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Elena war heftig erschrocken, als Alex' Augen völlig unverhofft die ihren getroffen und sie wie hypnotisiert festgehalten hatten. Es war ihr gewesen, als blickte sie in zwei eisgraue Seen. Sie hatte mit einem Male gefroren und Angst in sich aufsteigen gefühlt. Es war ihr nicht gelungen, dem Blick zu entkommen. Da gab es eine ganz besondere Magie zwischen den Teenagern. Als beide das Geheimnis ihrer Herkunft erfahren, beginnt ein mystisches Abenteuer. Werden sie es schaffen, den mächtigen Fürsten Walgor von Walgsam zu stoppen und für Frieden zwischen den Völkern Smela und Sidoc zu sorgen? Das kann nur gelingen, wenn die Nebel von Osej auf ihrer Seite sind!
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Autor: Brigitte Kemptner Cover-Motive: Pixabay.com
Covergestaltung: Michael Frädrich Lektorat: Renate Habets Originalausgabe September 2021
Edition Paashaas Verlag – www.verlag-epv.de Printausgabe: ISBN: 978-3-96174-093-2
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über https://dnb.d-nb.de.
Nebel von Osej
Osej, 1814. Die befreundeten Völker Smela und Sidoc bereiteten sich auf das jährlich stattfindende Fest anlässlich des Geburtstages ihrer Göttin Ichemea vor. Jeder konnte sich an kleinen oder großen Attraktionen beteiligen, doch der Höhepunkt des Tages waren ohne Zweifel die Wettkämpfe zwischen den Fürstenfamilien der beiden Völker. Die fanden in diesem Jahr auf dem Reit- und Turnierplatz des Fürsten Xantor von Walgsam in Turadero, der Oberstadt von Sidoc, statt.
Die drei Söhne des Fürsten Arval von Kaldam aus Miara, der Oberstadt Smelas, trugen gerade ihre tanzenden Flammen vor, als das Unglück geschah. Das Feuer geriet plötzlich außer Kontrolle und griff auf die in unmittelbarer Nähe liegenden Stallungen über. Dort bereiteten die beiden einzigen Söhne von Fürst Xantor ihre Pferde für die nächste Disziplin vor.
Die Ställe brannten in Windeseile nieder und kosteten die jungen Burschen und mehrere sehr wertvolle Pferde das Leben. Das Fest wurde umgehend abgebrochen.
Nachdem das Fürstenpaar zwei endlos lange Tage in tiefer Trauer um seine Söhne verbracht hatte, erschien am dritten Tag ein wütender Xantor samt Gefolge in der Burg von Fürst Arval. „Das war pure Absicht deiner Söhne“, ging er ohne Gruß auf den Freund los. „Sie haben Schuld am Tod meiner Jungen. An den Verlust meiner unbezahlbaren Pferde will ich im Moment gar nicht erst denken.“
„Wie kannst du so etwas Ungeheuerliches behaupten, Xantor?“, erwiderte Arval mit Bitterkeit in der Stimme. „Das nenne ich eine boshafte Unterstellung und das aus deinem Mund, mein Freund. Der Tod deiner Söhne war ein schreckliches Unglück und hat uns alle sehr getroffen.“
Fürst Xantors Augen waren ausdruckslos, doch in seinem Innern herrschte nur noch der Zorn, als er weitersprach. „Spar dir deine Worte und dein Mitleid. Es ist kein Geheimnis, dass unsere Söhne in letzter Zeit häufig aneinander geraten sind, und deine drei sind dabei nicht gerade zimperlich mit meinen beiden umgegangen.“
„Sie sind noch jung, genauso waren wir doch auch. Aber ich kann mir denken, worauf du anspielst. Auf meine Jinni und deinen Sohn, der ihr immerfort nachgestellt hat.“
„Falgor ist … war rebellisch, das gebe ich zu. Aber er war noch sehr jung. Ich habe ihm ja oft genug ins Gewissen geredet, dass er Jinni in Frieden lassen soll, weil sie bereits die Braut eines anderen ist.“
„Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, ihr immer wieder nachzustellen. Meine Söhne haben nur das getan, was deine für ihre Schwester auch getan hätten. Sie haben sie beschützt.“
„Davon konnte ich mich überzeugen“, rief Xantor wütend. „Sie haben Falgor ordentlich verprügelt.“
„Wir haben das früher auch getan, schon vergessen, mein Freund?“, fragte Arval, dem die ganze Diskussion langsam auf die Nerven ging.
„Nein, aber aus Rache jemanden töten, das war nie unser Ding. Ab heute gibt es keine Freundschaft mehr zwischen unseren Familien und unseren Völkern. Prügeleien konnte ich noch verzeihen, aber den Tod meiner Söhne nicht. Den haben deine Jungen zu verantworten. Drum hör mir gut zu, Arval von Kaldam: Ab sofort gilt Folgendes: Kein Smelaner betritt mehr ungestraft das Land der Sidoc, und keiner von Sidoc wird mehr euren Boden betreten. Diese Kunde gebe ich noch heute öffentlich bekannt. Außerdem werde ich an allen Grenzübergängen bewaffnete Wachen aufstellen.“
„Das kannst du doch nicht wirklich wollen, Xantor!“
Die Stimme Arvals klang entsetzt. „Du kannst doch nicht unsere Völker entzweien, nur weil wir beide im Augenblick eine Fehde haben. Und wie soll meine Tochter denn ihren Bräutigam heiraten, wenn sie nicht mehr zu ihm nach Turadero darf und umgekehrt?“
Xantor lachte hart. „Was geht mich das noch an? Das ist nun euer Problem.“
Er wandte sich zur Tür und ging.
