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Elena findet bei ihrer Oma eine alte Schatulle mit einem Medaillon. Neugierig öffnet sie es und blickt auf ein Foto, das sie schon einmal in größer gesehen hatte. In Osej bei der weisen Hexe Serafina. Das Mädchen in dem Medaillon zeigt Jinni, die vor über zweihundert Jahren aus Osej geflohen war … Oma musste es also auch wissen, dass sie von einer anderen Welt stammten. Zusammen beschließen die beiden, die Vergangenheit aufzuklären. Dafür zaubert sich Elena zurück in die Anderswelt und gerät dabei in gefährliche Abenteuer. Dieser 3. Band der Fantasy-Story rund um Osej sorgt für weitere Spannung, denn die Vergangenheit verbirgt Geheimnisse, mit denen Elena nie gerechnet hätte. Das Buch kann auch gelesen werden, wenn man den 1. und 2. Teil nicht kennt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Autor: Brigitte Kemptner Cover-Motive: Pixabay.com
Covergestaltung: Michael Frädrich Lektorat: Renate Habets / Manuela Klumpjan Originalausgabe April 2023
Edition Paashaas Verlag – www.verlag-epv.de Printausgabe: ISBN: 978-3-96174-121-2
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über https://dnb.d-nb.de.
Entscheidung in Osej
Sie wollte reich sein. Geld haben im Überfluss. Aber hier in Argon, vor vielen Jahren bekannt als “die Siedlungen der Ausgestoßenen“, wo jeder von der Hand in den Mund gelebt hatte, würde sie niemals einen Mann finden, der ihr den Wohlstand ermöglichte, den sie sich so sehr wünschte. Sie wollte nicht so enden wie ihre Mutter, die sich tagtäglich auf den Feldern reicher Bauern und Grundbesitzer abgemüht hatte, um nur einen Hungerlohn mit nach Hause zu bringen.
Thora war zehn gewesen, als die Mutter plötzlich gestorben war. Einen Vater hatte sie nicht, nur noch die Großeltern, die noch richtig viel Hexenblut und Fähigkeiten ihrer Ahnen in sich getragen hatten.
Mit neunzehn hatte sie ihr Zuhause verlassen und Arbeit und Unterkunft auf einem Weingut in der Nähe von Kaliga gefunden, wo Thora als Dienstmädchen eingestellt worden war. Sie hasste es zwar, zu putzen und den Dreck der anderen wegzufegen, aber von irgendetwas hatte sie ja leben müssen. Doch sie hatte nie ein bestimmtes Ziel aus den Augen verloren.
Der fesche Gutsbesitzersohn Olf war seit kurzem verheiratet, was ihn aber nicht daran gehindert hatte, dem Dienstmädchen mächtig nachzustellen.
Thora war ein schönes Mädchen mit rabenschwarzen Haaren, die ihr in Wellen auf die Schultern fielen. Ihr schmales Gesicht war milchweiß, die Augen eisgrau. Sie war sich ihres Aussehens voll bewusst und machte es sich zunutze. Doch die Liebschaft zwischen ihr und Olf hatte nicht nur Folgen, sondern flog auch auf. Thora wurde schwanger und mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Bis nach Miara, der Oberstadt von Smela, war es zum Glück nicht weit. Hier suchte sie sich notgedrungen eine Arbeit, denn von irgendetwas musste sie ja leben. So kam es, dass sie bis zur Geburt ihres Kindes in einer Schenke die Gäste bediente. Der Wirt war recht freundlich und überließ ihr sogar eine kleine Dachkammer. In einem Krankenhaus brachte sie schließlich ein Mädchen zur Welt, wofür ihr weniges Ersparte drauf ging. Da sie mit dem Kind nichts anfangen konnte, war sie damit einverstanden, dass es zu Zieheltern kam.
Thoras Wunsch nach einem reichen Mann wurde immer stärker. Sie hoffte immer noch, hier in Miara das große Glück zu finden, wobei Glück nicht wirklich eine Rolle für sie spielte. Hauptsache für sie war, dass es ihr endlich gelang, einen wohlhabenden Mann an Land zu ziehen.
