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Neuer Ärger droht in Fanggonien! Die böse Hexe Jaga konnte sich befreien und macht nun Jagd auf die roten Drachensteine, die ihr ewiges Leben versprechen. Schafft es das Erdwesen Amanda erneut, die zauberhaften Bewohner in der Fantasiewelt zu schützen? Gemeinsam mit Smal, dem Duchs, und der Kraft der Magie begibt sie sich auf ein spannendes Abenteuer, um den Drachen im Kampf gegen die Hexe und die Gesichtslosen beizustehen. ab 12 Jahren Dieser Nachfolge-Roman der Fantasy-Story Amanda – eine unglaubliche Reise sorgt für neue Spannung und noch mehr Magie. Das Buch kann auch gelesen werden, wenn man den 1. Teil nicht kennt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Autor: Brigitte Kemptner Cover-Motive: Pixabay.com/ Vogel: Manuela Klumpjan
Covergestaltung: Michael Frädrich Lektorat: Nina Sock/Manuela Klumpjan Originalausgabe Mai 2025 Edition Paashaas Verlag – www.verlag-epv.de Printversion: ISBN: 978-3-96174-161-8
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über https://dnb.d-nb.de.
Amanda
– Jagd nach den Drachensteinen
Eine Hexe konnte hassen! Sehr sogar. Es gab jedoch etwas, dass sie nicht konnte, und das war vergessen.
Vergessen, was man ihr vor vielen Wochen angetan hatte.
Dabei war Jaga an diesem Dilemma selbst schuld gewesen. Aber das würde die bösartige und gefährliche Hexe niemals zugeben.
Denn vor vielen Wochen war dieses fremde Mädchen aus einer anderen Welt wie aus heiterem Himmel in Fanggonien aufgetaucht. Amanda hieß dieser verhasste Erdling.
Allein schon dieser Name verursachte Jaga immer noch ein Gefühl von Übelkeit und unüberwindbarem Zorn.
Wie sich bald herausstellte, wurde Amanda damals kurz nach ihrer Ankunft vom Zwergenkönig Kuno, dem Zauberer Rubbinius und Bolo, dem Oberwichtel um Hilfe gebeten. Sie sollte ihnen helfen, Fanggonien vor der Zerstörung zu retten, indem sie den goldenen Schlüssel fand. Den hatte nämlich Aron, der gefürchtete und machtgierige Meister, der zu allem Übel auch noch der Zwillingsbruder des Zwergenkönigs war, irgendwo an einem geheimen Ort versteckt. Der Schlüssel gehörte zum Reich der Kälte. Dort lebten die Gesichtslosen. Gefühllose Kreaturen, die nur einem gehorchten, nämlich ihrem Meister. Dieser wollte eines Tages die Macht über ganz Fanggonien besitzen. Solange der Schlüssel jedoch als verloren galt, konnten diese Gesichtslosen ihr Reich verlassen wann immer sie wollten oder von ihrem Meister gerufen wurden.
Aber auch Jaga wollte herrschen, wollte die alleinige Macht, so kam es letztendlich zum Kampf zwischen ihr und Aron. Schließlich konnte sie ihn besiegen.
Nun brauchte sie nur noch dieses Miststück Amanda, die inzwischen den goldenen Schlüssel gefunden hatte, beseitigen, genauso wie deren Freunde.
Doch es war alles anders gekommen. Das Blatt hatte sich gewendet. Dieser elende Erdling hatte Jaga überlistet, ihr sogar zu einer blutigen Nase verholfen. Amanda hatte die Hexe gemeinsam mit dem Zauberer Rubbinius, dem Zwergenkönig Kuno, dem Oberwichtel Bolo und den Raben in das Reich der Kälte zu den Gesichtslosen gesperrt. Danach war es Jaga nicht mehr zum Lachen zumute gewesen.
Doch Jaga wäre keine Hexe, wenn sie nicht vom ersten Augenblick ihrer Gefangenschaft an versucht hätte, aus dem Reich der Kälte zu entkommen. Es verging außerdem kein Tag, an dem sie nicht an diesen Erdling Amanda dachte – und an Rache!
Allein dieser Gedanke hatte sie nicht an der Situation verzweifeln lassen.
