Täter auf der Schulbank - Sven Deppisch - E-Book

Täter auf der Schulbank E-Book

Sven Deppisch

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Beschreibung

Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen. Während des "Dritten Reichs" befand sich ihre bedeutendste Schule in Fürstenfeldbruck bei München. Hunderte von Männern aus ganz Deutschland besuchten dort spezielle Kurse, in denen die Ordnungspolizei sie zu ihren Offizieren ausbildete. Neben hartem Drill und Paragraphen standen "Bandenkampf" und Antisemitismus auf dem Lehrplan. Ausgestattet mit diesem Wissen zogen zahlreiche Oberbeamte nach Ende ihrer Kurse in den "auswärtigen Einsatz", aus dem erschreckend viele von ihnen als Massenmörder und Kriegsverbrecher zurückkehrten. Nach Kriegsende führten sie ihre Karrieren einfach fort, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Sven Deppisch beleuchtet erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck. Er zeigt, wie die Nationalsozialisten ihre führenden "Gesetzeshüter" für den Holocaust trainierten. Die Studie analysiert das Ausbildungssystem der NS-Diktatur und veranschaulicht, welche Fächer und Inhalte es in den besonderen Lehrgängen gab. Darüber hinaus deckt sie auf, wie das Leben an ihrer herausragenden Lehranstalt aussah und an welchen Massenverbrechen sich ihr Personal beteiligte. Dabei bringt sie ans Licht, dass in der deutschen Ordnungsmacht von der Weimarer Demokratie bis weit in die Bundesrepublik hinein die gleichen Denkweisen, Einsatzmuster und Feindbilder existierten, auf denen ihr schrecklicher Beitrag am Judenmord basierte.

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Seitenzahl: 1575

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Täter auf der Schulbank

 

 

 

 

 

Veröffentlichungen des Bayerischen Polizeimuseums

Band 2

Herausgegeben von Ansgar Reiß

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank

Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust

Tectum Verlag

Sven Deppisch

Täter auf der Schulbank. Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei

und der Holocaust

Veröffentlichungen des Bayerischen Polizeimuseums; Bd. 2

© Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017

Zugl. Diss. Ludwig-Maximilians-Universität München 2016

ISBN: 978-3-8288-6872-4

(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4050-8 im Tectum Verlag erschienen.)

Umschlagabbildungen:

Hörsaal der Landpolizeischule Fürstenfeldbruck

BayHStA München, 4 H 1904.

Stempel der Polizei-Offizier- und Schutzpolizeischule Fürstenfeldbruck

BayHStA München, Polizeischule FFB 123.

Besuchen Sie uns im Internet

www.tectum-verlag.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind

im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1.Einleitung

1.1Dunkle Vergangenheit im Schatten – Die verspätete Auseinandersetzung mit der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus

1.2Forschungsstand und Fragestellung

1.3Quellenlage und Methode

2.Die Geschichte der deutschen Polizei von der Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit

2.1Schlachtfeld Demokratie – Die Polizei in der Weimarer Republik

2.2Von Ordnungshütern zu Massenmördern – Die Polizei im NS-Staat

2.3Das Erbe des „Dritten Reichs“ – Die Polizei in der Nachkriegszeit

3.Die Offiziersausbildung der Weimarer Polizei 1918 bis 1935

3.1Die Anfänge des polizeilichen Ausbildungswesens in Preußen und Bayern

3.2Die Ausbildung von preußischen und bayerischen Polizeioffizieren

3.3Die Dominanz der Polizeitaktik im Weimarer Ausbildungswesen

3.4Das Ende des Weimarer Ausbildungssystems und sein Übergang zum NS-Staat

4.Die Ausbildung von Polizeioffizieren 1936 bis 1945: System – Orte – Vorschriften

4.1Das Hauptamt Ordnungspolizei und seine Rolle im Ausbildungssystem

4.2Das System der weltanschaulichen Schulung innerhalb der Ordnungspolizei

4.3Ausbildungsvorschriften für den polizeilichen Offiziersersatz des NS-Staats

4.4Die Offiziersschulen der Ordnungspolizei

4.4.1Die Polizei-Offizierschule Berlin-Köpenick

4.4.2Die Polizei-Offizier- und Schutzpolizeischule Fürstenfeldbruck

4.5Die Offiziersanwärterlehrgänge: Organisation – Aufbau – Ablauf

5.Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei 1936 bis 1945: Fächer – Inhalte – Resultate

5.1Der Fächerkanon in den Offiziersanwärterlehrgängen und seine Themen

5.1.1Die militärischen Fächer

5.1.1.1Die Formale Zugführerausbildung

5.1.1.2Die Polizeiverwendung/Polizeitaktik

5.1.1.3Das Nachrichtenwesen

5.1.1.4Das Waffenwesen/Pionierwesen

5.1.1.5Die Körperschulung und die Reitausbildung

5.1.1.6Der Luftschutz

5.1.2Die rechtlichen Fächer

5.1.2.1Das Strafrecht und das Strafprozessrecht

5.1.2.2Das Allgemeine Polizeirecht

5.1.2.3Das Besondere Polizeirecht

5.1.2.4Das Bürgerliche Recht, Verwaltungsrecht, Beamtenrecht

5.1.2.5Die SS- und Polizeigerichtsbarkeit

5.1.2.6Das Verkehrsrecht

5.1.3Die polizeidienstlichen Fächer

5.1.3.1Die Revierkunde

5.1.3.2Die Kriminalistik

5.1.3.3Das Kraftfahrwesen

5.1.3.4Das Haushalts- und Wirtschaftswesen

5.1.4Die politisch-weltanschaulichen Fächer

5.1.4.1Die Kriegsgeschichte

5.1.4.2Die Lebenskunde/Pflichtenlehre

5.1.4.3Die Unterrichtslehre

5.1.4.4Die weltanschauliche Schulung/Nationalsozialistische Lehre

5.1.5Sonstige Unterrichtsinhalte

5.1.6Schwerpunkte in der Offiziersausbildung der Ordnungspolizei

5.2Wunsch und Wirklichkeit? – Die Lehrgänge im Spiegel der Erfahrungsberichte

5.3Das Weiterbildungsprogramm für Offiziere der Ordnungspolizei

6.Lebens- und Themenwelten an der Polizeischule Fürstenfeldbruck

6.1Das Schulgebäude und sonstige Liegenschaften

6.2Jährliche Feierlichkeiten als Bühne der Lehranstalt

6.3Die Polizeischule als Machtfaktor in Fürstenfeldbruck

6.4Der Umgang mit dem Tod

6.5Die Polizeischule Fürstenfeldbruck im „Totalen Krieg“

6.6Zwischen Lebensretter und Totschläger – Mustergültiges und undiszipliniertes Verhalten

7.Akteure des „Täterorts“ – Das Personal der Polizeischule Fürstenfeldbruck

7.1Nicht nur Statistik – Vier Offiziersanwärterlehrgänge in Zahlen

7.2Die Mörder von der ersten Bank – Polizeischüler aus anderen Lehrgängen

7.3Leiter der „Kaderschmiede“ – Die Kommandeure

7.4Von der Tafel an den Tatort – Die Lehrer

8.Facetten der Polizeiausbildung in der Nachkriegszeit – Der Schwerpunkt Bayern

8.1Die Reorganisation des polizeilichen Ausbildungswesens nach 1945

8.2Die Kursinhalte an der Polizeischule Fürstenfeldbruck

8.3Die Staatsbürgerkunde und die Altlasten der Vergangenheit

8.4Das militärische Erbe der Nachkriegspolizei und sein Wandel

9.Vom „Bandenkampf“ zum Völkermord – Die Relevanz der Ausbildung für die berufliche Sozialisation der Polizeioffiziere

10.Training für den Holocaust – Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis

Archivalien

Zeitungen und Zeitschriften

Internetseiten

Veröffentlichte Quellen, Editionen und zeitgenössische Publikationen

Literatur

Personenverzeichnis

Ortsverzeichnis

Vorwort

Die vorliegende Studie ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung meiner Dissertation, mit der ich im Frühjahr 2016 an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München promoviert wurde. Es ist mir nicht möglich, all jene aufzuzählen, die dieses Werk ermöglichten. Leider kann ich nicht sämtliche Menschen namentlich erwähnen, die mich während meiner Recherchen berieten und unterstützten. Doch können sie gewiss sein, dass ich ihnen allen für ihre Hilfe sehr dankbar bin. Dennoch möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Einzelnen meinen Dank auszusprechen:

In erster Linie danke ich meinem Doktorvater Professor Dr. Thomas Raithel vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Er lieferte mir wichtige Impulse und Anregungen für mein Forschungsprojekt. Auch dem Leiter des IfZ, Professor Dr. Andreas Wirsching, bin ich zu Dank dafür verpflichtet, dass er das Zweitgutachten für meine Dissertation erstellte. Außerdem bedanke ich mich bei PD Dr. Christian Schwaabe, der meiner Bitte nachkam und die Aufgabe übernahm, mich in der Politischen Wissenschaft zu prüfen.

Ohne die Hilfe der Polizei wäre das vorliegende Werk nicht in dieser Form entstanden. Daher möchte ich vor allem dem ehemaligen Leiter der Polizeifachhochschule Fürstenfeldbruck, Hermann Vogelgsang, deren amtierenden Leiter, Ingbert Hoffmann, und ihrem Team danken. Namentlich erwähnt seien hier insbesondere Dr. Holger Nitsch, Fabian Weth, Jürgen Roese, Sven Herbst und Günter Scherer. Auch dem Präsidium der Bayerischen Bereitschaftspolizei in Bamberg, vor allem Dr. Albin Muff und Helmut Wolf, danke ich für ihre Unterstützung und ihr ausgeprägtes Interesse an meiner Arbeit. Ebenfalls dankbar bin ich Wolfgang Wenger, dem ehemaligen Pressesprecher des Polizeipräsidiums München.

Ferner bedanke ich mich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der von mir aufgesuchten Archive, Fachbibliotheken und weiteren Anlaufstellen. Zu nennen sind hier unter anderem Dr. Christoph Bachmann und Robert Bierschneider (Staatsarchiv München), Gerhard Fürmetz (Bayerisches Hauptstaatsarchiv München), Dr. Martina Haggenmüller (Bayerisches Hauptstaatsarchiv München – Kriegsarchiv), Ines Matschke (Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde), Dr. Peter Gohle (Bundesarchiv Ludwigsburg), Ute Schumacher (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt), Doris Kock (Deutsche Hochschule der Polizei in Münster-Hiltrup), Hans Peter Wollny (Deutsche Dienststelle (WASt)), Michael Volpert (Archiv des Erzbistums München und Freising), Amy Schmidt, Paul Brown und Eric van Slander (National Archives and Records Administration) sowie Vincent Slatt, Ron Coleman und Megan Lewis (United States Holocaust Memorial Museum). Ein besonderer Dank gilt außerdem Dr. Gerhard Neumeier vom Stadtarchiv Fürstenfeldbruck.

