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Durch mehrere perfekt ausgeführte Terror-Anschläge werden sämtliche Tunnel und Brücken von und nach New York City gleichzeitig zerstört. Die Stadt ist isoliert und versinkt in einem Chaos aus Panik und Tod. Ausländische Terroristen versuchen, in der von der Außenwelt abgeschlossenen Stadt ein Al-Qaida-Mitglied aus der Gefangenschaft des US-Geheimdienstes zu befreien – einen Mann von solcher Macht, dass die Regierung seine Existenz sogar leugnet. Anti-Terror-Agent Scot Harvath muss sich einen Weg durch die brennenden Straßen bahnen, um einen Mann zu stoppen, der die Hölle auf Erden entfesseln könnte. Ein Meisterwerk politischer Spannung und atemloser Action. Dan Brown: »Brad Thor ist so brisant wie die Schlagzeilen von morgen!«
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2026
Aus dem Amerikanischen von Alexander Amberg
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Takedown
erschien 2006 im Verlag Atria Books, Simon & Schuster.
Copyright © 2006 by Brad Thor
Copyright © dieser Ausgabe 2026 by
Festa Verlag GmbH
Justus-von-Liebig-Straße 10
04451 Borsdorf
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Titelbild: Graphicsbrand / 99designs
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-98676-258-2
www.Festa-Verlag.de
www.Festa-Action.de
Für Robert M. Horrigan,
ein geliebter Patriot, der seinem Land diente, voller Mut, Ehre und
Exitus acta probat.
Der Zweck heiligt die Mittel.
1
Djemma-el-Fna-Platz
Marrakesch, Marokko
11. Mai
Das Problem, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, besteht darin, dass man es erst merkt, wenn es zu spät ist. So verhielt es sich auch bei Steven Cooke, und die bittere Ironie dabei war, dass er bis zum letzten Augenblick seines Lebens davon überzeugt war, über einen Jackpot gestolpert zu sein.
Es war reiner Zufall, dass der blonde, blauäugige 26-Jährige auf das Treffen stieß. Eigentlich sollte Cooke noch nicht einmal in diesem Teil der Stadt sein. Aber seine Schwester hatte ihn gebeten, ihr einen speziellen Kaftan mitzubringen, wenn er am Ende der Woche zu einem längst überfälligen Besuch nach Hause flog.
Auch wenn Steven vorher noch viel zu viel Arbeit hatte, hatte er zu Allison noch nie Nein sagen können. Die beiden waren mehr als bloß Geschwister. Seit ihrer Kindheit waren sie die besten Freunde, ja, Allison war die Einzige, die wirklich wusste, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Selbst ihre Eltern hatten keine Ahnung, dass er CIA Field Officer war.
Steven war jetzt knapp ein Jahr in Marokko und kannte sich in Marrakesch ziemlich gut aus. Der Suk im Herzen der kleinen Altstadt war ein Labyrinth aus Gängen und engen Gassen. Mit Waren beladene Eselskarren rumpelten die heißen, staubigen Durchgangsstraßen auf und ab, während der allgegenwärtige Dunst so dicht hing, dass vom Marktplatz aus weder die Lehmziegelmauern der Stadt noch das hohe Atlasgebirge in der Ferne zu sehen waren. Die Hitze war absolut unerträglich, und während Cooke die verschiedenen überdachten Märkte nach dem perfekten Kaftan für Allison durchkämmte, war er dankbar für den Schatten.
Als Steven eine Abkürzung durch eine der Gassen nahm, fiel ihm in einem unscheinbaren Café ein ziemlich bemerkenswerter Gast auf – ein Mann, der zwei Tage vor den Anschlägen vom 11. September untergetaucht war und den die Vereinigten Staaten seither suchten.
Wenn er recht hatte, war seine Entdeckung nicht nur ein Riesencoup für den amerikanischen Geheimdienst, sondern würde auch sehr gut in seinem Lebenslauf aussehen und ihn zu einem der herausragendsten Agenten im Außeneinsatz machen. Das wäre zwar nett, doch Cooke rief sich ins Gedächtnis, dass er zur CIA gegangen war, um sein Land zu schützen, nicht um sich auf die Schulter klopfen zu lassen.
Steven zückte sein Handy, kontaktierte seinen Vorgesetzten und erzählte ihm alles, was er gesehen hatte, einschließlich eines mysteriösen neuen Akteurs, der das Café betreten hatte und nun am Tisch ihres Mannes saß.
Da niemand in der Nähe war, der Unterstützung leisten konnte, konnte sein Chef nichts weiter tun, als die Neuausrichtung eines Überwachungssatelliten anzufordern, um beim Sammeln zusätzlicher Informationen zu helfen.
Der Löwenanteil der Operation würde Steven zufallen.
Den Mann in jenem Café umgaben jede Menge Fragezeichen, und die CIA brauchte Steven, um so viele Informationen wie möglich über ihn und das, was er vorhatte, zu sammeln.
Obwohl Adrenalin, Angst und Aufregung durch seinen Blutkreislauf rasten, konzentrierte Cooke sich auf seine Ausbildung, um die Kontrolle zu behalten.
Vor allem brauchte Steven eine Aufzeichnung über das Treffen. Als weißer Angelsachse konnte er unmöglich in dem Café auftauchen und damit womöglich den Gejagten verscheuchen. Darum musste er eine halbwegs anständige Kamera in die Finger bekommen. So schnell er es wagte, bewegte er sich über den Marktplatz und fand schließlich, wonach er suchte. Das einzige Problem war das Geld – er hatte nicht genug eingesteckt. Der Suk war berüchtigt für seine Taschendiebe, darum führte er niemals eine Kreditkarte mit und ganz bestimmt nie mehr Bargeld, als er unbedingt brauchte. Was er allerdings hatte, war sein Kobold-Chronograf, den er am Handgelenk trug. Der Ladenbesitzer akzeptierte ihn mit Freuden im Tausch gegen eine Digitalkamera von Canon mit ziemlich anständigem Zoom und eine Speicherkarte mit hoher Kapazität.
Von einer Dachkante gegenüber nahm Steven seine Fotos auf, zwischendurch auch kurze Videosequenzen in der Hoffnung, dass die Experten in Langley damit etwas anfangen konnten. Was immer den Mann im Café aus der Versenkung gelockt hatte, musste so wichtig für ihn sein, dass er dieses Treffen riskierte.
Steven knipste, bis seine High-End-Speicherkarte voll war. Gerade wollte er die werkseitig mitgelieferte billige Karte wieder hineinstecken, um zu sehen, ob er Fotos vom Wagen des Mannes machen konnte, wenn dieser das Café verließ, da vernahm er hinter sich ein Geräusch.
Der Würgedraht pfiff durch die Luft und legte sich eng um seinen Hals. Vergebens versuchte Stevens, mit den Händen danach zu greifen. Er spürte ein Knie im Rücken, während der Druck zunahm. Als seine Luftröhre durchtrennt wurde, fiel die Kamera klappernd aufs Dach und das Display bekam einen Riss.
Der Schaden war dem Attentäter egal, als er den leblosen jungen CIA-Agenten von der Brüstung wegzog und die Kamera mitsamt der Ersatzspeicherkarte einsteckte. Das Einzige, was Abdul Ali interessierte, war, dass es niemals einen Bericht über das Treffen in dem Café geben würde.
Die Amerikaner würden noch früh genug erfahren, worum es gegangen war. Doch dann wäre es zu spät.
2
Weißes Haus, Situation Room
Washington, D. C.
18. Mai
Präsident Jack Rutledge betrat den Situation Room und bedeutete den Männern und Frauen rings um den Konferenztisch, Platz zu nehmen. Seine zweite Amtszeit währte noch keine fünf Monate, und man hatte ihn bereits öfter in diesen Saal gerufen als in den letzten beiden Jahren zusammengenommen.
Er hatte gehofft, seine zweite Amtszeit nutzen zu können, um sich auf die zentralen innenpolitischen Themen zu konzentrieren, für die er sich im Wahlkampf eingesetzt hatte und die sein Vermächtnis ausmachen sollten. Doch mehr als das wollte der Präsident seinem Nachfolger, ganz gleich ob Demokrat oder Republikaner, ein Land hinterlassen, das besser war als das, das er übernommen hatte. Der Krieg gegen den Terror sah für Rutledge allerdings etwas völlig anderes vor.
Im Gegensatz zu dem, was der Pressesprecher des Weißen Hauses gegenüber den Medien behauptete, waren die Terroranschläge gegen Amerika und amerikanische Interessen nicht weniger geworden. Tatsächlich gab es einen ausgesprochenen Aufwärtstrend, und die USA überschlugen sich fast, weil sie überall gleichzeitig sein mussten.
Für jeden Angriff, den die Vereinigten Staaten vereitelten, schossen drei weitere aus dem Boden. Das Operationstempo bei Geheimdiensten, Militär und Strafverfolgungsbehörden war so hoch wie noch nie. Trotz phänomenaler Erfolge, von denen der Durchschnittsbürger größtenteils gar nichts mitbekam, schien Amerika auf der Stelle zu treten. Das Land lief auf Hochtouren, und es war nur eine Frage der Zeit, bis das überlastete System vor lauter Erschöpfung zusammenbrach. Es musste etwas geschehen, und zwar schnell.
