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Aufregung im Land der Fantasie! Dunkle Gestalten, angeführt von ihrem machthungrigen und hasserfüllten Meister, bedrohen die Völker der Zwerge, Wichtel, Elfen und anderer zauberhaften Wesen. Amanda, ein Mädchen aus dem Menschenreich, wird in die Geschichte verwickelt und erlebt ein gefährliches Abenteuer. Wird sie zur Rettung der Fantasiewelt beitragen können? Wenn sie doch nur wüsste, welche Tür die richtige ist …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Autor: Brigitte Kemptner Cover-Motive: Pixabay.com
Covergestaltung: Michael Frädrich Lektorat: Renate Habets Originalausgabe Juli 2020 Edition Paashaas Verlag – www.verlag-epv.de Printausgabe: ISBN:978-3-96174-068-0
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über https://dnb.d-nb.de.
Amanda
– eine unglaubliche Reise
Amanda traute ihren Augen nicht, als die Zwerge urplötzlich vor ihr standen. Eine ganze Armee mit Äxten bewaffnet, wie aus dem Boden gestampft. Sie brachte kein einziges Wort heraus, und ihr Herz klopfte recht heftig. Wegrennen war schier unmöglich. Die kleinen Zipfelmützenmänner schauten böse drein und nahmen sie mit zu ihrem König.
Nach zwei Tagen in einem kalten und ungemütlichen Verlies wurde sie wieder freigelassen, musste aber versprechen, niemals wiederzukommen. Der Zwergenkönig brachte sie höchstpersönlich bis zu einem breiten Pfad und sagte zum Abschied: „Du gehst immer geradeaus, bis du zu den vier Türen kommst. Nur eine davon führt dich nach Hause, aber welche das ist, weiß ich nicht. Darum vertraue auf dein Bauchgefühl, überlege gut, denn du hast nur einen Versuch.“
Bevor Amanda noch etwas sagen konnte, war der König verschwunden.
Sie hatte erst ein kleines Stück des Weges zurückgelegt, als ihr bereits die Puste ausging. Außerdem taten ihr die Füße höllisch weh. Der Pfad war steinig, die Kiesel bohrten sich in die dünnen Sohlen ihrer Sandalen. Sicher war es nicht schlimm, wenn sie sich einen Moment ausruhte. Nur ganz kurz. Der Baumstumpf war hart, aber für eine kleine Pause musste es gehen. Amanda atmete tief die Waldluft ein und lauschte. Doch bis auf das Gezwitscher der Vögel war zum Glück alles ruhig. Die Zwerge verfolgten sie nicht.
Dann ging sie weiter und blieb etwa drei bis vier Meter von den vier geschlossenen Türen entfernt stehen. Eine sah aus wie die andere, doch welche führte in die Freiheit? Noch während Amanda fieberhaft überlegte und auf ihr Bauchgefühl wartete, hörte sie plötzlich in der Ferne Stimmen. Holten die Zwerge sie womöglich wieder zurück, oder waren es andere Wesen, die sie fangen wollten? Amanda zitterte jetzt am ganzen Körper. Vier Türen – doch welche führte nach Hause?
Die Stimmen wurden immer lauter. „Jetzt nur nicht schlapp machen!“, redete sie sich gut zu. Ihr Herzschlag raste. Augen zu und durch. Sie würde blind auf die Türen zugehen. Ihr war jetzt egal, welche sie erwischte. Hauptsache, weit weg von der lauernden Gefahr. Aber ihre Füße waren wie festgewachsen.
Die Verfolger kamen immer näher. Gleich würden sie hier sein. Doch da setzten sich ihre Beine endlich in Bewegung, wie in Zeitlupe, aber sie gingen vorwärts. Amanda hatte immer noch die Augen geschlossen, als sie eine der Türen erreichte. Der Türgriff fühlte sich kalt in ihrer vor Angst feuchten Hand an und ließ sich nur schwer nach unten drücken. Dann hatte sie es geschafft. Als die Tür hinter ihr zufiel, atmete Amanda erleichtert auf. Von einer himmlischen Ruhe umgeben, schlug sie vorsichtig die Augen auf und schaute sich um. Die ersehnte Freiheit sah anders aus.
Sie stand in einem großen Raum, dessen Wände bis unter die hohe Decke mit Bücherregalen zugestellt waren. Ein wenig Helligkeit fiel lediglich durch eine Glastür, gerade so, dass sie etwas erkennen konnte. Ein Regal allerdings war völlig leer, während die anderen mit Büchern geradezu überladen waren.
Etwa in der Mitte des Zimmers standen noch ein Sessel und ein recht großer Schreibtisch. Alle Möbel bis auf den Sessel waren aus dunklem Holz.
Amanda, die jetzt endlich nach Hause wollte, beendete ihre Betrachtung, drehte sich zur Tür, um den Raum zu verlassen. Doch zu ihrem Entsetzen sah sie, dass der Griff fehlte.
„Nur keine Panik“, redete sie sich ein. „Es gibt hier bestimmt einen Schlüssel für die Tür.“
Sie ging zum Schreibtisch, der von einer Staubschicht überzogen war. Wie von Zauberhand ging das Licht einer Stehlampe an. Als Amandas Augen sich an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, sah sie ein aufgeschlagenes Buch, aus dem recht unprofessionell eine Seite herausgerissen war. Sie öffnete noch einige Schubladen, doch einen Schlüssel fand sie nicht. Dann entdeckte sie am äußeren Rand des Tisches eine Kristallkugel, von der in dem Moment, als sie sie wahrgenommen hatte, ein seltsames Funkeln ausging. Amanda nahm sie in die Hände und wischte vorsichtig den Staub fort. Als sie in das Glas blickte, sah sie ein Gesicht … Es war ihr eigenes …
Wenn Amanda früher schlecht geträumt hatte, war sie immer gleich hellwach gewesen. Doch diesmal war es anders. Dieser Traum ließ sie nur langsam aus seinen Fängen. Sie wagte nicht einmal, die Augen zu öffnen, weil sie Angst hatte. Angst vor dem, was sie vielleicht sehen könnte. Dabei war alles still um sie herum.