Aus dem einst so gutmütigen und menschenfreundlichen Fürsten von Walgsam wurde ein verbitterter Mann. Daran änderte sich auch nichts, als er mit achtundfünfzig Jahren noch einmal Vater eines Sohnes wurde und der Fortbestand der Familie somit gesichert war. Ein Gesetz der Göttin Ichemea besagte nämlich Folgendes: Hat ein Fürst bis zu seinem sechzigsten Geburtstag keinen männlichen Nachkommen, so muss er all seine Güter und seine Macht abgeben und das Volk darf ein neues Oberhaupt wählen.
Während in Smela die Leute weiterhin stolz auf ihre beliebte Fürstenfamilie waren, wehte in Sidoc fortan ein rauer Wind. Von Generation zu Generation wurden die Fürsten von Walgsam immer gefürchteter. Sie führten ein strenges Regiment, unterdrückten ihr Volk und setzten harte Bestrafungen bei Verfehlungen aus.
184 Jahre nach Beginn der Fehde war Fürst Walgor von Walgsam das am meisten verachtete Oberhaupt von Sidoc. Er war grausamer und rücksichtsloser als all seine Vorfahren. Erst mit vierzig Jahren nahm er sich Massarial, eine junge Lehrerin aus dem Volk, zur Frau. Sie sollte ihm möglichst viele Söhne schenken, und als die junge Fürstin schwanger wurde, sah Walgor sich schon als Vater eines Erben.
Dann kam der Tag, an dem das Kind das Licht der Welt erblickte …
Muriel, die Hebamme, hüllte das Baby, noch bevor es schreien konnte, in einen weißen Umhang, den sie zuvor mit einer geruchlosen und ungefährlichen Flüssigkeit besprüht hatte. Dann schaute sie auf das Bett, in dem Massarial, die junge Fürstin, lag. Ihr Gesicht, das von einer Flut rötlicher Locken umgeben war, sah erschöpft und traurig aus. Muriel lächelte ihr aufmunternd zu.
„Du kannst es dir noch überlegen“, sagte sie. „Es ist noch nicht zu spät.“
Massarial stieß einen Seufzer aus. „Nein. Es gibt kein Zurück. Wie wird es jetzt weitergehen, Muriel?“ Es war nur ein Flüstern, das die junge Frau über die spröden Lippen brachte. Aber die Hebamme hatte sie verstanden und sagte mit ruhigem Ton: „Hab keine Sorge, ich werde schon eine Lösung finden, und jetzt musst du dich ausruhen. Ich läute nach deiner Dienerin.“
Muriel zog an einer Kordel, die neben dem Bett hing.
„Kümmere dich um deine Herrin“, sagte sie zu dem jungen Mädchen, das wenig später den Raum betrat. „Ich muss zum Fürsten, um ihm die traurige Nachricht selbst zu überbringen.“
Das Gesicht der Dienerin wurde blass, als sie den weißen Umhang sah. Doch bevor sie etwas sagen konnte, war Muriel aus dem Gemach verschwunden.
Leichtfüßig, als wäre sie noch ein junges Mädchen, überquerte die Hebamme einen langen Korridor und kam endlich zu den Gemächern des Fürsten. In diesem Augenblick öffnete sich auch schon eine der Türen und Walgor von Walgsam trat in Begleitung zweier Wachen auf den Flur. Beim Anblick der Hebamme oder besser gesagt beim Anblick des weißen Tuches, wurde sein Gesicht aschfahl und seine kalten grauen Augen wurden noch um eine Spur kälter.
„Du weißt, was du zu tun hast, Alte!“, herrschte er die Hebamme an, so, als trüge sie Schuld an diesem Malheur.
Jedoch unbeeindruckt vom bösartigen Wesen des Fürsten nickte sie und sprach: „Sehr wohl, mein Herr!“
Als Muriel die Burg des Fürsten Walgor von Walgsam verlassen hatte, atmete sie auf. Doch aus der Gefahrenzone war sie noch längst nicht. Sie spürte die Blicke der Torwächter in ihrem Rücken und musste befürchten, dass Walgor ihnen am Ende sogar befahl, die Hebamme zu begleiten und aufzupassen, dass sie ihre Sache auch anständig ausführte. Doch es blieb zum Glück alles ruhig und niemand kam ihr hinterher. Sie schlug den Weg zur Grotte ein. Als sie außer Sichtweite war, änderte sie die Richtung.
Bald hatte der Wald sie verschlungen, doch Muriel eilte weiter, weil sie sich noch immer auf dem Land der Sidoc befand. Erst als die Grenze zum großen Wald überschritten war, wurde ihr Gang langsamer. Sie blieb stehen, hob das weiße Tuch etwas zur Seite, und ein rosiges Babygesicht wurde sichtbar. Muriel lächelte es liebevoll an: „Nun darfst du schreien, mein Kleiner. Hier hört dich zum Glück niemand.“
Aber die Gefahr war noch längst nicht gebannt. Muriel war sich dessen bewusst. Fürst Walgor war nicht dumm. Er wusste immer, was in seinem Reich vor sich ging. Ob eine Familie Nachwuchs bekam oder einer der Sidoc-Bewohner zu Grabe getragen wurde. Sicher würde ein plötzlich auftauchendes, elternloses Baby sofort für großen Wirbel sorgen und Massarials Plan am Ende noch auffliegen lassen.
Ein rauer Wind kam auf, und Muriel bedeckte das Kind wieder mit dem weißen Tuch. Sie ging etwas tiefer in den Wald hinein, immer noch nicht wissend, wo sie das Neugeborene solange unterbringen konnte, bis sie sich über den nächsten Schritt klar war.
Der Junge in ihrem Arm begann heftig zu strampeln und weinte. Er hatte sicher Hunger. Daran hatte die Hebamme nicht gedacht. Sie wiegte das Kind in ihren Armen und sprach ein paar beruhigende Worte. Nichts half.
