Tanzkavalier Gesucht - Annina Boger - E-Book

Tanzkavalier Gesucht E-Book

Annina Boger

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Beschreibung

Neuer Job, neuer Wohnort – fehlt nur noch die neue Liebe! Marina D'Amato, geschiedene Single, lernt auf dem Parkett einige Tanzkavaliere kennen. Aus der Wohnung nebenan erklingt ein hinreißendes Summen. Doch zu wem gehört diese maskuline Stimme? Handlung: Frühling ... Marinas neue Wohnung grenzt direkt an das Badezimmer ihres Nachbarn. Dieser Mann singt und summt zu jeder Tageszeit – und raubt ihr den Schlaf. Dabei sollte sie fit sein für ihren anspruchsvollen Job an einer Schweizer Touristikschule. Seit ihrer Scheidung vor zwei Jahren ist Marina Single. Da hilft nur eines: Mutig begibt sie sich auf das Tanzparkett, wodurch sich ihr Bekanntenkreis und ihre Erfahrungen um einige Kavaliere erweitern. Ausgerechnet als sie mit Herausforderungen eingedeckt ist, trifft eine erschreckende Nachricht von ihrem Ex-Mann Jochen ein. Dies weckt unangenehme Erinnerungen in ihr. Bis zum Advent scheint die Partnersuche im Sand zu verlaufen, doch Marina gibt nicht so schnell auf. Schließlich gibt es viele Wege, jemanden kennenzulernen. Wird sie es noch rechtzeitig zum Fest schaffen? Neu bearbeitete E-Book-Ausgabe V9 des Taschenbuchs: WEIHNACHTSKAVALIER GESUCHT von Annina Boger, Edition Winterwork 2012, ISBN 978-3864682704. Anzahl Seiten: 287, Anzahl Wörter: ca. 53'700 (plus Anhang). Meinungen dazu: "... ein heiterer, unterhaltsamer Roman über eine Frau auf der Suche nach einer neuen Liebe. Obwohl die Handlung sich eher ruhig und langsam entwickelt, schafft es die Autorin, keine Langeweile aufkommen zu lassen: Marinas Gedanken und Gefühle werden anschaulich beschrieben, die Beobachtungen manchmal mit etwas Humor gewürzt und auch die Geschichte selbst ist nicht so durchschaubar, wie man anfangs vielleicht denkt (...). Kandara".

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Tanzkavalier gesucht

Zu diesem Buch

Prolog – Jeder Abschied ist ein Anfang

Kapitel 1 – Lockrufe

Kapitel 2 – Erste Symptome

Kapitel 3 – Ein Hochzeitsfall

Kapitel 4 - Ein Hilferuf

Kapitel 5 – Botschaften

Kapitel 6 – Anwaltsbesuch im Tessin

Kapitel 7 – Ein Tanzkavalier

Kapitel 8 – Herzklopfen

Kapitel 9 – Widersprüchliche Signale

Kapitel 10 – Erdbeertörtchen mit Chili

Kapitel 11 – Wellness de luxe

Kapitel 12 – Bauchlandung

Kapitel 13 – Aschenputtels Vaterprinz

Kapitel 14 – Blanke Nerven

Kapitel 15 – Rivalen

Kapitel 16 – Archi-bald

Kapitel 17 – Verwünschter Likör

Kapitel 18 – Der Tag danach

Kapitel 19 – Ablenkung

Kapitel 20 – Unvollendetes Schloss

Kapitel 21 – Eine Weihnachtsgabe

Kapitel 22 – Vorahnungen

Kapitel 23 – Unverhoffte Wende

Kapitel 24 – Der Hagestolz

Kapitel 25 – Kampf um Ziele

Kapitel 26 – Frühlingsgefühle

Kapitel 27 – Wundersames Kind

Kapitel 28– Ein Jahr danach

Bücher von Annina Boger

Annina Boger Romance Liebesromane

Kinderbücher von Annina Boger

Annina Boger Erzählungen

Annina Boger, Schriftstellerin

Dankeschön

Copyright und Impressum

Tanzkavalier gesucht

Roman

Annina Boger

Annina Boger Romance Liebesroman Band 1

Vollständig überarbeitete und erweiterte E-Book

Fassung (V10), herausgegeben November 2018 von:

SchreibARTelier Gerber Germany

Anzahl Wörter: ca. 62‘800 (plus Anhang)

Anzahl Seiten Taschenbuchausgabe: 308

© 2011-2018 Copyright geschütztes Material.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieser Roman ist auch als Taschenbuch bestellbar:

Tanzkavalier gesucht, Annina Boger

epubli Berlin 2018, ISBN 978-3-7467-6622-5

Zu diesem Buch

Neuer Job, neue Wohnung – fehlt nur noch die neue Liebe! Frühlingsduft liegt in der Luft, als Single Marina D’Amato beschließt, ihre Liebesbilanz anzukurbeln. Aber erst fordert sie der berufliche Wiedereinstieg, dann flattert ihr eine fiese Nachricht vom Ex-Mann ins Haus. Das beschwört Erinnerungen herauf, die sie lieber aus dem Gedächtnis streichen würde.

Marinas Dachwohnung grenzt ans Badezimmer ihres Nachbarn. Mal vernimmt sie sein Hüsteln, mal ein hinreißendes Trällern, weshalb sie es kaum erwarten kann, diesen widersprüchlichen Mann kennenzulernen. Beim Tanzen kann Marina Dampf ablassen und mehrere attraktive Kavaliere wirbeln ihren Alltag auf. Sie aber sehnt sich nach einer erfüllenden Liebesbeziehung. Als die Adventszeit naht, setzt sie alles auf eine Karte, um ihren Mister Right zu gewinnen. Welche Liebesbilanz wird sie zum Jahresende ziehen?

Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt an der spanischen Mittelmeerküste ist Annina Boger vor einigen Jahren von der Schweiz nach Bayern gezogen. Hier schreibt die Schweizer Schriftstellerin, Auftragsbiografin und begeisterte Hobbyfotografin vorwiegend bunte Kurzgeschichten wie »HEITER BIS BEWÖLKT – 9 Erzählungen«, Abenteuermärchen wie die fröhlich illustrierte Kinderbuch-Reihe »WINTERFEE CHIARINA« und romantisch-heitere bis sinnlich-spannende Liebesromane.

Prolog – Jeder Abschied ist ein Anfang

Eine hektische Arbeitswoche in der Fachschule für Touristik lag hinter Marina D'Amato, als sie Ende Juni 2009 aus dem Postauto stieg. Sie schlenderte zu dem ehrwürdigen Gebäude hinüber, in dessen Dachgeschoss sie seit einer gefühlten Ewigkeit hauste – regelrecht eingequetscht zwischen zwei Appartements.

