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Mara, eine slowakische Pflegerin, tritt eine neue Stelle in Österreich an. Ihre Klientin Elvira war als Tänzerin und Choreografin auf dem Zenit ihrer Karriere, als sie die Diagnose der tödlichen Nervenkrankheit ALS erhielt. Nach drei Jahren ist ihr Körper vollständig gelähmt, der Geist aber ist wach. Trotz unterschiedlicher Herkunft und Lebenswelten entsteht zwischen den beiden Frauen und Elviras Vater, der ab und zu ins Haus kommt und bei der Pflege seiner Tochter hilft, eine unerwartete familiäre Harmonie. Der Roman, eine Berg- und Talfahrt der Emotionen, zeigt, wie aus einem aussichtslosen Ende ein Neuanfang entstehen kann.
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2026
Zdenka Becker
Roman
ZDENKA BECKER
ROMAN
Gefördert von der Stadt Wien Kultur
Gefördert vom Kulturland Niederösterreich
Die Autorin bedankt sich für Stipendien während der Arbeit an diesem Roman beim Bundeskanzleramt Österreich, beim Land Niederösterreich, bei der LiterarMechana und der Landeshauptstadt St. Pölten.
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© 2025 by Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien
Am Heumarkt 19, A-1030 Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Ramona Scheiblauer/Boutique Brutal
Satz: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Lektorat: Senta Wagner
Herstellung: VerlagsService Dietmar Schmitz, Erding
Gesetzt aus der Garamond Premier Pro
Designed in Austria, printed in the EU
ISBN 978-3-99050-304-1
eISBN: 978-3-903441-57-6
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Venedig, 17. November 2021
Es ist wie jedes Jahr. Ab Mitte August beginnen die Dorfbewohner ihre Häuser aufzuräumen, zu putzen und innen wie außen auszumalen. Meistens in Pastellfarben, in der letzten Zeit eher Beige oder Grau, aber zum Glück nicht mehr in dem giftigen Blau, wie es noch in ihrer Kindheit üblich gewesen war. Die Hausfrauen pinseln zum wiederholten Mal über den buckligen Putz, desinfizieren, verschönern, dekorieren. Zu Hody, dem Kirchtag, muss alles, seit sie sich erinnern kann, blitzblank sein – die Häuser, Gärten, Kinder, sogar die Männer bekommen ein frisches Hemd und saubere Unterwäsche.
Vor vielen Jahren, als Mara noch ein kleines Mädchen war, stand sie mit tränenden Augen tapfer neben dem Kübel mit der Farbe, ertrug den scharfen Geruch der Kupfervitriollösung, unterdrückte den Brechreiz, ging aber keinen Schritt weiter. Zu groß war ihre Neugierde, das Ungeziefer, von dem Großmutter, ihre Babka, immer sprach, piepsend aus den Ritzen der Wand kriechen und jämmerlich verenden zu sehen. Kein Ungeziefer hatte Platz in ihrem Haus, keine Wanzen, keine Käfer, die in der Nacht über ihre Gesichter krabbelten und sich in der Nase oder in den Ohren versteckten.
Aber Hody ist seit einer Ewigkeit nicht nur ein ewiges Wischen und Waschen, sondern auch ein tagelanges Kochen, Backen und vor allem Genießen. Pikantes, Süßes, Fettes. Und Wein. Viel Wein. Selig mit Familie und Freunden im Hof sitzen, lachen, singen, tanzen und
sich den Gaumenfreuden hingeben. An diesen gesegneten Tagen Anfang September sind nicht nur die Menschen glücklich, sogar der selbst gekelterte Wein blubbert fröhlich in den Fässern, tanzt, singt, schwankt betrunken von Seite zu Seite, rinnt stürmisch die Kehlen herunter. Der Gänsebratenduft steigt hoch in den Himmel, kitzelt sogar Gott in der Nase, der, davon ist Mara überzeugt, einmal im Jahr zu ihnen ins Dorf herabsteigt.
Die Abreise zu einer neuen Stelle verlegte sie absichtlich erst auf Mitte des Monats, auch wenn sie wusste, dass die neue Klientin sie dringend brauchte. Zu Hody wollte sie bei ihren Liebsten sein. Kommenden Montag würde ihr Dienst beginnen, im Zweiwochenturnus, 24 Stunden pro Tag. Was sie erwartet, kann sie nur erahnen, auf jeden Fall ein Mensch, der seinen Alltag, der ihm wie ein schweres Gewicht auf die Brust drückt, selbst nicht mehr bewältigen kann.
Auch der diesjährige Hody enttäuscht sie nicht. Die ganze Familie war zusammengekommen, Kinder, Enkelkinder, Geschwister, Schwägerinnen und Schwager. Ein volles Haus. Viel Arbeit, aber auch viele Glücksgefühle. Am Sonntagabend schließlich verabschieden sich die Gäste laut und betont körpernah. Alle wünschen ihr Glück und Segen. Sie wird gedrückt, geherzt, umarmt. Küsse schmatzen auf Wangen. Das Haus verwaist. Auf den Tischen bleiben nur die Gläser stehen, auf deren Boden Weinreste in der Abendsonne wie Festbeleuchtung schimmern. Kleine bunte Lichter zum Abschied. Sie sammelt das Geschirr ein und balanciert es in die Küche, wo ihr Mann am Tisch vor seinem obligatorischen »letzten« Achterl sitzt.
»Du hast es gut«, murrt Ondrej gereizt. »Du haust morgen ab und lässt mich mit dem ganzen Scheiß hier allein.«
»Du weißt doch am besten, dass wir das Geld brauchen«, spielt Mara den Ball zurück und beginnt, mechanisch den Geschirrspüler einzuräumen.
