beno ging rückwärts vor mir her. „Eigentlich so gar nicht. Außer in dem Gebäude, in dem mein Büro ist, dem Physiokeller und der Kantine bin ich noch nirgends gewesen“, musste ich zu meiner Schande gestehen. „Na, dann wird es ja Zeit!“ Wir liefen in einem gemütlichen Tempo los und passierten mehrere Gebäude. Er erklärte mir genau, was in welchem Haus stattfand. Und das war durchaus interessant. „Wohnt Ihr eigentlich auch hier?“ „Ja, da drüben.“ Er zeigte auf eine Reihe etwas abseits gelegener flacher Barracken. Vor den Häusern standen etliche Motorräder, Autos konnte ich keine sehen. „Dann bist du wahrscheinlich auch nicht so oft draußen, oder? In der Stadt oder am Strand?“ „Doch, recht oft, wenn ich mal hier bin. Ich jogge gern draußen und laufe meist Richtung Strand.“ Er war noch so gar nicht aus der Puste. „Läufst Du viel?“, frage ich neugierig. „Stressbewältigung, es macht einen klaren Kopf. Ich gehe lieber laufen, als ins Gym.“ Wir liefen an einem Zaun entlang, der hinter dem der Flugplatz lag. Etliche Helikopter standen dort und schienen auf den nächsten Einsatz zu warten. Hierzu erwähnte er gar nichts. Wahrscheinlich war es nicht sein Lieblingsort. So langsam gelangten wir an meine gewohnte Laufzeit. Selten lief ich länger als dreißig bis vierzig Minuten. Er schien es zu bemerken und steuerte auf einen Grasstreifen zu. Dort setzte er sich ins Gras und fing an, Liegestützen zu machen. Dankbar setzte ich mich hin und beobachtete fasziniert, wie er erst beidarmig, dann einarmig, den Arm wechselnd usw. seine Übungen zelebrierte. Es sah so einfach aus. War das jetzt Imponiergehabe? Ich würde zusammenbrechen. „Hast du schon mal überlegt, aufzuhören? Du bist ja schon sehr lange dabei.“ Er setzte sich hin und war immer noch nicht so richtig außer Atem. „Natürlich, ständig. Man denkt so ungefähr nach jedem Einsatz daran. Aber, aus welchem Grund auch immer, man macht immer weiter. Was soll ich auch sonst machen?“ Diese Frage konnte ich natürlich auch nicht beantworten. „Bist du schon mal verletzt worden?“ „Beulen trägt man oft davon, aber ernsthaft? Nein, zum Glück noch nicht.“ Er klopfte sich mit der Faust an seinen Kopf. „Hast du Familie?“ Er sah schweigend auf den Boden. Ich war wohl doch etwas zu indiskret geworden. „Sind das Fragen aus dem Fragenkatalog? Ja und nein. Kaum jemand von uns hat Familie. Die Jungs hier sind wie meine Familie“, bemerkte er trocken. „Irgendwann werde ich hier als Ausbilder landen und die Einsätze vom Boden aus koordinieren.“ Er legte sich rücklings ins Gras. „Ich muss sagen, der Gedanke gefällt mir.“ „Ich soll nachher dein Gutachten schreiben. Was möchtest du denn? Eine kleine Auszeit? Sie werden dich sonst bestimmt bald wieder einsetzen.“ Ich hatte so etwas noch nie einen Patienten gefragt. Er stand auf, reichte mir die Hand und zog mich hoch. „So läuft das hier also!“ Er grinste mal wieder frech. Ich schaute verlegen zu Boden: „Nein, eigentlich lief das noch nie so.“ „Also, wie immer. Einem nächsten Einsatz steht nichts im Wege.“ Dabei sah er mir tief in die Augen und ich versank fast in diesem Blick. „Nein, ehrlich. Kein Problem. Das ist mein Job. Können wir eventuell auf den Sporttest verzichten? Ich muss gleich los. Habe ein Meeting.