Da sie nicht wieder in dieser Schenke arbeiten und wohnen wollte, brauchte sie eine neue Unterkunft. Diese fand sie bei einer schon recht alten Frau, die eine Hilfe im Haushalt suchte. Thora hasste es auch hier, zu putzen, einzukaufen und der Frau vorzulesen. Sooft es ihre freie Zeit erlaubte, mischte sie sich unter die Menschen. So mancher Jüngling stellte ihr nach. Doch sobald Thora merkte, dass er ihr nichts bieten konnte, ließ sie ihn abblitzen.
So kam es, dass sie eines Tages vor dem Schaufenster eines Schmuckladens stand und gierig die funkelnden Ringe, Ketten und Armbänder betrachtete. Sie liebte aber nicht nur Schmuck, sondern überhaupt alles, was man brauchte, um als Dame angesehen zu werden.
Herold, der Sohn des Fürsten Irvin von Kaldam, Herrscher über Smela, verließ genau in diesem Moment das Geschäft. Aus den Augenwinkeln heraus hatte Thora den eleganten Herrn längst bemerkt, der sicher nicht von niedriger Herkunft war, wie sie aufgrund seiner Kleidung vermutete. So lächelte sie ihn an und grüßte höflich, was ihn zu einem freundlichen Gegengruß animierte.
Thora, die sich ihrer Schönheit durchaus bewusst war, konnte ihr Glück kaum fassen, als der elegante Herr in das Schaufenster schaute und meinte: „Die Rubinohrringe würden Ihnen besonders gut stehen.“
„Ich habe mir die Schmuckstücke nur ansehen wollen“, erwiderte sie ganz auf die schüchterne Tour. „Leider sind die viel zu teuer. Außerdem bin ich neu in der Stadt und suche Arbeit.“
Letzteres war natürlich eine glatte Lüge, die ihr leicht über die Lippen ging.
„So ein hübsches Mädchen findet doch ganz bestimmt etwas.“ Dabei schaute er ihr voll ins Gesicht. „Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?“
Dazu sagte Thora nicht Nein. So saßen sie sich zehn Minuten später in einem Café gegenüber. Die alte Frau, die zu Hause auf ihr Mittagessen wartete, war Thora völlig egal.
Sie genoss jedenfalls die Blicke des Mannes, die in ihr die Hoffnung weckten, dass ihre Durststrecke bald der Vergangenheit angehörte.
Doch Herold stellte sie als Pflegerin für seine schwerkranke Frau ein. Diese starb jedoch wenige Monate später, obwohl es laut Familienheiler danach ausgesehen hatte, als würde sich der Zustand der Patientin bald bessern.
Obwohl Thora Kinder nicht sonderlich mochte, kümmerte sie sich nach dem Tod von Herolds Frau gemeinsam mit dem Kindermädchen um die vier- und einjährigen Söhne. An ihr eigenes Kind verschwendete sie keinen Gedanken.
Nach einem Jahr machte Herold Thora, in die er schon seit einiger Zeit verliebt gewesen war, wie er ihr gestand, offiziell den Hof. Als er sie bat, seine Frau zu werden, willigte sie nur zu gerne ein.
Fortan war sie die Frau eines Fürstensohnes. Doch das genügte Thora noch lange nicht. Sie wollte einmal Fürstin werden. Um das zu erreichen, war ihr jedes Mittel recht.
Niemand durfte es wagen, sich ihr in den Weg zu stellen …
Elena saß mit ihren Eltern gerade beim Abendbrot, als das Telefon klingelte.
„Immer, wenn wir beim Essen sitzen“, beschwerte sich Cornelius Lanner. „Wer immer das ist, soll später noch einmal anrufen.“
Aber er hatte die Rechnung ohne seine Frau gemacht, die schon auf dem Weg zum Telefon war.
„Meine Mutter“, erzählte sie wenig später, als sie zurück kam. „Sie zieht nun doch schon früher um als geplant. Sie fragt, ob ihr jemand von uns beim Packen helfen könnte. Den Umzug selbst macht eine Spedition. Ich kann nicht, da ich keinen Urlaub habe.“
„Wann soll das denn sein?“, fragte Herr Lanner.