In Erwartung der üblichen Werbesendungen öffnete sie lustlos den Briefkasten und zog eine Versandtasche heraus. Ihr Puls beschleunigte sich. Vielleicht hatte sie was gewonnen? Sie beteiligte sich an jedem halbwegs seriösen Gewinnspiel, das ihr vor die Augen kam, was ihr einige kleinere Preise beschert hatte.

Vergebens suchte sie nach dem Absender, konnte auch den verschmierten Poststempel nicht entziffern. Da hatte jemand auf Nummer sicher gehen wollen und kreuz und quer Klebeband über dem Umschlag verteilt. Auf den Stufen zum Dachgeschoss im vierten Stock zupfte sie ungeduldig daran und wollte soeben in ihre Singlewohnung schlüpfen, als ein stattlicher Herr mit Reisegepäck aus der Nachbarstür trat.

»Hallo, Marina, wie geht es dir?« Er stellte Koffer und Reisetasche ab und verriegelte gewissenhaft.

Sie sah zerstreut zu dem Hünen auf, weil die Frage, welche Schätze sie gewonnen oder wer an sie gedacht haben könnte, ihre volle Aufmerksamkeit erforderte.

»Hallo Archibald, danke und dir?«

»Ich möchte mich noch verabschieden. Alles Gute für dich und ein schöne Zeit!« Das klang unverbindlich, nur die Hand, die ihre Finger umfasste, bebte leicht. Weiche Männerlippen, umgeben von den rauen Härchen eines Dreitagebartes, streiften Marinas Wangen.

»Danke, für dich auch«, murmelte sie, den Blick schon wieder auf die geheimnisvolle Hülle gerichtet.

Ihr Nachbar polterte mit seinem Gepäck durchs Treppenhaus.

Marina trat ein, gab der Tür einen Stups mit der Hüfte und streifte die Handtasche von den Schultern.

In diesem Moment traf sie die Erkenntnis.

Archibald hat sich verabschiedet. Für immer! Und ich habe ihn einfach so gehen lassen. Ihr Herz zog sich zusammen, eine Träne rollte über ihre Wange. Sie wischte sie fort und straffte sich.

Denk vorwärts, Marina!

Sie schlitzte den Umschlag auf, zog eine in mehrere Papierbogen eingewickelte Tonbandkassette heraus. Ungeduldig löste sie die Schleife darum. Während sie die mit kühner Handschrift verfassten Zeilen überflog, ging der Sturm in ihr in ein sanftes Wogen über und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.

Erinnerungen stiegen auf, so intensiv, dass sie sich einen Augenblick setzen musste. Ob die Ereignisse anders verlaufen wären, wenn sie Ursus früher kennengelernt hätte?

Kapitel 1 – Lockrufe

In Marinas Schlummer drangen vielfältige Laute, die sich mit ihren Traumbildern zu einem bunten Reigen vermischten. Leise seufzend tauchte sie aus den Tiefen ihres Unbewussten auf in die Realität eines Samstagmorgens Anfang April des Jahres 2008.

Mit geschlossenen Lidern lauschte sie dem Vogelkonzert aus dem Garten. Gewiss hielten die eifrigen kleinen Sänger Konferenz, wie sie das Wochenende gestalten wollten. Jeder von ihnen schien mit besseren Argumenten – sprich vielfältigeren Gesangsvarianten – die zwitschernden Gesellen überstimmen zu wollen.

Doch was war das? Ganz in der Nähe begann eine hinreißende Männerstimme zu summen. Mit einem Ruck setzte Marina sich auf, als die Summtöne in ein heiteres Trällern übergingen. Sie begann, die Geräuschquellen zu orten.

Von nebenan hustete und räusperte es seit Tagen durch die dünne Wand rüber: Das morgendliche Ritual ihres unbekannten Nachbarn zur Rechten. Vermutlich litt der alte Mann an bösem Raucherhusten oder an Bronchialasthma, denn es klang oft so beängstigend, als ersticke der arme Kerl demnächst.

Sicher verdankte sie es einem fiesen Karma, dass sein Badezimmer direkt an ihr Wohnschlafzimmer grenzte und selbst der Kleiderschrank, die Bücherregale und der Schreibtisch den Lärm nicht ansatzweise dämpften. Mehr konnte sie, neben dem schmalen Bett, einem Nachttisch und dem Zweiersofa, beim besten Willen nicht in dieses Zimmer quetschen.

Den Grund für des Nachbars Leiden würde Marina noch herausfinden, vorerst lenkte ein durchdringender Lärm sie ab. Die Wohnung unter ihr wurde renoviert, seit Tagen drang das Nerv tötende Schlagen, Hämmern und Bohren der Handwerker zu ihr hoch. Selbst heute ratterte alle paar Minuten eine Bohrmaschine.

»Aber doch nicht am Wochenende und dazu noch vor acht Uhr morgens«, stöhnte Marina und zog die Decke bis über beide Ohren, was ihr wenig half.

Sie horchte auf, als erneut jene fröhliche Singstimme einsetzte. Diese war eindeutig neu und schreckte Marinas urweibliche Instinkte auf, die seit ihrem Ehefiasko vor zwei Jahren brav vor sich hin gedämmert hatten und gefälligst weiter im hintersten Winkel der untersten Schublade ihres Triebe-Archivs vermodern sollten. Trotzdem lauschte sie den schmeichelnden Tönen, taumelnd zwischen Angst und Entzücken.

Wer wagte es, ihre innere Ruhe zu gefährden? Ihr Nachbar zur Rechten konnte es unmöglich sein, keiner konnte gleichzeitig bellen wie ein Totgeweihter und trällern wie ein junger Spund! Frau Caduff und Frau Spillmann zur Linken kamen auch nicht infrage. Seit ihrem Einzug hatte Marina so gut wie nichts von den beiden verwitweten Schwestern gehört, die sich als angenehme und ruhige Nachbarinnen erwiesen. Was nicht zuletzt daran lag, dass deren Wohnung an ihre schmale Küche grenzte.

Dafür waren von frühmorgens bis spätabends schwere lateinische Choräle aus der Wohnung unter ihr heraufgedrungen. Dort hatte ein Rentner gewohnt, der klassische Musik bevorzugte, weshalb Marina froh war um ihren CD-Player, den sie ohnehin rege benutzte.

Die Musikrichtung wählte sie je nach Stimmung. Es durfte durchaus Klassik sein, jedoch nie eintönig. Sie zog berauschende Werke vor: dramatisch aufwühlend, festlich schmetternd, zart jubilierend, leicht tändelnd, in Liebestaumel versinkend, spitzzüngig scharfsinnig oder komisch räsonierend.

Ferner enthielt ihre CD-Sammlung Oldies und Chansons, Popmusik, Evergreens und Country Songs. Oder Walzer. Walzer waren ihre Favoriten, dazu konnte man herrlich schunkeln, auch allein zuhause. Dafür hielt sie sich stets die Mitte ihres Wohnraums frei.

»Du hast ja einen Ballsaal hier«, hatte ihre Freundin Barbara vor Jahren ausgerufen, als sie das erste Mal bei ihr zu Besuch war.