“ Ich musste lachen: „Ich glaube, das geht klar. Scheinst ja fit genug zu sein. Wir haben auch keine Zeit mehr dafür. Ich muss den Bericht bis Mittag fertig haben.“ Wir machten uns im Schritt auf den Heimweg. „Kannst du die ganzen Eindrücke, die du erlebst, verdrängen? Beiseite schieben, wenn du wieder hier bist?“ Jetzt war ich mehr neugierig, als fachmännisch. „Manchmal ja, manchmal nein. Man muss sich auf seinen Auftrag konzentrieren. Wenn du abweichst, kann es dich das Leben kosten.“ „Hast du ein Beispiel für mich?“ Er wurde langsamer. „Du weißt, ich darf nichts erzählen. Das sind alles Staatsgeheimnisse. Ja, aber es gibt viele Beispiele. Bei der letzten Mission musste ich mit ansehen, wie ein Soldat einer harmlosen Zivilistin von hinten in den Rücken schoss. Sie trug ihr Kind auf dem Arm. Es war noch ganz klein, konnte noch nicht laufen. Sie stürzte um und das Kind fiel auf die Straße und lag schreiend da. Niemand kümmerte sich um das Kind. Zahlreiche Leute liefen an ihm vorbei. Panisch vor Angst, nur an sich selbst denkend. Ich wäre am liebsten hingelaufen und hätte es gerettet. Aber das kann mich mein Leben kosten. Und das war auch nicht mein Job! Ich helfe nicht, in dem ich eine einzelne Person rette. Mein Auftrag ist, die Personen, die oben auf der Pyramide stehen, zu beseitigen. Die Befehlshaber, darunter das ausführende Organ. Die leidtragende Bevölkerung steht ganz unten.“ Er machte eine kleine Pause. „Werden die Befehlshaber eliminiert, hat das Volk eine Chance, sich neu zu organisieren. Es wird noch viele Tote geben, bis Stabilität eintritt, aber der Stein wird dadurch ins Rollen gebracht, der einzige Weg dadurch frei gemacht.“ Ich sah ihn entsetzt an und musste unweigerlich an die Nachrichten von vor drei Tagen denken. Irgendwo in einem östlichen Gebirgsstaat war ein Diktator ausgeschaltet worden. Ob Beno was damit zu tun hatte? Unglaublich! Ich war ganz betroffen. Was lebte ich bloß in einer kleinen, heilen Welt! Und die große Welt da draußen war so brutal. Und es gab tatsächlich Menschen, die diesem Terror den Kampf angesagt hatten und ihr Leben dafür riskierten. Ich fühlte mich ganz armselig.  „Tut es dir leid, so etwas zu tun?“ Beno sah mich überrascht an. „Hättest du Mitleid mit jemanden, der zahlreiche Menschen foltern und umbringen ließ? Oder etwa mit Typen, die Drogen in Umlauf bringen und zahlreiche Menschen dadurch in Abhängigkeit bringen und töten?“ „Nein, du hast Recht. Trotzdem könnte ich niemanden töten.“ „Du weißt nur nicht, wie du sie töten kannst. Das kann man hier durchaus lernen.“ Ich erschauerte und er ergänzte schnell. „Nein, nein, damit scherzt man nicht.“ Wir waren wieder bei meinem Bürogebäude angekommen. „Dann schreib mal schön. Ich gehe jetzt duschen. Bis morgen.“ Er drehte sich um und joggte schnell davon. Gedankenverloren stand ich vor dem Eingang. Warum hatte er es jetzt so eilig? Noch nie hatte mich ein Gespräch mit einem Patienten so beschäftigt. War er eigentlich ein Patient? Sollte er ja, aber es fühlte sich so anders an. Irgendwie vertrauter und ich war total neugierig, mehr über ihn zu erfahren. Er hatte ‚Bis Morgen‘ gesagt. Mal sehen, was das bedeutete.

Kapitel 2

Nur ein guter Freund?