„Nächste Woche schon.“
„Da geht’s bei mir ebenfalls nicht, ich kann vor den Osterfeiertagen auch keinen Urlaub machen. Wie wäre es mit dir, Elena? Oma würde sich sicher freuen, wenn du ihr hilfst.“
„Ne, Paps. Alex und ich wollen uns in den Ferien so oft treffen, wie es geht. Danach fangen doch seine Abi-Prüfungen an. Dann hat er weniger Zeit.“
„Dein Alex wird es verschmerzen“, meinte ihr Vater. „Familie hat Vorrang. Nach den Osterfeiertagen könnt ihr euch noch fast eine ganze Woche sehen.“
„Papa hat recht. Du fährst Montag nach Karlsruhe und hilfst Oma. Sie freut sich bestimmt.“
Elena war sauer, hatte sie sich doch so auf zwei Wochen Ferien mit Alex gefreut. Noch am gleichen Abend rief sie ihn an und erzählte ihm die Neuigkeit.
„Ist zwar schade. Aber wir können uns doch nach den Feiertagen treffen. Da sind ja auch noch Ferien. Familie geht vor. Wir können doch trotzdem miteinander telefonieren.“
„Warum bist du nur so verständnisvoll?“, rutschte es Elena raus. Sie kannte Alex auch anders.
„Weil ich aus den vergangenen Geschehnissen gelernt habe, wie wichtig eine richtige Familie ist. Sei nicht traurig, Schatz. Ich werde die Zeit damit verbringen, schon mal für die Prüfungen zu büffeln.“
„Gut, aber bei Sonntag bleibt’s?“
„Klar, ich freue mich doch schon drauf.“
Sie sprachen noch eine Zeit lang miteinander, dann verabschiedeten sie sich mit einem zärtlichen „Ich hab dich lieb!“, voneinander.
***
Als Elena am Montag in Karlsruhe ankam und mit ihrem Rollkoffer im Schlepptau auf den Bahnhofsvorplatz trat, sah sie schon von weitem ihre Oma. Diese war eine schlanke, modisch gekleidete Frau, mittelgroß mit kurzen, leicht ergrauten Haaren. Für ihre zweiundsiebzig Jahre macht sie noch eine super Figur, ging es Elena durch den Kopf. „Oma!“, rief sie und winkte ihr zu. Kurz darauf umarmten sie sich.
„Es ist so schön, dass du gekommen bist, mein Kind“, freute sich Luise Scholl und hakte sich bei Elena unter.
Beschwingt ging es zum Parkplatz, auf dem ein alter, schon in die Jahre gekommener Audi stand.
Fünfzehn Minuten brauchten sie bis zur Wohnung, die in einem Altbau mit weiteren fünf Parteien lag.
In den nächsten zwei Tagen wurden kräftig Kartons gepackt.
„Wo ziehst du jetzt eigentlich hin“, wollte Elena einmal wissen, die nicht verstand, warum ihre Großmutter diese schöne Wohnung aufgeben wollte.
„Nach Durlach. Eine meiner Freundinnen hat mir eine kleine Wohnung besorgt, die im gleichen Haus ist wie ihre. Was soll ich mit dieser großen Wohnung? Kurz nach dem Tod deines Großvaters vor fünf Jahren habe ich unsere gemeinsame Wohnung aufgegeben, weil ich hierher zu meiner Mutter gezogen bin. Nach ihrer Hüftoperation konnte sie nicht mehr gut alleine bleiben. Ich bin zwar in dieser Wohnung aufgewachsen, aber eine kleinere ist mir jetzt nach ihrem Tod doch lieber. Bin ja auch nicht mehr die Jüngste.“
„Du hättest auch zu uns nach Schwetzingen kommen können.“
„Ach Kind, ich habe mein ganzes Leben lang hier in Karlsruhe gewohnt, habe meine Freunde, meinen Sportverein, meinen Kegelklub, will mich um Oma Gretes Grab und um das von deinem Opa kümmern. Ich bin also nicht allein. Wir können uns ja immer wieder besuchen. Außerdem will ich endlich mal deinen Alex kennenlernen.“
Beim Erwähnen dieses Namens erschien ein Lächeln auf Elenas Gesicht. Sie vermisste ihn, obwohl sie doch erst zwei Tage fort war.