Da Jaga weder ihren Hexenstab noch ihre Bücher bei sich hatte, musste es halt ohne gehen. Einige Hexensprüche wusste sie sogar auswendig, doch mit denen hatte sie keinen Erfolg. Es geschah nichts, was nach Freiheit aussah. Sie erfand immer wieder neue Sprüche, doch nichts tat sich. Stattdessen musste sie das hohle Gelächter dieser Kreaturen erdulden. Ihr Hass und ihr Zorn auf alle Wesen Fanggoniens steigerte sich ins Unermessliche. Je länger sie in der Gefangenschaft verweilte, umso mehr Wut und Aggressionen setzten sich in ihrem gefühllosen Herzen fest.
Doch dann kam ihr Glückstag. Mit einem weiteren – sicher schon dem hundertsten – ausgedachten Hexenspruch, der es ihr ermöglichte, sich für Sekunden einfach aufzulösen. So konnte sie durch die geschlossene Tür entkommen.
Die Freude über ihre wiedergewonnene Freiheit war riesig. Sie sollte allerdings erst einmal noch geheim bleiben. Dabei hätte sie am liebsten laut gelacht und getanzt. Aber es sollte noch niemand etwas von ihrer Rückkehr wissen. Vorerst jedenfalls nicht.
Obwohl Jaga wusste, dass sich in der Nähe der drei Türen selten ein Bewohner Fanggoniens herumtrieb, hielt sie sich immer dicht an höheren Büschen, als sie den Weg zum Ort ihrer ehemaligen Hütte einschlug. Als sie dabei an ihr einstiges Zuhause dachte, stieg abermals Wut in ihr hoch, denn ihr Hexenhäuschen gab es nicht mehr. Das hatte Aron damals niedergebrannt.
„Aber dafür schmorst du jetzt in der Hölle“, flüsterte die Hexe höhnisch vor sich hin.
Als Jaga damals herausbekommen hatte, dass dieser elende Zwerg Aron sie auch nur für seine Zwecke benutzt hatte, hatte sie ihn und seinen zweiköpfigen Drachen Ruffus in der Drachenhöhle für alle Zeiten eingesperrt. Weil das noch nicht genug war, hatte sie die Höhle noch mit einem Hexenbann belegt.
Inzwischen stand Jaga vor den noch immer herumliegenden, verkohlten Rückständen ihres Häuschens. Einzig der Schuppen und der dahinter liegende Kräutergarten waren noch vorhanden. Als sie den Schuppen betrat, schlug ihr eine Welle schlechter Luft sowie Staub entgegen. Sie schloss die Tür, nachdem sie das Fenster geöffnet hatte. Dann begann sie, den einzigen Raum und die herumstehenden Kartons zu durchsuchen. Irgendwo musste sie doch noch einen Hexenstab haben, auch ein alter Hexenbesen musste sich hier noch befinden. Ihr ohnehin schon hässliches Gesicht überzog sich mit Wut, als sie nicht gleich fündig wurde. Doch dann, in einem der untersten Kartons, fand sie einen Hexenstab und zu ihrer größten Freude sogar zwei Hexenbücher. Ein Grinsen lief über ihr Gesicht, als sie in einer Ecke einen Besen stehen sah. „So schlau war Aron wohl doch nicht“, flüsterte sie vor sich hin, „sonst hätte er auch den Schuppen dem Erdboden gleich gemacht.“
Alle Funde befreite sie vom Staub. Es blieb allerdings die Frage, wo sie schlafen und wo sie ihr Essen kochen sollte. Ihre Kochstelle besaß sie ja nicht mehr, um auch all die Hexentränke zuzubereiten. Was also nutzten ihr die Bücher? Sie musste nachdenken, denn sie würde sich an allen rächen: an den Zwergen, samt ihres Königs, an den Wichteln mit ihrem Oberdepp Bolo, genauso an den Raben, besonders an ihrem ehemaligen Gefährten Krax, der sie damals im Stich gelassen hatte und zu den guten Raben gewechselt war. Natürlich würde sie sich auch an Rubbinius, dem Zauberer, rächen. Ihn durfte sie allerdings nicht unterschätzen. Aber sie war optimistisch, denn sie hatte ihn schon einmal verhext: in einen Baum. Als sie daran dachte, stieß sie ein heiseres Lachen aus. Ihre größte Begierde waren allerdings die Drachensteine. Jaga wollte alle haben: die Steine, die unverwundbar, aber nicht unsterblich machten, wenn man sie einem lebenden Drachen entnahm genauso wie die der Verstorbenen. Die bedeuteten nämlich Reichtum und große Macht über das ganze Land. Wer jedoch den blauen Drachenstein in seinem Besitz hatte, war unsterblich. Aron hatte damals von der Magie dieser Steine erzählt. Auch er wollte sie besitzen. Doch Aron gab es nicht mehr. Nun war sie, Jaga, an der Reihe.
