Tanz auf dem Vulkan - Geralf Pochop - E-Book

Tanz auf dem Vulkan E-Book

Geralf Pochop

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Beschreibung

Diese Publikation ist seit 36 Jahren überfällig, denn es ist kein Geheimnis, dass in der Aufarbeitung der Punk-Geschichte der DDR die Frauen der DDR-Punkszene unterrepräsentiert sind, obwohl sie existent und sichtbar waren, obwohl sie genauso aktiv waren, denselben Repressionen ausgesetzt waren und denselben Widerstand leisteten wie ihre männlichen Wegbegleiter. Das wird sich mit diesem Buch ändern. "Diktaturen fördern all die niedrigsten Instinkte im Menschen. Verrat. Zersetzung. Gewalt. Danke, dass ihr diese – eure – Geschichten erzählt." – Annette Benjamin (Hans-a-Plast)

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Seitenzahl: 539

Veröffentlichungsjahr: 2025

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TanzAuf DemVulkan

Der Autor

Geralf Pochop, 1964 geboren und aufgewachsen in Halle (Saale), lernte in der DDR Funkmechaniker, kam als Hausbesetzer, Ostpunk und Wehrdienstverweigerer in Konflikt mit der Staatsmacht und arbeitete nach erteiltem Berufsverbot in diversen Hilfsarbeiterjobs. Nach einer Haftstrafe engagierte er sich in der Untergrundkultur, reiste 1989 in die BRD aus und zog 1991 wieder nach Halle (Saale), wo er einen Plattenladen eröffnete, eine Band und ein Label gründete. Seit seiner Rehabilitierung und Anerkennung als politischer Gefangener der DDR im Jahr 2011 beschäftigt er sich intensiv mit der DDR-Vergangenheit und ist viel unterwegs auf multimedialer Zeitzeugen-Lesetour und als Bildungsreferent.

Wenn er nicht gerade im Wohnbus mit seiner Familie um die Welt reist, tritt er auch in Film und Fernsehen auf, erstellt Ausstellungen zu DDR-Themen und schreibt Bücher. Wer mehr über den Autor wissen will: Im Hirnkost Verlag sind bereits zwei autobiografische Bände von Geralf Pochop erschienen: Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression (2018) und Zwischen Aufbruch und Randale. Der wilde Osten in den Wirren der Nachwendezeit (2021).

www.untergrund-war-strategie.de

www.facebook.com/PunkinderDDR

Mitte der 1980er-Jahre

1988

Tanz auf dem Vulkan, Island 2025

Dieses Buch ist allen mutigen Frauen jeglicher Subkulturen gewidmet, die sich in Diktaturen gegen die Herrschenden zur Wehr setzen.

Gefördert durch die Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und den Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt

Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushaltes.

Originalausgabe

© 2025 Hirnkost KG

Lahnstraße 25, 12055 Berlin

[email protected]

https://www.shop-hirnkost.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage November 2025

Layout: Conny Agel

Vertrieb für den Buchhandel:

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https://www.shop-hirnkost.de/

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Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

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Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im

Sinne von §44b UrhG behalten wir uns ausdrücklich vor.

ISBN:

PRINT: 978-3-98857-105-2

PDF: 978-3-98857-107-6

EPUB: 978-3-98857-106-9

Hirnkost versteht sich als engagierter Verlag für engagierte Literatur.

Mehr Infos: https://www.shop-hirnkost.de/der-engagierte-verlag

Inhalt

Danksagung

Vorwort

nina hagen

punk ist so wie jesus: punk is not dead!

annette benjamin

(hans-a-plast) – kein vorwort

v1

naumburg

Jana Schloßer

Halle (Saale)/Ost-Berlin

namenlos

songtexte

kim

karl-marx-stadt

silke „nina“ schrödter

weimar

wombel

ost-berlin

conny

leipzig

CHINA (Angela Kowalczyk)

OST-BERLIN

mita schamal

ost-berlin

connie mareth

leipzig

inka

karl-marx-stadt

nancy

potsdam/brandenburg

nina

ost-berlin

anne hahn

magdeburg

sheela

ost-berlin, leipzig

andrea pohler

suhl/erfurt

katharina „sue“ gajdukowa

ost-berlin

dana

aschersleben/halle (saale)

conny steiner

ost-berlin

sissi

halle (saale)

tupfer

ost-berlin

katrin

karl-marx-stadt/erfurt

nicky

brand-erbisdorf/freiberg

alexandra schlagowski

eisenach

liane pförtner

verdeckt. ein finsteres kapitel ddr-geschichte

anhang

Danksagung

Als Erstes danke ich allen Frauen, die in diesem Buch ihre Geschichte erzählen. Vielen Dank für euer Vertrauen und eure Offenheit. Vielen Dank für euren Mut, eure Erlebnisse einer breiten Öffentlichkeit und der Nachwelt zugänglich zu machen. Ich habe miterlebt, welcher Glanz in den Augen strahlte, wenn ihr durch eure Erzählungen noch einmal tief in diese Zeit voller Tatendrang und Abenteuer eingetaucht seid, aber auch, wie schwer es oft fiel, einige der repressiven Erlebnisse preiszugeben. Und ganz besonderen Dank dafür, dass ihr damals so wart, wie ihr wart, und euch von dieser menschenverachtenden Diktatur, trotz massivster Repressionen, nicht kleinkriegen habt lassen, sondern das Leben in der grauen DDR ein wenig bunter und lebenswerter gemacht habt.

Weiterer Dank geht an meine Frau Ute Schmerbauch alias Tanja Trash für die Durchführung von Interviews im Rahmen des Projekts Sehnsucht nach Freiheit der Sächsischen Staatskanzlei und die Umsetzung der beiden Erzählsalons Frauen in der Subkultur der DDR – Rebellion und Repression und Und am Ende nur noch weg!, bei denen viele der Protagonistinnen, die im Buch zu Wort kommen, in der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau oft erstmals ihre Geschichten öffentlich erzählten.

Ganz herzlich danke ich Jan Sobe für das Vorlektorat ebenso wie Ulrike Geisler und Jakob „Schrammel“ Geisler vom Heldenstadt Anders e. V. für die unkomplizierte Hilfe und Zurverfügungstellung von Fotos. Ohne eure wertvollen Hinweise, die mir wichtige Impulse für die weitere Überarbeitung gegeben haben, wäre das Buch nicht so, wie es jetzt ist!

Besonderer Dank geht an die Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, den Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt, das Zentrum für Kultur//Geschichte, die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, die Robert-Havemann-Gesellschaft sowie Dirk Moldt für die tatkräftige Unterstützung.

Danke auch an die „Mutter des Punk“ Nina Hagen für deine wunderbare Empfehlung und Anette Benjamin für das großartige „kein Vorwort“ sowie Christiane Eisler, Dieter Wuschanski, Moritz Götze, Tilo Hartig, Thomas Ketz, Pierre Terrasson und alle anderen, die für dieses Projekt unkompliziert Bilder zur Verfügung gestellt haben, und Michael „A-MichA“ Horschig für die Infos zur Entstehung der Namenlos-Songtexte.

Außerdem möchte ich noch Conny Agel für ihre Ideen und Geduld beim Layouten, Gabriele Vogel für ihre Hinweise und Klaus Farin für die Unterstützung danken.

Vorwort

Kim: „Es gab so gute, tolle Punkerinnen in der DDR, auch in Bands. Da müsste es endlich mal etwas geben.“

Ich könnte es mir einfach machen und die Frage: „Warum dieses Buch?“ mit einem einzigen Satz beantworten: „Weil diese Publikation definitiv schon 36 Jahre überfällig war.“ Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist kein Geheimnis, dass in der Aufarbeitung der Geschichte des DDR-Punk die Frauen der DDR-Punkszene unterrepräsentiert sind, obwohl sie existent und sichtbar waren, obwohl sie genauso aktiv waren, denselben Repressionen ausgesetzt waren und denselben Widerstand leisteten wie ihre männlichen Wegbegleiter.

Ein Grund ist sicherlich, dass es in den meisten Regionen einfach weniger Frauen als Männer in der Szene gab. Ich sage bewusst: in den meisten Regionen, denn es gab auch Gegenden, in denen Frauen zahlenmäßig dominierten. So berichtet Katrin: „In Karl-Marx-Stadt waren insgesamt mehr Frauen als Männer in der Szene. Ob Junge oder Mädchen, das war nie ein Thema.“

Dennoch gingen bisher nur sehr wenige dieser Frauen mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. „Viele aus meinem damaligen Freundeskreis möchten darüber nicht reden. Sie möchten auch nicht, dass Fotos in Umlauf gebracht werden, obwohl es damals toll war. Es ist lange her. Aber heute überwiegt die Scham. Ich glaube, Typen finden es eher cool, wie sie damals waren. Denn die Erwartungshaltung an Frauen, auch von Frauen selbst, ist eine ganz andere. Die ist viel höher als von und an Typen. Jungs dürfen immer mehr als Mädels. Das ändert sich langsam, aber du hast das trotzdem im Kopf. Vielleicht war das nicht weiblich genug. Ich weiß es nicht“, erklärt Kim.

Bei den multimedialen Lesungen zu meinem autobiografischen Buch Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression meldeten sich nach und nach immer mehr Frauen zu Wort, die damals in der DDR-Punkszene aktiv waren. Auch kontaktierten mich einige, nachdem sie mein Buch gelesen hatten. Viele kannte ich von früher, und einige schilderten mir Erlebnisse, die sie bisher noch niemandem anvertraut hatten.