Ich danke auch dem Deutschen Historischen Institut (DHI) in Washington D. C. für ein Forschungsstipendium, das mir die Gelegenheit gab, im Frühjahr 2013 in den hiesigen Archiven forschen zu können. Ebenso will ich mich beim Graduate Center der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) dafür herzlich bedanken, dass es mir meine Arbeit in ihrer Endphase durch ein Abschlussstipendium sehr erleichterte.

Nicht zuletzt danke ich meinen Eltern dafür, dass sie mich über all die Jahre hinweg in jeder Hinsicht darin unterstützten, ermutigten und bestärkten, mein Forschungsvorhaben in die Tat umzusetzen.

Sven Deppisch München, Juli 2017

1.Einleitung

1.1Dunkle Vergangenheit im Schatten – Die verspätete Auseinandersetzung mit der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus

„In fließendem Deutsch antwortet auf unsere Fragen der Judenälteste im Getto von Sm., einer einstmals mittleren Großstadt vor Moskau. Die Stadt selbst ist nicht mehr; sie wurde heftig umkämpft und hat daher schwer gelitten. In einem der wenigen noch einigermaßen bewohnbaren Stadtteile sind die Juden nun unter sich – im Getto. Besagter Judenältester hat einstmals Deutschland mit seiner Anwesenheit beglückt und ist dann nach den Frühlingsstürmen des Jahres 1933 ausgerückt in das wirkliche, gelobte Paradies. Er ist ein echter Jude: seine Klagen gelten nicht etwa der neuen Lage und den Deutschen, sondern seinen eigenen Rassegenossen, die er beschimpft und denunziert in der leicht erkennbaren Absicht, sich hieraus Vorteile zu verschaffen. Geradezu widerlich ist seine Lobhudelei auf das ‚gutte Deitschland’, so daß wir ihm verbieten müssen, unser Vaterland überhaupt mit seinem dreckigen Munde zu nennen. Nun ist diese Judenpracht vorbei – vorbei Freizügigkeit und Herrendünkel, bevorzugte Stellungen und Schmarotzertum. Sie wissen sehr wohl, was ihnen blüht, diese nur durch Ausrottung zu vertreibende Pest!“1

Dieses Zitat stammt nicht aus der Feder eines Kriegsberichterstatters des „Dritten Reichs“. Weder ein Mitglied der Waffen-SS noch ein Aufseher eines Konzentrationslagers (KZ) brachten diese Zeilen zu Papier. Hier schrieb auch kein führender Propagandist oder Ideologe des NS-Staats. Den Mitte Dezember 1941 veröffentlichten Text hatte Polizeioberleutnant Erich Bürkner verfasst, der überraschend ehrlich und deutlich darauf hinwies, dass die Judenvernichtung in dieser Phase des Ostkriegs in vollem Gange war. Er war ein Offizier der Ordnungspolizei, der sich wie viele seiner Kollegen im „auswärtigen Einsatz“ befand, von dem zahlreiche „Gesetzeshüter“ als Massenmörder zurückkehrten. Tausende Polizisten beteiligten sich während des Zweiten Weltkriegs maßgeblich an den Verbrechen der NS-Diktatur. Es waren deutsche Ordnungskräfte, die in den besetzten Gebieten Osteuropas agierten, an den Erschießungsgruben abertausende jüdische Opfer töteten und so ihren schrecklichen Beitrag zur Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums leisteten. Daneben bildeten sie eine zentrale Säule der deutschen Besatzungspolitik und bereiteten einer Entwicklung den Weg, der über Ghettos und Deportationszüge letztlich in die Vernichtungslager führte. Ohne die Polizei wäre der Holocaust nicht möglich gewesen.

Diese Tatsache und das obige Zitat passen so gar nicht in das Bild, das die Deutschen von ihrer Polizei haben. In der Populärkultur erscheint der Polizist meist als „Freund und Helfer“ oder als heldenhafter Ermittler, der mit kriminalistischem Spürsinn und rechtsstaatlichem Idealismus für Gerechtigkeit und gegen Verbrecher kämpft. Kriminalromane und Fernsehsendungen verpassen der Ordnungsmacht ein glorifizierendes Image, an dem die Exekutive in ihrer eigenen Öffentlichkeitsarbeit anzuknüpfen versucht. Trotzdem werden Staatsdiener bei Demonstrationen regelmäßig durch Randalierer gezielt angefeindet oder sogar tätlich angegriffen, weil sie in ihnen vielmehr Vertreter eines brutalen Polizeistaats zu erkennen glauben. Obwohl sie durch das Fehlverhalten einzelner Beamter immer wieder am medialen Pranger steht, vertrauen die Bundesbürger dennoch keiner Institution so sehr wie der deutschen Polizei.2 Schließlich geht die breite Öffentlichkeit davon aus, dass Gesetzeshüter eher Verbrechen verhindern oder zumindest aufklären, anstatt selbst welche zu begehen.

Umso erstaunlicher ist es, dass die dunkle Vergangenheit der deutschen Ordnungsmacht nach Ende des Zweiten Weltkriegs viele Jahrzehnte lang nicht nur der Gesellschaft allgemein, sondern auch speziell der Forschung verborgen blieb. Allenfalls erschien die Polizei als Komparse der deutschen Geschichte, wie etwa während der Studentenunruhen der späten sechziger Jahre, bei der gescheiterten Geiselbefreiung im Rahmen des Olympia-Attentats in München 1972 oder im Kampf gegen die Rote Armee Fraktion (RAF) und weitere linke Terrorgruppen.3 Aber von solchen Ausnahmen einmal abgesehen, blickten deutsche Historiker lange Zeit kaum in das „Auge des Gesetzes“. Vor allem dessen Rolle im „Dritten Reich“ war über einige Dekaden hinweg kaum Gegenstand wissenschaftlicher Studien. Stattdessen ließen sich Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit von der Legende der „sauberen“ Polizei allzu leicht blenden, obwohl die NS-Diktatur schon frühzeitig gerne als „Polizeistaat“ bezeichnet wurde.4 Erst wenige Jahre vor Ende des vergangenen Jahrtausends löste sich diese Paradoxie auf, als die Forschung ganz allgemein die nationalsozialistischen Täter für sich entdeckte. Das war aber großteils einem wachsenden Interesse an der Geschichte der deutschen Polizei zu verdanken. Nun offenbarte sich, dass sich die Polizeigeschichts- und die Täterforschung nicht nur ergänzten, sondern auch eine Entwicklung vollzogen hatten, die zuweilen parallel verlaufen war.5

In den ersten Nachkriegsjahren machte die deutsche Gesellschaft vor allem Adolf Hitler und seine Führungsriege, aber auch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) und die Schutzstaffel (SS) exklusiv für die Verbrechen des NS-Regimes verantwortlich. Im Nürnberger Prozess hatten die alliierten Richter nicht nur ranghohe Funktionäre des „Tausendjährigen Reiches“ zu langjährigen Haftstrafen oder gar zum Tode verurteilt, sondern auch beide Institutionen der Gewalt zu verbrecherischen Organisationen erklärt. Das bot den Deutschen eine willkommene Gelegenheit, ausschließlich die politische Elite des NS-Staats und ihre Handlanger für den Holocaust und andere Massenverbrechen verantwortlich zu machen. Nun verbreitete sich die Ansicht, die Deutschen seien von regelrecht übermenschlichen Dämonen verführt und ins Verderben gebracht worden, ohne dass sie etwas gegen die diabolischen Kräfte hätten ausrichten können.6 Hitler und seine Entourage wie auch Heinrich Himmlers Geheimpolizei und dessen Weltanschauungstruppe fungierten als Stellplätze der Schuld, auf denen die Deutschen ihren moralischen Ballast abladen konnten. Sie trösteten sich nur allzu bereitwillig mit der vermeintlichen Tatsache, dass das Zusammenspiel von diabolischer NS-Führung, SS und politischer Polizei jedwede Opposition absolut unmöglich gemacht habe. Während sich die breite Öffentlichkeit so der eigenen Verantwortung entzog, machten sich Einzelne an eine frühe Typologie der NS-Verbrecher. Als einer der ersten versuchte der Soziologe Eugen Kogon in seinem 1946 erschienenen Werk „Der SS-Staat“, die Täter der SS, aber auch der Gestapo zu analysieren, nachdem die Nationalsozialisten ihn mehrere Jahre lang im KZ Buchenwald terrorisiert hatten. Er beschrieb seine Peiniger als gescheiterte Existenzen, die geistig, kulturell und sozial deklassiert und gerade deswegen barbarisch sowie brutal gegenüber ihren Opfern gewesen seien.7 Indes arbeiteten ehemalige Staatsdiener des „Dritten Reichs“ daran, ihre Vergangenheit rein zu waschen und die Legende von der „sauberen“ Polizei in Umlauf zu bringen. Denn während Gestapo und SS aus dem Nürnberger Prozess als Inkarnation des Bösen hervorgegangen waren, hatten Kriminal- und Ordnungspolizei in Nürnberg noch nicht einmal auf der Anklagebank gesessen, obwohl die Alliierten sehr wohl über deren Verbrechen informiert gewesen waren.8

Stattdessen nutzten Funktionäre des nationalsozialistischen Polizeistaats das Gerichtsverfahren als Kulisse, um der Welt eine alternative Version der Wahrheit zu präsentieren. „Der Gedanke an eine Vernichtung bestimmter Bevoelkerungsteile ist uns Offizieren der Ordnungspolizei nie gekommen und nie gesagt worden“, wie der ehemalige SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, Adolf von Bomhard, 1946 in einer eidesstattlichen Versicherung erklärte.9 Die uniformierten Staatsdiener seien lediglich mit dem Katastrophenschutz in der Heimat, militärischen Kampfeinsätzen an der Front oder der „Aufrechterhaltung der oeffentlichen Ordnung und Sicherheit“ in den besetzten Gebieten betraut gewesen.10 Allenfalls habe die Polizei ab und an „im Rahmen der Amtshilfe“ Deportationszüge begleitet.11 Auch die frühesten Werke zur Polizei des NS-Staats konstruierten ganz in diesem Stil eine eigenwillige Version der jüngsten Geschichte. Der frühere Generalleutnant der Ordnungspolizei Paul Riege meinte z. B. in seinem Machwerk „Kleine Polizei-Geschichte“ aus dem Jahre 1954, dass innerhalb der uniformierten Staatsmacht ein regelrechter Widerstand gegen Himmlers Politik geherrscht habe.12 Der „Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei“ (RFSSuChdDtPol) habe es, Riege zufolge, nicht verstanden, „die deutsche Ordnungspolizei zu einem willfährigen Instrument seiner Machtbestrebungen zu machen“.13 Ferner schrieb der ehemalige Generalleutnant und Befehlshaber der Ordnungspolizei im Reichskommissariat Niederlande, Dr. Heinrich Lankenau, im Jahre 1957, dass die zentrale Aufgabe der Polizei während des Zweiten Weltkriegs lediglich im Luftschutz gelegen habe.14