Dies ungefähr dachte jeder im Saal, während der Präsident den Inhalt des vor ihm liegenden Aktenordners überflog und schließlich General Bart Waddell, Direktor der Defense Intelligence Agency, das Wort erteilte.
»Danke, Mr. President«, erwiderte Waddell, ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann Ende 40. Als er sich erhob, drückte er eine Taste auf einer kleinen digitalen Fernbedienung, und die Plasmabildschirme auf der Stirnseite des Saals sowie die im Konferenztisch des Situation Rooms eingelassenen Monitore erwachten zum Leben und zeigten ein sich drehendes DIA-Logo. »Das Material, das ich Ihnen gleich zeigen werde, wurde heute Morgen aufgenommen. Es erschloss sich dank zweier übergreifender Geheimdienstinformationen. Erstens haben wir eine Reihe von Satellitenüberwachungsfotos, die von der Central Intelligence Agency in Auftrag gegeben wurden, als einer ihrer Außenagenten die Zielperson in Nordafrika entdeckte – in Marokko, um genau zu sein. Die zweite Information war ein Hinweis, der die Operationsbasis des Subjekts mehr als 6000 Kilometer südöstlich in Somalia lokalisierte.«
Waddell ging zum ersten Videoclip seiner PowerPoint-Präsentation über, und alle sahen zu, wie ein staubbedeckter Toyota vor der verwitterten Fassade eines langen, einstöckigen Gebäudes hielt. »Was Sie hier vor sich sehen, ist eine muslimische Schule für Jungen, eine Madrasa, am Stadtrand von Mogadischu. Der Mann, der aus dem Wagen zur Rechten aussteigt, ist Mohammed bin Mohammed alias Abu Khabab Al-Fari oder, wie unsere Analysten ihn gern nennen, M&M. Er gilt als oberster Bombenbauer von Al-Qaida und Chef des Komitees für Massenvernichtungswaffen. 1953 in Algerien geboren, verfügt er über eine Ausbildung in Physik und Chemieingenieurwesen.«
Anschließend ging Waddell eine Reihe von Standbildern durch, während er weitererzählte. »Auf der Al-Qaida-Basis Tora Bora in der Nähe von Dschalalabad errichtete und leitete Mohammed nicht nur eine Anlage zur Herstellung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen, sondern schulte auch Hunderte von Kriegern im Umgang damit. Die meisten von Ihnen kennen die Bilder, die es in die Mainstream-Medien schafften, von Dutzenden toter Hunde, Katzen, Esel und so weiter, die überall vor der Anlage verstreut herumlagen.«
In der Tat kannte jeder im Saal die Bilder, aber das machte es auch nicht leichter, sie sich jetzt noch einmal anzusehen. Alle am Tisch nickten grimmig.
»Die Fotos verstärkten nur einige unserer schlimmsten Befürchtungen über die grauenhaften Experimente, die M&M unseren Mutmaßungen nach mit Anthrax und anderen chemischen Giften durchführte. Als unsere Teams 2001 in die Anlage eindrangen, fanden wir Unmengen an Dokumenten, von Mohammed verfasst. Sie hatten kaum etwas gemein mit den üblichen Terroranleitungen, die wir in geheimen Verstecken in ganz Afghanistan und Pakistan sicherstellten und die im Vergleich dazu äußerst primitiv waren. Mohammeds Handbücher enthielten sehr innovative Entwürfe für Sprengkörper und stellten einen riesigen Sprung nach vorn in den technologischen Fähigkeiten von Al-Qaida dar.
Am 9. September, zwei Tage vor den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon, wurde Mohammeds Anlage vollständig aufgegeben und er an einen unbekannten Ort im Hindukusch evakuiert. Trotz zahlreicher Hinweise waren wir nicht in der Lage, verifizierbare Sichtungen zusammenzutragen. Bis heute Morgen.«
»Haben Sie eine Ahnung, was er in der Madrasa gemacht hat?«, fragte Außenministerin Jennifer Staley.
Waddell wandte sich James Vaile zu, Direktor der Central Intelligence Agency, um zu sehen, ob dieser die Frage beantworten wollte.
DCI Vaile blickte Staley an. »Es gibt Berichte, wonach Teileinheiten von Al-Qaida die Abwesenheit einer starken Zentralregierung in Somalia ausnutzen, um erneut Fuß zu fassen und Ausbildungslager zu errichten.«
Alan Driehaus, Minister der Homeland Security, schüttelte den Kopf. »Ich nehme an, die Tatsache, dass wir Mogadischu nicht mal mit einer Kneifzange anfassen würden, und auch sonst nichts in der Gegend, macht es für die nur attraktiver.«
»Woher wollen Sie wissen, dass wir dort nichts anfassen?«, fragte General Hank Currutt, Vorsitzender der Joint Chiefs of Staff, der Vereinigten Stabschefs. Als Patriot, der auf mehr als einem Schlachtfeld für sein Land geblutet hatte, war Currutt nie ein großer Fan von Driehaus gewesen. Nach seinem Dafürhalten erforderte die Position des Ministers eher einen kampferprobten Krieger als einen Karriereanwalt, der nichts weiter kannte als das Innere eines Gerichtssaals.
Driehaus wiederum nahmCurrutt seine ständigen Anspielungen übel, er sei dem Job nicht gewachsen, und seinem Land über zwei Jahrzehnte lang im Justizministerium zu dienen, sei nicht so ehrenwert wie der Dienst in den Streitkräften. »In Anbetracht des ganzen Black-Hawk-Down-Vorfalls und der Tatsache, dass unsere Ressourcen ohnehin an ihre Grenzen stoßen«, erwiderte Driehaus, »nehme ich einfach mal an, dass wir nicht gerade wild darauf sind, dort in einen weiteren Konflikt zu geraten. Ich denke, wir müssen anfangen, äußerst sensibel auf die Wahrnehmung zu reagieren, dass wir unseren Machtbereich ausdehnen.«
»Unseren Machtbereich ausdehnen?«, entgegnete Currutt. »Glauben Sie das etwa?«
»Ich sagte, so wird es wahrgenommen. Aber man müsste blind sein, um nicht zu sehen, woher es rührt.«
»Nun, dann lassen Sie sich mal etwas gesagt sein. Wir haben viele mutige junge Männer und Frauen losgeschickt, um jenseits unserer Grenzen für die Freiheit zu kämpfen, und das einzige Stück Land, um das wir im Gegenzug je gebeten haben, ist gerade mal genug, damit wir diejenigen begraben können, die nicht mehr heimkommen werden.«
Im Saal herrschte Totenstille.
Normalerweise begrüßte der Präsident gesunde Meinungsverschiedenheiten zwischen seinen Kabinettsmitgliedern und Beratern, allerdings wusste er etwas, das Secretary Driehaus nicht wusste. Hank Currutt war bei der »Schlacht von Mogadischu« dabei gewesen, wie man jenes berüchtigte 18-stündige Feuergefecht auf dem Bakara-Markt im Herzen Mogadischus nannte. 18 Soldaten waren getötet und über 70 verwundet worden.
Es gab zu viele drängende Fragen, die ihre Aufmerksamkeit brauchten. Darum durfte die Feindseligkeit zwischen Driehaus und Currutt nicht im Mittelpunkt dieses Meetings stehen. Sie mussten sich auf die Sache konzentrieren, die vor ihnen lag, und Rutledge war Staatsmann genug, um zu wissen, dass es alles andere als produktiv war, wenn er Currutt gestattete, über den Tisch zu springen und Driehaus die Kehle rauszureißen.
»Was mich anbelangt, liegen jetzt alle Optionen auf dem Tisch«, sagte der Präsident. »Mohammed ist eine der gefährlichsten Bedrohungen für dieses Land. Um ehrlich zu sein, hegte ich bisher insgeheim die Hoffnung, dass wir mit den ganzen Bomben, die wir über Tora Bora abwarfen, auch den Stein, unter dem er sich verkrochen hatte, pulverisierten und deshalb nichts mehr von ihm hörten. Aber nun wissen wir es ja besser, und ich möchte erörtern, was wir deswegen unternehmen sollen. General Waddell, Ihre Leute haben die Informationen gesammelt. Was halten Sie davon?«
»Na ja, aus den Dokumenten, die wir gefunden haben, und aus der Vernehmung von Häftlingen sowohl in Gitmo als auch in Afghanistan wissen wir, dass Mohammed versuchte, sehr anspruchsvolle Sprengsätze für mehrere Terroranschläge in den USA zusammenzubauen. Im Moment beobachten wir ihn, und ich denke, wir sollten das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Wir sollten jetzt zuschlagen, denn so eine Chance bekommen wir nie wieder. Ich sage, nehmen wir ihn hoch.«
»Direktor Vaile?«, wandte der Präsident sich an den CIA-Chef. »Stimmen Sie zu?«
»Normalerweise schon, aber in diesem Fall haben wir ein Problem.«
»Was für ein Problem?«, wollte Waddell wissen.
»Wir wissen, dass Al-Qaida sich trotz unserer Erfolge neu formiert. Sie planen unzählige Anschläge in verschiedenen Entwicklungsstadien hier in den USA und im Ausland. An einigen davon sind wir dran, viele versuchen wir immer noch aufzuspüren.