»Wozu? Damit du dir noch mehr Küchenmaschinen kaufen kannst? Dampfgarer, Mikrowelle, sogar diesen blöden Abwaschtrottel musstest du ganz dringend haben! Wenn du wie jede normale Frau mit der Hand spülen würdest, müsstest du nicht jemandem im Ausland den Arsch abwischen.«
»Ondrej, du bist betrunken! Geh schlafen!« Daraufhin beißt sie die Zähne zusammen und bringt die Küche in Ordnung. Ihr Mann greift nach der Flasche und schenkt sich ein weiteres Glas ein. Verärgert geht sie ins Schlafzimmer.
Gleich nach dem Aufwachen überkommt sie wieder das unangenehme Gefühl vom Vorabend. Vor allem, als sie sieht, dass Ondrej nicht neben ihr liegt. Kein Zweifel. Er hat sicher die ganze Nacht getrunken. Und tatsächlich findet sie ihn laut schnarchend auf der Küchenbank liegend vor. Durch das Gluckern der Kaffeefiltermaschine wacht er auf. Behäbig erhebt er sich, wankt, nimmt eine Kaffeetasse aus dem Schrank, hantiert an dem Gerät und gießt sich Kaffee und Milch ein. Dabei wirft er die Zuckerdose um, die danebensteht. Als ob nichts passiert wäre, ignoriert er den verschütteten Zucker auf der Arbeitsfläche und auf dem Boden. Er lächelt Mara sogar an.
»Ich fahre dann«, presst sie durch die Zähne.
»Warte, ich begleite dich zur Bushaltestelle«, sagt er heiser.
»Danke, das schaffe ich schon«, entgegnet sie knapp und ist bemüht, ihm ihre Wut und Enttäuschung nicht zu zeigen. Wozu auch? Es hätte sowieso nur zu einem weiteren Streit geführt.
Sie umarmen einander kurz. Seine schweren Hände berühren sie ungelenk an der Taille. Absichtlich meidet sie den direkten Augenkontakt mit ihm, weil sie seinen Blick und den Alkoholgeruch nicht erträgt.
»Mach’s gut«, sagt er. In seiner Stimme klingt etwas wie Sanftheit an. Wie eine kleine Entschuldigung für die durchzechte Nacht. »Und melde dich, sobald du angekommen bist.«
Sie geht. Routiniert zieht sie ihren Koffer hinter sich her. Bis zur Bushaltestelle sind es 421 Schritte. Das weiß sie seit ihrer Schulzeit ganz genau, weil sie jeden Tag die Schritte zählte. 421 bei normaler Geschwindigkeit, an Tagen, an denen sie verschlief und rennen musste, nur 377. Gerade diese Anzahl der Schritte – 421 oder 377 spielt heute keine Rolle – ist die größte Entfernung von ihrer Familie. Zum Bus, der sie zum nächstgelegenen Bahnhof bringt, zu gehen und einzusteigen, bedeutet, sich zu entfernen und die Ihren allein zu lassen. Heute wird es ihr bewusster denn je.
Der Weggang kostet sie viel Kraft. Auf einmal fühlt er sich nicht richtig an, sondern wie die Vorbereitung auf einen ewigen Abschied. Ein zaghaftes Sterben, das nicht mehr aufzuhalten ist. Ist es richtig, dass sie schon wieder geht? Warum war sie aber so empört, als Ondrej sie gestern noch zum Bleiben hatte überreden wollen? Hätte er es netter getan, liebevoller, hätte sie vielleicht mit sich reden lassen. Aber die plumpe Art, die er in der letzten Zeit an den Tag legt, widert sie an. Kein Wunder, dass sich ihr ständig das Schreckgespenst aufdrängt, dass ihre Ehe nicht mehr zu retten ist. Dass Ondrej nicht mehr zu retten ist. Es stimmt, ihre Liebe hatte sich schon vor langer Zeit verabschiedet, aber sie haben gemeinsam drei erwachsene Kinder, drei Enkelkinder, ein gemütliches Haus. Es geht ihnen gut. Und das mit dem Trinken, das weiß sie schon seit Langem. Vielleicht, wenn sie einmal für immer zu Hause bliebe und sich wie früher nur um ihn kümmerte, würde er damit aufhören. Vielleicht.
Der Mann ihrer Freundin Blanka hatte aufgehört zu trinken, als er ernsthaft krank geworden war. Was Blanka mit ewigem Zureden nicht schaffte, gelang dem Arzt mit der Diagnose – Magengeschwüre, Darmpolypen und Leberzirrhose. Das Gespräch mit dem Oberarzt verfehlte seine Wirkung nicht, und Blankas Mann änderte sein Leben. Von einem Tag auf den anderen war Alkohol für den passionierten Trinker tabu. Er unterzog sich mehreren Operationen, verbrachte viele Wochen im Krankenhaus. Die anschließende Zeit genossen die beiden zu Hause und hatten es schön miteinander. Ohne das Gift, das nicht nur seinen Körper, sondern auch die Beziehung kaputt gemacht hatte. Ihm waren noch vier Jahre verblieben.
Die Gedanken an ihre Ehe umkreisen Mara wie lästige Fliegen, die sie am liebsten mit einer Klatsche erschlagen würde. Genug. »Ich bin ich und ich fahre nach Österreich«, wiederholt sie wie ein Mantra während der Zugfahrt. In ihrem Alter lässt man sich nicht mehr scheiden. Man ist mit dem Partner verbunden und trägt Verantwortung füreinander. Man rennt nicht gleich davon. »Ich liebe unser Leben, in dem es keine Fragen und keine Zweifel gibt. Ich liebe unser Haus, die Heimkehr nach jedem Weggang und den wohligen Gedanken an die Existenz meiner Liebsten. Man muss doch einen Ort haben, wo man hingehört«, denkt sie im Stillen.