Das Henry’s war eine Strandbar und lag nur circa einen Kilometer von meinem Haus entfernt direkt am Meer. Eine einfache, gemütliche, kleine Holzhütte mit einer Bar in der Mitte, die von einem von vielen feiernden Gästen belagerten Tresen umgeben wurde. Es gab einige Tische, die einfach im Sand standen und einige Strandkörbe, in denen man seinen Drink mit Blick aufs Meer genießen konnte. Die weißen Sonnensegel wurden von der leichten Brise aufgebläht. Diese Bar war einfach der perfekte Ort für einen Sundowner. Ich spazierte barfuß mit Paula am Strand entlang. Es dämmerte schon. Jackie wartete bereits und hatte einen Tisch für uns reserviert. Sie freute sich, einen babyfreien Abend zu haben und hatte schon einen Gin Tonic vor sich stehen. Ich bestellte mir auch einen. Paula nahm artig unter dem Tisch Platz und schlief nach kurzer Zeit ein. Jessi und zwei hübsche junge Frauen, die ich nicht kannte, kamen kurz nach uns an. Eines der Mädels arbeitete auch im Bunker. Ich hatte sie zumindest schon mal in der Kantine gesehen. Beide waren total nett und wir hatten eine lustige Runde mit viel Gekicher. Natürlich fiel das Thema auch auf die Männer. „Stellt euch mal vor, Kristy datet einen von diesen Superagenten.“ Auf Jessi war natürlich Verlass. Ich verdrehte die Augen. „Hallo, ich habe einen Bericht über ihn geschrieben. Nicht ihn gedatet!“ Jessi glaubte mir nicht. „Dafür wart ihr aber ganz schön lange weg. Und dann diese Tarnung mit den Joggingklamotten.“ Sie meinte es im Scherz. „Wir waren joggen! Er meinte, er wäre nicht sehr unterhaltsam in meinem Büro. Beim Joggen hatte er mir das ganze Gelände gezeigt und erklärt. War interessant, muss ich sagen. Ob du es glaubst oder nicht, einen Bericht über ihn habe ich tatsächlich auch geschrieben.“ Jessi sah mich grinsend an. Warum verteidige ich mich eigentlich? Das Mädel aus der Kantine machte weiter. „Hast du denn keine Angst? Stell dir mal vor, der küsst Dich und drückt dabei ein bisschen zu fest zu?“ Küssen! „Oder er bricht dir die Rippen bei einer Umarmung?“ Die Girls dachten schon eindeutig weiter als ich. „Mädels, ihr seid echt doof!“ Ich musste total lachen. Wir blödelten weiter und befragten Jackie, die schließlich mit einem Ehemaligen verheiratet ist. „Wie ihr seht, ich lebe noch und das ohne gebrochene Knochen.“ Wir verlebten einen fröhlichen Abend. Die drei Gin Tonics hinterließen bei mir ihre Spuren und ich war froh, dass Jackie mich nach Hause fuhr und mir die Tür aufschloss. Irgendwie stellte ich noch meinen Wecker und schlief sofort ein. Paula eroberte ihren Teil meines großen Bettes und kuschelte sich an mich.

Der Wecker klingelte viel zu früh. Diesmal war mein Brummschädel der Grund, weshalb ich auf mein Morgenjogging verzichtete. Das kühle Bad half deutlich besser, einen klaren Kopf zu bekommen. „War lustig gestern. Oder Paulchen?“ Trotz Kopfweh war ich bester Laune. Ich freute mich auf den Tag und fuhr beflügelt zur Arbeit. Heute mit Sonnenbrille, die Sonne blendete doch extremer als sonst. Auch Jessi hing etwas matt hinter ihrem Tresen. Wir unterhielten uns lachend über den gestrigen Abend. „Heute liegt nicht viel an. Nur eine Physio am Nachmittag.“ Das gefiel mir natürlich sehr. „Ist mir ganz recht, ich schlafe bestimmt über meinen Berichten ein. Essen wir nachher zusammen?“ Jessi verzog schmerzlich das Gesicht. „Das du schon in wieder ans Essen denken kannst!“ Ich verzog mich auf meinen Bürostuhl und schloss die Augen. Es merkte ja keiner, wenn ich hier mal kurz einschlafe. Mein Handy pfiff, mein Klingelton für eine Simse. „Bist du fit? Wie sieht’s aus? Kleine Runde joggen? Beno“ Woher hatte er denn nur meine Handynummer und wieso fragte er, ob ich fit war? Was ich ja so gar nicht war! Schnell schickte ich ihm eine Antwort. „Kann nicht immer in meiner Arbeitszeit joggen gehen. Später ?