»Hm, ich brauche Bewegungsfreiheit zum Tanzen«, hatte Marina lachend erwidert.

Inzwischen hatte Barbara sich längst daran gewöhnt, dass Marinas Möbel und Gegenstände den Wänden entlang aufgereiht waren. Aber hier erwies es sich als sinnvoller denn je. Sobald sie eine hübsche, bezahlbare Wohnung fand würde sie ausziehen. Sie schwang sich aus dem Bett und schlüpfte in ihre Pantoffeln.

Beim Frühstück lauschte sie der betörenden Männerstimme, die seit einer Stunde ohne Unterbrechung trällerte. Der Typ musste frisch verliebt sein, oder hatte ein köstliches Erlebnis hinter sich. Ob er noch solo war? Sie konnte es kaum erwarten, ihn kennenzulernen. Bis zum Mittag verwandelte sich ihre Begeisterung allerdings in eine Mischung aus Wut und Resignation. Mit seinem hinreißenden Bariton und einem unerschöpflichen Repertoire an Tönen, die vorwiegend aus seiner innersten Quelle zu stammen schienen, hatte der Unbekannte das gesamte Miethaus vereinnahmt.

Am Montagmorgen weckte erneut melodischer Gesang ganz in der Nähe sie auf. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. War es etwa doch ihr asthmatischer Nachbar zur Rechten, der soeben Ehre sei Gott in der Höhe anstimmte? Hatte dieser Kerl denn zwei Seelen in der Brust?

Sie bezwang ihren Impuls, herzhaft mitzusingen. Was würde Herr Unbekannt sich denken, wenn auf einmal ihr Echo in sein Badezimmer hallte?

Sie duschte, löffelte im Stehen ihr Müsli, während sie in ein marineblaues Kostüm und ein blauweiß gemustertes Seidentop schlüpfte. Bei sorgfältiger Pflege würden ihre zeitlos klassischen Kombinationen aus edlen Materialien, die sie während ihrer Ehe erworben hatte, noch einige Jahre der Entbehrungen überstehen. Nach dem Zähneputzen zog sie die Lippen in zartem Mauve nach, legte passendes Rouge auf und tönte ihre Wimpern dunkelblau. Sie legte sich die Perlenkette um und steckte Ohrhänger an, dann griff sie nach der weißblauen Handtasche und eilte in eleganten Lederpumps aufs Postauto Richtung Alpenstadt, wo sie seit Beginn dieses Monats arbeitete.

Kapitel 2 – Erste Symptome

Einmal mehr hatte ein verführerisches Summen Marinas Sinne aufgewühlt, einmal mehr viel zu früh für sie. Sie hatte keine sieben Stunden geschlafen, dabei sollte sie morgen fit sein für ihren Teilzeitjob als Sekretärin an der privaten Fachschule für Touristik. Nach ihrer langen Berufspause stellte dieser für sie eine Herausforderung dar, trotz der Informatikkurse.

Marina wollte sich und ihrem Vorgesetzten Andrin beweisen, dass sie ihren anspruchsvollen Aufgaben gerecht wurde, obwohl sie nie angemessen eingearbeitet worden war. Sie fand im Büro weder Anleitungen noch Checklisten vor, die ihr die Tätigkeit erleichtert hätten. Einige Instruktionen und Hinweise hier, eine Anregung dort und die wenig aussagekräftigen Aktendossiers mussten genügen.

Seufzend lauschte sie nun den maskulinen Lauten, beschloss, cool zu bleiben und dafür am Abend früher zu Bett zu gehen. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, denn in der Regel blieb es bei der Absicht. Sie schaffte es einfach nicht, mit den Hühnern schlafen zu gehen und mit dem Gockel aufzustehen.

Inzwischen war sie sich ziemlich sicher, dass der sich räuspernde alte Mann nebenan und der unermüdliche Sänger ein und dieselbe Person sein mussten. Der Typ hat wohl sämtliche Töne für sich gepachtet, dachte sie in einem Anflug von Spott.

Er selbst blieb nach wie vor unsichtbar für sie, was ihr merkwürdig vorkam. Denn kurz nachdem sie ihr Mini-Appartement am Rande der Bündner Alpenstadt bezogen hatte, klebte sie einen Notizzettel an die nächstgelegene Wohnungstür:

Lieber Nachbar, liebe Nachbarin, vor wenigen Tagen bin ich in die Wohnung neben Ihnen eingezogen. Leider habe ich heute Abend bemerkt, dass an meinem Briefkasten ein Kleber mit Stopp keine Werbung angebracht ist. Deshalb vermisse ich jetzt den Wochenanzeiger. Haben Sie diesen erhalten? Wenn ja, darf ich ihn nachlesen, wenn Sie ihn nicht mehr benötigen? Das wäre sehr nett, vielen Dank im Voraus. Marina D’Amato

PS: auf gute Nachbarschaft, auch ohne Anzeiger!

Am folgenden Morgen haftete derselbe Zettel an ihrer Tür. Verblüfft löste sie ihn ab und las auf der Rückseite:

3. April 2008 um 23.45 Uhr

Sehr geehrte Frau D’Amato, auch ich habe an meinem

Briefkasten das Schild, dass ich keine Werbung wünsche.

Die Bündner Woche wird trotzdem verteilt, mittwochs.

Mit freundlichen Grüßen

Archibald Hadebrecht

Archibald Hadebrecht! Sie schnitt eine Grimasse. Der Mann war ja lebenslang gestraft mit dem altbackenen Namen, kein Wunder, drückte er sich so gestelzt aus. Den Ausgabetag des Wochenblatts hatte er so exakt doppelt unterstrichen, als zweifle er ihre Fähigkeit an, sich diesen zu merken. Herrje, was bitte sollten die förmliche Anrede, Datum und Uhrzeit auf einer Notiz?

Daneben klebte die Visitenkarte einer anerkannten Fachhochschule für Tourismus in der Stadt, wo sich auch die Touristikfachschule befand, in welcher Marina ihre neue Stelle angetreten hatte. So ein Zufall! Waren sie sich schon mal begegnet, ohne zu ahnen, dass sie nächste Nachbarn waren? Was stand da noch?

Dr. oec. Archibald Hadebrecht

Dozent und wissenschaftlicher

Mitarbeiter für Tourismusprojekte

Darunter waren sämtliche Koordinaten aufgeführt, mit Ausnahme seiner Privatadresse, die sie sowieso kannte. Fehlte nur noch das Geburtsdatum.

Marina verzog den Mund. Ihr Nachbar musste steinalt sein, sein Benehmen erinnerte an Zeiten, als Herren den Damen ihre Reverenz erwiesen. War es nur eine höfliche Geste von ihm, oder wollte er ihr seinen beruflichen Status unter die Nase reiben: Das bin ich – und was bist du?