Wie Sie wohl wissen, Mr. President, ist eine der beunruhigendsten Informationen, die wir kürzlich aufdeckten, dass sie dicht davorstehen, eine Transaktion abzuschließen, die es ihnen ermöglichen würde, einen beispiellosen nuklearen Anschlag auf die USA zu starten. Basierend auf mehreren konvergierenden Nachrichtenströmen, darunter auch der Verlust unseres Agenten und die Satellitenbilder, die wir in Marrakesch aufnahmen, sind wir ziemlich sicher, dass der Drahtzieher und Kopf hinter dieser Transaktion Mohammed bin Mohammed ist. Für die nationale Sicherheit ist es unerlässlich, dass wir ihn lebend festnehmen, damit er verhört werden kann. Das ist die Position der CIA.«
»Sie meinen, damit ein befreundetes Regime ihn foltern kann«, entgegnete Secretary Driehaus. »Das Nonplusultra an amerikanischem Outsourcing.«
Vaile fixierte den Chef der Homeland Security mit einem äußerst unfreundlichen Blick.
»Wohin sollen wir den Kerl schicken? Die ehemaligen sowjetischen Einrichtungen in Osteuropa kommen ja wohl nicht infrage, zumal jetzt, wo die Presse alles darüber in Erfahrung gebracht hat. Die meisten Westeuropäer wollen uns ihre internationalen Flughäfen nicht mehr als Umschlagpunkte zur Verfügung stellen. Also, nehme ich an, bleiben uns nur die alten Ausweichlösungen. Ägypten? Jordanien?«
»Auf welcher Seite stehen Sie eigentlich, Alan?«, fragte Vaile.
»Auf der Seite des Rechtsstaats«, erwiderte Driehaus.
Jeder im Saal wusste, dass der Secretary kein Freund der außerordentlichen Überstellungspolitik der Regierung war. Dabei handelte es sich um eine Strategie, die es gestattete, Gefangene an ausländische Regierungen zu überstellen, die folterten. So umgingen die USA ihre eigenen Gesetze, die dies strikt untersagten.
Den Blick weiterhin fest auf Driehaus gerichtet, sagte der CIA-Direktor: »Unabhängig davon, wo Mohammed vernommen wird, glaube ich, dass die Strategien unseres Präsidenten diesem Land dienen, und ganz besonders Ihrem Ministerium.«
»Bei allem nötigen Respekt gegenüber dem Präsidenten«, sagte der Minister der Homeland Security, »ich glaube, Sie irren sich. Angeblich sind wir eine Nation, die die Rechtsstaatlichkeit über alles stellt. Wir benutzen sie, um alles zu rechtfertigen, was wir tun, auch zum Einmarsch in fremde, souveräne Länder. Wenn wir dieses Prinzip nicht wirklich über alles andere stellen, dann sind wir nicht besser als die Terroristen, gegen die wir kämpfen.«
»Es reicht!«, brüllte General Hank Currutt, während er sich von seinem Stuhl erhob. Sein dicker Finger stieß in Driehaus’ Richtung. »Ich werde mir diesen subversiven Mist nicht länger anhören.«
»Subversiv?«, erwiderte Driehaus. »Das ist eine mächtig bequeme Art, Meinungen abzustempeln, die nicht mit der Ihren übereinstimmen.«
»Jetzt hören Sie mir mal zu, Sie eingebildeter Mistkerl! Wenn es Ihnen nicht passt, wie wir die Dinge hier anpacken, dann treten Sie doch von Ihrem Posten zurück, holen Sie sich ein Schild und stellen Sie sich auf die andere Seite des Zauns zum Rest der Spinner auf der Pennsylvania Avenue.«
Abermals entglitten die Dinge rasch in die falsche Richtung. »Setzen wir uns alle wieder und beruhigen wir uns«, sagte der Präsident. Als Currutt der Aufforderung nicht nachkam, befahl der Präsident: »General, ich sagte: Setzen Sie sich!«
Sobald der Mann seinen Platz wieder eingenommen hatte, blickte der Präsident Driehaus an. »Sie haben einen scharfen Verstand, Alan, vor allem wenn es um Fragen der inneren Sicherheit geht, und deshalb …«
»Mr. President«, unterbrach ihn Driehaus, »unsere Feinde benutzen unsere Richtlinien zur außerordentlichen Überstellung als ihre beste Rekrutierungspropaganda. Ja, bei all der Aufmerksamkeit, die die Medien dem Thema widmen, brauchen sie gar nicht mehr zu rekrutieren. Die Leute stehen ohnehin schon bei ihnen Schlange. Diese Politik lässt uns doch wie Heuchler dastehen.«
»Nein, tut sie nicht«, betonte Rutledge. Sein Ärger wuchs immer mehr, weil ausgerechnet der Mann, den er ernannt hatte, querschoss. »Diese Politik lässt uns taff aussehen. Mehr noch, sie bringt Ergebnisse. Gesittete Einsatzregeln und Rechtsprechung bedeuten nichts für einen grausamen Feind, der bereit ist, alles zu tun, um Erfolg zu haben. Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir dieselbe Strategie anwenden – Erfolg um jeden Preis. Tut mir leid, Alan, aber wenn eine Nation sich weigert, sich zu beugen, dann ist diese Nation mit ziemlicher Sicherheit dazu verdammt, zu zerbrechen. In diesem Fall hier müssen wir das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit teilweise aussetzen, um den Rechtsstaat zu bewahren.«
Diese eine Bemerkung zerstörte noch das letzte bisschen Respekt, das Driehaus für den Präsidenten empfand. »Wir wissen, dass Mohammed Informationen mit den Bombenbauern der Palästinenser und der Hisbollah austauschte, mit deren Hilfe Richard Reid die Schuhbombe konstruierte, die er 2001 auf dem Flug von Paris nach Boston trug. Klagen wir ihn dafür an. Wenn wir ihn hier vor Gericht stellen, in einem fairen Verfahren, wird das viel dazu beitragen, unser Image im Ausland wiederherzustellen. Und es wird die Botschaft senden, dass wir hart durchgreifen.«
»Ramzi Yousef verübte 1993 einen Bombenanschlag auf das World Trade Center«, warf die Justizministerin Laura Finley ein. »Wir fanden ihn, stellten ihn vor Gericht und sperrten ihn ins Supermax in Colorado. Und was hat es uns gebracht? Sein Onkel, Khalid Shaikh Mohammed, kehrte mit Al-Qaida wieder und verübte 2001 einen erneuten Anschlag auf das World Trade Center. Yousef erhielt einen fairen Prozess und eine lebenslange Freiheitsstrafe. Das ist schon ziemlich hart, wenn Sie mich fragen, aber es hat nichts aufgehalten. Alan, wir haben zusammengearbeitet, und Sie wissen, dass ich große Achtung vor Ihnen habe. Aber der Präsident hat recht. Wir können nicht mehr mit einem Messer zu einer Schießerei kommen.«
Driehaus wollte ihr eine Antwort geben, da meldete sich die Außenministerin Jennifer Staley zu Wort. »Als jemand, der sich rund um die Uhr mit dem Image Amerikas im Ausland beschäftigt, möchte ich meinen Senf auch dazugeben. Hat das, was über die Vernehmung von Häftlingen im Ausland an die Presse durchgedrungen ist, unserem Image geschadet? Ja, definitiv. Aber ob nun richtig oder falsch, unterm Strich sind die Vereinigten Staaten sicherer wegen dem, was wir tun.«
»Demnach sollten wir uns also nicht mehr darum kümmern, was mit diesen Leuten geschieht, nachdem sie erst einmal an eine fremde Regierung überstellt wurden?«
»Wenn wir einen Verdächtigen überstellen, dann oftmals an das Land, aus dem er beziehungsweise sie stammt, oder an ein Land, in dem offene Haftbefehle gegen den Betreffenden oder die Betreffende vorliegen. So verzerrt die Presse unsere Beteiligung auch darstellt, wir haben eigentlich kaum eine Kontrolle darüber, was von jenem Zeitpunkt an geschieht.«
»Also ein Stückchen Absolution für uns – wir waschen unsere Hände sozusagen in Unschuld«, entgegnete der Minister der Homeland Security.
Staley war viel zu intelligent, um darauf einzugehen. »Was ich sagen werde«, meinte sie stattdessen, »ist, dass sogar unser verehrter Präsident Lincoln Habeas Corpus während des Bürgerkriegs aussetzte. Ich denke, die Informationen, die wir durch außerordentliche Überstellungen sammelten, sprechen für sich.«
»Dann bin ich also der Einzige? Niemand sonst hat Bedenken, den geheimen Gefangenenlisten dieser Politik einen weiteren Namen hinzuzufügen?«
»Ich schon«, sagte eine Stimme am anderen Ende des Tisches.
Verdutzt wandte jeder im Saal den Kopf, um FBI-Direktor Martin Sorce anzustarren. Sobald der Direktor sicher war, dass er die allgemeine Aufmerksamkeit hatte, fuhr er fort: »Dies dürfte eines der ranghöchsten Al-Qaida-Mitglieder sein, die wir je geschnappt haben. Aber wegen der breiten Berichterstattung über die außerordentlichen Überstellungen meinten einige der entgegenkommenderen Regierungen, mit denen wir zusammenarbeiten, dass sie keine weiteren Gefangenen mehr von uns aufnehmen werden. Außerdem hatten wir ein paar sogenannte Ausbrüche. Wir wissen, dass Al-Qaida sie ermöglichte durch Bestechung, Schmiergeld oder indem sie Leute einschüchterten, die mit den eben genannten Regierungen in Verbindung stehen.