“ „Ok, ich hole Dich gleich ab. Keine Angst, kein Jogging heute.“ Er war anscheinend mal wieder bestens informiert. Zehn Minuten später stand er in meinem Büro. „Nicht viel los heute, oder?“ „Hmm.“ Mich wunderte nicht mehr viel. Hatte er irgendwelche Spione hier verteilt? Wanzen? Oder hatte Jessi geplaudert? „War wohl ein Drink gestern schlecht, was?“ Er sah mich frech und herausfordernd an. Dieser Informationsfluss war wohl ein Berufsproblem. „Alle waren schlecht! Aber lustig war’s.“ Ich lächelte gequält. „Komm, ich stelle dir mal ein paar von meinen Jungs vor. Du kennst ja nur die Frischlinge, die hier vor dir stottern.“ Ich folgte wehrlos. Er beobachtete mich belustigt. „Was ist denn? Habt ihr keine Herrenabende? Ich nehme den Schädel gern in Kauf für den gestrigen Abend.“ Ich setzte vorsorglich schon mal meine Sonnenbrille auf. „Ich glaube unsere Abende sehen anders aus, als eure Abende“, meinte er verräterisch. Oha, ich wollte lieber nicht nachfragen, wie es an solch einem Abend abging. Wir steuerten auf ein flaches, etwas abseits gelegenes Gebäude zu. Er öffnete galant die Tür. „Voila, hier ist unser Reich. So viele Zivilisten und vor allem Frauen kommen hier nicht hinein.“ „Ich fühle mich geehrt. Und wo bin ich hier?“ „Hier ist unter anderem unser Gym. Komm, ich zeige es Dir.“ Ich folgte ihm einen Flur entlang. Wir landeten in einem sehr modernen Fitnessraum mit einer großen Glasfront zur Gartenseite. In einer Ecke stand eine gemütliche Sitzecke aus mehreren Sofas. Einige muskelbepackte Männer trainierten an den Geräten, andere lagen auf den Sofas herum. Ich sah viele nackte Oberkörper und wusste gar nicht, wo ich hinsehen sollte. Überall diese Muskeln, in jeder Hautfarbe vertreten. Hinter einer Wand aus Naturstein schien die Dusche zu sein, jedenfalls hörte ich ziemlich lautes Plätschern und Geräusche. Sollten das Gesänge darstellen? Nicht, dass da noch einer von ihnen nackt um die Ecke kam. Ich bemerkte dabei, dass ich noch meine Brille auf hatte und setzte sie mir auf die Haare. Prompt kam ein hünenartiger Kerl, nur mit einem Handtuch bedeckt, hinter der Wand hervor. „Das ist Mike. He, Mike. Komm mal her. Das ist Kristy, ich habe dir von ihr erzählt.“ Mike war etwas größer als Beno und um einiges kräftiger. Auch er trug seine schwarzen Haare etwas länger als die meisten hier. Seine Nase war ein bisschen schief. Sicherlich hatte er sie sich bei einem Einsatz mal gebrochen. „Hi. Nett, Dich kennenzulernen.“ Er reichte mir seine riesige Pranke und verschwand dann lässig in den Nebenraum. Ich vermutete eine Umkleide dahinter. „Willst Du was trinken?“, fragte Beno und deutete aufs Sofa. Ich setzte mich etwas schüchtern zu seinen Kumpels und erhielt eine eisgekühlte Cola, die ich in fast einem Zug austrank. Sie löschte angenehm meinen Brand im Hals. Die Jungs waren sehr nett. Ich wurde gleich von einigen in ein Gespräch verwickelt. Sie waren lustig und ganz locker drauf. Ich amüsierte mich köstlich. Mein Brummschädel war fast vergessen. Ich vergaß außerdem völlig, dass ich hier mit einer Spezialeinheit zusammen saß, der ich während eines Einsatzes wahrscheinlich lieber nicht begegnen wollen würde. Nach einer Weile sah ich auf die Uhr. „Ich muss jetzt leider zurück. Die Pflicht ruft. Muss ja mal in meinem Büro anzutreffen sein.“ Schließlich erhob ich mich. Ich hätte gut noch bleiben können. „War nett, euch kennenzulernen.“ Dann verabschiedete ich mich. Beno konnte leider nicht mitkommen und meinte mal wieder nur: „Wir sehen uns.“ „Alles klar, wir sehen uns!“, dachte ich mir. Für ihn ein Kinderspiel. Er schien ja stets zu wissen, was ich so tat und wo ich mich herumtrieb. Über ihn erfuhr ich von Mal zu Mal ein klitzekleines bisschen mehr. Aber ich freute mich schon auf ein Wiedersehen – und das bitte möglichst bald!