Spontan wählte sie eine blütenweiße Karte, die sie mit einem Vermerk in makelloser Handschrift an seine Tür klebte:

Guten Tag Herr Hadebrecht. Vielen Dank für Ihre

freundliche Auskunft. Heute hatte ich den Anzeiger

im Briefkasten, ich war wohl etwas zu ungeduldig.

Freundliche Grüße, Marina D’Amato

Das genügte im Privatbereich, gleich morgen würde sie Andrin klarmachen, dass sie dringend Visitenkarten brauchte.

In der Nacht erwachte sie durch lautes Gepolter von nebenan. Sie fuhr hoch, tastete schlaftrunken nach dem Wecker und rieb sich die Augen. »Was, halb drei?«, ächzte sie.

War der Herr Dozent etwa so spät heimgekommen? Nein, offenkundig war er aufgestanden und rumorte eine gute Stunde lautstark in seinen Räumen. Danach hörte sie eine Woche lang nichts mehr von ihm, wie sie zufrieden registrierte. Die Ruhe im Haus war geradezu himmlisch. Endlich konnte sie durchschlafen, ohne von ständigem Räuspern und Lärmen geweckt zu werden.

Okay, sein beschwingtes Trällern fehlte ihr ab und zu ...

An ihrem nächsten freien Tag, Marina war gerade dabei, nach einer Aufräum- und Staubsaugaktion die Böden zu wischen, läutete es bei ihr. Als sie verwundert öffnete, stand ein imposanter Herr mittleren Alters mit rötlichblonder Igelfrisur im Türrahmen.

»Archibald Hadebrecht. Sie und ich hatten bereits schriftlichen Kontakt. Inzwischen bin ich von einer Woche Urlaub wieder zurück und wollte mich noch persönlich bei Ihnen vorstellen.« Er deutete eine Verbeugung an und streckte ihr mit einem verbindlichen Lächeln seine Hand hin.

Was, das war der alte Mann von nebenan? Marina riss die Augen auf, machte Licht und musterte den attraktiven Hünen im dunklen Anzug genauer.

»Ah, Herr Hadebrecht. Guten Tag! Sie kommen im richtigen Moment, um mich beim wöchentlichen Kehr zu unterstützen.« Der Gedanke, wie sie in ihrer Putzmontur aussehen musste, zauberte Farbe auf ihre Wangen. Sie pustete eine vorwitzige Haarsträhne aus ihrem Mundwinkel. Verstohlen strich sie über ihre Schürze, bevor sie ihre Fingerspitzen in seine Rechte legte.

Ein meergrünes Funkeln leuchtete in seinen Augen auf, als er den Kopf schüttelte. »Ich fürchte, ich kann ihnen da wenig helfen.«

Ein paar launige Worte flogen hin und her, bis er sich freundlich von ihr verabschiedete.

Sie wischte weiter. Der Mann hatte Augen! Dieses intensive, klare Grün. Wieso hatte sie die Gelegenheit nicht genutzt, ihm ein paar lebenswichtige Infos zu entlocken? Wenigstens hätte sie ihn fragen können, wie seine Ferien verlaufen seien – oder so.

Als sie anschließend im Gemeinschaftswaschraum ihre erste Wäsche waschen wollte, mühte sie sich mit der Technik der bejahrten Maschine ab. Wie setzte man dieses Ding in Gang? Entnervt suchte sie nach dem Hauptschalter. Himmel, ich bin doch nicht blind! Sie läutete im Erdgeschoß bei der Verwaltung. Als niemand öffnete, stieg sie die gefühlten zweihundert Stufen hoch und klingelte bei Herrn Hadebrecht. Leise Musik drang an ihr Ohr.

»Frau D’Amato, sorry, ich habe gerade eine Disc eingeworfen. Was kann ich für Sie tun?«

Sie rang nach Atem. »Bitte entschuldigen Sie, aber ich bin etwas in Verlegenheit.«

Ohne zu zögern, begleitete er sie in die Waschküche und zeigte auf die rechte Seite der Maschine.

Mist, wie hatte sie diesen Knopf übersehen können? »Oh, vielen Dank. Dann kann ich ja loslegen.«

Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln und ein Neigen seines Kopfes, bevor er sich entfernte.

Oben angekommen, durchsuchte Marina ihre CD-Sammlung nach einem bestimmten Musiktitel, denn sie brauchte jetzt Carmen.

Als sie und ihre drei jüngeren Geschwister noch kleine Knirpse waren, sangen ihre Eltern öfter mit ihnen und sie hörten sich jede Woche das Wunschkonzert im Rundfunk an. Ihr Papa schnappte sich die kleine Marina hin und wieder, um zu den Walzerklängen mit ihr zu schunkeln oder im flotten Polkatakt durch sämtliche Räume der Wohnung zu schwofen. Danach kam ihre jüngere Schwester Elena an die Reihe. Ungeduldig reckte sie die Ärmchen nach dem Vater. »Ena auch tanzen«, rief sie und krähte vergnügt, wenn er sie hochhob. Selbst ihre beiden älteren Brüder wollten mitmachen und bettelten solange, bis auch die Mama sich lachend mit ihnen im Kreis drehte.

Einen Teil dieses bezaubernden Rituals hatte Marina ins Erwachsenenleben hinübergerettet, indem sie an regnerischen Sonntagen zuweilen Volkslieder aus ihren Kindertagen auflegte und mitsang. Später, mit achtzehn, sah sie zum ersten Mal eine Opernaufführung.

Carmen. Vom ersten Takt an ergriff sie jenes Fieber, das sie nie wieder loslassen sollte, wenn sie diese Musik hörte. Beim Zigeunerlied im zweiten Akt wirbelte sie im Rhythmus der Bohemiens durchs Zimmer, bedauerte nur, keine Kastagnetten zu besitzen, um selbst damit zu klappern. Arme und Hüften wiegten sich wie von selbst dazu, während ihre Füße auf den Boden trommelten.

Die leidenschaftliche Musik, die Verführungskunst und Verführbarkeit der Akteure faszinierten die junge Marina ebenso wie die Geschichte der zum Scheitern verurteilten Liebe zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren: Carmen, der ungestümen, freiheitsliebenden Zigeunerin und dem dienstbeflissenen, zwischen der Leidenschaft und militärischen Pflichten hin und hergerissenen spanischen Leutnant Don José.

Genau danach verlangte es Marina jetzt. Sie zog das Album aus dem Regal und legte die erste Disc ein. Dann schlüpfte sie in einen weit schwingenden Rock und flatterte durch die Räume. Wohl zum ersten Mal in all den Jahren schweiften ihre Gedanken dabei von der berauschenden Musik ab.

Wie lebte Herr Hadebrecht? Nichts wies darauf hin, ob ihr geheimnisvoller Nachbar Junggeselle war oder von seiner Familie getrennt lebte. Sie hatte bisher auch keine weibliche Stimme aus seinen Räumen gehört. Innerhalb derselben schien sein Leben ebenso keimfrei zu sein wie das ihre. Nur einmal vernahm sie, wie er in männlicher Begleitung die Wohnung betrat. Die Herren unterhielten sich bis in die Nacht hinein, bevor die Besucher sich wortreich von ihrem Gastgeber verabschiedeten.

