Tausend Kilometer Süden - Walter Jungwirth - E-Book

Tausend Kilometer Süden E-Book

Walter Jungwirth

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Beschreibung

Eine mitreißende, poetische, rauschhafte Erzählung vom Radfahren in den Bergen. Eine Ode an die große Freiheit auf zwei schmalen Reifen… Eine Langstreckenprüfung für unerschrockene Radfahrer, ein Irrsinn für Normalsterbliche: 1.000 Kilometer in maximal 75 Stunden. Start und Ziel in der Provence, über Alpenriesen hinweg, quer durch Ligurien. Drei Tage und drei Nächte im Sattel. Non-stop, unterbrochen nur durch kurze Verpflegungsstopps an Bäckereien oder ein Nickerchen in Bushaltestellen. Und durch unangekündigte Geheimkontrollen, die verhindern, dass jemand auch nur ein Stück des Weges abkürzt. Mal in kleinen Gruppen unterwegs, aber praktisch ganz auf sich allein gestellt. Kälte, Wind, Einsamkeit, infernalische Abfahrten, bedrohliche Müdigkeit, leuchtende Landschaften, die Euphorie der Endorphine. So ist der Mille du Sud. Ein Brevet für Randonneure, wie sich die wahren Giganten der Landstraße, die namenlosen Ausdauerhelden, selbst nennen. Walter Jungwirth ist einer von ihnen. Tausend Kilometer Süden ist sein Erstling. Eine mitreißende, poetische, rauschhafte Erzählung vom Radfahren in den Bergen. Eine Ode an die große Freiheit auf zwei schmalen Reifen… und an die unerschöpflichen Ausdauerreserven der menschlichen Spezies. Aber auch eine inspirierende Antwort auf entscheidende Fragen: Warum nimmt jemand so etwas - freiwillig - auf sich? Warum liegt in der unermesslichen Strapaze die noch größere Erfüllung? Und vor allem: Wen juckte es nach der Lektüre dieses kleinen, großen Büchleins nicht in den Beinen, es dem Autor gleichzutun und länger und weiter Rad zu fahren, als man es selbst je für möglich gehalten hätte?

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2017

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TausendKilometerSüden

Walter Jungwirth, Jahrgang 1962, ist im Erstberuf Übersetzer für Französisch. Er lebt im Breisgau, wo er Ende der neunziger Jahre mit dem Radsport begann. 2003 machte er seine ersten Erfahrungen auf der Langstrecke, seither hat er zahllose Brevets absolviert. Er arbeitet heute in einer Psychiatrischen Klinik. In der Vergangenheit veröffentlichte er Geschichten übers Radfahren auf der Websitewww.viavelo.de. »Tausend Kilometer Süden« ist sein erstes Buch.

Walter Jungwirth

TAUSENDKILOMETERSÜDEN

Eine Erzählung vom Radfahren in den Bergen

Walter Jungwirth:

Tausend Kilometer Süden.

Eine Erzählung vom Radfahren in den Bergen.

© Walter Jungwirth, 2017

ISBN (Print) 978-3-95726-019-2

ISBN (E-Book) 978-3-95726-023-9

Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, 33604 Bielefeld

Coverillustration: Keith Negley

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.

Besuchen Sie uns im Internet: www.covadonga.de

eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken.

Karl Marx

Inhalt

Tag 0, Dienstag – Prolog

Tag 1, Mittwoch – Provence

Tag 1, Mittwoch – Ligurien

Tag 2, Donnerstag – Piemont

Tag 3, Freitag – Haute Provence

Wie komme ich eigentlich hierher?