Doch dafür brauchte sie erst einmal einen Plan und eine neue Hütte mit allem, was dazugehörte, nebst einer Kochstelle. Natürlich würde ihr Erscheinen nicht allzu lange verborgen bleiben, deshalb musste sie rasch handeln.
In der ersten Nacht ihres Entkommens aus dem Reich der Gesichtslosen schlief sie auf dem harten Boden ihres Schuppens. Jaga hatte sich im Laufe ihres langen Lebens die Fähigkeit angeeignet, sogar noch während des Schlafes Pläne schmieden zu können. In ihrem Kopf arbeitete es, so dass sie bis zum Morgengrauen wusste, was sie als nächstes zu tun hatte.
Im Westen, noch ein großes Stück hinter der Drachenhöhle, in der einst Aron sein Unwesen getrieben und Gefangene so lange eingesperrt hatte, bis sie ihm gehorchten, lag eingebettet vom großen Wald das weite Tal der Hexen.
Dort war auch Jaga einmal zu Hause gewesen. Die älteren Hexen konnten sich bestimmt noch an sie erinnern. Aber es waren keine gute Erinnerungen:
Jaga hatte schon als Kind ihrer Familie nur Kummer bereitet. Sie war sehr eigensinnig, unartig und vor allem boshaft gewesen. Im Umgang mit anderen Hexenkindern wollte sie immer das Wort führen, es musste immer nach ihrem Kopf gehen. Wer sich ihr widersetzte, wurde von ihr mal eben verhext oder bestohlen. Das hatte ihr wenig Freunde eingebracht. Schließlich hielten sich alle Kinder von ihr fern. Dennoch hatte Jaga immer jemanden gefunden, der sich ihr unterwarf. Wenn auch nicht ganz freiwillig. Sie fand es oft auch sehr lustig, kleine Tiere zu quälen oder einzufangen und ihren Geschwistern ins Bett zu legen. Als Jaga älter wurde, hatte ihre Familie noch weniger Freude an ihr. Ihre fünf Schwestern gingen ihr aus dem Weg, wollten nichts mit ihr zu tun haben. Jaga hatte sogar die Frechheit besessen, sich zur Wahl der Oberhexe – das ist in der realen Welt wie der Bürgermeister – aufzustellen. Als sie jedoch die Wahl haushoch verlor, wurde sie immer unausstehlicher. Ihre Boshaftigkeit kannte keine Grenzen mehr. So hatte der Hexenrat schließlich beschlossen, Jaga aus der Dorfgemeinschaft zu verbannen. Man hatte ihr eine Hütte, nebst einem kleinen Acker zum Anbau von Gemüse und Kräutern am Rande des Dorfes zur Verfügung gestellt. Die Hexenfrauen hatten ihr sogar Samen zum Anbau überlassen. Einmal in der Woche hatte man ihr gestattet, ins Dorf zu gehen, um Nahrungsmittel zu besorgen, bis ihr Acker selbst etwas hergab. Verhungern sollte sie ja nicht. Aber niemand hatte sie jemals wieder in seiner Nähe haben wollen. Die Hexen passten sehr genau auf, dass Jaga sich an die Vorschriften hielt. Falls sie Gelüste nach Fleisch hätte, so hatte man ihr geraten, sich selbst etwas zu besorgen. Jaga war in all den Jahren, in denen sie zur Außenseiterin gestempelt wurde, nicht untätig gewesen. Sie hatte notgedrungen lernen müssen, selbst Gemüse anzubauen. Auch Kräuter. Besonders die hatten es ihr angetan. Sie wusste ja noch, dass ihre Familie aus Kräutern Tees und Salben herstellte, auch Tinkturen und Säfte. Doch Jaga hatte eine völlig andere Richtung im Visier. Sie wollte mit ihren Kräutern gefährliche Hexen-Tränke und Elixiere machen. Das Ergebnis probierte sie an Mäusen, Ratten, sogar an Hasen und anderen kleinen Tieren aus. So war im Laufe der Zeit eine stolze Sammlung an Rezepten, ja sogar an Hexensprüchen entstanden, die sie sorgsam aufbewahrte. Dazu bedurfte es nur ihres Hexenstabes, sowie eines ihrer Sprüche, um alles zu einem Büchlein werden zu lassen. Zwei weitere Bücher folgten. Doch eines Tages hatte sie genug. Sie hatte die wichtigsten Dinge zusammengepackt und das Dorf verlassen. Ihr Abschiedsgeschenk hatten die Hexen sicher bis zum heutigen Tag nicht vergessen: Jaga hatte die Hütte, in die man sie verbannt hatte, niedergebrannt.