Selbst die ersten Versuche, die Vergangenheit der uniformierten Polizei wissenschaftlich seriös aufzuarbeiten, waren nicht immun gegen diese Geschichtsklitterung. So erwähnt etwa das 1957 erschienene Standardwerk des Bundesarchivs „Zur Geschichte der Ordnungspolizei“ von Hans-Joachim Neufeldt, Jürgen Huck und Georg Tessin die Untaten der Staatsdiener in grüner Uniform mit keiner Silbe. Dieses Defizit hatte nicht zuletzt darin seinen Ursprung, dass das Bundesarchiv etwa Adolf von Bomhard als fachkundigen Berater zum Thema zu Rate gezogen und seine „Expertise“ eingeholt hatte.15 Mit einer objektiven Suche nach dem tatsächlichen Wirken der Ordnungsmacht in den besetzten Gebieten hatte das herzlich wenig gemein. Andere Studien dieser Zeit erkannten zwar ebenfalls nicht, wie sehr die Polizei wirklich im Holocaust involviert war. Doch sie deuteten bereits in die richtige Richtung. So kam Ermenhild Neusüß-Hunkel in ihrer frühen Studie zur SS aus dem Jahre 1956 zu dem Schluss, dass das Personal der judenmordenden Einsatzgruppen zu einem hohen Anteil aus Ordnungspolizisten bestanden habe.16 Da aber weder sie noch andere Forscher diesen Ansatz weiter verfolgten und es versäumten, die Rolle der Polizei kritisch zu hinterfragen, blieb das Lügengebilde der polizeilichen Apologeten in den Folgejahren weiterhin intakt.

An der Langlebigkeit dieser Geschichtsmythen änderte sich kaum etwas, als Ende der fünfziger Jahre die Verbrechen einzelner Polizeieinheiten durch bundesdeutsche Strafprozesse in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Mit dem Ulmer Einsatzgruppenprozess des Jahres 1958 richtete sich die mediale Aufmerksamkeit erstmals auf die polizeilichen Täter, ohne deren Funktion und Tätigkeit im NS-Staat generell zu durchleuchten. Als im gleichen Jahr die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg ihre Arbeit aufnahm und seither auch gegen NS-Gewaltverbrecher aus den Reihen der Polizei ermittelte, fingen große Teile der Gesellschaft an, sich für das „Dritte Reich“ zu interessieren. Weitere Gerichtsverfahren in den sechziger Jahren, wie etwa der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1961 oder der Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1966, verstärkten noch diese aufkeimende Wissbegierde.17 Dabei führten diese Rechtsfälle zu einem neuen Bild von den NS-Tätern, das die Öffentlichkeit allmählich von den angeblich diabolischen Monstern abbrachte.

Insbesondere die Philosophin Hannah Arendt war dafür verantwortlich, die in Eichmann den „neuen Typus des Verwaltungsmörders“ zu erkennen glaubte.18 Dieser pedantische Bürokrat entstammte nicht mehr einer teuflischen Parallelwelt, sondern war in der Realität deutscher Amtsstuben zu verorten. Ihn trieben weder Antisemitismus noch Rassenhass an, sondern vielmehr absoluter Gehorsam und egoistisches Karrierestreben. Rasch eroberten Arendts Diktum von der „Banalität des Bösen“ und der Topos des „Schreibtischtäters“ die mediale wie auch die wissenschaftliche Debatte.19 Mehr noch entstand daraus das Konstrukt einer „Vernichtungsmaschinerie“ als Deutungsmuster dafür, warum NS-Herrschaft und Judenmord eine so ungeheure Eigendynamik entfalten konnten.20 In einem solch technokratischen System hätten mediokre Akteure als kleine Zahnrädchen in einem gewaltigen Apparat fungiert, was unter der Führung einzelner Machthaber zwangsläufig zu einem bürokratisch geplanten und fabrikmäßig durchgeführten Massenmord geführt habe. Anstatt sich also mit den eigentlichen Tätern zu befassen, suchten Wissenschaftler die Schuld in einer pervertierten Moderne.21 Holocaustforscher der ersten Stunde wie Raul Hilberg oder Gerald Reitlinger wandelten auf diesem Pfad, wobei sie den einzelnen Menschen fast aus den Augen verloren. Obwohl sie in ihren Werken durchaus darstellten, dass sich auch die uniformierte Staatsgewalt an der Shoah beteiligt hatte, wirkten derlei Hinweise wie Randnotizen – so als hätte es sich bei den Verbrechen der Ordnungspolizei um einzelne Entgleisungen gehandelt.22

Weiterhin waren Wissenschaft und Öffentlichkeit in dieser Phase wenig daran interessiert, das gängige Bild zu hinterfragen, das seit 1945 von der Polizei des NS-Staats existierte. Sofern sich Historiker und Laienforscher überhaupt mit der Vergangenheit der deutschen Ordnungsmacht auseinandersetzten, konzentrierten sie sich hauptsächlich auf die Zeit vor der „Machtergreifung“ oder nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“. Die Geschichtswissenschaft überließ dieses Feld seinerzeit aber noch einem Autorenkreis, der sich vorwiegend aus aktiven oder ehemaligen Polizeibeamten zusammensetzte. Diese neigten in ihren eher populärwissenschaftlichen Arbeiten dazu, ein allzu romantisierendes Bild von der Polizeiarbeit und der staatlichen Institution selbst zu zeichnen.23 Je nachdem wie ihre Werke thematisch ausgerichtet waren, konnten sie die NS-Zeit aber nicht vollständig umschiffen. Während sich die polizeilichen Literaten weitestgehend darüber ausschwiegen, welche Rolle die deutsche Polizei beim Judenmord gespielt hatte, erwähnten sie jedoch wie selbstverständlich, dass sie während des Zweiten Weltkriegs zur „Partisanenbekämpfung“ eingesetzt gewesen war.24 Dadurch wahrten sie den Schein und konnten die Ordnungsmacht weiterhin als harmlosen „Freund und Helfer“ inszenieren. Daran änderte sich auch nichts, als politisch motivierte Publikationen aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) an diesem Image zu kratzen versuchten. Zu ihnen zählte vor allem ein 1965 erschienenes „Braunbuch“, das hunderte belastete Personen aufführt, die in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) bedeutende Positionen bekleideten, obwohl sie durch ihre Tätigkeit im „Dritten Reich“ deutlich belastet waren.25 Der „Klassenfeind“ zeigte sich aber immun gegen diese Form der antifaschistischen Propaganda. Eine seriöse polizeigeschichtliche Täterforschung lag seinerzeit also noch immer in weiter Ferne.

Zu den ersten Impulsgebern, die das ändern wollten, gehörte das Institut für Zeitgeschichte (IfZ). In dessen Gutachten zum Frankfurter Auschwitzprozess aus dem Jahre 1964 machte insbesondere Hans Buchheim deutlich, dass die Ordnungsmacht im „Dritten Reich“ eng mit der SS verbunden gewesen war. Dabei konzentrierte er sich zwar im Wesentlichen auf die Gestapo, versuchte sich jedoch erstmals daran, die Struktur des NS-Polizeistaats und seiner Organe nachzuzeichnen.26 In den sechziger Jahren befassten sich weitere Mitarbeiter der Münchner Forschungsanstalt ebenfalls mit Himmlers Polizei und gingen dabei etwa der Frage nach, welche Rolle sie in den besetzten Gebieten gespielt hatte. Dass sie deutlich stärker als bisher angenommen aktiv am Judenmord in Polen beteiligt gewesen war, zeigte z. B. ein Gutachten von Martin Broszat und Werner Präg aus dem Jahre 1967.27

Solche Vorstöße inspirierten in den nächsten Jahren weitere Forscher, am gängigen Image der uniformierten „Saubermänner“ zu kratzen. Trotzdem fanden sich auch in den sechziger und siebziger Jahren nur wenige Abhandlungen zu diesem Themenkomplex. In dieser Phase konzentrierte sich die Geschichtswissenschaft abseits der großen Funktionäre insbesondere auf die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes der SS (SD). Derlei Studien konnten sich jedoch nicht davon lösen, eine Analyse dieser Einheiten und Organisationen stets eng an die Führungsfiguren des NS-Regimes zu knüpfen und deren Machtspielräume in den Vordergrund zu stellen.28 Selbst im Standardwerk von Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm über „Die Truppe des Weltanschauungskrieges“ verkamen die ausführenden Organe überwiegend zu einem anonymen Kollektiv, ohne dass die Autoren dessen subalterne Angehörigen bis auf wenige kollektivbiographische Angaben eingehender analysierten.29

Obwohl sie durchaus medial rezipiert wurden, führten solche Studien noch nicht dazu, dass Wissenschaft und Öffentlichkeit umdachten und erkannten, welches Potential und welche Sprengkraft in diesem Thema steckten. Die Geschichtsforschung verhedderte sich stattdessen in einen Streit zwischen Intentionalisten und Funktionalisten. Erstere waren davon überzeugt, dass der Antisemit Hitler als mächtiger Diktator seit vielen Jahren einen Plan gehegt hatte, die europäischen Juden auszurotten, was er letztlich auch in die Tat hatte umsetzen lassen. Dagegen wendeten letztere ein, dass der Holocaust kein von langer Hand geplantes Vorhaben gewesen war. Bei ihm hatte es sich ihnen zufolge um das Ergebnis unzähliger Kompetenzstreitigkeiten gehandelt, in denen sich untergeordnete Funktionäre mit ihren antijüdischen Maßnahmen bis hin zum Völkermord gegenseitig zu übertreffen versucht hatten. Während seinerzeit beide Parteien nicht erkannten, dass sich ihre Positionen keineswegs ausschließen, sondern vielmehr ergänzen, konnte sich diese Erkenntnis in der heutigen Fachwelt längst durchsetzen.30

Seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wuchs daneben das akademische Interesse an einer allgemeinen Geschichte der deutschen Polizei. Die Forschung hatte bis dahin die uniformierte Exekutivgewalt vergangener Jahrhunderte vorwiegend aus einer rechts- und verwaltungswissenschaftlichen Perspektive betrachtet oder sich auf ihre institutionelle Organisation konzentriert. Nun fingen Historiker an, sich jenseits dieser disziplinären Grenzen zu bewegen.31 Dennoch wagten sich seinerzeit nur wenige Wissenschaftler über das 19. Jahrhundert hinaus, wodurch die zeitgeschichtliche Rolle der Polizei weiterhin kaum thematisiert wurde.32 Einzelne Autoren wurden erst in den achtziger Jahren auf die Polizei des „Dritten Reichs“ aufmerksam – also in jenem Jahrzehnt, in dem die letzten Beamten in Pension gingen, die bereits im NS-Staat ihren Dienst verrichtet hatten. Dieser Generationswechsel war auch ein Grund dafür, dass innerhalb der bundesdeutschen Ordnungsmacht allmählich ein Umdenken einsetzte. Denn in dieser Phase veröffentlichten historisch interessierte Polizisten verschiedene Werke, in denen sie sich zumindest graduell der nationalsozialistischen Staatsgewalt und ihren Verbrechen annäherten.33 In erster Linie waren es jedoch Historiker, die dieses bisher vernachlässigte Thema aufgriffen und eingehender behandelten.