„Morgen nehmen wir uns den Keller vor“, hörte sie Oma sagen. „Ich glaube, das meiste dort unten kann zum Sperrmüll. Was noch einigermaßen in Ordnung ist, gebe ich ins soziale Kaufhaus.“
Zum Glück hatte die Großmutter nur zwei Kellerräume. Da unten war es muffig und staubig. Neben einer alten Gefriertruhe standen noch ein ausgedienter Küchenschrank, etliche Stühle und ein wackliger Tisch in dem einen Raum. In dem anderen standen Säcke mit Kleidern, eine alte Waschmaschine, ein Schaukelpferd sowie mehrere Kartons mit Spielsachen. Dann fiel Elenas Blick auf eine große Truhe. Die Beschläge waren rostig, aber sie ließen sich, wenn auch laut quietschend, öffnen. Wieder kam ihr ein muffiger Geruch entgegen, als sie nach der Tischwäsche griff, die gleich obenauf lag. Bettwäsche und Handtücher kamen zum Vorschein, zum Teil sogar noch in Folie. Elena wollte schon aufhören, nach weiteren Dingen zu suchen, als sie eine Holzschatulle entdeckte, die ganz unten stand, so, als hätte sie jemand absichtlich dort versteckt. Das Kästchen ließ sich ganz leicht öffnen.
Ein ungewöhnlicher Duft strömte ihr entgegen. Elena versuchte, ihn zu definieren, doch es gelang ihr nicht.
Jedenfalls war er nicht unangenehm. Obenauf lag ein zusammengelegtes Seidentuch, Urheber des Geruchs. Elena legte es sorgfältig auf die Wäsche und fischte ein Büchlein aus der Schatulle hervor. Sie wollte es aufschlagen, tat es dann aber doch nicht. Vielleicht war es ein Tagebuch, das ihre Oma oder Uroma Grete mal geführt hatten. Weiter zum Vorschein kam ein Schmuckstück, ein goldenes Medaillon. Auf dem Deckel war eine dreizackige Krone, auf der Spitze des mittleren Zackens befand sich ein roter Stein. Wem das wohl gehören mochte? Vielleicht auch der Oma oder der Uroma? Elena konnte nicht verhindern, dass ihr beim Anblick der Dinge plötzlich ein seltsames Kribbeln über die Haut lief. Wie von selbst bewegten sich ihre Finger. Sie öffnete das Medaillon. Als sie das Bildnis in schwarz-weiß darin erblickte, erschrak sie. Das Mädchen sah aus wie sie selbst. Diese Ähnlichkeit war kein Zufall, denn auch ihre Mutter und Großmutter hatten ebenso ausgesehen, als sie so jung gewesen waren wie Elena aktuell. Das hatte sie schon auf Bildern bestaunt und es ungeheuer lustig gefunden. Da fiel es Elena wie Schuppen von den Augen: Sie hatte diese Fotografie schon einmal in größer gesehen. In Osej bei der weisen Hexe Serafina. Das Mädchen in dem Medaillon war Jinni, die vor über zweihundert Jahren aus Osej geflohen war …
Die Vergangenheit lag hier in dieser Schatulle verborgen, jedenfalls ein Teil davon. Oma musste es also auch wissen, dass sie von einer anderen Welt stammten.
Elenas Herzschlag ging schneller, als sie in die Wohnung lief, wo ihre Großmutter gerade einen Umzugskarton zuklebte.
„Omi! Ich muss dich was fragen“, begann Elena aufgeregt und hielt ihr ihren Fund hin.
„Ich habe im Keller diese Schatulle gefunden.“
Elena beobachtete ihre Großmutter, die ein paar Schritte näher kam. Schwankte sie?, fragte sich das Mädchen.