Dies hier ist nicht so einfach, wie eine Münze zu werfen und die Einheimischen mal rauszuschicken, damit sie die Elektrokabel vorbereiten, weil wir ein neues Stiefkind haben. Für einen Gefangenen dieser Größenordnung und Gefahrenstufe muss Sicherheit unser vorrangiges Thema sein. Ich will sichergehen, dass derjenige, dem wir diesen Wonneproppen überlassen, wer es auch sein mag, ihn nicht verliert.«
»Das ist allerdings ein Argument«, sagte der CIA-Direktor. »Mohammed bin Mohammeds Gefangennahme wird eine Menge Probleme aufwerfen, und die Sicherheit wird das größte davon sein. Al-Qaida dürfte alles tun, um diesen Kerl zurückzubekommen. Wenn wir ihn den Ägyptern oder Jordaniern überlassen, haben wir keine Garantie, dass sie ihn auch festhalten können. Sehen Sie sich doch an, was mit den Kerlen passierte, die im Jemen den Anschlag auf die USS Cole planten. Andererseits, wenn wir ihn nach Gitmo transportieren, sind uns die Hände gebunden, weil wir ihn nicht hart genug anpacken können, um etwas aus ihm herauszubekommen. Und wir brauchen diese Informationen über den Kauf von Massenvernichtungswaffen so schnell wie möglich.«
»Was heißt das für uns?«, fragte Justizministerin Finley.
»Wir sitzen zwischen zwei Stühlen«, sagte die Außenministerin. »An der bisherigen schlechten Presse können wir zwar nichts ändern. Aber an dem, was Secretary Driehaus sagt, ist natürlich was dran. Was auch immer wir in Zukunft tun, wir sollten es besser nicht vermasseln.«
3
Nach weiteren 20 Minuten Diskussion vertagte der Präsident die Sitzung und gab den Teilnehmern Bescheid, dass er über ihre Vorschläge nachdenken werde. Insgeheim fragte Rutledge sich, weshalb der Sieg im Krieg gegen den Terror und ein Sieg im Krieg mit den Medien sich anscheinend gegenseitig ausschlossen. Wie viele verheerende Anschläge brauchten die Amerikaner noch, bevor sie merkten, mit was für einem schonungslosen Gegner sie es zu tun hatten? Es war eine der schwierigsten Herausforderungen seiner Administration. Doch dem Präsidenten war klar, dass für ihn, so unpopulär seine Entscheidungen auch sein mochten, das Wohl des Landes und seiner Bürger an oberster Stelle stehen musste – selbst wenn viele von ihnen nicht ertragen konnten, was getan werden musste.
Als er sich anschickte, den Saal zu verlassen, bat ihn Robert Hilliman, der Verteidigungsminister – ein ergrauter, untersetzter Mittsechziger, der eine Brille mit Metallgestell und einen ordentlich gebügelten Brooks-Brothers-Anzug trug: »Mr. President, haben Sie vielleicht einen Moment Zeit für uns?« Neben ihm stand General Waddell, eine Aktenmappe in der Hand.
Sobald der Rest der Kabinettsmitglieder den Situation Room verlassen hatte, reichte Waddell Hilliman die Mappe. Dieser schlug sie auf. »Mr. President«, sagte er, »unmittelbar nach 9/11 baten Sie mich, gewisse Behörden innerhalb des Verteidigungsministeriums damit zu beauftragen, einen Plan zu entwickeln, um die Inhaftierung und Vernehmung feindlicher Kämpfer zu handhaben, die uns erhebliche Informationen liefern könnten.«
»So kamen wir, gemeinsam mit den Bemühungen der CIA, auf unsere außerordentliche Überstellungspolitik«, erwiderte der Präsident.
»Ja, Sir, aber wir im Verteidigungsministerium sahen auch eine Situation voraus, in der Funktionäre an der Spitze der Organisationspyramide von Al-Qaida, wie Mohammed bin Mohammed, Aiman Al-Zawahiri oder auch bin Laden persönlich, eine besondere Herausforderung darstellen könnten, die mit unserer Überstellungspolitik unvereinbar ist.«
»Wollen Sie mir sagen, dass Sie eine andere Sichtweise dazu haben, wie man damit umgehen sollte?«
»Ja, ich glaube, schon.«
»Warum haben Sie dann beim Meeting nicht den Mund aufgemacht?«, wollte Rutledge wissen.
Statt einer Antwort zog Hilliman eine Zusammenfassung aus der Mappe und reichte sie ihm.
Der Präsident las sie sich zweimal durch und sicherheitshalber noch ein drittes Mal, ehe er fragte: »Wie viele Leute würden eingeweiht sein?«
»So wenige wie möglich«, antwortete Waddell. »Der Plan ist äußerst unorthodox, und wir glauben, je weniger davon wissen, desto besser.«
»Das ist noch gelinde ausgedrückt«, meinte Rutledge, während er mit einer Handbewegung nach dem Rest der Akte verlangte. Bedächtig las er ihn sich durch. »Wie sicher sind Sie, dass wir das durchziehen können? Ich will kein rosiges Best-Case-Szenario. Ich will die echte, ungeschminkte Einschätzung.«
Waddell blickte Hilliman an. »Aufgrund gewisser Komponenten, die außerhalb unserer Kontrolle liegen«, erklärte dieser, »gehen wir von einer Erfolgswahrscheinlichkeit von 60 Prozent aus.«
Das kam beim Präsidenten gar nicht gut an. »Das ist keine allzu gute Quote.«
»Nein, Sir. Aber unter Berücksichtigung der Situation glauben wir, dass die Vorteile die negativen Seiten bei Weitem überwiegen.«
»Da kann ich Ihnen nicht zustimmen«, sagte der Präsident. »Sollte das je an die Öffentlichkeit gelangen, wären die Folgen verheerend.«
»Ja, Sir«, erwiderte Waddell, »aber wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet, um sicherzustellen, dass das nicht passiert.«
»Bei einer nur 60-prozentigen Erfolgswahrscheinlichkeit«, sagte der Präsident, »sollten Sie besser auf eine ganze Menge vorbereitet sein.«
Hilliman und Waddell spielten das Spiel schon lange genug, um zu wissen, wann es besser war, sich zurückzuhalten und eine Operation für sich sprechen zu lassen. Sie wussten auch, dass Jack Rutledge die richtige Entscheidung treffen würde, wie schwer sie auch fallen mochte. Er tat stets das Richtige.
Der Präsident studierte die Akte noch ein paar Minuten. Schließlich sagte er: »Ich möchte, dass Sie mich bei jedem Schritt auf dem Laufenden halten.«
»Selbstverständlich, Mr. President«, antwortete Hilliman.
Darauf hob General Waddell den Hörer von einem der sicheren Telefone auf dem Tisch des Situation Rooms ab, wählte eine interne Leitung bei der Defense Intelligence Agency und sagte fünf Worte, deren Nachhall weit über das hinausgehen sollte, was sie sich vorstellen konnten. »Grünes Licht für Operation Driftwood.«
4
Küste Somalias
15 Kilometer südlich von Mogadischu
22. Mai
Schein für Schein einer Handvoll der hiesigen Währung stopfte Mohammed bin Mohammed dem Kleinen vorn in die Hose und schickte ihn wieder zurück in die Madrasa. Der Elfjährige war gut gewesen. Vielleicht nicht so exquisit wie die europäischen und arabischen Jungen, die Mohammed gewohnt war, aber man gab sich nun mal mit dem zufrieden, was einem zur Verfügung stand.
Nachdem Mohammed sein Bad beendet hatte, bereitete er sich ein weiteres Glas Tee und trat hinaus auf die Terrasse der Villa.
Es war dunkler als gewöhnlich um diese Abendstunde – die Wolken eines heraufziehenden Unwetters hatten sich vor die Sterne geschoben.
Ein wenig erschöpft von seiner Krankheit und der erst kurz zurückliegenden Reise nach Marokko lehnte Mohammed sich an die steinerne Brüstung und lauschte dem Tosen des Indischen Ozeans, der unten an den Strand brandete.
Nach ein paar Minuten salzhaltiger Luft auf seiner Haut ging Mohammed wieder ins Haus. Es war schwer zu sagen, wie viel Schaden der Sturm an der Satellitenkommunikation anrichten würde, und Mohammed musste noch ein paar letzte Bestandteile auf den Weg bringen. Die Transaktion war fast abgeschlossen.
Wegen seiner besonderen Vorlieben wohnte Mohammed lieber allein in der Strandvilla. Das hieß jedoch nicht, dass er nachlässig war, was die Sicherheit betraf. Er hatte nicht nur seine eigenen Männer in beiden Richtungen auf den Straßen postiert, sondern genoss auch den Schutz mehrerer lokaler Warlords. Darüber hinaus war der Strand vermint und die gesamte Villa aus Stahlbeton und Stahl errichtet, um sie vor den ferngesteuerten Angriffen der Predator-Drohnen zu schützen, die die feigen Amerikaner so gern mochten.
Da es keine Zentralregierung gab und keinerlei äußere Mächte sich in lokale Angelegenheiten mischten, konnten Männer wie Mohammed bin Mohammed in Somalia tun und lassen, was sie wollten.