Ruth Bettina Birn etwa untersuchte in ihrer Studie aus dem Jahre 1986 „Die Höheren SS- und Polizeiführer“, die dem obersten Polizeichef Himmler direkt unterstellt waren und die Vernichtungsaktionen der Polizeieinheiten koordiniert hatten. Diese wichtigen Repräsentanten des NS-Polizeiapparats charakterisierte sie als linientreue und energische Ideologen, die sich bedingungslos loyal dem Willen des Reichsführers-SS unterwerfen mussten.34 Die meist älteren Offiziere der SS und Polizei seien großteils bereits im Ersten Weltkrieg an der Front gewesen und grundsätzlich stark militärisch sozialisiert worden. Eine Vielzahl von ihnen habe einen sozialen Abstieg erfahren, weil ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten und ihre Bildungschancen durch Krieg und Nachkriegszeit deutlich gelitten hätten. Dies habe sich laut Birn im SS-Staat jedoch geändert. Denn wer mit der Tugendlehre und der Ideologie Himmlers übereingestimmt, sich daneben durch Leistungswillen und tatkräftigen Einsatz für das NS-Regime verdient gemacht habe, habe im Imperium des Reichsführers-SS aufsteigen und eine enorme Machtfülle entfalten können. Wenngleich Birn in ihrer Kollektivbiographie versuchte, den Menschen hinter den Höheren SS- und Polizeiführern zum Vorschein zu bringen, blieben diese mächtigen Akteure in ihrer Schrift dennoch Marionetten Himmlers, die sich nur schwer seinem Einfluss entziehen konnten.35

Auch andere Autoren fingen an, das gängige Bild von den angeblich unbescholtenen Staatsbürgern in Uniform zu hinterfragen. Zu ihren Werken zählt etwa das Buch „Parteisoldaten“, in dem sich Helmut Fangmann, Udo Reifner und Norbert Steinborn mit der Hamburger Polizei im NS-Staat auseinandersetzten, wobei sie erstmals auch das Wirken der Polizeibataillone näher thematisierten.36 Diese hätten vor allem die besetzten Gebiete gesichert und seien im „Bandenkampf“ zum Einsatz gekommen, unter dessen Deckmantel es aber auch zu Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung gekommen sei.37 Hinsichtlich des Judenmords verwies das Autorentrio jedoch lediglich auf die Einsatzgruppen, in denen in erheblichem Umfang auch Ordnungspolizisten tätig gewesen seien, oder auf einzelne Fallbeispiele von Hamburger Polizeieinheiten.38 Aus dieser Studie wie auch aus weiteren seinerzeit veröffentlichten Werken konnte der Leser lediglich schließen, dass auch „Gesetzeshüter“ abscheuliche Verbrechen begangen hatten.39 Der eigentliche Anteil von Schutzpolizei und Gendarmerie am Holocaust blieb weiterhin im Dunkeln.

Diesen Aspekt erhellte hingegen Heiner Lichtenstein in seinem 1990 erschienenen Buch „Himmlers grüne Helfer“. Auf Grundlage einiger Gerichtsverfahren gegen Polizeieinheiten und ihre Angehörigen, denen er als Reporter beigewohnt hatte, veranschaulichte er, wie die Ordnungspolizei vor allem in den Ostgebieten gemordet hatte und wie die Täter nach Kriegsende problemlos wieder in den bundesdeutschen Beamtenapparat gelangt waren. Zwar verfolgte Lichtenstein nicht den Anspruch, die Motive der Mörder zu ergründen oder gar psychologische Profile zu erstellen. Aber indem er eine Reihe von Einzelfällen schilderte, brachte er stärker als bisher jene Legende ins Wanken, die der Polizei des totalitären Systems stets ihre „Sauberkeit“ attestiert hatte.40

Zu ihrem Sturz kam es jedoch erst zu Beginn der neunziger Jahre durch Impulse von „außen“. Denn in der Wendezeit entstand eine Reihe von Werken, die sich verstärkt den Tätern am Ende und in der Mitte der Karriereleiter zuwendeten und gezielter nach deren Motiven fragten. Arbeiten ausländischer Wissenschaftler stellten viele althergebrachte Paradigmen auf den Prüfstand, die daraufhin einer Revision bedurften. So rüttelte etwa der kanadische Historiker Robert Gellately am sogenannten Gestapo-Mythos. In seinen Studien zur Geheimen Staatspolizei konnte er nachweisen, dass sie keineswegs allgegenwärtig und allmächtig gewesen war, wie die deutsche Nachkriegsgesellschaft landläufig behauptet hatte. Stattdessen zeichnete er das Bild einer Politischen Polizei, die weder personell noch technisch dazu in der Lage gewesen war, die gesamte Bevölkerung des NS-Staats flächendeckend und umfassend zu überwachen. Vielmehr offenbarte sich, dass es der Gestapo erst durch die Mithilfe von willfährigen Denunzianten gelungen war, ihren Terror gegen unliebsame „Gemeinschaftsfremde“ und aufsässige „Volksgenossen“ zu entfalten.41

Weitere Studien wie etwa von Gisela Diewald-Kerkmann oder Eric A. Johnson bestätigten dies. Sie zeigten aber gleichzeitig, dass die Dimensionen des deutschen Denunziantentums auch nicht überschätzt werden dürfen.42 Dennoch führten solche Denkanstöße dazu, dass einerseits die Rolle der Gesellschaft im Nationalsozialismus stärker ins Blickfeld der Wissenschaftler geriet und andererseits ein regelrechter Boom der Gestapo-Forschung einsetzte. Obwohl auf diesem Wege die bislang mystifizierte Geheimpolizei wieder ins Zentrum gelangte, befreite der Forschungstrend sie allmählich von der Aura des omnipotent Bösen. Die in der Folgezeit entstandenen Studien stellten sie stattdessen als eine Exekutive dar, die aus menschlichen Wesen bestand, die zwar meist opportunistisch und bis zum äußersten auf den eigenen Vorteil bedacht waren und die Chancen zu nutzen wussten, die ihnen das Regime bot. Jedoch hätten sich ihre Beamten nicht wesentlich vom Rest der Bevölkerung unterschieden, was ihre Verbrechen noch schlimmer erscheinen ließ.43

Nicht nur die längst verrufenen Akteure standen nun stärker im Vordergrund, sondern auch jene, die sich bislang im toten Winkel der Forschung befunden hatten. Der deutsch-australische Historiker Konrad Kwiet untersuchte in seinem Aufsatz „Auftakt zum Holocaust“ im Jahre 1993 das Kriegstagebuch des Polizeibataillons 322 und stellte so exemplarisch das mörderische Treiben der Ordnungspolizei in Osteuropa nach. Dadurch befasste sich erstmals ein Wissenschaftler mit dieser Institution der Gewalt, von der die deutsche Historikerzunft bis dahin kaum Notiz genommen hatte. Darüber hinaus offenbarte er dem Leser, dass auch weitere Einheiten der uniformierten Polizei ähnlich tief in den Judenmord verstrickt gewesen waren, so dass nicht davon ausgegangen werden konnte, es handle sich bei dem untersuchten Polizeiverband um eine bedauernswerte Ausnahme.44

Zum Durchbruch der polizeigeschichtlichen Täterforschung verhalfen aber die Arbeiten zweier Amerikaner: Der Holocaustforscher Christopher R. Browning befasste sich in seinem 1993 erschienenen Buch „Ganz normale Männer“ eingehend mit dem Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101, das während des Zweiten Weltkriegs insbesondere in Polen zehntausende Juden systematisch umgebracht hatte. Er kam zu dem Schluss, dass diese Ordnungspolizisten „gewöhnliche“ Männer gewesen seien, die aufgrund von situativen Faktoren ihre Verbrechen begangen hätten. Gruppen- und Anpassungsdruck sowie Sozialdynamik und Verrohung, die innerhalb des Verbandes geherrscht hätten, seien für die Polizisten wesentlich einflussreicher gewesen als Rassenhass und Antisemitismus. Ideologische Schulung und nationalsozialistische Verhetzung traten bei Browning in den Hintergrund, weil sie seiner Ansicht nach keine große Wirkung entfaltet hatten.45

In diesem Punkt stimmte der amerikanische Soziologe Daniel Jonah Goldhagen überein, der sich mit derselben Polizeieinheit beschäftigt hatte. In seinem 1996 erschienenen Werk „Hitlers willige Vollstrecker“ bezweifelte er ebenfalls, dass die NS-Ideologie und eine entsprechende Indoktrination besonders wirkungsmächtig gewesen seien. Allerdings schlussfolgerte er, dass die Reservepolizisten vielmehr „ganz gewöhnliche Deutsche“ gewesen seien, die ihre jüdischen Opfer nur deshalb umgebracht hatten, weil die Täter das einfach schon lange gewollt hätten. Goldhagen zufolge sei die gesamte deutsche Gesellschaft bereits lange vor Hitlers Machtübernahme von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ durchdrungen gewesen, der auf nichts Geringeres als die Vernichtung des Judentums abgezielt habe.46 Diese spezielle Variante der These vom deutschen Sonderweg stieß bei deutschen Forschern auf herbe Kritik, weil Goldhagen in seiner Arbeit sehr selektiv argumentierte und seine Ergebnisse pauschal auf ein ganzes Volk übertrug. Sein Buch war hingegen bei einer großen Leserschaft enorm beliebt. Denn ihm kommt unzweifelhaft das Verdienst zu, den Giftschrank geöffnet und den Tätern endlich ein Gesicht gegeben zu haben.47 Mit Browning und Goldhagen verließ der Leser erstmals die behagliche Amtsstube des Schreibtischtäters und trat an die Erschießungsgruben heran. Damit verfolgte er nun die Tötungspraxis hautnah und ungeschönt, ohne sich hinter einer ominösen Mordmaschinerie verstecken zu können. Jene Männer, die unmittelbar für das Leid ihrer Opfer verantwortlich waren, erhielten einen Namen. Sie waren nicht mehr die pathologisch brutalen SS-Schergen vergangener Zeiten, sondern erschienen als Polizeibeamte viel wirklicher.