Die Hexen lebten seitdem recht friedlich miteinander. Ihr Dorf, die Familie und die Freunde waren ihnen immer genug. Natürlich hatten sie ihre Bräuche und Fähigkeiten. Sie stellten Salben her, um Wunden oder Schmerzen zu lindern, Tees und andere Kräutertränke gegen Übelkeit oder andere Krankheiten. Manchmal half auch nur das Auflegen der Hand auf einer schmerzenden oder geschwollenen Stelle. Natürlich wurde ab und zu auch mal gejagt, aber sie lebten alle recht zufrieden.
Von all dem, was damals vor vielen Wochen im anderen Teil des Waldes, also auf der anderen Seite der Drachenhöhle, geschehen war, hatten sie nie etwas mitbekommen. Sie hatten nie ihr Dorf und die nähere Umgebung verlassen. Daher wussten sie auch nicht, was aus Jaga geworden war.
So kam ein wahrlich schwarzer Tag für die Hexen im Tal, als Jaga so unverhofft wieder bei ihnen erschien. Mit einem Blick, der alle verstummen ließ, tauchte sie am Brunnen auf, der den großen Platz mitten im Dorf zierte. Jaga wusste noch genau, dass dies ein Ort war, der von vielen Hexen gerne aufgesucht wurde. Dort trafen sie sich zum Plaudern, Austauschen von Neuigkeiten oder einfach nur, um auf einer der Bänke zu entspannen.
„Mit mir habt ihr wohl nicht gerechnet, hä?“, rief Jaga. Sie lachte so schallend, dass noch mehr Hexen neugierig aus den umliegenden Häusern heraneilten.
„Du, Jaga? Was willst du hier?“, fragte eine der älteren Bewohnerinnen unfreundlich. Sie war eine von denen, die Jaga noch von früher her kannte.
„Das werdet ihr schon sehen!“
„Wir wollen dich hier nicht“, rief eine andere Hexe. Die Hände in die Hüften gestemmt, baute sie sich vor Jaga auf. „Du bist mir auch noch in Erinnerung, aber nicht in guter. Also du gehst besser wieder …“
„Sonst?“, schnauzte Jaga, ohne die andere ausreden zu lassen. Sie hasste langes Gequatsche, ging lieber gleich auf ihr Ziel los. In Windeseile hielt sie ihren Hexenstab, den sie zuvor mit dem Blatt eines ihrer besonderen Kräuter eingerieben hatte, in der Hand. Mit ihm berührte sie die vor ihr stehende Hexe. „Weil ich es so will, stehst du starr und still“, rief sie. Dann ging sie rasch auf eine andere Hexe zu. Die wollte Jaga noch ausweichen, aber zu spät. Auch sie wurde mit dem Stab berührt: „Weil ich es so will, stehst du starr und still“, rief sie ebenfalls. Die anderen Hexen rannten umgehend davon, doch die Worte, die ihnen Jaga nachrief, ließen sie sofort innehalten.
„Ich verhexe euch alle in Würmer, wenn ihr nicht sofort stehen bleibt. Dann mögen euch die Vögel fressen, hahaha!“
Eine ebenfalls schon ältere Hexe trat etwas vor und meinte: „Du wurdest schon einmal gefragt, was du hier willst. Also, sag es und verschwinde, nimm aber von den beiden dort den Zauber.“
„Den Teufel werde ich tun. Eines vorweg: den Versuch, mit einem eurer Sprüche oder Elixieren den Hexenzauber zu lösen, könnt ihr vergessen. Ihr hört mir jetzt mal zu, denn das, was ich sage, sage ich nur ein einziges Mal, kapiert?“ Das letzte Wort hatte sie laut herausgeschrien.