Muriel erschrak, als es neben ihr im Unterholz knackte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Was, wenn Walgors Wachen ihr doch heimlich gefolgt waren? Ihr Blick irrte hin und her, aber sie sah niemanden. „Du Närrin“, schalt sie sich. „Du bist doch sonst nicht so leicht zu erschrecken.“
Ein Räuspern ließ sie jedoch Sekunden später erneut erschauern, und dann erblickte Muriel sie. Eine kleine, feenhafte Gestalt. Das Wesen trug ein weißes Gewand, und auf den goldblonden Locken ruhte ein Kranz aus zartrosa Blüten. Muriel wusste sofort, dass sie einem Ajinn gegenüber stand.
In Osej waren Ajinn kleinwüchsige Halblinge, halb Mensch, halb Fee. Sie lebten in Wäldern und waren äußerst scheue Geschöpfe. Nur selten traf man sie in Städten oder Dörfern an. Doch nun stand Muriel mit dem Baby auf dem Arm einem solchen Wesen gegenüber.
„Hab ich dich sehr erschreckt? Wenn ja, dann tut es mir leid!“ Mit einem scheuen Lächeln schaute die Gestalt zu der Hebamme auf. „Ich bin Mirial. Ich sehe dir an, dass du Hilfe brauchst.“
„Nein …. Ja, doch, die brauche ich“, stotterte Muriel. Konnte sie sich diesem Ajinn anvertrauen? Andererseits – hatte sie überhaupt eine andere Wahl?
„Ich suche für diese Nacht einen Unterschlupf für das Kind. Es ist außerdem hungrig“, sagte Muriel. Ihr war gar nicht wohl bei dem Gedanken, sich einer fremden Person auszuliefern. Unter ihrem langen Gewand wurde ihr ganz heiß.
„Folge mir!“, bat Mirial. „Ich weiß ein gutes, sicheres und vor allem trockenes Versteck. Mit etwas Milch kann ich auch dienen. Sei unbesorgt, ich tue keinem etwas zuleide und stelle auch keine Fragen.“
Die Hebamme folgte Mirial immer tiefer in den Wald. Dann blieben sie vor einem dicken Baum stehen, dessen Äste kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen ragten.
„Wo ist denn nun das Versteck?“, fragte Muriel.
„Hier, im Lichterbaum. Warte einen Moment, dann wirst du es sehen.“ Mirial begann zu singen. Leise und lieblich klang die Melodie, die Muriel tief unter die Haut ging. Es dauerte nur wenige Augenblicke, da kam mit lautem Summen ein Schwarm Käfer angeflogen. Das Ungewöhnliche an ihnen war das Licht, das sie verströmten.
„Leuchtkäfer“, sagte Mirial.
Gemeinsam mit der Hebamme schaute sie zu, wie sich die Käfer auf der Rinde des Baumes niederließen. Dann erschien im Stamm eine Tür, die vorher nicht da gewesen war. Muriels Atem setzte aus. Das grenzte doch fast schon an Zauberei.
Mirial öffnete die Tür und winkte Muriel zu sich heran.
„Keine Angst. Komm, hier drinnen ist es warm genug für das Kind. Niemand wird es finden. Ich werde es versorgen und beschützen, bis du kommst und es wieder holst.“
So legte Muriel den kleinen Jungen, eingehüllt in ihren weißen Umhang, auf ein Bett aus Moos und wartete, bis Mirial die Tür wieder schloss. Zum Abschied sagte sie noch einmal mit ernster Stimme: „Ich warte hier so lange auf dich, bis du wiederkommst.“
Etwas unwohl war es Muriel schon zumute, als sie ging. Ab und zu schaute sie zurück, sah die Lichter der Käfer in der beginnenden Abenddämmerung immer kleiner werden und fragte sich, ob sie richtig gehandelt hatte.
Zuhause in ihrer Hütte verfiel sie sofort ins Nachdenken. Sie fand eine Lösung und verwarf sie wieder. Dann kam ihr eine Alternative zum vorherigen Gedanken in den Sinn, bis sie auch diese verwarf. Kurz nach Mitternacht war ein Entschluss gereift. Nun wusste sie, was sie zu tun hatte. Es war ein Ziel, das keinen Aufschub duldete, auch wenn dabei der Weg zwangsläufig zu den verfeindeten Nachbarn, dem Volk der Smela, führte. Auch, wenn es draußen stockfinstere Nacht war und ihr entsprechend unheimlich zumute. Umso besser, dachte Muriel, dann kann ich wenigstens sicher sein, dass ich unbemerkt an mein Ziel komme. Für diese Reise nahm sie ihren Hexenbesen, so sparte sie außerdem noch Zeit.
Sie ließ Sidoc hinter sich zurück, überflog den Fluss Trey und erreichte Smela. Muriel war froh, dass der Mond schien und ihr den Weg zu Aurelis Häuschen wies. Auch diese war Hebamme und wunderte sich über die nächtliche Besucherin.
Die beiden Hexen führten ein langes Gespräch. Als sie sich im Morgengrauen trennten, wog die Last auf Muriels Schultern nur noch die Hälfte.
Ich lebe, obschon ich tot bin,
aber auch der Tod ist Leben.
Dass er anders war, spürte Alex zum ersten Mal so richtig im Kindergarten. Er war gerade vier und sah mit seinen fast schulterlangen schwarzen Locken eher wie ein Mädchen aus. Aber das schien niemanden zu stören, genauso wenig wie die leichte Tönung seiner Haut. Es waren vielmehr seine schrägstehenden großen grauen Augen, die die Aufmerksamkeit der anderen Kinder erregten. Sie fürchteten sich anfangs sogar vor ihm, und auch die Erwachsenen schauten ihn so komisch an.