Was als Debatte zwischen zwei Forschern begonnen hatte, schlug in eine große wissenschaftliche Kontroverse um, die schnell eine breite Öffentlichkeit erreichte. Das begünstigte der Umstand, dass sich Mitte der neunziger Jahre das Interesse von Hitlers mächtigen Führungsfiguren auf die subalternen Täter verlagerte, die geradezu aus der Nachbarschaft oder gar der eigenen Familie stammen könnten. Auch die „Wehrmachtsausstellung“ konfrontierte die Deutschen in dieser Phase damit, dass die Massenverbrechen des NS-Regimes nicht nur von einer kleinen Gruppe von politischen Funktionären geplant, sondern auch von vielen Helfershelfern aus dem einfachen Volk begangen worden waren.48 Auf diesem Nährboden gedieh ein neuer Bereich der Geschichtswissenschaft, der jedoch nicht auf diese beschränkt blieb: Die „Neuere Täterforschung“ bezog wesentlich stärker als bisher die Erkenntnisse und Methoden aus anderen Disziplinen ein.49 Anleihen machte eine neue Generation von Forschern insbesondere bei der Soziologie oder der Sozialpsychologie. Dazu trug vor allem das Milgram-Experiment zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität oder auch das Stanford-Prison-Experiment von Philip Zimbardo bei, in dem der Psychologe 1971 die Sozialdynamik innerhalb eines Gefängnisses simuliert hatte.50 Die Diskussion um die „normalen“ Täter inspirierte auch Sozialwissenschaftler wie etwa Harald Welzer, Christoph Schneider und Rolf Pohl zu eigenen Untersuchungen. Sie befassten sich ebenfalls mit den Angehörigen von Polizeibataillonen, wichen aber großteils von Brownings und Goldhagens Interpretationen ab und stellten auch deren Normalitätsbegriff grundsätzlich infrage.51 So fruchtbar diese Impulse für die Täterforschung wahrhaftig waren, kam es bislang jedoch nur ansatzweise zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit.52

Die eigentlichen Nutznießer dieser Entwicklungen waren aber andere: Von den jüngsten Debatten profitierten all jene Wissenschaftler, die zwar noch nicht offiziell vom Forschungsfeld der „Polizeigeschichte“ sprachen, aber mit ihren Studien den Grundstein dafür legten, dass sich diese Disziplin allmählich formieren konnte. Es waren vor allem jene Historiker, die in dieser Phase bereits an verwandten Themen arbeiteten oder diese seinerzeit für sich entdeckten. Während die Goldhagen-Debatte in vollem Gange war, veröffentlichte Ulrich Herbert im Jahre 1996 seine Biographie über Dr. Werner Best, der rechten Hand von SD-Chef Reinhard Heydrich. Den Gestapo-Theoretiker und Reichsbevollmächtigten von Dänemark charakterisierte er als Vertreter einer Akademikerkaste, die einer besonderen Generation angehört habe, die von völkisch-nationalistischen und antisemitischen Ideen angezogen worden sei und zu einer kühlen Sachlichkeit geneigt habe. Herbert argumentierte auf Ebene deren Sozialisation. Dabei hob er spezifisch generationelle Prägungen hervor, die juristisch versierte Rationalisten aus der Mitte der Gesellschaft zu idealen Vollstreckern von Diktatur und Völkermord hätten werden lassen.53

An seine Studie knüpften Jens Banach und Michael Wildt an, die mit ihren strukturgeschichtlichen Analysen zum Führungskader von Sicherheitspolizei und SD diesen Ansatz auf breiterer Basis vertieften und Herberts Ergebnisse weitgehend bestätigten. Sie zeigen deutlich, dass einige bürokratisch-intellektuelle Planer aus dem Vernichtungskrieg als brutale Mörder hervorgingen.54 In eine ähnliche Richtung weisen auch die Werke von Patrick Wagner über die Kriminalpolizei in der NS-Diktatur, die zwar ebenfalls Teil der Sicherheitspolizei, nicht jedoch Gegenstand bisheriger Forschungen war. Dadurch verloren auch die Kriminalisten des „Dritten Reichs“ ihren zuvor unangetasteten Nimbus.55 „Vom Fußvolk der ‚Endlösung’“ entfernte ihn hingegen Klaus-Michael Mallmann 1997 in seinem gleichnamigen Aufsatz, in dem er die Ordnungspolizei als gesamte Institution und nicht nur einzelne Einheiten ins Zentrum rückte. Darin widmete er sich dem „auswärtigen Einsatz“ der Polizeibataillone in Osteuropa, ihren Verbrechen wie auch ihren Angehörigen und deren Tatmotiven.56

Eine erste Überblicksdarstellung über „Die Polizei im NS-Staat“ legte Friedrich Wilhelm im gleichen Jahr vor.57 Darin konzentrierte er sich vor allem auf die Frage, wie sich die Organisation der Staatsmacht im Übergang von der Weimarer Republik zum „Dritten Reich“ und besonders nach Himmlers Aufstieg zum obersten Polizeichef strukturell und funktionell verändert hatte. Unter dem Eindruck der vorangegangenen Debatten um Brownings und Goldhagens Werke thematisierte er in seiner Studie auch, wie insbesondere Sicherheitspolizei und SD, aber auch die Ordnungspolizei an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt gewesen waren. Der ehemalige „Truppenarzt an der Ost- und Westfront“58 hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Er wies Himmlers Polizei nun als Institution aus, von der zahlreiche Gräueltaten ausgegangen waren. Schon zuvor hatte er sich mit den „Gesetzeshütern“ des NS-Staats befasst. In seiner Dissertation aus dem Jahre 1989 hatte Wilhelm bereits „Die württembergische Polizei im Dritten Reich“ analysiert. Dabei hatte er auch versucht, ihren Beamtenapparat prosopographisch zu fassen. Anstatt jedoch einzelne „Ordnungshüter“ und deren Verbrechen genauer zu durchleuchten, hatte er sich darauf beschränkt, die polizeiliche Personalpolitik der Nationalsozialisten allgemein zu skizzieren. So resümierte er seinerzeit, dass sich ein Großteil der württembergischen Verwaltungs- und Oberbeamten bemüht habe, „sich in seiner Amtsführung nach Möglichkeit nicht der für den totalitären Staat typischen Methoden bedienen zu müssen“.59 Eine solch eigenwillige Interpretation trat bereits vor der Jahrtausendwende immer mehr in den Hintergrund.

In den 2000er Jahren etablierte sich eine Sektion innerhalb der Geschichtswissenschaft, die sich wie ganz selbstverständlich auf die NS-Verbrecher in der Polizei konzentriert. Sie weist zunehmend auf den arbeitsteiligen Charakter der deutschen Besatzungsherrschaft hin, die auf einer Vielzahl unterschiedlicher Akteursgruppen fußte. Nicht nur Polizisten und SS-Männer, sondern auch Angehörige der Wehrmacht und der Zivilverwaltung sowie einheimische Kollaborateure kooperierten bei ihren Verbrechen miteinander. Gleichzeitig entwickelten sie dabei einen großen Eifer, um sich möglichst aus dem Ämter- und Kompetenzwirrwarr hervorzuheben.60 Dadurch konnten die Täter aus der Polizei einerseits überhaupt erst aktiv werden, sich dabei andererseits als kühle „Praktiker“ und „Vollstrecker“ inszenieren. Solche Befunde bereicherten die polizeiorientierte Historiographie, deren Erkenntnisse wiederum die allgemeine NS- und Holocaustforschung voranbrachten. Den Themenkomplex entdeckten auch bundesdeutsche Ordnungshüter für sich, die sich nun zunehmend für die dunkle Vergangenheit der eigenen Institution interessierten.61 Durch das konstruktive Miteinander zwischen Polizeibeamten und Wissenschaftlern entstand bis heute eine beachtliche Fülle von Aufsätzen, Sammelbänden und Monographien, die sich wie Mosaiksteine in das große Bild von den polizeilichen NS-Schergen und ihren Organisationen fügen. Mittlerweile liegen zahlreiche Forschungsbeiträge vor, die sich mit einzelnen Polizeibataillonen, deren Angehörigen und den von ihnen verübten Gräueltaten befassen.62 In den vergangenen Jahren erschien darüber hinaus sogar eine Reihe von populärwissenschaftlichen Werken, die aus der Feder von deutschen oder ausländischen Autoren stammen und sich ebenfalls mit der Polizei des „Dritten Reichs“ auseinandersetzen. Diese Titel wenden sich meist an militärhistorisch interessierte Leser und bemühen sich, mithilfe von Bildmaterial der Ordnungspolizei eine Gestalt zu verleihen, wenngleich ihr Mehrwert für die Forschung eher überschaubar ist.63 Allmählich wurde die Zeit reif, die einzelnen Teile des Puzzles zusammenzusetzen und sich so einen genaueren Überblick über die institutionellen Strukturen und die darin herrschenden Mentalitäten sowie die Dimensionen der Verbrechen und die sie auslösenden Motive zu verschaffen.

In diesem Sinne schufen Stefan Klemp und Wolfgang Curilla umfangreiche Nachschlagewerke, die insbesondere für die polizeigeschichtliche Holocaustforschung unverzichtbar geworden sind. Beide Autoren dokumentieren in ihren verdienstvollen Arbeiten, welche Verbrechen die Ordnungspolizei während des Zweiten Weltkriegs begangen hatte. Um die blutige Spur freizulegen, welche die Polizeieinheiten besonders in den besetzten Ostgebieten hinterlassen hatten, werteten sie zahlreiche Verfahrensakten aus. Dadurch offenbarten sie, wie sehr die vermeintlich „saubere“ Polizei an Hitlers Vernichtungskrieg beteiligt gewesen und wie skandalös die deutsche Nachkriegsjustiz mit den Kriegsverbrechern und Massenmördern umgegangen war.64 Aus dem Dickicht der Paragraphen und orientiert an den Forschungsergebnissen der jüngsten Vergangenheit brachten sie ein ganzes Bündel an Motiven zum Vorschein. Sie wiesen auf Täter hin, die freiwillig getötet hätten und nach Kriegsende anscheinend ohne Gewissensbisse an ihre Schreibtische zurückgekehrt seien. Neben linientreuen, gehorsamen, ideologisch gefestigten und fanatischen Offizieren hätten sich die Mannschaften der Polizeibataillone aus radikalen Schlägertypen und pathologischen Mördern, aber auch aus „Otto Normalverbrauchern“ zusammengesetzt, von denen sich viele an das massenhafte Töten gar nicht erst gewöhnen mussten. Vielmehr hätten sie ihre Opfer etwa deshalb umgebracht, weil sie sadistisch veranlagt gewesen seien, ihre Macht über Leben und Tod genossen hätten, sich aus eigenem Antrieb heraus hätten bereichern wollen oder schlicht weil es ihnen von ihren Vorgesetzten befohlen worden sei.65

