Teenager-Tränen - Brigitte Kemptner - E-Book

Teenager-Tränen E-Book

Brigitte Kemptner

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Beschreibung

Es war fast unmöglich, sich gegen Eltern durchzusetzen, die Spießer waren – als Mädchen schon mal gar nicht. Aber damit hätte ich mich ja noch abfinden können, wären sie nicht auch noch streng und unzeitgemäß gewesen. Klar liebte ich meine Eltern, weil man das als gehorsame Tochter nun mal tat. Nein, im Ernst, ich liebte sie wirklich. Aber liebten sie mich auch? Juliane steckt mit ihren 15 Jahren so richtig in der Pubertät. Als dann auch noch der hübsche Felix auftaucht, gerät das Leben aus den Fugen. Denn ihre beste Freundin Lara kann viel mehr Zeit mit ihm verbringen als sie selbst ...

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Edition Paashaas Verlag

Autor: Brigitte Kemptner Cover-Motive: Pixabay.com

Covergestaltung: Michael Frädrich Lektorat: Nina Sock Originalausgabe April 2021

Edition Paashaas Verlag – www.verlag-epv.de Printausgabe: ISBN: 978-3-96174-085-7

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über https://dnb.d-nb.de.

Teenager-Tränen

Für meine Freundin Stephanie,

die mit ihrer Anregung zu diesem Buch beigetragen hat

Schuld war nur Harry Potter

Es war fast unmöglich, sich gegen Eltern durchzusetzen, die Spießer waren – als Mädchen schon mal gar nicht. Aber damit hätte ich mich ja noch abfinden können, wären sie nicht auch noch streng und unzeitgemäß gewesen. Klar liebte ich meine Eltern, weil man das als gehorsame Tochter nun mal tat.

Nein, im Ernst, ich liebte sie wirklich.

Aber liebten sie mich auch? Solange ich brav war und tat, was sie von mir verlangten, bestimmt. Auf jeden Fall liebten sie mich nicht so wie Klaus, meinen älteren Bruder. So viel stand jedenfalls für mich fest. Der musste nämlich nicht mit fünfzehn abends um 20:00 Uhr schon daheim sein; der hatte ein Smartphone und konnte ohne Zeitlimit am PC sitzen. Meine Eltern hatten doch keine Ahnung, wie es war, wenn man in der Schule oft verspottet wurde, wenn sich die Mitschüler über einen lustig machten.

Und dann kam Harry Potter ins Spiel. Aber ich fange am besten von vorne an …

Es war kurz vor meinem zwölften Geburtstag gewesen. Schon seit einiger Zeit schwärmten einige aus meiner Klasse von einem Zauberer-Jungen: Harry Potter. Die Geschichten über ihn gab es zwar schon viele Jahre, aber bei meinen Mitschülern schien er erst jetzt angekommen zu sein. Auf jeden Fall war er in den Pausen Gesprächsthema Nummer eins und das, was ich so ganz nebenbei aufschnappte, gefiel mir. Weil ich für mein Leben gerne las, wollte ich ebenfalls die Bücher haben.

Ohne zu ahnen, welche Reaktion ich bei meinen Eltern damit heraufbeschwor, machte ich den fatalen Fehler, mir zum Geburtstag den ersten Band von sieben zu wünschen. Es war kurz vor den 20:00 Uhr-Nachrichten – eine günstige Gelegenheit, meinen Wunsch vorzutragen, fand ich. Während Carsten Klein, mein Papa, auf den Bildschirm starrte und gar nicht reagierte, wollte meine Mutter Maria wissen, was das für ein Buch sei. Diese Frage war schon einmal gut.

„Fantasy“, erwiderte ich und erzählte ihr, was ich so an Handlung aus den Unterhaltungen meiner Klassenkameraden mitbekommen hatte.

In froher Erwartung und mit etwas flauem Gefühl im Magen starrte ich Mama an, während ich auf eine positive Antwort hoffte.

„Ach, so ein Zeug ist das“, hörte ich sie schließlich in einem Ton sagen, der all meine Hoffnung zusammenfallen ließ. „Aber diese Art von Literatur kommt mir nicht ins Haus. Ich möchte auf keinen Fall, dass du so etwas liest. Unrealistisch und ohne jede Kultur. Es gibt doch so viele schöne Mädchenbücher, die du dir wünschen kannst. Ich möchte nur mal wissen, wer dir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat.“

„Niemand“, erwiderte ich und fühlte, wie sich meine Hoffnung auf das Buch nun endgültig in Luft auflöste. „Aber, Mama, wenn ich es mir doch wünsche!“, wagte ich noch einen Versuch.