„Wo … wo hast du die gefunden?“
„In der großen Kiste, wo all die viele Wäsche drin ist. Ganz unten war sie. Omi, was hast du? Du siehst plötzlich so blass aus, und du zitterst ja.“
„Nichts, nichts, ich habe mich nur zu schnell aufgerichtet. Hast du in die Schatulle etwa reingeguckt?“
„Ja, Omi. Nur kurz, aber ich habe das Bild in dem Medaillon gesehen. Du weißt also auch, wo unsere Wurzeln sind?“
Die Großmutter antwortete nicht, sondern setzte sich auf die Couch. Dann sprach sie leise, wie zu sich selbst: „Und ich habe geglaubt, dass meine Mutter die Schatulle verbrannt hat. Das hat sie mir doch fest versprochen. Stattdessen muss sie sie ganz unten in dieser Wäschetruhe versteckt haben.“
Elena hatte sie natürlich verstanden und setzte sich zu ihr. „Omi, dann hat Uroma Grete es auch gewusst?“
„Es ist schon so lange her“, begann die Großmutter. Sie schien in ihren Erinnerungen zu graben. „Ich war etwa zwanzig, wohnte noch hier in dieser Wohnung bei meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder, der aber früh gestorben ist. Da hat uns eines Tages meine Großmutter besucht und dieses Kästchen mitgebracht. Sie tat sehr geheimnisvoll, als sie meiner Mutter, also deiner Uroma Grete, und mir erzählte, dass wir nicht von dieser Erde seien, sondern unsere Herkunft in einer anderen Welt liegt.“
Oma machte eine Pause.
Elena sah ihr an, dass ihr das Reden schwer fiel. Aber sie wollte alles wissen. „Ihr habt ihr nicht geglaubt?“
„Ich wollte diesen Unsinn nicht wahrhaben. Von einer anderen Welt, das gibt es nicht. Aber meine Mutter hat es schon geglaubt. Meine Großmutter zeigte uns den Inhalt der Schatulle, das Medaillon mit dem Bild.“
„Und? Das Mädchen darin sieht mir doch sowas von ähnlich, Omi. Mama, dir und Uroma Grete auch, das weiß ich, weil Mama mir schon Bilder von euch gezeigt hat, als ihr etwa so alt wart wie ich. Wir haben uns darüber schon ein bissel amüsiert, ohne zu wissen, wie nahe wir an der Wahrheit sind.“
„Diese Ähnlichkeit kann ein purer Zufall sein. Ich glaube nicht an so etwas. Das habe ich meiner Mutter und meiner Großmutter auch gesagt. Aber sie waren felsenfest davon überzeugt, denn sie hatten in dem Büchlein gelesen. Sie redeten auf mich ein, ebenfalls darin zu lesen, dann würde ich anders denken. Aber das habe ich abgelehnt. Ich wollte dieses Kästchen auch nicht hier haben. Aber meine Großmutter nahm es nicht wieder mit zu sich nach Hause. So habe ich meine Mutter angefleht, es zu vernichten, bevor der Inhalt in falsche Hände gelangt und wir als Verrückte abgestempelt werden. Meine Mutter hat wohl gemerkt, dass ich es ernst meine und mir versprochen, die Schatulle zu vernichten.“
„Aber sie hat es nicht getan. Omi, ich will dir etwas erzählen, aber du darfst nicht erschrecken, versprich mir das, ja?“
So erfuhr die Großmutter von Elenas Abenteuern in Osej und auch die Geschichte ihres Freundes Alex, der als Säugling mit seinen Zieheltern aus Osej fliehen musste, um der Grausamkeit seines leiblichen Vaters, dem Fürsten Walgor von Walgsam, zu entkommen.
Die alte Dame hatte aufmerksam zugehört und Elena mit keinem Wort unterbrochen.