„Dann sag es endlich“, erwiderte die Hexe.
„Zuerst ruft ihr all die anderen hier her, die noch in den Häusern sind, auch eure Männer, aber lasst euch nicht zu viel Zeit. Ich habe es eilig.“
„Und wenn wir es nicht tun?“, rief eine jüngere Hexe, fast noch ein Kind, recht forsch, vorwitzig und gutaussehend. Sie schien keine Furcht zu haben und kam Jaga recht nahe.
„Bleib weg von ihr, Juna“, rief jemand, „komm zurück, sofort.“
„Du bist sehr mutig, aber auch vorlaut. Das mag ich überhaupt nicht“, rief Jaga.
Bevor sich Juna versah, hatte die alte Hexe sie ebenfalls mit dem Stab berührt und ihr Sprüchlein gesagt. Sofort stand die junge Hexe unbeweglich da wie eine Statue, genau wie die beiden anderen.
„Nimm sofort den Zauber von meiner Tochter“, schrie eine Hexe, die neben Juna aufgetaucht war.
„Nichts werde ich, es sei denn, ihr tut, was ich euch sage. Warten wir, bis alle hier sind. Auch meine Schwestern möchte ich sehen.“
Jaga hätte die Mutter dieses Kindes ebenfalls verhexen können, aber ihr war eine viel bessere Idee gekommen.
Der Platz füllte sich allmählich. Von ihren Geschwistern sah sie allerdings niemand. Jemand meinte: „Falls du deine Schwestern suchst, sie wollen mit dir nichts zu tun haben und werden nicht erscheinen.“
Auch gut, dachte Jaga. Eigentlich waren es schon mehr als genug. Sie richtete das Wort an alle: „Ich brauche einige von euch. Ihr werdet mir bei meinen Plänen helfen. Ich muss meine Hütte wieder aufbauen, ich brauche viele nützliche Dinge. Tisch, Stühle, Schränke, eine Kochstelle und vieles mehr. Hier ist eine Liste. Wer mir was gibt, ist egal, aber ich will bis heute Abend alles auf einem oder auch zwei eurer Leiterwagen haben.“
„Was ist, wenn wir uns weigern?“, fragte ein älterer Hexer, der es jedoch vorzog, Jaga nicht zu nahe zu kommen.
„Wenn ihr wollt, dass diese drei“, sie zeigte auf die verzauberten Hexen „wieder entzaubert werden, dann tut ihr gut daran, meine Wünsche zu erfüllen. Verstanden? Ferner brauche ich drei starke Männer und, sagen wir mal, fünf Frauen. Stellt euch auf eine längere Abwesenheit ein. Sollte das, was ich beabsichtige, zu meiner Zufriedenheit ablaufen, dann dürft ihr wieder heim, und ich nehme den Zauber zurück.“ Jaga lachte dabei hämisch in sich hinein. Sie schaute auf die Mutter der verzauberten jungen Hexe. „Wie heißt du?“
„Elka.“
„Gut, du kommst jedenfalls mit.“
„Nein, bitte nicht. Ich möchte bei meiner Tochter bleiben.“
„Und mit ihr quatschen, hahaha. Nichts da, du kommst mit. Dann kann ich wenigstens sicher gehen, dass du gehorchst, damit deine Tochter wieder entzaubert wird.“
Als Jaga sich umdrehen wollte, sah sie, wie zwei schwarze Vögel mit weißen Flügelspitzen geflogen kamen und sich auf die Schulter zweier Hexen setzten. Ihr kam eine weitere Idee. „Gehören diese Raben euch? Es sind doch welche, oder?“
„Ja, sind es, eine ganz besondere Rasse“, erwiderte ein Hexenmann.
„Gut, die kann ich auch gebrauchen. Die kommen ebenfalls mit.“
„Nein, das lassen wir nicht zu“, rief eine jüngere Hexe.
„Das werden wir ja sehen.“ Sofort hielt Jaga wieder ihren Stab in der Hand, um weitere Hexen mit ihrem Zauber zu beglücken.
„Halt! Du kannst sie mitnehmen“, rief eine der Frauen, auf deren Schulter ein Rabe saß.