In nur drei Jahren hatte Al-Qaida im ganzen Land Dutzende geheimer Ausbildungslager eröffnet, die Zahl der Kämpfer erheblich erhöht und sie in den Irak geschickt, damit sie dort wertvolle praktische Kampferfahrung sammelten. Zudem wollten die USA nach ihrer demütigenden Niederlage durch lokale Milizen nichts mehr mit diesem Teil der Welt zu tun haben. Es war die perfekte Operationsbasis. Alles in Mohammeds Welt schien besser zu werden, sogar seine Gesundheit.
In einem der kleinen Schlafzimmer der Villa entsperrte Mohammed sorgfältig einen speziell angefertigten Titanaktenkoffer und fuhr sein verschlüsseltes Macintosh PowerBook hoch.
Während er arbeitete, wanderten seine Gedanken zu dem kleinen Jungen, der erst vor 20 Minuten das Haus verlassen hatte, und er merkte, wie er schon wieder erregt wurde. Mit der Erregung kam jedoch noch etwas anderes – ein dumpfes Pochen in seinem Rücken, direkt unter dem Brustkorb, dazu der überwältigende Drang, zu urinieren. Zu viel Tee und zu viel Sex, dachte Mohammed, als er aufstand, um auf die Toilette zu gehen.
Als er an die Schlafzimmertür kam, rutschte ihm das Herz in die Hose.
»Die Hände über den Kopf«, befahl eine von mehreren dunkel gekleideten Gestalten, allesamt mit garstig aussehenden Sturmgewehren bewaffnet.
Mohammed war bestürzt. Wie hatten sie es geschafft, ins Haus einzudringen?
Der Mann in Schwarz sagte ihm noch einmal, er solle die Hände über den Kopf nehmen, diesmal auf Arabisch.
Mohammed ignorierte die Anweisung und stürzte zurück ins Schlafzimmer zu seinem PowerBook. Prompt durchdrangen zwei mit Widerhaken versehene Projektile aus einem TASER X26 sein Baumwollgewand und bohrten sich in die Haut seines Rückens.
Als der Stromstoß durch seinen Körper raste, verkrampften sich seine Muskeln, und er fiel wie ein nasser Sack mit dem Gesicht voran auf die Bodenfliesen.
Er wurde an Händen und Füßen mit Einwegfesseln fixiert, und das Letzte, was er sah, bevor sie ihn aus dem Zimmer schleiften, war, wie zwei der Männer zu seinem Laptop gingen.
Hätten sie auf Mohammed geachtet, hätten sie ihn lächeln sehen.
Sekunden später erschütterte eine Explosion das kleine Schlafzimmer, und im Flur ging ein Hagel aus Titansplittern, Gipsbrocken und Stücken verkohlten menschlichen Fleisches nieder.
5
Schottische Highlands
29. Mai
Eilean Aigas House war ein Anwesen mit zwölf Zimmern am nördlichen Ende einer waldbestandenen Privatinsel inmitten des River Beauly. Neben seinen majestätischen Weißbirken, Douglasien, Fichten und Kiefern verfügte das Anwesen auch über eine spektakuläre Schlucht, einen beheizbaren Außenpool, einen kleinen Barockpark, einen umfangreichen Weinkeller und ein Sicherheitssystem, das es mit dem eines jeden Staatsoberhaupts aufnehmen konnte. Die Security war eine unabdingbare Vorsichtsmaßnahme, da der Mann, der auf der Insel wohnte, jede Menge mächtiger Feinde hatte – viele davon seine Kunden.
Einfach als »der Troll« bekannt, lebte der Herr von Eilean Aigas House nach dem Motto, dass Wissen nicht gleich Macht war. Die richtige Anwendung von Wissen, das war Macht. Und sehr präzise angewandt bedeutete Wissen auch unvorstellbaren Reichtum.
Diesem Mantra folgend, hatte der Troll mit dem Kauf, Verkauf und Handel streng geheimer Informationen ein beträchtliches Vermögen gemacht. Sowohl sein halsabschneiderischer Geschäftssinn als auch seine unersättliche Gier nach nur dem Allerbesten standen in krassem Gegensatz zu seiner Körpergröße. Da er nur etwas unter einem Meter groß war, erreichte er kaum etwas in seinem Haus ohne Hilfsmittel, normalerweise in Form von Miniatur-Trittleitern aus kunstvoll geschnitztem exotischem Hartholz. Die Ausmaße des Hauses spiegelten wider, wie der Troll sich selbst sah, und nur die privatesten Bereiche waren umgebaut worden, um seiner Körpergröße gerecht zu werden.
Eine weitere Spiegelung seines Selbstbildes waren die beiden riesigen, schneeweißen Kaukasischen Owtscharkas, Argos und Draco, die dem Troll nie von der Seite wichen. Mit einem Gewicht von jeweils über einem Zentner und 75 Zentimetern Schulterhöhe waren diese Riesen die Hunde der Wahl für das russische Militär und die ehemaligen ostdeutschen Grenzstreifen. Sie waren extrem athletisch und absolut bissig, wenn ein Fremder in ihr Revier eindrang, die perfekten Wächter für die Inseldomäne des Trolls. Und am wichtigsten für einen Mann, der seinen Lebensunterhalt mit der Kunst der Täuschung und mit Erpressungen bestritt: Die Hunde würden sich niemals gegen ihn wenden. Tatsächlich hegte er schon immer die seltsame Vorahnung, dass ihm die Hunde eines Tages das Leben retten könnten.
Heute Abend saßen Argos und Draco argwöhnisch neben dem Kamin, während draußen ein starkes Sommergewitter tobte. Trotz der verlockenden Wärme, die geradezu zum Schlafen einlud, waren ihre Blicke auf den Mann geheftet, der soeben im Herrenhaus eingetroffen war.
»Whisky?«, bot der Troll seinem Gast einen Drink an.
»Ich trinke nicht«, erwiderte der Mann, zwischen dessen dunklen, zusammengekniffenen Augen eine einstmals vorspringende Beduinennase prangte. »Ich bin überrascht. Ich dachte, Sie wüssten mehr über mich.«
Lächelnd schenkte der Troll sich zwei Fingerbreit Germain-Robin-Brandy ein. »Abdul Ali alias Ahmed Ali, Imad Hasan und Ibrahim Rahman. Geburtsdatum unbekannt. Geburtsort ebenfalls, obwohl westliche Nachrichtendienste mutmaßen, dass er irgendwo in Nordafrika liegt, höchstwahrscheinlich Algerien oder Marokko, daher der CIA-Spitzname: ›der Berber‹.
Zwar hat es bisher kein westlicher Geheimdienst geschafft, ein Foto von Ihnen zu bekommen. Aber es wird spekuliert, dass Sie sich mehreren plastischen Operationen unterzogen haben, um Ihr Aussehen zu verändern. Sie sprechen mehr als fünf Sprachen und sind in mindestens einem Dutzend Ländern weltweit zu Hause, über die Hälfte davon im Westen. Im Grunde genommen sind Sie ein Phantom – ein Mann, der reist, wohin er will, wann immer er will, und niemand weiß je, ob er tatsächlich da war oder nicht.
Man nimmt an, dass Sie früher eine militärische Spezialausbildung sowie eine Ausbildung im militärischen Nachrichtenwesen erhielten, aber bei wem, kann oder will niemand sagen. Bei mehr als 36 Terroranschlägen auf westliche Ziele hat man Sie im Verdacht, und Ihnen werden elf Morde, die durch die Medien gingen, zur Last gelegt – darunter zwei an MI-6-Agenten, an dreien vom Mossad und an vier weiteren Agenten, die undercover für die CIA arbeiteten.
Ihre Körpergröße wird als irgendwo zwischen 1,73 Meter und 1,95 Meter angegeben, Sie haben ein lanzenförmiges Muttermal hinten an Ihrer linken Schulter und sind, kurz gesagt, eines der vorrangigsten Ziele für jeden westlichen Geheimdienst, der etwas auf sich hält.«
Ali war beeindruckt. »Das ist sehr gut. Alles, bis auf das Muttermal. Ich habe keins.«
»Jetzt haben Sie eins«, erwiderte der Troll. »Ich ließ es in Ihre Akte aufnehmen und von drei separaten Quellen bestätigen. Eines Tages könnte es sich als nützlich erweisen. Betrachten Sie es als Bonus. Al-Qaida hat im Lauf der Jahre einiges an Geschäften mit mir gemacht.« Der Troll kletterte auf seinen Schreibtischsessel. »Reden wir darüber, weshalb Sie hier sind.«
»Sie wissen, weshalb ich hier bin.«
»Selbstverständlich weiß ich das. Ihr Mann in Somalia, Mohammed bin Mohammed.«
Ali nickte.
»Alles, was ich aufdecken konnte, ist in der Akte enthalten, die ich Ihren Vorgesetzten schickte. Ich verstehe nicht, dass Sie mich persönlich aufsuchen müssen.«
»Ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst in unserer heiklen Branche nichts über ein persönliches Treffen geht.«
»Wie dem auch sei, es ist trotzdem sehr ungewöhnlich«, entgegnete der Troll, während er den Cognacschwenker in seinen winzigen Händen wiegte.