„Nein.“ Meine Mutter wandte sich an Papa. „Nun sag du doch auch mal was, Carsten!“

Mein Vater schaute vom Bildschirm, wo die Nachrichten gerade begonnen hatten, zu uns herüber. „Worum geht es eigentlich?“

Papa hatte mal wieder nichts mitbekommen, dachte ich enttäuscht. Wenn die Glotze an oder er in seine Zeitung vertieft war, könnte das Haus einstürzen.

„Um Harry Potter. Weil es Fantasy ist, erlaubt Mama es nicht“, antwortete ich, bevor sie etwas sagen konnte. „Ich wünsche mir den ersten Band zum Geburtstag.“

„Und ich sage nein. Du kennst meine Meinung.“

„Dann ist die Sache doch geklärt“, erwiderte Papa. „Jetzt will ich in Ruhe die Nachrichten zu Ende sehen.“

Am liebsten hätte ich Mama gefragt, ob sie denn überhaupt Fantasy-Bücher kannte, weil sie so dagegen war. Aber ich ließ es bleiben, weil ich keine Kämpfernatur war und somit schluckte ich meine Enttäuschung wie schon so oft runter.

Da ich zu meinem Geburtstag nicht das bekam, was ich mir gewünscht hatte, fand ich zum Glück einen anderen Weg: Da mein sehr knapp bemessenes Taschengeld nicht reichte, wollte ich mir das Buch ausleihen.

Wozu lag denn auf meinem Schulweg zwischen Bushaltestelle und unserer Straße “Toms Bücherstube“? Das Coolste an ihr war, dass man dort nicht nur Bücher kaufen, sondern sich auch welche ausleihen konnte, meist ältere.

So las ich an einem der nächsten Tage heimlich in meinem Zimmer im ersten Potter-Band.

Mein Pech war, dass Mama ihn in ihrem Kontrollwahn entdeckte, als ich in der Schule war. Dabei hatte ich das Buch so gut versteckt, aber wohl nicht gut genug. Was musste sie auch in meinem Zimmer herumschnüffeln? In meiner Privatsphäre? Es gab jedenfalls einen Riesenkrach und ich musste das Buch sofort zurückbringen.

So vertraute ich mich in meinem großen Kummer Tom Hornung an.

Tom Hornung war Witwer, Anfang sechzig und wohnte genau wie wir in der Mörikestraße, direkt uns gegenüber. Er war einer von den Menschen, die man gerne zum Nachbarn hatte, doch befreundet war er mit meinen Eltern nicht.

Aber wer in der Straße war das schon?

Die meisten Leute, die hier wohnten, hatten wenig Sinn für Nachbarschaftskram. Sie gingen alle ihre eigenen Wege, arbeiteten während der Woche und an den Wochenenden fuhren sie meistens fort. Mir war das ohnehin egal, weil in unserer Straße sowieso niemand in meinem Alter wohnte. Wären nicht ein paar kleinere Kinder da, über die sich meist die älteren Herrschaften beklagten, weil sie so laut waren, wäre die Mörikestraße nur tote Hose. Einige meiner Mitschüler waren sogar ziemlich gehässig und meinten, dass in unserer Straße doch ohnehin nur lauter “feine Pinkel“ wohnten. Aber ich fand, dass die Leute so schlimm nun auch wieder nicht waren.

Nachdem ich mich Tom also anvertraut hatte, machte er mir einen Vorschlag: Falls meine Eltern einverstanden wären, könnte ich in seinem Laden lesen, wann immer ich dafür Zeit hätte.

Ich glaubte nicht daran, dass meine Eltern das erlaubten. Dennoch flammte in mir ein kleiner Hoffnungsschimmer auf. So nahm ich all meinen Mut zusammen und berichtete ihnen beim Abendessen unter Herzklopfen von Toms Vorschlag. Die Reaktion fiel alles andere als rosig aus.

„Kommt überhaupt nicht infrage“, fing Mama an. „Keine Fantasy. Das haben wir doch bereits geklärt und ich wiederhole mich nicht gerne.“

Ich hatte das Gefühl, vor meiner Mutter immer kleiner zu werden. Trotzdem versuchte ich es weiter: „Aber Herr Hornung lässt mich in seinem Laden lesen. Bitte, Mama, erlaub es mir“, flehte ich, während mein Herz weiterhin auf Hochtouren war.