Als man sich an sein „Aussehen“ gewöhnt hatte, luden ihn die Kinder sogar zu Geburtstagen ein. Jedoch seine Eltern erlaubten es nicht, auch nicht, dass er andere Kinder mit nach Hause brachte. Den Grund erfuhr er nicht. So wurde er zum Außenseiter. Einziger Spielgefährte war Lucas, ein gleichaltriger blinder Junge aus der Nachbarschaft, den Alex vor zwei größeren Jungen beschützte.
Als er sechs war, fragte er immer häufiger nach seinen Großeltern, die er ja noch nie gesehen hatte.
Sein Vater sagte lediglich: „Die wohnen weit weg.“
Aber unter „weit weg“ hatte er sich als Kind rein gar nichts vorstellen können und daher gemeint: „Dann besuchen wir sie doch mal oder sie uns.“
„Das geht nicht.“
„Warum nicht, Papa?“
Alex blieb hartnäckig. Er wollte einfach nur Großeltern haben, genauso wie die anderen Kinder im Kindergarten auch.
„Sie wohnen im Himmel“, erklärte ihm dann seine Mutter. Alex hatte daraufhin fürchterlich geweint. Das einzige Mal in seinem bisherigen Leben.
Als er sieben war, zogen sie von Kiel nach Dortmund, wo er eingeschult wurde. Auch hier starrten ihn die Leute anfangs so an, als wäre er ein Außerirdischer. Das Lernen fiel ihm leicht und mehr noch: Es machte sogar Spaß. Es dauerte nicht lange, und er war Klassenbester. Das wiederum gefiel den Eltern und den Lehrern. Freunde brachte ihm der neu erworbene Ruhm allerdings nicht ein. In den Augen der Klassenkameraden war er ein Streber und Liebling des Klassenlehrers. Als Folge hiervon wurde Alex wieder zum Einzelgänger, was ihn allerdings dieses Mal überhaupt nicht störte. Er malte, las gerne, spielte allein und war sich selbst genug.
Zwei Jahre später packte die Familie abermals Kartons. Alex wusste Bescheid. „Warum ziehen wir wieder um?“, fragte er.
„Dein Vater will es so, und weil wir eine Familie sind, gehen wir mit.“
Beim nächsten Wohnungswechsel fragte er nicht mehr nach dem Warum. Trotzdem dachte er immer öfter darüber nach, was seine Eltern, an denen er nicht unbedingt mit großer Liebe hing, dazu veranlasste, ständig umzuziehen. Vor allem seine Mutter kam ihm in letzter Zeit sehr unruhig vor. Sie schien gehetzt. So, als fürchtete sie sich vor etwas.
Als Alex vierzehn war, verliebte sich ein gleichaltriges Mädchen in ihn. Sie hieß Ines und hatte bereits einen Verehrer, den eifersüchtigen Paul aus der 10. Klasse. Der lockte Alex eines Tages in einen Hinterhalt und ging mit einem Freund auf ihn los. Doch das bereuten beide später bitter, denn Alex entwickelte plötzlich ungeahnte Kräfte, Stärken, von denen er bisher nichts geahnt hatte und deren Ausmaß ihn selbst erschreckte.
Beinahe wäre er von der Schule geflogen, hätte Paul nicht rechtzeitig dem Direktor gebeichtet, dass er die Prügelei angestiftet hatte. Danach waren die beiden älteren Jungen zahm wie Lämmer. Ines hingegen himmelte Alex noch mehr an als vorher. Ihre tolle Figur und ihr hübsches Gesicht ließen ihn hingegen kalt.
Dann zogen sie nach Berlin, für ganze zwei Jahre.
Eines Tages kam Ansbert, sein Vater, nach Hause und war ganz aufgeregt. Ohne große Vorrede schickte er Alex, der gerade mit seiner Mutter im Wohnzimmer vor dem Fernsehapparat saß, aus dem Raum.
Doch der war längst kein kleiner Junge mehr, den man einfach fortschickte. So lauschte er an der Tür. Er hörte, was wohl nicht für seine Ohren bestimmt war.
„Es ist wieder einmal so weit, Agneß. Stell dich auf unsere Abreise ein.“
„Und was sagen wir dem Jungen, wenn er diesmal fragt?“
„Dass ich meine Arbeit verloren habe und mir etwas Neues suchen muss.“
„Alex ist sechzehn. Dass wir wegen deines Jobs die Stadt verlassen müssen, wird er uns nicht mehr abkaufen. Arbeit gibt es hier für jemanden wie dich in Hülle und Fülle. Wie lange wollen wir ihm noch etwas vormachen?“
Und dann sagte seine Mutter noch etwas, das Alex nicht nur ein Rätsel aufgab, sondern auch einen Schauer über den Rücken jagte.
„Ach, Ansbert, ich habe Angst. Wie lange werden wir dieses falsche Leben noch durchhalten können? Meinst du nicht, dass Alex endlich alles erfahren sollte?“
Alex wartete erst gar nicht, bis sein Vater antwortete, sondern verzog sich rasch auf sein Zimmer. Hier stimmte etwas nicht. Hüteten seine Eltern etwa ein dunkles Geheimnis? Das würde womöglich auch die vielen Wohnungswechsel erklären. Er musste unbedingt herausfinden, was sie vor ihm verheimlichten und was er endlich wissen sollte.
Eine günstige Gelegenheit schien der Donnerstag zu sein. An diesem Tag kamen seine Eltern erst nach 18 Uhr heim.
Zuerst suchte Alex im Wohnzimmer nach Hinweisen. Der Schrank enthielt lediglich Geschirr. In den Schubladen lagen Zeitschriften, Bedienungsanleitungen von Geräten und Prospekte. Auf dem Schreibtisch lag Papas Notebook. Rechts in der Ecke stand ein Bild mit Alex und den Eltern. Es war am Tag seiner Einschulung aufgenommen worden. Links daneben ein Glas mit Kugelschreibern und eine Box mit leeren Notizzetteln. Das Telefon befand sich in der linken Ecke auf dem Schreibtisch. Auch in den beiden Schubladen lag nichts, was Alex verdächtig vorkam. Nicht einmal ein Geheimfach oder eine abgeschlossene Tür gab es hier.