Mitte Juni verfolgte Marina am Bildschirm die Eröffnung der EURO 2008 in der Landeshauptstadt Bern.

Im Gegensatz zu ihr war Barbara ein leidenschaftlicher Fußballfan. Die Freundin reiste mit ihrer Clique oft durch die halbe Schweiz, um die Austragungen live zu erleben. »Ich muss unbedingt meine Favoriten selbst anfeuern, sonst wird das nichts! Komm doch mit, dann siehst du unsere sexy Mannschaft mal aus der Nähe«, rief Barbara in den Hörer.

»Du weißt, dass weder Fußball noch die brüllenden, grölenden und Unmengen von Bier verschlingenden Fanhorden was für mich sind. Am Bildschirm ist es viel bequemer und ich sehe erst noch mehr Details. Vor allem kann ich jederzeit ausschalten. Aber dir wünsche ich natürlich viel Spaß«, lachte Marina und hängte auf. Was sollte sie ausgerechnet mit Fußball, dieser Sportart konnte sie nichts abgewinnen. Sie schüttelte sich beim bloßen Gedanken daran.

Aber vielleicht wäre Barbara nach der EURO wieder mal bereit, mit ihr auszugehen. Früher gingen sie öfter zusammen tanzen, aber seit Marina von der Zentral- in die Ostschweiz gezogen war, sahen sie sich kaum mehr.

Das erste Spiel der EURO 2008 trug Italien gegen die Niederlande aus. Mit offenem Mund starrte Marina am ersten Austragungsabend in der Tagesschau auf das orangefarbene, grelle Meer von zigtausenden niederländischen Fußballfans, die über die Schweiz herfielen: Wow, das war ja ein lustiges Völkchen!

Ihre Kinder auf den Schultern, mit originellen Kopfbedeckungen und witzigem Zubehör ausgestattet, feierten sie den ersten Oranje-Sieg, noch bevor sie ihn in der Tasche hatten. Den in Würde ergrauten Steindenkmälern in der Berner Altstadt stülpten sie orangefarbene Leibchen über, setzten ihnen ihre Mützen auf und umarmten die leblosen Figuren wie liebe alte Bekannte. Selbst das klare Schweizer Quellwasser in den kunstvoll gestalteten Brunnen färbten sie in ihrer Lieblingsfarbe ein. Überall herrschte Oranje Siegesgewissheit und eine johlende Lebensfreude, die sich auf Marina abfärbte, ob sie wollte oder nicht. Ein Funke dieses erfrischenden Übermuts sprang sofort auf sie über.

Ein junger Mann strahlte keck in die Fernsehkamera. »Ja, fröhliche Leute hier, heiß und gut’s Bier. Wenn wir gewinnen, dann ist ganz Bern nicht sicher mehr!«

Und was Marina niemals erwartet hätte: Sie hockte wie angenagelt auf dem Sofa, bis das Spiel beendet war. Erst danach realisierte sie, dass sie die ganze Spielzeit durchgehalten hatte wie ein hypnotisiertes Kaninchen, mit hochgezogenen Schultern und flachem Atem. Kopfschüttelnd schaltete sie den Apparat aus. Sie hatte sich ursprünglich eine romantische Komödie zu Gemüte führen wollen, und nun das!

Von nebenan trällerte es aufreizend zu ihr herüber.

Sicher hatte Herr Hadebrecht das Spiel verfolgt und würde mit ihr übereinstimmen: Großanlässe wie die EURO 2008 waren ein Segen für den Tourismus. So mancher, der nur der Austragungen wegen in die Schweiz gereist war, würde im Urlaub wiederkommen. Darüber sollten ihr Nachbar und sie sich gelegentlich unterhalten, aber wie stellte sie es an, um mit dem charmanten Herrn ins Gespräch zu kommen? Eine knifflige Angelegenheit, wenn man ihn kaum je sah.

Spätnachts tastete Marina im Halbschlaf nach ihrem ausdauernd klingelnden Handy.Wehe dem Verrückten, der es wagte, sie jetzt noch anzurufen.

»Hallo?«, blaffte sie.

Barbaras ziemlich alkoholisiertes Lachen drang an ihr Ohr: »Hey, du Schlafmütze, ich muss dir was total Lustiges sagen! Einer der Oranje-Fans hat unserem Zugbegleiter das niederländische Wappen auf die Wange gemalt. Und der hat alles großmütig mit sich geschehen lassen und es auch später nicht abgewischt.« Sie kicherte. »Weißt du, was das Beste daran ist? Der Mann ist Türke! Hach, wir haben uns köstlich amüsiert über so viel Großmut. Willst du uns nicht begleiten beim nächsten Mal?«

Marina stöhnte auf: »Nein, du aufgekratzte Eule, ich verzichte und möchte jetzt gern weiterschlafen. Feiere du mal schön weiter, wir hören uns!«

Gleich dreimal hintereinander brachte die Schweizer Hauptstadt den Niederländern Glück. Marina gönnte es ihnen von Herzen. Bei so viel ansteckender Verzückung vergaßen sogar Schweizer Fußballfans für kurze Zeit die beschämende Niederlage ihrer eigenen, glücklosen Mannschaft.

Und Marina vergaß in letzter Zeit öfter, dass sie sich überhaupt nicht für Fußball interessierte, bis es in Basel ein böses Erwachen gab. Im Spiel der Niederlande gegen Russland zur Qualifizierung fürs Halbfinale verloren die Oranje mit eins zu drei gegen ihre kompakt und offensiv spielenden Konkurrenten.

Möglicherweise hatten erstere über Gebühr gefeiert? Wo sonst laut jubelnde, stürmisch anfeuernde Fans saßen, sah Marina lauter verzweifelte, liebevoll bemalte Gesichter, sozusagen einen oranjen Haufen Elend. Manche Träne lief die farbigen Wangen hinunter, worauf Marina sich ebenfalls über die Augen wischen musste.

Eine Nacht sangen, becherten und trauerten die grell gekleideten Verlierer noch durch, danach packten sie ihre Siebensachen und fuhren mit ihrem niedlichen Nachwuchs Richtung Autobahn nach Norden zurück.

»Die Russen haben sich den Sieg zwar verdient, aber die Holländer tun mir trotzdem echt Leid«, gestand Barbara am Abend darauf telefonisch.

»Mir doch auch!«, seufzte Marina.

»Und die Medien attestieren den Niederländern selbst beim Verlieren eine sportliche Haltung, sie sind bis zum Schluss total fair und partnerschaftlich geblieben«, staunte Barbara. »Da könnte sich mancher Randalierer eine Scheibe von abschneiden.«

Das Schweizer Fernsehen berichtete unterdessen von einem russischen Reporterteam, das während der Spielpausen seinen Landsleuten schweizerische Bräuche sowie alternative Ferienmöglichkeiten aufzeigte. Ein russischer Journalist durfte sogar eigenhändig eine Schweizer Straßenbahn steuern – wenn auch unter fachkundiger Anleitung in einem Depotgelände.