„Was habt ihr gegen Fantasy-Bücher? An denen ist doch wirklich nichts Schlimmes dran. In meiner Klasse lesen die fast alle, auch Mädchen.“

Danke, Klaus! Großer Bruder.

Doch dann kam einer von Mamas Lieblingssätzen: „Juliane soll lieber für die Schule lernen, das ist viel wichtiger. Nun sag du doch auch etwas, Carsten.“

Mein Vater, der sich vor Diskussionen jeglicher Art am liebsten drückte, ließ meistens Mama reden und mischte sich erst ein, wenn er es für richtig hielt: „Vielleicht sollten wir in diesem Punkt nicht ganz so streng sein, Maria.“

Hatte das wirklich mein Vater gesagt?

„Andererseits“, fuhr er fort, „wenn unser Nachbar Tom Hornung ihr schon ein solches Angebot macht, würde es kein gutes Licht auf unsere Familie werfen, wenn wir uns stur stellen. Gut, Juliane darf meinetwegen dort lesen. Ich habe mich mal über diese Potter-Bücher erkundigt, sie sind auch schon für Zwölfjährige geeignet. Aber nur, wenn die Schule darunter nicht leidet. Ist das klar?“

„Ja“, sagte ich und musste mich arg zusammennehmen, sonst hätte ich losgeheult. Dabei hätte ich doch erfreut sein sollen.

Kein gutes Licht auf die Familie werfen, hämmerte es in meinem Kopf. Deshalb hatte mein Vater also nachgegeben und nicht mir zuliebe.

Ein Jahr später.

Wieder stand mein Geburtstag kurz bevor, mein Dreizehnter. Ich nahm auch diesmal meinen ganzen Mut zusammen und wünschte mir ein Smartphone. Ich wollte nicht länger eine Außenseiterin in meiner Klasse sein.

„Alle in der Schule haben schon eines. Selbst die viel Jüngeren. Ich bin die einzige in meiner Klasse, die keines hat“, erklärte ich meinen Eltern beim Abendessen unter Herzklopfen.

Daraufhin sprach Papa mit ruhiger, fester Stimme. Schreien war nicht sein Stil. „Was andere machen, müssen wir ja nicht auch tun. Konzentriere dich auf die Schule und das Lernen, da hapert’s bei dir ohnehin mehr als genug, sagt deine Mutter. Zu einem späteren Zeitpunkt können wir mal darüber reden.“

„Ich wünsch mir aber so sehr ein Smartphone, es muss ja nicht das Teuerste sein, wenn es ums Geld geht. Bitte, Papa!“

So viel Mut hatte ich mir eigentlich nicht zugetraut und ich war über mich selbst erstaunt.

Unsere Familie nagte nun wirklich nicht am Hungertuch. Papa verdiente doch gut. Er war seit fünfundzwanzig Jahren Leiter für Finanzwesen in einer großen Firma in Konstanz und dass er sich zu Hause auch um alles Finanzielle kümmerte, war sonnenklar. Wir hatten keine Geldsorgen, auch wenn mein Vater ständig darüber klagte, weil die Strom- und Wasserrechnungen zu hoch seien. Meine Mutter ging zudem auch dreimal die Woche arbeiten. Wir wohnten in einem wunderschönen eigenen Haus in einer ruhigen Siedlung in Rosenau am See und ich wollte unbedingt ein Smartphone. Genau wie meine Eltern und Klaus eins hatten.

„Wir hatten auch keines, als wir so alt waren wie du und haben es überlebt“, erwiderte jetzt meine Mutter. „Und jetzt Ende der Diskussion.“

Ich presste kurz die Lippen aufeinander und rief aufgebracht: „Als ihr in meinem Alter wart, hat es ja noch kein Smartphone gegeben.“ Ich schlug mir leicht mit der Hand auf den Mund. Hatte ich das wirklich gesagt? Ich, die eher zurückhaltend und ruhig war? Der oft der Mut fehlte, sich durchzusetzen?

„Es reicht, Juliane!“ Mamas grüne Augen funkelten mich böse an. „Schlag dir diesen Unsinn aus dem Kopf. Es reicht schon, dass wir dir erlauben, in der Buchhandlung diese schrecklichen Bücher zu lesen.“

„Fantasy-Bücher sind nicht schrecklich, Mama“, rief ich trotzig, was ebenfalls nicht meine Art war. Aber ich war gerade in Fahrt und warum musste sie mich denn reizen?

Bevor Mama jedoch noch etwas sagen konnte, mischte sich Papa ein: „Jetzt ist es aber gut. Über ein Smartphone reden wir zu gegebener Zeit, Juliane, aber nicht in einem solchen Ton wie eben. Und jetzt möchte ich gerne in Ruhe fertig essen.“

Hiermit erreichten meine Eltern, dass ich nie wieder von einem Smartphone anfing.