Plötzlich sprach jemand, zuerst undeutlich, dann klar und verständlich. „He, du! Aufwachen, Schlafmütze!“, rief dieser Jemand. „Dass du immer so lange brauchst, bis du in die Pantoffeln kommst!“
„Mami!“, rief Amanda. Warum redete ihre Mutter so seltsam mit ihr?
„Nee, Schlafmütze, sehe ich etwa aus wie Mami?“
Mit einem Schlag war Amanda wach. Sie öffnete die Augen, doch grelles Tageslicht ließ die Lider im Nu wieder sinken.
Erneut drang diese fremde Stimme in ihr Bewusstsein.
„Komm endlich in die Gänge, Schlafmütze! Hey, was soll das? Mach endlich deine Augen richtig auf.“
„Hier stimmt was nicht“, dachte Amanda und öffnete vorsichtig die Augen. Zuerst nur ein bisschen, dann ganz. Sie erschrak. Sie blinzelte einige Male, aber das Bild blieb. Sie schaute in ihr eigenes Gesicht.
„Na endlich! Wurde auch Zeit, dass du aufwachst.“
Der Mund in diesem Gesicht lächelte, und da waren diese Grübchen, die auch Amanda hatte. Braune Augen blickten sie an und die Haare … Nein, das gab es ja nicht ...
„Ich muss doch noch träumen“, sagte sie laut vor sich hin und spürte im nächsten Moment den Schmerz im Oberarm.
„Autsch! Tut das weh.“
Ihre Doppelgängerin hatte sie gezwickt.
„Merkst du jetzt, dass du nicht träumst?“
Die Tür ging auf, Amandas Mutter streckte den Kopf herein. „Guten Morgen, mein Schatz. Ich bin grad an deinem Zimmer vorbeigekommen und habe dich schreien hören. Was ist denn passiert?“
„Nichts, Mami.“
„Das hat sich eben aber nicht so angehört.“ Die Mutter blieb vor Amandas Bett stehen und machte eine besorgte Miene.
„Ich ... ich habe mir nur den Ellenbogen am Nachtschrank angeschlagen.“
Etwas Besseres war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen, aber die Mutter glaubte es und meinte: „Wenn du willst, kannst du noch liegenbleiben. Du hast ja erst in der dritten Stunde Schule.“
„Mami hat dich gar nicht gesehen“, stellte Amanda erstaunt und im Flüsterton fest, als sie mit ihrem Ebenbild allein war.
„Weiß ich doch, Schlauberger. Niemand außer dir sieht und hört mich.“
„Woher kommst du? Wer bist du? Weshalb kann nur ich dich sehen und hören?“
„Du stellst aber viele Fragen auf einmal, Mandy.“
Amanda schluckte. „Nenn mich nicht so.“
„Warum? Ist doch eine schöne Abkürzung von Amanda.“
„Ich … ich will das nicht. Ich hasse diese Abkürzung. Woher kennst du überhaupt meinen Namen?“
„Ich kenne ihn eben. Und wieso hasst du den Kurznamen?“
„Das, das geht dich nichts an.“ Amandas Stimme klang jetzt leicht schroff. „Also, was ist?“
„Was ist was?“
„Meine Fragen.“ Amanda wurde allmählich ungeduldig.
„Schon gut, schon gut. Ich bin dein Zwilling.“
Amanda schaute ihre Doppelgängerin ungläubig an.
„Das bist du nicht. Müsste ich doch wissen.“
„Doch, das bin ich, und um dir deine erste Frage zu beantworten, ich komme aus der Traumwelt, besser gesagt aus deinem Traum.“
„Waaas, aus meinem Traum?“ Das wurde ja immer schöner. Vielleicht träumte sie ja doch noch und würde gleich aufwachen.
„Ja. Du hast die Kristallkugel mitgenommen. Oder stimmt das etwa nicht?“
Amanda schüttelte sich und bekam eine Gänsehaut, als sie an ihren Traum dachte. Schrecklich war der gewesen, aber auch merkwürdig.
„Stimmt, ich habe von Zwergen geträumt und Türen. Und auch von einer Kristallkugel. Ich habe sie nur in die Hand genommen, weil sie so herrlich glänzte. Mehr nicht.“
„Und jetzt wache ich sicher auf und diese grässliche Doppelgängerin ist verschwunden“, ging ihr durch den Kopf.
„Du hast die Kugel mitgenommen, basta, und deshalb bin ich hier. Du darfst mich Lana nennen, denn meinen richtigen Namen kannst du sowieso nicht aussprechen.“
„Am besten, du verschwindest gleich wieder, dann brauche ich deinen Namen auch nicht zu wissen. Und nenn mich nicht Diebin“, zischte ihr Amanda entgegen.