Die Schicksale dieser Frauen bereiteten mir schlaflose Nächte und ließen mich nicht zur Ruhe kommen, insbesondere wenn enge Weggefährtinnen von damals ihre Seele öffneten und ich Dinge erfuhr, von denen ich in den 1980ern nicht das Geringste ahnte. Einige der Frauen sagten, dass sie sich wünschten, ihre Geschichten würden für die Nachwelt erhalten bleiben. So kam ich nach und nach auf die Idee, diesen widerständischen Frauen eine Stimme in der Öffentlichkeit zu geben.

Meinen anfänglichen Plan, über die Frauen zu schreiben, verwarf ich bald wieder. Das stand mir als Mann nicht zu, obwohl ich mich nie in der typischen Macho-Geschlechterrolle sah. Für mich waren die Unterschiede zwischen Mann und Frau in der Szene eher nebensächlich. Ich schminkte mich damals, wie in der DDR-Punk- und Gruftiszene gar nicht mal so ungewöhnlich, genauso wie die Frauen aus der Szene. Sissi erinnert sich: „Wir Mädchen haben uns zusammen mit den Jungs geschminkt. Wir haben uns die Kajalstifte am Spiegel gereicht. Das gab es woanders nicht.“

Auf besoffenes Rumgeprolle hatte ich auch nie Bock, und einige hielten mich sogar für schwul. Obwohl ich das nicht war, ging mir das ziemlich am Arsch vorbei. Oft genoss ich sogar diese Sichtweise auf mich, da es einen weiteren Tabubruch im System darstellte und man damit noch einmal extra schockieren konnte.

Die ursprüngliche Idee war es, die Geschichten von zehn DDR-Punk-Frauen zu veröffentlichen. Doch die Explosivität der erzählten Erinnerungen verlangte nach mehr. Das Projekt sprach sich schnell herum, und der Zuspruch ehemaliger Protagonistinnen war so groß, dass inzwischen 23 Frauen in diesem Buch zu Wort kommen und diese Publikation locker doppelt so dick hätte werden können.

Alle Geschichten, die im Buch zu lesen sind, wurden zwischen 2023 und 2024 aus Interviews erstellt oder von den Protagonistinnen selbst geschrieben. Doch es war viel mehr als das. Angestoßen durch die Gespräche und zwei von mir und meiner Frau organisierten Erzählsalons zum Thema, entstand ein intensiver Prozess der Kommunikation und des Austauschs der Protagonistinnen untereinander. Einige sahen sich nach vielen Jahrzehnten das erste Mal wieder, andere hatten über die Jahre Kontakt gehalten.

Es bildete sich ein reges Netzwerk, das sich gegenseitig bestärkte und ermunterte. Einige Frauen haben begonnen, Zeitzeuginnenarbeit zu leisten, es gibt Mutter-Töchter-Gespräche und generationsübergreifendes künstlerisches Arbeiten zur Thematik, und neben der großen Ernsthaftigkeit gibt es gemeinsame Partys und Reisen.

Wie alle Zeitzeug:innengeschichten spiegelt dieses Buch ganz persönliche, subjektive Erlebnisse, Wahrnehmungen und Erfahrungen wieder. Die hier niedergeschriebenen Erinnerungen sind teilweise über 45 Jahre alt und wurden von den Protagonistinnen im Zuge der Wiederaufarbeitung ihrer eigenen Geschichte, wenn möglich unter Zuhilfenahme von Tagebucheinträgen und Stasi-Akten, so realitätsnah wie möglich geschildert. Wie die Erfahrung lehrt, haben Menschen über lang zurückliegende Ereignisse unterschiedliche Erinnerungen abgespeichert.

Wichtig war mir bei der Auswahl der Beiträge, dass der Fokus nicht, wie so oft in anderen Abhandlungen über Punk in der DDR, nur auf der „ersten Generation“ der DDR-Punks liegt. Denn die Geschichte der DDR-Punk-Frauen hörte mit der Verfolgungswelle im Rahmen des „Härte gegen Punk“-Befehls im Zuge der Zersetzung der Punkband Namenlos Mitte 1983 nicht auf, sondern ordnete sich danach neu. Auch nach 1983 gab es Widerstand, Rebellion und massive repressive Maßnahmen gegen die Szene – das zieht sich durch die gesamte Punk- und Subkultur-Geschichte der DDR-Diktatur.

Natürlich gebührt der ersten Generation der DDR-Punk-Frauen, wie zum Beispiel Jana, V1, Kim, Mita, Wombel, Sheela, China, Silke und NinA, das Vermächtnis, den Weg für weitere Frauen in der DDR-Punkszene geebnet zu haben.

Die allererste Punk-Frau Ost-Berlins und vermutlich der ganzen Ostzone war Major. Sie hatte Vorbildwirkung für viele Frauen der ersten Stunde, und ihr Satz: „Ich verzichte auf die Staatsbürgerschaft der DDR!“, den sie dem Richter bei ihrer Urteilsverkündung entgegenschleuderte, zeugt von einem Mut und Widerstandsgeist, der kaum zu überbieten war, sich aber, wie im Buch zu lesen ist, durch alle Generationen der DDR-Punkszene zieht. Majors Geschichte wird in diesem Buch nicht erzählt, wurde aber ausführlich in den Büchern Stirb nicht im Warteraum der Zukunft. Die ostdeutschen Punks und der Fall der Mauer von Tim Mohr und Wir haben gelebt! von Angela „China“ Kowalczyk aufgearbeitet. Auch die Ausstellung Härte gegen Punk widmet Major einen beachtlichen Teil.

Bis vor Kurzem erzählte ich im Rahmen meiner Zeitzeugenarbeit noch recht überlegen, dass viele der normalen Druckmittel gegen uns nicht fruchteten. Zum Beispiel die Androhung, Kinder wegzunehmen, wie oft gegen Andersdenkende üblich, funktionierte bei uns nicht, da wir ja selbst die Kinder waren.

Was ich nicht bedachte und mir erst bei der Arbeit an diesem Buch bewusst wurde, war, dass im Laufe der Jahre natürlich auch die Punk-Frauen aus dem Teenie-Alter herauswuchsen und auch sie Kinder bekamen. Die Staatssicherheit stürzte sich sofort auf die jungen Mütter. Oft sogar schon, wenn das Baby noch nicht einmal geboren war. Katrin schildert solch eine Situation folgendermaßen: „1989 stand auf einmal die Stasi im Wohnzimmer. Wie sie hereingekommen sind, weiß ich nicht. Sie haben mitbekommen, dass ich schwanger war, und gesagt, dass ich das Kind vergessen könne. Wenn es geboren ist, nähmen sie es an sich und ich würde eingesperrt.“ Was die Androhung, das neugeborene Baby wegzunehmen, in den werdenden Müttern anrichtete, liegt jenseits meiner Vorstellungskraft.

Was mich am meisten an den Erzählungen der Protagonistinnen fasziniert, ist ihr Mut, ihr Widerstandsgeist und ihre Lebensfreude. Keine der Frauen sagt, dass sie etwas anders machen würde. Alle beteuern, dass sie die Zeit als Punkerin in der DDR niemals missen möchten. „Ich bin so froh, dass ich das alles miterleben durfte, und bereue keine Sekunde, auch wenn es manchmal hart war. Der Zusammenhalt und der Gedanke, man muss was verändern, so kann es ja nicht weitergehen, haben mich stark gemacht. Jeder Schlag von Polizei und Trapo machte mich stärker und erzeugte in mir mehr Widerstand“, so Conny Steiner.

Wer aber denkt, dieses Buch würde einen rituellen Opfermythos zelebrieren, nur weil die Protagonistinnen auch ihre repressiven Erlebnisse ausführlich schildern, hat sich getäuscht. Auch für sie stehen die Lebensfreude als Punk in der DDR, der Widerstand gegen eine unmenschliche Diktatur, das Schaffen eigener Lebensfreiräume, der Spaß daran, der Gesellschaft und den „Spießern“ einen Spiegel vorzuhalten, die Abenteuerreisen, die unternommen wurden, um Konzerte zu besuchen, und vieles mehr an erster Stelle.

Als Opfer hat sich damals keine der Frauen gesehen. Denn die Protagonistinnen sahen sich immer auf der Seite der Gewinner:innen und haben den Staat der alten Betonköpfe und dessen Häscher mit ihren sarkastischen Aktionen, ihrer Jugendlichkeit, ihrem Anderssein und ihrer Lebensfreude zur Weißglut gebracht. Connie Mareth beschreibt das so: „Das hat auch Spaß gemacht, also dass die so viel Macht hatten und es trotzdem diese Momente gab, in denen wir so ein bisschen das Zepter in der Hand hatten. Für einen kurzen Moment. Die Lacher auf unserer Seite! Die Intelligenz auf unserer Seite!“

Und um zu verstehen, wie einfach es ging, dieses Zur-Weißglut-Bringen, hier eine Erinnerung von Inka: „Während der Mann vom Wehrkreiskommando permanent auf ihn einredete und ihm drohte, ließ ich die Handpuppe auf Renés Schulter herumalbern und tat so, als würde sie ihm die Worte des Beamten ins Ohr schreien, aufgebracht und wild gestikulierend. Am Ende sind wir beide hochkant rausgeflogen.“

Nun sind hier bereits im Vorwort einige Frauen in einzelnen Zitaten zu Wort gekommen. Jede der folgenden Erinnerungen ist einzigartig und individuell. Einige Frauen schreiben unter vollem Namen, andere wollen nur ihren Vornamen lesen und wieder andere nutzen bis heute ihre Szene-Spitznamen. Gleichzeitig zeigen diese persönlichen Geschichten das Große und Ganze der DDR-Punk-Bewegung in einem grauen, verschlossenen Land, dessen Machthaber viel Kraft und Energie aufwendeten, um jene bunten, kreativen und lebensfrohen Menschen einzuschüchtern, zum Schweigen und auf Linie zu bringen. Die Einzelschicksale fügen sich wie Puzzleteile zu einem Gesamtbild und zeigen all die erlebten und gefühlten Ambivalenzen dieser Zeit.