Es würde Ärger geben

Den gab es eigentlich immer, wenn ich zu spät von der Schule heimkam. Vor allem aber dann, wenn meine Mutter, wie an jedem Donnerstag, ihren Frauennachmittag hatte. An einem solchen Tag dehnte ich meinen Heimweg absichtlich in die Länge. Andererseits brauchte ich auch etwas Freiheit, die außerhalb meines Zuhauses lag und die fand ich natürlich in Toms Bücherstube. Seit ich lesen konnte, freute ich mich über jedes Buch, das mir die Eltern und Großeltern – letztere sicher aus lehrreichen Gründen – schenkten. Im Buchladen gab es genug, die mein Leserherz sicher noch viele Jahre begeistern würden. Aber momentan besaß ich viel zu wenig Taschengeld, obwohl ich vor kurzem meinen fünfzehnten Geburtstag gefeiert hatte.

Bevor ich also an diesem Donnerstag die Absicht hatte, zu Hause aufzutauchen, wo Mama ihren Frauennachmittag vorbereitete, brauchte ich dringend noch etwas Erfreuliches und das war Lesen.

Ich war kaum in “Toms Bücherstube“ eingetaucht, da fühlte ich mich auch schon wie in einer anderen Welt. Am liebsten würde ich später einmal hier arbeiten und mich mit Büchern umgeben. Aber wie ich meine Eltern kannte, hätten die sicher was dagegen. Insgeheim planten sie mit großer Gewissheit schon meine berufliche Zukunft.

„Hallo, Juliane, wieder mal keine Lust schon heimzugehen?“, begrüßte mich der Ladenbesitzer freundlich.

„Hi, Tom. Nö, noch keinen Bock. Darf ich wieder lesen?“ Vor einigen Monaten hatte er mir das Du angeboten. Davon hatte ich meinen Eltern natürlich nichts erzählt.

„Klar, Mädchen. Du brauchst doch nicht zu fragen.“ Tom lächelte freundlich zurück. Das tat er eigentlich immer, weil er ein sehr netter älterer Mann war. Er holte aus einem Fach seiner Ladentheke den Potter-Band hervor, in dem ich gerade die Mitte erreicht hatte.

Leider war es mir nicht gegönnt, jeden Tag in die Bücherstube zu gehen und zu lesen, was ich mit Vorliebe getan hätte. So war ich bisher nicht weiter als bis zu Band vier gekommen. Erwartungsvoll verzog ich mich in die kleine gemütliche Sitzecke, die seit meinem zwölften Lebensjahr so etwas wie eine zweite Heimat geworden war.

Oder mein Zufluchtsort?

Kurz nach 14:30 Uhr schlug ich das Buch zu und gab es Tom. „Ich muss dann mal. Gibt sicher Ärger, weil Mama heute ihr Kaffeekränzchen hat.“

„Wird schon nicht so schlimm werden“, rief er mir nach, als ich den Laden verließ.

Zu Hause angekommen schlich ich mich ins Haus, obwohl ich doch genau wusste, dass dies kaum etwas nützte. Ärger gab es, dessen war ich mir sicher. Ein Blick auf die Armbanduhr gab mir recht. Nicht mehr lange und Mamas Freundinnen waren da, wie jeden Donnerstag. Ich hasste diese Tage, an denen Mama mich immer zum Helfen verdonnerte.

Später, wenn der Besuch gegangen war, durfte ich dann den Tisch abräumen und die Küche in Ordnung bringen. Mama musste sich nämlich etwas erholen.

Ich hörte meine Mutter im Esszimmer herumhantieren. Sie deckte bestimmt den Tisch.

„Juliane!“

Bei Mamas schriller Stimme zuckte ich zusammen. Dabei hatte sie eigentlich eine sehr schöne, angenehme Stimme, aber manchmal … ich wollte etwas Zeit schinden und strebte zur Treppe, um meine Sachen nach oben aufs Zimmer zu bringen – was ich sonst üblicherweise nicht tat, wenn ich gerade von der Schule heimkam. Dann landete der Rucksack erst einmal neben dem Garderobenschrank.