Erst als sie Stunden später die Grenze bereits passiert hat und am Bahnhof der Landeshauptstadt aussteigt, einige Haltestellen mit dem Bus fährt und dem Navigationsprogramm auf dem Handy folgend die Straße einer Vorstadtsiedlung namens Wagram entlangschreitet, bleibt die Schallplatte in ihrem Kopf stehen. Schlagartig konzentriert sie sich auf das Hier und Jetzt. Beckmanngasse 34, 36, 38 … Nur mehr ein paar Häuser.
Es beginnt zu nieseln. Wassertröpfchen fallen auf den Asphalt, auf den sie dunkle Punkte malen, und besprenkeln das Grün der Sträucher in den Vorgärten. Kein Mensch weit und breit, keine Katze, die um ein Haus schleicht, kein Hund, der einen ankläfft. Kurz überlegt sie, ob sie den Schirm aus dem Koffer holen soll, lässt es aber bleiben. Der Regen wird stärker, die Tropfen größer. Das Wasser rinnt ihr über die Haare ins Gesicht. Nur mehr ein paar Schritte.
Geschafft. Sie steht vor der Tür eines grauen, einstöckigen Hauses, dessen Vorderseite bis zur Dachrinne mit Efeu bewachsen ist. Langsam steigt sie die drei Stufen hoch, links sind eine Rollstuhlrampe aus geripptem Aluminium und ein Holzgeländer angebracht, und drückt auf den Klingelknopf. In dem Moment geht die Tür auf und eine große, schlanke Frau mit halblangen blonden Haaren in hautenger Lederhose und einem Glitzertop bittet sie ins Haus.
»Hier ist die Küche und hier das Wohnzimmer, das Schlafzimmer von Frau Mayerhoff befindet sich am Ende des Flurs. Gleich daneben haben wir das Bad und die Toilette. Ihr Zimmer ist oben unter dem Dach. Legen Sie ab, machen Sie sich frisch, wir treffen uns im Esszimmer. Beeilen Sie sich bitte, ich habe nicht viel Zeit, nicht jeder hat das Glück, den ganzen Tag zu Hause bleiben zu können.«
Die Frau redet schnell und undeutlich. Für Mara ein neuer Dialekt. Obwohl ihr Deutsch schon sehr gut ist, versteht sie vor lauter Aufregung nur die Hälfte, wahrscheinlich nicht einmal das. Instinktiv orientiert sie sich an Bildern, die sich vor ihr mit jedem Schritt auftun, und an den Gesten der Frau, die sie durch das Haus führt. Wie hatte sie sich vorgestellt? Es war irgendetwas mit L. Lena, Lisa, Lotte? Nein, Linda. Sie soll die ehemalige Assistentin sein, eine Freundin von Frau Mayerhoff, ihrer neuen Klientin, die das Ganze hier organisiert. In jeder Familie ist ein Mitglied Chef oder Chefin, manche lassen sich ewig siezen von ihr, die anderen duzen sie ungefragt von Anfang an. Der Zettel mit dem Namen und den Kontaktdaten ist in ihrer Handtasche. Mara kramt darin, holt ein Stück Papier heraus, noch bevor sie darauf schauen kann, zerknüllt sie es nervös in den Fingern.
Ihr Koffer und die Handtasche stehen im Vorzimmer. Unter ihrer Jacke, die an der Garderobe hängt, entsteht eine Wasserlache. Aus der Küche hört sie eine Espressomaschine surren, das Öffnen und Schließen von Schubladen. Die Frau kommt Mara mit einer Tasse entgegen.
»Frau Mayerhoff ist eine angenehme Patientin«, sagt sie. »Ihre Vorgängerin hat es eineinhalb Jahre bei ihr ausgehalten. Die zweite Pflegerin Jolanka, eine Landsfrau von Ihnen, ist immer noch da. Sie ist heute in der Früh nach Hause gefahren.« Mara bemerkt ihre Unruhe, am liebsten wäre ihr, die Frau ginge gleich. Warum bietet sie ihr keinen Kaffee an? Oder zumindest ein Glas Wasser? Egal. Sie hätte sowieso nichts angenommen. So nervös wie sie ist.
»Sie wissen schon, Elvira Mayerhoff kann nicht mehr sprechen.« Die Frau setzt ihren Monolog fort und deutet auf die Tür im hinteren Teil des Hauses. »Bis vor ein paar Monaten gingen wenige Silben oder kurze Wörter, aber jetzt …«, sie schüttelt den Kopf, »hat sich alles rasant verschlechtert. Weil die Muskeln schwach und angespannt sind, ist auch die Bewegung der Lippen und der Zunge eingeschränkt. Dysarthrie heißt das. Das alles wird Ihnen der Arzt erklären, der regelmäßig kommt. Manchmal ist es auch eine Ärztin, je nachdem, wer gerade Dienst hat. Alle kennen Elvira und mögen sie. Wie gesagt, sie ist eine Liebe. Kommen Sie, ich stelle sie einander vor. Aber bitte, ich habe Sie aufgehalten, Sie haben ja noch gar nicht abgelegt.«
Gemeinsam tragen sie Maras Gepäck über eine gewendelte, ein wenig knarrende Holztreppe in die Mansarde, die ab heute ihr neues Reich ist. Mara stellt ihre Sachen ab und desinfiziert sich die Hände mit einem mitgebrachten Feuchttuch. Erst dann fällt ihr auf, dass von Corona bis jetzt keine Rede war. In der Agentur musste sie ihren Grünen Pass vorlegen. Hier scheint alles lockerer zu laufen. Keine Masken, keine Abstandsregeln. Das ist gut so. Wenn man unter sich ist, kann nichts passieren.