Der vorliegende Band fügt dem bis dato gut dokumentierten, männlichen Blick auf den DDR-Punk neue, weibliche Facetten hinzu. Das mutige Ausbrechen aus den engen Grenzen vorgegebener gesellschaftlicher Erwartungen an junge Frauen und insbesondere auch Repressionen, die sich auf Weiblichkeit und Mutterschaft bezogen, werden in dieser Form erstmalig so intensiv beschrieben. Mein Eindruck bei der Arbeit an diesem Buch war noch dazu, dass die Frauen mehr Offenheit und Mut zeigen, die körperlichen und seelischen Folgen erlebter Repression zu thematisieren und zu reflektieren. Und das ist unbedingt lesenswert.

Mit größtem Respekt

Geralf Pochop

Nina Hagen beim

Rock-in-Athens

-Festival mit der Filmemacherin Juliana Grigorova, Griechenland 1985

Nina Hagen

Punk ist so wie jesus: punk is not dead!

Hallo Ihr geliebten, wundervollen V1, Jana, Kim, Silke, Wombel, Conny, China, Mita, Connie, Inka, Nancy, NinA, Anne, Sheela, Andrea, Sue, Dana, Conny S., Sissi, Tupfer, Katrin, Nicky, Alexandra, Liane & Geralf Pochop!

Ich freue mich riesig über & auf das neue Buch von und mit und über Euch & Eure Punk-Erfahrungen in der DDR! Ich werde es verschlingen!

Was ich bisher schon darüber gehört habe, macht mich sehr glücklich, denn als ich die DDR Ende 1976 – Richtung Reisefreiheit in den Westen – verlassen habe, vergingen ja nur einige wenige Monate, bis mich meine Freundin Juliana Grigorova, die ich aus DDR-Zeiten schon kannte, zu sich nach London einlud und mir die Hauptrolle in ihrem Filmschulen-Abschlussfilm The Go-Blue Girl anbot, die ich sofort angenommen habe.

Und als ich dort im Frühling 1977 – mitten in der Ursprungs-PUNK-REVOLUTiON – ankam und eintauchte und sogleich eine neue, großartige Freundschaft mit Ariane Forster – a.k.a. Ari Up –, der Sängerin der SLiTS, zelebrieren durfte, da dachte ich oft an die DDR zurück, an unser eingezäuntes Land und an die nach geistiger und physikalischer Freiheit strebenden, mutigen jungen Menschen – so wie Ihr, die ich damals noch gar nicht auf dem Schirm hatte und Ihr mich auch noch nicht!

Aber ich hatte viele tolle Gespräche mit meinen neuen Freundinnen, und ich nahm mir damals schon vor, durch Briefe und Telefonate an die in der DDR zurückgebliebenen Freunde & Freundinnen Bericht zu erstatten über das, was ich als die erste, ursprüngliche Punk-Revolution wahrnahm!

Und so war das auch in der nun kommenden Zeit, als ich selbst anfing, wieder neue Musik zu machen, viel Gutes und Neues, Punkiges & Funkiges, Reggae & Ska-iges kennen & lieben lernen durfte. Und all die fantastischen musikalischen Neuheiten, die ich bei Ari Up, Tessa Pollitt, Palmolive, Suzy Gutsy & Viv Albertine von The Slits & all den anderen Free-Style- & Punk-Bands der ersten Stunde – wie The Clash & The Sex Pistols – in London – LiVE – beobachten, hören & abfeiern konnte!

Und umso mehr freue ich mich heute darüber, dass diese lebendige Punk-Realität durch Euch Einzug gehalten hat und hinter dem Eisernen Vorhang ganz selbstverständlich stattgefunden hat in dieser, unserer alten DDR – und garantiert noch immer stattfindet!

Denn PUNK ist so wie JESUS: PUNK IS NOT DEAD!!

Mit liebsten Grüßen & Küsschen

von Eurer sister Nina Hagen

Annette Benjamin 1981 in Hannover

Annette Benjamin

(HANS-A-PLAST)

Kein Vorwort

Dies ist ein sehr gutes Buch.

Und es braucht kein Vorwort von Annette Benjamin, der ehemaligen Sängerin von Hans-A-Plast.

Wie sollte das auch gehen?

Ich schrie als Punk wütend unsere Bandtexte heraus.

Wir machten uns lustig über Männer, ihre autoritäre Welt, Machtspiele, geifernde Spießer.

Wir kamen dafür nicht in den Knast oder in Erziehungsanstalten oder „Tripperburgen“.

Trotz anarchistischer Ideen und chaotischer Lebensweise.

Ich erfuhr und begriff spät, wie viel Leid die unangepassten jungen Frauen im anderen Deutschland, einem anderen gesellschaftlichen System, aushalten mussten.

Verdammt, nur weil jung, anders und bunt und verrückt und voller Liebe für Looks und schnelle Musik.

Diktaturen fördern all die niedrigsten Instinkte im Menschen.

Verrat. Zersetzung. Gewalt.

Danke, dass Ihr diese – Eure Geschichten erzählt.

Danke für Euren Mut.

Danke. Statt Vorwort.

1983 in Weimar

V11964

Naumburg

Aus Meinem Tagebuch

Samstag, der 10.09.1983

Specht und Schmutzbrust waren mittags da. Sie wollten, dass wir sie abholen, wenn wir nach Weimar fahren. Wir haben es aber nicht mehr geschafft, da die Zeit knapp war. Auf dem Weg zum Bahnhof hielt ein Trabant-Fahrer neben uns und fragte nach dem Bahnhof. Als wir sagten, dass wir auch dorthin wollen, nahm er uns mit.

(Nachträgliche Anmerkung: Heute, im Nachhinein, denke ich, dass es jemand von der Stasi war, der unser Fahrziel wissen wollte.)

Als wir in Weimar ankamen, trafen wir dort zwei Punks. Eine Käte und einen Kerl, die gerade wegfahren wollten. Das Mädchen wollte nach Berlin. Die beiden sagten uns, dass wir die anderen nicht in Weimar antreffen würden, da sie nach Bad Bibra gefahren wären. Wir versuchten dennoch unser Glück und gingen in die Stadt. Auf Höhe der Post fuhr eine Schleuder1 an uns vorbei. Wir gingen weiter in Richtung Theater. Vor dem THEKA, dem Theater-Kaffee, stand die Schleuder, die an uns vorbeigefahren war.

Wir wollten gerade links durch die Gassen, als der Vopo aus dem Wagen auf uns zukam und unsere Ausweise verlangte. Da After und S. einen PM-12-Ausweis hatten, mussten wir mit auf das Revier kommen. Als ich ebenfalls im

„Ohne Musik gemacht zu haben, habe ich mich in Naumburg schon als Frontfrau gesehen.“

Wagen mitfahren wollte, wurde mir gesagt, dass ich gefälligst zu Fuß gehen solle. Das tat ich auch. Beim VPKA setzte ich mich zunächst auf die Umzäunung und wollte warten. Da es aber zu regnen begann, setzte ich mich auf die Treppenstufen im Eingang des Reviers, da diese überdacht waren. Von Zeit zu Zeit kamen Vopos aus dem Gebäude, die mich zwar sahen, jedoch nichts sagten.

Als ich etwa eine halbe Stunde auf den Stufen gesessen hatte, kam plötzlich ein Volkspolizist auf mich zu. Er forderte mich dazu auf, gefälligst aufzustehen. „Wie sieht das denn aus? Du ziehst unser Ansehen in den Dreck.“ Das Wort „Ansehen“ entlockte mir ein Grinsen. Nachdem ich eine Weile mit ihm diskutiert hatte, was bekanntermaßen sinnlos war, stand ich auf und ging weg. Nach einer Weile setzte ich mich jedoch wieder hin. Diesmal kam ein Volkspolizist mit einem Verkehrspolizisten, um mich auf das Revier zu holen. Der Verkehrspolizist sagte: „Da haben wir aber eine Kalte.“

(Nachträgliche Anmerkung: Der Volkspolizist meinte eigentlich: „Da haben wir aber eine Coole.“)

Ich musste durch einen langen Gang gehen. Dort sah ich S. auf einer Bank. Ihm gegenüber, in einem Zimmer mit geöffneter Tür, saß After, gleich rechts neben der Tür. Im Gang, links neben der Bank, auf der S. saß, befand sich eine Tür, die den Gang abtrennte. Ich musste mich einige Meter hinter dieser Tür auf eine Bank setzen. Neben dieser Bank stand ein Schrank. Dort saß ich eine Weile. Ab und zu kamen ein paar Polizisten vorbei, die seltsame Grimassen zogen und dabei merkwürdige Lachlaute ausstießen. Die Polizisten begannen einige dumme Diskussionen mit immer derselben Fragerei. Ab und zu warfen sie uns Schimpfworte wie „Assi“, „Dreckschweine“ und Ähnliches zu.