„Halt, Fräulein, hiergeblieben.“

Also nicht erst nach oben. Ich zog schützend die Schultern hoch, während Mama mich am Rucksack festhielt. „Wieso kommst du so spät? Du weißt doch, dass heute meine Freundinnen kommen.“

Klar wusste ich das. Mir wurde mit einem Mal ganz heiß im Gesicht und unterm Anorak. Aus meinem Mund kam nur ein Gestammel: „Ich … ich war … war doch nur kurz bei Tom …“

„Wo auch sonst!“, war Mamas kurzer Kommentar. Da sie hinter mir stand, konnte ich nur vermuten, dass ihr Gesicht nicht sonderlich freundlich aussah.

„Wenn ihr mir erlauben würdet, Harry Potter zu Hause zu lesen, bräuchte ich nicht in die Buchhandlung zu gehen.“

Meine Mutter ließ den Rucksack los. „Du kennst unsere Meinung. Jetzt wasch deine Hände und hilf mir in der Küche, damit ich fertig werde, bis mein Besuch kommt.“

Mann, war ich acht oder fünfzehn?

„Darf ich mir vorher noch ein Brot machen?“ Mein Magen signalisierte Mittagessen, doch das fiel an diesen Donnerstagen immer aus.

Mama winkte ab. „Dann hättest du eher kommen müssen. Später kannst du etwas essen. Jetzt eilt es.“

Oh, wie ich diese Tage verabscheute, an denen meine Mutter nur Stress machte. Egal, ob es der Freundinnentag war, ihre Wechselschichten in der Klinik oder als Ehrenamtliche in der Kirchengemeinde. „Juliane, tu dies, Juliane, tu das. Hast du deine Aufgaben gemacht? Dein Zimmer aufgeräumt? Den Geschirrspüler ausgeräumt? Und gib acht auf mein gutes Porzellan. Und räum nicht wieder alles verkehrt in die Schränke ein.“

Letzteres tat ich immer mit Absicht, in der Hoffnung, dass ich es nicht mehr machen musste.

Ich stand gerade in der Küche, als Mamas Besuch kam. Ich beobachtete die fünf Frauen, von denen ich außer meiner Mutter keine kannte, weil sie nicht in der Mörikestraße wohnten. Ich fand allerdings, dass meine Mama trotz ihrer neunundvierzig Jahre die eleganteste und schönste von allen war. Sie war einmeterfünfundsiebzig groß, schlank, hatte eine leicht gebräunte Haut – worauf sie sehr viel Wert legte – ein herzförmiges Gesicht, schwarzes kurzes Haar und grüne Augen.

Nach ihr kam ich jedenfalls nicht. Mein Gesicht war rundlicher, obwohl ich überhaupt nicht dick war. Meine Haare waren mittelbraun, lockig und kinnlang. Mein Mund klein. Nö, ich kam mir jedenfalls eher unscheinbar vor.

Ich klopfte an die offene Esszimmertür. „Brauchst du mich noch oder kann ich auf mein Zimmer?“, fragte ich höflich. Mama erlaubte es, und als ich im Flur verschwand, hörte ich gerade noch, wie eine von Mamas Freundinnen sagte: „Du hast wirklich eine wohlerzogene Tochter, Maria.“

Ich stürmte die Treppe hoch und konnte deshalb nicht hören, was meine Mutter antwortete. Erst in meinem Zimmer stieß ich laut die Luft aus der Lunge. Wohlerzogen, dachte ich und verzog den Mund. Warum konnte ich mich über ein solches Kompliment nicht einfach freuen? Vielleicht stand es mir ja gar nicht zu, weil ich tief in mir drinnen oftmals von wütenden Gedanken besessen war? Ich kannte kein Mädchen, das mit fünfzehn abends um 20:00 Uhr zu Hause sein musste. Während der Woche hätte ich das ja noch verstanden, aber nicht einmal samstags oder in den Ferien erlaubten meine Eltern, dass ich mit meiner besten und einzigen Freundin Lara mal ins Kino oder zu einer Geburtstagsparty gehen durfte. Den gebrauchten Computer meines Bruders musste ich benutzen, aber nur eine Stunde am Tag, hauptsächlich für schulische Belange. Doch was das Schlimmste für mich war, ich besaß immer noch kein Smartphone. In der Schule machten sie sich ja schon lange über mich und die altmodischen Ansichten meiner Eltern lustig. Aber denen schien es ja völlig egal zu sein, wie es in mir aussah.

Eigentlich müsste ich jetzt die Zeit mit Hausaufgaben nutzen, bis Mamas Gäste gegangen waren, aber ich konnte mich dazu nicht aufraffen und legte mich aufs Bett. Ich starrte Löcher in die Decke und musste wohl eingenickt sein, denn ich schreckte plötzlich hoch.