„Ich habe lediglich gesagt, dass du sie mitgenommen hast. Ich werde, nein, ich muss so lange bei dir bleiben, bis die Kugel wieder dort ist, wo sie hingehört.“
„Was redest du für dummes Zeug? Ich hatte doch nur einen Traum. Und jetzt verschwinde endlich.“
Amanda, die eher zu den ruhigen und verschlossenen Mädchen gehörte, verstand an diesem Morgen selbst nicht so recht, was mit ihr los war. Diese Lana brachte sie völlig durcheinander und würde ihr womöglich noch den ganzen Tag versauen. Deshalb musste Amanda sie so schnell wie möglich loswerden. Sie stand auf, ging ins Bad und knallte die Tür zu. Doch Lana ließ sich nicht abschütteln.
„Mach bloß, dass du endlich Land gewinnst!“, schrie Amanda so laut, dass sie vor sich selbst erschrak.
Und prompt kam ihre Mutter herein.
„Was ist nur heute Morgen mit dir los? So kenne ich dich gar nicht. In deinem Zimmer habe ich dich schon mit dir selbst reden hören, und jetzt im Bad schreist du sogar.“
„Es ist nichts, Mami. Wirklich nicht.“
„Bist du dir sicher?“
Mamas Stimme klang besorgt. So schaute sie auch aus, fand Amanda und nickte heftig.
„Ja, Mami. Alles okay. Ich hab nur laut geflucht, weil wir heute doch die Mathearbeit schreiben.“
„Dass du fluchst, weil ihr eine Arbeit schreibt, ist mir allerdings neu. Du hast doch dafür gelernt, oder?“
„Ja, hab ich.“
„Dann ist es ja gut. Ich mach jetzt mal Frühstück.“
„Du bist ja immer noch da“, flüsterte Amanda, als die Mutter fort war. „Hau ab!“
Aber die Doppelgängerin blieb. Sie wich nicht von ihrer Seite. Auch nicht beim Ankleiden.
„Zieh die Jeans an und das weiße Shirt“, sagte, nein, befahl sie.
„Lass mich in Frieden“, antwortete Amanda, jetzt drauf bedacht, nicht so laut zu reden, damit Mama nichts mitbekam.
„Ich ziehe mein blaues Kleid an, basta. Von dir lass ich mir nichts sagen.“ Ehe sie sich versah, hatte Lana das blaue Kleid ergriffen, jedoch nicht damit gerechnet, dass Amanda so schnell reagierte und ebenfalls danach langte.
„Gib es sofort her!“, rief sie. Sie zog einmal heftig, aber Lana hielt das Kleid fest. Als Amanda abermals mit einem Ruck ihr Eigentum zurückhaben wollte, ließ Lana es unerwartet los, sodass Amanda auf ihren vier Buchstaben landete. Im Fallen streifte sie einen Stuhl, der scheppernd umkippte. Sie fluchte laut, stand auf und rieb sich ihr Hinterteil.
Da stand Mama in der Tür und fragte: „Was ist denn jetzt schon wieder passiert?“
„N…, nichts. Der blöde Stuhl war im Weg und ist umgefallen.“
„Du hast doch was, Amanda. Du bist heute Morgen irgendwie seltsam und so zerstreut. Ich mache mir langsam ernsthafte Sorgen.“
„Das musst du nicht. Habe nur schlecht geträumt heute Nacht, weiter nichts.“
Amanda ging zu ihrer Mutter und gab ihr rasch einen Kuss.
„Ich bin gleich angezogen und komme frühstücken.“
Das Mädchen zog es nun vor, ihr Ebenbild zu ignorieren.
„Du wirst mich nicht los, auch wenn du so tust, als sei ich nicht da“, sagte Lana. Aber Amanda reagierte nicht. „Gewöhne dich daran, dass ich dein Schatten bin, Mandy.“
„Du sollst mich nicht so nennen, hab ich dir schon einmal gesagt.“
„Haha, so leicht bist du aus deiner Ruhe zu bringen. Jetzt beeil dich, ich habe riesigen Hunger.“
„Das könnte dir so passen. Du bleibst hier im Zimmer.“
„Denkste.“
Wenige Minuten später saß Amanda in Jeans und Shirt am Esszimmertisch. Aber sie hatte die Sachen nicht Lana zuliebe angezogen, sondern weil sie endlich ihre Ruhe haben wollte. Sie schnitt ein Brötchen auf und beschmierte es mit Butter und Honig.
„Bietest du mir denn nichts an?“, fragte Lana. „Schließlich habe ich auch Hunger.“
Amanda sagte lieber nichts und reichte ihr – wenn auch ungern – eine Brötchenhälfte und flüsterte, damit Mami nichts hörte: „Mehr kriegste nicht.“
Doch die Mutter war zum Glück in der Küche beschäftigt. Während der Woche frühstückte sie zeitig mit Papa, bevor der zur Arbeit fuhr. An den Wochenenden saß dann die ganze Familie zusammen beim Frühstück.
Als die Mutter ins Esszimmer kam, fiel ihr Blick auf den Tisch. „Ich glaube allmählich doch, dass heute etwas mit dir nicht stimmt, Amanda. Du hast doch noch nie drei Brötchen verdrückt. Und das in so kurzer Zeit.“ Amanda schaute Lana an, die den Rest ihrer gemopsten Brötchen im Mund verschwinden ließ.
