Tandem Transalp - Andi Mittermaier - E-Book

Tandem Transalp E-Book

Andi Mittermaier

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Beschreibung

Der Autor erzählt lustige und tiefgründige Geschichten von drei Jahren Alpenüberquerungen auf dem Tandem zusammen mit seiner Ehefrau Melanie und wie er auf jeder Tour mehr gelernt hat, auch seine Frau für abenteuerliche Touren zu begeistern. Er berichtet begeisternd von der Faszination der Alpen und von außergewöhnlichen Begegnungen. Dabei deckt er auf witzige Weise die Besonderheiten des Tandems auf und beschreibt amüsant, wie unterschiedlich bei dieser Art der Fortbewegung zwei Menschen ihre Umgebung wahrnehmen. Derselbe Tag, dasselbe Rad, dieselbe Strecke und doch tickt jeder anders. Der Autor beschreibt auf sehr persönliche Weise seine Veränderung während dieser drei Abenteuer und zeigt charmant, welche Herausforderungen, aber auch welche Entwicklungspotentiale diese Touren für eine Partnerschaft in sich bergen.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Danksagung

Der größte Dank gilt meiner wundervollen Ehefrau Melanie. Sie hat mich in den vielen Stunden zu zweit auf unserem Tandem immer tatkräftig unterstützt. Sowohl mit Muskelkraft, als auch mit der Kraft ihrer Worte. Ich danke ihr für ihr enormes Vertrauen in meine Fähigkeit, das Tandem souverän und mit viel planerischem Geschick an unser Ziel zu steuern. Ich danke ihr auch für viele Stunden ihrer wertvollen Zeit, in denen sie mir bei meinem Buchprojekt geholfen hat. Mit Hinweisen, Ergänzungen, Korrekturen und nicht zuletzt der wundervollen Covergestaltung hat sie maßgeblich an dem Erfolg dieses Buches Teil. Vielen Dank auch für ihre tollen Beiträge und Sichtweisen als Ehefrau, Hintermann und Autorin.

Ein herzlicher Dank geht an unsere Kinder Xaver und Paula, die viel Verständnis für meine Arbeit an diesem Buch gezeigt haben. Die Zeit unserer Abwesenheit während der Touren haben sie immer souverän gemeistert.

Ein großer Dank geht an meine Schwiegereltern Resi und Uli Burggraf, die so liebevoll für unsere Kinder da sind, wenn Mellie und ich mit unserem Rad unterwegs sind. Ohne sie wären unsere Reisen nicht möglich gewesen. Vielen herzlichen Dank.

Vielen Dank an Katharina Frier-Obad für ihre wertvollen Anregungen zur Textgestaltung, ihre Korrekturen und ihr tolles Schreibcoaching.

Vielen Dank an Wolfgang Haas, einem Tandemspezialist der ersten Stunde. Er hat mich vor über zehn Jahren zum Tandemfahren inspiriert und ist mit seinem Team immer für uns und unser Santana zur Stelle.

Vielen Dank gebührt den vielen Menschen, die mir mit ihrer Offenheit und Freundlichkeit begegnet sind. Sie sind eine enorme Bereicherung für mein Leben.

Am Schluss danke ich noch ganz herzlich meinen Eltern. Sie haben mich bereits als Kind mit in die Berge genommen und ihre Liebe und Verbundenheit zur Natur an mich weitergegeben. Ihnen verdanke ich viele wundervolle Stunden in den Alpen - auf Pfaden steil bergauf und im Geröll steil hinab, bei Sonnenschein und Regen, bei Hitze und bei Kälte, gelegentlich bei Blitz, Donner und Hagel, jedoch immer mit viel Weitblick und natürlich einer leckeren Brotzeit im Rucksack.

Vielen herzlichen Dank.

Inhalt

VORWORT

PROLOG

Kirgistan, Sommer 2003

Das Santana

Die Exoten

START INS UNBEKANNTE

Sommer 2011

Der Schrei von Mittenwald

Zuquatschtechnik

Königsetappe

Das Tor zum Süden

Seefest

Wandertag

Heimkehr

GARDASEE, WIR KOMMEN!