„Wie heißen sie?“, wollte Jaga wissen.
„Silber und Ra.“
„Dann kommt mal her“, befahl Jaga.
Als die beiden zögerten, hob die Hexe abermals ihren Stab in die Höhe und grinste über ihr hässliches Gesicht. Sofort flogen die Vögel auf Jagas Schulter.
„Wir gehorchen, aber damit du es gleich weißt, tun wir das nur, weil du uns dazu zwingst“, krächzte Silber.
Jaga war es egal, was die dachten, Hauptsache sie gehorchten.
Drei Stunden später verließen zwei volle Leiterwagen, gezogen von Eseln, das Dorf. Acht Hexen, davon drei starke Männer und fünf gut gebaute Frauen, liefen nebenher. Jaga saß selbstverständlich auf einem der Wagen und wies ihnen den Weg.
Als sie in Jagas Reich ankamen, mussten sie zuerst noch absoluten Gehorsam schwören. Das galt auch für die Raben. Dazu berührte Jaga jeden mit ihrem Hexenstab. Den Spruch ließ sie weg, betonte jedoch: „Solltet ihr nicht gehorchen oder mich hintergehen, dann bleiben die Hexen in eurem Dorf für immer verzaubert, merkt euch das.“
Wenn Amanda etwas nicht vergessen konnte, dann waren es ihre abenteuerlichen und gefährlichen Erlebnisse in Fanggonien. Dabei war sie sich nicht einmal sicher, ob sie das tatsächlich erlebt oder nur geträumt hatte. Alles war so real gewesen, doch in ihrer Welt gab es keine Wichtel, Zwerge, Drachen oder all die anderen Fantasiewesen. Außerdem musste die Zeit in der Realität stillgestanden haben, als sie in Fanggonien war. Ein Grund mehr zu zweifeln.
Wären da nicht der goldene Schlüssel und der rote Drachenstein, hätte sie bestimmt aufgehört, über Fanggonien nachzudenken, sondern hätte sicher alles längst vergessen. Aber die beiden Gegenstände existierten, befanden sich in ihrem Besitz.
Amanda hatte niemandem etwas von dieser Geschichte erzählt. Nicht einmal Silvi, mit der sie inzwischen fest befreundet war. Es gab Tage, da hatte sie so viele Dinge zu tun, dass sie kaum zum Nachdenken kam, dann wiederum ließ die Erinnerung sie nicht zur Ruhe kommen, denn ein kleiner Zweifel blieb.
Eines Nachts jedoch erwachte Amanda von einem Geräusch. Verschlafen schaute sie sich in der Dunkelheit ihres Zimmers um. Nichts. Doch da war es wieder. Vielleicht hatte ihre Mutter kurz bei ihr hereingeschaut. Amanda knipste ihre Nachttischlampe an, aber es war niemand da. Als das Geräusch nochmals erklang, erkannte sie, dass es ein Klopfgeräusch war und vom Fenster herkam. Da die Wohnung in der dritten Etage war, konnten es keine Personen sein.
Seltsam. Wer klopfte da? Mitten in der Nacht.
Amanda stand auf, ging mutig zum Fenster und zog den Rollladen ein Stück hoch. Durch die Scheibe sah sie etwas Weißes und … Amanda erschrak. Nicht, weil sie Angst vor Eulen hatte, sondern weil dieses Exemplar da draußen keine Geringere als Dina war: die weiße Eule von Fanggonien.
Amanda schloss die Augen und öffnete sie gleich wieder, aber die Eule saß noch immer auf dem Sims. Ihre hellen Augen direkt auf Amanda gerichtet.
Diese öffnete das Fenster. „Wie kommst du hierher?“, fragte sie im Flüsterton, um ihre Eltern nicht aufzuwecken. Dass ihr Herz dabei etwas rascher klopfte, konnte sie nicht verhindern.
„Ich bin gekommen, weil wir deine Hilfe brauchen“, erwiderte Dina aufgeregt.
„Aber wie hast du mich gefunden?“
„Indem ich durch die linke Tür flog, wie du damals, als du wieder in deine Welt zurück gingst.“
„Aber ihr könnt Fanggonien nicht durch diese Tür verlassen, das weiß ich genau.“
„Hast du vergessen, dass du Krax damals ein paar deiner Haare als Erkennungszeichen um die Kralle gebunden hast? Er hat sie zum Glück als Erinnerung an dich aufgehoben.“
Dina hob ihr linkes Bein, um Amanda die Haare zu zeigen.