Am nächsten Tag hatte ich unheimlich viel zu tun. Ich kam den ganzen Morgen nicht aus dem stickigen Physiokeller heraus. Trotzdem hielt ich immer Ausschau, ob nicht zufällig Beno um die Ecke kam. Denn er tauchte ja stets unangekündigt aus dem Nichts auf. Aber die Wahrscheinlichkeit, ihn zufällig anzutreffen, war sehr gering. Schließlich war er mir früher noch nie begegnet. Nach der Mittagspause musste ich an einer Sitzung mit meinen Mitstreitern, einigen Generälen und Ausbildern teilnehmen. Auch Tom, der Mann von Jackie war dabei. Er war wie immer ruhig und sachlich, aber sehr nett dabei. Es zog sich über einige Stunden dahin und ich starrte gelegentlich sehnsüchtig aus dem Fenster. Es war ein superschöner Tag, sonnig, kein Wind. Ich wollte eigentlich nur zu meinem Hund und mit ihr über den Strand toben. Als wir endlich fertig waren, eilte ich in mein Büro, schnappte meine Sachen und schwang mich auf mein Fahrrad. Während ich an der letzten Kontrolle warten musste, bis der Wachmann endlich seine Unterschrift unter die Papiere setzte, joggte Beno gemütlich an mir vorbei. Gedankenverloren mit Ohrstöpseln seines iPods im Ohr. Er lief schnurstracks durch den Kontrollposten und die Wachmänner schien das nicht zu stören. Dann bemerkte er mich und kam zu mir herüber. „Warum darf er denn einfach so durch die Kontrolle?“, fragte ich den Wachmann. „Der hat einen Chip“, war alles was er dazu sagte. „Ciao Bella.“ Beno kam lässig auf mich zu geschlendert. „Bella!?“, meinte ich empört und schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bezog das auf dein knappes Outfit. Entsprechen diese Shorts denn den Richtlinien?“ Ich versuchte standhaft, nicht wieder rot anzulaufen. „Welche Richtlinien? Wo willst Du heute hinlaufen?“, fragte ich ihn schnell. „Ich werde Dich heute mal begleiten. Wohin willst Du?“ Er stellte seinen iPod aus und verstaute ihn in einer Hosentasche. „Nach Hause, aber vorher muss ich noch jemanden abholen.“ Das Grinsen ließ kurzfristig etwas nach und ich meinte schnell: „Du wirst diesen jemand bestimmt mögen. Ist übrigens eine Sie, ein tolles Mädchen.“ Wir machten uns auf den Weg. Ich fuhr gemütlich und er joggte langsam nebenher. „Was bedeutet das, dass du einen Chip hast? Ich kenne das nur von Haustieren.“ Er musste lachen. „Wird wohl so ähnlich sein. Die meisten von uns tragen Sender, mit denen man uns immer orten kann, egal wo wir sind.“ Ich war verblüfft. „Ihr werdet ständig beobachtet? Das ist doch gruselig! Können die nur sehen, wo ihr seid oder auch, was ihr so macht?“ „Nur wo wir sind, aber die gucken ja nicht ständig auf uns. Eigentlich nur im Einsatz. Und beruflich hat das schon seine Vorteile. Ich möchte nicht darauf verzichten. Privat interessiert es eigentlich keinen, was wir so machen.“ Das ergab Sinn. „Und jetzt bei der Kontrolle? Warum...“ „Dann piept es drinnen bei der Wache“, unterbrach er mich. „Die wissen dann, wer es ist und dass es in Ordnung ist.“ „Und wenn Du durch eine Flughafenkontrolle gehst, schlägt es dann auch gleich Alarm?“ Er hatte meine Neugier geweckt. „Mich lässt man bestimmt nicht in einen normalen Flieger steigen. Aus verschiedenen Gründen. Und es gibt nicht viele Länder, in die man mich einreisen lassen würde.