Nach etwa einer Stunde kam der Volkspolizist zu mir, der Afters und S. Ausweise kontrolliert hatte. Er forderte mich auf, mein Armband abzunehmen. Ich fragte nach dem Grund, bekam aber keine Antwort. Nach einer zwecklosen Diskussion nahm ich mein Armband schließlich ab und steckte es in meine Tasche. Er wollte jedoch, dass ich es ihm gebe. Meine Frage, ob ich es wiederbekommen würde, verneinte er. Daraufhin erklärte ich, dass ich es in diesem Fall nicht hergeben würde. Da keine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit vorläge, gäbe es keinen Grund, es mir abzunehmen. Nun wollte er sich das Armband gewaltsam holen. Er hielt mich fest und knickte mir dabei den Zeigefinger um. Wir rangen eine Weile, bis er das Armband hatte.

Wir waren bis dahin allein gewesen. Aufgrund des Lärms kamen indessen noch zwei weitere Polizisten dazu. Der erste sagte, dass ich stur sei und mich wehren würde. Der andere sagte: „Sieh dir doch die Gürtel an. Die werden wir ihr auch abnehmen.“ Je einer ergriff einen meiner Arme. Zu dritt versuchten sie, mir die Arme umzudrehen, was ihnen aber nicht gelang. Der Dritte versuchte, an die beiden Gürtel heranzukommen, schaffte es aber nicht. So ging das Gerangel eine Weile, bis noch zwei Polizisten dazukamen. Damit waren sie zu fünft und drückten mich auf die Bank. Die beiden Gürtel waren an der hinteren Schlaufe meines Kleides befestigt. Indem sie diese Schlaufe einfach abrissen, bekamen sie meine beiden Gürtel doch noch. Ich sprang auf und verlangte Gürtel und Armband zurück. Einer der Polizisten sagte: „Du kriegst gleich eine in die Fresse.“ Sie haben genau so gesprochen. Ich begann, ihn zu duzen und entgegnete: „Tu es doch.“ Er schlug mit der Faust zu. Ich taumelte leicht nach hinten, ging aber sofort wieder auf ihn zu und sagte: „Na los, mach es doch gleich noch einmal.“ Er schlug nicht mehr zu, sondern stieß mich zurück, sodass ich plötzlich wieder dalag.

Die anderen Polizisten gingen wieder. Nun war nur noch der Erste da. Ich setzte mich wieder hin. Da kam er auf mich zu, drückte mich gegen die Wand, wobei er mich mit der linken Hand am Hals würgte. Er sagte: „Ich bin schon mit jedem fertig geworden und erst recht mit Weibern.“ Ich schlug ihm die Hand seitlich weg. „Ihr habt ja echte Gestapo-Methoden.“ Er lachte nur. Darauf sagte ich: „Weimar war schon immer eine KZ-Stadt.“ Er drehte sich um und sagte: „Ja, stimmt, aber unter einer anderen Regierung.“ Ich antwortete: „Da haben Sie recht. Eine andere Regierung schon, aber die Sitten bei der Polizei sind die gleichen geblieben. Außerdem haben meine Kumpels ähnliche schlimmere Erlebnisse gehabt.“ Das habe ich ihm auch noch gesagt. Er ging weg. Nach einer Weile kam er wieder und sagte: „Na, wieder beruhigt?“

Ich konnte einen Teil eines Gesprächs in einem Zimmer mithören: „Das können wir nicht machen. Das gibt Ärger.“ Mehr habe ich nicht verstanden. Sie diskutierten darüber, aber ich bekam nichts mehr mit. Dann kam ein Polizist mit einem Zettel zu mir, auf dem stand, dass wir Weimar sofort zu verlassen haben und uns in Naumburg beim VPKA melden sollten. Ich musste unterschreiben.

Sie ließen uns laufen und haben uns mit zwei Mann Begleitschutz bis zum Bahnhof eskortiert. Dabei ging der Begleitschutz extra auf der anderen Straßenseite, damit es nicht so aussah, als würden sie unmittelbar mit uns zu tun haben.

S., der alles durch das Schlüsselloch gesehen und mitgehört hatte, sagte zu After nur: „Sie haben V1 geschlagen.“ In Naumburg gingen wir gleich auf das VPKA und meldeten uns. Draußen mussten wir längere Zeit warten, bis man uns sagte, dass wir gehen könnten. Anschließend waren wir wegen meiner Hand noch in der Poliklinik.

Das War Wirklich Ein Jugendlicher Protest

Geboren wurde ich in Weimar. Mit vier Jahren kam ich nach Naumburg. Dort wuchs ich auf und bin ganz brav sozialistisch erzogen worden. Stolz trug ich das blaue Halstuch. Dann das rote. Das aber nicht mehr stolz. Meine Eltern waren nicht so staatstreu, hatten sich aber angepasst. Die wollten immer „ja nicht auffallen“. Ich wurde von allem abgeschirmt und habe nicht mitbekommen, wie böse die DDR war. Eigentlich war ich ein stilles Blümchen. Immer schön brav. Nie gezuckt und immer schüchtern.

Durch eine Freundin bin ich dann in die Junge Gemeinde gekommen. Dort war auch alles brav. Einmal machten wir eine Rüstzeit. Alle durften Freunde mitbringen und jemand brachte After und seinen Freund U., später Subs genannt, mit. Ach, das ist doch der Typ, den ich letztens im Dunkeln getroffen habe, dachte ich, denn ich war vor Kurzem an ihm vorbeigelaufen und schon ganz vernarrt. Einen Irokesenschnitt hatte er damals noch nicht, sondern abstehende Haare, hinten lang, und sah eher aus wie ein Rocker. Er war damals schon Musiker und spielte Saxophon. Die Musik der Punks fand ich am Anfang nicht so lustig. Die war englisch und ich verstand nichts. Für mich war Punk eher so etwas wie Neue Deutsche Welle. Da verstand ich die Texte.

Wegen der Jungen Gemeinde wurde ich auf der Arbeit plötzlich von meinem Chef angesprochen: „Wo treibst du dich herum? Warum bist du in der Kirche? Wir sind ein sozialistischer Betrieb.“ Ich solle das lassen und habe dort nicht hinzugehen. In mir kam Protest hoch und ich dachte: Jetzt erst recht! Daraufhin begann ich, mich so anzuziehen wie die Jungs, und habe einfach Löcher in die Hose geschnitten und meine Haare gestylt. Das war wirklich ein jugendlicher Protest, ohne dass ich wusste, was Punk bedeutet.

Die brave V1 mit Fake-Telefon im Kindergarten – noch wirkt die sozialistische Erziehung

V1 1984

Bei mir war es so, dass ich richtig hineingeschubst worden bin. Durch die Reibungen, die entstanden sind, habe ich gemerkt, dass es immer schlimmer wurde. Dabei habe ich mir auf Arbeit immer brav die Haare heruntergemacht. Abends habe ich sie wieder hochtoupiert und mit Rasiercreme oder Zuckerwasser in Form gehalten.

Das war 1981. Ich habe damals Dekorateur gelernt, Gebrauchswerber nannte man das, bei der HO in Naumburg. Ein schöner, handwerklicher Beruf. Nicht das Gestalten von Schaufenstern, sondern das Zusammenbasteln der Werbeartikel. Das war künstlerisch, mit Hämmern, Sägen, Malen und Tapezieren. Die Ausbildung habe ich zu Ende gebracht und auch gut abgeschlossen. Zwar nicht mit einer Eins, aber mit einer Zwei. Darauf bin ich stolz.

Diesen Beruf habe ich noch ein Jahr ausgeübt. Aber in diesem knappen Jahr musste ich nur noch dumme Sachen machen, die man als Dekorateur oder Werbemittelhersteller normalerweise nicht machen sollte. Wir mussten nämlich Buchstaben ausschneiden. Es gibt zwar Stanzbuchstaben, die wir überall genutzt haben, aber wir brauchten eine bestimmte Schriftgröße und rote Schrift für Sprüche wie „1. Mai, wir sind dabei“ oder „Der Sozialismus siegt“. Als es meine alleinige Hauptaufgabe wurde, Werbetafeln für sämtliche 7.-Oktober-, 1.-Mai-Feiern oder für irgendwelche politischen Veranstaltungen zu machen, sagte ich: „Nein, Leute, hier bin ich an der falschen Stelle.“ Das hat mich derart angewidert, dass ich von einem Tag auf den anderen, ohne was Neues zu haben, den Job kündigte. Zweieinhalb Monate hatte ich keinen Job und in dieser Zeit auch kein Geld. After und ich lebten nur von der Hand in den Mund und haben wirklich Brotkrumen zusammengezählt.

Meine Familie hat sich dafür geschämt, wie ich herumlaufe. Deswegen habe ich es am Anfang auch ein bisschen heimlich gemacht. Wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam, zog ich mich als Erstes in meinem Kämmerchen um. Meistens mit geborgten Klamotten meines Onkels. Der hatte einen schönen alten Lodenmantel aus den Fünfzigerjahren. Meine anderen Sachen waren alle selbst hergestellt oder zerschnitten. Das musste zunächst noch verheimlicht werden. Deshalb wurde der lange Mantel darüber angezogen, der überdeckte meine anderen Sachen.