Sommer 2012

Endlich Abfahrt

Erlebnis Tandem

Wo ist das Flickzeug?

Brenner, mal ganz anders

Radweg ohne Ende

Drei kleine Italiener

Die Erlösung

Nichts tun

Bahn oder Bus?

Ab nach Hause

DER WEG IST DAS ZIEL?

Sommer 2013

Inn, Inn und nochmals Inn

Die Schlucht

Ab nach Meran

Timmelsjoch?

Wir sind oben

RÜCKBLICK, AUSBLICK, WEITBLICK

ZAHLEN – DATEN – FAKTEN

Tour 2011 – über den Reschen in den Vinschgau

Tour 2012 – über den Brenner nach Riva

Tour 2013 – Reschenpass und Timmelsjoch

Der Exot stellt sich vor

Tour mit Übernachtung

Auf den Geschmack gekommen?

ÜBER DEN AUTOR – ÜBER MICH

ÜBER MEINE FRAU

Vorwort

Von Melanie Mittermaier

Wenn mir früher mal jemand gesagt hätte, ich würde mit einem Fahrrad über die Alpen fahren, hätte ich diese Person völlig entgeistert angestarrt. Für mich schien es vollkommen absurd, einen Berg mühsam hochzustrampeln, um dann voller Angst selbigen wieder herunterzubremsen.

Unsportlich war ich noch nie. Als Boogie-Woogie Tänzerin holte ich mit meiner Mannschaft sogar zweimal den Weltmeistertitel. Doch Outdoor-Sport war nicht wirklich meine Leidenschaft. Joggen war eine Qual und ich besaß lange überhaupt kein Fahrrad. Bis ich meinen Mann kennen lernte. Im ersten Jahr kaufte ich mir ein Mountainbike. Ich quälte mich mit hochrotem Kopf und zehn Meter hinter ihm die Berge hoch, und ich hatte grundsätzlich Angst beim Runterfahren. Doch was macht man nicht alles aus Liebe …

Nach der Geburt unseres Sohnes kauften wir uns dann das Tandem. Was für ein Segen! Endlich konnte sich Andi so richtig verausgaben und wir konnten uns unterhalten. Er musste nicht mehr auf mich warten und mir auch keinen Mut mehr zusprechen. Natürlich kann ich mich auf dem Tandem nicht komplett ausruhen - mittreten muss ich immer. Doch ich kann meine eigene Kraft, die ich einsetze, sehr wohl dosieren. Und da wir ein Rennrad-Tandem haben, fallen die groben Schotterwege in den Bergen aus, die mich so ängstigen.

Andi fährt tausendmal besser Fahrrad, als ich es jemals könnte. Daher habe ich hinten drauf auch überhaupt keine Angst. Nun ja, fast keine Angst. Wenn er mit 80 Sachen einen Pass hinunter rauscht, lass ich schon mal einen Schrei los. Doch ansonsten vertraue ich ihm zu 100 Prozent. Für mich ist es ein bisschen wie tanzen: Wenn ein Mann gekonnt die Führung übernimmt, lasse ich mich gerne vertrauensvoll in seine Arme sinken.

Das Allerbeste am Tandemfahren ist für mich, dass ich die Verantwortung abgeben kann. Bremsen, lenken und auf den Verkehr achten muss ich nicht. Ich kann mich in aller Ruhe an der Schönheit der Natur erfreuen. Und wenn wir gerade mal nicht ratschen, kann ich völlig in meine Gedanken versinken. Außerdem bin ich total dankbar, dass ich mich um Wartung und Reparaturen des Tandems nicht kümmern muss - auch wenn ich damit das Klischee des „schwachen“ weiblichen Geschlechts bediene. Ich habe andere Stärken.

Ich bin stolz, dass ich mittlerweile so manche sportliche Herausforderung mit dem Tandem gemeistert habe. Und ich bin sehr stolz auf meinen Mann. Darauf, dass er mich immer und immer wieder überzeugt, rauszugehen, auch wenn ich keine Lust habe. Und darauf, dass er monatelang morgens um fünf Uhr aufgestanden ist, um dieses Buch zu schreiben. Entstanden sind wunderbare Geschichten voller Begeisterung, die ich so oft erleben darf, wenn wir gemeinsam unterwegs sind.