Solche Interpretationen machten das Unansehnliche allmählich sichtbar. Sie ließen keinen Zweifel daran, dass diese Form der Polizeigeschichte nicht bloß einen Trend darstellte. Stattdessen bildete sie einen eigenständigen Fachbereich heraus. Er ließ sogar ganze Zentren entstehen, die sich insbesondere in Nord- und Nordwestdeutschland anschickten, der jungen Disziplin ein Forum zu bieten. Als eine der ersten und bedeutendsten Stätten polizeihistorischer Forschung fungiert seit Mai 2001 der Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster, der jedoch nicht nur Fachleute und Polizisten, sondern auch die gesamte Gesellschaft erreichen möchte.66 Dieses Ziel verfolgte insbesondere die Dauerausstellung „Im Auftrag“, die das Wirken der Ordnungspolizei gerade für den Raum Westfalen illustrierte. Der gleichnamige Sammelband, bei dem Alfons Kenkmann und Christoph Spieker als Herausgeber fungieren, offenbart in seinen einzelnen Beiträgen, wie breit das Spektrum des Themenkomplexes ist.67 Das bestätigen auch weitere Sammelbände, die seither meist aus lokalen Initiativen entstanden und vorwiegend an ortsansässige Rezipienten adressiert waren.68 Zum ersten Mal machte jedoch die Ausstellung „Ordnung und Vernichtung“ einem breiten Publikum das Thema zugänglich. Diese Schau, die vor allem die Deutsche Hochschule der Polizei (DHPol) in Münster-Hiltrup ausgearbeitet hatte, war im Jahre 2011 im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin zu sehen und gastierte seither an weiteren Standorten in der ganzen Bundesrepublik. Der gleichnamige Begleitband, den Florian Dierl, Mariana Hausleitner, Martin Hölzl und Andreas Mix herausgaben, öffnet dem Betrachter einen tiefer gehenden Zugang zur Vergangenheit des deutschen Exekutivorgans. Auf ähnliche Weise fungierten auch Medienberichte, TV-Dokumentationen und Konferenzen, die dieses wichtige Ereignis für die deutsche Polizeihistoriographie begleiteten.69 Seit der Jahrtausendwende belegen daneben weitere Ausstellungen und deren Begleitbände, wie die Polizei auf lokaler Ebene an der NS-Herrschaft partizipierte.70 All das zeigt also, dass die uniformierte Ordnungsmacht des „Dritten Reichs“ nicht nur in den Bücherregalen, sondern auch in der wissenschaftlichen Forschungslandschaft und Erinnerungskultur der Bundesrepublik angekommen ist.

Über Länder- und Fachgrenzen hinweg entwickelte sich bis heute eine beachtliche Fülle an Theorien, die erklären sollen, warum so viele deutsche Polizisten aus dem nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungskrieg als Täter hervorgehen konnten. Es ist zwar nicht bekannt, wie tief der eingangs zitierte Oberleutnant Erich Bürkner in die Massenverbrechen der Ordnungspolizei verstrickt war. Das lässt sich aus seinem Tagebucheintrag nicht entnehmen, der in der Zeitschrift „Die Deutsche Polizei“ erschien. Ebenso wenig ist überliefert, mit welcher Einheit er seinerzeit in der westlichen Sowjetunion eingesetzt war und was er dort genau tat. Bekannt ist hingegen, dass er bereits im Jahre 1940 in Norwegen mit einer Polizeiformation gegen norwegische, aber „auch schwedische und finnische Freischärler“ gekämpft hatte.71 Als Bürkner dann in seinem Tagebuch 1941 über den Einsatz in Smolensk berichtete, offenbart sich, dass er nicht nur von radikal antisemitischen, sondern auch antikommunistischen Ansichten erfüllt gewesen sein muss. So stellte er gefangengenommene Angehörige der Roten Armee und die einfache russische Bevölkerung als verschlagene, zerlumpte und asoziale Wesen dar, die mehr mit Tieren als mit Menschen gemeinsam hätten.72

Wie kam ausgerechnet ein Polizeioffizier zu einer solch menschenverachtenden Denkweise, die zwei zentrale Feindbilder der NS-Ideologie beinhaltete? Wurde er mit derartigen Glaubenssätzen bereits in der Jugend sozialisiert oder legte er sie sich erst im Laufe seines „auswärtigen Einsatzes“ zu? Da er wie alle seine Kollegen dem massiven Trommelfeuer der NS-Propaganda ausgesetzt war, vermuten einige Forscher, dass das Regime sie möglicherweise gezielt zu überzeugten Nationalsozialisten und radikalen Antisemiten erzogen haben könnte. Mit der „Weltanschaulichen Schulung“ schuf es ein eigenes Unterrichtsfach, in dem die Exekutivkräfte intensiv mit den Prinzipien der NS-Ideologie konfrontiert werden sollten. Mehr noch verbarg sich dahinter ein ganzes System, das daran arbeitete, Himmlers Mannen politisch zu indoktrinieren.73 Dazu entstanden in den vergangenen Jahren mehrere Studien, die ergründen wollten, ob sich viele Angehörige aus SS und Polizei deshalb so bereitwillig am Judenmord beteiligt hatten, eben weil sie zuvor weltanschaulich geschult worden waren.

1.2Forschungsstand und Fragestellung

Als einer der ersten Historiker überhaupt versuchte Karl-Heinz Heller, die weltanschauliche Schulung innerhalb der Ordnungspolizei genauer zu untersuchen. In seiner 1970 an der Universität von Cincinnati eingereichten Doktorarbeit stellt er überblicksartig dar, wie das dahinterstehende System aufgebaut war und welche Inhalte in jenen Propagandaschriften vermittelt wurden, die gezielt an uniformierte Beamte adressiert waren. Heller ist davon überzeugt, dass die politische Indoktrination bei den Ordnungspolizisten durchaus gefruchtet habe, wobei besonders die jüngeren Staatsdiener empfänglich gewesen seien, die im NS-Staat sozialisiert worden waren. Unter Himmlers Einfluss hätten sie sich zu bedingungslos gehorsamen Multiplikatoren der NS-Ideologie entwickelt und neue politisch orientierte Aufgaben übernommen. Neben den Schulungsmaßnahmen habe sie das mental ebenso geprägt wie ihre Kooperation mit anderen Exekutivorganen des „Dritten Reichs“. Dass sie bereits in der Vorkriegszeit mit der Gestapo bereitwillig zusammenarbeiteten, wertet Heller daher als ein weiteres Indiz dafür, wie erfolgreich das Regime sie konditioniert habe. Diesen Prozess und seine Wirkungsmacht überschätzt er jedoch deutlich. Obwohl er darauf hinweist, dass die uniformierte Ordnungsmacht etwa „Fremdarbeiter“ und Juden massiv drangsalierte, verkennt er aber grundsätzlich ihre Rolle im NS-Staat. Er sieht in ihr lediglich einen willfährigen Erfüllungsgehilfen von Himmlers Geheimpolizei und der SS, unter deren beider Obhut sie dann während des Zweiten Weltkriegs militärische Einsätze durchgeführt habe. Von den zahlreichen Massenmorden der Polizeibataillone in den besetzten Gebieten ist in seinen Arbeiten indes nichts zu lesen.74

Eine der ersten deutschsprachigen Studien zur weltanschaulichen Schulung legte Thorsten Bastian Bach im Jahre 1997 vor. In seiner Magisterarbeit zeichnet er nach, wie sie allgemein und speziell in Westfalen organisiert war. Er skizziert, welche Institutionen und Personen dafür verantwortlich waren, „Gesetzeshüter“ ideologisch zu beeinflussen. Anschließend zeigt er exemplarisch auf, mit welchen Unterrichtsmaterialien und Lehrkräften das gelingen sollte. Dabei blickt Bach sogar über den Tellerrand der politischen Indoktrination hinaus und analysiert, allerdings äußerst fragmentarisch, was außerdem noch zum ordnungspolizeilichen Unterricht gehörte. Wenngleich er diesen Versuch unternimmt, bleibt er jedoch in Ansätzen stecken, da er sich hauptsächlich auf die weltanschauliche Schulung konzentriert, ohne aber diesen Schritt näher zu begründen. Weil er ihr somit einen exponierten Platz zuweist und von den restlichen Fächern und Inhalten absondert, relativiert Bach dadurch automatisch die Rolle der übrigen polizeilichen Ausbildung. Um zu ergründen, ob sie die Beamten beeinflussen konnte, betrachtet er vor allem ausgewählte Selbstzeugnisse von einzelnen Polizisten. Letztlich nimmt er an, dass die weltanschauliche Schulung erfolgreich auf die deutschen Staatsdiener eingewirkt habe, weil sie mit der NS-Ideologie konform gegangen seien, den im Unterricht verwendeten Jargon übernommen und die Terrorpolitik des Regimes vollstreckt hätten.75

Im Jahre 2000 verfasste zudem Carsten Westerkamp im Rahmen eines Ratsanwärterlehrgangs an der DHPol eine Seminararbeit, die sich an Bachs Studie orientiert. Dabei berücksichtigt er aber auch sozialpsychologische Ansätze. Er vermutet, dass die weltanschauliche Schulung dabei geholfen habe, unter den Angehörigen der Polizeibataillone ein starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit herauszubilden. Diese integrative Solidarität sei also institutionell gefördert worden, was dazu beigetragen habe, dass die eingeschworene Gemeinschaft der Beamten gegen ihre außenstehenden Opfer vorging.76 Wie für solche sozialwissenschaftlichen Interpretationen typisch, erscheint diese These durchaus plausibel, bleibt aber hochgradig spekulativ, weil sie kaum zu beweisen ist.

Thomas Köhler untersucht ferner in einem 2001 erschienenen Aufsatz den Inhalt von einzelnen Büchern, deren Autoren teilweise selbst aus den Reihen der Polizei des „Dritten Reichs“ stammten. Diese Machwerke stellten ein Gemisch aus heroischen Kriegsberichten und Versatzstücken des nationalsozialistischen Weltbildes dar. Köhler geht bei seiner Studie nicht nur davon aus, dass das „‚Gefahrenpotential’ ideologischer Verführung und Indoktrination durch Literatur […] ungemein hoch“ sei.77 Er gelangt letztendlich zu der Ansicht, in solchen Schriften habe tatsächlich „die Gefahr einer erfolgreichen ‚weltanschaulichen Schulung’ per Buch“ gelegen.78 Schließlich könnte es auf den polizeilichen Leser sehr authentisch gewirkt haben, wenn ihm ein Kollege in solchen Publikationen von seinen persönlichen Erfahrungen an der Front berichtet. Anders als dies im gemeinschaftlichen Unterricht möglich gewesen sei, habe der Rezipient so eine engere Beziehung zum Autor und damit zu dessen Botschaft aufbauen können. Auch die inhaltlich-stilistische Machart der Bücher könnte beim Leser einen stärkeren Eindruck hinterlassen haben, was möglicherweise sogar zu einer echten Übernahme der NS-Ideologeme geführt habe. Trotz solcher Spekulationen muss jedoch auch Köhler eingestehen, dass es kaum möglich ist, einen empirischen Beweis für solche Thesen zu liefern.79