Die Haare hatte ich mir so geschnitten, dass sie zwei Funktionen hatten. Entweder brav gekämmt oder gestylt. Später kamen noch schwarz geschminkte Augen dazu. Das wurde dann immer verschärfter. Am Anfang war es heimlich und später bin ich dann offiziell so aus der Wohnung gegangen.

Meine Mutter hat immer nur versucht, mich brav zu ermahnen: „Birgit, du kannst doch nicht …“ Sie wollte immer beschwichtigen: „Nicht dass du aneckst, nicht dass du Ärger bekommst.“ Mein Vater war teilweise richtig aufbrausend. Einmal bin ich auch von zu Hause abgehauen. Es gab das erste Klassentreffen. Mein Vater war der Meinung, dass ich beim Klassentreffen im Kleid zu erscheinen habe. Daraufhin sagte ich: „Nein, ich ziehe das nicht an.“ Zwar hatte ich auffällige Klamotten an, aber die waren gar nicht so punkig. Das war mehr ein Neue-Deutsche-Welle-Outfit. Knallrote, enge Leggins, ein hell- und dunkelgrün gestreiftes Riesen-T-Shirt, langärmlig, wie es damals in war. Dazu blond, fast weiß gefärbte, toupierte Haare. So wollte ich losziehen. Es fehlte nur noch eine schwarze Brille, dann wäre mein Outfit ganz NDW gewesen.

Mein Vater sagte: „So kannst du nicht zum Klassentreffen gehen. Du musst ein Kleid anziehen.“

„Nein, mache ich nicht!“

Vor der Baracke in Naumburg 1983

Blick aus Afters Wohnung in die Hinterhöfe der Salzstraße 1987 in Naumburg

Daraufhin hat er mir eine runtergehauen. Ich schnappte meine Sachen und kam drei Tage lang nicht nach Hause. Dabei war dieses Outfit nicht mal Punk!

Du Gehst Ja Ab Wie Eine V1

In Naumburg haben alle nur geglotzt und viel darüber geredet. Du wurdest ja immer wie ein Exemplar im Zoo angeguckt. Manche Leute in der Stadt wurden sogar richtig ausfällig: „Damals, 1933, hätten sie dich an die Wand gestellt.“ Es kam öfter vor, dass sie mir so etwas an den Kopf warfen. Dagegen bin ich auch ziemlich aggressiv vorgegangen. Oft blieb ich stehen, stellte mich hin und glotzte die genauso an, wie die mich anglotzten. Einmal sagte ein Mann zu mir: „Was glotzt du mich so an?“ Worauf ich antwortete: „Ich glotze genauso, wie du mich vorher angeglotzt hast. Geh doch nach Hause, wenn du das nicht aushältst.“

Wir begannen, irgendwelche Sachen zu machen. Wenn sie schon glotzen, dann sollen sie was zu gucken haben. Auf der Straße haben wir uns dann „geprügelt“, weil es Spaß gemacht hat. Dafür suchten wir uns in Naumburg extra zentrale Plätze wie den Markt oder den Holzmarkt. Wenn genug Leute da waren, begannen wir uns zu „prügeln.“ Das fing immer so an, dass einer wegen irgendetwas einen Streit anfangen musste: „Hey, du, bla, bla, bla.“ Dann begannen sie sich plötzlich zu schubsen. Zum Schluss „prügelten“ sich alle fünf. Wir machten richtige Stunts mit Hinwerfen und Herumkullern. Das war natürlich alles nur spielerisch. Aber ein echter Hingucker für die ganzen glotzenden Gaffer.

Wir waren damals in Naumburg eine feste, interne Gruppe von insgesamt fünf Leuten. Manchmal wurden es mehr, manchmal weniger. Ich war die ganze Zeit das einzige Mädchen und wollte eigentlich, dass mehr Mädchen dabei sind. Es beschäftigte mich ein bisschen, dass ich ganz allein war, weil die Jungs ziemlich vorlaut und aufmüpfig waren, wie Jungs in dem Alter eben sind. Das war nicht unbedingt mein Fall.

Mit After kam ich am besten klar. Aber ich habe mich von denen jetzt nicht untergebuttert gefühlt. Eigentlich waren sie stolz auf mich, weil ich das einzige Mädchen war. Manchmal brachten sie ein paar Mädchen mit. Das waren aber eher brave Mädchen, die das nicht lange ausgehalten haben. Die waren 14 Tage dabei, dann waren die wieder weg.

Ich blieb die ganze Zeit dabei, habe mich von Anfang an zugehörig und gleichberechtigt gefühlt, und die Jungs haben mich immer hofiert: „Wir haben ja unsere V1.“ Aber da hatte ich den Namen noch nicht. Der kam erst später.

Es war damals so, dass jeder einen Spitznamen brauchte. Weil man sonst gar kein Punk war. So als ob du deinen bürgerlichen Namen ablegen müsstest. Spitznamen waren natürlich auch ein guter Schutz. Alle anderen hatten schon einen Namen. After hatte den Namen gleich von Anfang an. Schleimi bekam den Namen auch ganz schnell, wahrscheinlich durch seine etwas schleimige Art. Wie Specht seinen Namen bekam, weiß ich nicht. Schmutzbrust war nur kurz bei uns, hatte aber auch ziemlich schnell seinen Punk-Namen.

Eines Tages sagten sie zu mir: „Birgit, du brauchst einen Namen.“ Sie brachten die unmöglichsten Vorschläge. Die habe ich alle abgewehrt. Ein Vorschlag war Scherbenlilly. Das war aus einem Lied: „Ich bin die Scherbenlilly, geh mir aus dem Weg.“ – Hör mir bloß auf. „Ich mache alles kaputt“, singt sie dann weiter. Ich sagte nur: „Ihr spinnt wohl? Nein, die Scherbenlilly bin ich nicht.“ Auch von den anderen sinnlosen Ideen wollte ich nichts wissen. Es gab auch schon gefühlt zehn Ninas.

Zu meinem 18. Geburtstag sagte einer zu mir: „Du gehst ja ab wie eine V1.“ Eigentlich eine dumme Bemerkung, bei dem sich keiner Gedanken gemacht hatte.

After sagte sofort: „Hey, der ist es.“

Ich fragte: „Was?“

„Ab heute bist du V1.“

Wenn ich damals gewusst hätte, dass die V1 eine Rakete war, die immer wieder abgestürzt ist, hätte ich vielleicht auch dagegen demonstriert. Aber in dieser Hinsicht waren wir ja sozialistisch dumm erzogen. Der Spruch war jedenfalls cool. Seitdem hieß ich V1.

Politisch war ich anfangs gar nicht. Ich war sehr angepasst. Aber das änderte sich schnell, als mein Gerechtigkeitssinn durchkam. Wenn ich aufmüpfig wurde, ging ich auch ziemlich auf Konfrontation. Jedoch immer so, dass es nicht eskalierte.

In der Jungen Gemeinde durften wir unsere Meinung äußern und offen diskutieren. Politisch habe ich mich dann immer mehr herausgewagt. Aber mit Feingefühl. Ich konnte mich sehr gut zwischen den Zeilen ausdrücken. Ich hatte immer Glück und wurde nie angeklagt, was anderen durchaus passiert ist. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht gab es Sympathien von Leuten auf der feindlichen Seite?

Mein Eindruck War, Dass Ich Irgendwie Narrenfreiheit Hatte

Du wurdest kontrolliert, sobald du anders ausgesehen hast. Du wurdest auch kontrolliert, wenn du in kleinen Gruppen aufgetreten bist und alle zu viel lachten. Es war nicht nur wegen des Aussehens. Die Kontrollen wurden immer mehr. Oft wurden wir aufs Revier mitgenommen oder erhielten plötzlich schriftliche Vorladungen vom ABV. Von dem bekamen wir Verbote, wie zum Beispiel die Stadt zu verlassen. Die ABVs waren ja eigentlich nur Hilfspolizisten.

Unser zuständiger ABV war total tätowiert. Das konnte man sehen, wenn der die Ärmel hochgekrempelt hatte. Wir fanden heraus, dass er früher selbst im Gefängnis war. Bei seinen Befragungen hat er auf der Schreibmaschine ewig lange getippt. Der brauchte allein schon zehn Minuten, um einen einzigen Satz zu tippen. Er gab mir das Geschriebene und fragte: „Ist das so richtig, wie ich es hier geschrieben habe?“ Dann habe ich mir den Satz durchgelesen. Der war zwar inhaltlich richtig, aber mit sehr vielen Fehlern. Ich sagte: „Hier gehört ein Komma hin. Das wird großgeschrieben.“ So habe ich den ABV darüber belehrt, wie etwas richtig geschrieben wird, und aufgepasst, dass er das Geschriebene immer wieder korrigiert. Das waren lustige Begebenheiten und die habe ich ausgekostet. Wenn er mich beschäftigte und mir die Zeit stahl, machte ich das umgekehrt nun genauso. Das war meine lustige Retourkutsche.