Der Kommode aus Buchenholznachbildung, über der das Bild einer unbekannten Landschaft hing, galt als nächstes seine Aufmerksamkeit. Vorsichtig öffnete er die beiden rechten Türen. Dahinter stapelten sich Music-CDs, Computersoftware und Programme. Der Inhalt der vier Schubladen und das, was sich hinter der einzelnen Tür links verbarg, enttäuschten ihn. Es deutete nichts auf ein düsteres Geheimnis. Blieb zuletzt nur noch das Bücherregal. Seine Mutter war eine eifrige Leserin, doch Alex glaubte nicht, dass er hier etwas finden würde.
Er nahm sich also noch das Schlafzimmer vor. Im Schrank waren nur Kleider und Schuhe, auf einem runden Tischchen, über dem ein Spiegel hing, standen Mutters Schmuckschatulle und einige Flakons mit Parfüm. Nichts. Einfach nichts zu finden. Kein Geheimnis, trotzdem blieb alles geheimnisvoll, obwohl er nichts fand. Nicht einmal ein einziges Bilderalbum. Außer dem Bild auf dem Schreibtisch gab es kein einziges Foto. Er konnte sich auch nicht erinnern, dass seine Eltern jemals welche gemacht hatten.
Aber warum?
Drei Wochen später packten sie die Umzugskartons. Alex half mit großem Interesse mit. Vielleicht war ihm ja doch etwas beim Durchsuchen der Wohnung entgangen und kam nun zum Vorschein. Aber er hatte Pech. Nichts Offensichtliches trat zutage, lediglich sein Gefühl sagte Alex, dass hier etwas nicht stimmte. Es musste einen Grund für das merkwürdige Verhalten seiner Eltern geben – und eines Tages würde er es herausfinden.
Sein Vater fuhr später die zerlegten Möbel und die Kartons allein mit einem geliehenen Lieferwagen hunderte von Kilometern in die neue Wohnung. Alex und seine Mutter übernachteten währenddessen in einer Pension, bis Ansbert zurückkam. Dann packten sie den Rest ihrer Habe und verstauten sie im Kofferraum ihres Wagens.
Alex trauerte Berlin genauso wenig nach wie Kiel, Dortmund, Kassel, Frankfurt oder Hamburg. Er hatte sich ohnehin nirgendwo so richtig zuhause und dazugehörig gefühlt und würde ganz bestimmt auch keine nachhaltige Erinnerung hinterlassen, außer vielleicht bei seinen Lehrern, die mit seinen Leistungen immer sehr zufrieden gewesen waren.
Sie waren schon seit drei Stunden unterwegs. Bis vor etwa zwanzig Minuten hatten sich Agneß und Ansbert angeregt unterhalten. Alex war ganz froh über die Ruhe, denn das Gerede seiner Eltern nervte ihn manchmal tierisch. Aber nicht nur das Gerede, sondern auch das, was sie taten. Und sie taten es immer wieder. Sie zogen ständig um.
Während draußen in der Dunkelheit die Landschaft an ihnen vorbeizog, war Alex mit seinen Gedanken weit weg.
Erst die Stimme seines Vaters holte ihn wieder in die Gegenwart zurück.
„Was ist?“, fragte er und scheuchte letzte Erinnerungsstücke beiseite.
„Ich sagte, in fünf Kilometern kommt eine Raststätte. Wollen wir dort anhalten und etwas essen?“
„Ich habe keinen Hunger“, antwortete Alex gleichgültig. „Wann sind wir endlich in Schwetzingen? Wo liegt dieses Kaff überhaupt?“
„In Baden-Württemberg. Nicht weit von Mannheim entfernt. Das wirst du doch kennen, nehm ich an.“
Alex antwortete nicht, sondern starrte nur hinaus in die Dunkelheit.
Zwei Wagen fuhren gerade mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbei, und er wünschte sich, dass sein Vater ebenfalls etwas fester auf das Gaspedal drücken würde, damit sie endlich am Ziel wären.
Letztendlich einigten sie sich auf die Raststätte, die um diese Uhrzeit kaum Gäste hatte. Der Kaffee schmeckte fade, die Brötchen waren recht zäh und nur mit reichlich Flüssigkeit genießbar. Dreißig Minuten später saßen sie wieder im Auto und fuhren weiter Richtung Süden.
Alex, der während der Rast nichts gesprochen hatte, versank wieder in seinen Erinnerungen und fragte sich zum wiederholten Male, was für ein Geheimnis seine Eltern vor ihm verbargen. Betraf es nur ihn oder die ganze Familie?
Am Morgen des ersten Schultages nach den Osterferien stand Alex recht früh auf, obwohl er einen wesentlich kürzeren Schulweg hatte als in Berlin. Zwei Wochen wohnten sie nun schon in Schwetzingen, das ihm im Vergleich zu den anderen Städten, in denen er bisher gewohnt hatte, wie ein Dorf erschien.