Herzlichst, Melanie

Prolog

Kirgistan, Sommer 2003

Unsere Hochzeit lag einige Tage hinter uns. Voller Glück planten wir die Flitterwochen. Dass ich die Idee mit Kirgistan für absolut genial hielt, werde ich nicht leugnen, und dass das Mountainbike das beste Reisemittel für dieses Land war, natürlich auch nicht. Der Plan war schnell geschmiedet und meine Frau Mellie war bald überzeugt. Wenn ich ehrlich bin, dann hat mir das damals sehr gefallen, wenn ich auf die Frage nach der Hochzeitsreise so antworten konnte:

„Vier Wochen Kirgistan – mit den Mountainbikes!“

Die Blicke und die Kommentare waren herrlich. Wenig später flogen wir mit unseren Rädern in die Hauptstadt Bischkek, und voller Spannung und Vorfreude ging es von dort in unser Abenteuer.

Was ich bei meiner Spitzenidee nicht bedacht hatte, war der Punkt, dass Mellies Vorstellungskraft nicht für die Einfachheit der Toiletten ausreichte. Selbst die nette Unterhaltung mit den Einheimischen konnte sie nicht schätzen, wenn wir mal wieder über einem der fünf Löcher im Boden einer öffentlichen Gemeinschaftstoilette unser Geschäft verrichteten.

Auch war sie ein wenig enttäuscht über das Hotel, das uns ein netter Kirgise anbot, und das sich schnell als ausgeräumtes Kinderzimmer mit grausigen Federkernmatratzen erwies. Dusche Fehlanzeige. Für einen Menschen, der gewohnt ist, täglich zu duschen, sind vier Wochen in einem Land ohne dergleichen problematisch. Das sehe sogar ich ein, und so hat es mich nicht weiter verwundert, dass sie das Land beim Abflug Richtung Heimat mit verbalen Gefühlsausbrüchen verabschiedete. „Auf Wiedersehen“ war mit Sicherheit nicht dabei.

Neben der Hygiene war die Anstrengung ein großes Thema. Das Bergland im Süden ist karg und steinig, die Wege sind in einem schlechten Zustand. Der Yssykköl, den wir halb umrundeten, ist der zweitgrößte Gebirgssee der Welt. Er ist 180 Kilometer lang, 60 Kilometer breit und liegt auf etwa 1600 Meter über dem Meer. Im Hintergrund erhebt sich das 7000 Meter hohe Tien Shan Gebirge. Die wenigen Straßen in diesem Land sind alle kaputt, sodass wir mit unseren Rädern samt Gepäcktaschen nur mühsam vorwärts kamen.

Im Nachgang würde ich sagen, dass die Spitzenidee in der Umsetzung noch hätte verbessert werden können. Natürlich nur geringfügig, versteht sich. Die tollen Eindrücke und die kuriosen Begegnungen mit diesen herzlichen und hilfsbereiten Menschen werden wir sicherlich nie vergessen. So schwärmen wir beide heute noch von dieser anspruchsvollen und prägenden Reise.

Das Santana

Zurück in Deutschland entwickelte sich schnell die nächste grandiose Idee: ein Tandem als Lösung fast aller Probleme. Das mit der Hygiene regelt sich dadurch, dass wir das Gefährt aufgrund der Größe nicht in den Flieger bekommen, und dadurch nur in Oberbayern und Umgebung unterwegs sind. Die Anstrengung wird auf zwei Personen verteilt, und im Zweifelsfall trete ich ein bisschen fester in die Pedale. Die Straßen und Wege sind allesamt gut befestigt und leckeres Trinkwasser gibt es an vielen Brunnen.

Coole Idee, und so waren wir einen Sommer später bereits stolze Besitzer eines Rennrad-Tandems der Marke Santana, dem Ferrari unter den Tandems.