Außer dem ABV gab es noch die Volkspolizei, die einen immer kontrollierte und oft mitnahm. Und dann gab es natürlich die Stasi. Mit denen bin ich ziemlich schnell in Kontakt gekommen, und zwar unwissend. Mein Chef in der Werbeabteilung war ziemlich knallrot.2 Er hatte Angst um seine Auszeichnung als sozialistisches Kollektiv. Einmal ließ er mich in sein Büro rufen. Das war ganz am Anfang, als ich mir noch nicht regelmäßig die Haare hoch machte. Er sagte: „Hier ist ein Herr, der sich mit dir unterhalten will. Das machst du jetzt auch, denn du bist ja schließlich auf Arbeit und hier bestimme ich, was du machst.“

Dieser Herr, der Genosse D. von der K3, so hatte er sich vorgestellt, war ziemlich sicher von der Stasi. Er wollte Namen wissen. Ich konnte ihn aber immer so hinhalten, dass wir nur freundliche Gespräche führten und er mir eine Zigarette nach der anderen gab. Jedenfalls sagte ich, dass ich die realen Namen nicht kenne, sondern nur Spitznamen. Ich dachte mir sogar welche aus, die es gar nicht gab. Vielleicht haben die das irgendwann auch mitbekommen. Mein Eindruck war, dass ich irgendwie Narrenfreiheit hatte. Denn sie haben mich in Ruhe gelassen und ich bekam keinen Ärger deswegen und habe auch nie Leute angeschwärzt.

V1 mit Freunden am Händel-Denkmal 1982 in Halle (Saale) – der bekannteste Komponist der Händelstadt fehlt zwar, aber Virus ist ein guter Ersatz

Aus Meinem Tagebuch

Dienstag, der 13.09.1983

Ich ging zur Arbeit, aber es war kaum etwas zu tun. Kurz vor 16 Uhr kam Herr D. von der K in den Betrieb und wollte den Schlüssel von Afters Zimmer haben. Als ich ihn nach dem Grund fragte, sagte er, dass ein schriftlicher Hausdurchsuchungsbefehl vorliege. Ich fragte ihn, ob Zeugen dabei seien, worauf er entgegnete, dass es reiche, wenn der Staatsanwalt dabei sei. Ich wollte ihm den Schlüssel nicht geben und sagte, dass ich mitgehen wolle. Er sagte, dass das nicht möglich sei. Erst als ich ihm sagte, dass auch meine eigenen Sachen in dem Zimmer seien, durfte ich mitkommen.

Wir fuhren mit dem Trabant. Vor der Tür standen zwei andere Männer mit Fotoapparaten. Ich musste die Tür aufschließen. Kaum war sie geöffnet, baute der Staatsanwalt das Stativ auf und fotografierte die Tür mehrmals. Danach fotografierten die Männer die Wände. In der Zwischenzeit legte ich eine Schallplatte auf, harte, laute Musik, und ich tat, als ob mich das alles nichts angehe.

Um 16 Uhr 30 kam noch jemand die Treppe hoch. Ich dachte zuerst, dass es After sei. Aber es war S., der sich sehr wunderte. Ich erzählte ihm kurz, was los sei, und fragte ihn, ob er am Bahnhof gewesen sei, um After abzuholen. Er sagte, dass er keine Zeit dafür gehabt habe. Der Staatsanwalt sagte zu ihm, er solle das Zimmer verlassen. Das tat S. auch, blieb jedoch vor der Türschwelle stehen. Die Tür hat die ganze Zeit offen gestanden.

Der Staatsanwalt empörte sich sehr über den „Saustall“. Zu S. sagte er noch, dass er nicht auf After warten bräuchte, denn der sei auf dem VPKA, weil ein Haftantrag gegen ihn gestellt werden würde. S. fragte nach dem Grund dafür. Der Staatsanwalt antwortete, dass der Spruch an der Tür dafür genüge. Dafür würde er wegen öffentlicher Herabwürdigung der deutschen Volkspolizei angeklagt werden. Ich fragte, was hier öffentlich sei. Darauf entgegnete er, dass hier genug Leute hochkämen.

S. spielte auf den Fall mit den Weimarern an, indem er sagte, dass dies keine Herabwürdigung sei und After genügend dieser negativen Erfahrungen mit der Volkspolizei gemacht habe und sie sich daher nicht zu wundern bräuchten. Herr D. fragte mich gleich, warum ich keine Anzeige wegen Weimar machen würde. Er spielte auf die Begebenheiten drei Tage davor an. Ich antwortete, dass das schön dumm von mir und der reinste Selbstmord wäre.

Währenddessen durchsuchten die Männer fleißig die Regale nach Schriftstücken. Sie fanden gruselige Science-Fiction-Bilder, die After gemalt hatte, als er sechs Jahre jünger war. Sie zogen sie gleich ein. Ich protestierte gegen die Mitnahme dieser Hefte. Zur Antwort bekam ich, dass es sich bei den Heften um illegale Herstellung handle, was verboten sei. Bei den letzten Heften war After zwölf Jahre alt gewesen. Plötzlich kam Afters Mutter. Sofort stritt sie sich mit den Polizisten, nannte sie Grüne4 und zerriss das Heft einfach, das sie einziehen wollten. Herr D. bemerkte, dass sie genauso stur wie ihr Sohn sei. Afters Mutter hat die Sachen vor deren Augen vernichtet.

Nach der Hausdurchsuchung gingen S. und ich sofort zu Specht und R. und erzählten, was geschehen war. Specht kam mit uns, um einen Anwalt für After zu besorgen. Wir fanden einen Anwalt in der Engelgasse, mit Namen S. Erst am Donnerstag um 16 Uhr sollten wir wiederkommen. Danach ging Specht nach Hause. Wir erzählten allen Leuten, die wir in der Stadt trafen und gut kannten, was passiert war, um es ein bisschen zu verbreiten. Wir waren noch bei P. gewesen, die sich besonders darüber aufregte. Anschließend gingen wir zu Andrea, der Pastorin. Andrea war nicht zu Hause, sondern nur ihr Mann. Wir erzählten ihm alles. Ich bat ihn, Andrea auszurichten, sie solle bitte so schnell wie möglich zu uns kommen.

Demokratie Ist: Wenn Dich Ein Bulle Schlägt

After galt in Naumburg als Rädelsführer. Sie haben wahrscheinlich gesagt: „Jetzt reicht es, der muss hinter Gitter.“ Denn sie versprachen ihm schon vor einer Weile: „Wir bekommen dich irgendwann in den Knast.“ Am 13. September 1983 war es dann eben so weit. Später bekamen wir heraus, dass die Verhaftungswelle 1983 ein Befehl von Mielke war, der „Härte gegen Punk“ beschlossen hatte.

Der Spruch: „Demokratie ist: Wenn dich ein Bulle schlägt“, ist an dem Tag, als ich von der Polizei in Weimar verprügelt wurde, aus Wut entstanden. Dieser Spruch stand auf der Innenseite der Eingangstür in Afters Privatwohnung. Zu diesem Zeitpunkt war der Spruch genau drei Tage alt. Natürlich lasen den auch einige Leute, die uns besuchten. Die Polizei observierte die Wohnung vermutlich schon einige Zeit und wusste, dass mehr als acht Leute in den letzten drei Tagen bei uns waren. Unsere Freunde müssen den Spruch nicht einmal gelesen haben, aber durch ihren Besuch galt das als Öffentlichkeit. Damit war für sie das Kriterium für das Delikt „öffentliche Herabwürdigung“ erfüllt.

Den Spruch an der Tür hatte ich mitgeschrieben. Wir wechselten uns beim Schreiben ab. In der späteren Verhandlung nahm ich das auch auf mich und sagte: „Ich habe selbst mitgeschrieben, daher müssen Sie mich auch festnehmen.“ Daraufhin sagte der Staatsanwalt: „Das wollen wir jetzt nicht wissen. Es geht jetzt nicht um Sie. Das steht auf einem anderen Blatt.“ Er hat es nicht wortwörtlich so gesagt, aber so etwas in der Art. Die wollten nicht mich. Sie haben mich sofort abgeblockt, damit ich nicht weitersprechen konnte: „Sie werden nur auf das antworten, was wir Sie fragen.“ Die wollten After und sagten: „Das ist der Rädelsführer.“ Und dass er sich das alles ausgedacht hätte, um alle aufzuwiegeln. Das stimmte aber nicht.

Nachdem After verhaftet war, wurde ich richtig depressiv, ohne dass es mir bewusst war. Ich sah immer mehr schwarz und konnte die Welt nicht mehr positiv sehen. Zu einem Freund sagte ich: „A., ich verstehe jetzt die RAF. Ich könnte das sofort auch machen. Aber gegen die Roten. Sofort! So bin ich jetzt drauf.“ Zu dem Zeitpunkt fühlte ich mich richtig revolutionär und habe mir in Gedanken ausgemalt, wie ich aus dem Untergrund arbeiten könnte. Durch diese Aussichtslosigkeit, die ich empfand, hatte ich den Eindruck, jetzt handeln zu müssen. Auch weil ich so eine Angst davor hatte, was passieren könnte. Eigentlich wollte ich nicht in den Westen. Doch nun überlegte ich: Vielleicht haust du doch ab? Aber eigentlich bringt das nichts, weil man damit auch nichts ändert.

Das alles ist im September 1983 passiert. After hatte einen PM-12-Ausweis bekommen, den sie ihm grundlos verpassten. S. passierte das Gleiche. Das war sehr merkwürdig. Sie sollten sich bei der Passmeldestelle melden. Dort wurde gesagt: „Ihr Ausweis ist ungültig und Sie bekommen einen neuen. Holen Sie den bitte ab.“ Darüber wunderten sie sich: „Warum das?“ Sie hatten noch gedacht, sie können jetzt ein schönes neues Bild in den Ausweis machen lassen, und gaben alles ab. Als sie den neuen Ausweis abholen wollten, wurde der alte einfach eingezogen. Stattdessen bekamen sie nur diese Klappkarte, den PM 12.