Danach war es sekundenlang still gewesen, bis die Großmutter resigniert meinte: „Dann muss ja etwas an der Geschichte dran sein, wenn du alles so genau schilderst. So etwas kann sich ja niemand ausdenken. Verzeih mir, mein Kind, aber das muss ich alles erst einmal verdauen. Ich möchte jetzt allein sein. Pack du bitte die letzten Kartons mit den Büchern. Ich muss mich etwas hinlegen.“
Am nächsten Tag war Oma etwas ruhiger, aber hatte nicht mehr über diese Geschichte sprechen wollen. Elena sollte das Kästchen mitnehmen, wenn sie es unbedingt haben wollte. „Ich will es nicht in meinem Besitz wissen. Am besten schweigen wir über alles, so, wie ihr und die Familie deines Freundes es auch tun.“
Als Elena im Zug nach Hause saß, musste sie an ihre Unterhaltung mit der Oma denken. Sie war froh, als sie wieder in Schwetzingen war.
Weil sie genau wusste, dass ihre Eltern, vor allem ihre Mutter, allergisch auf das Thema Osej reagierten, versteckte Elena die Schatulle gut in ihrem Zimmer. Als sie am Abend, es war der Karfreitag, gemütlich beim Essen saßen, erzählte Elena ihnen von den Tagen bei der Großmutter und von den Vorbereitungen für deren Umzug. Sie konnte es allerdings kaum erwarten, in ihr Zimmer verschwinden zu können.
„Willst du schon schlafen gehen?“, neckte sie ihr Vater.
„Nein, ich will mit Alex telefonieren und vielleicht noch mit Cosi.“
„Okay, dann bis morgen, mein Schatz.“
Elena erwiderte den Gruß und verschwand. Sie und Alex hatten zwar einige Male telefoniert, als sie bei ihrer Oma gewesen war, doch von der Schatulle hatte sie nichts erzählt.
Sie war ziemlich aufgeregt, als sie Alex‘ Kontakt anwählte. Nach dem dritten Klingelton ging er ran.
„Hallo Schatz, bist du schon daheim?“ Er schien sich zu freuen.
„Ja, wir müssen uns unbedingt treffen. Ich muss dir etwas Wichtiges erzählen“, sprudelte es aus ihr heraus.
„Was denn?“
„Nicht am Telefon“, flüsterte sie plötzlich.
„Warum sprichst du auf einmal so leise?“
„Wenn Paps oder Mama draußen vorbeigehen, die müssen es nicht hören. Am liebsten gleich morgen. Wo können wir uns treffen?“
„Schlag du was vor. Ich könnte auch nach Schwetzingen kommen.“
Elena zögerte etwas. Sie wollte nicht riskieren, von Bekannten gestört zu werden oder gar, dass ihre Freundin oder Schulkameraden unverhofft auftauchten. Dann konnte sie vergessen, Alex von der Schatulle zu erzählen. Das Fürstenstübchen im Ehrenhof des Schlossgartens fiel ihr ein. Dorthin verirrte sich niemand von ihren Leuten, das wusste sie. Alex war damit einverstanden.
„Dann hole ich dich um 15 Uhr an der Schlosshaltestelle ab.“
„Geht es nicht schon am Vormittag? Ich habe dich doch so vermisst.“
Elena wurde ganz warm ums Herz. „Ich dich doch auch. Aber morgen Vormittag helfe ich Mama beim Kuchenbacken. Sonntag kommen Papas Eltern und sein Bruder aus Stuttgart zu Besuch.“
„Ach so, dann sehen wir uns Sonntag also nicht. Aber Montag?“
„Klar, am liebsten die ganze Woche, es sind ja noch Ferien. Dann also bis morgen.“
„Bis morgen, Schatz, und träum schön von mir.“
Elena hatte ein Lächeln auf den Lippen, als sie das Gespräch beendeten. Dann suchte sie die Nummer ihrer besten Freundin Cosima, überlegte es sich aber und schaltete das Handy aus. Nein, Cosi musste warten. Zuerst wollte sie sich den Inhalt der Schatulle endlich einmal in aller Ruhe und mit Deutlichkeit anschauen.
Sie war schrecklich aufgeregt, als sie den Deckel öffnete. Wieder strömte ihr dieser seltsame Duft entgegen, der von dem Seidentuch ausging. Sie entfaltete es und betrachtete es genau.