Tandem nennt man bekanntermaßen ein Fahrrad, auf dem zwei Menschen Platz haben. Sie sitzen hintereinander und treten gemeinsam. Macht einer Pause, macht der andere mit. Tritt der eine schnell, tritt der andere schnell mit. Der Vordermann bremst, lenkt und bedient die Schaltung. Der Hintermann entspannt und macht Fotos. Dass man mit diesem Gefährt vorwärtskommt, ist einleuchtend - dass man damit auch mehrere Tage auf Tour gehen kann, schon erstaunlicher. Dass man damit allerdings eine Alpenüberquerung machen kann, gleicht einem kleinen Wunder. Eine Alpenüberquerung, auch Transalp oder Alpencross genannt, ist eine Mehrtagestour, bei der man den Alpenhauptkamm überquert. Es gibt also mindestens einen Pass, den man hoch muss, meistens sind es jedoch mehr.

Wenig Bedeutung schenkte ich bei der Anschaffung dem Gesamtgewicht dieses Rades. Das Tandem wiegt mit Gepäcktaschen, Lenkertasche und Zubehör gute 20 Kilogramm, allerdings sind da die Taschen noch leer. Wir hatten auf unserer ersten Mehrtagestour 30 Kilo Gepäck. Wir sprechen also von 50 Kilo und nicht von den üblichen 20 Kilo, wie bei einer Mountainbike-Transalp. Klar sind wir zu zweit, nur bergauf ist das Gewicht wie ein Klotz am Bein, beinahe so, als ob jemand hinten zieht.

Bei unseren kurzen Runden ohne Gepäck sind wir der Schreck aller Rennradler. Wenn wir dann plappernd mit 40 Sachen an ihnen vorbeitreten und freundlich grüßend in ihre roten, verschwitzten Gesichter blicken, dann fühlt sich das so leicht an. Insgeheim trete ich noch fester in die Pedale. Nur bergauf gehen wir kein Duell ein. Wer will schon abgekämpft einem anderen Radler nachsehen?

Die Exoten

Ein Vampir auf dem Tandem wird von der Polizei angehalten.

„Haben Sie etwas getrunken?“ -

„Ja! Zwei Radler!“

Das ist der einzige Tandem Witz, den ich kenne. An lustig gemeinten Zurufen mangelt es jedoch nicht, wenn wir mit unserem Tandem durch die Lande treten. Ja, wir sind in diesem Moment etwas Besonderes. Wir sind Exoten.

Es sind besondere Momente, wenn Dich leuchtende Kinderaugen anschauen, als hätten sie ein Ufo gesehen. Sie zupfen ihre Mama an der Hose und deuten fasziniert auf uns, unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen. Und nicht nur Kindern geht es so. Viele Erwachsene sind erstaunt, begeistert, überrascht und amüsiert, wenn wir mit unserem Gefährt ihre Wege kreuzen.

Zusammen mit meiner Frau habe ich in den letzten zehn Jahren auf unserem Vehikel viel erlebt. Die Eindrücke und Erlebnisse auf diesen Reisen haben uns geprägt und verändert. Davon erzählt das Buch - mal nachdenklich, mal lustig, mal selbstironisch und mal philosophisch. Es sind Geschichten von außergewöhnlichen Begegnungen und von der Faszination der Natur.

Auf diese Abenteuer nehme ich Dich mit, gerade so, als ob wir noch einen dritten Platz frei hätten. Du erfährst somit hautnah die Herausforderungen einer Transalp und die Besonderheiten, die ein Tandem zu bieten hat. Du bist dabei, wenn wir bei Starkregen einen Platten flicken müssen und wenn wir mit Tränen der Freude den Gardasee erblicken. Du bist dabei, wenn ein Ehepaar vom selben spricht und komplett etwas anderes meint.

Spüre mit uns die Begeisterung und die Freude für diese außergewöhnliche Art, die Natur und die Menschen zu erleben.

Steig auf und lass Dich inspirieren!

Start ins Unbekannte

Sommer 2011

Von Zuhause über die Leutasch und den Reschen in den Vinschgau. Klingt einfach. Ist es das auch?