„Rubbinius hatte damals eine Idee, die vielleicht funktionieren könnte. Ich brauchte dazu nur etwas, das dir gehört. Damit konnte ich versuchen, durch die Tür in deine Welt zu gelangen. Aber es gab nichts, was dir gehörte. Durch Zufall erfuhr Krax davon. Er erinnerte sich an die Haare von dir, die er aufgehoben hatte. Die hat er mir gegeben. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, dass Rubbinius‘ Idee geklappt hat.“
„Was ist denn geschehen?“
„Jaga ist frei. Wie es aussieht, schon seit einiger Zeit. Keiner von uns kann verstehen, wie sie es geschafft hat, aus dem Reich der Kälte, also der Gesichtslosen, zu entkommen. Die Tür ist doch verschlossen.“
„Ja, den goldenen Schlüssel habe ich“, vollendete Amanda. Bei dem Gedanken an die Hexe bekam sie eine Gänsehaut. „Sind die Gesichtslosen denn auch frei?“
„Ich hoffe nicht. Bisher hat man sie noch nicht gesehen. Dafür aber Jaga. Das heißt, die Raben haben sie auf ihren Flügen gesehen, beobachtet und belauscht. Sie schmiedet Pläne. Ihr Hexenwahn scheint noch schlimmer geworden zu sein. Wie wir ebenfalls wissen, hat sie schon einige Verbündete. Wie es aussieht, hat sie es auf die Drachensteine abgesehen. Aber das alles können dir Aldo und Krax besser erzählen. Zauberer Rubbinius hat vorgeschlagen, dich um Hilfe zu bitten, da du uns schon einmal vor großem Schaden bewahrt hast. König Kuno möchte dich allerdings nicht noch einmal in Gefahr bringen. Daher überlässt er es dir, ob du uns helfen willst oder nicht.“
Amanda dachte an Fridolin, der ihr vor vielen Wochen einen Drachenstein zum Abschied geschenkt hatte. Sollte sie ihnen helfen? Sich noch einmal in Gefahr begeben? Sie dachte an ihre Gefangenschaft in der Drachenhöhle oder als Jaga sie in ihrer Hütte eingesperrt hatte. Jaga hätte sie sogar beinahe vergiftet, wenn Rubbinius nicht gewesen wäre. Was, wenn diesmal alles schieflief und am Ende das Böse doch noch Fanggonien zerstörte?
Dina, die glaubte, Amandas Gedanken erraten zu können, legte ihren Kopf schief und schaute Amanda an. Ihre hellen Augen suchten die des Mädchens, hielten sie einige Sekunden in ihrem Bann.
„Gut, ich komme mit“, flüsterte Amanda wie unter einem Zwang, während Dinas Augen noch immer auf sie gerichtet waren. „Aber wie komme ich nach Fanggonien, ohne die magische Kugel?“
„Nichts leichter als das“, meinte Dina. „Nimm mich einfach in deine Arme.“
Amanda ging zurück ins Zimmer und zog sich rasch an. Shirt und Jeans, dazu ihre Skechers.
„Ist es kalt in Fanggonien?“, fragte sie.
„Nein, also beeil dich.“
Als Amanda fertig war, holte sie den goldenen Schlüssel und den Drachenstein. Beides steckte sie in ihre Hose. „Ich nehme die beiden Teile vorsichtshalber mal mit. Man kann nie wissen.“
„Gut, aber jetzt komm.“
„Vielleicht sollte ich noch ein paar Klamotten zum Wechseln mitnehmen …“
Dina fiel ihr ins Wort. Ihre Stimme wurde immer ungeduldiger: „Zu schwer für die Reise. Jetzt mach schon.“
Als Amanda die Eule in ihren Arm nahm, sagte diese: „Siehst du den Ring an meinem rechten Bein?“
Amanda nickte.