Hatte jemand nach mir gerufen? Mama vielleicht? War denn das Kaffeekränzchen schon vorbei? Ich schaute auf die Uhr. Schon so spät?

„Juliaaane!“, drang es durchs Treppenhaus. „Komm runter und hilf mir in der Küche.“

Mama! Immer dieser Befehlston. Konnte sie nicht einmal „bitte“ sagen? Von mir wurde das doch auch verlangt.

„Ich bin noch an den Hausaufgaben!“, schwindelte ich.

„Die kannst du später auch noch fertig machen“, rief meine Mutter und ich hörte Ungeduld in ihrer Stimme. „Jetzt komm schon, deine Hausaufgaben macht dir schon niemand.“

„Papa hat angerufen“, empfing sie mich in der Küche. „Er ist von seinem Vorgesetzten zum Abendessen eingeladen worden. Es wird sicher wieder spät, bis er heimkommt. Ich habe mal wieder zu viel Kuchen gegessen und esse heute nichts mehr. Du kannst dir zum Abend Brote machen. Aber übertreib es mit der Wurst nicht.“

Ich wollte schon fragen, ob es denn heute nichts Warmes gab, schluckte es jedoch wieder runter. Es war besser, Mama nicht zu reizen und so half ich wie immer brav und gehorsam. Vielmehr machte ich alles allein, während sie sich an den Esszimmertisch setzte und meinte: „So ein Nachmittag strengt schon an. Du kommst doch allein zurecht, Juliane? Ich brauche jetzt ein paar Minuten Ruhe.“

Super! Was bitteschön war an einem Kaffeekränzchen anstrengend? Das verstand ich beim besten Willen nicht. So räumte ich den Kaffeetisch ab, verstaute den restlichen Kuchen im Kühlschrank und räumte das Geschirr in die Spülmaschine. Doch wenn meine liebe Mama nun glaubte, dass ich mich bei der Arbeit leise wie ein Mäuschen verhielt, täuschte sie sich. Ich klapperte recht laut mit dem Geschirr, passte allerdings auf, dass nichts zu Bruch ging und schlug recht fest die Tür der Spülmaschine zu.

„Geht’s auch etwas leiser?“

Ich grinste, hatte aber keine Lust zu antworten und erledigte den Rest jetzt aber leise. Dann machte ich mir zwei Scheiben Brot, goss ein großes Glas O-Saft ein und ging ins Wohnzimmer. „Die Küche ist sauber. Ich bin oben und mache weiter meine Hausaufgaben. Ich muss aber mal an den Computer, etwas für den Unterricht recherchieren. Kann ich ausnahmsweise heute mal etwas länger dran bleiben?“

Ich wunderte mich selbst, wie leicht mir auch dieser kleine Schwindel über die Lippen kam. Eine Stunde täglich am PC, meist zu Schulzwecken, war eindeutig zu wenig. Ich wollte einfach mal nur zum Spaß im Netz surfen, wie es andere auch taten. Warum mussten meine Eltern auch so streng und altmodisch sein? Wenn bloß meine Mitschüler davon nicht Wind bekamen, ich wäre wieder einmal mehr ihrem Spott ausgesetzt, denn von meinem Limit am Computer wussten sie zum Glück nichts. Die Sache mit der Schule sorgte natürlich auch für Ärger, aber eher für meine Familie als für mich. Ich war keine Leuchte und würde es auch sicher niemals werden, dessen war ich mir durchaus bewusst. Das ganze Lernen machte mir überhaupt keinen Spaß, obwohl ich mir wirklich Mühe gab.

„Du lernst doch nicht für uns“, war ein Leitsatz von Papa. „Du lernst für dich, damit du es später einmal zu etwas bringst.“

Zu was bringe! Zu was denn? Wozu brauchte ich bitteschön Chemie oder Physik, wenn ich heute schon wusste, dass ich beruflich damit nichts am Hut hatte. Oder Mathe? Ich wollte bestimmt in keiner Bank sitzen oder sonst wo und mich mit Zahlen herumplagen, wie Papa das tat, wenn er Morgen für Morgen in Anzug, weißem Hemd und Schlips in seinen Betrieb fuhr. Selbst im Hochsommer. Er verpasste selten die Tagesschau im Ersten – außer er kam später heim – und an den Wochenenden las er regelmäßig die Morgenzeitung beim Frühstück, was meine Mutter manchmal zur Weißglut trieb. Sonntags ging er in die Kirche, natürlich mit Familie.