Mara nimmt eine Mappe aus dem Koffer und geht damit ins Esszimmer, wo die Frau sie erwartet. »Das sind meine Unterlagen«, sagt sie. Die Frau blättert sie durch, ohne sie zu lesen, und legt sie zurück auf den Tisch. »Kommen Sie«, sagt sie, erhebt sich und führt Mara ins Schlafzimmer von Frau Mayerhoff. »Hallo, Elvira«, piepst sie gespielt fröhlich. »Darf ich dir deine neue Pflegerin vorstellen?«
In einem Pflegebett mit elektrischen Hebern liegt in edler, cremefarbener Satinbettwäsche eine Frau unbestimmten Alters, deren rot gefärbtes Kurzhaar aus der Trostlosigkeit des Zimmers heraussticht. Mara macht einen Schritt auf die Patientin zu und bleibt etwa zwei Meter vor ihrem Bett stehen. »Guten Tag, ich bin die Neue.« Keine Reaktion. Erst dann bemerkt sie die verkrampften Hände und den nach hinten verdrehten Kopf. Ratlos wendet sie sich ihrer Begleiterin zu.
»Wie gesagt«, flüstert diese, »das mit der Kommunikation ist eine besondere Sache. Wir verwenden dazu einen Computer mit Augensteuerung.«
»Was?«
»Hier steht das gute Stück.« Sie deutet auf ein Gestell in der Ecke des Zimmers, auf dem ein mittelgroßer Bildschirm montiert ist. »Morgen gleich in der Früh kommt Elviras Vater. Vielleicht sogar heute. Herr Baumgartner kennt sich damit aus und wird Sie einschulen.«
»Und Sie meinen … Ich habe keine Erfahrung damit … Niemand hat mir gesagt … Ist dafür nicht eine Spezialausbildung notwendig?«
»Doch, natürlich, aber das werden Sie schon lernen«, antwortet sie. »Es ist nicht schwer. Und auch den Umgang mit den Überwachungskameras wird er Ihnen erklären. Das Hauptgerät hängt hier.« Sie zeigt an die Decke, von der ein überdimensionales Auge auf das Pflegebett gerichtet ist. »Die Kamera überträgt die Bilder auf zwei Monitore. Einer steht in der Küche und der zweite in Ihrem Zimmer. So werden Sie immer wissen, was Elvira tut. Das ist wichtig. Sie könnte sich verschlucken oder an Erbrochenem ersticken. Oder … Mein Gott, einmal ist sie aus dem Bett gefallen, trotzdem erlaubt sie es uns nicht, das Bettgeländer anzubringen. Es engt sie angeblich ein. Sie müssen ständig mit Unerwartetem rechnen und sie immer im Blick behalten. Tag und Nacht. Und das hier ist Enrico«, redet sie wie aufgezogen weiter und grinst. Sie tippt auf ein weißes Armband mit einem roten Kugelknopf an Elviras linkem Unterarm. »Der Panikknopf für Notfälle. Sieht doch ein bisschen wie eine Clownsnase aus. Deshalb auch der lustige Name. Kennen Sie Enrico? Das war der Spaßmacher von Am dam des, der Kindersendung von früher. Die Kinder liebten Enrico. Elvira auch. Egal. Wenn sie Sie braucht und noch in der Lage ist, drückt sie auf den Panikknopf. Es reicht, mit dem Arm gegen die Bettkante zu stoßen und der Alarm geht los.« Um es zu demonstrieren, drückt sie auf die rote Clownsnase. Ein schriller Ton erklingt im ganzen Haus. »Ausschalten können Sie ihn direkt am Armband oder auf Ihrem Handy«, schreit sie in das Geheule und schaltet es an Elviras Armband wieder ab. Stille. »Die App wird Ihnen später auch Herr Baumgartner installieren. Sprechen Sie ihn darauf an.
Hier ist meine Visitenkarte. Die Geschäftsnummer ist nur für Notfälle. Wenn das Handy aus ist oder besetzt, schicken Sie eine Nachricht, ich melde mich, sobald ich kann. Um fünf kommt eine Krankenschwester, die Ihnen zeigen wird, wie Sie die Magensonde bedienen. In der Speisekammer stehen die Kartons mit der Nahrung, die Sie dann jeden Monat bestellen werden. Benutzen Sie den Computer, der im Esszimmer steht, das Passwort finden Sie auf einem Klebezettel gleich daneben. In diesem Heft ist alles aufgelistet, was Sie zu tun haben, alle notwendigen Nummern, Ärzte, Therapeutinnen, Masseur, der Tagesplan. Ohne eine strikte Tagesstruktur würde es nicht funktionieren, das werden Sie bald verstehen. Aber was erzähle ich Ihnen. Es war eine unserer wichtigsten Bedingungen, nur jemanden einzustellen, der gut ausgebildet ist und Erfahrung in der Pflege hat. Ihre Agentur hat Sie uns empfohlen. Darauf muss ich mich verlassen. Das wissen Sie doch selbst. Es ist so schwer, qualifiziertes Personal zu finden.« Kurzerhand macht die Frau kehrt und verlässt das Schlafzimmer, winkt Mara, ihr zu folgen.