Unsere erste Transalp mit dem Tandem ist echtes Neuland für uns. Wir waren noch nie mehrere Tage am Stück unterwegs, wir hatten noch nie so viel Gepäck dabei, und wir sind noch nie lange Steigungen gefahren. Klar hätten wir auch, wie viele andere, an der Donau entlang radeln können, doch genau das wollte ich nicht.

Über die Alpen soll es gehen, und das zusammen mit meiner Frau. Zum Start und zur Eingewöhnung, quasi zum Test für Größeres, habe ich mich für die Route über den Reschenpass entschieden. In Alpencrosser Kreisen gilt der Übergang als „light“ oder „Frauenübergang“. Bei hartgesottenen Bikern ist er die Ausweichvariante für den Schlechtwetterfall. Ich kenne einige, die auf dem Weg aufgeben mussten, und sich Teilstrecken mit dem Bus haben fahren lassen. Selbst dieses Hilfsmittel wäre für uns keine Option gewesen.

Wie bitte willst Du ein Tandem mit dem Bus mitnehmen? Es passt nicht durch die Tür und selbst die Transportvorrichtung, die manch ein Postbus am Heck aufweist, lässt ein Tandem am Boden schleifen. Alles schon getestet.

So wie ich es recherchiert habe, und das sei gleich mal angemerkt, bin ich ein Meister im Routenplanen, sind alle Straßen asphaltiert und es gibt viele Radwege. Besonders auf den Vinschger Radweg freue ich mich am meisten. Viele Wochen habe ich im Vorfeld Landkarten studiert und bin mit Planungssoftware vor meinem PC gesessen. Alles, um mir einen exakten Plan zu machen.

Von zu Hause, also vom oberbayerischen Aschbach, soll es losgehen, und Latsch im Vinschgau soll das Ziel sein. Und falls wir das Ziel erreichen, wie kommen wir dann wieder zurück? Vermutlich mit der Bahn über Bozen und dem Brenner. Hätte sich Kolumbus damals Gedanken über seinen Rückweg gemacht, wäre er mit Sicherheit nicht aufgebrochen. Und ganz so lange wie er wollen wir ja gar nicht wegfahren.

Wir haben ein hochwertiges Tandem und sehr gute Gepäcktaschen. Eine kleinere Testtour, mit leeren Taschen verlief ohne nennenswerte Vorkommnisse. Was die Ausrüstung anbelangt, bin ich schon mal sehr guter Dinge. Wir unternahmen noch einige kurze Tagestouren, um ein wenig Kondition aufzubauen, und vermutlich unser Gewissen zu beruhigen. Die Kinder blieben bei Oma und Opa in Aschbach, und am 11. August 2011 war es dann soweit. Kurz nach zehn Uhr fuhren wir los. Na endlich.

Wir rollen die ersten Meter schweigend auf unserem Tandem. Die Route ist besprochen, und somit ist kein Bedarf für die übliche Frage nach dem Links oder Rechts an der ersten Abbiegung. Es geht an der hohen, grünen Buchenhecke vorbei, und dann links auf die Hauptstraße. Eigentlich ist alles wie immer. Gewohnte Umgebung, die Sonne scheint, und doch ist heute etwas anders. Eine leichte Spannung ist zu spüren, und das Grummeln in meinem Bauch bestätigt mein Gefühl. Ich gehe in Gedanken noch Mal die wichtigsten Punkte der Packliste durch: Ausweis, Geld, Werkzeug, Regenjacke ... Alles dabei. Kurz drauf gebe ich ein: "Jetzt ist es soweit!", von mir und höre ein: "Puh - ja - jetzt ist es soweit", zurück.

Die Tatsache, dass wir heute nicht wieder zurück nach Hause kommen, wird mir bewusst und mein Kopf füllt sich mit Fragen. Haben wir alles Nötige dabei? Hält unser Tandem durch? Haben wir das passende Werkzeug für Pannen? Wie kommen wir mit dem riesen Radl wieder nach Hause? Finden wir ein schönes Zimmer für die Nacht? Wie wird es Mellie ergehen? Hält das Wetter?