Tag 3, Freitag – Haute Provence

Tag 4, Samstag – Epilog

Danksagung

Tag 0, DienstagProlog

 

Wir werden ja sehen, so reden wir, altgediente Routiniers der Landstraße, und natürlich lassen wir alles auf uns zukommen, was da beim Mille du Sud auf uns zukommen wird, und manche werden uns um unsere Zuversicht beneiden, aber bloß mit der Beschwörung unseres stoischen Gleichmuts wäre ein ganzer Nachmittag im Café nicht erfolgreich zu bestreiten. Zudem verlangt die neue Strecke nach fachkundigen Kommentaren, allein schon die Tatsache, dass von den tausend Kilometern vierhundert durch Italien führen: was für ein interessantes und diskussionswürdiges Novum! Der Randonneur liebt es grundsätzlich, Landschaften zu preisen, die er bereist hat oder bereisen möchte, und nicht selten gibt er dazu passend – oder im Zweifelsfall weit ausholend – gleich wundersame Geschichten zum Besten, die vorwiegend den Gleichgesinnten ein Wiehern oder Kopfschütteln abringen, während andere Zeitgenossen den Kontakt mit solchen Geschichtenerzählern nach Möglichkeit meiden, weil sie ihnen nicht geheuer sind. Aber hier in Carcès, am Vortag des Starts, sind wir unter uns und entfesselt, befeuert vom regionalen Angebot an Kaltgetränken, und die in diesem Zuge einsetzende Legendenbildung ist in vollem Gange. Da ist manches, was man noch nicht gehört hat oder nur zu gerne ein zweites oder drittes Mal hört, und den Randonneur möchte man sehen, der sich nicht davon mitreißen ließe. Auch ich bin da keine Ausnahme.

Zwischen den anderen sitzt auch Rufus mit an dem kleinen, runden Tisch auf seinem knarzenden Korbstuhl. Jedenfalls knarzt er dann, wenn mein alter Weggefährte zu einer seiner Anekdoten ausholt, und davon kennt er eine Menge, und seine Erzählungen reißen ihn auch heute wieder so mit, als steckte er noch mittendrin in einer dieser Affären, die er in die Runde wirft. Seine Beine zucken, als wäre er noch immer am Pedalieren, und seine Arme rudern umher, dass jeder sofort sieht, dass hinter diesen Geschichten eine Leidenschaft steckt, wie sie einigen Radfahrern eigen ist – besonders dann, wenn sie das eine oder andere Abenteuer erfolgreich bestanden haben. Und das hat er, Rufus, das kann ich bezeugen und von Glück sagen, dass ich hie und da mit von der Partie war und er insofern auch unsere gemeinsame Geschichte erzählt, so wie ich es nie erzählen könnte.

Und endlich ranken sich die Wortbeiträge um den Col Agnel, einen der höchsten asphaltierten Übergänge, welche die Alpen zu bieten haben. Dieser Pass soll einzigartig sein und Frankreich von Italien wie eine Messerklinge teilen. Und manches Beeindruckende findet zudem noch Erwähnung, auch wenn ich hinterher nicht mehr genau weiß, was es denn mit ihm darüber hinaus noch auf sich hat, aber er sei ein Muss sozusagen. Allein die Nennung seines Namens vermag in diesem Kreis die Fantasien ungeheuer zu beflügeln, so dass selbst ich, dem besagter Col bloß ein vager Begriff war, am Ende zur Überzeugung komme, dass es insgeheim ein lang gehegter Traum von mir war, diesen legendären Pass mit dem Rad zu überqueren. In meiner Vorstellung wird es eine grandiose Auffahrt werden, wenn wir uns nach sechshundert Kilometern entweder im Abendrot des zweiten Tages oder unter dem zauberhaften Sternenzelt der zweiten Nacht von Osten her zum Pass hochschrauben bis auf 2744 Meter – daran kann es überhaupt keinen Zweifel geben. Und angesichts so viel berauschender Schönheit wirkt es angezeigt, gleich nochmals vom berauschenden Angebot an regionalen Kaltgetränken Gebrauch zu machen, was der Angelegenheit weiteren Schwung verleiht.

Leute unseres Schlages werden von denen, die sich bereits mit dem Phänomen des Radwanderns befasst haben, bisweilen respektvoll, bisweilen aber auch geringschätzig, Randonneure genannt – dem französischen Wort für Wanderer entlehnt. Doch nur die Eingeweihten wissen darum, so dass es fraglich ist, ob etwa der Wirtin, die uns hier nun seit Jahren immer in der ersten Septemberwoche verpflegt, diese Bezeichnung geläufig ist. Aber sie kennt uns und weiß auf jeden Fall, dass es immer ein großes Durcheinander gibt, nachdem die Ersten ihre Räder an die ockerfarbene Hauswand neben dem Café gelehnt haben, oder gegenüber, an die im Abendschatten zum Rosa tendierende Kirche, die mit ihrem ohrenbetäubenden Geläut immer zur Unzeit unsere Gespräche unterbricht.