„Renn nicht so schnell!“, rief Lana. „Man könnte meinen, der Teufel wär hinter dir her.“
„Der Bus wartet nicht! Und wegen dir bin ich sowieso schon zu spät dran.“
„Ja, ja, schieb es nur auf mich. Wir sind ja gleich da, und es ist noch kein Bus zu sehen. Oder ist das da vorne nicht unsere Haltestelle?“
„Berichtigung: meine Haltestelle! Es ist besser, du verschwindest jetzt.“
„Seit wann redest du mit dir selbst?“
Amanda erschrak, als Silvia, eine Klassenkameradin, neben ihr auftauchte. Aber Amanda tat, als hätte sie die Frage nicht gehört und rief: „Hi, Silvi, heute bekommen wir unsere Deutscharbeit zurück. Bin echt gespannt, welche Note ich krieg.“
„Ich auch. Oh, da kommt schon der Bus. Bis später, Amanda!“
Silvia mischte sich rasch unter die Fahrgäste, während Amanda wie immer im Hintergrund blieb und zuletzt einstieg. Lana klebte wie ein Kaugummi an ihrer Seite.
„Verschwinde endlich aus meinem Leben“, zischte sie dieser leise zu. Die Antwort war nur ein belustigtes Lächeln.
Amanda ignorierte ihre Doppelgängerin während der ganzen Fahrt und auch auf dem Rest des Schulweges. Erst vor dem Klassenzimmer, als niemand in Hörweite war, zischte sie Lana zu: „Was kann ich tun, damit du endlich verschwindest?“
„Das weißt du doch, M a n d y.“
Lana zog den Namen absichtlich in die Länge und erreichte genau das, was sie wollte.
Amandas Augen glühten wie Feuer. Ihre Stimme klang noch wütender als zuvor. „Du sollst mich nicht so nennen! Nie wieder, hörst du!“
Sie riss die Klassentür auf und warf sie so heftig hinter sich zu, dass das gegenüberliegende Fenster in seiner Verankerung bebte. Sie schaute in die entgeisterten Gesichter ihrer Klassenkameraden.
„Ist jemand hinter dir her?“, fragte Gabriel.
„Nö, wie kommst du darauf?“, antwortete Amanda noch immer wütend. Es fiel ihr verdammt schwer, die Fassung zurück zu erlangen.
„Weil du wie eine Wilde hereinkommst und die Tür zuknallst. Das hast du noch nie gemacht.“
„Gibt immer ein erstes Mal!“
„Wer ist denn der schnuckelige Typ?“, fragte Lana, und als Amanda nicht darauf reagierte, fragte sie noch einmal: „Wer ist daaas, Mandy?“
„Halt endlich den Rand!“, entfuhr es Amanda. Dafür hätte sie sich am liebsten selbst ohrfeigen können. Sie war seit heute Morgen nicht mehr sie selbst, sondern hatte sich in eine aufbrausende Furie verwandelt. Warum reizte diese Lana sie immerfort? Jetzt legte sie sich ihretwegen auch noch mit Gabriel an.
„Was hast du gesagt?“ Gabriel ging einige Schritte auf Amanda zu. „Ich habe doch nur gefragt, ob jemand hinter dir her ist. Da musst du mich nicht blöd anmachen. Was ist denn mit dir los?“
Amanda wäre am liebsten im Erdboden versunken. Sie mochte Gabriel zwar nicht, auch wenn er gut aussah und die Hälfte der Mädchen in ihrer Klasse für ihn schwärmte. Aber sie wollte es sich auch nicht mit ihm verderben.
„Schon gut, Gabriel.“ Ihre Stimme war leiser geworden. „Außerdem habe ich dich nicht gemeint.“
„Und wen hast du gemeint? Du willst mich wohl für dumm verkaufen. Außer mir hat doch keiner etwas zu dir gesagt.“
„Lass sie doch“, rief Sabine, die Banknachbarin von Silvia.
„Ne, ich lass sie nicht …“
„Was ist denn hier los? Warum sitzt ihr nicht auf euren Plätzen?“
Herr Mahlmann, der Mathelehrer, war von allen unbemerkt hereingekommen. Sein Blick wanderte zwischen Gabriel und Amanda hin und her. „Ist etwas mit euch beiden? Wenn nicht, dann setzt euch. Ihr anderen bitte auch.“ Er ging zum Pult und legte seine Tasche ab. „Ich hoffe, ihr habt euch auf die heutige Mathearbeit vorbereitet.“
Während alle ihre Hefte hervorholten, flüsterte Lana Amanda ins Ohr: „Mathe ist blöd, du hasst dieses Fach doch, Mandy.“
„Sei still!“, zischte Amanda.
„Wenn du etwas zu sagen hast, Amanda, dann mach das bitte laut, damit wir alle es hören.“
„Nein, es ist nichts.“ Ihr wurde es schrecklich heiß. Am liebsten hätte sie diese Lana auf den Mond geschossen. Sie würde sich bestimmt nicht auf die Arbeit, vor der sie sich ohnehin fürchtete, konzentrieren können, solange ihre Doppelgängerin anwesend war.
„Du hasst Mathe! Du hasst Mathe!“, brüllte Lana Amanda abermals ins Ohr. „Das weiß ich aus deinen Träumen, Mandy.“
„Sei endlich still. Ja, ich hasse Mathe! Ich …“
„Amanda!“ Herr Mahlmanns Stimme klang jetzt nicht mehr so freundlich. „Ich weiß zwar nicht, was heute in dich gefahren ist und was dein für mich recht ungewöhnliches Verhalten zu bedeuten hat, aber du verlässt jetzt augenblicklich die Klasse. Und für die Arbeit schreibe ich dir eine Sechs.“
Als Amanda fluchtartig und mit hochrotem Kopf das Zimmer verließ, hörte sie die anderen lachen und Herrn Mahlmanns Stimme: „Ruhe! Es gibt keinen Grund zu lachen. Schlagt eure Hefte auf.“
„Pah! Wirft der dich gleich aus der Klasse“, empörte sich Lana.