Ferien auf dem Bauernhof, Eselreiten und schlafen im Heu stellten die russischen Reporter ihren Landsleuten ebenfalls vor als eine erschwingliche Variante zu den Eliteaufenthalten der gutbetuchten Russen in Sankt Moritz, Zürich und Gstaad.

Marinas Touristenherz jauchzte auf. Tolle Kerle, diese Medienleute. Nutzen ihren Aufenthalt hier dazu, unser Angebot zu erkunden. Weiter so!

Sie hätte sich gerne mit dem Tourismusfachmann darüber ausgetauscht, doch wie stellte sie es an? Er trällerte und summte wie gewohnt durch die Wände und blieb unsichtbar. Sie konnte nicht an seiner Tür läuten und ihn mit ihren An- und Einsichten überfallen.

»Meinst du, der Werbeeffekt für unser Land hält an?« Barbaras Stimme holte sie in die Gegenwart.

»Bestimmt! Im Gegenzug habe ich selbst nun Lust bekommen, nach Holland zu reisen. Und weißt du, auf welchen Termin ich diese Ferien abstimmen würde?«

»Keine Ahnung, aber du verrätst es mir sicher gleich«, feixte die Freundin.

»Rate mal. Er spielt Geige, er hat ein professionelles Orchester zusammengestellt, er verbindet die Fans aus aller Welt fast wie der Fußballsport, nur viel schöner, viiiel friedlicher und vor allem viiiiiel melodischer! Und er tritt auf allen Kontinenten auf. Das heißt, Amerika weiß ich nicht genau, aber in Australien wird er Ende dieses Jahres ein Megakonzert geben, habe ich gelesen.«

»Hör auf!«, gluckste Barbara. »Ich weiß es längst. Dieser André – ähm – Reim oder so. Du bist ja richtig angefressen von dem!«

Marina lachte über Barbaras gewagten Vergleich. »André Rieu, wolltest du sagen. Mit Matthias Reim hat mein Walzerkönig nun wirklich nichts gemein, obwohl ich auch Reim gern höre. Doch dessen Rockballaden mit Gänsehauteffekt sind nicht vergleichbar mit Rieus schmissigen Gassenhauern.«

»Und wie willst du ausgerechnet deinen Walzerkönig dort treffen?« Die Freundin klang zweifelnd.

»Kein Problem, der gibt jedes Jahr ein Konzert in seiner Heimatstadt Maastricht. Kürzlich habe ich im TV gesehen, wie locker seine Fans sind. Die schunkeln und tanzen ungeniert auf den Bänken, Stühlen und Tischen, wenn der Platz am Boden nicht ausreicht.« Marina seufzte genießerisch. »Ich glaube, das ist der einzige Großanlass, zu dem du mich mitschleppen könntest.«

»Pech für dich, Süße, ich ziehe Fußball vor. Aber tanzen könnten wir wieder mal gehen, was hältst du davon?« Barbara konnte wohl Gedanken lesen, dass sie das Thema ansprach.

»Oh ja, du bist ein Schatz. Ich melde mich bei dir, sobald ich es einrichten kann, okay?« Voller Vorfreude legte Marina auf.

Von drüben drang fröhliches Pfeifen hinüber. Sie fragte sich, ob ihr Wohngefährte ebenfalls jede freie Minute die EURO 2008 verfolgte. Denn seit Wochen dröhnte es in der Kantine der Fachschule von einem riesigen Bildschirm an der Wand, den Marina zuvor als monströses Küchengerät gedeutet hatte. In jeder freien Sekunde hasteten ihre Kollegen hinunter, um den Stand der Spiele zu sehen. Überwiegend im Stehen, weil sie gleich wieder in die Büros oder Schulräume zurückkehren mussten.

Nie zuvor hatte Marina bei der Arbeit eine solch aufgeladene Stimmung erlebt, wie in dem großen, fensterlosen Raum im Untergeschoss, wo sich die Sportbegeisterten bis zum Eingang im Weg standen.

Frau Weidmann, die Leiterin der Kantine, knurrte genervt: »Ich werde noch verrückt, wenn ich ständig diese Meisterschaften mit anhören muss, und vor lauter Volk komme ich nicht mehr an die Tische ran.«

»Dann können Sie es wohl kaum erwarten, bis Sie Feierabend haben?«, fragte Marina sie mitfühlend.

Die Frau stöhnte auf. »Schön wär’s! Daheim sitzen doch mein Mann und die Kinder vor der Glotze!«

Im Vergleich dazu schätzte Marina ihr Single-Dasein. Nach einem besonders hektischen Arbeitstag stieg sie müde aus dem Postauto und strebte nur noch nach Hause. Jetzt die Füße hochlegen und an nichts denken! Ihr Herz machte einen Salto, als sie beim Eingang Herrn Brüsch, ihren älteren Vermieter erblickte, daneben Herrn Hadebrecht im Anzug, den Trenchcoat lässig über dem Arm. Neben seiner hohen Statur kam sie sich selbst wie ein Zwerg vor.

Die Herren erwiderten ihren freundlichen Gruß. Herr Brüsch wandte sich an Sie: »Na, Frau D'Amato, haben Sie sich gut bei uns eingelebt?«

Worauf ihr Nachbar sich höflich verabschiedete.

Enttäuscht sah sie ihm nach. Es gelang ihr kaum, den Worten ihres Gegenübers zu folgen. Ständig schob sich ein kantiges Männerantlitz mit rätselhaft grünen Augen dazwischen. Da hatte sie ihn endlich mal direkt vor sich und konnte die Gelegenheit nicht mal nutzen.

Wie gebannt lauschte sie im Treppenhaus seinem aufreizenden Trällern. Eine sanfte Welle der Sehnsucht durchflutete sie. Seltsam, dass sie diesem Mann kaum je begegnete, obwohl die vielfältige Geräuschkulisse ihr verriet, dass er oft zuhause war. Sie wohnten Tür an Tür, aber sie sah ihn weder im Treppenhaus, noch draußen oder in der Stadt, wo sie beide arbeiteten.

Gewöhnlich verließ er die Wohnung vor ihr und war schon zurück, wenn sie von der Arbeit kam.

Rastlos stromerte sie durch ihre Räume. Wie konnte sie locker mit Herrn Hadebrecht Kontakt aufnehmen? Seine E-Mail-Adresse auf der Visitenkarte fiel ihr ein. Wäre das eine Möglichkeit, sich zu melden? Sie verwarf den Gedanken wieder, da ihr nichts Plausibles einfiel, das sie ihm schreiben könnte.