Das Muster des Tuchs bestand aus zarten Pastelltönen mit einer rosafarbenen Blume in der Mitte, die Elena an eine Rose erinnerte. Auch das goldene Medaillon mit der Krone öffnete sie. Das Mädchengesicht lachte ihr entgegen. Es war ein Schwarz-Weiß-Foto, aber die Ähnlichkeit war trotzdem zu erkennen. Nun fiel Elenas Blick auf das zweite Bild. Ein gutaussehendes Jungengesicht war zu sehen. Sicher Jinnis Bräutigam, den sie nach dieser Fehde im Jahr 1814 nie wiedergesehen hatte. Die Haare des jungen Burschen waren dunkel und fielen ihm fast auf die Schultern. Das war wohl vor zweihundert Jahren so Mode gewesen, dachte Elena und musste grinsen. Noch immer lag ihr Blick auf dem Jungengesicht mit den hohen Wangenknochen. Je länger sie es betrachtete, desto intensiver hatte sie das Gefühl, es schon einmal gesehen zu haben. Aber das konnte ja nicht möglich sein, da es zweihundert Jahre alt war. Sie schloss das Medaillon und nahm das Büchlein. Die Buchstaben, die ihr entgegensprangen, hatten eine andere Form als die von heute, musste sie feststellen, trotzdem konnte sie, wenn auch langsam, lesen, was die Schreiberin darin verewigt hatte:
Gertrud Krug
Karlsruhe, 1860
Ich habe in meinem vierzehnjährigen Leben schon einiges erlebt, aber das, was ich vor ein paar Tagen belauscht habe, hat mir ziemlich zugesetzt und mich arg durcheinander gebracht. So sehr, dass ich es einzig und allein nur meinem Büchlein anvertrauen kann. Niemals darf jemand davon erfahren, nicht einmal meine Freundinnen.
Es ging in der Unterhaltung zwischen meinen Eltern um meine Großmutter mit dem eigenartigen Namen Jinni, die ein Jahr nach meiner Geburt gestorben ist. Sie war damals mit meinem Vater schwanger, als sie ihre Heimat verlassen musste. Mit siebzehn. Ihre Heimat, das war nicht mal eben Holland, Frankreich oder die Schweiz, nein, das Land heißt Osej. Man findet es auf keiner Landkarte der Erde. Es ist eine Anderswelt, die Großmutter Jinni verlassen musste, wie Vater es meiner Mutter erklärte. Durch einen magischen Nebel. Wenn ich mir das vorstelle, läuft es mir kalt den Rücken runter. Auch war die Rede davon, dass meine Großmutter nie fröhlich gewesen sein soll oder gar gelacht hat. Sie soll zwar eine gute Mutter, aber bis zu ihrem Tod ein unglücklicher Mensch gewesen sein.
Meinen Eltern habe ich natürlich nicht gestanden, dass ich sie bei dieser Unterhaltung belauscht habe, an deren Ende sie sich gegenseitig schworen, mir nie etwas davon zu erzählen.
Deshalb werde ich dieses Büchlein jedes Mal, wenn ich etwas hineingeschrieben habe, so gut verstecken, dass es meine Eltern niemals finden.
Der nächste Eintrag war erst zweiundzwanzig Jahre später:
Karlsruhe, 1882
Die Zeit ist nicht mein Freund gewesen in den letzten Jahren. Viel ist passiert. Das hat mich am Schreiben gehindert. Vor ein paar Wochen ist nach langer Krankheit nun auch meine Mutter gestorben. Beim Ausräumen der Wohnung habe ich eine Schatulle gefunden. Der Inhalt hat mir dann die Gewissheit gegeben, dass es also wahr ist. Dass meine Großmutter tatsächlich aus einer anderen Welt kam. In der Schatulle habe ich nämlich einen Brief von ihr gefunden, den sie niemals abgeschickt hat, nicht abschicken konnte, weil kein Postamt auf der Erde in der Lage ist, Post zwischen zwei Welten zu versenden.