Besonders nach der Jahrtausendwende entstanden weitere wissenschaftliche Werke, die daran erinnern, dass sich die politische Indoktrination nicht exklusiv an die Ordnungspolizei, sondern Himmlers gesamten Machtbereich gerichtet hatte. Im Jahre 2003 erschien der Sammelband „Ausbildungsziel Judenmord?“, dessen vier Essays darauf abzielten, die „‚Weltanschauliche Erziehung’ von SS, Polizei und Waffen-SS im Rahmen der ‚Endlösung’“ näher zu beleuchten.80 In seiner Einleitung weist das Autorenquartett zu Recht darauf hin, dass sich die Geschichtswissenschaft lange mit der antisemitischen Indoktrination nur äußerst rudimentär auseinandersetzte.81 Die vier Historiker unterscheiden nicht zwischen „weltanschaulicher Schulung“ und „weltanschaulicher Erziehung“, da es sich dabei um zwei geradezu synonyme Begriffe handle. Darunter verstehen sie ein holistisches Konzept, das seine Adressaten mit unterschiedlichen Methoden mental zu erreichen versuchte, aber nichts mit einer „Gehirnwäsche“ gemein habe. Die so vermittelten antisemitischen Ideologeme stellten jedoch nur einen Gegenstand von vielen dar, mit denen Himmlers Schulungsapparat seine Exekutivkräfte konfrontiert habe.82 Dementsprechend weist die Forschergruppe einerseits darauf hin, dass „sich der Nachweis direkter Tatrelevanz in der Mehrzahl der Fälle nicht erbringen lässt“.83 Andererseits behauptet sie aber, dass „Wechselwirkungen zwischen Schulung und Gewaltpraxis evident sind“.84

Als einer von ihnen konzentriert sich Richard Breitman in seinem Aufsatz „Gegner Nummer eins“ ebenfalls auf die antijüdischen Inhalte der weltanschaulichen Schulung. Er versucht zu ergründen, welchen Stellenwert sie im SS- und Polizeiapparat besaßen, indem er skizziert, wie die Schulen der Sicherheitspolizei und des SD solche judenfeindlichen Themen behandelten.85 Er kommt zu dem Schluss, die SS-Führung habe diesen Unterricht als äußerst hilfreich eingeschätzt, um die Polizeischüler auf den Judenmord vorzubereiten.86 Ohne diese Kausalität näher zu erläutern, attestiert Breitman der weltanschaulichen Schulung mit Blick auf die antisemitischen Botschaften sogar, dass sie bei den Männern „zumindest die psychischen Hemmschwellen beseitigt hatte, an Massenmorden mitzuwirken“.87

Den umfangreichsten Beitrag lieferte Jürgen Matthäus, der insgesamt eine ganze Reihe von Aufsätzen zur „weltanschaulichen Erziehung“ verfasste, die alle eine ähnliche Argumentation verfolgen: Im Rahmen ihres Dienstes hätten sich Polizisten schon seit Beginn der NS-Herrschaft in unterschiedlicher Weise daran beteiligt, antisemitische Maßnahmen durchzuführen, indem sie etwa Juden verhafteten und in Konzentrationslager sperrten. Dabei sei es zu einer engen Kooperation zwischen den verschiedenen Zweigen des SS- und Polizeiapparats gekommen. Durch diese praktische Erfahrung sei es den Ordnungshütern ganz normal erschienen, ihre jüdischen Opfer zu diskriminieren. Zu dieser routinemäßigen Gewaltausübung sei zusätzlich ein politisierender Unterricht gekommen, der den Beamten systematisch und kontinuierlich die theoretischen Grundlagen der judenfeindlichen NS-Ideologie vermittelt habe. Nach dem Vorbild der SS sollten gemeinsam begangene Feierlichkeiten zudem dabei mithelfen, Inhalte und Werte solcher Lehreinheiten zu vertiefen.88 Mit dieser Mischung aus antijüdischer Arbeitspraxis und indoktrinierten Dogmen seien die Angehörigen von SS und Polizei während des Zweiten Weltkriegs in die besetzten Gebiete gezogen, wo sie sich in ihren antisemitischen Vorurteilen bestätigt gesehen hätten.89 Die spezielle Pädagogik habe den Männern dabei grundsätzlich nicht vorgeschrieben, was sie zu tun hätten, sondern vielmehr zu einer bestimmten „Haltung“ verholfen, durch die sie die Massaker an den Juden als rechtens ansehen sollten.90 Matthäus betont darüber hinaus, dass „die von der ‚weltanschaulichen Erziehung’ vermittelten Ideen und Zielsetzungen den SS-Männern und Polizisten die Teilnahme am Massenmord“ leichter gemacht hätten.91 In einem anderen Werk geht er sogar davon aus, „daß die enge, frühzeitig hergestellte Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis in der ‚Judenfrage’ bestehende Hemmschwellen herabsetzte und die wachsende Radikalität polizeilicher Maßnahmen miterzeugte“.92

In seinen Arbeiten begreift Matthäus „weltanschauliche Erziehung“ generell nicht nur als seminarähnlichen Unterricht, da er auch Kameradschafts- und Filmabende sowie Truppenbesuche ranghoher NS-Funktionäre in seine Überlegungen miteinbezieht. Ein solch weit gefasstes Begriffsverständnis wirft dann allerdings die Frage auf, warum er neben den antisemitischen Aspekten weder die übrigen Themen der ideologischen Indoktrination noch andere Fächer, Inhalte und Wertekomplexe der gesamten Ausbildung berücksichtigt. Außerdem differenziert er nur unzureichend zwischen den einzelnen Gliedern von Himmlers Machtapparat. Dadurch entsteht der Eindruck, es habe in der „weltanschaulichen Erziehung“ von SS, Sicherheits- und Ordnungspolizei keinerlei Unterschiede gegeben, ohne dass er dies jedoch durch eine genaue Analyse belegt. In einem weiteren Artikel gibt er einerseits an, es lasse sich „empirisch, methodisch und analytisch nur schwer fassen“, ob sie überhaupt für die Verbrechen direkt von Belang gewesen sei.93 „Daß die im Unterricht vermittelten Stereotypen unmittelbar oder in jedem Fall tatauslösend wirkten“, sei allerdings „wenig wahrscheinlich“.94 Andererseits behauptet er in einer anderen Schrift, die „weltanschauliche Erziehung“ habe „auf Untergebene wie Vorgesetzte, als Tatantrieb wie spätere Rechtfertigung“ gewirkt.95 Da er diesen Konnex nicht wirklich beweisen kann, verweist Matthäus lediglich darauf, welch großen Stellenwert sie für Himmler und seine Führungsriege besessen habe. Schon allein deshalb sei es „extrem unwahrscheinlich“, „dass ideologische Indoktrination […] keinen Platz haben soll“ auf der breiten „Skala tatrelevanter Faktoren“.96 Ähnlich dieser Position gehen weitere Autoren ebenfalls davon aus, dass die weltanschauliche Schulung durchaus einflussreich gewesen sei und das Handeln der Täter merklich mitbestimmt habe.97

Auch Edward B. Westermann glaubt in seiner 2005 erschienenen Dissertation daran, dass die weltanschauliche Schulung sehr wirkungsvoll gewesen sei. Ähnlich wie Matthäus beschränkt er sich in seiner Studie jedoch nicht nur auf den ideologisch geprägten Unterricht. Vielmehr nimmt er darüber hinaus zahlreiche weitere Maßnahmen in den Blick, mit denen die Nationalsozialisten versucht haben sollen, auf die Mentalität der Ordnungspolizisten nachhaltig einzuwirken, um sie so auf den Vernichtungskrieg vorzubereiten. Dabei erweitert der Autor den Fokus, indem er betont, dass diese Initiativen auf zwei zentralen Komponenten gefußt hätten: Einerseits hebt er hervor, Himmlers Apparat habe die Staatsgewalt eng mit der SS verflechten und sie in deren Geiste erziehen können. Andererseits habe er die uniformierte Polizei noch wesentlich stärker militarisiert, als dies schon vor 1933 der Fall gewesen sei. Der NS-Staat habe den Beamten also sowohl ein militärisches Standesbewusstsein als auch die Prinzipien der SS-Ideologie erfolgreich eingebläut. In der Kombination dieser beiden Faktoren habe sich innerhalb der Ordnungspolizei eine neue Organisationskultur herausgebildet, welche die Taten ihrer Einheiten und lokalen Dienststellen in Osteuropa ermöglicht habe.98 Zwar erscheint diese These durchaus plausibel, bietet sie doch einen breiteren Erklärungsansatz zum mentalen Innenleben der uniformierten Staatsmacht. Gleichwohl bleibt Westermann in dessen Analyse recht vage. Denn er stellt nur unzureichend dar, wie diese beiden Sphären miteinander verflochten gewesen sein sollen. Dessen ungeachtet ist festzuhalten, dass auch er der weltanschaulichen Schulung eine große Bedeutung beimisst.

In seinem 2014 erschienenen Werk „Ganz normale Organisationen“ analysiert Stefan Kühl eingehend das berühmte Reserve-Polizeibataillon 101 aus organisationssoziologischer Perspektive und widmet sich dabei unter anderem ebenfalls der weltanschaulichen Schulung.99 Seiner Ansicht nach habe diese kaum vermocht, die Glaubenssätze der Staatsdiener zu beeinflussen. Die Schulungen und Hetzschriften hätten aber auch gar nicht dahingehend gewirkt, sie zu Massenverbrechen an jüdischen Opfern zu motivieren. Vielmehr seien weite Teile der deutschen Gesellschaft schon in der Frühphase des „Dritten Reichs“ davon ausgegangen, das Gros der „Volksgenossen“ billige die sich schrittweise steigernde antisemitische Politik des NS-Regimes. Aus dieser Annahme heraus sei es dem Einzelnen zunehmend schwerer gefallen, sich öffentlich dagegen zu positionieren, weshalb er lieber geschwiegen oder sogar zumindest pro forma deren Jargon übernommen habe. In diesem allgemeinen Klima habe die weltanschauliche Schulung dann den Weg dafür geebnet, die Angehörigen der Polizeieinheiten annehmen und letztendlich fraglos akzeptieren zu lassen, dass es zum legitimen Aufgabenspektrum der polizeilichen Organisation gehöre, Juden zu töten. Als diese es dann von ihren Mitgliedern tatsächlich erwartet habe, hätten sie deshalb die entsprechenden Befehle ausgeführt, ohne sie weiter zu hinterfragen. Derlei Kommandos hätten sie aber erst dadurch praktisch vollstrecken können, weil es ganz generell ein wesentliches Kennzeichen der polizeilichen Organisation dargestellt habe, Gewalt auszuüben.100 Der Autor lässt allerdings offen, wie genau sich ein solcher Prozess vollzogen haben soll. Wie es sich für eine soziologische Arbeit gehört, muss der Leser eher auf vage Theorien als auf handfeste Beweise vertrauen. Ohne dafür empirische Belege zu liefern, geht Kühl darüber hinaus davon aus, er könne sein systemtheoretisches Konzept für das Reserve-Polizeibataillon 101 einfach abstrahieren und auf sämtliche Einheiten der Ordnungspolizei und anderer Waffenträger übertragen.101 Insgesamt erinnern seine Erklärungsmodelle zudem häufig an jene, die Harald Welzer bereits zuvor entwickelt hatte.102