Den vermeintlich rettenden Einfall hatte sie, als Andrin ihr Wochen später eine E-Mail-Anfrage zu einem internationalen Hotelprojekt übermittelte, mit dem Vermerk: »Bitte leite diesen Irrläufer gleich an die richtige Stelle in der Fachhochschule weiter.«

Sie tippte sich an die Stirn. Dass sie nicht eher draufgekommen war, ihm eine E-Mail zu schreiben!

Guten Tag Herr Hadebrecht! Soeben habe ich eine Anfrage an Ihren Berufskollegen übermittelt. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich nicht sehr höflich zu Ihnen gewesen bin. Sie haben mir Ihre Visitenkarte überlassen und ich habe Sie nicht informiert, wo und was ich selbst arbeite. Das möchte ich hier nachholen.

Der Zufall will es, dass Sie und ich in der gleichen Branche tätig sind. Ich arbeite im Sekretariat der Privatfachschule für Touristik, erledige administrative Sachbearbeitungsaufgaben und bin zuständig für die Belange der Schulkommission. Es ist eine interessante, anspruchsvolle und vielseitige Tätigkeit, die ich vor drei Monaten übernommen habe. Möchten Sie mir zu Ihrem Aufgabengebiet ebenfalls noch einige Angaben machen? Wer weiß, vielleicht muss ich eines Tages auch mit einem beruflichen Anliegen meiner Abteilung an Sie gelangen?

Stunden später meldete der Server ihr, der Empfänger habe die Nachricht gelesen. Zappelnd harrte sie der Zeilen, die da von ihm kommen sollten.

Komm schon, tipp ein paar Sätze für mich ein! Es war schon Donnerstagabend und sie hatte sich ausgerechnet den Freitag frei genommen. Enttäuscht räumte sie den Schreibtisch auf und schloss die Ordner in den Aktenschrank. Jetzt musste sie vier Tage auf seine Antwort warten, dabei war sie so gespannt darauf! Gut, dass sie morgen wegfuhr, das würde sie ablenken.

Kapitel 3 – Ein Hochzeitsfall

Leise Schnarchtöne wehten zu Marina hinüber, denn außer ihr saß nur noch ein alter Mann im Postauto, dessen Kopf haltlos über der Brust baumelte.

Durchs Oberfenster wehte das friedliche Geläut von Kuhglocken und begleitete sie auf dem Weg über den San Bernardino Pass ins südliche Tessin. Vor ihr breitete sich das grandiose Panorama der Bündner und Tessiner Alpen aus. Lichtreflexe tanzten über grüne Hügel und wiesen auf diese oder jene Sehenswürdigkeit hin.

Marinas Blicke glitten von den glitzernden Spitzen der Schneeberge über Tannenwälder und Bergwiesen und weiter talabwärts. Bis in den tiefen Schlund der Viamala-Schlucht, der sich seitlich vor ihr auftat und sie mitsamt dem Gefährt zu verschlingen drohte. Sie schauderte, als sie sich dort unten zerschellt liegen sah. Rasch wandte sie sich dem tiefblauen Horizont zu.

War das ein prachtvoller Tag zum Heiraten! Sie lehnte sich zurück und schloss die Lider. Am liebsten würde sie gleich an der nächsten Haltestelle aussteigen, einige Burgen und Schlösser besichtigen und im Schatten der Nadelbäume picknicken. Das blieb freilich Wunschdenken, denn an einem regnerischen Aprilabend hatte ihre Cousine Sophia sie angerufen:

»Am zweiten Freitag im Juli werden Remo und seine Marie-Jo endlich standesamtlich getraut. Wurde auch Zeit, die beiden wohnen lange genug zusammen. Aber was da auf Mike und mich zukommt, als Eltern des Bräutigams. Alle die Vorbereitungen und die Kosten!« In leicht verstimmtem Ton fuhr sie fort: »Obwohl die beiden darauf bestehen, im engsten Familienkreis zu feiern. Nur mit den Eltern, den Paten und Trauzeugen und natürlich Remos Schwester Felicitas.«

Sophias Stimme wurde lebhafter. »Aber Mike und ich spendieren nach der Trauung einen Umtrunk mit Häppchen für alle Gratulanten. Es werden nicht viele sein, weil Marie-Jos Familie von der Normandie stammt und kaum so weit reisen wird. Deine Brüder leben ja auch am Ende der Welt, aber du und deine Schwester Elena kommt zum Aperitif, oder?«

Ihre Brüder hatten vor Jahren ein lukratives Unternehmen in Osteuropa gegründet. Seither sah man sich alle Schaltjahre zu besonderen Anlässen.

»Stimmt, ich kenne Cornelius und Federico kaum noch, seit sie ausgewandert sind. Okay, ich bin dabei, und Elena vermutlich auch«, versprach Marina, als sie auch mal zu Wort kam.

»Gut, wir erwarten deinen Vater als Remos Pate und deine Mutter um halb zwei auf dem Zivilstandsamt. Du und Elena kommt dann gegen halb drei zum Aperitif in den Schlosspark«, schloss Sophia so bestimmt, dass Marina auf jeglichen Einwand verzichtete.

Nach der Berg- und Talfahrt im Postauto erreichte Marina leicht durchgeschüttelt den Zielbahnhof im Tessin, wo Ihre Eltern ihr vom Auto aus zuwinkten.

»Hallo, Mama, Papa, danke fürs Warten. Elena kommt später im eigenen Wagen, aber das wisst ihr sicher schon.« Sie hatte mit ihrer Schwester vereinbart, dass sie sich vor dem Standesamt treffen würden.

Nach einer liebevollen Begrüßung sank sie auf den Rücksitz des Personenwagens. Während sie zum Hotel fuhren, wo später die Hochzeitsfeier stattfinden würde, traf sich Ihr Blick im Rückspiegel mit dem ihres Vaters.

»Ist das eine gute Idee, dem Brautpaar persönlich zu gratulieren, obwohl ihr nicht eingeladen worden seid?«, fragte er im besorgten Tonfall.

»Ach Papa, heutzutage feiert man nicht mehr so konventionell. Ihr beide gehört zum erlauchten Kreis der Geladenen. Aber ich verstehe es, wenn Remo sich lieber eine tolle Hochzeitsreise leistet, als alle Onkels und Tanten und Cousins zu verköstigen. Ich habe die Fahrt genossen und freue mich, euch wiederzusehen.«

Sie parkten vor einem luxuriösen Hotel, vor dessen Eingang sich eine Traube elegant gekleideter Personen versammelt hatte. Die Damen trugen auffallende Hüte auf sorgfältig frisiertem Haar.

Marina beugte sich vor und sah neugierig hinüber. »Très chic! Vielleicht ist Marie-Jos Familie doch aus Frankreichs Norden angereist?«

»Schon möglich, Liebes, wir werden sehen. Lass uns erst das Hotelzimmer beziehen, damit Papa und ich uns frisch machen können«, meinte ihre Mutter lächelnd.

Nachdem sie sich eingetragen hatten, geleitete einer der Rezeptionsangestellten sie in die obere Etage.