Meine Eltern hätten mich ja gerne auf einem Gymnasium gesehen, aber Pustekuchen. Nicht einmal für die Realschule reichte mein Notendurchschnitt. So landete ich zu ihrem Ärgernis, besonders dem meiner Mutter, auf der Hauptschule.

„Nimm dir ein Beispiel an Klaus, der hat sein Abitur mit 1,2 bestanden.“

Blabla, immer diese Vergleiche.

Meinem Bruder fiel das Lernen eben leicht. In der Schule war er schon ein Streber durch und durch gewesen und Klassenbester. Jetzt war er zwanzig und studierte seit über einem Jahr. Momentan in Amerika und wohnte dort bei einem ehemaligen Schulkameraden von Papa. Als einziger in der Familie machte Klaus mir keine Vorwürfe, weil ich nur auf die Hauptschule ging. Doch für meine Eltern und auch die Großeltern war ich in diesem Punkt eine Enttäuschung. Oft genug bekam ich das aufs Butterbrot geschmiert. Dabei hatte Mama, Tochter einer Realschul-Lehrerin und späteren Schuldirektorin, ja auch nur eine durchschnittliche Mittlere Reife geschafft. Das hatte ich einmal durch Zufall aufgeschnappt, was ganz sicher nicht für meine Ohren bestimmt gewesen war. Darüber geredet wurde allerdings niemals und ich hatte geschwiegen.

Der nächste Tag war ein Freitag.

Ich fuhr mit einem regelrechten Druck im Magen zur Schule. Heute sollten wir nämlich unsere Arbeit zurückbekommen. Der Bus war wie immer schon an meiner Haltestelle gut besetzt. Später stiegen weitere Schüler ein, auch aus meiner Klasse. Die wenigsten beachteten mich und als sie saßen, gab es nur noch ihre Smartphone.

„Hi, Jule!“

Nora, die wegen ihres Übergewichtes oft gehänselt wurde, setzte sich auf den freien Platz neben mich. Inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, “Jule“ genannt zu werden.

„Hi, Nora“, grüßte ich zurück, verspürte aber wenig Lust, mich zu unterhalten.

„Ich bin echt mal auf die Arbeit gespannt, die wir heute zurückkriegen“, fing Nora an zu reden. „Französische Revolution.“

„Geht mir genauso“, erwiderte ich gezwungenermaßen, um nicht unhöflich zu sein. „Ich habe kein gutes Gefühl.“ Das war die Wahrheit, weil ich Geschichte noch nie mochte.

Die ganze Schule war nicht mein Ding.

Die Grund-, Haupt- und die Realschule befanden sich auf einem großen Gelände. Als wir dort ankamen, machte ich mich gleich auf die Suche nach Lara. Da sie auf die Realschule ging, würde ich sie sicher dort irgendwo finden. Ich hatte Glück. Etwas abseits vom allgemeinen Trubel stand sie bei einigen anderen Mädchen. Ich ging auf sie zu.

„Hi, Lara“, begrüßte ich meine beste Freundin, die sich so angeregt unterhielt, dass sie gar nicht reagierte. Erst als ich sie am Jackenärmel zupfte, schaute sie sich um.

„Hi, Juliane. Du, die Mädels und ich müssen noch schnell was bequatschen, bevor es klingelt. Wir sehen uns dann in der großen Pause, okay?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte Lara sich wieder den anderen zu und ich war abgemeldet.

„Okay!“, erwiderte ich dennoch und machte mich etwas enttäuscht auf den Weg in mein Schulgebäude.

In der großen Pause suchte ich wiederum meine Freundin und fand sie mit zwei anderen Mädchen, sicher ebenfalls Klassenkameradinnen, auf einer Bank sitzend. „Können wir jetzt kurz reden?“, fragte ich hoffnungsvoll. Schließlich hatten wir uns seit Dienstag nur kurz in den Pausen gesehen. Und heute war schon Freitag.

„Geht grad nicht. Du siehst doch, dass ich nicht allein bin.“

Ich war ja nicht blind. „Und wann hättest du heute Zeit?“

„Heute überhaupt nicht. Schule hab ich bis drei, dann Aufgaben machen und später bin ich schon verabredet. Wir wollen ins Kino. Der Film läuft nur noch heute. Du könntest ja mitkommen, aber du musst ja um acht daheim sein und der Film geht bis 21:00 Uhr.“

„Was?“, rief daraufhin eines der beiden anderen Mädchen. „Du musst echt um acht Uhr daheim sein? Wie uncool ist das denn.“ Sie lachte und die andere stimmte mit ein.