„Lass mich doch endlich in Ruhe!“
Amanda rannte in den Schulpark. Dort setzte sie sich auf eine Bank. Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Ich kann mich da nie wieder blicken lassen“, schluchzte sie. „Nie wieder! Das ist allein deine Schuld. Du hast mich vor allen blamiert. Jetzt haben sie noch mehr Grund, mich zu verachten.“
„Ach was! Dein Lehrer kriegt sich wieder ein, und deine Mitschüler sind sowieso blöd. Hast doch gehört, wie sie gelacht haben. Hoffentlich versalzen sie sich ihre Mathearbeit, dann bekommst du wenigstens nicht alleine eine Sechs.“
„Ich gehe dort nie wieder hin.“
Amanda Stimme klang immer noch tränenerstickt.
„Warum gehst du nicht einfach fort, Lana?“
„Wie oft soll ich dir das denn noch sagen? Also, Mandy, mach deine Lauscher auf: Du hast die Kristallkugel mitgenommen.“
„Wie kannst du das behaupten? Lass mich endlich mit dieser verdammten Kugel in Ruhe. Oder hast du sie etwa bei mir gesehen? Es war doch nur ein Traum. Und außerdem heiße ich Amanda, nicht Mandy.“
Nachdem Amandas Tränen endlich versiegt waren, fühlte sie sich so richtig elend. Sie fürchtete sich davor, den Klassenkameraden wieder unter die Augen zu treten. Herr Mahlmann würde Mama sicher alles brühwarm erzählen, das konnte sie sich an ihren zehn Fingern abzählen. Doch wie sollte sie das ihren Eltern erklären? Die würden die Wahrheit nie glauben und ihre eigene Tochter für verrückt halten. Und das war allein Lanas Schuld.
Lana stand von der Parkbank auf. „Komm jetzt!“
Amanda machte einen letzten Versuch und bat: „Lana, bitte, bitte, verschwinde endlich aus meinem Leben, das du total durcheinander gebracht hast.“
„Würde ich gerne, es geht aber nicht, weil du mit der Kristallkugel auch mich in dein Leben geholt hast.“
Als Amanda nach Hause kam, öffnete sie leise die Haustür und schlich auf Zehenspitzen durch den Flur. Als sie gerade an der geöffneten Küchentür vorbei wollte, stand die Mutter vor ihr.
„Amanda! Wieso bist du nicht in der Schule?“
„Mir … mir ist nicht gut, da hat Herr Mahlmann mich heimgeschickt.“ Sie schaute auf den Boden und schämte sich dafür, dass ihr diese Lüge so leicht über die Lippen gekommen war.
„Aber wovon ist es dir schlecht, mein Schatz? Doch nicht etwa vom Frühstück? So viel wie heute hast du noch nie gefuttert. Hast du Bauchweh?“
Amanda schüttelte den Kopf. „Mir ist nur übel. Ich leg mich ins Bett. Vielleicht geht’s mir dann wieder besser.“
„Ich muss jetzt zum Einkaufen. Kann ich dich denn allein lassen, Amanda? Ich beeile mich auch. Wenn es bis zum Mittag nicht besser wird, rufe ich Dr. Angersbach an. Er kann dann in der Mittagszeit nach dir schauen.“
„Nein, Mami! Morgen geht es mir bestimmt wieder gut.“
„Mir ist es lieber, wenn der Doktor nach dir sieht.“ Die Mutter legte ihre Hand auf Amandas Stirn. „Fieber scheinst du keines zu haben. Leg dich hin, ich bin bald wieder zurück.“
Wenig später saß Amanda auf ihrem Bett und starrte den Fußboden an.
„Was wirst du deinen Eltern sagen, wenn sie erfahren, dass du aus der Klasse geflogen bist und für die Arbeit, die du nicht einmal mitgeschrieben hast, eine Sechs kassierst?“
Diese Frage hatte sich Amanda ja bereits gestellt. Eine Antwort dafür hatte sie jedoch nicht.
„Warum konntest du nicht wenigstens in der Klasse still sein?“
„Es ist gekommen, weil es so kommen musste. Lass uns die Kugel suchen. Danach lösen sich die Probleme von selbst.“
„Ich habe keine Kugel, die existiert nur in meinem Traum und in deiner Fantasie. Und weißt du was? Ich lege mich hin und mache die Augen zu. Wenn ich sie wieder öffne, bist du verschwunden.“
Amanda zog die Schuhe aus und schlüpfte in das noch ungemachte Bett. Sie wollte sich gerade zur Wand drehen, als ihr rechter Fuß auf etwas Hartes stieß. Sie setzte sich und tastete unter der Decke danach. Ihre Finger berührten etwas Kühles, Glattes. Amanda zog die Hand zurück, schlug die Decke zur Seite und erstarrte.
„Die Kugel!“, rief Lana. Bevor Amanda sie ergreifen konnte, hielt die Doppelgängerin sie in beiden Händen. „Ich wusste doch, dass du sie hast, Mandy.“
Amanda, nicht fähig, auch nur ein Wort zu sagen, starrte auf die glänzende Kugel, die Lana wie einen Schatz festhielt. Das kann doch nur ein Traum sein, dachte sie, gleich werde ich aufwachen und mich für die Schule fertig machen.
Aber es geschah nichts. Lana stand noch immer neben dem Bett, die Kugel fest umschlungen.
„Du hast doch, was du wolltest, Lana. Behalte dieses verdammte Ding und lass mich endlich allein.“
Doch Lana dachte nicht daran, setzte sich auf das Bett und hielt Amanda die Kristallkugel entgegen.