Gegenüber richteten sich die Trauzeugen ein, ihre Cousine Brigitta und deren Gatte Daniel. Zwischen Kleiderschrank, Badezimmer und Gepäck kreisend, schaute Brigitta gehetzt auf, als sie Marina erkannte. »Ah, du bist auch hier. Könntest du mal nachfragen, wo Remos Eltern bleiben? Wir sollten bald losfahren, wenn wir rechtzeitig zur Trauung kommen wollen.«

«Ja, klar.« Marina hastete hinunter und wandte sich an den Kellner. Dieser wies sie in einen Raum mit rund zwanzig festlich gedeckten Tischen. Mit offenem Mund blieb sie im Eingang stehen.

Das nannte Sophia engster Familienkreis? Wie ein gefangener Vogel flatterte sie durch den Saal. In ein meergrünes knöchellanges Kleid gehüllt, das von einem silbern schimmernden Überkleid mit passender Stola ergänzt wurde, vermutete man eher die Schwester der Braut als deren Schwiegermutter. Ihr Gemahl Mike strahlte mit den Kristallgläsern um die Wette.

Marina atmete durch, bevor sie rief: »Hallo, man vermisst euch bereits, braucht ihr noch Hilfe?«

Sophias Miene hellte sich augenblicklich auf. Mit ausgebreiteten Armen stöckelte sie auf sie zu und drückte sie herzlich. »Marina! Wie schön, dass du frei nehmen konntest.« Sie spähte umher. »Bist du alleine?«

»Mama und Papa sind oben und ich treffe Elena später vor dem Rathaus. Aber was tut ihr denn noch hier? Die andern sind schon in Sorge.«

Die beiden verteilten mit Vornamen beschriftete Röllchen an jeden Sitzplatz.

»Ich helfe euch hier. Brigitta hat nach euch gefragt, weil sie gleich abfahren wollen. Wo habt ihr meine Lieblingsnichte versteckt?« Marina sah sich nach Remos jüngerer Schwester um.

»Felicitas ist mit Remo und Marie-Jo losgefahren.«

Eine halbe Stunde später stand Marina mit über hundert Gästen hinter dem Rathaus in der sengenden Sonne, weil das Zivilstandsamt neben dem Brautpaar nur Platz für die Eltern, Paten und Trauzeugen bot.

Vom Parkplatz her eilte Elena in einem luftigen Sommerkleid auf Marina zu und hängte sich bei ihr ein. »Hallo, ich habe dort hinten geparkt, weil alles besetzt war!« Sie sah sich um. »Sind sie noch drinnen?«

»Ja, wird wohl nicht lange dauern.« Marinas Blick wies auf die im Hof versammelten Leute. »Siehst du diesen Auflauf? Wir sind offenbar nicht die Einzigen, die das Brautpaar überraschen wollen.«

»Was, die gehören alle zu Remo und Marie-Jo?« Überrascht begrüßte Elena ihre Familienmitglieder. Mit gerunzelter Stirn nickte sie danach zu den vornehmen Gästen hinüber. »Sind das Bekannte der Braut?«

»Vermutlich.«

Brennend heiß flimmerte die Nachmittagssonne auf sie nieder. Mit ihren Einladungskarten fächelten sich die Damen unter den Hüten diskret Luft zu, während die Herren sich mit blütenweißen Taschentüchern den Schweiß von der Stirn tupften.

»Sieht aus wie Statisten in einem Stummfilm, die auf Regieanweisungen warten«, flüsterte Marina.

»Da ist was dran!«, kicherte ihre Schwester.

Gefühlte fünf Stunden später entließ der Trauungsbeamte das junge Paar. Keiner hätte vermutet, dass die in zartblauen Tüll gekleidete Braut mit dem glatten Teint und den hochgesteckten blonden Locken fast zwanzig Jahre älter war als ihr Gatte. Mädchenhaft scheu nahm Marie-Jo die Glückwünsche entgegen.

Irgendwann hauchten auch Marina und Elena Küsse auf die rosigen Wangen der frisch Vermählten: »Ganz herzlichen Glückwunsch. Und alles Gute auf eurem gemeinsamen Lebensweg.«

Marie-Jos verwundertes, aber bezauberndes Lächeln belohnte sie, ihre Stimme bebte leicht: »Merci bien, mes chères. Wie schön, dass ihr extra hergekommen seid.« Gleich darauf fuhren sie und Remo in der Hochzeitslimousine davon, denn die Verzögerung hatte das Programm durcheinander gewirbelt.

Die Gästeschar stob auseinander wie die wilden Hühner, um die Vorausfahrenden nicht aus den Augen zu verlieren. Immerhin warteten im Schlossgarten die Appetithäppchen, der Sekt – und der bestellte Fotograf.

Elena stupste sie. »Komm, wir müssen uns beeilen!«

Sie hasteten Richtung Parkplatz. Bis sie eingestiegen waren, hatte sich die ganze Gesellschaft verflüchtigt wie eine Luftspiegelung im flirrenden Wüstensand.

»Hey, die sind uns einfach davongefahren. Wie kommen wir nun da hoch? Wohl einfach der Nase nach.« Lachend steuerte Elena auf die Burganlage zu, die vor ihnen aufragte, und parkte bald darauf unterhalb der Festungsmauern. Mit den Geschenken auf dem Arm, stelzten sie die steile Gasse zur Pforte hoch.

»Wussten Remo und Marie-Jo überhaupt, dass wir zum Umtrunk eingeladen sind?«, brummte Elena.

Der Himmel schien sie auszulachen, denn er heizte ihnen gehörig ein. Marina zog ihr Bolerojäckchen aus und legte es sich über den Arm.

»Jetzt wünschte ich mir bequemere Schuhe. Dass die nicht mal auf uns gewartet haben! Das ist ja die reinste Stresshochzeit«, keuchte sie.

Unterwegs strebten weitere Spaziergänger zur Burg.

»Sind das auch Hochzeitsgäste?«, japste Elena.

»Keine Ahnung, ich kenne sie nicht!«

Im Eingang zum Hof sahen sie sich suchend um. Weiße Leinentücher bedeckten ellenlange Tischreihen zwischen grob gezimmerten Tannenholzbänken.

Frauen in der Tracht der Bediensteten von anno dazumal bewirteten die anwesende Gesellschaft. Einige schleppten irdene Krüge und antike Töpfe, andere räumten Blechgeschirr und Zinnbecher fort.

»Originelle Idee. Erkennst du jemanden?« Marina drehte den Kopf in alle Richtungen. »Ich glaube, unsere Familie hat sich schon wieder in Luft aufgelöst!«

Sie wandte sich an die nächste Kellnerin: »Bitte, wo befindet sich die Hochzeitsgesellschaft, die hier einen Umtrunk einnimmt?«

Die Frau musterte sie von oben bis unten, bevor sie den Kopf schüttelte. »Also, wir