“ Das schien kein Witz zu sein. Ein Staatsfeind, ein Killer, weltweit gesucht! Und ich ging hier gemütlich mit ihm die von Palmen gesäumte Allee entlang. Das Ganze passte irgendwie nicht zusammen und auch nicht zu ihm. Wir hatten so viel Spaß zusammen. Ich bog in die Straße ein, in der Jackies Villa lag, und stoppte vor dem Eisentor. Dann gab ich den Pincode ein, öffnete das Tor und rief laut: „Paula!“. Paula kam herausgesaust und freute sich, als hätte sie mich tagelang nicht gesehen. Beno schaute fasziniert zu. „Das ist Paulchen, das Wesen mit den flauschigsten Ohren.“ Ich liebte diesen Hund und kraulte ihr zum Beweis die Flauschohren. Beno lockte Paula zu sich. Ein bisschen unterwürfig kam sie zu ihm. Sie kroch fast dabei. Dann bückte er sich, hielt ihr seine Hände hin und kraulte sie schließlich. Sie schleckte seine Hände ab und wedelte mit dem Schwanz. Ihre Furcht war gebannt. Als er aufstand, sprang sie an ihm hoch und folgte ihm gleich, als wir unseren Weg fortsetzten. „He, du untreue Töle.“ Natürlich freute ich mich, dass sie ihn offensichtlich auch mochte. Wir fuhren bzw. liefen die Promenade entlang zu meinem Haus. Paula hatte wieder einen Stock gefunden, den sie sich aber nicht von Beno abluchsen ließ. „So, das ist Paulas und meine Behausung.“ Ich stellte mein Fahrrad in den Carport und betrat mein Reich. „Ist ja der Hammer! Was für eine coole Hütte!“ Beno wanderte zielstrebig durchs Haus auf die Veranda und sah über die Umrandung aufs Meer. Er atmete die frische Meeresluft tief ein und genoss den Blick auf die Brandung. „Ein kurzes Bad gefällig?“ „Klaro, geht ihr schon mal vor. Ich ziehe mich schnell um.“ Beno und Paula rannten die Treppe zum Strand herunter. Sein T-Shirt zog er während er die letzten Stufen runter sprang aus und warf es ans Ende der Treppe. Von oben sah ich die beiden ins Wasser sprinten. Ich zog mir schnell einen Bikini und ein T-Shirtkleid an, griff im Vorbeigehen zwei Handtücher und folgte ihnen zum Strand. Dann warf ich die Sachen zu Benos abgelegtem T-Shirt und lief etwas langsamer ins Wasser. Es war angenehm erfrischend, einfach herrlich nach so einem arbeitsreichen Tag. Ich schwamm zu meinem Hund, der schon wieder einen Stock an der Wasseroberfläche gefunden hatte. Beno kraulte aufs offene Meer zu. Paulchen und ich schwammen zurück zum Strand und machten es uns auf einem Handtuch bequem. Paula nagte genüsslich an ihrem neuen Stock, während ich mich von der Sonne trocknen ließ. Schließlich kam Beno aus dem Wasser. Ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden. Er musste einem Männermagazin entsprungen sein. Ich armes weibliches Wesen! Um mich abzulenken, klaute ich Paula den Stock und warf ihn in Benos Richtung. Er warf ihn wieder weg und jagte einige Minuten mit ihr über den Strand. Wie konnte man nur so viel Energie haben? Beno kam und ließ sich auf ein Handtuch fallen. „Du lebst hier ja im Paradies. Ist ja wie im Urlaub!“ Ich musste grinsen. Genau das empfand ich jeden Tag von neuem. „Es ist der schönste Ort, an dem man wohnen kann. Finde ich jedenfalls. Selbst wenn es mal stürmt, ist es unheimlich gemütlich im Haus.“ Ich sah stolz zum Haus empor: „Ich habe Hunger. Wie sieht’s mit Dir aus?“ „Gegen ein Steak und Salat hätte ich nicht einzuwenden.“ Er lächelte, eher unverschämt charmant. Konnte er jetzt Gedanken lesen? „Ich wollte mir tatsächlich ein Steak auf den Grill legen.