»Ah, bevor ich es vergesse, zum Abendessen machen Sie sich, worauf Sie Lust haben. In der Speis und im Kühlschrank finden Sie alles: Spaghetti, Reis, Fleisch, Gemüse. Jolanka hat für Sie eingekauft. Es ist genug da für die erste Woche. In der roten Geldbörse auf dem Küchentisch ist das Einkaufsgeld für später, der nächste Supermarkt ist nur zehn Minuten entfernt. Der Bauernmarkt findet jeden Donnerstag und Samstag statt. Bei schönem Wetter können Sie auch Elvira mitnehmen. Vorausgesetzt, sie fühlt sich gut und möchte mitgehen. Bitte respektieren Sie ihren Willen. Immer. Und ganz wichtig: Heben Sie alle Rechnungen auf und schreiben Sie sämtliche Ausgaben in das Wirtschaftsbuch. Das erleichtert uns das Abrechnen.«
Die Frau kippt im Flur den Rest Espresso runter, richtet vor dem Spiegel über der Kommode ihre Frisur, presst die Lippen aufeinander, berührt mit Zeigefinger und Daumen die Mundwinkel, als überlegte sie, ob sie Lippenstift auftragen soll, lässt es aber bleiben. In dem Moment läutet ihr Handy, sie hebt ab und vertröstet den Anrufer am anderen Ende der Leitung auf später.
»Und noch etwas, nennen Sie sie Frau Professor. Zumindest ab und zu. Das mag sie. Sie hat den Titel bekommen, als sie schon krank war. Zur Aufmunterung sozusagen. Früher hätte sie sich darüber lustig gemacht, aber als es so weit war, nahm sie die Ehre gern an.« Die Frau eilt zur Haustür. »Pfiat di, Elvira«, ruft sie noch in Richtung Schlafzimmer. »Ich komme in ein paar Tagen wieder, macht es euch miteinander gemütlich.« Der silbergraue SUV vor dem Haus heult kurz auf, bevor er um die Ecke verschwindet.
Inzwischen hat es aufgehört zu regnen. Mara macht die Eingangstür zu, dreht den Schlüssel im Schloss um, atmet mehrmals tief durch. Sie hört das Ticken einer Wanduhr und das Kühlschranksurren, ansonsten nur Stille. Vorsichtig öffnet sie einige Türen und wirft einen kurzen Blick hinein. Im Badezimmer wäscht sie sich gründlich die Hände, trocknet sie mit einem kleinen Handtuch ab, auf dem blaue Delfine aufgedruckt sind. Dann geht sie unsicher den Gang entlang, klopft leise an die offene Schlafzimmertür und tritt erneut ein. Elvira Mayerhoff liegt unverändert im Bett. Ihre Augen starren sie an.
»Ich heiße Mara«, sagt diese aus Verlegenheit. Aus sicherer Entfernung schaut sie ihre Klientin stumm an, fischt nach Worten, die ihr einigermaßen bekannt vorkommen, ist aber mit der nonverbalen Kommunikation durchaus zufrieden. Trotzdem tut sie so, als ob sie die Situation voll im Griff hätte. Jetzt geht es um die Patientin. Sie soll ihr vertrauen und sich sicher fühlen. Das ist in dieser Situation das Wichtigste. Um ihr Unvermögen zu überspielen, mit der Fremdsprache sofort richtig umzugehen, fragt sie langsam und deutlich wie in einem Deutschkurs: »Möchten Sie eine Tasse Tee?«
Die Frau nickt fast unmerklich, schon eilt Mara dankbar, der Fremdheit zu entkommen, die zwischen ihnen wie eine Mauer steht, in die Küche. Sie setzt Wasser auf und durchsucht die Schränke nach Kanne, Tassen und Teebeuteln. Dann sieht sie eine Schnabeltasse im Regal stehen und begreift sofort, dass sie in diesem Fall das richtige Trinkgefäß ist.
Medizinische Ausbildung, im Idealfall ein erlernter Pflegeberuf und Deutsch auf kommunikativer Ebene sind die Voraussetzungen, die die Agenturen verlangen. Üblicherweise genügt ein Pflegekurs von 220 Stunden, der im eigenen Land zu absolvieren ist, noch mehr aber zählt ein Diplom der Krankenpflegeschule. Und wer drei Jahre Deutschunterricht nachweisen kann, hat schon den Stempel auf dem ersten Auftrag sicher. »Die genaue Adresse bekommen Sie nach der Bezahlung der Vermittlerprovision«, sagte die Agentin, eine blond gefärbte Landsfrau, die Mara bisher alle Stellen vermittelt hatte.
Deutsch auf kommunikativer Ebene. Was heißt das? Guten Tag, gute Nacht und auf Wiedersehen, vielleicht diverse Fragen – Wie geht es Ihnen? Wie spät ist es? Wissen Sie, wann der nächste Bus in die Stadt fährt? Wie soll sie aber einen Arzt oder die Rettung rufen, wenn es zu einer Krise kommt? Der Deutschunterricht ist schon lange her, die Vokabeln irgendwo im Hinterkopf gelagert. Sie rechtzeitig abzurufen, braucht Übung.
An ihrer ersten Pflegestelle in Österreich arbeitete Mara damals nur kurz. Kaum hatte sie sich im Haus ihrer Klientin eingerichtet, starb diese. Außerdem sprachen die beiden wenig miteinander, die alte Dame hatte einige Monate zuvor einen Schlaganfall erlitten. Trotz der Kur und vieler Logopädiesitzungen konnte sie nur undeutlich und nur ganz wenige Wörter aussprechen. Wasser, sitzen, Fenster auf, Fenster zu, Kopf heben, Polster. Aua. Es tut weh. Ein optimaler Wortschatz für eine in Österreich arbeitende Slowakin.