Nach all den Jahren grüßt uns diese Frau mit einer Herzlichkeit, die ein Wiedererkennen nahelegt, auch wenn ihr das ausgelassene Stimmengewirr schon zu schaffen gemacht hat: diese Kakophonie, die nicht so sehr auf die verschiedenen Sprachen zurückzuführen ist, sondern darauf, dass sich jeder nach seinem Gutdünken in unseren Kreis setzt, indem er einen dieser geflochtenen Stühle von den Nachbartischen heranzieht, und kaum, dass er dem Verlauf der Unterhaltung folgen kann, steht der Nächste wieder auf, weil er noch Dinge zu erledigen hat am Vortag des Starts, was in Verbindung mit den Rufen nach Getränken und Speisen ein ewiges Hin und Her ergibt, ein kaum zu durchschauendes Wirrwarr. Aber die Wirtin, die mit Sicherheit viel Volk gewohnt ist, schert sich nicht drum und vertraut wohl darauf, dass sie auf ihre Kosten kommen wird.

Auch der Engländer, der sich schon vor Jahren dem Mille du Sud verschrieben hat, redet vom Randonneur. Beim Sprechen fällt seine Betonung in eigentümlicher Weise auf die erste Silbe, was dem Wort mit dem breiten »R« einen leicht ironischen Beigeschmack gibt. Aber es mag sein, dass der Engländer, der hier in der Provence schon viel durchlebt hat, gar nicht mehr anders von uns sprechen kann als in diesem ironischen Tonfall, gepaart mit einem rauen und herzhaften Lachen, bei dem er den Kopf nach hinten wirft, was zur Gegenrede herausfordert. Dann legt er den Kopf schief, um den Entgegnungen besser folgen zu können – vielleicht, weil er auf einem Ohr schlechter hört, vielleicht ist es aber auch nur eine Angewohnheit. Er ist ja nicht mehr der Jüngste, und wer weiß, was sich in seinen Jahren schon alles ereignet hat und bei ihm zu dieser seltsamen Haltung geführt hat. Gleichwohl sieht er wie immer kräftig aus, und sein Gesicht ist gerötet, was daran liegen mag, dass er als Nordeuropäer die Sonne nicht verträgt, und in diesem Sommer gab es viel davon, wohl auch in England. Womöglich liegt es aber auch ein wenig daran, dass er es schätzt, sich am Vortag noch etwas Mut anzutrinken, und da geht es ihm nicht anders als den anderen am Tisch. Deren Gesichtsfarbe jedoch geht ins Braun, abgesehen von den Nasen, die stets auch einen Schimmer von Rot in sich tragen, denn sie sind viel im Freien unterwegs und der Sonne stärker ausgesetzt als der Rest des Gesichts – ganz zu schweigen vom Rumpf, der, würde man den Anwesenden die Trikots und T-Shirts vom Leibe ziehen, in seiner erschreckenden Farblosigkeit an Maden erinnert, die jahrein, jahraus in Dunkelheit leben.