“ Beno sprang auf und zog mich mit einer Hand hoch. Wir erklommen die steile Treppe. Während ich alles fürs Grillen raussuchte, ging Beno neugierig durchs Haus. Er hielt es nicht mal für nötig, sich ein Shirt überzuziehen. War er sich seiner Reaktion aufs andere Geschlecht womöglich gar nicht bewusst oder war es pure Absicht? Vor meiner Bücherwand blieb er stehen, studierte eindringlich die gesammelten „Werke“. Dann nahm er sich ein Buch heraus, fragte höflicherweise, ob er mir was helfen könnte, verschwand aber ohne eine Antwort abzuwarten auf die Veranda, wo er es sich mit dem Buch in einem Sitzsack bequem machte. Er schien sich ja sehr heimisch hier zu fühlen, dachte ich. Paula legte sich auch noch neben ihn, als ob das alles so gehörte. Sie vermied es dabei, mich anzusehen. Ich deckte draußen den Tisch, schnitt den Salat und legte ein paar Steaks auf den Grill. Kurze Zeit später saßen wir in der Sonne, aßen und unterhielten uns angeregt. Wie ein altes Ehepaar, stellte ich kichernd fest. Oder doch nicht? Die haben sich ja häufig nicht mehr viel zu sagen. Bislang war es mit Beno ganz und gar nicht langweilig. Er war sehr interessiert und was mich ein wenig überraschte, sehr informiert. Viel mehr als ich, musste ich mir eingestehen. Dass man in seinem Job dafür noch Zeit fand? Geschichte und Politik konnte ich ja noch einsehen. Sicherlich war das eine Grundvoraussetzung für einige Einsätze. Bildung und ein Modelaussehen passten hervorragend zusammen, stellte ich fest.

Leider musste er sich verabschieden: „Wir haben heute noch ein Meeting.“ „Was, jetzt noch? Ist doch schon lange Feierabend. Planen sie wieder den nächsten Einsatz mit dir?“ Hoffentlich nicht, dachte ich mir. „Feierabend, was ist das? Sonnen und im Meer baden geht nicht so oft. Manchmal muss ich was tun in meinem Job.“ Er erhob sich langsam. „Ja klar!“, das muss er mir ja nicht erklären. Aber trotzdem gefiel mir die Vorstellung gar nicht, dass er bald wieder zu einem Einsatz fort müsste. Das passte gar nicht zu diesem dolce vita hier. „Wann geht es denn wieder los?“ Er sah mich fast eindringlich an. „Fragen darfst du gern, erzählen werde ich dir natürlich nichts.“ „Sorry, bin ein neugieriger Mensch. Das gehört zu meinem Naturell.“ Und ich hatte bereits etwas Angst um ihn, aber das musste ich ihm ja nicht unbedingt sagen. War er doch gerade erst in mein Leben getreten.

Als er fort war, holte ich mir eine Cola und schob den Fernseher auf die Veranda. Meine Gedanken kreisten aber fortlaufend um den Nachmittag, den ich sehr genossen hatte. Was wollte er eigentlich? Er machte ja keinerlei Anstalten, mehr von mir zu wollen. Und doch schien er sich in meiner Gegenwart wohl zu fühlen. Auf die eine Art war ich beflügelt, auf die andere Weise aber auch gefrustet. War ich nur eine gute Freundin in seinen Augen? Vielleicht suchte er auch gar nicht nach mehr. Und wäre eine Beziehung mit einem Topagenten überhaupt erstrebenswert? Ich wollte im Moment doch nur die Sonnenseiten einer Beziehung sehen, nicht die Gefahren und Probleme. Ich leerte mein Glas und ging ins Bett. Die Nacht war fürchterlich. Ich träumte von kriegerischen Einsätzen und dass Beno verletzt und sogar erschossen wurde. Schweißgebadet wachte ich auf. Es war ein so realistischer Traum. Geschockt beschloss ich, lieber von so einer Beziehung abzusehen. Das war zu aufregend für meine arme, harmoniebedürftige Seele. Ich legte mich wieder hin und träumte, gegen meinen Willen, unvernünftig, aber machtlos, schon wieder von ihm. Diesmal von der Sonnenseite.