„Nimm sie schon, denn nur du kannst sie zurückbringen.“
„Niemals!“ Amanda stieg aus dem Bett, schlüpfte rasch in ihre Schuhe und stürmte aus dem Zimmer. Dabei wäre sie beinahe der Länge nach hingefallen. Dann rannte sie den Flur entlang ins Wohnzimmer. Aber Lana war schneller und verstellte ihr den Weg zur Terrassentür.
„Hier, nimm sie, damit der ganze Spuk endlich vorbei ist.“
Lana streckte ihr die Kugel entgegen.
Amanda wollte sie abwehren, doch als ihre Fingerspitzen das blanke Glas berührten, traf es sie wie ein Blitz. Plötzlich konnte sie sich ihrer magischen Anziehungskraft nicht mehr entziehen. Sie wurde in die Höhe gehoben. Das Letzte, was sie sah, bevor sie die Augen schloss, war Lana. Amanda wurde es ganz schwindlig, als sie beide mit der Kugel durch die Luft wirbelten. Sie rief, nein, sie schrie ängstlich zuerst nach der Mutter, dann nach Lana, bat um Hilfe. Die Augen hielt sie weiterhin geschlossen, um nicht sehen zu müssen, was als Nächstes passierte.
Alles ging so schnell. Dann war es vorbei.
Weit im Norden des Landes, dort, wo die grünen Hügel fast den Himmel berührten, löste sich nach einem gewitterreichen Vormittag der weiße Dunstschleier allmählich auf. Im Osten verzogen sich die Wolken, und ein farbenfroher Regenbogen wölbte sich über das weite Tal. Im Süden dagegen stand die Sonne bereits sehr hoch am Himmel und ließ ihre wärmenden Strahlen durch das dichte Blattwerk des Waldes gleiten. Hier glänzten Gras, Sträucher und der Waldboden noch feucht vom Regen der vergangenen Nacht, der erst in den frühen Morgenstunden weitergezogen war. Es war ein friedliches Bild, das jeden Betrachter sofort in seinen Bann zog. Friede und Harmonie gingen von diesem Wald aus. Hoch oben in den Baumkronen tirilierten buntschillernde Vögel, wie es sie sonst nirgends auf der Welt gab. Emsig huschten Hasen, Igel und anderes Getier umher. Der Wohlgeruch frischer Kräuter lag in der Luft. Doch dieser Friede sollte auch an diesem Tag nicht lange währen …
Nur wenige Sekunden hatte Amandas ungewöhnliche Reise gedauert. Dennoch fühlten sich ihre Knie wie Pudding an, als sie endlich wieder auf festem Boden stand. Ihr Herz klopfte heftig gegen den Brustkorb. Angst und Aufregung vor etwas Fremdem ließen sie noch immer die Augen geschlossen halten. Wo war sie? Zuhause in ihrem Zimmer nicht, dazu roch es hier viel zu sehr nach frischem Gras. Nein, eher nach Kräutern.
„Kannst ruhig die Augen aufmachen.“
Amanda erschrak, als sie eine Stimme hörte. Sie öffnete die Augen einen Spalt breit. Langsam setzte ihr Gehirn wieder ein. Sie war bitter enttäuscht, Lana, ihre Doppelgängerin, noch immer nicht losgeworden zu sein.
„Das gibt es doch nicht!“ Amanda riss jetzt die Augen weit auf.
„Ich bin zurück in meinem Traum. Und da sind auch die vier Türen.“
„Ja, die sehe ich auch“, bestätigte Lana und schaute sich um. Sie waren ungefähr fünf bis sechs Meter von den Türen entfernt gelandet.
„Aber irgendwas ist total schiefgelaufen, denn das hier ist nicht das Traumreich, es muss Fanggonien sein.“
„Fang… was?“ Amandas Stimme klang etwas heiser.
„Fanggonien. Für die Menschen auf der Erde ist es die Fantasiewelt. Hier leben Zwerge, Wichtel, Hexen, Zauberer, Drachen und auch Elfen“, antwortete Lana.
„Fantasiewelt? Du spinnst doch. So etwas existiert nur in erfundenen Geschichten.“
„Hast du schon deinen Traum vergessen? Du hast doch eben gesagt, dass du schon einmal hier warst. Und darf ich dich an die Kugel erinnern?“
Amanda zog es vor, nicht darauf zu antworten und fragte stattdessen: „Was meintest du damit, dass etwas schiefgelaufen ist?“
„Du hast die Kugel aus der großen Bibliothek der Traumwelt mitgenommen und bist damit in deinem Zimmer aufgewacht, pardon, ich habe dich geweckt“, erklärte Lana.
„Ja. Und was willst du damit sagen?“
„Dass wir eigentlich auch in der Bibliothek wieder hätten ankommen müssen, also hinter einer dieser Türen.“
Amanda überlegte einen Moment.
„Wir waren aber im Wohnzimmer, als ich die Kugel anfasste und …“ Sie verstummte.
„Klar!“, rief Lana. „Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin. Wie blöd von mir. Wir hätten dein Zimmer nicht verlassen dürfen. Aber jetzt ist es zu spät. Weißt du nicht mehr, durch welche Tür du in deinem Traum gegangen bist?“
„Nein. Ich bin blind auf eine zugelaufen.“
„Prima! Dann sitzen wir beide jetzt ganz schön in der Schei…, Tinte, würde ich sagen.“
„Aber nicht, wenn wir uns einfach noch einmal ins Wohnzimmer zurückbringen lassen, ins Kinderzimmer gehen und von dort aus …“
Amanda kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen, weil Lana ihr ins Wort fiel.