Alle, wie sie hier sitzen, haben ihre Wahl getroffen, und nun gibt es keinen Ausweg mehr, und das hat auch sein Gutes, denn so kann man sich mitreißen lassen auf dem Strom des Bevorstehenden – mögen die Abenteuer kommen! Und noch einmal heben wir die Gläser zur Feier dieses denkwürdigen Tages, vielleicht auch zu Ehren der Berge, die uns erwarten; das alles muss gar nicht mehr unterschieden werden. Die Vorboten des Glücks sitzen zwischen uns und alles Verlangen hat im milden Spätsommerlicht schon jetzt eine gewisse Sättigung erfahren. Wenn nun Gesangbücher mit Psalmen zu jedem berüchtigten Alpenpass auf dem Tisch lägen, würde uns nichts hindern, in die Liturgie einzustimmen, und unser Singen würde durch ganz Carcès ertönen, bis hinunter zum Fluss, wo ein paar von uns im Anschluss ein Bad nehmen, ja, vielleicht bis hinauf zur Mehrzweckhalle, wo sich alle einundvierzig Teilnehmer des Mille du Sud am selben Abend zum gemeinsamen Mahl treffen und der kleine, bärtige Papou hinter den großen Kochtöpfen alle Mäuler aufs Vorzüglichste stopft. Und bei alledem weiß ich plötzlich nicht mehr, ob mir überhaupt danach ist, morgen loszufahren, wo es uns hier, unter dem lichten Grün der Platanen des Cafés Le Centre, doch an nichts fehlt. Aber dann ist es wiederum doch so, dass unsere Erzählungen nach neuer Nahrung verlangen, immer und immer wieder, und außerdem ist es ausgemachte Sache, dass man ja sehen will, was auf einen zukommt.

Tag 1, MittwochProvence

 

Carcès, Kilometer 0

Tags darauf, am Mittwochmorgen kurz vor acht Uhr, am Ende eines ausgiebigen Frühstücks in der Halle, wo man die Nervosität trotz der offenen Fenster und Türen riechen kann, ist – nach all den Geschichten des Vortags – die Zeit überreif für einen neuerlichen schicksalshaften Aufbruch und die Männer begeben sich nach draußen; es sind fast nur Männer in diesem Jahr, der Mille du Sud spielt den Frauen noch übler mit als unsereinem, aber eine wagt es trotzdem. Doch jetzt ist jeder mit sich selbst beschäftigt, weil man hier am Start noch viel falsch machen oder vergessen kann, und niemand nimmt Notiz vom anderen Geschlecht, das sich untergemischt hat. An der Startlinie sind ohnehin alle gleich, man hofft nur, dass die drei Tage ohne Blessuren verlaufen.

Eine Schinderei wird es in jedem Fall; um sich das klarzumachen, bedarf es nur eines kurzen Blickes aufs Oberrohr, wo ich eine Liste der Kontrollpunkte und der Schlusszeiten aufgeklebt habe. Von den Bergen ist dort nicht einmal die Rede, aber es sind die Berge, an denen die Fahrer, die nun ihre Maschinen erwartungsvoll über den staubigen Platz schieben, zerschellen werden wie ins Trudeln geratene Flugzeuge. Die Kilometer sind nichts als ein Raster, in das alles hineingepresst ist, auch die Berge.

Sigale (km 126) – Mi 16h24

Menton (km 230) – Mi 23h20

Sassello (km 339) – Do 1oh36

Sampeyre (km 565) – Do 21h44

Embrun (km 660) – Fr 9h36

Ambel (km 734) – Fr 15hoo

Col du Festre (km 756) – Fr 16h43

Séderon (km 841) – Fr 23ho5

Carcès (km 1ooo) – Sa 11hoo

Man drängt nach vorn an den schmalen Tisch im Schatten der enormen Platanen, das rot-weiße Band vor Augen, und am Tisch sitzt Sophie, die all dies, was sich hier abspielt, ins Rollen gebracht hat und zusammenhält, und es ist kein Geheimnis, dass ihr ganzes Herzblut in diesem Abenteuer steckt. Von ihrem Posten hinter dem Tisch sieht sie dem Start mit Spannung entgegen, so gut kenne ich sie, während sie unter ihrem langen, blonden Schopf als eine Art Schutzheilige dieses Unternehmens aufmerksam und scheinbar ruhig die Lage verfolgt, einen Stempel und aufmunternde Worte austeilt, als könne sie kein Wässerchen trüben; aber jeder weiß, dass sie es schafft, mit ihren schweren Strecken auch die Stärksten in die Knie zu zwingen.

Und so wacht sie über den geregelten Ablauf, zusammen mit dem alten Bernard, der unter seinem breitkrempigen Hut ausschaut wie ein Künstler oder vielleicht auch wie ein Ganove aus dem Krimi – man wüsste nur zu gerne, welche Fügung ihn zu diesem fahrenden Volk hier geführt hat. Gleich wird er das rot-weiß gestreifte Band, das uns noch von der Straße trennt, zu Boden fallen lassen, während er sein gegerbtes Gesicht wie beiläufig zu einem halb spöttischen Lächeln verzieht, als Mitwisser in gewissem Sinne, denn wenngleich wenig von ihm bekannt ist, so erzählt man sich doch, dass auch sein Leben in den letzten Jahren nicht einfach war.