Ich dagegen schluckte und spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. Verzweifelt presste ich die Lippen aufeinander und brachte keinen Ton hervor. Ich warf einen Hilfe suchenden Blick zu Lara in der Hoffnung, dass sie etwas sagen würde.

Aber was tat sie? Tat so, als hätte sie nichts mitbekommen und holte seelenruhig ihr Smartphone aus der Jackentasche und meinte: „Ich muss rasch auf eine WhatsApp antworten. Wir können doch am Sonntag was zusammen machen. Ich rufe dich zu Hause an, einverstanden?“

Ich antwortete nicht, weil mir ein dicker Kloß im Hals saß. Als ich dann auch noch beinahe angefangen hätte zu heulen, drehte ich mich rasch um und ließ Lara und die anderen Mädchen stehen. Ja, ich kämpfte mit den Tränen, doch es schien zum Glück niemand auf mich zu achten. Es war mir oft schrecklich peinlich, so nahe am Wasser gebaut zu haben. In einiger Entfernung setzte ich mich auf eine freie Bank und wischte schnell mit dem Ärmel meiner Jacke über die Augen. Es sah wirklich nicht danach aus, als hätte jemand etwas gemerkt. Und wenn doch, dann würde ich mit Sicherheit nicht erzählen, dass ich mich über meine Freundin geärgert hatte. Ich fühlte mich in diesem Augenblick so richtig beschissen. Warum hatte Lara mich nicht einmal nach dieser blöden Bemerkung in Schutz genommen? Immer häufiger kam es in letzter Zeit vor, dass meine beste Freundin mich abservierte, manchmal sogar wie Luft behandelte, wenn sie in Gesellschaft war.

Aber so war Lara.

Lara

Ich war sieben Jahre alt, als ich Lara Winter kennenlernte. Damals war ich noch ein fröhliches und glückliches Kind. Meine kleine Welt war noch ziemlich in Ordnung gewesen, auch wenn ich strenge Eltern hatte, täglich nur eine halbe Stunde fernsehen durfte und der Computer für mich noch tabu war, während die meisten in meiner Klasse schon damit Umgang hatten, sei es auch nur, um zu spielen.

Ich besaß dafür jede Menge Hörspiel-CDs, von Mama sorgsam ausgewählt, Spiele, Mal- und Bilderbücher und einiges mehr. Sogar eine Flöte hatte ich, doch es war vergebene Liebesmühe, mir das Spielen beizubringen und so verschwand das gute Stück irgendwann auf Nimmerwiedersehen. Ich tobte viel im Garten herum, vor allem dann, wenn meine damalige Freundin Angelina bei mir sein durfte. Damals fühlte ich mich von meinen Eltern auch noch geliebt.

Lara war nach der Scheidung ihrer Eltern mit der Mutter in unser schönes Städtchen Rosenau am See gezogen. Sie war fast gleichaltrig und kam in meine Klasse.

Ich mochte das eher stille Mädchen mit dem schmalen Gesicht, den großen blauen Augen und dem dunkelblonden Pferdeschwanz auf Anhieb. Lara war anfangs sehr zurückhaltend und schaute immer so traurig aus, was in mir den Beschützerinstinkt weckte. Sie litt sehr unter der Trennung ihrer Eltern und fühlte sich in der kleinen Wohnung der Oma, bei der sie wohnten, nicht wohl.

Im Gegensatz zu mir war Lara jedoch bald eine der besten Schüler der Klasse. Gemeinsam mit meiner damaligen Freundin Angelina verbrachten wir während der Pausen viel Zeit zusammen. Es dauerte nicht lange, da waren Lara und ich unzertrennlich. Ich glaubte damals noch, dass Angelina genauso wie ich Freundschaft für Lara empfand und umgekehrt, weil wir doch ein tolles Dreiergespann waren. Zu unserer Grundschule gehörte auch ein Hort, wo die Kinder berufstätiger Eltern blieben, bis sie abgeholt wurden. Und zu denen gehörte auch ich.

Dass sich Freundinnen auch mal gegenseitig zu Hause besuchen wollen, war uns klar. Zuerst sollte es bei Lara sein. Da Mama damals noch die ganze Woche über arbeitete, kam nur das Wochenende infrage. Sie entschied sich für einen Samstag. Ich war an diesem Tag recht aufgeregt und freute mich auf den Besuch. Natürlich war ich der Meinung, dass auch Angelina eingeladen war.

„Nö, ich will aber, dass nur du kommst“, erklärte mir Lara, und ich dachte mir damals nichts dabei.

---ENDE DER LESEPROBE---