»Das sind die Umstände um Mohammeds Verschwinden ebenfalls.«
»Mr. Ali, der einzige Grund, aus dem ich zugestimmt habe, mich mit Ihnen zu treffen, ist meine langjährige Geschäftsbeziehung mit den Leuten über Ihnen. Wenn Sie mich etwas fragen möchten, dann tun Sie es bitte.«
Ali musterte den Troll einige Augenblicke lang, ehe er antwortete: »Ich möchte, dass Sie mir sagen, was Sie aufgedeckt haben.«
»Wie gesagt, es steht alles in der Akte. Ich bin äußerst genau in meiner Arbeit.«
»So wie ich, aber manchmal lässt man eben doch eine winzige Kleinigkeit weg.«
»Ich lasse keine Details weg – ob winzig oder nicht«, sagte der Troll.
»Man kann nie wissen. Etwas, das damals vielleicht belanglos schien, könnte sich jetzt als ziemlich wichtig für uns erweisen. Bitte. Tun Sie mir den Gefallen!«
Der Troll nahm einen großen Schluck Brandy. Ihm war klar, dass es sich als äußerst schlimmer Fehler erweisen könnte, den Mann zu belügen. Niemand vermochte zu sagen, ob Al-Qaida nicht ein Puzzleteil hatte, von dem er nichts wusste. Er konnte sich nur an seinen Plan halten. Es war unvermeidlich, dass sie kommen würden, um ihn zu befragen. Immerhin war er einer der wenigen, die gewusst hatten, wo Mohammed bin Mohammed sich versteckt hielt. »Ihr Mann in Somalia wurde von einem verdeckten Einsatzteam der Amerikaner ins Visier genommen.«
»Der Amerikaner?«, echote Ali. »Nicht der Israelis? Sind Sie sicher?«
»Wie aus der Akte, die ich Ihren Vorgesetzten geschickt habe, eindeutig hervorgeht, wurde er von einem privaten Schiff in Gewässer vor der Ostküste der Vereinigten Staaten gebracht und dann per Hubschrauber irgendwohin nach New York City geflogen.«
»Und er ist noch am Leben?«
»Soweit ich weiß, ja. Aber vorneweg, sein Gesundheitszustand ist nicht der beste. Anscheinend hat er ein ernstes …«
»Nierenproblem«, führte Ali den Satz für den Troll zu Ende. »Das wissen wir.«
»Zu seiner Anerkennung muss man sagen, dass es seine Vernehmung für die Leute, die ihn gefasst haben, wohl ziemlich schwierig gestaltet.«
»Das verwirrt mich ein bisschen. Wenn es die Amerikaner waren, warum sollten sie ihn geradewegs nach Amerika bringen? Warum schaffen sie ihn nicht zunächst in ein kooperatives Land, um ihn zu verhören?«
»Ich interpretiere keine Informationen, Mr. Ali. Ich ermögliche lediglich ihre Weitergabe. Wenn es sonst nichts mehr gibt?«
»Genau genommen gibt es da etwas«, sagte der Attentäter. Als seine Hand sich zur Innenseite seines Sakkos bewegte, begannen die Owtscharkas zu knurren.
Der Troll legte seinen Finger auf den winzigen Abzug einer speziell angepassten Waffe, die unter seinem Schreibtisch eingebaut war, und signalisierte den Hunden mit der anderen Hand, still zu sein.
Ali war sich bewusst, dass eine Waffe auf seinen Bauch gerichtet war. Langsam zog er einen Zettel aus seinem Sakko, beugte sich vor und schob ihn über den Schreibtisch.
Der Troll ließ sich Zeit mit dem Lesen. Nun lag der wahre Grund, weshalb der Al-Qaida-Agent sich persönlich mit ihm treffen wollte, auf dem Tisch. »Ihre Organisation bezahlt mich nicht für Ratschläge, trotzdem gebe ich Ihnen einen. Er kostet nichts. Hören Sie auf damit und vergessen Sie es. Selbst wenn ich seinen genauen Aufenthaltsort bestimmen könnte, was Sie da vorhaben, ist Selbstmord. Es ist nicht machbar.«
»Das lassen Sie unsere Sorge sein. Alles, was wir wissen wollen, ist, ob Sie ein Team nebst Ausrüstung zum angegebenen Termin an Ort und Stelle schaffen können«, sagte Ali.
»Mit genügend Geld ist alles möglich, aber …«
»20 Millionen Dollar, dazu das Doppelte Ihres üblichen Honorars und ein Bonus von fünf Millionen, sobald die Operation erfolgreich abgeschlossen ist.«
»Das heißt, sobald Sie Ihren Mitstreiter befreit haben.«
Ali nickte. »Betrachten Sie es als zusätzlichen Anreiz.«
Der Troll schwieg einige Augenblicke, während er so tat, als dächte er über das Angebot nach. Sie spielten ihm direkt in die Hände. Mit so viel Geld hatte er genug, um bei seinem Kontaktmann bei der NSA zu kaufen, was er brauchte, sein Maulwurf im Verteidigungsministerium war allerdings wesentlich teurer. Dennoch war er zuversichtlich, dass er die Informationen bekommen konnte, die er benötigte, und noch ein Haufen Geld übrig blieb. Schließlich meinte er: »Das größte Problem, vor dem Sie meiner Meinung nach stehen, Mr. Ali, ist die Zeit. Wenn Sie mehr Zeit einplanen, dürfte dies Ihre Erfolgswahrscheinlichkeit steigern.«
»Nein, Zeit haben wir nicht. Mohammed soll in naher Zukunft eine äußerst sensible Transaktion für uns abschließen.«
»Dann würde ich vorschlagen, Sie nehmen dazu jemand anderen.«
»Es gibt sonst niemanden. Der Mann, mit dem Mohammed verhandelt hat, will ausschließlich mit ihm Geschäfte machen. Wenn Mohammed nicht erscheint, verwirken wir unseren Warteplatz und der Mann wird einfach den nächsten potenziellen Käufer kontaktieren. Falls das geschieht, werden wir letzten Endes wesentlich mehr verlieren als nur ein hochgeschätztes Mitglied unserer Organisation.«
»Was möchten Sie denn kaufen, wenn ich fragen darf?«
»Das geht Sie nichts an«, erwiderte Ali.
Der Troll lächelte. Er wusste ganz genau, was sie kaufen wollten. Es gab nur sehr wenige Dinge, für die Al-Qaida so viel zu zahlen bereit wäre, um ihren Verhandlungsführer zurückzubekommen. »Wenn Sie Erfolg haben, werden die Amerikaner Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Sie zu finden – Sie alle.«
Abdul Ali war sich nicht ganz sicher, ob der Zwerg sich auf die Befreiung Mohammed bin Mohammeds bezog oder auf das, was sie vorhatten, sobald Mohammeds Transaktion abgeschlossen war. So oder so, es spielte keine Rolle. »Unser Angebot steht. Akzeptieren Sie oder lassen Sie es bleiben.«
Bedachte man, dass der Troll seit Jahren von genau dieser Gelegenheit träumte, was konnte er dann anderes tun, als zu akzeptieren?
Als Abdul Ali das Herrenhaus verließ, konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken. Dass der Troll den Auftrag annehmen und ihnen bei ihrer Aufgabe helfen würde, hatte von vornherein festgestanden. Was den Attentäter allerdings mehr amüsierte, war die Tatsache, dass der kleine Mann keine Ahnung hatte, dass Al-Qaida wusste, dass er derjenige war, der Mohammed bin Mohammed an die Amerikaner verraten hatte. Ihr Netzwerk an Kontakten war vielleicht nicht so groß, doch es konnte unglaublich effizient sein.
Nicht mehr lange, und sie brauchten den Troll nicht mehr. Wenn es so weit war, würde es Abdul Ali ein besonderes Vergnügen bereiten, das parasitäre Dasein des Mannes äußerst schmerzhaft zu beenden.
6
Montreal, Kanada
3. Juli
Als Sayed Jamal das Schlafzimmer seiner Sozialwohnung betrat, knallte Scot Harvath ihm den Kolben seiner H&K direkt auf den Nasenrücken, sodass der Terrorist heftig blutend zu Boden ging.
»Weißt du denn nicht, dass Allah am liebsten vor vollem Haus spielt?«, sagte Harvath, während er dem Mann die Handgelenke mit Kabelbindern auf den Rücken fesselte. »Er mag es gar nicht, wenn man sich vom Morgengebet wegschleicht. Und ich auch nicht.«
Als Harvath aufstand, verpasste er Jamal einen heftigen Tritt in die Rippen, um noch einmal zu betonen, wie unzufrieden er war, weil der Kerl vorzeitig in sein Apartment zurückgekehrt war.
Wie Ahmed Ressam – der in Algerien geborene Terrorist, den sie an der kanadisch-amerikanischen Grenze mit über einem Zentner Sprengstoff erwischt hatten, weil er vorhatte, den internationalen Flughafen von Los Angeles an Silvester 1999 in die Luft zu jagen – war auch Sayed Jamal algerischer Staatsangehöriger. Er hatte die liberale kanadische Asylpolitik ausgenutzt, um sich nördlich der Grenze zu verstecken und Anschläge auf die Vereinigten Staaten zu planen.
Mit seinen malerischen Kopfsteinpflasterstraßen und der europäischen Architektur war Montreal eine Stadt, die viele vergessen ließ, dass sie hier keine 50 Kilometer vom Staat New York entfernt waren. Scot Harvath allerdings gehörte nicht mehr zu diesen Leuten.