Plagt euch ruhig, so lächelt er unter seiner Hutkrempe hervor, er hat uns ja noch ein paar Jahre voraus, und er wird wohl wissen, was das bedeutet. Doch wenn wir zurück sein werden, werden auch wir gealtert sein, und es bleibt offen, ob es ein erstrebenswerter Zustand ist zu altern oder eben nur unschönes Beiwerk unseres Vorhabens. So wie er da steht, ist das eine wie das andere denkbar und es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Beantwortung dieser Frage einstweilen aufzuschieben, denn jetzt ist der entscheidende Moment gekommen, wo sich Sophies Stempel, der erste, auch auf meine gelbe Brevetkarte niedersenkt. Etliche Stempel werden diesem noch folgen, und jeder von ihnen wird im Nachhinein seine kleine Geschichte erzählen, wenn die Sache einen erfolgreichen Verlauf nimmt, und daraus werden neue Erzählungen gemacht, welche aber, das wird sich erst im Laufe der nächsten drei Tage zeigen. Alles ist möglich, und wer hier ohne Bedenken am Start steht, fürchtet nichts im Leben.

Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Das Band fällt zu Boden, der Mille du Sud ist eröffnet, und in diesem Moment, da sich nach vorne hin die Schleusen öffnen und ich mich anschicke, die Beine von der sonnenverbrannten Erde zu nehmen, um mich in die Pedale einzuklicken und mit den ersten zwanzig Fahrern in die Morgensonne hineinzurollen, stellt sich heraus, dass mein Hinterrad halb platt ist.

Ich wundere mich, was in dieser Nacht passiert sein mag, dass es dazu kommen konnte, halte mich aber nicht lange mit dieser Frage auf. Um mich nicht ganz alleine auf den Weg machen zu müssen, besorge ich mir in aller Eile eine Standpumpe, indem ich den schmalen, sehnigen Landsmann mit dem Rennrad ohne Gangschaltung aus der zweiten Startgruppe um seinen Autoschlüssel bitte – eben noch hatte ich ihn an seinem Fahrzeug mit seiner Pumpe hantieren sehen. Er aber weiß entgegen allem Anschein auch mit moderner Technik umzugehen und mit einem Druck auf seinen Schlüssel öffnet er sein Auto aus der Entfernung. Es muss schnell gehen – auch er will seinen Start nicht verpassen. Ich renne hin und zerre die Pumpe aus dem Kofferraum und Panik erfasst mich, und mein Herz beginnt wie wild zu rasen im Verlangen, aufzubrechen in die südlichen Gefilde, zusammen mit all diesen eigentümlichen Mitverschworenen.

Ich presse, so schnell es geht, zwei Dutzend kräftige Luftstöße in den Reifen, um sogleich, jetzt schon außer Atem, mit der zweiten Startgruppe aufzubrechen. Inmitten dieser wirft nun auch der hagere Landsmann mit seinem Singlespeed sein Bein über den Sattel und strafft die Sehnen, um ebenso wie ich einzutauchen in die Weiten der mediterranen Landschaften, wo unser aller Lebensgeschichte fortgeschrieben werden wird und wo mein Landsmann – dazu bedarf es keiner prophetischen Gabe – nach menschlichem Ermessen mit seinem Versuch, die Berge mit diesem anachronistischen Fahrzeug bezwingen zu wollen, scheitern wird. Am Fuße irgendeines entlegenen Anstiegs wird er fraglos den Tribut zollen für seine Vermessenheit. Er ist zum ersten Mal hier und hat noch keine Begriffe von dem, was ihm bevorsteht, und er wäre nicht der Erste, dessen Höhenflug, der mit dem Nahen des Mille du Sud einsetzt, jäh endet unter dem erdrückenden Gewicht der Realität – da gab es schon viele vor ihm, die besser gerüstet waren.