Agneß und Ansbert Lohenstein saßen bereits am Frühstückstisch, als Alex in die geräumige Küche kam. Nach einem kurzen „Morgen“ setzte er sich und griff nach einem Brötchen. Die Mutter goss Kaffee in seine Tasse. „Bist du schon aufgeregt?“
„Nö. Wovor denn? Ist ja nicht der erste Schulwechsel.“
„Papa fängt heute mit der neuen Arbeit an.“
Als Alex schweigend in sein Brötchen biss und keine Anstalten machte, etwas zu sagen, fragte die Mutter: „Willst du gar nicht wissen, was er macht?“
„Nun lass den Jungen doch, Agneß. Allmählich solltest du wissen, dass unser Sohn sich nicht für meine Arbeit interessiert. Hauptsache, das Geld stimmt, mit dem wir seine neuen Schulbücher bezahlen und die Kleidung und was er sonst noch so braucht.“
Alex schaute mit ausdrucksloser Miene zu seinem Vater. „Wenn ich euch auf der Tasche liege, dann müsst ihr es nur sagen. Ich kann neben der Schule auch jobben gehen.“
„Alex!“, rief seine Mutter. „Papa hat es nicht so gemeint.“
„Doch, das habe ich“, erwiderte Ansbert. „Und die Idee mit einem Job finde ich gut. Kann der Junge gleich in den nächsten Ferien mal ausprobieren. Dann weiß er, was Arbeit ist. Hier rührt er keinen Finger, selbst sein Zimmer wird sauber gemacht. So, ich muss fort.“
Ansbert verabschiedete sich und verließ die Küche.
Wenig später fiel die Wohnungstür ins Schloss.
Alex schaute mit finsterem Blick vor sich hin, bis seine Mutter sagte: „Du könntest ruhig mal ein bisschen Interesse für Papas Arbeit zeigen.“
„Wozu, Mama? Er interessiert sich ja auch nicht für das, was ich in der Schule mache.“
„Papa arbeitet bis abends. Da hat er keinen Kopf mehr für andere Dinge. Aber er fragt mich immer, was die Schule macht.“
„Dafür kann ich mir nichts kaufen.“
Alex stand auf und verließ wortlos den Raum. Im Bad wusch er seine Hände und betrachtete sein Spiegelbild. Wie schon so oft bemerkte er die mangelnde Ähnlichkeit mit seinen Eltern. Sie waren beide dunkelblond und hatten braune Augen. Mit einer raschen Handbewegung fuhr er sich durchs kurze schwarze Haar, das vorn etwas länger war und ihm ständig in die Stirn fiel. Er presste seine Lippen hart aufeinander, und seine grauen Augen starrten ihm kalt entgegen.
„Wer bist du?“, fragte er sein Spiegelbild. Das Gefühl, anders zu sein als die Menschen um ihn herum, hatte er schon seit der Kindergartenzeit. Es hatte sich von Jahr zu Jahr immer mehr verstärkt. Dazu kam noch etwas: der irre Glaube, nicht in diese Welt zu gehören. „Was verbergen meine Eltern vor mir, was sollte ich endlich erfahren?“
Von der Badezimmertür her hörte er die Stimme seiner Mutter: „Alex, jetzt ist es aber höchste Zeit. Du kommst sonst an deinem ersten Schultag zu spät.“
Den Weg zum Hebel-Gymnasium kannte Alex inzwischen. Er lief die Lindenstraße, in der er wohnte, entlang bis zum Schlossplatz und auf der Carl-Theodor-Straße Richtung Bahnhof. Bei der Unterführung traf er auf eine ganze Gruppe von Jugendlichen, die etwa sein Alter haben mussten. Da er keine Lust hatte, sich mitten unter die krakeelenden Schüler zu mischen, ließ er ihnen den Vortritt und schlenderte gelassen in einigem Abstand hinter ihnen her.
In der Schule fand er mühelos das Sekretariat. Fünf Minuten später ging er an der Seite des Rektors, Herrn Fischer, über die langen Flure, bis sie vor einem Klassenzimmer stehen blieben.
Etwas gelangweilt ließ Alex die Vorstellung seiner Person in der Klasse an sich vorbeiziehen. Die Blicke und das Getuschel einiger Schüler entgingen ihm dabei allerdings nicht. Schließlich kam er neben Leon, einem pummeligen Jungen mit rotblondem Haar, zu sitzen.
Die ersten Tage in einer neuen Schule waren für Alex immer die schlimmsten, weil in jedem Bundesland der Lehrplan anders war. So freute er sich, als er nach der letzten Stunde das Gymnasium verließ.
Nach einer kurzen Wegstrecke hielten ihn plötzlich zwei Klassenkameraden an. Es waren sein Banknachbar Leon und Moritz, der hinter ihnen saß.
„Haste mal ‘ne Zigarette?“, fragte Moritz und grinste.
Alex schüttelte den Kopf und sagte einsilbig: „Nein, ich rauche nicht.“
„Verbieten dir wohl deine Eltern, he?“
„Deine scheinen jedoch nichts dagegen zu haben, dass du dich mit dem Zeug vergiftest“, antwortete Alex spöttisch.
„Bist sicher ein ganz braves Söhnchen“, sagte Moritz in einem Ton, bei dem Alex sich nun doch etwas angegriffen fühlte. Er hoffte nur, dass der andere Junge ihn nicht soweit reizte, dass er so ausrastete, wie damals, als zwei ältere Schulkameraden ihn in einen Hinterhalt gelockt hatten.
„Hast bestimmt auch noch nie gekifft. Die meisten aus der Klasse machen das. Solltest du auch, wenn du dazugehören willst.“
„Lass ihn doch in Ruhe, Moritz!“, rief Leon. Und zu Alex gewandt: „Lass dich von ihm nicht ärgern. Das macht er mit allen, die hier neu sind.“
„Was hast du denn schon zu melden, Rotkopf!“, erwiderte Moritz. „Ich glaube, ihr beide passt ganz gut zusammen. Dann tschüss, bis morgen.“
Als Moritz außer Hörweite war, sagte Leon: „Du darfst Moritz‘ Geschwätz nicht persönlich nehmen. Er ist eigentlich nicht so, wie er sich eben aufgespielt hat.“
„So? Wie ist er denn?“
„Na ja, seine Eltern sind geschieden, und er lebt beim Vater. Der trinkt gerne mal einen über den Durst und lässt Moritz machen, was er will. Seine Mutter ist mit einem Ami abgehauen. Irgendwie lässt Moritz dann an uns seinen Frust ab, aber wenn‘s drauf ankommt, hast du in ihm einen guten Kumpel.“
Alex lachte etwas bitter. „Hoffen wir, dass es nie passiert, dass es halt nie ‚drauf ankommt‘. Wohnst du hier?“
„Nö, in Ketsch. Und du?“
„Ich wohne seit zwei Wochen hier. Aber nun muss ich los.“ Alex ging weiter. Er wollte sich eigentlich nicht länger mit Leon unterhalten.