Ein-, zweimal im Jahr fand Harvath einen kanadischen Penny, der sich unter sein Kleingeld gemischt hatte. Früher hatte er immer Witze gemacht, Kanada sei die geduldigste Invasionstruppe der Welt – ein Penny nach dem anderen, ein Popsänger, ein Schauspieler nach dem anderen … Und wenn es 10.000 Jahre dauerte, bis sie die Vereinigten Staaten erobert hatten, aber sie waren in Bewegung, und das amerikanische Volk musste endlich aufwachen. Doch als Kanada sich allmählich zum Aufmarschgebiet für Terroristen aus dem Nahen Osten entwickelte, die darauf versessen waren, die Vereinigten Staaten zu vernichten, war dieser Scherz nicht mehr lustig.
Erreichten diese »Asylsuchenden« Kanada beziehungsweise kanadische Hoheitsgewässer, brauchten sie nur noch den Status als politischer Flüchtling geltend zu machen, und ihnen wurde in Kanada Schutz im Rahmen der UN-Konvention gewährt. Das war alles. Die Aufnahmepraxis wurde so schlecht gemanagt, dass fast 100 Prozent von ihnen eine formelle Anhörung erhielten, dazu kostenlose Rechtsberatung, Geld und eine Bleibe, während sie oft mehr als zwei Jahre darauf warteten, vor einem kanadischen Richter zu erscheinen – sofern sie sich überhaupt die Mühe machten, zu ihrer Anhörung aufzutauchen.
Die Prüfverfahren waren lächerlich, und da auch nichts durchgesetzt wurde, fand eine beträchtliche Anzahl dieser angeblichen Asylbewerber ihren Weg nach Montreal, wo sie sich muslimischen Terrororganisationen mit starken Verbindungen zu Al-Qaida anschlossen.
Eine dieser Organisationen war als Groupe Islamique Armé bekannt, als algerische bewaffnete islamische Gruppe oder auch GIA, und der GIA war es, der Agent Scot Harvath nach Kanada geführt hatte.
Die Vereinigten Staaten hatten erfolglos versucht, die kanadische Regierung davon zu überzeugen, Sayed Jamal auszuliefern, damit sie ihn vor Gericht stellen konnten. Jamal war früher Chemieprofessor, und irgendwann fand er zum Glauben – zum radikalen Islam, um genau zu sein. Er trat dem GIA bei und folgte mehreren seiner GIA-Kollegen in den Irak, wo er den Kampf gegen die westlichen imperialen Kreuzfahrer aufnahm, mit anderen Worten: gegen das amerikanische Militär.
Interessanterweise kam von allen ausländischen Kämpfern im Irak der größte Teil – über 20 Prozent – aus Algerien. Und während mehrere syrische Terrorgruppen dafür bekannt waren, dass sie außergewöhnliche Scharfschützen hervorbrachten, waren die Algerier, insbesondere der GIA, dafür bekannt, die besten Bombenbauer in der Branche zu stellen. Tatsächlich stammten die entsetzlichsten Sprengfallen – die selbst den erfahrensten Bombenentschärfern eine Heidenangst einjagten – vom geschicktesten Bombenbauer des GIA im Irak, Sayed Jamal.
Über 200 amerikanische Soldaten – Männer und Frauen – wurden verletzt oder getötet als Folge von Jamals speziellen Sprengsätzen, auch als EFPs bezeichnet, projektilbildende Ladungen, die aus einer Entfernung von 100 Metern eine bis zu zehn Zentimeter starke Panzerung durchdringen konnten. Darum setzten die Vereinigten Staaten alle Hebel in Bewegung, um Sayed aufzuspüren. Als ihm im Irak der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, floh er nach Kanada. Dort wartete er mit einer komplizierten Tarngeschichte auf und erhielt den vollen Flüchtlingsstatus. Aber während man den Dschihadisten zwar aus dem Dschihad herausnehmen kann, bekommt man den Dschihad nie wirklich aus dem Dschihadisten heraus. Die von der NSA abgefangenen Daten offenbarten einen dramatischen Anstieg an terroristischer Kommunikation, Anzeichen dafür, dass Jamal Anschläge koordinierte, die in den Vereinigten Staaten geplant waren.
Sobald die Vereinigten Staaten festgestellt hatten, wo der Terrorist sich befand, stellten sie ihre Auslieferungsanträge. Obwohl die Beweise dafür erdrückend waren, lehnten die Kanadier die Auslieferung ab. Der liberale Premierminister war keineswegs davon überzeugt, dass Jamal derjenige war, von dem die Amerikaner redeten. Dennoch machte der Premierminister deutlich, dass er eine Auslieferung noch nicht einmal in Betracht ziehen würde, es sei denn, die Vereinigten Staaten versprachen, in diesem Fall die Todesstrafe nicht anzuwenden. Die Amerikaner wiederum dachten noch nicht einmal im Traum daran.
Kurz nach dem Abbruch der Gespräche erschien wie durch Zauberhand eine Kopie von Jamals kanadischem Geheimdienstdossier auf dem Schreibtisch des Präsidenten. Jack Rutledge brauchte nicht zu fragen, woher es kam. Er wusste, wie die inoffiziellen Kanäle funktionierten, und er wusste ebenfalls, dass mehrere hochrangige Mitglieder des kanadischen Geheimdienstes es satthatten, zuzusehen, wie muslimische Extremisten das Wohlwollen ihres Landes ausnutzten. Da es sich um einen heiklen Auftrag handelte, war dem Präsidenten klar, dass es nur eine einzige Person gab, die er anrufen konnte.
Nun, da Jamal mit Kabelbindern gefesselt und unter Kontrolle war, wandte Harvath seine Aufmerksamkeit wieder dem gefährlichsten Teil des Auftrags zu – Jamals Laptop zu sichern.
Man hatte ihn darüber informiert, dass die Vereinigten Staaten in jüngster Zeit zwei sehr erfahrene Agenten verloren hatten, als diese versuchten, das PowerBook eines hochrangigen Al-Qaida-Angehörigen zu bergen. Harvath wusste nicht, was ihn mehr erschreckte – die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten einen so hochrangigen Al-Qaida-Funktionär geschnappt hatten, dass nicht einmal er mit seiner über der Einstufung streng geheim rangierenden Polo-Step-Freigabe herausfinden konnte, um wen es sich handelte, oder dass der Laptop des Terroristen explodiert war und die beiden Mitglieder des Einsatzteams auf der Stelle getötet hatte, als diese ihn sichern wollten.
Alles, was Harvath wusste, war, dass Jamals Laptop vermutlich einen wahren Schatz an Informationen enthielt und höchstwahrscheinlich, da eine Verbindung zu besagtem hochrangigem Al-Qaida-Funktionär bestand, mit einem vergleichbaren Sprengstoff mit Quecksilberschalter manipuliert war.
In solchen Momenten hätte Harvath ein Jahresgehalt dafür gegeben, hätte er einen guten Experten für Kampfmittelräumung dabeigehabt. Aber er hatte nun mal keinen dabei, noch nicht einmal einen schlechten. Alles, was er hatte, waren zwei leere Sprühdosen und eine Styroporkühlbox voller Trockeneis.
Die Idee war, das Quecksilber im Kippschalter unbrauchbar zu machen, und zwar mit einem Produkt, das zum Schockfrosten biologischer Proben verwendet wurde, bekannt unter dem Namen Quick-Freeze. War der Quecksilberschalter außer Gefecht gesetzt, gab es ein Zeitfenster von mehreren Sekunden, in denen Harvath den Laptop nehmen und in die Kühlbox legen konnte. Anschließend wollte er ihn zurück über die Grenze transportieren, wo ein Team darauf wartete, ihn zu entschärfen. Zum damaligen Zeitpunkt schien das Ganze Hand und Fuß zu haben. Womit niemand gerechnet hatte, war, dass Jamal vorzeitig nach Hause kam. Das hatte Harvath abgelenkt, und nun hatte er nicht mehr genügend Quick-Freeze für einen zweiten Versuch, das Quecksilber im Schalter einzufrieren.
Er musste sich etwas anderes einfallen lassen. Mit leeren Händen zurückzukehren oder, schlimmer noch, ohne Hände, war keine Option, die er in Betracht ziehen wollte.
Zwar hatte Harvath seit seinen Tagen als Navy SEAL zweimal die Laufbahn geändert. Doch die Lektionen, die er beim Secret Service im Weißen Haus und nun als verdeckter Anti-Terror-Agent für das Department of Homeland Security gelernt hatte, untermauerten nur seine Special-Operations-Ausbildung: Es gab für jedes Problem eine Lösung, man musste bloß angestrengt genug suchen, um sie zu finden.
Harvath warf einen Blick auf die Suunto-X9Mi-Armbanduhr, mit der sie ihn für den Trip nach Kanada ausgestattet hatten, und stellte fest, dass er dicht davorstand, hinter den Zeitplan zurückzufallen. Er musste ein Rendezvous einhalten, und wenn er es verpasste, würde er enorme Schwierigkeiten haben, aus dem Land und wieder zurück über die US-Grenze zu kommen.
Als er in Gedanken die verschiedenen Optionen durchging, fiel ihm etwas ein. Sayed Jamal war Bombenbauer, und leider ein ziemlich guter. Aus den Geheimdienstberichten, die Harvath gelesen hatte, wusste er, dass der Mann akribisch vorging. Und wenn er stets so genau war, achtete er wahrscheinlich auch auf die Sicherheit. Die Frage war, ob er hatte, wonach Harvath suchte, und falls ja, wo er es aufbewahrte.