Auf uns bekannten Radwegen fahren wir nach Holzkirchen und weiter Richtung Bad Tölz. Nur einmal bleiben wir kurz stehen, um uns zu räkeln, bevor wir nach zwei Stunden in Lenggries im Café sitzen und unseren ersten Cappuccino in der Sonne schlürfen. Die Anfangsspannung ist verflogen und wir genießen die Pause und die Ruhe, und gönnen uns ein Stück Apfelkuchen. Das Radl lässt sich gut fahren, die Beine sind kräftig und noch frisch, der Rücken fühlt sich gut an, nur der Hintern ist nicht so ganz einverstanden und wünscht sich vermutlich lieber einen weichen Sessel. Und obwohl wir keine Eile haben, wollen wir schon bald wieder aufbrechen, wohl wissend, dass wir noch viel vor uns haben, und dies erst der Auftakt ist.

„Jede noch so lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt!“

„Tolle Rede“, denke ich mir und fange ein wenig das Grübeln an. Gerne hätte ich die Wochen zuvor noch mehr Trainingstouren gemacht, doch die Zeit war knapp und das Wetter oft regnerisch.

Ich habe mir viele Gedanken zur Strecke und zu den Etappen gemacht. Oft genug bin ich die Jahre zuvor schon mit dem Mountainbike in den Alpen unterwegs gewesen. Eine Alpenüberquerung hat viele Unbekannte und ist planerisch immer eine Herausforderung. Dieses Jahr bin ich zum allerersten Mal mit einem Tourentandem unterwegs, und das bedeutet im Vorfeld zusätzliche Unbekannte. Wir haben deutlich schmälere Reifen, als ein Mountainbike, was sich auf Schotterwegen durchaus bemerkbar macht. Da muss ich dann den Lenker sehr gut festhalten und darf auch nur wohl dosiert lenken. Wir haben hinten Gepäcktaschen montiert, die bergauf wie ein Anker wirken. Da habe ich manchmal den Eindruck, als würde sich hinten ein anderer Radler festhalten. Bergab wiederum schiebt das Gewicht zusätzlich an, dass ich selbst bei geringem Gefälle schon ordentlich in die Bremsen steigen darf. Zu was für Problemen das am zweiten Tag führt, erzähle ich später ausführlich.

Schwer einschätzbar ist für mich die Fitness von Mellie. Bei den kurzen Tagestouren hat alles prima funktioniert, doch wie wird es ihr am zweiten und dritten Tag ergehen?

Wenn in der Gruppe einer einen schlechten Tag erwischt, dann fährt er meist langsamer und die anderen warten oben am Pass oder im Gasthof. Auf dem Tandem ist das nicht möglich. Da gibt es nur EIN Tempo, und das gilt es geschickt zu wählen, so dass wir Spaß haben und trotzdem weit kommen. Schließlich wollen wir ja über die Alpen.

Diesmal habe ich keine Ahnung, wie weit wir heute kommen werden. Ich vermute, dass 60 Kilometer gut zu schaffen sind - wünschen würde ich mir 80 Kilometer. Und jetzt, wo wir so frisch in Lenggries sitzen und bereits über 40 Kilometer hinter uns gelassen haben, wird sich mein Wunsch sicherlich erfüllen. Allerdings hatten wir bisher kaum Steigung auf der Strecke.

Mit diesen Gedanken steige ich wieder auf unser Gefährt und wir fahren weiter stets der Isar flussaufwärts folgend bis zum Sylvensteinspeicher. Der Radweg führt dort durch einen Tunnel links der Staumauer, was deutlich angenehmer ist, als auf der viel befahrenen Straße hochzukurbeln.

Nochmal Pause. Trinken, räkeln, mit dem Po wackeln und das übliche Foto. Ich fotografiere Mellie mit Tandem und sie fotografiert mich mit Tandem. Wir haben daher viele tolle Tandembilder und kaum eines, wo wir beide gleichzeitig drauf sind. Mit einem Fotobeweis der gemeinsamen Tour wird es schwer, daher kommt mir der Wanderer auf der Brücke vom Sylvensteinstausee gerade recht. Fluchs wird er als Fotograf verpflichtet und gleich drauf radeln wir weiter.