Doch dieser trabte neben ihm her und fragte: „Vielleicht können wir irgendwann nach der Schule mal was zusammen unternehmen?“
„Ja, vielleicht“, antwortete Alex gelangweilt.
„Wäre cool. Bis zum Bahnhof haben wir den gleichen Weg. Von dort aus fahre ich mit dem Bus.“
Schweigend gingen sie weiter und trennten sich erst nach der Unterführung.
Alex erschrak, als hinter ihm jemand rief: „Hi, bist du nicht der Neue aus der Zehn?“
Er drehte sich um und stand zwei Mädchen gegenüber.
„Wer will das wissen?“, fragte er.
„Na, Elena und Cosima, das bin ich. Die Mädchen aus deiner Klasse haben in den Pausen nur von dem Typ mit den schrägen Augen geredet. Das hat mir meine Schwester Lena erzählt. Die geht auch in die Zehn.“
Alex‘ Gesichtsausdruck blieb unbeweglich, obwohl diese Cosima ihn anlächelte. Zugegeben, sie war ein schönes Mädchen mit langen blonden Haaren, und ihre blauen Augen konnte er ebenfalls nicht übersehen. Aber sie war nicht sein Typ.
Dass die meisten Leute ihn anfangs angafften wie ein Wesen von einem anderen Stern, kannte er ja schon.
Doch alle, die öfter mit ihm zu tun hatten, würden sich an seine Augen gewöhnen. So war es ja überall gewesen. Als er in Dortmund eingeschult worden war, hatte ihn ein Mädchen sogar gefragt, ob er Chinese sei.
Damals hatte Alex gelacht und gesagt: „Nö, ein Deutscher.“
Heute war er sich da nicht mehr so sicher. Aber ein Asiate war er nicht.
Alex machte Anstalten, weiter zu gehen, als die blonde Cosima fragte: „In welcher Straße wohnst du? Vielleicht können wir ein Stück zusammen gehen.“
Dazu hatte er allerdings keine Lust, sagte aber dennoch: „Lindenstraße. Aber lasst euch nicht aufhalten. Ich brauche keine Begleitung.“
„Aber …“, begann Cosima, wurde jedoch von dem anderen Mädchen unterbrochen: „Lass ihn doch, merkst du nicht, dass der nichts mit uns zu tun haben will?“
Erst jetzt nahm Alex Elena aus den Augenwinkeln heraus zur Kenntnis.
Ihre zierliche Gestalt, etwa einen halben Kopf kleiner als das andere Mädchen, und ihre braunen kinnlangen Locken. Dann sah er direkt in ihre braunen Augen und fühlte fast körperlich, dass sie erschrak. Trotzdem hielt er ihren Blick für einen Moment fest, während Cosima weiterredete und schließlich fragte, wo er denn vorher gewohnt hätte.
„Berlin“, antwortete er knapp. Dann wandte er sich abrupt von Elena ab und hörte sie Sekunden später mit vibrierender Stimme sagen: „Nun komm schon, Cosi.“
Alex hörte zwar, dass Cosima noch etwas sagte, aber er verstand nicht, was, weil gerade ein Bus an ihnen vorbeifuhr. Ohne noch einen Blick auf die Mädchen zu werfen, überquerte er die Straße und ging Richtung Schloss davon.
Zuhause wartete bereits seine Mutter auf ihn und fragte noch im Flur: „Und wie war dein erster Schultag?“
„So, wie jeder erste Tag in einer neuen Schule“, murmelte er.
„Dass du mir nie eine normale Antwort geben kannst, Alex.“
„Was willst du denn hören, Mutter?“
„Entweder gut oder schlecht. Das würde mir schon genügen.“
„Gibst du mir denn eine normale Antwort, wenn ich dich frage, warum wir ständig umziehen müssen? Und warum ich früher niemals Spielkameraden mit nach Hause bringen durfte?“
Alex schaute seine Mutter an. Würde sie ihn belügen oder endlich das sagen, was er wissen sollte?
Doch sie sagte lediglich: „Lass deinem Vater und mir noch etwas Zeit, bitte.“
„Wie viel Zeit braucht ihr?“
Seine Mutter gab ihm darauf keine Antwort und sagte stattdessen: „Komm in die Küche essen, bevor noch alles kalt wird.“
Ärger begann in Alex zu brodeln. Er spürte die Wut wie aufkochendes Wasser in seinem Hals, ballte die Fäuste und fegte im nächsten Augenblick den erstbesten Gegenstand, der auf dem Flurschrank stand, zu Boden. Es war eine Porzellanvase mit Flieder, die in tausend Scherben zersprang.
„Verflucht nochmal, ich will endlich wissen, was für ein Geheimnis ihr vor mir habt“, brüllte er. „Und essen kannst du ohne mich.“
Er drehte sich um, rutschte beinahe auf der Wasserlache aus und stürmte aus der Wohnung. Hinter ihm knallte die Tür hart ins Schloss.
Elena saß über ihren Hausaufgaben, aber sie konnte sich nicht so richtig darauf konzentrieren, weil sie an die Begegnung mit diesem seltsamen Jungen denken musste.
Ihre Gedanken kehrten zur letzten Schulpause zurück …
Elena hatte mit ihrer Freundin an einem der Flurfenster gestanden, als Lena, Cosimas ältere Schwester, zu ihnen gestoßen war.