Harvath zerrte Jamal an den Haaren hoch und hielt ihm die Waffe unters Kinn. »Du hast hier alles, was man zum Löten braucht, Sayed. Sollte ein Feuer ausbrechen, könnte es ziemlich teuer werden – ganz zu schweigen von der lästigen Aufmerksamkeit, die so was erregt. Diesen Fehler beging Ramzi Yousef mit seinem kleinen Chemiebrand auf den Philippinen. Wenn ich mich recht entsinne, wurde sein Kumpel verhaftet, als er später zurückkehrte, um ihren Laptop zu holen, oder? Aber du bist ja nicht so blöd. Das sehe ich doch. Also sag mir, wo hast du deinen Feuerlöscher?«
Jamal spuckte Harvath ins Gesicht und fluchte auf Arabisch.
»Ebn el Metanaka!«, erwiderte Harvath, während er Jamal den Schalldämpfer seiner Waffe in das schmerzhaft weiche Gewebe unter dem Kinn stieß. »Wir können es auch auf Arabisch machen. Ist mir egal. Ich will bloß wissen, wo er ist.«
Der Bombenbauer versuchte, ihn erneut anzuspucken, doch Harvath unterband dies, indem er ihm das Knie in den Unterleib rammte. Er hatte das Gefühl, dass Jamal ihm keine große Hilfe sein würde, aber es war immer höflich, zu fragen – und Scot Harvath legte Wert auf Höflichkeit.
Er schleifte den Terroristen in die Küche. Unter dem Spülbecken fand er, wonach er suchte. »Gute Wahl, Sayed«, meinte er, während er den Feuerlöscher herauszog. »Pulverlöscher hinterlassen so hässliche Rückstände. Kohlendioxid ist da viel sauberer und wesentlich kälter.«
Suchend sah Harvath sich um. »Also, wo hast du deine Falafel-Handschuhe, Arschloch?«
7
45 Minuten später stoppte Harvath am Straßenrand, zerrte Jamal aus dem Kofferraum und schob ihm jeweils einen Tampon zur Hälfte in die Nasenlöcher, um das Nasenbluten zu stillen. Nachdem er dem Terroristen einen Anorak über die Schultern gelegt und den Reißverschluss vorn hochgezogen hatte, damit man nicht das blutbefleckte Hemd sah, schubste Harvath ihn auf den Beifahrersitz, gurtete ihn an und warnte ihn, was passieren würde, sollte er versuchen, Ärger zu machen.
Abermals versuchte Jamal zu spucken, doch Harvath war darauf vorbereitet. Er verpasste ihm einen Fauststoß in die Magengrube, sodass er zusammensackte und ihm die Luft wegblieb.
Harvath langte in die Tüte mit den guten Sachen, die er in einem Supermarkt am Stadtrand von Montreal gekauft hatte, und holte einen Energieriegel und eine Flasche Mineralwasser heraus. Er war jetzt 36, und die unbeschwerten Tage mit Cheeseburgern und Bier ohne Ende lagen hinter ihm. Mit seinen 80 Kilogramm reiner Muskelmasse bei einer Größe von 1,80 Meter war Harvath in besserer Verfassung als die meisten Männer, die halb so alt waren wie er. Doch er fand, dass es immer mehr Anstrengung erforderte, sein körperliches Fitnessniveau aufrechtzuerhalten. Musste er sich für einen Auftrag in einem muslimischen Land einen Bart wachsen lassen, sah er nach ein paar Tagen bald die ersten grauen Fäden, die sich unter das Hellbraun mischten, das zu seinem Kopfhaar passte. Sein Vater, ein Ausbilder bei den Navy SEALs, der bei einer Übung ums Leben kam, als Harvath Anfang 20 war, war mit 40 schon völlig grau gewesen.
In den Winkeln seiner strahlend blauen Augen bildeten sich allmählich kleine Fältchen heraus, doch damit konnte Harvath leben. Früher oder später wurde nun mal jeder alt. Allerdings brachten ihn die Anzeichen des Alterns dazu, dass er sich fragte, wie lange er den Stress, für die Regierung zu arbeiten, noch aushalten wollte. Er hatte keinerlei gute Informationen über den hochrangigen Al-Qaida-Terroristen bekommen, den die Vereinigten Staaten kürzlich zur Strecke gebracht hatten. Dabei hätte ihm dies bei diesem Auftrag geholfen. Diese Tatsache war nur eine weitere in einer anhaltenden Reihe von Frustrationen, die er zähneknirschend ertragen musste.
Zwar respektierte er seinen Präsidenten, aber bei allem Patriotismus ging ihm so langsam der zunehmende bürokratische Schwachsinn auf die Nerven. Harvath war sowohl ein SEAL gewesen als auch Secret-Service-Agent im Weißen Haus. Darum begriff er den Wert von Regeln, Anordnungen und einer ordentlichen Kommandostruktur. Aber als der Präsident ein internationales Sonderdezernat des Department of Homeland Security mit der Bezeichnung Office of International Investigative Assistance einrichtete – Amt zur Unterstützung Internationaler Ermittlungen – und Harvath dort einen Traumjob anbot, hatte Scot gedacht, dass jetzt alles anders würde.
Harvaths verdeckte Einheit firmierte unter dem Namen das Apex Project. Sie sollte die vereinten geheimdienstlichen Funktionen sowie die ganze Stärke der Regierung der Vereinigten Staaten verkörpern, um weltweit gegen Amerika und amerikanische Interessen gerichtete Terroraktionen zu neutralisieren und zu verhindern.
Zwar existierte diese Einheit streng genommen gar nicht, und Harvath war nichts weiter als ein wohlwollend so betitelter »Special Agent«. Dennoch hatte es letztes Jahr eine selbstherrliche Senatorin, die versessen darauf war, ins Weiße Haus einzuziehen, geschafft, genug über ihn und seine Beteiligung am Apex Project herauszufinden, um seine Entlassung zu erzwingen. Obwohl nur vorübergehend, war es keine sehr angenehme Erfahrung gewesen, keine Ahnung zu haben, was er als Nächstes tun sollte oder wie sein Leben aussehen würde, wenn seine Tarnung aufflog.
Ihm war klar, dass sein Beruf im Stillen, im Verborgenen ausgeübt wurde und er keinen Dank zu erwarten hatte. Aber allmählich hatte er die Nase voll davon, Mitläufern und Berufspolitikern ausgeliefert zu sein, die ihre Karriere auf dem Rücken von Patrioten vorantreiben wollten, deren einzige Schuld darin bestand, dass sie ihr Land liebten.
Er hatte den ganzen Mist so satt, dass er kürzlich seinem Chef Gary Lawlor eine mit rotem Klebeband umwickelte Patrone vom Kaliber 50 geschenkt hatte. Das Geschoss war darauf ausgelegt, ein Ziel auf große Entfernung auszuschalten. Lawlor begriff, dass die Patrone Harvath repräsentierte, der ständig auf Missionen nach Übersee geschickt wurde, um Terroristen auszuschalten. Das rote Klebeband stand für die Bürokratie, die ihn behinderte.
Der Job wäre ein wenig akzeptabler, wenn er ihm Zeit für auch nur annähernd so etwas wie ein Privatleben ließe. Die meisten seiner Kumpel, selbst seine früheren Teamkameraden von den SEALs, waren so ziemlich alle unter der Haube und gründeten allmählich eine Familie. Er wollte ja nicht unbedingt gleich morgen damit anfangen. Aber es wäre schön, zumindest in nicht allzu ferner Zukunft einen Punkt zu sehen, an dem sein Beruf es ihm erlauben würde. Natürlich war die Voraussetzung dafür, eine Frau zu finden, die ebenfalls eine Familie gründen wollte, und zwar mit ihm. Die meisten, hatte er festgestellt, waren nicht in der Lage, mit den Anforderungen seines Jobs zurechtzukommen. Seinen aufkeimenden Beziehungen versetzte dies regelmäßig den Todesstoß. Es hatte nur eine einzige Frau gegeben, mit der er sich so etwas tatsächlich vorstellen konnte. Sie war sogar bereit gewesen, ihr Leben total umzukrempeln und nach D. C. zu ziehen, um bei ihm zu sein. Aber letztlich hatten die Anforderungen seines Jobs es unmöglich gemacht.
Das Positive an dem allen war, wenn man so wollte, dass er sich vor Stellenangeboten aus dem privaten Sektor kaum retten konnte, sollte er sich entscheiden, den Staatsdienst zu verlassen. Ja, insbesondere über einen Job dachte Harvath sehr ernsthaft nach – eine Stelle als Ausbilder bei einem weltbekannten taktischen Trainingszentrum in Colorado namens Valhalla. Was ihm jedoch Gedanken machte, war die Angst, dass er nach seinem Wechsel in den privaten Sektor nicht mehr in den Spiegel blicken und sich als Patriot betrachten konnte.
Gleichwohl musste er eine Entscheidung treffen, und er wusste, dass sie ihm über das bevorstehende Feiertagswochenende zweifellos schwer auf der Seele liegen würde.
Als Harvath auf der ansonsten verlassenen Landstraße eine Kurve nahm, wurde seine Aufmerksamkeit auf dringendere Angelegenheiten gelenkt. Er fuhr geradewegs auf eine Straßensperre der Polizei zu.