Nach dieser ersten Arbeitsstelle bekam Mara zwei weitere Klienten. Aber die genügten, ihre Illusionen, die sie sich von Österreich gemacht hatte, gänzlich abzulegen. Hatte sie Pech oder waren die Österreicher wirklich so? Herrschsüchtig, geizig und herzlos? Erst an der vierten Stelle blieb sie fast ein Jahr. Ihr Klient war ein Herr mit starkem Diabetes, übergewichtig und pflegebedürftig, der allein in einer Wohnung lebte. Es war eine sehr schwere Arbeit, für Gespräche blieb ihnen wenig Zeit. Zum Glück war der Mann aber mit Maras Fürsorge zufrieden, lobte sie viel, sodass sie so lange blieb, bis er eines Tages friedlich einschlief.
Das Einzige, was ihr an allen bisherigen Stellen Freude gemacht hatte, war die Sprache, die sie anfangs nur notdürftig beherrschte, auf die sie aber unendlich neugierig war. Fleißig büffelte sie Vokabeln, las in ihren alten Schulbüchern, an den Abenden versuchte sie in einem Online-Deutschkurs, der fremden Sprache auf den Grund zu gehen. Über jedes neue Wort, jedes Idiom, das sie im Alltag verstand und irgendwann anwenden konnte, freute sie sich wie ein kleines Kind. Mit der Zeit war sie fähig, Zeitung zu lesen, Sitcoms im Fernsehen zu folgen und problemlos mit den Klienten und ihren Angehörigen zu kommunizieren. Mara war stolz auf sich.
Auf der Straße, in den Geschäften und mit den Ärzten, die hin und wieder ins Haus kamen, sah es anders aus. Ein Stakkato an Wörtern flog ihr entgegen, zwischen denen sie hin und wieder eines heraushörte, das mit dem Dialekt ihrer Babka eine Ähnlichkeit hatte. Richtovať (richten), pucovať (putzen), bríle (Brille), hic (Hitze), foter (Vater), cverna (Zwirn), pilulky (Pillen, Tabletten), šláfrok (Bademantel), ancug (Anzug), duchna (Tuchent), meigot (mein Gott), šlofík (Schläfchen). Nie im Leben hätte sie gedacht, dass ihr die Sprache ihrer Großmutter, die ihr immer komisch vorgekommen war und für die sie sich als Kind vor den Schulfreundinnen geschämt hatte, so hilfreich sein würde.
Mara kannte die derb klingenden Wörter aus Modrany, verstand und benutzte sie so selbstverständlich wie Babka ihre Kochlöffel. Für die Stadt aber musste sie sie von ihrer Derbheit befreien, abrunden, abstauben, weicher machen, um sich unter den »gebildeten« Menschen verständlich zu machen.
Die Alten, cvancigujú, sagte man bei ihnen im Dorf und meinte damit, sie redeten ein Kauderwelsch aus slowakischer Hochsprache und irgendwelchen eingeschleppten Wörtern aus der Zeit der Monarchie, als die Großväter und Großmütter nach Österreich zum Arbeiten gingen, auf Baustellen Wände hochzogen und Zement mischten oder Knödel in herrschaftlichen Küchen rollten. Die böhmischen Köchinnen waren in Wien weltberühmt, auch wenn sie oft Slowakinnen waren.
Wenn Babka bügeln ging, sagte sie, sie gehe piglovať. Vorher machte sie das piglajs (Bügeleisen) heiß und ošpricovala (bespritzte, besprenkelte) die Hemden und Laken, damit sie feucht und leichter zu glätten waren. Die zusammengelegte Wäsche legte sie in den kasňa (Kasten), die Vorräte bewahrte sie in der komora (Vorratskammer) auf, das Wasser vom Brunnen holte sie im kýbel (Kübel) ins Haus und trug in ihrer fertucha (Vortuch, Schürze) stets ein sauberes štuptychel (Schnupftuch, Taschentuch).
»Šmakuje?« (schmeckt’s), fragte sie ihre Enkelin beim Essen. Fast jeden Tag kochte sie auf dem alten šporhelt (Sparherd, den elektrischen Herd benutzte sie nur zum Aufwärmen der Speisen) und bereitete darauf ihre špeciality zu. Am Vormittag legte sie Holzscheite ein, zündete papír (Papier) an und los ging’s. Am Speiseplan standen krumple (kommt von dem alten deutschen Wort Grumbeeren, Grundbirnen, Kartoffeln), die sie in ihrem Garten zog, nokle, fašírky (faschierte Leibchen), grísšmarn, granadír marš, palacinky, am Sonntag in prézle panírované šnicle (in Bröseln panierte Schnitzel) und als Nachspeise im dynst (Dunst) gedämpfte buchty (Buchteln).
»Kind, hast du auch warme fusakle (Socken) an?«, rief sie der kleinen Mara jedes Mal nach, bevor sie nach draußen rodeln ging. Sie richtovala (richtete) ihre Mütze und den kragel (Kragen), stülpte ihre kapucňa (Kapuze) über den Kopf, band den Schal fester um den Hals und sagte: »Na lauf schon, ancvajdraj (eins, zwei, drei). Pass auf dich auf und brich dir nicht die haxne (Beine).« Und wenn sie trotzdem mit einer Beule am Kopf nach Hause kam, tröstete sie sie unnachahmlich mit nekrenkuj sa (kränk dich nicht) oder ermahnte sie, wenn sie zu sehr lamentierte, nicht háklivá (heikel) zu sein, weil sie schon ein großes Mädchen sei.