„Habt ihr schon gehört, dass wir einen Neuen in der Klasse haben?“, hatte sie ohne Umschweife gefragt.
„Nö, es kommen doch immer wieder mal Neue zu uns“, hatte Cosima geantwortet.
„Stimmt, aber nicht so einer wie der.“
„Jetzt machst du uns aber neugierig, Schwesterherz. Also erzähl schon.“
„Er heißt Alex, ist groß, schlank und hat schwarze Haare. Aber das Merkwürdige an ihm sind die Augen, sie stehen schräg. Zuerst dachte ich, und ich glaube, die anderen in der Klasse auch, dass er ein Ausländer ist, aber Alex hat gesagt, er sei Deutscher. Sieht aber gut aus. Man muss sich nur erst an sein Gesicht gewöhnen.“
„Den schaue ich mir mal aus der Nähe an“, hatte Cosima gesagt, als sie zurück ins Klassenzimmer gegangen waren. Elena hatte es allerdings vorgezogen, darauf nicht zu antworten.
Später auf dem Heimweg, sie hatten gerade die Bahnunterführung hinter sich gelassen, hatte Cosima Elena angeschubst und geflüstert: „Schau mal vor uns. Ist zwar nur von hinten zu sehen, aber ich glaube, das könnte der Neue sein, dieser Alex. Den quatschen wir jetzt einfach an.“
Während Cosima ihn in ein Gespräch verwickelt hatte, konnte Elena ihn beobachten. Das war leicht gewesen, denn sie hatte sein Gesicht nur von der Seite gesehen. Er hatte ihr keine Beachtung geschenkt, sondern auf Cosimas Fragen geantwortet. Doch schien er nicht auf ihr Geflirte anzusprechen. Seine Miene war ausdruckslos geblieben.
Das war schon ungewöhnlich, wenn man einem so hübschen Mädchen wie Cosima Hübner gegenüber stand.
Im nächsten Augenblick hatte Elena sich beobachtet gefühlt und war heftig erschrocken, als seine Augen völlig unverhofft die ihren getroffen und sie wie hypnotisiert festgehalten hatten. Es war Elena gewesen, als blickte sie in zwei eisgraue Seen. Sie hatte mit einem Male gefroren und Angst in sich aufsteigen gefühlt. Sie hatte seinem Blick entkommen wollen, aber es war ihr nicht gelungen. Wie aus weiter Ferne hatte sie Cosima sprechen gehört, ohne jedoch ein Wort zu verstehen.
Dann war dieser Augenblick so schnell, wie er gekommen war, vorbei gewesen, als Alex sich abrupt von ihr abgewendet hatte. Die Angst war verflogen, als wäre nichts gewesen, und die Kälte, die sie eben noch gespürt hatte, war gewichen, als hätte es sie nie gegeben. Nur das Hämmern in ihrem Innersten war geblieben und da war noch ein Gefühl gewesen, für das sie im Moment noch keinen Namen hatte.
Elena hatte zu ihrer Freundin gesehen und mit vibrierender Stimme gesagt: „Nun komm schon, Cosi!“
„Ist dieser Typ nicht schnuckelig?“, hatte Cosima gefragt, als sie wenig später die Berliner Straße entlang gegangen waren. „Und hast du seine Augen gesehen? So asiatisch, oder?“
„Die Asiaten haben Schlitzaugen, keine schrägen“, hatte Elena geantwortet.
„Ist doch egal. Aber wie findest du ihn?“
„Er ist so … so eigenartig, ziemlich abweisend, und er macht mir irgendwie Angst. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass er nicht an uns interessiert ist.“
Cosima hatte lachend gemeint: „Vielleicht nicht an dir, aber ich werde ihn schon dahin bekommen, wo ich ihn hinhaben will.“
Elena war ganz froh darüber gewesen, dass der kurze Blickkontakt mit Alex der Freundin offensichtlich entgangen war. So hatte sie nun das Thema gewechselt, indem sie gefragt hatte: „Was ist mit Boris? Du weißt, wie eifersüchtig er ist.“
„Das ist sein Problem. Außerdem habe ich ihm gar nichts versprochen.“
„Wie leicht du das alles nimmst, Cosi.“
„Ist es doch auch. Ich bin halt nicht so ernst wie du und überlege erst lang und breit, ob ich was tun will oder es lieber sein lasse.“
Elena kannte Cosima, die von ihren Eltern alles bekam, was sie sich wünschte. Die Freundschaft mit ihr war nicht einfach und wurde ständig harten Prüfungen unterzogen. Oft gab es Streitereien, doch sie hatten sich am Ende wieder vertragen ...
Elena erschrak, als es an ihre Zimmertür klopfte. Die Mutter schaute herein. „Kommst du zum Kaffeetrinken?“
„Nö, Mami. Ich habe noch zu arbeiten.“
„Dass die Lehrer euch gleich am ersten Tag nach den Ferien so viele Hausaufgaben aufgeben, verstehe ich einfach nicht. Ich habe Rhabarberkuchen, soll ich dir ein Stück aufheben?“
„Ja.“
„Gut, dann will ich dich nicht weiter stören.“
Elena schaute wieder auf das leere Blatt Papier. Endlich gelang es ihr, die Gedanken an ihre erste Begegnung mit Alex beiseite zu schieben und sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren. Zum Glück war auch ihre innere Unruhe verschwunden.
Zum Abendessen kam Elenas Vater, Cornelius Lanner, etwas später. Er streckte kurz den Kopf zum Esszimmer herein und lächelte. „Hallo, meine beiden Schätze, entschuldigt, dass ich mal wieder nicht pünktlich bin.“ Dann verschwand er wieder und setzte sich Minuten später an den Tisch.
„Kurz vor Schluss“, erzählte er, „kamen noch zwei Notfälle in die Praxis. Da konnte ich ja schlecht nein sagen.“