Ich bekam Angst, dass auch ich so einen Ersatzausweis bekomme. Auch hatte ich die Befürchtung, dass mein Passbild mit meinem Ausweis verloren gehen würde. Weil ich diesen Befehl noch nicht bekommen hatte, kam ich auf die Idee, meinen Ausweis selbst abzugeben, und riss mein Passbild einfach heraus. Der Befehl kam ja immer von oben: „Der kriegt jetzt einen PM 12!“ Dann hat derjenige den PM 12 auch bekommen. Ich hatte mir überlegt: Wenn ich aber selbst, privat, hingehe und meinen Ausweis für ungültig erklären lasse, weil das Bild herausgerissen ist, bekomme ich einen neuen.

Auf der Passstelle haben die mich nur angeguckt: „Wieso ist die Seite mit dem Bild weg?“ Ich sagte: „Das weiß ich auch nicht. Irgendwie ist das passiert. Jedenfalls ist der Ausweis jetzt ungültig und ich brauche einen neuen.“ So habe ich ganz offiziell einen neuen Ausweis bekommen. Nun konnten sie nicht mehr sagen, ich müsse einen neuen bekommen, weil der alte ungültig wäre. Irgendwie schienen sie das tatsächlich nicht bemerkt zu haben, denn ich habe nie einen PM 12 erhalten. Es steckte ja ein System dahinter, dass plötzlich vielen von uns ein PM-12-Ausweis gegeben wurde.

Im Nachhinein sehe ich es als großen Auftrag von oben, von Erich Mielke. 1983, als das vielen passiert ist, war ja auch das Karl-Marx-Jahr. Im selben Jahr gab es eine große Verhaftungswelle. Zur gleichen Zeit sind Schlag auf Schlag diese Schreckensmeldungen gekommen: Jetzt ist XY ins Gefängnis oder in den Jugendwerkhof gekommen. Das war eine große Säuberungsaktion.

Bei uns in Naumburg gab es durch dieses Karl-Marx-Jahr verschärfte Kontrollen. Zum Beispiel hat uns der ABV verboten, nach Brünn in die CSSR zu fahren. Wir mussten dieses Verbot unterschreiben. Ich dachte mir: Warum sollte ich nach Brünn fahren? Die bringen mich ja erst auf den Gedanken.

Wir waren bestimmt nicht die Einzigen. Die Popper-Clique, die es in Naumburg gab, wurde genauso unter die Lupe genommen. Die Popper waren das ganze Gegenteil von uns. Sie waren die in Weiß Gekleideten und wir waren die in Schwarz Gekleideten. Auf der Straße haben wir uns aber gegrüßt und hallo gesagt. Wir haben sogar zusammen gefeiert. Bei uns war es locker. Die waren auch ungefähr fünf.

Auch 1983, noch bevor After verhaftet wurde, war Egon Bahr5 in Naumburg. Ich weiß noch, dass frühmorgens um 6 Uhr die VP an die Tür klopfte: „Alle mitkommen!“ Wir wurden mit einem Polizeiwagen abgeholt und aufs Revier gefahren. Nach und nach sind alle dort eingetroffen. Wir saßen alle zusammen in einem Raum, vermutlich ein Schulungsraum der Polizei, denn dort standen Schulbänke und vorne hing eine Tafel. Vor uns saß auch noch ein dummer Polizist. Der hatte die Aufgabe, den ganzen Tag auf uns aufzupassen. Er saß nur da und rief ab und zu: „Ruhe, hier wird nicht gesprochen!“ Damit wir nicht zusammensitzen, stand zwischen uns jeweils eine freie Bank. Wir waren insgesamt sieben oder acht Leute. Warum wir abgeholt wurden, wussten wir nicht.

„Keine Ahnung, wer mir mein Passbild aus dem Ausweis gerissen hat“ – V1’ Notlüge auf der Meldestelle, um dieses Passbild aus dem Jahr 1982 zu retten

Zwei Stunden passierte nichts. Dann wurde der Erste geholt. Nach einer halben Stunde wurde der wiedergebracht und der Nächste mitgenommen. So ging das Stunde um Stunde. Etwa um 17 Uhr 30 wurden wir wieder rausgelassen und sind dann schnell in die Kaufhalle, um etwas gegen unseren Hunger zu kaufen, denn auf dem VP-Revier hatten wir den ganzen Tag weder zu trinken noch zu essen bekommen. Sprechen durften wir auch nicht. Einer von uns fing an, Pantomime zu machen. Er stellte pantomimisch dar, wie wir ein Hähnchen essen. Der Nächste goss sich pantomimisch ein Glas Wasser ein. Wir haben mittels Pantomime alles dargestellt, was es nicht gab, und pantomimisch gegessen. Der Polizist kam sich veralbert vor und sagte genervt, dass wir aufhören sollen. Wir hörten aber nicht auf. Der Polizist musste uns fast acht Stunden lang ertragen und ohne Ablösung mit uns „gemeinsam“ dasitzen.

Dass an dem Tag Egon Bahr in Naumburg war, haben wir erst am nächsten Tag aus der Zeitung erfahren. Von dem durften wir auf keinen Fall gesehen werden. Ihm wurden nur Potemkinsche Dörfer gezeigt, die auch die Menschen inkludiert haben. Deswegen wurden wir weggesperrt. Weil in der DDR gab es so etwas wie uns ja nicht. Da gab es nur Pioniere und FDJler.

Dabei waren wir eine ganz friedliche Gruppe und hatten nichts Böses gemacht. Ich weiß nicht, wie es in anderen Städten war. Aber wir haben keine Sachen gemacht wie zum Beispiel die Punks in Berlin. Bei uns war gar nichts in dieser Richtung. Wir haben uns eher mit den Poppern getroffen und auch der Oma über die Ampel geholfen. Wenn du ganz normal reagiert hast und einer Oma über die Straße halfst, hat dich die Oma als ganz normal und nicht als den Punker angesehen. Sie hat sich darüber gefreut, dass du sie über die Straße gebracht und die Autos angehalten hast. Die Leute, die gegafft haben, hätten das nicht gemacht, sondern sie einfach da stehen lassen.

„Demokratie ist …“ – aus dem Gedächtnisprotokoll von V1 nach Afters Verhaftung 1983

Der Buschfunk Hat Besser Funktioniert Als Die Handys Heutzutage

Zwei Monate vor dem Egon-Bahr-Besuch hatten wir eine Geburtstagsparty geplant. After und ich haben im Juli kurz nacheinander Geburtstag. Weil wir seit Kurzem wieder ein Pärchen waren, sagten wir: „Jetzt machen wir eine ordentliche Party.“ Ich fragte die Pastorin Andrea, ob wir uns die Baracke mieten dürfen. Die Baracke war der Treff der Jungen Gemeinde und sollte demnächst frisch renoviert werden. So mussten wir auch keine Angst haben, falls etwas kaputtgehen sollte. Zum Malern hatten wir uns sowieso schon angemeldet. After machte gerade eine Ausbildung in Lehnin bei Berlin. Von dort kannte er Popel, einen Punk aus Ost-Berlin. Dem erzählte er von der geplanten Party. Es gab ja damals kein Telefon, und der Buschfunk hat besser funktioniert als die Handys heutzutage. Das war wie ein Flashmob. Jeder gab irgendjemandem Bescheid. Ich hatte in Halle (Saale) Bescheid gesagt. Rotten und Kid aus Weimar hatten wir kurz zuvor getroffen.

Wir wussten nicht, wer wirklich kommen würde, und konnten gar nicht planen, hatten Nudelsalat gemacht und ein bisschen Bier und Bratwurst und alles, was man so braucht, eingekauft. Plötzlich sind die Punkbands angereist. Wir waren sprachlos. Wir hatten zwar den Raum, aber Bands waren nicht geplant. Die kamen, weil sie gedacht hatten, in Naumburg sei ein Punktreffen. Außerdem war schönes Wetter und woanders war nichts los. Wahrscheinlich war dieses Wochenende günstig. Wir hatten keinen Überblick mehr, wie viele Punks da waren. Es waren aber deutlich mehr als die 200, die rückblickend immer genannt werden.

In den Stasi-Akten steht etwas von 100. Das waren wahrscheinlich nur die, die am Bahnhof saßen. Ich weiß noch, dass wir immer zu den Zügen gingen, weil wir wussten: Jetzt kommt ein Zug aus Berlin. Jetzt kommt ein Zug aus Magdeburg. Jetzt kommt ein Zug von dort oder dort. Jedes Mal haben wir die Leute zur Baracke gelotst, damit sie überhaupt wissen, wo sie hinlaufen sollten. Wir haben das Chaos dann irgendwie organisiert.

Aus V1’ Fotoalbum – Punkparty 1983 in der Baracke

Die Party sollte eigentlich zwei Tage gehen, wurde aber aufgelöst. Viele Punks wurden einzeln eingefangen. Die wussten ja auch nicht, wo sie schlafen sollten. Selbst die Kirche bekam Angst vor der Stasi.6 Die arme Andrea wusste gar nicht, was los war, und sagte: „Das geht nicht. Ihr müsst die Leute nach Hause schicken.“ Hinterher gab es noch eine Fete, wo wir wütend Spaghetti mit Tomatensoße an die Wand warfen. Anschließend malerten wir.