Während also einige Wissenschaftler die weltanschauliche Schulung als mehr oder minder einflussreich bewerten, widersprechen dem jedoch andere. Wie bereits erwähnt, bezweifeln etwa Christopher R. Browning und Daniel Jonah Goldhagen, dass der politisch-ideologische Unterricht in den Polizeieinheiten besonders wirkungsvoll war.103 Peter Longerich ist dahingehend ähnlich skeptisch.104 Alexander Primavesi mutmaßt darüber hinaus, dass die uniformierte Ordnungsmacht Ende der dreißiger Jahre gar nicht dafür ausgebildet gewesen sei, Himmlers Rassenpolitik in Osteuropa zu vollstrecken, weshalb sie diese menschenverachtende Praxis erst im Einsatz habe erlernen müssen.105 Daneben sind in der Literatur auch Stimmen von ehemaligen Polizisten des NS-Staats zu vernehmen, die behaupten, dass sie die weltanschauliche Schulung nur gelangweilt habe. Allerdings sind solche subjektiven und teils apologetischen Nachkriegspositionen eher mit Vorsicht zu genießen.106 Zu einem ambivalenteren Urteil gelangt Klaus-Michael Mallmann. Die Botschaften der politischen Indoktrination hätten ihm zufolge einerseits weder in der Ausbildung dominiert noch die polizeilichen Adressaten fanatisiert. Diesen hätten sie aber andererseits die Möglichkeit aufgezeigt, mit ihren Opfern ungestraft tun zu können, was zuvor undenkbar schien.107

Für die SS-Angehörigen in den Konzentrationslagern glaubt Karin Orth ferner zu wissen, dass weniger die weltanschauliche Schulung dafür verantwortlich gewesen sei, dass sie so brutal und skrupellos gegen Häftlinge vorgingen. Vielmehr hätten die Täter soziale Netzwerke innerhalb dieser Terrorstätten unterhalten, die auf einer gemeinsam praktizierten Gewalt basierten, die den Akteuren jedwede Empathie für ihre Opfer genommen habe.108 Hans Buchheim meint sogar, dass es „in der SS keine strenge ideologische Schulung oder Lerndisziplin“ gegeben habe, „die sich auch nur entfernt mit der kommunistischen vergleichen ließe“. Der kümmerliche weltanschauliche Unterricht habe „kaum Einfluß auf das Denken der SS-Angehörigen“ ausgeübt, die darin stattdessen genauso „gegammelt“ hätten, wie es auch bei den Vertretern anderer Organisationen des NS-Staats der Fall gewesen sei.109

Weil die weltanschauliche Schulung eben in Himmlers gesamten Machtbereich stattfand, taucht das Thema auch in Werken auf, die sich mit anderen Waffenträgern auseinandersetzen, welche die Forschung deutlich früher als die Ordnungspolizei für sich entdeckte. Das gilt insbesondere für die Waffen-SS. In seiner Pionierarbeit zu dieser NS-Eliteorganisation analysiert Bernd Wegner sehr intensiv, wie sie ihr Führerkorps an den eigens dafür eingerichteten SS-Junkerschulen ausbildete und dort wie auch später politisch indoktrinierte. Er stellt dabei heraus, dass die Ausbildung überwiegend militärisch ausgerichtet gewesen sei, was insbesondere während des Krieges alle anderen Themenkomplexe deutlich in den Schatten gestellt habe. Dazu zählte auch die weltanschauliche Schulung, die insgesamt darauf abgezielt habe, eine homogene Truppe von SS-Führern zu schaffen.110 Darüber hinaus sollte sie die Adressaten „zu einer bestimmten Haltung dem Leben gegenüber“ erziehen.111 Dahinter habe sich sogar „ein fächerübergreifendes pädagogisches Prinzip“ der SS verborgen, das auch die übrigen Unterrichtsdisziplinen erfasst habe.112 Letztlich ist Wegner jedoch davon überzeugt, dass die weltanschauliche Schulung in den Junkerschulen und erst recht in den Einheiten der Waffen-SS keinen hohen Stellenwert genossen habe und daher nicht besonders erfolgreich gewesen sei.113 Auch Robert Lewis Koehl denkt, dass viele Männer in der Waffen-SS den ideologischen Unterricht als wenig nützlich angesehen hätten.114

Weitere Studien zur Waffen-SS attestieren der weltanschaulichen Schulung hingegen eine größere Wirkungsmacht. Martin Cüppers etwa ist der Ansicht, die „Wegbereiter der Shoah“ seien in diesem Unterricht hauptsächlich mit antisemitischen Ideologemen und Parolen massiv konfrontiert worden, welche die Teilnehmer begeistert aufgenommen hätten. Ein bereits vorhandener Judenhass sei dabei häufig radikalisiert und auf eine einheitliche Linie gebracht worden.115 Auf eine ähnliche Weise interpretiert auch René Rohrkamp die „weltanschauliche Erziehung“ der Waffen-SS. Sie habe darauf abgezielt, die Moral der Truppe aufrechtzuerhalten und ihre Angehörigen weltanschaulich einheitlich auszurichten.116 Der ideologische Unterricht habe Lerninhalte aufgegriffen, die den Männern bereits in der Schule oder anderen NS-Organisationen vermittelt worden seien.117 Er sei so angelegt gewesen, dass die Angehörigen von Himmlers Elitetruppe simple Botschaften einstudieren sollten, um diese jederzeit abrufen zu können. Rohrkamp spricht sogar von einem „mind controlling“, das während des Krieges in den einzelnen Einheiten der Waffen-SS erfolgt sei.118

Jens Westemeier weist darauf hin, dass die Führer der Waffen-SS bereits sehr stark von der NS-Ideologie beseelt gewesen seien, noch ehe sie überhaupt in Himmlers Elitetruppe gelangten. Sie hätten also schon früher die Werte der SS geteilt und sich deshalb überhaupt erst in ihr zusammengefunden. Die weltanschauliche Schulung an den SS-Junkerschulen habe ihre diffusen Ansichten dann systematisiert und damit den Grundstein für eine langjährige Indoktrination gelegt. Die so geschaffene und kollektiv geteilte Ideologie sei letztlich dafür verantwortlich, dass die Führer der Waffen-SS während des Krieges derart unbarmherzig und brutal gegen ihre Gegner vorgingen und unzählige Kriegsverbrechen verübten.119 Ferner sieht Jürgen Förster in der weltanschaulichen Erziehung der Waffen-SS „eine Maßnahme zur geistigen Standardisierung einer heterogenen Truppe“.120 Seiner Ansicht nach seien die dabei vermittelten Werte „tatsächlich zentrale Faktoren für die mörderische Effizienz der Täter“.121 Allerdings hätten sich NS-Propaganda und Versuche zur politischen Indoktrination zumindest in der Endphase des Krieges kaum auf das Kampfgeschehen ausgewirkt.122

Mit „Himmlers Lehrer“ legte der Erziehungswissenschaftler Hans-Christian Harten im Jahre 2014 eine erste Monographie vor, die sich ausführlich mit der weltanschaulichen Schulung in der gesamten SS auseinandersetzt. Darin untersucht er zunächst, wie das entsprechende Schulungswesen aufgebaut war. Er beschreibt außerdem, wie die Männer in den Lehranstalten und Einheiten, aber auch innerhalb der Totenkopfverbände in den Konzentrationslagern konkret politisch indoktriniert wurden. Ferner befasst er sich auch noch mit den propagandistischen Schriften. Schließlich führt er eine kollektivbiographische Analyse zu jenen Lehrkräften durch, die für den ideologischen Unterricht verantwortlich waren und in der Arbeit insgesamt im Zentrum stehen.123 Harten zufolge „gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen weltanschaulicher Schulung und genozidalem Handeln der SS, wohl aber einen indirekten“. Nach Ansicht des Autors schuf sie nämlich „einen legitimatorischen Rahmen, der das Überschreiten zivilisatorischer Grenzen erleichterte“. Bedauerlicherweise konzentriert sich Harten dabei nur auf die Schutzstaffel, weshalb er die Ordnungspolizei sowie ihre institutionellen und schulischen Eigenarten nicht berücksichtigt, „die mit der SS-Schulung nur begrenzt in Einklang gebracht werden konnten“, ohne dass er dies jedoch in seiner Arbeit nachweist.124 Außerdem erwähnt er zwar beiläufig, dass es auch noch andere Ausbildungsgegenstände innerhalb der SS gab. Leider geht er aber auf diese nicht näher ein, weshalb zwangsläufig der Eindruck entsteht, die weltanschauliche Schulung habe alles andere überragt.125

Freilich verbietet es sich, die Erkenntnisse aus solchen Studien zur SS einfach auf die Ordnungspolizei zu übertragen. Doch können sie dabei helfen, den Gesamtrahmen zu erfassen, innerhalb dessen Himmler versuchte, die Mentalität seiner Untergebenen zu beeinflussen. Allerdings vermochten es die bisherigen Studien nicht, genau zu belegen oder zumindest Indizien dafür vorzubringen, welche Wirkungsmacht die politische Indoktrination nun tatsächlich besaß. Dass diese sehr einflussreich gewesen sei, heben insbesondere jene Arbeiten hervor, die sich ausschließlich auf die weltanschauliche Schulung konzentrieren, was daher nicht allzu überraschend ist. Es scheint fast so, als schlössen einige Autoren vom schrecklichen Ergebnis des millionenfachen Massenmords auf mögliche ideologische Ursachen, die sie dann eben zu einem erheblichen Teil im politisch-weltanschaulichen Unterricht zu erkennen glauben. Wer hingegen versucht, diesen in einen größeren Kontext einzuordnen, schätzt seinen Einfluss in vielen Fällen jedoch geringer ein, wobei auch hier adäquate Belege oder Argumente meist fehlen.

Die Fachwelt ist sich also insgesamt uneins darüber, wie wirkungsmächtig die weltanschauliche Schulung tatsächlich war. Fraglich ist allerdings, warum sich die bisherigen Studien fast ausschließlich auf dieses Unterrichtsfach konzentrieren. Freilich liegt es nahe, diese Disziplin genauer unter die Lupe zu nehmen, weil sie immerhin dazu angelegt war, SS-Männer und Polizisten mental an der NS-Ideologie auszurichten. Insofern ist es durchaus legitim, eingehend zu analysieren, mit welchen Inhalten und nach welchen Methoden das konkret geschehen sollte, aber auch wie erfolgreich sich dieses Unterfangen gestaltete. Denn das NS-Regime betrachtete die weltanschauliche Schulung offensichtlich als zentrales Instrument, um seine Exekutivkräfte mental zu beeinflussen und sie im Geiste der „braunen“ Ideologie zu erziehen. Insbesondere für die Polizeibeamten genügte es jedoch nicht, deren Themen und