Auf dem gánek (Gang) kehrte die Großmutter den Schnee von Maras Schuhen und der Hose mit einem portviš (Bartwisch) herunter, half ihr beim Ausziehen und schickte sie ins cimra (Zimmer). Aus der kredenc (Kredenz) holte sie zwei šálky (Schalen) und schenkte heißen Tee ein. Ihr Dedko ging manchmal am Abend in die šenk (Schenke, Wirtshaus) zum Kartenspielen. Wenn er zurückkam, holte er aus seinem alten Geigenkasten die Geige heraus und fidlikoval (fiedelte) darauf die schönsten Kinder- und Volkslieder, die Mara bis heute in warmer Erinnerung geblieben sind. Babka und Enkelin sangen dabei, tanzten und drehten sich im Kreis.
Und wenn die Sonne hinter die sanften Ebenen des Dorfes sank, legten sich die drei zufrieden schlafen, denn sie wussten, dass sie im Winter, sollte es notwendig sein, nicht nach draußen aufs hajzel (Häusel, WC) im Hinterhof gehen mussten. Unter dem Bett stand ein šerblík (Scherben, Nachttopf) bereit, der ihnen die Plage ersparte. Das war viel komótne (kommoder, bequemer), aber vor allem wärmer.
Je länger Mara in Österreich arbeitete, je länger sie übte, umso näher kam sie den Menschen. Unter ihnen landete die neue Sprache zunächst zaghaft auf ihren Lippen wie ein Schmetterling, als ob sie, sollte Mara sie nicht lieben, jederzeit wegfliegen könnte. Aber die Sorge war unbegründet. Die neuen Wörter flossen und fühlten sich wohl bei ihr.
Schade, dass ihre Babka jetzt nicht bei ihr ist, dachte Mara oft. Sie würde ihr das Leben hier leichter machen. Zumindest sprachlich. Und auch mit ihrer Kochkunst. Österreicher lieben die klassische Hausmannskost, davon konnte sie sich schon an ihren früheren Stellen überzeugen. Auch wenn ihre erste Klientin kaum etwas sagte und wenig aß – sie konnte nur mit größter Mühe schlucken –, sah Mara ihr an, dass ihr ihre Speisen schmeckten.
Mara brüht den Tee auf, und während er zieht, schaut sie aus dem Fenster. Vor dem Nachbarhaus parkt gerade ein Auto ein. Curiguje (fährt zurück), hätte ihre Babka gesagt, und sie muss lächeln. In dem Moment spürt sie, sie ist hier nicht ganz allein. Und tatsächlich. In einem der Fenster nebenan taucht ein Mädchen hinter der Glasscheibe auf. Sie lehnt an der Fensterbank, zwischen zwei Blumenstöcken sitzt eine weiße Katze. Als das Mädchen Mara bemerkt, lächelt sie schüchtern und winkt. Danach verschwindet sie hinter dem Vorhang. Nur die Katze bleibt bewegungslos sitzen.
Mara verlässt die Küche, schlendert wieder durch das Haus und schaut sich die Räume im Erdgeschoß noch einmal genauer an. Sie wirken auf sie wie ein Museum. Ein Arbeitszimmer, eine Bibliothek, ein Wohnzimmer. Viele Bücher, alte Ölgemälde, Perserteppiche, Kristallgläser in den Vitrinen. Am Ende des Flurs das Krankenzimmer. Mara betritt es erneut und stellt sich ans Fußende des Bettes. Sie schaut die rothaarige Frau prüfend an. Sie scheint sehr schlank zu sein, weil ihre Bettdecke sich kaum wölbt. Stille. Mara überlegt, einen Schritt vorzugehen, die Distanz zwischen ihnen zu verringern. »Was darf ich für Sie tun?«, fragt sie.
Elvira Mayerhoff deutet Mara, sich neben sie zu setzen. Diese schiebt den Rollstuhl, der davorsteht, zur Seite und sinkt in einen alten Samtsessel, der schmerzlich aufquietscht. Erst dann spürt sie im Rücken etwas Weiches. Sie greift nach hinten und zieht einen Plüschhasen und gleich danach einen wuscheligen Teddybären hervor. Mara begreift sofort, dass die Plüschtiere für ihre Klientin eine wichtige Rolle spielen, und setzt sie behutsam auf den Stuhl vor dem Fenster. Ein Paar hellbraune Augen begleiten sie auf Schritt und Tritt. Die Frau ist sehr krank, wirkt aber trotzdem gepflegt. Das Oberteil ihres hellblauen Pyjamas ist perfekt gebügelt, es sieht aus wie eine Seidenbluse.
Nach einer Weile holt Mara den abgekühlten Tee aus der Küche. Vorsichtig richtet sie die Patientin auf, stützt ihren Rücken und setzt ihr die Schnabeltasse an die Lippen. Elvira Mayerhoff trinkt einen Schluck. Mehr nicht. Danach verzieht sie ihr Gesicht, hustet. Speichel rinnt von ihrem linken Mundwinkel herunter. Mara wischt ihn schnell mit einem Papiertuch ab und legt die Frau, die sie an ein verletztes Tier erinnert, vorsichtig zurück auf das Polster. Als Mara noch ein Kind war, kümmerte sie sich öfter um verletzte Vögel, Frösche, Molche oder Igel, die sie, wenn sie den Lebenskampf verloren hatten, im Garten begrub. Warum erinnert sie sich gerade jetzt daran?
Stille. Was sie mit ihr sprechen soll, fragt sich Mara. Ihr Leben ist so gewöhnlich, so langweilig. Es wäre viel besser, ihre Klientin würde erzählen. Sie, die immer noch schöne, gebildete Frau, die sicher viel erlebt, ferne Länder bereist, interessante Persönlichkeiten kennengelernt hatte. Man sieht es den Menschen oft an, was sie in ihrem Leben antreibt, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.
Auf dem Nachtkästchen steht ein Foto, auf dem ein junger Mann zu sehen ist. Mara schweigt, senkt den Kopf und sieht die Frau im Bett unsicher an. »Ihr Sohn?«, fragt sie. Elvira Mayerhoff nickt.