Ich lenke unsere Unterhaltung in Richtung Essen und ja, ich rede gerne und viel übers Essen. Am Anfang unserer Partnerschaft fiel mir das gar nicht auf, bis Mellie es mir quasi immer wieder aufs Brot schmierte. Tolle Metapher! Und um es vorwegzunehmen, ich habe diese Eigenschaft nicht gestohlen sondern geerbt. Das ist jetzt keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung. Mein Vater liebt gutes Essen und kann sich an jede Wirtschaft erinnern, in der er war. Neben Qualität und Quantität der Speise werden Service, Preise und Parkplatzsituation gespeichert. Er kartographiert nicht politisch, oder topographisch, sondern kulinarisch.

Ich frage also Mellie ganz beiläufig und möglichst unauffällig, ob sie denn schon Hunger hat, und ob wir jetzt in Fall oder Hinterriß was essen wollen. Immerhin gab es seit dem Frühstück nur einen Cappuccino mit Kuchen. Und dann die Antwort, die ich befürchtete. "Irgendwie bin ich immer noch satt vom Apfelkuchen." Ich beiße hilflos in einen Müsliriegel und radle weiter.

Das Gefühl im Magen wird besser und ich kann die Landschaft wieder genießen. Es geht an der Isar entlang Richtung Wallgau. Die Straße hier ist mautpflichtig und so fahren fast nur Ausflügler. Das bedeutet allerdings nicht, dass es wenige sind. An diesem herrlichen Sonnentag zieht es viele hierher in diese Idylle. Wir finden eine tolle Stelle, wo die Isar sich in viel kleine Bäche teilt, und machen dort nochmal Pause. Die Sonne glitzert und es duftet nach Wald. Das leichte Rauschen des Wassers beruhigt meinen Herzschlag und genüsslich beiße ich in einen Apfel. Mellie tut es mir nach und wir waten barfuß durchs eiskalte Wasser. Wir torkeln über die spitzen Steine bis hin zu einer Insel. Gar nicht so weit weg von uns erheben sich Zugspitze und Alpspitze über dem Isarschotter. Das sind zwei Lieblingsberge von mir und schnell bin ich Gedanken bei einer meiner letzten Bergtouren.

Traumhaft ist es, die Zeit vergeht, und wir merken zum ersten Mal heute, dass wir körperlich einiges geleistet haben. Unsere Beine sind leicht müde und auch Mellie hat jetzt Hunger. Yes! Na endlich!

Der Apfel hat wohl ein wenig den Appetit angeregt. Die nächste Wirtschaft wird anvisiert und dort gibt es frischen Salat. Herrlich, nachdem heute bislang eher Süßes auf dem Programm stand.

Der Tacho meldet 82 Kilometer und mein Gefühl sagt mir, dass es dringend Zeit wird, eine Herberge zu suchen. Mellie fühlt sich zwar noch gut, nur hat man bei so einer Tour am ersten Tag immer Bärenkräfte. Wir organisieren uns ein Hotelverzeichnis, und weil nichts Ansprechendes dabei ist, beschließen wir, dann doch noch bis Mittenwald zu fahren. Die Strecke dorthin ist flach und außerdem ist es erst früher Nachmittag.

In Mittenwald finden wir ziemlich schnell ein Privatzimmer, das unseren Anforderungen genügt. Preiswert und sauber und mit eigenem Bad. Wir zahlen 25 Euro pro Person mit Frühstück und der mir innewohnende Sparfuchs ist absolut zufrieden.

Melanie: Seine ewige Sparerei geht mir tierisch auf die Nerven. Wenn wir mit den Kindern verreisen, übernachten wir in unserem VW-Bus auf einem Camping-Platz. Wieso um alles in der Welt, können wir es uns jetzt auf der einzigen Reise zu zweit im Jahr nicht gut gehen lassen und ein schönes Hotel buchen? Andis Argumente für ein günstiges Zimmer sind alle schlüssig und die Art, wie er es sagt, lässt keinen Spielraum für Wünsche meinerseits. So füge ich mich zähneknirschend und wähle das Zimmer, das noch halbwegs gut aussieht. Wirklich glücklich bin ich damit nicht.