„Vergiss es!“
„Aber warum?“
„Weil wir noch ein Problem haben. Schau dir mal die Kugel an.“
Das tat Amanda und erschrak.
„Was … was ist denn mit der passiert?“
Die Kugel lag stumpf und glanzlos in Lanas Händen. Von dem magischen Zauber war nichts mehr zu spüren, als Amanda sie berührte. Aber da war ein anderes Gefühl, eines, das ihr vor Angst das Herz schneller schlagen ließ.
„Und jetzt?“
Ihre Stimme war nur ein heiseres Wispern.
„Von irgendwoher lauert Gefahr, Amanda. So hatte ich mir die Rückkehr in mein Traumreich nicht vorgestellt.“
„Und du kennst die richtige Tür zu deiner Welt wirklich nicht?“
Es war der letzte Strohhalm, an dem Amanda sich festhielt, doch ein Blick in Lanas Augen offenbarte ihr die bittere Wahrheit.
„Was machen wir jetzt?“
„Keine Ahnung, sag du`s mir, Mandy.“
„Du sollst mich nicht so nennen!“, rief Amanda wieder lauter.
Aufgeschreckte Vögel flatterten hoch über ihr aus den Bäumen und verschwanden. Igel, Hasen und andere Tiere huschten eilends an ihr vorbei und retteten sich in ihre Behausungen.
„Nun hast du sie alle erschreckt und …“
Weiter kam Lana nicht, denn in der Ferne hörten sie das Getrippel vieler Füße und das Geräusch von Stimmen.
„Lana!“, flüsterte Amanda. „Ich glaube, jemand ist hinter uns her. So war es auch in meinem Traum.“
„Da könntest du recht haben. Lass uns verschwinden.“
Lana lief voraus. Amanda folgte ihr nur zu gerne.
„Am besten, wir verstecken uns hier und warten, bis die Gefahr vorbei ist“, sagte Lana nach einer Weile. Das Trippeln und die Stimmen hörten sie noch immer in ihrem Rücken.
Es war unbequem in dem Gestrüpp, weil die Äste der Sträucher Amanda ganz schön in die nackten Arme piekten. Aber sie waren hier wenigstens sicher. Fürs erste jedenfalls.
Dachten sie.
„Kommt sofort heraus aus eurem Versteck!“
Bei dieser Stimme machte es „Klick“ in Amandas Kopf. Zwei, drei Sekunden lang spürte sie einen dumpfen Schmerz hinter der Stirn. Dann flüsterte sie Lana ins Ohr: „W… was sollen wir tun?“
Diese zuckte mit den Schultern.
„Du weißt doch sonst alles, warum diesmal nicht?“
„Ist eben so. Außerdem war ich noch nie zwischen deiner und meiner Welt. Ich kenne lediglich den Namen und weiß, welche Wesen hier leben. Mehr nicht.“
Lana hatte ebenfalls sehr leise gesprochen, obwohl außer Amanda niemand sie hören und sehen konnte.
„Wird’s bald! Oder sollen wir euch Beine machen? Wenn ihr in guter Absicht gekommen seid, was wir allerdings bezweifeln, dann habt den Mut und zeigt euch.“
„Wir müssen uns ergeben, Mandy.“ Lana schaute auf die Kugel, die sie noch immer festhielt. „Wir verstecken sie vorsichtshalber hier unter dem Laub. Ich weiß nicht, ob die sie uns wegnehmen. Wir müssen uns nur den Platz merken und holen sie später wieder.“
„Wenn du meinst“, sagte Amanda und half Lana, die Kugel unter dem Blätterberg zu verstecken. Dann traten beide aus dem Dickicht hervor und standen den Zwergen gegenüber.
Amanda wurde blass, und ihre Knie zitterten. Sie dachte an Flucht, aber diese kleinen Wesen waren in der Überzahl und konnten sehr schnell laufen. Mit finsterer Miene schauten sie zu ihr hinüber.
„Sieh mal an, dich kennen wir doch!“, sprach der Anführer.
„Und wo ist die andere Person? Wir haben dich doch sprechen hören.“
„Ich … ich bin allein.“ Die Zwerge konnten Lana also nicht sehen und hören. Amanda wusste nicht, ob sie darüber froh oder traurig sein sollte. Die verhasste Doppelgängerin war zwar bei ihr, aber eine Hilfe würde sie ihr wohl nicht sein.
„Nun, was ist! Warum zeigt sich diese andere Person nicht?“
„Weil ich allein bin. Ich … ich führe halt manchmal Selbstgespräche.“
„Und stotterst obendrein. Männer, durchsucht den Busch! Wehe, sie hat uns belogen.“
Flink huschten einige der Zwerge in den Busch und durchsuchten ihn. Amanda betete insgeheim, dass sie die Kugel nicht fanden.
„Und, Männer?“, fragte der Anführer, als die Suche vorüber war.
„Nichts gefunden. Sie scheint doch allein zu sein.“
„Das war dein Glück“, sagte der Boss und schaute Amanda böse an.
„Und jetzt los. Du bist unsere Gefangene.“
An die Zwergenstadt konnte sich Amanda noch gut erinnern. Sie sah genauso aus wie in ihrem Traum. Die Häuser glichen sich wie ein Ei dem anderen: weiß, mit rotem Ziegeldach und grünen Fensterklappläden. Zu jedem dieser Häuser gehörte ein Garten, in dem es grünte und blühte. Wenn die Stadtbewohner nicht zu Fuß oder gar auf ihren kleinen Zwergeseln unterwegs waren, sah man sie auf ihren dreirädrigen Zwergenmobilen, die kaum eine Ähnlichkeit mit Autos hatten, fand Amanda.