Die Luft im Zimmer ist stickig.
»Soll ich das Fenster öffnen?«, fragt Mara daraufhin.
Erneutes Nicken. Mara steht auf, zieht die Vorhänge zur Seite, öffnet das Fenster, spürt die hellbraunen Augen auf dem Rücken. Wie kleine Kletten hängen sie an ihr, sie spürt sogar ein zartes Kitzeln.
Der Himmel, immer noch wässrig grau, gehört wieder den Krähen, die dort ihre Kreise ziehen. Der Frühherbstnebel umwickelt eine der Thujen mit seinen silbergrauen Perlen. Sie haben sich in einem Spinnennetz verfangen, baumeln in der Luft, fallen tröpfchenweise ab und verschwinden lautlos im Gras. Und während Mara in die Ferne sieht, erblickt sie weit hinten einen Spalt zwischen den Wolken, durch den Sonnenstrahlen wie goldene Nadeln stechen. Als Kind dachte sie immer, es seien die Engel, die nach ihr greifen und sie streicheln würden.
Mara atmet die frisch gewaschene Luft tief ein, kostet sie aus, zieht sie wie eine heilende Essenz gegen die Angst in sich hinein. Ihre Schultern, ihr Nacken entspannen sich ein wenig. Die Natur hilft. Sie rückt vom Fenster ab, wendet sich wieder der Patientin zu, drückt ihre Hände, versucht damit zu sagen, »Sie brauchen keine Angst zu haben, ich bin bei Ihnen.« Diese schaut Mara an und lächelt ein wenig.
Professor Elvira Mayerhoff ist laut ihrer Krankenakte 49 Jahre alt und leidet an ALS, einer seltenen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Ihre ehemalige Assistentin und Freundin Linda Skrbensky, Mara hat endlich den Zettel mit ihrem Namen gefunden, wünscht, dass die Pflegerinnen sie Frau Professor nennen. Das sei in Österreich so üblich, sagte sie. Alle Titel würden wie Orden sichtbar getragen, regelmäßig poliert und den anderen gern unter die Nasen gehalten. Denn nur wer hochdekoriert sei, sei hier jemand.
Einmal sah Mara die Fernsehübertragung einer großen Veranstaltung im Wiener Rathaus. Bunt und schrill. Alle waren da – Politiker, heimische und internationale Prominenz, Sterne und Sternchen und Paradiesvögel, die, weil sie sonst nicht viel zu bieten hatten, mit ihrer verrückten Kleidung und ausgefallenen Frisuren auf sich aufmerksam machten.
Viele Herren trugen ihre Orden am Revers, manche waren mit Ehrenzeichen richtiggehend tapeziert, aber es gab auch zahlreiche Damen, die ihre ausladenden Roben rund um das Dekolleté mit Medaillen schmückten – in Gold, Silber, mit oder ohne Band. Das wirkte eigenartig auf Mara, denn Medaillen und Orden verband sie bis dahin nur mit Soldaten und gewonnenen Schlachten. Ja, wenn sie darüber nachdachte, so manche Dame wirkte mit den Abzeichen auf der ausladenden Brust wie ein General.
Ihre Frau Professor war in ihrem früheren Leben eine Musical-Tänzerin, später Choreografin an verschiedenen Theaterbühnen der Welt. Das hatte ihr diese Linda gleich zu Beginn erzählt und stolz auf die Fotos gezeigt, die an den Wänden in allen Zimmern und auf dem Flur hängen. Darauf ist eine attraktive und durchtrainierte Frau mit berühmten Stars aus dem Showgeschäft zu sehen: selbstbewusst, verwöhnt vom Ruhm, gepflegt, modisch gestylt. Die strahlende Diva auf den Fotos hat fast nichts mehr gemein mit der Frau, die im Schlafzimmer in ihrem Pflegebett unter der glänzenden Satinbettwäsche liegt.
Der weitere Tag ist für Mara sehr herausfordernd. Kaum war Linda weg und Mara damit beschäftigt, nach der Kranken entweder in ihrem Zimmer oder auf einem der Monitore zu schauen, läutet es an der Tür. Es ist die Ärztin in Begleitung eines Pflegers. Dr. med. Sonja Wildner, so steht es auf ihrer weißen Jacke, erklärt Mara die Medikation und untersucht die Kranke – Blutdruck, Puls, Temperatur. Sie horcht ihr Herz ab, prüft die Reflexe, schaut ihr in den Mund und in die Nase, mit einem Stift leuchtet sie in ihre Augen. »Alles im grünen Bereich«, vermeldet sie. Was auch immer das heißen mag. Der Pfleger, der sich als Jo vorstellt, zeigt Mara die Abläufe mit der Magensonde. Das Anstecken, Ankuppeln, Abstecken, Waschen, Desinfizieren. Schläuche, Zwischenmuffen aus Plastik, einen großen Beutel mit der Nahrung, den man an einem Ständer aufhängen muss, damit der Brei frei fließen kann. Beim Anblick seiner schnellen Bewegungen überströmt Mara Schweiß bis in die Haarspitzen.
»Das ist eine perkutane endoskopische Gastrostomie, die sogenannte PEG-Sonde. Schau, das ist dieser Schlauch, der mit kleinen Platten unter und über der Bauchdecke fixiert ist, damit er nicht verrutschen kann. Und hier setzt du den zweiten an, der zur Nahrung führt. Und dass du dabei penibel hygienisch vorgehen musst, brauche ich dir nicht zu erzählen.«
»Jaja … Und das soll ich mir alles merken?«, fragt Mara besorgt.