Im Wahllokal Ist Bonzenwahl

Einmal haben wir auch selbst Musik gemacht. Ein einziges Mal, als After im Gefängnis war. „Komm, V1, wir machen Musik. Wir versuchen das mal. Du musst singen, ich spiele Schlagzeug und Fritz muss Gitarre spielen.“ Wir hatten sinnlose Texte, sonst nichts, nicht einmal ein Schlagzeug. Da standen ein paar Töpfe, und das war alles. Das war auch in der Baracke.

Dann haben wir losgelegt. Ich hatte ein Papier in die Hand gedrückt bekommen, auf dem irgendwelche merkwürdigen Texte standen, die sich Fritz ausgedacht hatte. Fritz schreibt inzwischen auch Bücher. Der hatte den Text hergegeben, und ich habe mir eine Melodie einfallen lassen und einfach irgendetwas gesungen. Dann sagte ich: „Mir ist gerade etwas eingefallen. Ich will jetzt selbst einen Text machen.“ Den hatte ich nirgendwo stehen. Ich habe alles mit der Endung -al gemacht: „Illegal. Die Welt ist grau und kahl. Ach, lass doch mal den Schal.“ Mein schönster Ausdruck in meinem Songtext war: „Im Wahllokal ist Bonzenwahl. Im Wahllokal ist Bonzenwahl. Yeah.“ Ja, das war mein eigener Text. Das existiert noch auf Kassette. „Schafwollschal.“

Das War Wie Ein Panzer

„Es brennt“ war ein genialer Song. Deutschsprachiger Punk war mir lieber als englischer, weil ich etwas zum Mitsingen brauchte. Da waren es eben Hans-A-Plast und A+P. Ich weiß noch, dass immer irgendeiner irgendetwas auf dem Kassettenrekorder anschleppte, das er irgendwo aufgenommen hatte. Dann wurden die Songs von der einen Kassette auf die nächste überspielt. Von einer schlechten Qualität in eine noch schlechtere. Du hattest Tausende Aufnahmen in dieser grottenschlechten Qualität. Es hat nur noch gedröhnt und fing irgendwann an zu leiern,7 was bei dieser Musik aber gar nicht so sehr auffiel, weil die ohnehin schon so schräg war.

Die Frontfrauen in Punkbands damals waren meistens blond. Das hat mich, was meine Haarfarbe angeht, schon beeinflusst. Eigentlich habe ich dunkelblonde Haare. Die habe ich nach und nach immer mehr blondiert. Ich durfte zum Färben aber kein herkömmliches Färbemittel nehmen, weil meine Haare damit nicht blond wurden, sondern immer nur rötlich. Darum ließ ich mir von einer Friseurin Wasserstoffperoxid-Tabletten geben. Die habe ich in der doppelten Menge verwendet und noch ein bisschen Grün vom Friseur dazugegeben, damit das Rötliche herausgeht. Es brauchte mehrere Anläufe, bis sie richtig weiß wurden. Irgendwann habe ich die Haare noch ein bisschen rot eingefärbt und hinterher Henna draufgetan. Plötzlich leuchtete ich wie eine Flamme, durch dieses Weiß darunter.

Porträt von V1 – 1983 im Gefängnis von After gezeichnet

1983 in Weimar

1983 in Weimar

Am 1. Mai 1986 in der Innenstadt in Naumburg

Ohne Musik gemacht zu haben, habe ich mich in Naumburg schon als Frontfrau gesehen und bin selbstsicherer geworden. Als ich dann offiziell wirklich als Punk herumlief, gab mir das ziemlich viel Selbstbewusstsein. Nicht mehr nur als Verkleidung, sondern mit selbst genähten Sachen im Leopardenlook oder zerschnittenen Leggings. Das war zwar auch eine Art Uniform, aber mit der hast du dein Inneres geschützt. Das war wie ein Panzer. Ich glaube, es geht jedem so. Durch dieses andere Aussehen trägst du eine Art Maske und du verhältst dich dadurch anders. Diese Maske ist aber dann dein ganzer Körper.

Fehlinformation

Es lauerte ständig eine unsichtbare Bedrohung. Ich habe immer gedacht: Du musst auf der Hut sein, bei allem, was du machst. Die Staatssicherheit fing meine Post ab. Ich schrieb täglich drei bis vier Briefe und habe auch mindestens einen Brief erhalten. Mit einem Schlag kam aber keine Post mehr. Das war sehr seltsam.

Mir kam die Idee, Post an mich selbst zu schicken. Damit es nicht auffällt, habe ich mir natürlich inhaltlich etwas einfallen lassen und sogar meine Handschrift verändert. Ich habe mir Absenderadressen ausgedacht und bestimmte Ausdrücke verwendet, die ich sonst nicht verwende. Wenn zum Beispiel jemand aus Berlin schreiben sollte, habe ich den Brief an mich adressiert und einem Berliner, der gerade da war, mitgegeben und gebeten: „Steck den bitte in Berlin ein.“ Oder wenn ich in Halle (Saale) bei meiner Ausbildung war, habe ich die Post dort eingesteckt. In dieser Zeit hatte ich mir mindestens zwanzig Briefe selbst geschrieben. Keiner kam an.

Dann habe ich die Briefe dazu benutzt, um Fehlinformationen hineinzuschreiben. Ich dachte: Wenn sie mich schon ärgern, dann ärgere ich sie auch. So habe ich mir Sachen einfallen lassen wie „In Bad Kösen ist ein Treffen von Punks dort und dort. Da ist zum Beispiel der da und der da.“ Auch mit erdachten Spitznamen in den Briefen führte ich sie an der Nase herum. Damit habe ich bestimmte Leute sicher gut beschäftigt. Denn die haben garantiert immer jemanden hingeschickt, der nach dem Zurückkommen sagte: „Nein, da war keiner. Da fehlte eine Information.“

Irgendwann habe ich die Karten aufgedeckt und habe mit meiner eigenen Handschrift wieder einen Brief an mich selbst geschickt. In dem stand: „Liebe Genossen, lasst doch meine Post bitte wieder ankommen.“ Auch dieser Brief ist nicht bei mir angekommen. Aber die Botschaft kam an: „Jetzt könnt ihr es vergessen. Die hat das gemerkt.“ Kurze Zeit später bekam ich wieder Post.

Freiwild?

In der Szene haben alle gedacht, dass du als Punk-Mädchen Freiwild bist. Diejenigen, die es darauf anlegten, ließ ich abblitzen. In der Punkszene konnte man sich gut wehren. Wenn du einmal gesagt hast: „Hey, Alter, lass mich in Ruhe“, wurde das eigentlich auch akzeptiert.

Einmal habe ich etwas anderes erlebt. Das hatte aber nichts mit der Punkszene zu tun. Ich kam nachts, natürlich gestylt, aus Berlin am Bahnhof in Naumburg an. Auf der Strecke hatte ich bemerkt, dass ein Typ im Abteil mich beobachtete. Weil mir das zu blöd war, bin ich beim nächsten Bahnhof einfach ausgestiegen und stieg in einen anderen Waggon wieder ein. Damit war die Sache für mich erledigt.

Als ich aber in Naumburg ausstieg, merkte ich, dass der Typ auch in Naumburg aus dem Zug kam. Ich dachte mir jedoch nichts weiter dabei und machte mich auf den Heimweg. Das war ein ganz dunkler, langer Weg. Nur vereinzelt standen Laternen. Auf der anderen Straßenseite ging auf einmal ein Mann, der mich über die Straße grüßte. Weil es so dunkel war, konnte ich nichts genau erkennen und dachte, dass ich ihn wohl kenne. Also habe ich auch „Hallo“ gerufen und lief weiter.

Plötzlich war der neben mir und ich merkte, dass es der Typ aus dem Zug war. Vor mir lag noch eine Strecke durch irgendwelche Gärten, wo keine Menschenseele anzutreffen war. Oh, den Typen kannst du nicht abwehren. Du hast keine Chance, und wenn du hier rufst oder schreist, hört das niemand, ging es mir durch den Kopf. Daher wandte ich die Strategie an, die ich jeder in solch einer Situation empfehle: Ich machte dem weis, dass ich ihn ganz nett finde, und hoffte, so unbeschadet das Haus meiner Eltern zu erreichen. In der Wohnung bist du dann ja sicher.

Gott sei Dank war es auch kalt. Ich habe eine nach der anderen geraucht und ihm eine Zigarette angeboten. Eine Viertelstunde habe ich ihn totgequatscht. Als ich endlich zu Hause bei meinen Eltern ankam, schloss ich die Tür auf, bin schnell hinein und wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen. Leider schaffte er es, den Fuß dazwischen zu stellen. Er drückte die Tür auf und stieß mich in den Keller hinunter.

Es war ein typischer Neubaublock, in dem pro Block nur vier Wohnungen waren. Sofort brüllte ich los, aber es kam keiner. Das kann doch nicht sein, dass das ganze Haus schläft, dachte ich. Er wollte mich in eine Ecke hinunterzerren. Zum Glück konnte ich ihn aber abwehren und brüllte noch mal los. Nun bekam er Panik und wollte abhauen.

Da habe ich ihn aber nicht durchgelassen, seinen Weg versperrt und gesagt: „Du wartest jetzt hier, bis jemand kommt.“

Darauf er: „Ich habe ein Messer dabei.“

„Klar, du hast ein Messer dabei. Das will ich sehen.“

Er stieß mich zur Seite in die Ecke und floh. Das war mehr Glück im Unglück, denn es hatte niemand etwas gehört.