„Den hat mir Rubbinius gegeben. Du sollst ihn zweimal nach rechts und dreimal nach links drehen. Dann geht es los.“
Der Übergang ins Fantasiereich Fanggonien ging reibungslos. Es war wie damals, als sie gemeinsam mit Lana, ihrem Traumzwilling, die magische Kugel berührt hatte. Sie wurde in die Luft gehoben. Noch bevor sie sich wie auf einem Karussell drehte, schloss sie die Augen. Auch diesmal dauerte die Reise nur wenige Sekunden bis sie wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Doch ihre Beine knickten ein, so dass sie saß, als sie die Augen wieder öffnete.
Dina stand vor ihr auf dem Boden. „Wir sind schon da. Bleib ein wenig sitzen, bis du wieder Kraft in den Beinen hast.“
Amanda schaute sich um.
Seltsam, genau wie bei meiner ersten Reise nach Fanggonien bin ich einige Meter von den Türen entfernt gelandet. Jetzt sind es drei, damals waren es allerdings noch vier, weil hinter der vierten Arons Gefangene eingesperrt gewesen waren.
Alles kam Amanda noch so vertraut vor. Der Wald, die hohen Bäume, durch deren dichtes Laub sich die Sonnenstrahlen drängten. Sogar der Strauch, hinter dem sie und Lana damals die magische Kugel versteckt hatten, war noch da. Als sie an ihren Traumzwilling dachte, wurde ihr ganz weh ums Herz. Dann fragte sie: „Meiden die Völker hier immer noch die Nähe dieser Türen?“
„Ja, das tun sie, obwohl es heute nicht mehr notwendig wäre, nachdem das Reich der Kälte oder der Gesichtslosen, wie es auch genannt wird, für immer verschlossen wurde. Es ist wohl eher Gewohnheit. Doch diese neue Situation hat wieder Angst und Schrecken zurückgebracht. Wir sollten uns jetzt auf den Weg zur Zwergenstadt machen, falls deine Beine wieder Kraft genug haben.“
Obwohl Amanda den Weg noch kannte, ließ sie zu, dass Dina vorausflog. Zweifel kamen auf: War es nicht vernünftiger, sich einfach umzudrehen und zu den drei Türen zu gehen? Jetzt wusste sie ja, welche Tür sie nehmen musste, um in ihre Welt zu gelangen.
„Du willst zurück“, rief Dina. „Ich kann direkt spüren, dass du das möchtest.“
„Ich habe Angst, dass diesmal alles anders kommt. Kannst du das nicht verstehen?“
„Doch. Aber du könntest es wenigstens probieren. Falls es für dich brenzlich wird, kannst du immer noch Fanggonien verlassen.“
Den Rest des Weges legten sie schweigend zurück. Amanda sah schon von weitem die Zwergenstadt dicht am Waldrand und etwas abseits auf einer kleinen Anhöhe den Königspalast.
„Wir nehmen einen kleinen Umweg“, meinte Dina. „So müssen wir nicht durch die ganze Stadt.“
„Ist mir auch recht“, erwiderte Amanda, die immer noch von Zweifeln geplagt wurde.
Dann waren sie am Ziel. Dina flog zu einem geöffneten Fenster und verschwand. Kurz darauf öffnete sich das Portal. Zwei Diener mit Lanzen bewaffnet erschienen. „Ah, das Erdenfräulein ist da. Wenn du uns bitte folgen willst?“
Amanda lief hinter den kleinen Zwergenwächtern her, über einen langen Flur, an dessen Wänden Bilder von Familienmitgliedern hingen, bis hin zum Thronsaal des Königs. Sie hätte den Weg dorthin auch ohne Begleitung gleich wiedergefunden.
„Sei mir herzlich willkommen, Amanda!“, rief Kuno, als die Wachen die Türen hinter ihr geschlossen hatten. Er kam auf sie zu. Als Amanda sich bückte, umarmten sie sich wie alte Freunde.
„Ich weiß allerdings nicht, ob ich froh oder traurig sein soll über dein Erscheinen.“ Er führte sie zu einem langen Tisch und bat sie, sich zu setzen. Kuno selbst nahm am Kopfende Platz.
„Dein Hiersein besagt, dass du bereit bist, uns auch diesmal im Kampf gegen das Böse zu helfen. Mir wäre es allerdings lieber gewesen, du hättest nein gesagt. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Dina dich in deiner Entscheidung beeinflusst hat. Sie hat so den gewissen Blick.“
Ja, den hat sie, dachte Amanda. Mich so anzuschauen, dass ich nicht nein sagen konnte.