Wie es sich für einen König gehörte, war das Schloss das größte Haus, stand etwas außerhalb der Siedlung und ragte, auf einem Hügel stehend, weit über das Zwergenreich hinaus. Auch das Innere des Schlosses war für Zwergenverhältnisse sehr groß. Amanda konnte mühelos aufrecht gehen, als sie von vier Zwergen – genau wie in ihrem Traum – zum König gebracht wurde. Der saß auf seinem Thron und hielt das mit Lilie und Krone geschmückte Zepter in der rechten Hand. Finster blickte er drein, und Amanda begann sich noch mehr zu fürchten.
„Was hast du schon zum zweiten Male hier zu suchen?“
„Sag ihm, dass du durch die falsche Tür gegangen bist“, flüsterte Lana ihr zu. Amanda tat es, aber der König glaubte es nicht.
„Du musst dir schon eine bessere Antwort einfallen lassen.“ Er klopfte dreimal so fest mit dem Zepter auf den Boden, dass das Echo an den Wänden widerhallte. Wenig später standen die vier Wachen neben Amanda. Der König befahl: „Bringt sie ins Verlies!“ Er wandte sich direkt an seine Gefangene und sagte: „Solltest du eine glaubwürdige Antwort auf meine Frage haben, dann sehen wir uns wieder.“
Das Verlies befand sich unter der Erdoberfläche und wurde nur spärlich von einer kleinen schirmlosen Lampe erhellt. Ein muffiger Geruch lag in der Luft. Die Kälte, die von den grauen Mauern ausging, ließ Amanda frösteln.
„Hier war ich auch in meinem Traum“, erzählte sie, als sie allein mit Lana war.
„Pst! Nicht so laut“, bat Lana im Flüsterton, „es braucht niemand zu wissen, dass du nicht allein bist. Vielleicht ist es ganz gut, dass mich niemand sieht und hört. So kann ich dir wenigstens helfen.“
„Mir ist so kalt.“ Amanda griff nach der Wolldecke, die auf dem einzigen Möbelstück, einer Pritsche, lag. Etwas fiel auf den Steinboden. Lana hob es auf und reichte es ihr. „Gehört dir das?“
Amanda schaute ganz entgeistert auf den Ohrring.
„Das ist meiner. Den habe ich noch gar nicht vermisst. Du hast auch nicht gemerkt, dass ich nur einen Ohrring an habe.“
„Nein, niemand hat das. Nicht deine Mutter und nicht die in der Schule. Glaubst du es jetzt endlich, dass du hier warst und es nicht nur geträumt hast?“
Amanda schüttelte sich. Sie konnte es nicht glauben, dass ein blöder Traum zur Wirklichkeit geworden war.
„Das macht mir alles Angst, Lana. Ich will heim in meine Welt, das hier gibt’s doch in Wirklichkeit gar nicht.“
Sie hängte sich die Decke um die Schultern und spürte, auch wenn diese auf ihrer bloßen Haut kratzte, bald eine wohltuende Wärme.
Zum ersten Male war sie froh über die Anwesenheit der Doppelgängerin.
„Was machen wir jetzt?“
„Das weiß ich leider selbst nicht, Mandy.“ Lana seufzte.
„Kannst du nicht einmal hier damit aufhören, mich so zu nennen!“
Amanda ließ alle Vorsicht beiseite. Ihre laute Stimme hallte an den hohen Steinwänden wider.
Ein Schlüssel wurde mehrere Male im Schloss gedreht. Dann standen zwei Wärter des Königs in der Tür.
„Wir haben dich reden hören, können aber niemanden außer dir sehen. Was hat das zu bedeuten?“
Amanda hatte sich auf die hinterste Ecke der Pritsche verkrochen. „Nichts. Ich rede halt manchmal mit mir selbst, wenn ich allein bin und Angst habe.“
„Wir von der Wache glauben eher, du bist eine Hexe und hast eine unsichtbare Komplizin. Und, ist es so?“
Nun war es mit Amandas Beherrschung vorbei. Sie zog die Wolldecke über den Kopf und weinte.
„Jetzt heult sie auch noch“, sagte der eine Wächter zum anderen. „Das hatten wir noch nicht. Die meisten Gefangenen brüllen, toben und sprechen schreckliche Flüche gegen uns aus. Aber weinen? Ne, das ist zu viel. Hör bitte auf, Mädchen.“
„Ich will nicht“, schluchzte Amanda und wischte mit der Wolldecke über die Augen. „Lasst mich gehen, bitte.“
„Das ist unmöglich. Seit langer Zeit wird unser Land von den Gesichtslosen bedroht. Wir vermuten, dass sie Helfer haben, die uns aber unbekannt sind. Du könntest sogar einer von ihnen sein, denn schließlich warst du schon einmal hier, wie man uns berichtet hat. Keiner weiß, wann diese schrecklichen Gestalten wiederkommen, aber wenn sie gehen, dann hinterlassen sie nur Unglück und noch mehr Angst und nehmen jedes Mal Gefangene aus unserem Reich mit.“
Amanda ließ die Decke sinken und schaute die beiden Zwerge an. Sie sah trotz des spärlichen Lichtes die Angst in ihren Augen aufflackern.
„Die Gesichtslosen“, flüsterte sie. Die kamen ihr bekannt vor. Dann erinnerte sie sich. „Ich habe einmal von ihnen gelesen.“
„Wo? So sprich doch“, forderten die Wächter aufgeregt.
